Das Abraham-Geiger-Kolleg wurde von Jan Mühlstein und Walter Jacob 1999 in Potsdam gegründet und nach Abraham Geiger, einem frühen Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland im 19. Jahrhundert, benannt. Jan Mühlstein war Alleinvorstand des Abraham-Geiger-Kollegs, als Gründungspräsident wurde Rabbiner Walter Jacob berufen, Dekan war Rabbiner Tovia Ben-Chorin, damals Vorsitzender des Council of European Rabbies. Ab Oktober 2001 wurde der Lehrbetrieb aufgenommen. Gründungsrektor war Rabbiner Allen Howard Podet. Ihm folgte als Rektor von 2002 bis April 2023 Rabbiner Walter Homolka.
Die Ordination des ersten Jahrgangs erfolgte am 14. September 2006: Daniel Alter, Tomáš Kučera und Malcolm Mattitiani wurden zu Rabbinern bestellt. Alter betreute von September 2006 bis Juli 2008 die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg, Kučera betreut die Liberale Jüdische Gemeinde München Beth Shalom. Mattitiani kehrte nach Südafrika zurück und übernahm die geistliche Leitung der Temple of Israel Congregation in Kapstadt.[3]
2007 wurde das Kolleg als „Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet, einer Standortinitiative unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. Die gleiche Auszeichnung erhielt 2009 die Kantorenausbildung.
2010 wurde Alina Treiger als erste Frau in Deutschland nach Regina Jonas durch das Kolleg zur Rabbinerin ordiniert.
Am 6. Mai 2022 veröffentlichte Alan Posener in der Die Welt einen Artikel über Vorfälle sexueller Belästigung am Kolleg. Die Presse warf dem Leiter Walter Homolka Vertuschung der Vorwürfe vor.[4][5] Allerdings war der beschuldigte Mitarbeiter bereits am 3. Februar 2021 abgemahnt worden und das Ermittlungsverfahren wegen Geringfügigkeit am 16. April 2021 eingestellt worden.
Am 26. Oktober 2022 veröffentlichte die Universität Potsdam den Bericht ihrer Untersuchungskommission, der keinerlei personal- oder strafrechtliche Vergehen Homolkas feststellte. Daraufhin nahm dieser zum Oktober 2021 seine Tätigkeit als Universitätsprofessor wieder auf. Am 7. Dezember 2022 veröffentlichte der Zentralrat der Juden ein Executive Summary mit diversen strafrechtlich relevanten Verdachtsäußerungen. Diese wurden durch das Landgericht Berlin am 9. März 2023 verboten, am 9. Mai 2023 gab der Zentralrat eine Abschlusserklärung ab, diese Vorwürfe nicht mehr zu wiederholen. In seinem Endbericht über etwaiges Fehlverhalten Homolkas vom 13. September 2023 wurden lediglich diffuse Verdachtsäußerungen über legale Handlungen veröffentlicht, die der Zentralrat für kritikwürdig hielt. Erneut gab es keine Hinweise für disziplinar- oder strafrechtlich zu würdigende Sachverhalte.[6]
Zentralrat plante Ablösung durch Regina-Jonas-Seminar
Der Zentralrat der Juden in Deutschland, der nicht damit einverstanden war, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin das AGK trägt, hat im September 2024 die Nathan-Peter-Levinson-Stiftung als Trägerin seiner Rabbinatsausbildung in Potsdam ins Leben gerufen. Innerhalb dieser Stiftung entstanden drei Seminare, u.a. das Regina-Jonas-Seminar für die liberale Rabbinerausbildung, welches damit im Wettbewerb zum Abraham-Geiger-Kolleg steht.[7][8]
Der Zentralrat ist allerdings nicht die entscheidende Instanz.
Im Judentum existiert eine liberale Religionsgemeinschaft mit Körperschaftsstatus, die Union progressiver Juden in Deutschland (UPJ KdöR). Sie ist Mitglied der European Union for Progressive Judaism (EUPJ) und der World Union for Progressive Judaism (WUPJ), mit weltweit 1,8 Millionen Mitgliedern. Diese ist Vertragspartnerin der Universität Potsdam und ihr als Religionsgemeinschaft ist das AGK zugehörig. Maßgeblich ist damit das Selbstbestimmungsrecht der UPJ und nicht eine Bewertung des ZdJ.[10]
Das AGK wurde 1999 als gemeinnütziger eingetragener Verein gegründet. 2002 wurde es durch Formwandlung eine gemeinnützige gGmbH. 90% des Stammkapitals hielten die American Friends of the Union of Progressive Jews in Germany mit Walter Jacob als Präsident. Dieser wurde damit beherrschender Gesellschafter. 2006 übertrug Rabbiner Walter Jacob 10% der Gesellschaftsanteile an seinen designierten Nachfolger Rabbiner Walter Homolka. Die Leo-Baeck-Foundation hielt seit Mai 2022 alle Anteile an der gGmbH.[11]
Das Abraham-Geiger-Kolleg wird aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland, der Kultusministerkonferenz aller deutschen Bundesländer, des Zentralrats der Juden in Deutschland aus Bundesmitteln des Staatsvertrags, des Landes Brandenburg und der Leo-Baeck-Foundation gefördert. Deshalb wird der Haushalt nach der öffentlichen Haushaltsordnung aufgestellt. Der Personalplan und die Eingruppierung muss von den staatlichen Zuwendungsgebern genehmigt werden.
Das AGK ist ein An-Institut der Universität Potsdam. Die fünfjährige Ausbildung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Kollegium Jüdische Studien. Sie schließt mit einem Master in Jüdische Theologie ab.
Das Kolleg lädt bedeutende Vertreter der judaistischen Wissenschaften, die durch ihr Wirken Tradition und Moderne verbinden, sowie weitere Persönlichkeiten ein:
Abraham Geiger College.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abraham Geiger Kolleg gGmbH der Jüdischen Gemeinde zu Berlin;abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch,offizielle Website).
Leo Baeck Foundation.In:leo-baeck-foundation.org.Abgerufen am 5.Oktober 2025(offizielle Website).
↑David Geßner:Einstweilige Verfügung gegen Zentralrat der Juden erwirkt.In:rechtsanwalt-gessner-berlin.de.Geßner Legal Medienkanzlei,22.Februar 2023,abgerufen am 5.Oktober 2025:„Einstweilige Verfügung gegen Zentralrat der Juden für Rabbiner Prof. Walter Homolka wegen rechtswidriger Verbreitung von Verdachtsäußerungen vor der Pressekammer des Landgerichts Berlin erwirkt“
↑Nathan Peter Levinson Stiftung nimmt Arbeit auf.Liberale und konservative Rabbiner- und Kantorenausbildung in Potsdam im Aufbruch.Zentralrat der Juden,6.September 2024,abgerufen am 1.September 2025.
↑Neue Stiftung und neue Seminare zur Rabbinerausbildung in Potsdam.In:Evangelische Zeitung.6.September 2024,abgerufen am 1.September 2025(auch die drei neuen Seminare unter der Trägerschaft einer Stiftung des Zentralrats als An-Institute an der Universität Potsdam, genau wie das Abraham-Geiger-Kolleg und das Zacharias-Frankel-College unter der Trägerschaft der Jüdischen Gemeinde zu Berlin):„Der Zentralrat hatte die Stiftung vor einigen Monaten auf den Weg gebracht. Das hat auch damit zu tun, dass er nicht damit einverstanden ist, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin Anfang 2023 die Trägerschaft für die Rabbiner- und Kantorenausbildung am Standort Potsdam übernommen hat.“
↑1st Emil Fackenheim Lecture, 2003.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Rabbi Dr. John D. Rayner, of blessed memory (London) – Gut und Böse im Jüdischen Denken – Good and Evil in Jewish Thought“
↑2nd Emil Fackenheim Lecture, 2004.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Professor Dr. Daniel Boyarin (Berkeley) – Why is Rabbi Yohanan a Woman – Platonic Love in the Talmud“
↑3rd Emil Fackenheim Lecture, 2005.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Professor Dr. Jacob Allerhand (Vienna) – Judentum und Fin de Siècle – Judaism and Fin de Siècle“
↑4th Emil Fackenheim Lecture, 2007.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Rabbi Professor Michael Marmur (Jerusalem) – Zum 100. Geburtstag von Abraham Joshua Heschel – On the 100th Birthday of Abraham Joshua Heschel“
↑5th Emil Fackenheim Lecture, 2008.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Prof. Dr. David Sandmel (Chicago) – Philosemitism and Judaizing in the Contemporary Church“
↑6th Emil Fackenheim Lecture, 2009.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Rabbi Professor Seth Kunin (Durham) – The Myth of Essentialism“
↑7th Emil Fackenheim Lecture, 2010.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Professor Dr. David Biale (Davis) – Secularism – Is it a Part of the Jewish Tradition?“
↑8th Emil Fackenheim Lecture, 2011.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Rabbi Professor David B. Ruderman (Philadelphia) – The Cultural Meaning of the Ghetto in Jewish History“
↑9th Emil Fackenheim Lecture, 2012.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Professor Dr. Hanna Liss (Heidelberg) – Hebraica Veritas? Herausforderungen an eine jüdische Bibelwissenschaft heute – Today‘s Challenges for Jewish Exegesis“
↑10th Emil Fackenheim Lecture, 2013.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„René Bloch (Bern) – What if the Temple of Jerusalem Had Not Been Destroyed? Counterfactual Thoughts on a Decisive Moment in Jewish History“
↑11th Emil Fackenheim Lecture, 2014.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025:„Giuseppe Veltri (Hamburg) – Tochter der Zeit: Zur Geschichte der Jüdischen Theologie“
↑12th Emil Fackenheim Lecture, 2016.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Volker Beck MdB (Köln) – Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Migration – Herausforderung für Deutschland“
↑13th Emil Fackenheim Lecture, 2017.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025(englisch):„Tamara Cohn Eskenazi (Los Angeles) – Sources for Survival and Transformation“
↑14th Emil Fackenheim Lecture, 2018.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025:„Prof. Dr. Dr. Jean Ehret (Luxemburg) – Die Neuordnung des Verhältnisses von Staat, Kirche und Religionsgemeinschaften in Luxemburg. Fakten und Fragen“
↑15th Emil Fackenheim Lecture, 2019.In:abraham-geiger-kolleg.de.Abgerufen am 5.Oktober 2025:„Prof. Dr. Karol Vajda (Budapest) – Gegenwärtige Entwicklungstendenzen im neologen Judentum Ungarns“