Albert Langen

Albert Langen (* 8. Juli 1869 in Antwerpen; † 30. April 1909 in München) war Verleger und Gründer der satirischen Zeitschrift Simplicissimus.
Leben
Die frühen Jahre
Albert Langen war, nach Martha und Martin, das dritte von vier Kindern des Industriellen Friedrich Albert Langen und seiner Frau Ida Goeters. Die Familie siedelte nach dem Tod des Großvaters Johann Jacob Langen nach Köln in die Jacordenstraße 5 über, wo Albert Langen seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte. Hier kam seine Schwester Elsbeth zur Welt. Nach einer abgebrochenen kaufmännischen Lehre zog Langen 1890 nach Paris, um sich als Maler ausbilden zu lassen. Er verkehrte bald in Kreisen von Schriftstellern (unter anderem mit Henry Becque, Abel Hermant, Paul Hervieu, Octave Mirbeau, Émile Zola) und Künstlern (der Zeichner Théophile Alexandre Steinlen, einer der Hauptillustratoren des Gil Blas Illustré wurde sein lebenslanger Freund). Er lernte den in Kopenhagen aufgewachsenen Dänen Vilhelm Petersen kennen, der auch seit 1890 in Paris lebte und sich Willy Gretor nannte. Er wird als ein genialer Abenteurer und Hochstapler, Maler, Dichter, Bilderfälscher und Kunsthändler beschrieben. Eine Zeitlang diente ihm Frank Wedekind als Sekretär. Im November 1898 begann Wedekind die Arbeit an dem Theaterstück Der Marquis von Keith, wobei nun ihm Gretor diente - als Urbild für den Marquis [1]. Gretor wurde Langens Mentor. Von ihm übernahm Langen dessen pompöse Wohnung am Boulevard Malesherbes, mitsamt den kostbaren Möbel und einer umfangreichen Bildersammlung. Angeregt durch Gretor (der selber malte und mit Bildern handelte) erwog Langen vorübergehend die Eröffnung einer Kunsthandlung. Entscheidend wurde jedoch (durch Vermittlung Gretors) die Begegnung mit dem Schriftsteller Knut Hamsun, dessen Roman Mysterien zuvor vom S. Fischer Verlag abgelehnt worden war. Langen war von der bereits vorliegenden deutschen Übersetzung des Werks so begeistert, dass er Samuel Fischer einen Druckkostenzuschuss anbot. Als dies scheiterte, gründete Langen einen Verlag, um das Buch selbst heraus zu bringen. So erschien 1894 Hamsuns Mysterien als erster Titel im Buch & Kunst-Verlag von Albert Langen. Die Begründung seiner Firma hatte er in einer selbstbewussten Anzeige am 1. Dezember 1893 verkündet. Verlagsort war seine Wohnung, Paris, 112 Boulevard Malesherbes.
Im folgenden Jahr siedelte der Verlag zunächst nach Leipzig und bald darauf nach München um. Neben skandinavischen Autoren (Bjørnstjerne Bjørnson, Georg Brandes, Sven Lange) weitete Langen sein Programm nun auch auf zeitgenössische französische und deutsche Literatur aus. Als erster Titel eines deutschen Schriftstellers wurde Frank Wedekinds Der Erdgeist (1895) veröffentlicht. Die broschierten Bücher des Verlags erlangten durch ihre von (zunächst französischen, bald aber auch deutschen) Künstlern wie Jules Chéret, Th. A. Steinlen, und besonders auch Thomas Theodor Heine gestalteten Einbände besondere Anerkennung auf dem Markt.
1896-1909
1896 heiratete Langen Dagny Bjørnson, die jüngste Tochter von Bjørnstjerne Bjørnson. Am 4. April desselben Jahres erschien die erste Nummer der Illustrierten Wochenschrift Simplicissimus im Verlag von Albert Langen. Einige französische Blätter wie Gil Blas illustré und Le Rire dienten der Wochenschrift als Vorbild. Schon bald wurde die Zeitschrift ihrer kritischen Stellungnahmen wegen in Deutschland mehrmals beschlagnahmt und erhielt vorübergehende Verkaufsverbote auch in Österreich.
Der aus Riga stammende Korfiz Holm trat 1896 in den Langenschen Verlag ein. In den folgenden Jahren konnte Langen u.a. Werke von Heinrich Mann, Henrik Ibsen, Marcel Prévost und Verner von Heidenstam in seinem Haus veröffentlichen. 1897 startete der Verlag mit dem Titel Schläfst Du Mutter? von Jakob Wassermann die preiswerte Reihe Kleine Bibliothek Langen, die speziell für den Bahnhofsbuchhandel konzipiert worden war. Eine Zeitlang lektoriert auch Thomas Mann Manuskripte für den Simplicissimus. 1898 erschien der erste Verlagskatalog. Ein kunstvoll gestalteter Oktavband mit der stolzen Bilanz der ersten fünf Jahre: 65 Bücher von Autoren deutscher, französischer, skandinavischer, russischer und holländischer Zunge. Auch privat ging es aufwärts: Am 17.6.1897 kam der Sohn Arne und am 9.10.1898 Bjørnstjerne Albert zur Welt.
Die Nummer 31 des 3. Jahrgangs des Simplicissimus führte zu einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung gegen zwei Autoren der Zeitschrift, Thomas Theodor Heine (er hatte das Titelblatt gezeichnet) und Frank Wedekind (von ihm stammte das unter dem Pseudonym Hieronymos abgedruckte Gedicht Im heiligen Land), und zwang Langen (er war der verantwortliche Redakteur), im Herbst 1898 in die Schweiz zu fliehen. Zusammen mit seiner Familie wich er 1899 nach Paris aus und führte Verlag und Simplicissimus von dort aus die nächsten viereinhalb Jahre. Dazu vertrat ihn Korfiz Holm, der Prokura erhalten hatte, in München. Auf Gipfelkonferenzen in Österreich, der Schweiz, in Paris und in Aulestad,Norwegen, dem Gut seiner Schwiegereltern traf Langen seine engsten Mitarbeiter zu Besprechungen in geselliger Runde. Und immer wieder reiste Langens Frau Dagny nach Deutschland, um Verlagsprobleme zu besprechen. Erst 1903 wurde Langen von König Georg von Sachsen begnadigt, gegen Zahlung einer "Bezeigungssumme" von 20.000 Mark. Nach Langens Rückkehr nach München, begann der Simplicissimus unter anderem auch gegen das bayrische Zentrum zu agieren und zog damit den Unmut des bayrischen Landtags auf sich.
1904 erschien ein weiterer Verlagskatalog. Inzwischen hatte der Verlag 389 Werke von 117 Autoren herausgegeben. Die höchste Auflagenziffer erreichte Über unsere Kraft von Bjørnstjerne Bjørnson. Ludwig Thoma wurde zum verkaufstärksten deutschen Autor des Verlags. Am 1. April 1906 wurde der Simplicissimus in eine GmbH überführt. Eine Konsequenz der Palastrevolution seiner Mitarbeiter, die am Gewinn, den der Simplicissimus einfuhr, beteiligt werden wollten. Langen hatte zwar den Simplicissimus damit verloren, gewann aber Zeit für andere Projekte. Mit Beginn des Jahres 1907 erschien das erste Heft des März, eine Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgegeben von Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen und Kurt Aram (d.i. Hans Fischer). In Langens Ehe gab es ebenfalls Umwälzungen: Im Februar 1906 erfolgte die offizielle Trennung (nicht Scheidung) des Paares. Albert Langen hatte (schon seit 1903) eine neue Lebenspartnerin: Josephine Rensch.
Am 30. April 1909 starb Albert Langen an einer verschleppten Mittelohrentzündung. Er hatte sich die Entzündung zugezogen, als er am 1. April im offenen Wagen dem Zeppelin-Luftschiff Z1, das heftige Winde weit über München hinausgetragen hatte, bis zum Landeort nachgefahren war. Am 4. Mai wurde er auf dem Kölner Melaten-Friedhof im Grab seiner Eltern beigesetzt (heute ist das Grab unter einer Grasdecke verschwunden). In seinem Testament hatte Albert Langen vier Kuratoren und langjährige Mitarbeiter (Otto Friedrich, Reinhold Geheeb, August Gommel und Korfiz Holm) für den Verlag eingesetzt. Diese übernahmen das Unternehmen (die Söhne Langens waren noch unmündig) und erwarben es 1918. In den zwanziger Jahren wurden die Bauhausbücher (Hrsg.: Walter Gropius und Lászlo Moholy-Nagy) bei Langen publiziert. 1931 schloss sich der Betrieb mit dem Georg Müller Verlag zusammen und fusionierte ein Jahr später zum Langen Müller Verlag.[2]
Besondere Verdienste
Eine herausragende Leistung des Verlegers war das Bestreben, die Publikationen seines Hauses im Sinne moderner Buchgestaltung auszustatten. Thomas Theodor Heine und Bruno Paul gehörten zu seinen bedeutendsten Einbandgestaltern, wobei beide Künstler ganz unterschiedlich arbeiteten. Während für Heine der leichtbewegliche Zeichenstil charakteristisch war, verband Paul kräftige Umrisse mit der Anordnung von Flächen und Farben. Beide Künstler waren deutlich vom Jugendstil beeinflusst.
Zu weiteren Illustratoren des Langen-Verlags gehörten Ferdinand von Reznicek, Eduard Thöny und der Norweger Olaf Gulbransson, der dem Unternehmen 1902 als ständuiger Mitarbeiter eingestellt wurde und mit seinem minimalistischen Zeichenstil bald ebenso unentbehrlich für den Simplicissimus wurde wie Heine.
Im Jahr 1909 war es das Verdienst Langens, den Plakatkünstler und Genremaler Brynolf Wennerberg für den Simplicissimus zu gewinnen.
Albert Langen gehörte nicht zu den Verlegern, die ihr Unternehmen nur aus ökonomischen Überlegungen heraus gründeten, sondern zu jenen, die mit ihrer Arbeit ebenso einen kulturpolitischen Auftrag verbanden. Sein stärkster Konkurrent, ein weiterer sogenannter Kulturverleger jener Zeit, war Samuel Fischer, da dieser ebenfalls Autoren der "Moderne" als Programmschwerpunkt gewählt hatte. Viele Schriftsteller ( u.a. Henrik Ibsen, Jakob Wassermann oder Ludwig Thoma) veröffentlichten kurzzeitig bei Langen, kehrten aber bald darauf wieder zu S.Fischer zurück. Den zeitlichen Vorsprung des S.Fischer-Verlags, der bereits 1886 gegründet wurde, konnte Langen nie aufholen.
Siehe auch
Quellen
- ↑ Frank Wedekind : Gesammelte Briefe. Erster Band. Herausgegeben von Fritz Strich. München: Georg Müller 1924, S. 354f.
- ↑ Helga Abret: Albert Langen : ein europäischer Verleger. München: Langen Müller 1993, ISBN 3-7844-2459-7, S. 440-444.
Literatur
- Andreas Pöllinger: Der Briefwechsel zwischen Ludwig Thoma und Albert Langen : 1899 - 1908. Regensburg Univ. Diss. Frankfurt am Main, Berlin [u.a]: Lang 1992, ISBN 3-631-45614-X.
- Helga Abret; Aldo Keel: Das Kopierbuch Korfiz Holms (1899 - 1903). Ein Beitrag zur Geschichte des Albert Langen Verlags und des "Simplicissimus". Frankfurt a. M., New York etc.: Peter Lang 1989.
- Helga Abret; Aldo Keel: Im Zeichen des Simplicissimus. Briefwechsel Albert Langen - Dagny Björnson (1895-1909). München: Droemer Knaur 1992, ISBN 3-426-01690-7.
- Helga Abret; Aldo Keel: Die Majestätsbeleidigungsaffäre des "Simplicissimus"-Verlegers Albert Langen : Briefe u. Dokumente zu Exil u. Begnadigung 1898 - 1903. Frankfurt am Main, Bern, New York: Lang 1985, ISBN 3-8204-8877-4.
- Helga Abret: Albert Langen. Ein europäischer Verleger. München: Langen Müller 1993.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Langen, Albert |
| KURZBESCHREIBUNG | Verleger und Herausgeber der satirischen Zeitschrift Simplicissimus |
| GEBURTSDATUM | 8. Juli 1869 |
| GEBURTSORT | Antwerpen |
| STERBEDATUM | 30. April 1909 |
| STERBEORT | München |