Schlacht bei Charkow (1943)
Vorlage:Linkbox Krieg gegen die Sowjetunion Die dritte Schlacht um Charkow fand während des Krieges gegen die Sowjetunion 1941-1945 im Februar und März 1943 statt und endete mit der Eroberung der Stadt durch die deutsche Wehrmacht. Nach der Niederlage in Stalingrad drohte der gesamten deutschen Ostfront der Zusammenbruch. Generalfeldmarschall Erich von Manstein gelang es jedoch, mit einem strategischen Manöver, welches oft mit einer Rochade verglichen wird, die Südflanke zu stabilisieren und die Stadt Charkow zurück zu erobern.
Diese Aufgabe oblag dem II. SS-Panzerkorps unter Paul Hausser, welches u. a. davon profitierte, dass die Rote Armee unter Nachschubschwierigkeiten litt, während das SS-Panzerkorps im rückwärtigen Gebiet Nachschubdepots zur Verfügung hatte, welche die Deutschen im vorangegangenen Jahr angelegt hatten.
Verlauf
Hintergrund
Die Situationen am mittleren Don
Mitte Dezember 1942 musste das Unternehmen Wintergewitter abgebrochen werden, da drei sowjetische Fronten am mittleren Don durchgebrochen waren und nach Süden vorstießen. STAWKA plante durch diese Operation mehrere Großverbände der Wehrmacht einzukesseln und zu zerschlagen:
- Heeresgruppe B
- Heeresgruppe Don
- Panzerarmee Hoth
- Heeresgruppe A
Dies hätte für das Deutsche Reich den Verlust von über einer Millionen Soldaten bedeutet. Die Rote Armee hatte zunächst Erfolg, da ihr am mittleren Don nur die italienische 8. Armee gegenüber stand. So schaffte das XXIV. Panzerkorps (General Badanow) in fünf Tagen 240 km weit vorzustoßen. Am 24. Dezember 1942 eroberte das Korps Tazinskaja, welches mit seinem Feldflughafen und den dortigen Vorratslagern wichtig für die Versorgung der in Stalingrad eingeschlossenen deutschen Soldaten war. Damit waren die Verbände der am Tschir kämpfenden Armeeabteilung Hollidt von der Einschließung bedroht, denn Badanows Divisionen waren nur noch 130 km von Rostow entfernt. Die Generäle Hoth und Hollidt mussten ihre schlagkräftigsten Divisionen abgeben, da von Manstein diese benötigte, um Badanows Einheiten zu stoppen. Die sowjetischen Offiziere rechneten nicht mehr mit Widerstand und waren deshalb überrascht, als die 11. Panzerdivision, die 6. Panzerdivision sowie die 306. Infanterie-Division der Wehrmacht das sowjetische Korps einkesselten und aufrieben. An der Bistraja verlor das sowjetische XXV. Panzerkorps kurz darauf 90 T-34, so dass es seinen Angriff ebenfalls einstellen musste. Als die 1. und 6. Gardearmee von der Armeeabteilung Fretter-Pico aufgehalten wurden, waren die nördlichen Angriffsspitzen gekappt.
Die Situation am Südflügel der Ostfront
Die Situation weiter südlich war nicht minder bedrohlich für die deutschen Verbände: Die 51. Armee sowie die 2. Gardearmee hatten eine Lücke zwischen den Einheiten Hoths und Hollidts entdeckt und waren durch sie hindurchgestoßen. Ziel war es, Rostow zu erobern und die Verbände auf dem Kaukasus sowie Hoths Soldaten einzuschließen. Zwar war der Abzug aus dem Kaukasus zu diesem Zeitpunkt bereits eingeleitet worden, die 1. Panzerarmee war jedoch noch immer über 600 km von Rostow entfernt. Die sowjetischen Panzerspitzen waren hingegen am 20. Januar bereits 30 km vor Rostow. Wegen Erschöpfung und Treibstoffmangels verlangsamten sich jedoch die Operationen der Sowjets, so dass es den Deutschen gelang, Verstärkung heranzuführen und damit einen „Flaschenhals“ für die Kameraden aus dem Kaukasus offenzuhalten. Durch Frontbegradigungen bei Demjansk und Rschew konnten weitere Verbände aus der Front herausgelöst werden und standen somit als Reserve zur Verfügung.
Eroberung Charkows durch sowjetische Soldaten
Trotz dieser Erfolge klaffte zwischen Woroschilowgrad und Belgorod eine ca. 300 km breite Lücke, durch die die Rote Armee zum Dnepr und zum Asowschen Meer marschierte. Am 14. Februar 1943 wurde Rostow geräumt, am folgenden Tag zog sich das II. SS-Panzerkorps (Hausser) aus Charkow zurück. Hausser hatte mit der Räumung der Stadt gegen einen ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers verstoßen, seine Divisionen dadurch aber vor einer Einkesselung durch zahlenmäßig weit überlegene sowjetische Verbände bewahrt. Der „Führer“ war verärgert, doch Generalfeldmarschall von Manstein kam diese Entscheidung des Waffen-SS-Generals sehr gelegen, brauchte er doch zu diesem Zeitpunkt jeden einsatzfähigen Großverband den er kriegen konnte. Die Vorausabteilungen der Roten Armee waren nur noch 60 km vom Dnepr entfernt, das Kräfteverhältnis in diesem Frontabschnitt lag bei 8 : 1 zu Gunsten der Sowjets.
Rückeroberung durch die Wehrmacht
Deutsche Strategie
Die Strategie, mit der Manstein den Gegenschlag auszuführen gedachte, wurde von ihm „Schlagen aus der Nachhand“ genannt. Dieses sah folgendes vor: Der Feind sollte zunächst weit vorstoßen, sich in Sicherheit wiegen und dann (unter Ausnutzung der bei einem derartig schnellen Vormarsch zumeist auftretenden Nachschubprobleme) von den Flanken her geschlagen werden. Hitler, wütend wegen Haussers Befehlsverweigerung, flog in Mansteins Hauptquartier, wo der Feldmarschall dem Oberbefehlshaber seine Strategie erläuterte. Hitler bestand zunächst auf eine baldige Rückeroberung Charkows, doch gelang es ihm nicht, sich durchzusetzen. Da die sowjetische 6. Armee zu diesem Zeitpunkt nur noch 60 km vom Dnjepr entfernt war, beschloss Manstein - sehr zum Ärger Hitlers - die am Mius stationierten Panzerverbände abzuziehen und gegen Popows Stoßkeile einzusetzen. Außerdem standen die sowjetischen Panzerspitzen nur noch 10 km vor Saporoschje, wo sich Mansteins Hauptquartier befand. Als Hitler dies erfuhr, flog er zurück und somit hatte von Manstein die Möglichkeit, seinen Plan umzusetzen.
Der deutsche Gegenschlag
Den deutschen Soldaten wurde befohlen, Popows Einheiten in den Rücken zu fallen und deren Nachschubwege zu unterbinden. Dies hatte Erfolg. Am 20. Februar bat der sowjetische General bereits darum, seine Panzergruppe zurücknehmen zu dürfen, was ihm von Watutin, dessen Optimismus nach wie vor ungebrochen war, verweigert wurde. Zu diesem Zeitpunkt nahm das sowjetische Hauptquartier immer noch an, der Feind hätte vor, auf den Dnepr zurückzuweichen und verkannte die deutschen Absichten. Am 22. Februar begann der Angriff der Wehrmacht gegen die sowjetische Woronesch- sowie die Südwestfront. Von Manstein konnte die Sowjets täuschen, indem er seine Panzerdivisionen erst kurz vor Angriffsbeginn in die Bereitstellungsräume befahl. Somit ging der Gegner lange Zeit davon aus, die Wehrmacht würde sich auf hinhaltenden Widerstand beschränken. Da sich Erschöpfung und Nachschubprobleme auf sowjetischer Seite bereits bemerkbar machten, wurden die Panzergruppe Popow sowie die sowjetische 6. Armee eingekesselt und aufgerieben. Die Wehrmacht stand dadurch am 28. Februar wieder am Donezk. Nun klaffte in der sowjetischen Front eine 200 km breite Lücke, so dass die STAWKA die Angriffsoperationen bei Woronesch einstellen musste. Am 2. März eroberten die Deutschen Slawjansk und Bogoroditschno und bildeten bei Balakleja einen Brückenkopf über den Donezk.
Das SS-Panzerkorps dringt in Charkow ein
Am 6. März begann die Offensive der 4. Panzerarmee (zu der Haussers SS-Panzerkorps gehörte) und der Armeeabteilung Kempf gegen die sowjetische 3. Panzer- sowie die 69. Armee. Am 11. März 1943 begann der Angriff des II. SS-Panzerkorps auf Charkow. Zunächst wurden die sowjetischen Stellungen überrannt, doch gerieten die Deutschen in Gefahr, selbst eingeschlossen zu werden. Der Angriff wurde dennoch nicht abgebrochen. Stattdessen entschied man sich, die Stadt nördlich zu umgehen. In den Morgenstunden des 12. März 1943 drohte der deutsche Vormarsch in Folge eines Panzerangriffs seitens der Roten Armee in die offene Flanke zu scheitern. Die Sowjets wollten einen Keil zwischen Voraustruppen und dem Gros des SS-Verbandes treiben. Der hartnäckige Widerstand der deutschen Verteidiger verschaffte Josef Dietrich genug Zeit, mit einer Panzerabteilung und einem Grenadierbataillon einen erfolgreichen Gegenangriff zu starten, was dazu führte, dass Charkow am 15. März 1943 durch die Divisionen „Leibstandarte“ und „Das Reich“ besetzt wurde. Die Sowjets griffen mit allen verfügbaren Kräften an, da ein erneuter Verlust der viertgrößten Stadt der Sowjetunion vermieden werden sollte. Erfolglos. Kurz darauf drangen erste Heereseinheiten in die Stadt ein. Am 18. März fiel Belgorod in deutsche Hand. Vier sowjetische Armeen waren aufgerieben worden.
Folgen
Durch diese Gegenoffensive konnte der Südabschnitt der Front stabilisiert und eine Niederlage, die selbst Stalingrad in den Schatten gestellt hätte, verhindert werden. Außerdem hatte sich durch die Rückeroberung Belgorods ein Frontbogen bei Kursk gebildet, so dass die Chancen auf eine erfolgreiche Kesselschlacht (aus Sicht des Deutschen Reichs) günstig standen. Generalfeldmarschall von Manstein wollte den Erfolg schnellstmöglich ausnutzen und die Russen bei Kursk einschließen, aufreiben und somit die Operation erfolgreich abschließen. Adolf Hitler verweigerte ihm jedoch die dafür benötigten Truppen. Der Angriff auf Kursk fand somit erst im Sommer 1943 statt (Deckname: Unternehmen Zitadelle) – zu spät, wie sich herausstellen sollte, da das Gelände bereits mit tausenden Minenfeldern u. ä. Hindernissen übersät und von zahlreichen Rotarmisten verteidigt wurde. Diese Offensive scheiterte dadurch, die Rote Armee übernahm von da an endgültig die Initiative und eroberte Charkow bereits am 23. August 1943 wieder - diesmal endgültig - zurück.
Quellen
- CD-ROM Enzyklopädie Der Zweite Weltkrieg
- Faksimile-Edition Zweiter Weltkrieg Folge 21 (Verlagsgruppe Weltbild)
- Janusz Piekalkiewicz: Der Zweite Weltkrieg S. 758 ff.