Archiv Produktion
Der Ausdruck Archiv Produktion ("Musikhistorisches Institut der Deutschen Grammophon-Gesellschaft") bezeichnet ein 1949 bei der Deutschen Grammophon gegründetes Musikarchiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlug Hans Domizlaff als Berater von Ernst von Siemens die Einrichtung eines musikhistorischen Studios der Deutschen Grammophongesellschaft vor, dessen erster Leiter Fred Hamel wurde. Es ging nach einer Blüte in den 1950er und 1960er Jahren in verschiedene schwer durchschaubare Projekte auf, die etwa die Forschungsbereiche nicht mehr benannte, sodass ihr Endpunkt vorläufig nicht genau benannt werden kann.
Konzept
Ziel der Archiv Produktion war die Erkundung und Erforschung historischer Partituren und ihre Übertragung in die moderne Notation; sie „durch die klangliche Realisierung ihrer Ergebnisse nutzbar zu machen“ (s. u.). Hans Domizlaff schlug Ernst von Siemens dazu die Einrichtung eines musikhistorischen Studios der Deutschen Grammophongesellschaft vor und entwarf auch deren Logo [1]. Die Aufführung und Aufnahme der Stücke erfolgte nach Möglichkeit mit der Originalpartitur und originalen Instrumenten, zumindest aber mit Nachbauten und erschienen in einer Schallplattenserie, die in zwölf sogenannte „Forschungsbereiche“ eingeteilt war. Die Forschungsbereiche reichten von der Gregorianik bis zum 18. Jahrhundert. Diese Einteilung hatte Domizlaff bereits 1949 mit Hamel gemeinsam entwickelt [2]. Die Serie schuf damit auch eine Aufteilung und Abgrenzung sowohl nach Epochen alter Musik als auch nach Regionen. Zusammen mit der Ausstattung dieser Schallplattenserie galt das Unternehmen als Genuss- und Aufklärungsprojekt, das rückblickend als ein Gesamtkunstwerk begriffen werden kann.
Ausstattung
Die Schallplatten erschienen in den ersten Jahren in einem schweren Vinyl und einem unbebilderten, mit Schrift klar gestalteten Faltumschlag, der an den Kanten vernäht und nicht verklebt war und im Inneren eine auch nach 50 Jahren nicht vergilbende oder brüchig werdende Plastikfolie zum Schutz der LP hat. Einziges über die Funktion hinausgehendes Element war das Logo. Auf dem Cover waren in einer größeren Type die Epocheneinteilung des Forschungsbereiches und die Namen der Musikstücke genannt. Die Erläuterungstexte waren in Deutsch, Französisch und Englisch, es lagen jeweils doppelt DIN-A-5-Karteikarten mit allen Daten bei, so Sätze, Orchester, Instrumente mit ihrer Herkunft und Instrumentenbaumeister, schließlich dem Aufnahmendatum.
Die 12 „Forschungsbereiche“
- I Gregorianik
- II Das Zentrale Mittelalter (1100-1350)
- III Die Frührenaissance (1350-1500)
- IV Hochrenaissance (16. Jh.)
- V Das Italienische Seicento (17. Jh.)
- VI Deutsche Barockmusik (17. Jh.)
- VII Westeuropa zwischen Barock und Rokoko (1650-1800)
- VIII Das Italienische Settecento (18. Jh.)
- IX Das Schaffen Johann Sebastian Bachs (1685-1750)
- X Werke von Georg Friedrich Händel (1685-1759)
- XI Die Deutsche Vorklassik (1700-1760)
- XII Mannheim und Wien (1760-1800)
Eine fundierte Untersuchung der Bedeutung der wissenschaftlichen Leistung der Archiv Produktion müsste auch nach der heutigen Beurteilung dieser Einteilung fragen.
Aus dem Erläuterungstext von 1965
- „Wir leben in einer Zeit spektakulärer technischer Entdeckungen und Erfindungen, sie verändern unser Weltbild von Jahr zu Jahr (...), auch auf dem Gebiet der Musik erschließen sich heute neue, bisher „unerhörte“ Klangwelten. Eines der bedeutendsten Ereignisse in diesen Bereich ist die Wiederentdeckung der „Alten Musik“ in unserer Zeit. Seit Jahrzehnten durchforschen Musikwissenschaftler aus aller Herren Länder die Bibliotheken und Archive nach vergessenen Schätzen, rekonstruieren alte Partituren, übertragen die alten Notenzeichen in die moderne Notation und versuchen strittige Fragen der Aufführungspraxis einer Lösung zuzuführen. Diese theoretische Arbeit durch die klangliche Realisierung ihrer Ergebnisse nutzbar zu machen, ist das Ziel, das sich die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahre 1949 gesetzt hat.“
Quellen
Begleitzettel eines Albums mit einer Übersicht über die Archiv Produktion aus dem Jahr 1965