Ainu
Als Ainu (Aino) werden die Ureinwohner Nord-Japans bezeichnet. Die populäre Bezeichnung der Ainu als die Ureinwohner Japans ist nicht korrekt, tatsächlich gab es mehrere japanische Urvölker. Ursprünglich waren sie Jäger und Sammler, die ältesten archäologischen Funde werden auf etwa 18.000 v. Chr. (also noch ins Pleistozän) datiert, wobei hier wiederum umstritten ist, in wieweit diese Funde der Jōmon-Kultur mit den Ainu in Verbindung stehen.
Heute nennen sich die Ainu selber Ainu oder Utari. Ainu bedeutet „Mensch“ und Utari „Kamerad“ in der Ainu-Sprache.
Siedlungsgebiet

Historisches Siedlungsgebiet der Ainu ist Hokkaidō (alter Name: Ezo), Süd-Sachalin, die Kurilen-Inseln und das Gebiet der heutigen Präfektur Aomori. Die Kurilen und Sachalin wurden vermutlich erst im 12. Jahrhundert n. Chr. besiedelt, und die Vermischung mit dortigen Völkern fand vermutlich auch erst zu diesem Zeitpunkt statt.
Umstritten ist, ob Ainu auch auf Kamtschatka, an der Amur-Mündung und weiteren Gebieten auf Honshū gesiedelt haben. Historischen Dokumenten zufolge waren die Ainu bis zur frühen Neuzeit auch noch im nördlichsten Gebiet von Honshū, heute die Aomori-Präfektur, ansässig. Ortsnamen in den Präfekturen von Aomori, Akita und Iwate zeigen, dass die Sprache früher dort verbreitet war. Am häufigsten sind Namen, die auf –nai (nai) und betsu (pet) enden, Ainu-Wörter für Fluss.
Heutzutage leben noch rund 27.000 Ainu in Japan, davon 24.000 auf Hokkaidō. Durch die Vertreibungen im August 1945 gibt es kaum noch Ainu auf Sachalin oder den Kurilen.
Herkunft und Verwandtschaften
Nach der Meinung einiger Historiker ist das in den alten japanischen Quellen erwähnte Volk der Emishi identisch mit den Ainu, andere bezeichnen eines der beiden Völker als regionale Gruppe der anderen oder beide als getrennt.
Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass die Ainu zum einen mit den Japanern verwandt sind, wobei dieses gemeinsame Erbe auf die Jōmon-Bevölkerung zurückgeht. Während die Japaner ebenfalls genetische Verwandtschaft zur später nach Japan eingewanderten Yayoi-Bevölkerung zeigen, ist dies bei Ainu nicht der Fall. Im Gegensatz zu Japanern sind die Ainu allerdings auch mit den Niwchen, einem sibirischen Volk, genetisch verwandt.
Forschungen und Funde legen nahe, dass die Ainu ein asiatisches Urvolk sind und Nordostasien schon vor den Völkern des mongoliden (ostasiatischen) Menschentyps besiedelten, mit denen sie nichts gemeinsam hätten, allerdings widersprechen neuere genetische Erkenntnisse dieser These. Die Ainu sind hellhäutig, haben runde Augen ohne mongolische Lidfalte. Einige Ethnologen sahen in ihnen einen europiden Typus.
Geschichte
Unter japanischen Einfluss gerieten die Ainu auf Ezo (Hokkaidō), als im Jahr 1599 das Land vom Shogunat als Lehen an die Familie Matsumae vergeben wurde. Das Land wurde als wertlos angesehen, da es damals noch nicht möglich war, in den nördlichen Breiten Reis anzubauen, entsprechende Sorten wurden erst in der Meiji-Zeit entwickelt. Daher beschränkten sich die Matsumae darauf, Posten für den Handel mit Pelzen und Trockenfleisch einzurichten.
Im 19. Jahrhundert richteten die Matsumae dann auf Ezo Fischereihäfen ein, und zwangen die ehemaligen Jäger und Sammler, auf den Fischerbooten und in den Häfen zu arbeiten. 1869 wurde dann Ezo als Hokkaidō Kolonie Japans, und das Land wurde zur Besiedlung durch Japaner freigegeben. Es gab Versuche, den Ainu Land zu geben und sie zu Bauern zu machen, diese Versuche scheiterten jedoch. Die traditionelle Ainu-Kultur wurde dabei und durch den aufkeimenden japanischen Nationalismus jedoch endgültig zerstört. Durch die Zwangsarbeit, die Zerstörung ihrer Kultur und die fehlgeschlagenen Versuche, sie als Bauern anzusiedeln, endeten viele Ainu in Armut und Alkoholismus.
Die Ainu auf Sachalin und den Kurilen konnten ihre Kultur etwas länger von fremden Einflüssen halten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die auf den Nordkurilen lebenden Ainu zur russisch-orthodoxen Kirche übergetreten und sprachen auch Russisch. Nachdem die Inseln an Japan fielen wurde der größte Teil in einer Zwangsevakuierung nach Schikotan näher an die Japanischen Inseln herangeholt, wo sie durch schlechte Lebensbedingungen dezimiert an ihrem christlichen Glauben festhielten und eigenständig eine Kirche errichteten. Ein Teil wanderte nach Kamtschatka aus. Als die Sowjetarmee gegen Ende des zweiten Weltkrieges die südlichen Kurilen inklusive Schikotan einnahmen evakuierten die restlichen Ainu nach Hokkaido. Die Kurilen-Ainu gelten heute als ausgestorben. Die letzte bekannte Kurilen-Ainufrau starb 1972 und wurde kirchlich beerdigt.
Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es erste staatlich gestützte Rekonstruktionsversuche, auch aus dem Motiv heraus, den Tourismus zu fördern. Nachdem in Japan lange Zeit die Sprachregelung herrschte, dass Japan schlichtweg keine Minderheiten habe, sind die Ainu heute eine anerkannte Minderheit. Einige Ainu haben Hokkaidō verlassen und siedeln in anderen Teilen Japans, wo sie nicht mehr als Minderheit erkannt werden und daher keine Status-Nachteile erleiden.
Bis heute hält sich aber ein unterschwelliger Rassismus in der japanischen Gesellschaft, zum Einen, weil die Ainu im Allgemeinen stärker behaart sind als die Japaner und daher als primitiv wahrgenommen werden, zum Anderen, weil die Ainu meist zu den ärmeren Schichten gehören. Hierdurch halten sich viele Vorurteile. Die Bemühungen zur Bewahrung und Förderung der Ainu-Kultur tragen nur langsam Früchte und werden von vielen auch als unzureichend empfunden. So sprechen beispielsweise heute viele Ainu die Sprache ihrer Vorfahren nur gebrochen oder gar nicht.
Sprache
Hauptartikel: Ainu (Sprache)
Die isolierte Ainu-Sprache, welche keine Ähnlichkeit mit anderen asiatischen Sprachen besitzt, wird heute kaum noch verwendet. Im Alltag sprechen fast alle Ainu Japanisch. Innerhalb der Ainu-Sprache gibt es drei wichtige Dialekte: von Hokkaidō, Sachalin und den Kurilen.
Es gibt eine ainu-sprachige Zeitung, die Ainu Times.
Gesellschaft und Riten
Auf den Kurilen konnten die Ainu ihre traditionelle Lebensweise am stärksten bewahren, ohne den jahrhundertelangen japanischen Einfluss. Daher gaben die Sitten der ausgestorbenen Kurilen-Ainu die besten Beispiele für die ursprüngliche Ainu-Kultur.
Die Tätigkeiten und das spirituelle Leben, sowie die Genealogie sind bei den Ainu nach Geschlecht verschieden. Die Männer üben das Jagen und Fischen aus, die Frauen sind Sammlerinnen und Bäuerinnen.
Alte Ainu-Männer trugen – anders als die Japaner – wallende, weiße Bärte. Die Frauen weisen den sog. Ainu-Bart auf, eine Tatauierung (Tätowierung). Sie leben in einer klar getrennten Zweigeschlechter-Gesellschaft, praktizieren Ahnenkult und im Fall der japanischen Ainu übten sie das Kriegshandwerk gegenüber den sie verdrängenden Japanern aus, was ihrer Kultur aber nicht eigentümlich ist und ihre soziale Struktur ein Stück patriarchalisierte.
Religion
Spirituell gibt es ebenfalls eine klare Zweiteilung: Die Männer üben die mit Jagd und Fischfang verbundenen Rituale aus, während der Schamanismus bei den Frauen liegt. Die Schamaninnen heißen „Tusu Ainu“ und sie sind Ahnenbeschwörerinnen, Heilerinnen und rezitieren die Mythen und Epen der alten Ainu-Kultur im Tanz.
Über ihre wichtigste Göttin Kamui Fuchi stellen sie die Verbindung zu den Geistern und anderen Göttern her. Es gibt dazu keine Tempel, sondern heilige Plätze im Freien und insbesondere den Herd im Zentrum des Hauses.
Genealogie
Bei den Ainu rechnen sich die Frauen nach der weiblichen Linie, die Männer dagegen nach der männlichen Linie. Nur jeweils in diesen Linien wirkt das in matriarchalen Gesellschaften übliche Verwandtschafts-Hilfssystem, was einen starken Zusammenhalt der Frauen einerseits und der Männer andererseits mit sich bringt. Hierbei gilt in der Mutterlinie strikte Exogamie, nicht aber in der Vaterlinie. Die Frauen tragen Gürtel unter der Kleidung als Zeichen ihrer sippenmäßigen Verbundenheit und ein Mann darf keine Frau heiraten, die den gleichen Gürtel wie seine Mutter trägt. Das hervortretende männliche Familienmitglied ist der mütterliche Onkel.
Bei den Ainu gibt es keine Monogamie, die Liebeswerbung kommt von seiten der Frau. (Besuchsehe).
Siehe auch
Literatur
- Horst M. Bronny: Die Ainu; in: Merian 11/1980, S. 120-123
- J. Kreiner, H. D. Ölschleger: Ainu – Jäger, Fischer und Sammler in Japans Norden. Katalog der Sammlung des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln, 1987
- Mark Hudson: Agriculture and language change in the Japanese Islands; in: Peter Bellwood, Colin Renfrew: Examining the farming/language dispersal hypothesis, Cambridge 2002, S. 311–317 (englisch)
Miyajima Toshimitsu (Rober Witmer, translator): Land of Elms - The History, Culture, and present day situation of the Ainu people. United Church Publishing House,1998 p.100-104
Weblinks
- Etymologische Linksammlung mit Bildern - Englisch
- The Ainu Museum - Japanisch, Englisch und Chinesisch
- David Howell: „Making "Useful Citizens" of Ainu Subjects in Early Twentieth-Century Japan“. in: Journal of Asian Studies, Volume 63, Issue 1: February, 2004 - Englisch