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Bürgerliches Trauerspiel

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Das bürgerliche Trauerspiel ist eine Theatergenre, das im 18. Jahrhundert aufkam.

Ausgangslage

Der Ausdruck ist noch zur Zeit seiner Entstehung ein Paradoxon: Tragödien spielten in der Welt des Adels und waren für die Hofgesellschaft bestimmt, nicht für einen bürgerlichen Rahmen. Es galt die Ansicht, der Bürger könne nur in der Komödie als Hauptfigur auftreten, da ihm die Fähigkeit zum tragischen Erleben fehle.

Bürger waren von vorneherein lustige Personen, was für viele ein wachsendes Ärgernis war. Bürgerliche Theaterstücke waren keine Tragödien, sondern meist grobe Komödien, so wie die Spektakel auf den Pariser Jahrmarktstheatern oder die Hanswurstiaden von Josef Anton Stranitzky.

Neues Selbstverständnis der Bürger

Das neue bürgerliche Trauerspiel sollte dagegen ein Drama sein, dessen Tragik sich nicht mehr in der Welt des Hochadels entfaltet, wie es die in den Renaissance- und Barock-Poetiken festgelegte Ständeklausel vorsah, sondern aus der des Bürgertums (Dritter Stand).

Das bürgerliche Trauerspiel entsteht im Zuge der Emanzipationsbewegung des Bürgertums, das sich damit eine Präsentations- und Identifikationsplattform schafft. Es ist eine Möglichkeit der neuen, zunehmend gebildeten, finanziell potenten, doch politisch nahezu unbedeutenden Schicht, Präsenz zu zeigen.

Der Terminus Bürgertum ist nicht nur unter soziologischen, sondern auch unter ethischen Gesichtspunkten zu betrachten, da es sich um eine Gesinnungsgemeinschaft handelt, der Personen vom niederen Adel bis zum Kleinbürgertum angehören können, die sich aber durch einen ausgeprägten Moralkodex vom Hochadel abzugrenzen suchen. – Das hat folgenden Grund: Die Herkunft aus einer "guten Familie" ist nicht machbar, aber ein vorbildlicher Lebenswandel ist machbar. Der Wert eines bürgerlichen Individuums ist somit nicht vorgegeben wie der des Adligen, sondern ergibt sich erst durch sein lobenswertes Verhalten.

Merkmale

Von seinen Stoffen her geht es entweder um unpolitische Familienkonflikte, die soziale Gegensätze möglichst nicht berühren und auf das Verbindende einer "reinen Menschlichkeit" setzen (vgl. Empfindsamkeit), oder es geht um den politischen Kampf gegen die Unterdrückung durch den Adel, später auch um die Kritik der entstehenden Arbeiterklasse an der bürgerlichen Wertordnung.

Die antiken mythologischen (oder historischen adligen) Hauptfiguren der französischen Klassik werden im bürgerlichen Trauerspiel zu "einfachen" Menschen gemacht. Die in der Tragödie bisher übliche Versform wird im bürgerlichen Trauerspiel selten übernommen. Die Haltung zu den klassischen Vorbildern hat Volker Klotz mit der Unterscheidung geschlossene und offene Form im Drama zu charakterisieren versucht.

Beispiele

Von den meisten Literaturhistorikern wird Gotthold Ephraim Lessings Stück Miss Sara Sampson (1755) als das erste deutschsprachige bürgerliche Trauerspiel betrachtet. Ähnliche Versuche gab es schon vorher wie Christian Leberecht Martinis Rhynsolt und Sapphira. Charakterisierend ist der Widerspruch zum Regeldrama. Wesentliche Anregungen gingen von Denis Diderots Konzeption des drame bourgeois aus (Discours sur la poésie dramatique, 1758).

Statt der Politik, der Öffentlichkeit und der Historie herrscht eine private, mitmenschliche und familiäre Atmosphäre vor, in der nichts Übermenschliches mehr anzutreffen ist. Lessing geht es vor allem um die Identifikation und das Mitleid der Zuschauer, das zu ihrer sittlichen Besserung führen soll. Hier wird der Ständekonflikt so gut wie gar nicht thematisiert, die Handlung spielt auch recht häufig im privaten Umfeld adliger Kreise.

Der Konflikt zwischen Bürgertum und Adelswillkür erscheint erstmals in Lessings Emilia Galotti (1772) und findet in Schillers Kabale und Liebe (1783) die sprachlich und dramatisch geschlossenste Ausformung.

Mit Friedrich Hebbels Maria Magdalena (1844) richtet sich der Fokus auf kleinbürgerliche Moralvorstellungen und pedantische Sittenstrenge mit den daraus resultierenden Konflikten innerhalb des Standes.

Die naturalistischen Dramen von Gerhart Hauptmann oder Henrik Ibsen offenbaren dagegen die Lebenslügen selbstzufriedener Bürger.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass diese literarischen Trauerspiele nur ein schmales gebildetes Publikum erreichten. Wirkung auf das breitere bürgerliche Publikum erzielten seit Ende des 18. Jahrhunderts neue Formen der Tragödie oder Tragikomödie wie das Melodram, das Rührstück, die große Oper. Das Publikum des Alt-Wiener Volkstheaters betrachtete es mehrheitlich nicht als Problem, dass ihm die Possen einen Zerrspiegel entgegenhielten.

Walter Benjamin stellte in seiner gescheiterten Habilitation fest, dass das bürgerliche Trauerspiel gar nicht die Relevanz besaß, die ihm die deutschsprachige Literaturwissenschaft beimaß, und erforschte in der Folgezeit die Populärkultur mit Paris als ihrer "europäischen Hauptstadt".

Berühmte Bürgerliche Trauerspiele

Literatur

  • Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000. ISBN 3518278258 (Erstausgabe 1928)
  • Richard Daunicht: Die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels in Deutschland. de Gruyter, Berlin 1965.
  • Peter Szondi: Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973. ISBN 3-518-07615-9
  • Susanne Komfort-Hein: "Sie sei wer sie sei". Das bürgerliche Trauerspiel um Individualität. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft, 1995.
  • Christian Rochow: Das bürgerliche Trauerspiel. Reclam, Ditzingen 1999. ISBN 3150176174
  • Karl S. Guthke: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. Metzler, Stuttgart 2006. ISBN 3-476-16116-1
  • Franziska Schößler: Einführung in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama. Wiss. Buchges., Darmstadt 2003. ISBN 3534162706