Konditionalis
Der Konditional(is) (von lateinisch condicio, später auch conditio, „Bedingung“) ist eine Unterkategorie des Modus des Verbs. Mit seiner Hilfe kann ein Sachverhalt als bedingt, als eine Implikation ausgedrückt werden. Romanische Sprachen wie das Französische verfügen über eigene synthetische Verbformen des Konditionals zur Kennzeichnung des irrealen bedingten Satzes, der Apodosis.
Entstehung in den romanischen Sprachen
Der Konditionalis der romanischen Sprachen geht auf eine vulgärlateinische Periphrase mit habere als Hilfsverb + Infinitv zurück. Habere steht dann im Imperfekt oder Perfekt:
- „Habebam/Habui cantatum.“ („Ich würde singen“)
Im Laufe des Sprachwandels wurde das Auxiliar zu einem gebundenen Morphem und entwickelte sich zu einer Konditionalis-Endung.
Dabei ist die Entwicklung unterschiedlich ausgefallen:
- Im Italienischen etwa gehen diese Flexive auf das Perfekt des Hilfsverbs zurück:
habui → ital. 1.Pers.Sg.Kond. cred-er-ei von cred-ere, „glauben“. - Im Spanischen dagegen sind sie auf das Imperfekt des Hilfsverb zurückzuführen:
habebam → span. 2.Pers.Sg.Kond. verí-as von v-er, „sehen“.
Es hat also eine Resynthetisierung stattgefunden.
Weil das romanische Futur mit Ausnahme des Sardischen, wo es nie flektiv war (z.B. app’a ff’akere, „ich werde tun“), dieselbe Entwicklung erfuhr und vom selben Auxiliar abstammt (Hilfsverb habere im Präsens → gebundenes Morphem, Futurendung), ist der Konditionalis morphologisch ein Futur Präteritum. Dieser Ursprung zeigt sich in seiner Funktion als Zukunft der Vergangenheit.
Verwendung des Konditionalis in romanischen Sprachen
Der Gebrauch des Konditionals sei hier am Spanischen exemplifiziert. Der Konditionalis kann ausdrücken:
- eine Vermutung (vgl. Suppositiv) in der Vergangenheit: „Estaría enfermo.“ – „Vielleicht war er krank.“
- die Zukunft bzw. Nachzeitigkeit der Vergangenheit (vgl. Futur Präteritum) in der indirekten Rede bei einleitenden Verben, die in einer Vergangenheitsform stehen: „Pensaba que no sucedería nada.“ – „Er meinte, dass nichts geschehen würde/werde.“
- Irreales (vgl. Irrealis), z.B. in Fragesätzen: „¿Qué dirías tú?“ – „Was würdest du sagen?“
Als Ersatzformen des Konditionalis fungieren nicht nur im Spanischen das Imperfekt (z.B. im gesprochenen Spanisch „Podía trabajar más.“ – „Er könnte mehr arbeiten.“), sondern auch Konjunktivformen. Im Spanischen steht noch eine Periphrase mit iba a + Infinitiv zur Verfügung.
Paradigma in romanischen Sprachen
In den romanischen Sprachen gibt es analytische Perfektformen des Konditionalis, die mit den einfachen Formen dieses Modus des Hilfsverbs für sein bzw. haben + Partizip II umschrieben werden. Exemplarisch sei hier das Italienische:
Einfacher Infinitiv Partizip Perfektform des Konditionals
Konditional des zu konjugierenden II des zu (analytisch)
des Hilfsverbs Verbs konjugierenden
für essere Verbs
bzw. avere
(synthetisch)
Sing.
1.Pers. sarei essere stato „io sarei stato“
2.Pers. saresti „tu saresti stato“
3.Pers. sarebbe „lui sarebbe stato“
bzw.
Plur.
1.Pers. avremmo amare amato „noi avremmo amato “
2.Pers. avreste „vos avreste amato“
3.Pers. avrebbero „loro avrebbero amato“
Konditionalis in anderen Sprachen
Auch im Sanskrit und Pali ist ein synthetisch realisierter Konditionalis vorhanden. Im Sanskrit wird er vom Futurstamm gebildet und mit Augment versehen, was seinen morphologischen Status - ähnlich den romanischen Sprachen - dem Futur nahe rückt. Die Ähnlichkeit zwischen Futur und Konditionalis sind im Sanskrit wohl offensichtlicher als z.B. im Französischen, sodass der Konditionalis in Sanskrit-Grammatiken oft als Tempusform, nicht als Modus ins Verbalparadigma integriert wird.
Im Englischen wird die Umschreibung mit would + Infinitiv als Conditional bez.
Im Deutschen wird hier der Konditional mit würde + Infinitiv oder mit dem Konjunktiv II umschrieben.