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Streumunition

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Ein US-amerikanischer B-1-Bomber wirft 30 „Cluster-Bomben“ ab
Datei:Rockeye.jpg
Marquardt CBU Mark 20 „Rockeye II”.
Streubomben im Sprengkopf einer Kurzstreckenrakete vom Typ M190 Honest John, 1959.

Eine Streubombe (engl. cluster bomb oder cluster bomb unit, kurz CBU) besteht aus einem Behälter (engl. dispenser), der zwischen drei und über 2000 so genannter Bomblets oder Submunitionen enthält und diese bei der Aktivierung freisetzt. Waffensysteme nach diesem Konzept werden in Form von Fliegerbomben, Artilleriegeschossen (als Bombletmunition bezeichnet) oder als Gefechtsköpfe für Marschflugkörper eingesetzt. Es existieren diverse Arten von Bomblets, sowohl konventionelle Arten mit Explosions-, Brand-, Splitter- und/oder panzerbrechender Wirkung als auch spezielle Varianten, zum Beispiel Minen oder Systeme, die durch Graphitfäden Umspannwerke oder Überlandleitungen kurzschließen.

Geschichte und Funktionsweise

Die erste eingesetzte Streubombe war die deutsche „Sprengbombe Dickwandig 2 kg“ kurz SD 2 aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese zylindrischen, etwa 8 cm langen Sprengkörper wurden in größere Kanister gepackt, jeweils zwischen 6 und 108 Stück zusammen und aus der Luft abgeworfen. Die zur besseren Tarnung meist dunkelgrün, oder schmutzig gelb gefärbten Bomben wurden dabei über eine gewisse Fläche verteilt und explodierten je nach eingesetztem Zünder, beim Aufschlag, nach einer gewissen Zeit oder bei nachträglicher Störung der Bombe. Die Fallrichtung und -Lage wurde durch kleine, ausklappende Blechtragflächen gelenkt.

Die Streubombentechnologie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vereinigten Staaten, Russland und Italien weiterentwickelt. Bei unverändertem Grundprinzip wurden verschiedene Arten von Streubomben für spezielle militärische Zwecke entwickelt und auch für andere Einsatzarten als den Abwurf von einem Flieger umgesetzt.

In großen Mengen wurden von verschiedenen Seiten Streubomben in den Kriegen in Korea, Vietnam, Afghanistan, sowie im Kosovo, Libanon und an anderen Kriegschauplätzen eingesetzt.

Einsatz und Wirkung

Heutzutage ist die Streubombe eine der am meisten eingesetzten Luftabwurfwaffen und verdrängte damit die zuvor bei Massenabwürfen übliche Splitterbombe oder den großflächigen Einsatz von Napalm.

Der Einsatz von Streumunition findet vor allem gegen weiche Ziele (ungepanzerte Fahrzeuge, Infanterie, Luftabwehr-Systeme) oder Infrastruktur (Straßen, Landebahnen, Felder) statt. Da die Waffe durch die vielen „Minibomben“ keinen eigentlichen Explosionsmittelpunkt besitzt, können die Bomblets auch hinter Deckungen oder in Schützengräben gelangen. Durch den teils sehr großen räumlichen Wirkungsradius erhöht sich zwar die Effektivität der Waffe gegen großflächige Ziele, jedoch auch das Ausmaß von Begleitschäden. Andere Streumunition wird gezielt gegen gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt, da sie die relativ schwach gepanzerte Oberseite der Fahrzeuge auch mit kleinen Ladungen durchdringen kann.

Auf die ursprüngliche Verwendung zum Verminen ganzer Areale wird von den meisten Armeen heutzutage bewusst verzichtet oder durch eine helle, auffällige Färbung der Submunition und/oder einen Selbstzerstörungsmechanismus, der die Mine innerhalb von 4–48 Stunden automatisch zur Explosion bringt, versucht eine langzeitige Verseuchung von Einsatzgebieten zu vermeiden.

Eine vor allem bei Flächenbombardements eingesetzte Variante ist die Brand-Streubombe, die Bomblets mit Napalm oder ähnlichen Substanzen auf einer großen Fläche verteilen kann. Diese Bomben führten im Zweiten Weltkrieg zu schweren Bränden in bombardierten Städten, als sie in das Innere der Häuser fielen, deren Dächer bereits durch herkömmliche Bomben zerstört waren.

Während des Kalten Krieges entwickelten beide Seiten Streubomben, die zum Einsatz von verschiedenen chemischen Kampfstoffen geeignet waren. Wieviele dieser mittlerweile von den meisten Ländern geächteten Waffen sich in den Arsenalen befinden, ist unklar.

In der Praxis werden Streubomben meist in einer Mischung aus Explosiv-, Splitter- und panzerbrechender Ladung eingesetzt.

Gefährdung der Zivilbevölkerung

Der Einsatz von Streumunition, insbesondere der Antipersonenvarianten, wird aus humanitären Gründen sehr stark kritisiert, vor allem wegen der langzeitigen Bedrohung der Zivilbevölkerung durch die unkontrollierte Verteilung von Blindgängern im Zielgebiet. Allerdings werden von Kritikern in der Regel keine wirksamen Alternativen wie Flächenabwürfe von Splitterbomben, Napalm oder Aerosol- Bomben befürwortet. Auch ein Vergleich der Kollateralschäden zwischen Streubomben und alternativen Einsatzmitteln wird in der Diskussion fast nie vorgenommen.

Zwischen 5 und 30 % der Bomblets explodieren nicht beim Aufschlag, sondern bleiben als Blindgänger liegen und stellen, ähnlich wie Landminen, viele Jahre lang eine Gefährdung für die betroffene Zivilbevölkerung dar. Betroffen sind sehr oft Kinder, die die Bomblets wegen ihrer Form und leuchtenden Farbe für Spielzeug halten. Im Vergleich zu Landminen und Antipersonenminen ist bei Unfällen mit den Blindgängern solcher Bomblets besonders häufig eine Mehrzahl von Personen betroffen und eine im Durchschnitt höhere Mortalitätsrate festzustellen. Im Kosovo (1999), Afghanistan (2001–2002) und im Irak (2003) wurden zusammengenommen fast eine Million Streubomben eingesetzt, zu denen eine hohe, noch nicht abschließend ermittelte Anzahl im Libanon (2006) hinzukommt. Auch an den Schauplätzen der Indochinakriege, besonders in Laos und Süd-Vietnam, bleiben Blindgänger von Streubomben immer noch gefährlich.

Der Anwendung dieser Waffen stellen sich viele Menschenrechtsorganisationen entschieden entgegen, darunter das Rote Kreuz, HRW, Amnesty International, der Deutsche Initiativkreis für das Verbot von Landminen und Teile der Vereinten Nationen.[1] [2] In der Cluster Munition Coalition (CMC) haben sich über 150 Organisationen weltweit gegen den Einsatz von Streumunition zusammengeschlossen – darunter die deutsche Sektion von Handicap International.[3]. Als erstes Land verhängte Belgien im Februar 2005 ein Verbot von Streubomben; Norwegen erließ ein Moratorium gegen deren Einsatz und auch Frankreich und Österreich gelten als Gegner von Submunitionen. In Deutschland befasst sich derzeit der Bundestag mit der Thematik. [4]

Kosovo

Die NATO hat bestätigt, dass bei Einsätzen der NATO-Streitkräfte im Kosovo[1] insgesamt 1392 Streubomben mit einer Bestückung von 289.536 Submunitionen an 333 Ziel- oder Abwurforten zum Einsatz kamen. Nach örtlichen Schätzungen sind pro Behälter zwischen 3 und 26 % der Submunitionen nicht explodiert, die NATO selber geht von ungefähr 10 %, also 30.000 Sprengsätzen, aus. Bis zum Mai 2000 konnten unter UN-Aufsicht 4069 dieser Blindgänger entschärft werden. Nach Angaben des Roten Kreuzes waren bis Ende Mai 2000 mindestens 50 Todesfälle und 101 Verletzungen auf Explosionen solcher Submunitionen zurückzuführen. Gefährdet ist die Bevölkerung nicht nur auf dem Land, da insgesamt 235 Bomben verschiedener Art, darunter auch Streubomben, über der Adria abgeworfen wurden. Bei einem Vorfall im Mai 1999, bei dem sich ein Bomblet in einem Fischernetz verfing, erlitten drei italienische Fischer Verletzungen.

Kroatien

Während des Kroatien-Kriegs sollen von serbischer Seite Streubomben mit dem Raketensystem „Orkan“ gegen die Innenstadt von Zagreb eingesetzt worden sein, wobei mindestens sieben Personen getötet und zahlreiche verletzt wurden. Da Streubomben als Anti-Personenwaffen gelten, wurde der Präsident der Republik Serbische Krajina, Milan Martic, vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag deswegen als Kriegsverbrecher angeklagt.[5]

Afghanistan

Für Afghanistan wurden der UN bis Anfang Januar 2002 von den Streitkräften der Allianz 1210 Einheiten Streumunition gemeldet, die bestückt mit 244.420 Bomblets gegen 78 von insgesamt 103 Zielorten eingesetzt wurden. Die Zahlen zu den übrigen 25 Zielorten waren bis dato noch nicht bekannt.[6] Nach Angaben von Human Rights Watch haben auch die Streitkräfte der Taliban Streumunition mittels Raketenwerfern sowjetischer Bauart des Typs BM-21 eingesetzt.[7] Nach Angaben der UN-Organisation Mine Action Programme (MAPA) ist Afghanistan eines der am schwersten von Landminen und nicht detonierter Streumunition betroffenen Länder der Welt. Obwohl die MAPA dort zwischen März 1978 und Dezember 2000 mehr als 1,6 Millionen Blindgänger von früheren Kampfgebieten, Ackerbauflächen, Straßen und Wohngebieten entfernt habe, seien durch verbliebene Explosivkörper im gleichen Zeitraum mindestens 2812 Menschen getötet und tausende weitere verletzt worden.[6]

Irak

Während des Irakkrieges 2003 wurden Streubomben in großer Anzahl eingesetzt. Am 1. April 2003 seien nach einem Bericht von amnesty international in al-Hilla zahlreiche tote und verletzte Menschen ins örtliche Krankenhaus gebracht worden, ihre Körper übersät von Schnitten, die die Splitter von Streubomben hinterlassen hätten. Bis zu 10.000 der abgeworfenen Streubomben und deren Submunition liegen heute noch als Blindgänger in Städten, auf Anbaugebieten oder auf den Straßen im Irak.[8]

Libanon

Für die während des Libanonkrieges 2006 bei israelischen Luftangriffen im Libanon eingesetzten Streubomben wurden nach Angaben des Mine Action Co-Ordination Center of South Libanon (MACC SL) der Vereinten Nationen bis zum 14. September 492 Einschlagsorte ermittelt, zu denen täglich etwa 30 neue hinzukommen.[9]. Nach Angaben von MACCSL muss alleine bei den von der israelischen Artillerie verschossenen Submunitionen von bis zu einer Million unexplodierter Sprengkörper ausgegangen werden, zu denen noch die von der Luftwaffe abgeworfenen „cluster bombs“ hinzugezählt werden müssen. [10]Die von der UN koordinierte Räumung wird voraussichtlich bis zu 18 Monate dauern [11][12]. Die israelische Armee gab bekannt, für die Minenräumung Karten mit den Abwurforten der Bomben zur Verfügung gestellt zu haben. Chris Clark, der Koordinator des UNO-Entminungsprogrammes bezeichnete die Karten jedoch als vollkommen unbrauchbar da es sich lediglich um Satellitenkarten mit handschriftlichen vagen Markierungen handele. Wie dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel auf Anfrage durch einen hohen israelischen Regierungsbeamten bestätigt wurde, verfügt Israel über Karten mit den genauen Bomben-Zielkoordinaten, hält diese jedoch aus Geheimhaltungsgründen zurück.[13] Bis zum 19. Dezember 2006 verzeichnete MACCSL 26 Tote und 162 Verletzte durch Blindgänger von Streumunition im Südlibanon – darunter 22 Kinder unter 12 Jahren[14]. Nach einem Bericht der New York Times vom 31. August hat das Office of Defense Trade Controls im US-Außenministerium eine Untersuchung eingeleitet, die aufklären soll, ob Israel im Libanon Streubomben aus US-amerikanischer Herstellung „unangemessen” eingesetzt hat. [15][9] Sprecher der israelischen Regierung und Armee haben die Kritik zurückgewiesen und erklärt, Waffen und Munition im Libanon nur im Einklang mit dem internationalen Recht eingesetzt zu haben. [16] Wie die Zeitung „Haaretz” am 13. September 2006 berichtete, bezeichnete ein kriegsbeteiligter Zahal-Offizier, der namentlich nicht genannt werden wollte, die Art der Kriegsführung als „abscheulich und verrückt” und gab die Zahl der eingesetzten Bomblets mit mindestens 1,2 Millionen an. Dieser Befehlshaber einer Raketenwerfer-Einheit schickte einen Protestbrief an Verteidigungsminister Amir Peretz, wie die Nachrichtenagentur AFP am gleichen Tag meldete. Die israelischen Streubombeneinsätze im Libanon, die zu 90 Prozent erst während der letzten drei Tage der Luftangriffe kurz vor Inkrafttreten der UN-Resolution 1701 durchgeführt worden sein sollen, haben bei verschiedenen Vertretern und Organisationen der UN und bei Menschenrechtsorganisationen Kritik hervorgerufen [12] [9] [16] [17] und die norwegische Regierung veranlasst, eine neue Initiative zum weltweiten Verbot dieser Waffen anzukündigen.[16] Bereits zuvor hatte der UN-Koordinator Jan Egeland dieses von verschiedenen Medien gemeldete Vorgehen Israels als „völlig unmoralisch“ bezeichnet.[18]

Hersteller und einsetzende Nationen

Produziert und eingesetzt werden Streubomben von zahlreichen Nationen, unter anderem auch von Frankreich, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und Israel. Als erstes europäisches Land hat sich Belgien offiziell gegen Streubomben eingesetzt und verabschiedete ein Gesetz zum Verbot der Produktion, des Verkaufs und des Einsatzes von Streubomben. Wie das deutsche Bundesministerium der Verteidigung am 8. Juni 2006 ankündigte, wird die Bundeswehr langfristig sämtliche Streumuntionsträger ausmustern, die eine Blindgängerwahrscheinlichkeit von über 1 % haben. Die Bundeswehr wird jedoch auch in Zukunft nicht auf Streumunition verzichten, so werden die bisherigen Streumunitionsträger durch effektivere Systeme mit einer geringen Fehlerquote ersetzt.[19]

Quellen

  1. a b Mines Arms Unit, IKRK: Cluster bombs and landmines in Kosovo, August 2000, rev. Juni 2001
  2. Peter Strutynski,„Streubomben verstoßen gegen das internationale humanitäre Recht und die Genfer Konvention” AG Friedensforschung an der Uni Kassel
  3. Webseite der CMC
  4. Zu Langzeitminen mutierte Blindgänger bedrohen vor allem die Zivilbevölkerung, 28. September 2006
  5. ICTY Anklageschrift gegen Milan Martic
  6. a b AFGHANISTAN: UN to clear coalition cluster bombs, IRIN (Unabhängiger Nachrichtenservice des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), 2. Januar 2002, engl. Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „IRIN“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  7. Cluster Bombs in Afghanistan: Human Rights Watch Backgrounder, Human Rights News, Oktober 2001, engl.
  8. Irak/Der schreckliche Preis des Krieges amnesty international Deutschland, 19. August 2003
  9. a b c UN beklagt Einsatz von Streubomben, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. August 2006
  10. Situation Report and Operations Update MACCSL, 14. September 2006
  11. Streubomben-Entschärfung wird mindestens ein Jahr dauern der Standard, 1. September 2006
  12. a b LEBANON: UN condemns Israel’s „immoral“ use of cluster bombs, IRIN (Integrated Regional Information Networks, Nachrichtenservice des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), 31. August 2006
  13. Nutzlose Karten. Der Spiegel, 40/2006, S. 113
  14. Victims by Mines and Cluster Bombs after ceasefire MACCSL, 29. November 2006
  15. Unexploded Israeli Bombs Menace Lebanese, New York Times, 31. August 2006
  16. a b c Schockierend und völlig unmoralisch taz, 1. September 2006 Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „taz0109“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  17. „Human Rights Watch” warnt vor israelischen Streubomben, Der Standard, 20. August 2006
  18. Uno-Koordinator nennt Israels Kriegsführung unmoralisch, Der Spiegel, 31. August 2006
  19. 8-Punkte-Position zu „Streumunition, BMVg 8. Juni 2006