Lombardische Sprache
Der Begriff Lombardisch bezieht sich auf eine Gruppe von verwandten Dialekten, die hauptsächlich in der südlichen Schweiz (Ticino und Graubünden) und Norditalien gesprochen werden. Es wird als Minderheitssprache bezeichnet und wird von Ethnologue und dem Roten Buch über gefährdete Sprachen der UNESCO als eigene Sprache anerkannt. Obwohl es manchmal fälschlicherweise als italienischer Dialekt bezeichnet wird, ist das Lombardische mit dieser Sprache nicht eng verwandt, da das Lombardische und das Italienische zu verschwiedenen Zweigen der romanischen Sprachfamilie gehören. Es steht jedoch fest, dass die lombardischsprachigen Gemeinschaften (oder genauer der winzige Prozentsatz ihrer Mitglieder, die lesen und schreiben konnten) Jahrhunderte lang eine Form des Toskanischen (später als Italienisch bekannt) als Sprache der schriftlichen Kommunikation verwendet haben und keine schriftliche Standardvariante des Lombardischen entwickelten. Andererseits steht auch fest, dass das Lombardische im Gegensatz zum Italienischen eine galloromanische Sprache ist und daher näher mit dem Französischen als mit dem Italienischen verwandt ist.
Es gibt kein gegenseitiges Verständnis zwischen lombardischen Varietäten und dem Italienischen gibt, genausowenig wie zwischen weit entfernten Varitäten der lombardischen Sprache.
Die lombardischen Varitetäten lassen sich ungefähr in diese zwei Gruppen einteilen: Westlombardisch (in Ticino, Mailand, Varese, Como und Lecco) und Ostlombardisch (in Bergamo, Brescia und Crema. Die Varietäten des Veltlins und Graubündens sollten trotz ihrer eigenen Eigenschaften und Ähnlichkeiten mit den westlombardischen zu den ostlombardischen Varietäten gezählt werden.
Eigenschaften
Im Gegensatz zu den meisten anderen romanischen Sprachen gibt es in vielen westlombardischen Dialekten Vokalquantität, zum Beispiel paas [paːs] 'Frieden' vs. pass [pas] 'Schritt', ciapaa [ʧaˈpaː] 'genommen m.' vs. ciapá [ʧaˈpa] 'nehmen'. Eine weitere untypische Eigenschaft ist, die beträchtliche Verwendung von idiomatischen Phrasalverben (Verb-Partizip-Konstruktionen), zum Beispiel trá 'ziehen', trá via 'verschwenden, wegwerfen', trá sü 'sich übergeben', trá fö(ra) 'wegnehmen'; mangiá 'essen', mangiá fö(ra) 'verschwenden'.
Verwendung
Das Italienische wird in lombardischsprachigen Gebieten häufig verwendet, doch der Status des lombardischen in Italien und der Schweiz ist ziemlich unterschiedlich. Das erklärt, dass die lombardische Sprache hauptsächlich in den schweizer Gebieten (Lombardia svizzeria) gesprochen wird.
In der Schweiz
In der Schweiz werden die lokalen lombardischen Varietäten im Allgemeinen besser erhalten und sind lebendiger. Es werden keine negativen Gefühle mit dem Gebrauch des Lombardischen im Alltag assoziiert, auch dann nicht, wenn mit vollkommen Fremden gesprochen wird. Einige Radio- und Fernsehprogramme, besonders Komödien, werden gelegentlich von RTSI auf Lombardisch gesendet. Außderdem ist es nicht unüblich für Leute auf Lombardisch auf spontane Fragen zu antworten. Es gibt sogar Fernsehwerbung auf Lombardisch. Die wichtigste Forschungsinstution, die sich mit lombardischen Dialekten beschäftigt, (CDE - Centro di dialettologia e di etnografia, eine Einrichtung der (Kanton-)Regierung) liegt in Bellinzona. Im Dezember 2004 veröffentlichte das CDE das LSI, ein fünfbändiges Wörterbuch für alle lombardischen Varietäten, die in der Schweiz gesprochen werden.
In Italien
Das Lombardische wird heutzutage eher selten in Italien verwendet. Das liegt an einigen historischen und sozialen Gründen: Eine nicht normgerechte Varietät zu sprechen wird für ein Zeichen schlechter Bildung oder niederen sozialen Status gehalten und italienische Politiker rieten von der Verwendung des Lombardischen ab, wahrscheinlich weil das als ein Hindernis für den Versuch eine nationale Identität zu kreieren. Das ist auch eine der Gründe, warum es in Italien politisch umstritten ist einen Dialekt zu sprechen, wie zur Zeit die Lega Nord, die politische Partei, die das Lombardische am meisten unterstützt. Heutzutage sprechen in der italienischen Lombardei Leute unter vierzig Jahren fast ausschließlich die italienische Standardsprache im Alltag, da der Schulunterricht und das Fernsehen auf Italienisch sind. Lombardischsprecher werden fast immer auf Italienisch mit einem Fremden sprechen.
Die Beliebtheit von modernen Sängern, die in einer lombardischen Varietät singen, ist ein relativ neues Phänomen in der Schweiz und Italien. Der bekannteste dieser Sänger ist wahrscheinlich Davide Van de Sfroos.