Libido
Der Begriff der Libido (lateinisch libido: „Begehren, Begierde“, im engeren Sinne: „Wollust, Trieb) stammt aus der Psychoanalyse und bezeichnet jene psychische Energie, die Freud ursprünglich rein mit den Phänomenen der Sexualität verknüpfte, schließlich aber im Sinne einer universell wirkenden Quelle aller seelischen Regungen konzipierte. In den verschiedenen Richtungen der Psychologie gilt Libido als eine „allen psychischen Äußerungen zugrunde liegende[n] psychische[n] Energie“.[1] Darüber hinaus ging der Terminus als Synonym der sexueller Lust und des Begehrens ist dieser in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.
Psychoanalyse
Im Werk Sigmund Freuds nimmt der Begriff der Libido eine zentrale Stellung ein, ohne dass sich hierbei ein einheitlicher Gebrauch konstatieren lässt, da der Autor im Zuge der Entwicklung der Psychoanalyse nach und nach korrigierende und erweiternde Verdeutlichungen vorgenommen hat. In seinem frühen Werk ordnete Freud die Libido einenteils unter den Darwinschen Begriff der Arterhaltung und präzisierte diese überindividuelle Bedeutung im Sinne einer sexuellen Triebenergie, die sich in den Phänomenen des „Drängens“ bzw. Begehrens, des Wünschens und der genitalen Lust äußert. Dieser Ausrichtung stellte er die das Individuum anbetreffenden Selbsterhaltungstriebe zur Seite, deren Ausdrucksformen insbesondere der Hunger und die ihn stillende Nahrungsaufnahme sind. In seiner Arbeit Zur Einführung des Narzißmus (1914) wurde das Konzept der Ichlibido zur Diskussion gestellt, d.h. ein Bereich, bei dem sich die Triebenergie an der Entfaltung des Intellekts beteiligt, indem sie gewisse Vorstellungen (an deren Erzeugung Hormone sowie das neuronale Netzwerk des Gehirns physiologisch maßgeblich teilhaben) libidönos besetzt, oder sich aus den entsprechenden geistigen Inhalten auch wieder zurück zieht..[2]
Jenseits des Lustprinzips - ein Werk von 1920, mit dem die Metapsychologie Gestalt anzunehmen begann - steht die innere Unterscheidung der Libido nach zwei Aspekten: der des 'analytisch' zerlegenden Thanatos (auch Todestrieb genannt) gegenüber dem die 'synthetische' Zusammenführung der geeigneten Teile leistenden Eros (Lebenstrieb). 1921 fasste er in der Massenpsychologie und Ich-Analyse zusammen: Libido sei „die Energie solcher Triebe, welche mit all dem zu tun haben, was man als Liebe zusammenfassen kann.“ Dies bezieht sich durchaus auch auf die Liebe zur Wahrheit (Philosophie), welche nach ihrem klassischen griechischen Ideal Leib und Geist (Natur und Intellekt) einheitlich zu erfassen strebt.[3]
Die Libido äußert sich demnach nicht lediglich im Gebiet der Sexualität, sondern umfasst sämliche Lebensbereiche, etwa die kulturellen Tätigkeiten der Künste und wissenschaftlichen Forschung, welche der Autor als Sublimierung jener Energie auffasst, sofern sie nicht direkt etwa einem sexuellen Begehren (vgl. Balzgesänge) oder der Festigung sozialer Gemeinschaften dient. Dies ist nicht zuletzt der Fall durch die Psychoanalyse selbst, da ihr Kernstück: die Metapsychologie, den Entwurf eines umfassend fundierten Modells der Gesundheit anstrebt, ohne das es keine entsprechende Klarheit über die genaue Beschaffenheit und Herkunft der seelischen Erkrankungen gibt.
Ungeachtet dieser nach und nach vorgenommenen Verdeutlichungen ist es so, dass die am Beginn der Psychoanalyse stehende Definition der Libido als primär sexuelle Energie stark im Fokus der Freud-Kritiker blieb, was ihm von dieser Seite her den Vorwurf des „Pansexualismus“ eingetragen hat.
Nach Freuds Triebtheorie durchlaufen die Triebe in der Kindheit folgende verschiedene charakteristische Entwicklungsphasen: eine orale, anale, phallische (= ödipale), Latenz- und schließlich eine genitale Phase (siehe Triebtheorie). Während dessen werden der Reihe nach die entsprechenden Organe besonders erregbar und auch die dazugehörigen Ich-Repräsentanten (Bilder, Vorstellungen) mit der libidinösen Energie ausgestattet. Beim Säugling ist dies also der eigene Mund und als Ichrepräsentant auch die nährende Mutterbrust, welche ihrerseits eine sog Objektbesetzung erfährt. In der Latenzphase (ab ca. dem 7. bis 12. Lebenjahr) kommt es zu einer Art Pause der eigentlich um das 5. L.j. beginnenden Genitalphase: die Libido erregt jetzt vorwiegend den Intellekt, insbesondere den frontalen Neocortex als für die Gestaltung sozialer Vorstellungen zuständiges Organ.
Traumatische Einflusse während der Libidoentwicklung führen nach Freud zu psychischen Störungen; Psychoanalyse dient ihrer ärztlichen Untersuchung und dem Verordnen einer geeigneten Therapie.
Psychoanalytiker nach Freud
Gilles Deleuze und Félix Guattari definierten und verwendeten den Begriff Libido jedenfalls weiter als Sexualtrieb, z. B. als freie Energie, als Wunsch, als „Sexualenergie, die alles besetzt“. Auch die Sexualität sahen sie mehr als Energie denn als körperlich-genitales Verhalten.[4]
Analytische Psychologie
Carl Gustav Jung verstand in seiner Lehre der analytischen Psychologie unter der Libido allgemein jede psychische Energie eines Menschen. Anders als Freud sah Jung diese Kraft ähnlich wie das fernöstliche Konzept des Chi oder Prana an, also als allgemeines Streben-nach-Etwas.
Unterschiede zwischen Mann und Frau
Viele verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten Männer einen stärkeren sexuellen Trieb als Frauen haben, der anhand von Indikatoren wie spontane Gedanken über Sex, der Häufigkeit und Diversität sexueller Fantasien, bevorzugter Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs, bevorzugte Zahl der Sexualpartner, Masturbation, Vorlieben für verschiedene Sexualpraktiken, Bereitschaft, auf Sex zu verzichten und für Sex auf andere Dinge zu verzichten, Initiieren und Ablehnung von Sex und weiteren Indikatoren gemessen wurde. Laut einem Review von 2001 gibt es keine widersprechenden wissenschaftlichen Ergebnisse.[5]
Die Libido des Mannes ist sehr stark abhängig von der Produktion des männlichen Sexualhormones Testosteron. Bei Testosteronspiegeln unter 15 nmol/l ist ein Libidoverlust wahrscheinlicher; bei Spiegeln unter 10 nmol/l nimmt die Wahrscheinlichkeit von Depressionen und Schlafstörungen zu. Hitzewallungen und erektile Dysfunktion werden meist erst bei unter 8 nmol/l beobachtet.[6] Auch die weibliche Libido ist hormonabhängig. Viele Frauen berichten von regelmäßigen Schwankungen der Libido im Rahmen des Menstruationszyklus.
Libidinöse Dysfunktionen
Mangelnde Libido wird manchmal als Frigidität oder auch als sexuelle Appetenzstörung bezeichnet. Bei der erektilen Dysfunktion des Mannes mangelt es oft nicht an der Libido, sondern an der Erektionsfähigkeit trotz vorhandener Libido („Man will, kann aber nicht“).
Viele Krankheiten, darunter auch psychische und psychosomatische Erkrankungen, führen zu einem Libidomangel oder Libidoverlust, zum Beispiel:
- Depression
- Hypothyreose
- Hypogonadismus, Eunuchismus
- Testosteronmangel des Mannes, Effemination (Verweiblichung)
Auch verschiedene Medikamente können für einen Verlust der Libido verantwortlich sein, beispielsweise Trenbolon, Finasterid oder verschiedene Steroidhormone wie z. B. Levonorgestrel.
Einige Krankheiten führen zu einer übermäßig gesteigerten Libido, zum Beispiel:
- Manie
- leichte Hyperthyreose
- Syphilis im vierten Stadium, selten, aber in der Belletristik häufig beschrieben
- manche Medikamente und viele Drogen, die die Libido in die eine oder andere Richtung verändern.
Eine krankhaft gesteigerte Libido bezeichnet man auch als Sexsucht oder veraltet Nymphomanie (Frau) / Satyriasis (Mann).
Literatur
- Christina von Braun: Nicht ich. Logik, Lüge, Libido. Aufbau, Berlin 2009, ISBN 978-3-351-02672-1.
- David Schnarch: Die Psychologie sexueller Leidenschaft (Originaltitel: Passionate Marriage. Love, Sex, and Intimacy in Emotionally Committed Relationships, übersetzt von Christoph Trunk, Maja Ueberle-Pfaff). Piper, München/Zürich 2009, ISBN 978-3-492-25137-2.
- Edwin J. de Sterke: Doppelt ist die Freude. In: Michael Erler, Wolfgang Rother (Hrsg.): Philosophie der Lust. Studien zum Hedonismus. Schwabe, Basel 2011, ISBN 978-3-7965-2765-4.
Weblinks
- Lust ohne männliche Beteiligung. Die weibliche Libido ist nicht an den Spiegel der männlichen Geschlechtshormone gekoppelt wie bisher vermutet. Auf: wissenschaft.de vom 6. Juli 2005
- Lustvolles Erbe. Israelische Wissenschaftler glauben, einen Zusammenhang zwischen der sexuellen Erregbarkeit eines Menschen und seinem Erbgut gefunden zu haben. Auf: wissenschaft.de vom 31. Mai 2006
- YouTube-Video eines Vortrags von Helen Fisher zum Thema "Vom Wesen romantischer Liebe", gehalten am 12. Juli 1999 in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Englisch mit deutscher Übersetzung, 45 Minuten.
Einzelnachweise
- ↑ Libido, die. In: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Abgerufen am 5. August 2022.
- ↑ Sigmund Freud (1914): Gesammelte Werke. Band X, S. 141.
- ↑ Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke. 5. Auflage. Band 13. S. Fischer, 1967, S. 57 ff. (Nach Freuds später so genannter Metapsychologie führt dies zu einer explizit dualistisch angelegten Libido, wobei er sich auf Platons Mythos der von Zeus zerschnittenen (‚anakysierten‘) bezieht: Während die Wiederherstellung des gesunden Urzustandes dieser ‚Kugeln‘ den Lebenstrieben dieser universalen Energie zugerechnet wird (welche also synthetisierend wirken, wie das die Wiedervereinigung der Verliebten wechselseitig anstrebende Begehren), bringe der Akt der Zerschneidung den Aspekt der Todestriebe zum Ausdruck (den analytisch arbeitenden Destrudo). Somit unterscheidet der Autor seine Triebtheorie von der monistisch angelegt bleibenden Libido C. G. Jungs.).
- ↑ Deleuze/Guattari (1977): Anti-Ödipus. S. 349 ff.
- ↑ Roy F. Baumeister, Kathleen R. Catanese, Kathleen D. Vohs (2001): Is There a Gender Difference in Strength of Sex Drive? Theoretical Views, Conceptual Distinctions, and a Review of Relevant Evidence. Personality and Social Psychology Review 5: 242–273 (PDF; 202 kB), doi:10.1207/S15327957PSPR0503_5, abgerufen am 9. Januar 2019.
- ↑ Ärzte Zeitung, 28. April 2010, S. 15.