Quartier (Lübeck)

Die Quartiere waren die administrative Gliederung der Lübecker Altstadt vom Mittelalter bis in die Neuzeit.
Hintergrund
Der Ursprung der Quartiereinteilung lässt sich nicht mehr präzise bestimmen. Vermutlich wurde das Stadtgebiet - also die heutige Altstadt - bereits im 14. Jahrhundert aus verwaltungstechnischen Gründen in die vier Bezirke eingeteilt, die jeweils nach dem Schutzpatron einer im Quartier liegenden Kirche benannt wurden.
Die Quartiere bildeten über Jahrhunderte die Grundlage für nahezu alle Verwaltungsmaßnahmen. So war beispielsweise die jährliche Ermittlung und Erhebung des Schoßes, einer Einkommen- und Vermögensteuer, bei der auch der Wert von Immobilien taxiert wurde, quartierweise organisiert. In welchem Quartier sich der Wohnsitz eines Bürgers befand, bestimmte auch, in welcher Einheit der Bürgerkompanien er diente.
Sämtliche Häuser und Haushalte Lübecks waren eindeutig einem Quartier zugeordnet. Kirchliche Liegenschaften, auch (bis 1803) die Besitzungen des Domkapitels im Dombezirk, waren von der Einteilung ausgenommen und keinem Quartier zugehörig.
Das Quartiersystem hatte bis weit ins 19. Jahrhundert Bestand. Noch die um 1850 angebrachten und bis heute vorhandenen Straßenschilder nennen zum Teil zusätzlich zum Straßennamen das Quartier. Mit dem zunehmenden Flächenwachstum Lübecks über das Gebiet der Altstadtinsel hinaus verlor die Quartiereinteilung dann jedoch ihren Zweck, da sie nicht mehr die Mehrzahl der Stadtbewohner erfasste und für Verwaltungsaufgaben kein geeignetes Werkzeug mehr darstellte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam sie daher außer Gebrauch und verlor jede Bedeutung.
Die Namen der Quartiere werden traditionell nicht entsprechend den heutigen Rechtschreibregeln durchkoppelt; das Fehlen der Bindestriche ist eine Eigenheit ihrer Eigennamen.
Marien-Magdalenen Quartier
Das nach der Schutzheiligen des Burgklosters benannte Quartier im Nordwesten der Stadtinsel wurde begrenzt von Mengstraße, Breiter Straße, Kleiner Burgstraße, Kleiner Altefähre sowie dem heute An der Untertrave genannten Straßenzug am Hafenrand. Es handelte sich um ein ausgesprochenes Seefahrer- und Reisendenviertel, das durch zahlreiche Gasthäuser und Herbergen geprägt und zum Fernhandelshafen hin orientiert war. Es wird auf den historischen Straßenschildern teilweise „MMQ“ abgekürzt.
Marien Quartier
Im Südwesten des Stadtgebietes gelegen, wurde das nach der Marienkirche benannte Marien Quartier umschlossen von Mengstraße, Breiter Straße, Sandstraße, Klingenberg, Mühlenstraße, Musterbahn sowie dem heute An der Obertrave genannten Straßenzug am Ufer der Trave. Geprägt wurde das Quartier besonders von den hier ansässigen Flussschiffern, den Stecknitzfahrern.
Jakobi Quartier
Das im Nordosten der Stadt befindliche und nach dem Schutzheiligen der Jakobikirche benannte Quartier wurde umgrenzt von Breiter Straße, Kleiner Burgstraße, Hinter der Burg, Großer Burgstraße, Kaiserstraße und dem Straßenzug, der heute Wakenitzmauer heißt und der bis zum Bau des Elbe-Lübeck-Kanals bestehenden Uferlinie folgt. Das Jakobi Quartier war Hauptsitz der Leder- und Textilhandwerker sowie der Brauer.
Johannis Quartier
Das Johannis Quartier, benannt nach dem Schutzheiligen des Johannisklosters, umfasste den Südosten der Stadtinsel, begrenzt von Mühlenstraße, Klingenberg, Sandstraße, Breiter Straße, Johannisstraße, Bei St. Johannis, Fleischhauerstraße und An der Mauer. Im Quartier waren sowohl Kaufleute und Handwerker ansässig als auch Adlige, die hier zum Teil Anwesen auf größeren Grundstücken (Höfe) besaßen.
Sprachgebrauch heute
Auch heute noch wird der Begriff „-viertel“ zur geografischen Beschreibung von Teilen der Lübecker Altstadt im Sinne von Wohnviertel genutzt. Allerdings ist sind die so beschriebenen Viertel kleinteiliger geworden. Die Lübecker sprechen vom Domviertel, dem Petrikirchviertel, dem Gründer- oder Kaufmannsviertel, dem Ägidienviertel , dem Handwerkerviertel und dem Burgviertel.
Literatur
- Margrit Christensen: Kleinhäuser in Lübeck. Wachholtz 2006, ISBN 3-529-01325-0