Marktversagen ist ein Begriff aus der Wohlfahrtstheorie, einem Teilbereich der Volkswirtschaftslehre.
Der Marktbegriff wird in dieser Theorie als zweckgebundener Funktionsträger für die Ressourcenallokation modelliert. Unter Marktversagen wird dann diejenige Marktsituation verstanden, in der es einem sich selbst überlassenen Markt nicht mehr gelingt, die Ressourcen (u. a. Arbeit, Kapital) effizient zuzuteilen.
Diskurse außerhalb der Ökonomie lösen aus politischen oder soziologischen Motiven häufig den theoretischen Begriff Marktversagen aus seiner modellkonsistenten Bedeutung heraus oder behaupten das innerhalb der Ökonomie selbstreferentiell entwickelte Theoriemodell als allgemeingültige Realität, um dies mit den eigenen, entgegengesetzten Standpunkten zu konfrontieren.
Vorüberlegungen zum Modell
Durch den Preismechanismus kommt es in einem - modellhaft angenommenen - vollkommenen Markt normalerweise zu einem Marktgleichgewicht, das eine effiziente Allokation der Ressourcen herbeiführt.
Eine Situation wird dann als effizient bezeichnet, wenn sie pareto-optimal ist, d. h. es gibt keine Möglichkeit, die Ressourcen so zu verteilen, dass mindestens einer besser gestellt wird, jedoch nicht gleichzeitig jemand anders schlechter.
Voraussetzungen für die Herausbildung eines effizienten Marktgleichgewichts und der damit verbundenen effizienten Allokation sind:
- Es muss sich bei den betrachteten Märkten um Märkte mit vollständiger Konkurrenz handeln (keine Seite darf über Marktmacht verfügen),
- die Marktergebnisse dürfen nur Käufer und Verkäufer berühren, jedoch keine Dritten.
- Universalität: Alle knappen Güter sollten jemandem gehören.
- Exklusivität: Verfügungsrechte sollten ausschließbar sein.
- Transferierbarkeit: Verfügungsrechte sollten übertragbar sein.
Darüber hinaus müssen Käufer und Verkäufer über vollkommene Rationalität verfügen, Informationen müssen also kostenlos für beide Seiten verfügbar sein (und es darf keine Informationsasymmetrien geben).
Ursachen für Marktversagen
In der Realität liegen beide Grundannahmen oftmals jedoch nicht vor, durch die verschiedenen Abweichungen von einem vollkommenen Markt kann es auf verschiedene Weise zu einem Marktversagen kommen.
Asymmetrische Informationen
Wenn die potenziellen Vertragspartner in einem Markt nicht über gleiche Informationen verfügen, so kommt es nicht zu einer effizienten Ressourcenallokation. In Extremfällen kommt es zu einem vollständigen Marktzusammenbruch. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das Beispiel des Markts für Gebrauchtwagen, das sogenannte Lemons problem, das von George A. Akerlof entwickelt wurde. Es stellt einen Unterfall asymmetrischer Information, die sogenannten hidden characteristics dar:
Da Käufer von Gebrauchtwagen die Qualität der angebotenen Gebrauchtwagen (wenn überhaupt) nicht kostenlos beurteilen können, würden sie in einem Markt, in dem sowohl gute als auch schlechte ("Lemons") Gebrauchtwagen angeboten werden, zum Beispiel einen Erwartungswert für die Qualität des Autos bilden. (Wenn sie für einen guten Wagen 1.000 zahlen würden und für einen schlechten 200 und im Markt gleichviel gute und schlechte Wagen vorhanden sind, wären sie für einen unbekannte Wagen bereit, 600 zu zahlen). Dieser Preis liegt aber unter dem Reservationspreis (einiger) der Anbieter guter Wagen. Diese Anbieter sind nicht bereit zu diesem Preis zu verkaufen und werden den Markt verlassen. Damit werden systematisch die Anbieter guter Gebrauchtwagen aus dem Markt gedrängt, so dass am Ende nur noch schlechte Gebrauchtwagen angeboten würden. (Vgl. Akerlof, G. A.: The Market for "Lemons", in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 89 (1970), S. 488-500.)
In diesem Fall bricht der Markt vollständig zusammen. Man kann den Zusammenbruch zwar verhindern, dies verursacht aber Kosten, so dass die optimale Lösung des vollkommenen Marktes nicht erreicht wird. Die Beseitigung oder Abmilderung der Informationsasymmetrie verursacht dabei Kosten (z. B. TÜV-/DEKRA-Siegel für Gebrauchtwagen, umfangreiche Probefahrten). Auch in den anderen Fällen asymmetrischer Information kommt es zu einer Abweichung von der effizienten Lösung bei vollständiger Information, im Rahmen der Prinzipal-Agent-Theorie werden diese Kosten als Agenturkosten bezeichnet.
Öffentliche Güter
Von Marktversagen spricht man auch, wenn der freie Markt ohne Zutun eines Regulators Güter nicht bereitstellen würde, für die zwar insgesamt eine hinreichend große Zahlungsbereitschaft vorhanden wäre, man sich jedoch individuell der Zahlungspflicht entziehen möchte. Dies trifft vor allem für bestimmte öffentliche Güter zu. Öffentliche Güter sind durch (weitgehende) Nichtrivalität im Konsum gekennzeichnet. So ist zum Beispiel die Landessicherheit ein öffentliches Gut - jeder profitiert davon, jedoch würde jeder versuchen, sich den Verteidigungsausgaben zu entziehen und die Finanzierung den anderen zu überlassen. Der Anreiz, Trittbrettfahrer zu sein, ist umso größer, je größer die betroffene Gruppe ist. Ohne Regulierung (in diesem Falle durch den Staat) käme es nicht zur Organisierung der Verteidigung.
Aber auch wenn der Anbieter eines bestimmten öffentlichen Guts die Nutzer von der Nutzung ausschließen kann (Trittbrettfahrer verhindern kann, zum Beispiel einen Park einzäunt), kommt es nicht zu einer effizienten Lösung. Da bei einem puren öffentlichen Gut (keine Verstopfungsproblematik wie bei Straßen) die Grenzkosten der Bereitstellung Null sind, ist der effiziente (markträumende) Gleichgewichtspreis Null. Jeder höhere Preis schließt Nutzer aus, die bereit wären, für die Nutzung des öffentlichen Guts etwas zu bezahlen, aber eben nicht soviel, wie verlangt wird.
Externe Effekte
Eine, angesichts wachsender Probleme durch zunehmende Umweltverschmutzung wichtiger werdende Ursache, durch die es zu Marktversagen kommen kann sind externe Effekte, also alle Fälle, in denen das Handeln der Marktteilnehmer (negative oder positive) Auswirkungen auf andere hat (beispielsweise also die Abgase des Autofahrens (negativ) oder die Verschönerung eines Gebäudes, die auch die umliegenden Gebäude aufwertet (positiv)). Die Interessen dieser Dritten werden von den am Markt handelnden Parteien nicht berücksichtigt, so dass die Zuteilung der Ressourcen volkswirtschaftlich betrachtet nicht mehr effizient ist: Da die Auswirkungen auf Dritte, die sich nicht wehren können, nicht in das Preiskalkül von Anbieter und Nachfrager einbezogen werden, haben sie keinen Einfluss auf den Preis, auch wenn die Dritten bereit wären, Geld für den Nichtabschluss (negative externe Effekte) oder Abschluss (positive externe Effekte) zu bezahlen.
Allerdings kann durch das Coase-Theorem gezeigt werden, dass es unter engen Voraussetzungen (klare Zuordnung von Eigentums- bzw. Verfügungsrechten, vollständige Rationalität, keine Transaktionskosten) zu Verhandlungen am Markt kommt, die zu einer Internalisierung (= Mitberücksichtigung) der externen Effekte durch die Marktteilnehmer führen. Nicht möglich sind diese Verhandlungen jedoch mit Marktteilnehmern, die es noch garnicht gibt, aber zu denen Kosten (z.B. den für Umgang mit Nuklearmüll) in die Zukunft externalisiert wurden.
Marktmacht (Monopole)
Daneben existieren in der Realität Monopole, die in der Lage sind, die Marktpreise zu bestimmen. Ein gewinnmaximierender Monopolist bietet nicht mehr zu Grenzkosten an, sondern zu überhöhten Preisen, so dass bestimmte Nachfrager vom Konsum ausgeschlossen werden.
Unumkehrbarkeit
Irreversibilität von Prozessen, die Marktteilnehmer nach marktinternen Kriterien als Marktversagen definiert haben, kann es notwendig werden lassen, dass der Markt als offenes System marktfremde Interventionen dulden muss.
Konkretes Beispiel: Gentechnisch modifizierte Pflanzen. Ob der Markt sie annimt oder nicht, wird nicht nur Marktmechanismen überlassen. Mit gesetzlichen Maßnahmen werden Beschränkungen durchgesetzt, die eine unumkehrbare Ausbreitung der gentechnisch modifizierter Pflanzen verhindern sollen. Aussagen, dass das nicht zu verhindern sei, können ein Hinweis darauf sein, dass sich die Menschen der durch Irreversibilität gesetzten Grenzen der Selbstregulierungsmechanismen des Marktes bewusst sind - und diese Grenzen sogar nutzen können, um Marktversagen zu ihren Gunsten herbeizuführen. Denn Unumkehrbarkeit bietet die Möglichkeit, den Unterschied
- zwischen der Theorie des sich selbst regeln könnenden Marktes
- und der Praxis des Schaffens unumkehrbarer Tatsachen
zur nicht korrigierbaren Änderung der Spielregeln im Markt zu nutzen.
Im konkreten Fall wurde beispielsweise die Ausbreitung (z.B. durch Wind) gentechnisch modifizierter Pflanzen ursprünglich als sicher beschränkbar behauptet. Beobachtet wurde inzwischen jedoch über viele Kilometer erfolgender Pollenflug. Ein weiterer Hinweis auf Ansätze, die Selbstregulierung des Marktes trotz des Werbens für den freien Markt zu unterlaufen und somit Martversagen zu begünstigen, sind Versuche, die Möglichkeiten der Kunden einzuschränken, sich über pflanzliche Erzeugnisse zu informieren.
Beispiele für Marktversagen
Im Zuge der Liberalisierung und Privatisierung des kalifornischen Energiemarktes im Jahr 2000 führte ein undurchschaubares Netzwerk von Firmen und Tochterfirmen zur prinzipiellen Möglichkeit, die Marktpreise zu manipulieren, was von einigen Strommaklern wie Enron konsequent ausgenutzt wurde. Der Staat Kalifornien musste Mehrkosten von 43 Milliarden Dollar ausgleichen, es kam zu häufigen Stromausfällen, der Enron-Konzern wurde aufgrund eines Buchführungsskandals zerschlagen und war die größte Insolvenz in der Geschichte der USA. (Siehe auch: "Enron's Long Shadow" von Christopher Westley)
Verhinderung von Marktversagen
Dem Staat kann die Aufgabe zugewiesen werden, Marktversagen zu erkennen und ggf. regulierend einzugreifen. So kann der Staat die Bildung von Monopolen, Kartellen oder Preisabsprachen durch Kartellgesetze verhindern (vgl. Bundeskartellamt), oder bei einem natürlichen Monopol den Monopolisten in der Festsetzung seiner Preise kontrollieren oder selbst als Anbieter in Erscheinung treten. Weiter kann der Staat beispielsweise externe Effekte wie Umweltverschmutzung internalisieren, also in das Marktgeschehen mit einbeziehen, indem er dem Produzenten Steuern auf den Ausstoß von Umweltgiften auferlegt (Pigou-Steuer). Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass der Staat nur bei Marktversagen eingreifen sollte. Weitergehende Eingriffe würden demnach das Marktgeschehen unnötig belasten, da Märkte in ihren selbstregulierenden Prinzipien gestört würden. Weiter gehende Eingriffe werden z.B. mit dem Aufbau eines Sozialsystems begründet. Ein Eingreifen des Staates kann andererseits zu Staatsversagen führen, insbesondere da der Staat meist nicht über mehr Informationen verfügt als die Marktteilnehmer. Der Staat kann daher die ihm zur Verfügung stehenden Mittel des Eingreifens sorgfältig auswählen. Ein unter Wirtschaftswissenschaftlern beliebtes Beispiel stellt der Emissionsrechtehandel dar. Statt Umweltverschmutzung (negative externe Effekte) komplett zu verbieten, oder mit staatlichen Quoten zu arbeiten, wird eine Lösung angestrebt, die den effizienzsteigernden Marktmechanismus in die Internalisierung der externen Effekte implementiert.
Ethische Aspekte
Das wirtschaftstheoretische Verständnis von Marktversagen und seiner Behebung widerspricht jedoch in manchen Bereichen der Vorstellung der Menschen, da es viele Bereiche nicht thematisiert, die umgangssprachlich als Marktversagen bezeichnet werden. Beispielsweise wäre ein freier Markt nicht in der Lage, der ganzen Bevölkerung eine gute Gesundheitsversorgung zu garantieren, da der ärmere Teil der Bevölkerung nicht in der Lage ist, für diese Versorgung zu bezahlen. Hier liegt aber kein Fall des Marktversagens vor, da die Ressourcenverteilung effizient ist (Die Situation ist pareto-optimal, da niemand besser gestellt werden kann (ein armer Mensch wird versorgt), ohne dass jemand anderes schlechter gestellt wird (ein anderer muss dafür zahlen)).
Insbesondere die von vielen Menschen gewünschte soziale Gerechtigkeit wird von dem hier als Maßstab zu Grunde liegenden Pareto-Prinzip nicht thematisiert. Der bekannte und umstrittene Wirtschaftsethiker Peter Ulrich spricht daher daneben von einem vitalpolitischem Marktversagen, wenn der Markt nicht die von der Bevölkerung erwünschten Resultate produziert. Diesem Konzept fehlt es aber an theoretischer Präzision, da keine eindeutigen Kriterien benennbar sind, die ein Eingreifen erforderlich machen und überdies unklar bleibt, ob Eingriffe hier erfolgreich sein können.
Marktversagen als politischer Begriff
Es muss konzediert werden, dass alle Arten von "Marktversagen" immer nur Theorien der neoklassischen Ökonomie sind, die nur innerhalb bestimmter Voraussetzungen zutreffen. Diese Voraussetzungen müssen nicht in der Realität auftreten, sondern sie können und sie können ebensogut wieder verschwinden. Der Markt ist ein offener Prozess. Das Begehren dieses Aufkommen von Ineffizienz mittels staatlichen Einschreitens zu minimieren, ist aus dieser Sicht ein hoffnungsloses Unterfangen, da dem Staat die Bewertungen abgehen, die der Markt von selbst gegen die Ineffizienzen richten würde ( Siehe auch: "The Myth of Efficiency" von Murray N. Rothbard).
In der gegenwärtigen Ära kommen verstärkt liberale Absichten, Freihandel-Ideen und auch die Konzepte des Neoliberalismus zu Wort. In diese Kerbe schlagen einige, die "marktorientierte Lösungen" vorschlagen, um Marktversagen zu beheben und auch zu vermarkten (Kommodifizierung): Sie verwerfen etwa die Idee, dass Regierungen eine Strafe für das Verschmutzen der Luft vorschreiben, sondern Verkaufen das Recht Luft zu verschmutzen ( Emissionshandel, Internalisierung von externen Kosten). Häufig sind Firmen in anderen Industrien bereit, solche Erlaubnis zu kaufen und somit hat die Regierung einen künstlichen Markt für Verunreinigungsrechte erschaffen.
Unterdessen sieht die marxistische Schule der Volkswirtschaft Marktversagen als zugehörige, wenn auch nicht zwingend weitverbreitete, Eigenschaft jeder möglicher kapitalistischen Volkswirtschaft. Es sollte angemerkt werden, dass, obgleich Marxisten für die Aufhebung von Kapitalismus argumentieren, sie selten Marktversagen in ihre Argumentation einbeziehen. Sie sehen den "vollkommenen Markt" (einer ohne Marktversagen) nicht als vernüftiges Ziel, während kapitalistische Ausbeutung, Klassenkämpfe und Wirtschaftskrisen mit einem "vervollkommen" Märkte bestehen. Selbst wenn sie dieses Thema besprechen, meinen sie, dass die Regierungen häufig mit denen, die von Marktversagen profitieren (Umweltverschmutzer, Monopolisten u.a.) Bündnisse bilden; die Regierung sei nicht ein neutraler Vermittler von technokratischen Lösungen. Nur populärer Druck auf der Regierung und den Firmen, die vom Marktversagen profitieren, könne zum Erfolg führen, um die Missbräuche im Kapitalismus zu verringern.
Globalisierungskritiker, unter ihnen auch Attac schlagen vor, dass bestimmte öffentliche Güter (Gesundheit, Infrastruktur bei Trinkwasserversorgung) per se nicht für eine Vermarktlichung geeignet sind und sehen sich durch Marktversagen in dieser Annahme bestätigt.
Siehe auch
Literatur
- Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, (Marktversagen: S.228), 1988, ISBN 3-518-28752-4
- Michael Fritsch, Thomas Wein und Hans-Jürgen Ewers: Marktversagen und Wirtschaftspolitik: mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns. 5. Auflage. Verlag Vahlen, München 2003. ISBN 3-8006-2943-7
- Akerlof, G. A.: The Market for "Lemons", in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 89 (1970), S. 488-500.
- Ulrich, Peter: Integrative Wirtschaftsethik – Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, 2., durchgesehene Auflage, Bern, Stuttgart, Wien: Paul Haupt, 1998.
- Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht, 2005, ISBN 3888973856
- Michael Perelman: The Perverse Economy - The Impact of Markets on People and the Environment, 2003, ISBN 1403962715