Homo oeconomicus

theoretisches Modell einer Person, die mit ihrem Handeln den größtmöglichen Nutzen für sich erreicht
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Unter dem Konzept des Homo oeconomicus versteht man einen „Idealtyp“ eines Menschen, der so kein Gegenbild in der Realität hat. Dieser vollführt seine Handlungen allein nur auf der Basis der ihm vorliegenden Informationen und trifft dabei seine Entscheidungen streng wirtschaftlich rational denkend: Alles was er tut, ist auf die Maximierung seines persönlichen Nutzen auf Basis rationaler Überlegungen ausgerichtet.

Der Begriff ist eine humoristische Anspielung auf die aus der Biologie stammende Bezeichnung Homo sapiens.

Es handelt sich um ein stark vereinfachtes Modell menschlichen Handelns. Andere Modelle, die weitere Aspekte des menschlichen Verhaltens in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften beschreiben, sind z.B. der

Homo oeconomicus in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

In den Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften, zentral in der Neoklassischen Theorie, werden Ansätze, die in ihren Grundannahmen auf das Modell des Homo oeconomicus aufbauen, als Rational-Choice-Ansätze bezeichnet.

In den Wirtschaftswissenschaften werden die Akteure in der Regel als egozentrische Nutzenmaximierer modelliert, das heißt, es werden sehr spezifische Annahmen über die Präferenzen des Homo oeconomicus gemacht. Dies wird für viele Fragestellungen, in denen widerstreitende Interessen auftreten, als sachgerechte und praktikable Vereinfachung akzeptiert. Insbesondere die experimentelle Ökonomik und die Evolutions- und Verhaltensökonomik, befassen sich mit beschränkt rationalen Verhaltensmustern des Menschen, deren Gründe unter anderem in der Komplexität der Entscheidungssituationen (Informationsbewertung, Bildung von Zukunftserwartungen etc.) liegen. Ralf Dahrendorf hat analog dazu für seine Rollentheorie den Begriff Homo sociologicus geprägt und verwendet.

Der Homo oeconomicus wird oftmals als unsoziales oder amoralisches Wesen gesehen. Auch Täuschung und Betrug liegen innerhalb des Spektrums rationaler Handlungsweisen zum eigenen Vorteil. Jedoch lassen sich auch nicht-egozentrische Präferenzen modellieren; das allgemeine Konzept des Homo oeconomicus nimmt Präferenzen als gegeben hin und macht keine Annahmen über ihren konkreten Inhalt.

Der Sinn des Konzepts des Homo oeconomicus liegt darin, dass man eine Annahme macht, wie sich bspw. ein Geschäftsmann, ein Kunde oder sonst ein wirtschaftlich handelnder Mensch unter bestimmten wirtschaftlichen Bedingungen (z.B. Marktbegebenheiten) verhalten wird. Damit lässt sich der „Faktor Mensch“ und sein Handeln im Wirtschaftsgeschehen besser fassen und einkalkulieren (z.B. für die Herstellung und den Verkauf von Produkten).

Geschichte

Der englische Ausdruck economic man findet sich zuerst 1888 in John Kells Ingrams „A History of Political Economy“; den lateinischen Term homo oeconomicus benutzte wohl zum ersten Mal Vilfredo Pareto in seinem „Manual of Political Economy“ (1906).

Eduard Spranger benutzt in seinem Buch Lebensformen (1914) den Ausdruck Homo oeconomicus für die behauptete Grundtendenz von Menschen, das Leben nach rein wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Spranger erweitert dies um mehrere Grundtypen, von denen der Homo oeconomicus eine ist: der theoretische Mensch, der ökonomische Mensch, der ästhetische Mensch, der soziale Mensch, der Machtmensch und der religiöse Mensch.

„Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung.“ (S. 148). [...]
„Reichtum ist Macht. Der ökonomische Mensch entfaltet zunächst Macht über die Natur, ihre Stoffe, Kräfte, Räume und die technischen Mittel zu ihrer Bewältigung. [...] Mehr haben wollen als der andere, ist eine in der gesellschaftlichen Wirtschaft sich immer wieder von selbst bildende Willensrichtung. Wirtschaftliches Machtstreben erscheint also in der Form der Konkurrenz; sie herrscht von den einfachsten Stufen an und kann nur mit dem wirtschaftlichen Motiv selbst ausgerottet werden.“ (S. 153/154)
„Die Macht des Geldes beruht auf seiner Motivationskraft für Menschen; sie setzt also wieder ökonomisch gerichtete Naturen voraus. Und gleich als ob man beflissen wäre, dies schon im voraus anzuerkennen, gibt Geld heute auch dann Ansehen, wenn man es nicht selbst erworben hat und weder durch seinen Fleiß noch durch seine Klugheit daran beteiligt ist.“ [...] „Der wirtschaftliche Wert ist für diese Art von Menschen selbst schon der höchste Wert.“ (S. 155).

Heute

Mit der Etablierung der experimentellen Wirtschaftsforschung wurde das Konzept des Homo oeconomicus in den vergangen Jahren immer häufiger experimentell überprüft. Dabei zeigte sich, dass unter gewissen eng definierten Laborbedingungen dieses Konzept manchmal als eine geeignete Prognose für tatsächliches menschliches Verhalten herangezogen werden kann. In zahlreichen anderen Versuchen konnte diese Verhaltenshypothese jedoch nicht bestätigt werden.

Zur Erklärung des beobachten Laborverhaltens wird in diesen Fällen das Homo-oeconomicus-Modell häufig erweitert. Diese Erweiterungen beziehen sich dabei häufig auf die Nutzenfunktion, welche beispielsweise das Verhalten anderer Akteure mit berücksichtigt. Der Homo oeconomicus reciprocans ist eine solche Modellerweiterung.

Kritik

Das Modell des ausschließlich rationalen Homo oeconomicus kann auch als Menschenbild aufgefasst werden. Von Kultur, Philosophie und vielen Ökonomen wird dieses Menschenbild als eindimensional zurückgewiesen: Die Geschichte, die Psychologie, die Kunst, die Religion, Anthropologie und Ethnologie würden Gegenbeispiele genug liefern. Neuere ökonomische Ansätze, die nicht vom Vorliegen eines Homo oeconomicus ausgehen, werden dem Fachgebiet der Verhaltensökonomie zugerechnet.

Der Mensch sei keine egoistische, gefühlskalte, rein rationale Maschine und erst recht nicht allwissend. Vor allem in der Soziologie wird die Bedeutung von Normen und Werten für das menschliche Handeln betont. Zusammenfassende Kritiken finden sich in fast jedem Einführungsbuch zur Soziologie.

Siehe auch

Literatur

  • Gebhard Kirchgässner: Homo oeconomicus - Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Tübingen 1991.
  • Helmut Woll: Menschenbilder in der Ökonomie, München 1994
  • Reiner Manstetten: Das Menschenbild in der Ökonomie - Der homo oeconomicus und die Anthropologie von Adam Smith. Freiburg 2002.
  • Dietz, Alexander: Der homo oeconomicus. Gütersloh 2005.
  • Persky, J. (1995): Retrospectives: The ethology of Homo economicus, Journal of Economic Perspectives, 9(2), 221-231.
  • Stefan Zabieglik (2002): The Origins of the Term Homo Oeconomicus, in: Janina Kubka, Economics and Values, Gdansk, 123-131.
  • Joseph Vogl Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen. Zürich/ Berlin (2004). diaphanes.
  • Verena von Nell, Klaus Kufeld (Hg.): Homo oeconomicus. Ein neues Leitbild in der globalisierten Welt? Reihe: Forum Philosophie & Wirtschaft, Bd. 1, 2006.
  • Lüdemann, Jörn: Die Grenzen des homo oeconomicus und die Rechtswissenschaft, in: Chr. Engel u.a. (Hrsg), Recht und Verhalten, Tübingen 2006 (im Ersch.), S. 7 ff.