Amor als Nachtigallenfütterer
Im Schloss und Park Tiefurt nahe Weimar befindet sich an einem kleinen Platz, den 1782 Herzogin Anna Amalia 1782 anlegen ließ, eine Skulptur Amor als Nachtigallenfütterer. Amor füttert die Nachtigall mit dem Liebespfeil. Es geht um die Liebe und ihre Gefahren. Der Entwurf oder die Idee wird Adam Friedrich Oeser zugeschrieben.[1]
Die Textgeschichte der darunter befindlichen Inschrift gestaltet sich etwas kompliziert.
Auf dem auf der Postkarte dargestellten Sockel[2] ist zu lesen (orthographisch leicht korrigiert):
Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen, Kindisch reichte der Gott, dir mit dem Pfeile die Kost Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle, Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomene das Herz.
Die offenbar nachgefertigte Inschrift ist leicht abgewandelt von dem von Goethe gedichteten Distichon Philomele aus dem Jahr 1782, die 1785 im Erstdruck erschien unter dem Titel: Auf eine Bildsäule im Garten zu Weimar, welche eine Nachtigall vorstellt, die von einem Amor geätzt wird.[3] Diese lautet:
Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen, Kindisch reichte der Gott, dir mit dem Pfeile die Kost Schlürfend saugtest du Gift in die harmlos athmende Kehle, Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomene das Herz.
Es gibt aber auch die Titelvariante: Der Nachtigall[4]. In einem Brief vom 26. Mai 1782 schrieb er deren erste Fassung an Charlotte von Stein, die von beiden genannten Fassungen ebenfalls abweicht.
Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen, Kindisch reichte der Gott, dir mit dem Pfeile die Kost Damals saugtest du schlürfend den Gift in die liebliche Kehle, Denn wie Cypriens Sohn trifft trifft Philomene das Herz.[5]
In Wahrheit hatte Goethe den Vers keinen singenden Vogel gewidmet, sondern einer besonderen Philomele, nämlich Corona Schröter. Corona Schröter hatte zu Tiefurt ebenso wie zu Goethe auch eine besondere Beziehung.[6][7] Mit dem die Nachtigall fütternden Amor könnte Goethe sich selbst gemeint haben, da er Corona Schröter 1776 nach Weimar geholt hatte.
Bei dem Vers wie auch dem Motiv wurde auf antike mythologische Vorbilder zurückgegriffen.[8] Die heute titellose Fassung wurde so 1971 angebracht, wie sie heute sich darstellt. Darunter wie in einer kleinen Grotte befindet sich eine Ruhebank.[9] Das Denkmal an sich schuf 1784 der Hofbildhauer Martin Gottlieb Klauer mit der Figur zum ersten Mal[10], die ab 1796 in Ton gebrannt bzw. in Porzellan, von seiner Werkstatt vervielfältigt wurde.[11] Die heute sichtbare Figur ist den Angaben der Klassikstiftung Weimar nach eine Kopie des Klauer'schen Originals.[12]
Das Motiv Amor als Nachtigallenfütterer findet sich auch in anderen Parkanlagen wie u. a. im Schlosspark Dieskau. Im Falle des Schlossparkes Dieskau ist es eine Kopie der Klauerschen Figur. Der Bildhauer Ulrich Janku stellte diese 2007 her. Ein solches Distichon ist dort an dem Postament jedoch nicht angebracht worden.
Eine ähnliche Figur gibt es auch im Schlosspark von Belvedere bei Weimar. Diese Figur ist im Unterschied zur Tiefurter aber mit Flügeln versehen und füttert den Vogel direkt aus der Hand und benutzt nicht den Liebespfeil. Der Abschnitt des Schlossparkes innerhalb des Russischen Garten wird auch Amorgarten genannt.[13]
Der Amor als Nachtigallenfütterer steht auf der Liste der Kulturdenkmale in Tiefurt.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Susanne Müller-Wolff: Ein Landschaftsgarten im Ilmpark: Die Geschichte des herzoglichen Gartens in Weimar, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 99 Anm. 64. ISBN 978-3-412-20057-2.
- ↑ Dieses ist umgestaltet worden. Um den ehemaligen Sockel sind Brucksteine geschichtet, auf denen die Amorstatue ruht.
- ↑ http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Gedichte
- ↑ im 22. Stück des Journal von Tiefurt erschien ein Gedicht: An die Nachtigall, ohne dass der Urheber sicher hätte identifiziert werden können. Vermutlich war es Goethe selbst. Das Journal von Tiefurt, Hg. Eduard von der Hellen, Einleitung Bernhard Suphan. Reihe: Schriften der Goethe-Gesellschaft, 7. Weimar 1892 Digitalisat S. 169.
- ↑ Darauf verweist Peter Braun: Corona Schröter:Goethes heimliche Liebe, Artemis&Winkler, Düsseldorf und Zürich 2004, S. 74.
- ↑ Friedrich Menzel: Schloss Tiefurt. Nationale Forschungs- u. Gedenkstätten der Klassischen Deutschen Literatur, Weimar 1978, S. 30 f.
- ↑ Gerhard R. Kaiser: Tiefurt : Literatur und Leben zu Beginn von Weimars großer Zeit, Wallstein-Verlag Göttingen 2020, S. 250 f. ISBN 9783835336599
- ↑ Zu Philomene ist zu verweisen auf Ovid: Ovid: Metamorphosen, VI, 438-674.
- ↑ Rita Dadder: Tiefurter Park - Ein Herbstspaziergang
- ↑ Susanne Müller-Wolff: Ein Landschaftsgarten im Ilmpark: Die Geschichte des herzoglichen Gartens in Weimar, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007, S. 99 Anm. 64. ISBN 978-3-412-20057-2
- ↑ https://www.heidecksburg.de/cms/pages/posts/-amor-als-nachtigallenfuetterer--von-g.m.-klauer-1796-61.php
- ↑ Audioguide Tiefurt - Schloss und Park von der Klassik Stiftung Weimar
- ↑ Gert-Dieter Ulferts u. a.: Schloß Belvedere: Schloß, Park und Sammlung. Deutscher Kunstverlag, München-Berlin-Weimar 1998, S. 33 f.
Koordinaten: 50° 59′ 39,72″ N, 11° 22′ 3,94″ O