„Wahhabiten“ – Versionsunterschied
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Der Begründer Muhammad ibn Abd al-Wahhab stammte aus der Oasenstadt Uyaina im [[Nadschd]] (Zentralarabien). Er studierte in [[Bagdad]] den islamischen Rechtsgelehrten Ahmad Ibn Hanbal, der sich im 8. und [[9. Jahrhundert]] gegen die Islamische Wissenschaft wandte und einen einfachen, unanfechtbaren Islam forderte, den die Menschen verstehen könnten, ohne komplexe Systeme der Erforschung der Propheten Aussprüche, genannt Ahadith. Somit leugnete er die restlichen Islamischen Gelehrten des traditionellen Sunnitentums. Der Koran sollte als monolithisches Werk des Himmels gelten, dem Menschen nichts hinzufügen dürften. Abduhl Wahhab fasste diese Lehren im ''Buch der Einheit'' (arabisch ''kitab at-tauhid'') zusammen, das eine einfache Natur Gottes und seiner Offenbarung verkündete. Die Anhänger Wahhabs nennen sich selbst deshalb ''Unitarier'' (arabisch ''al-Muwahhidun''). |
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Abd al-Wahhab übernahm auch die Lehren Ibn Taimiyas, eines anderen Schülers Hanbals, der im [[14. Jahrhundert]] lebte. Taymiya wandte sich gegen eine Schwächung des Islam durch fremde Einflüsse. Er geißelte die [[Logik]] und die empirische Wissenschaft [[Griechenland]]s sowie die islamische [[Mystik]], die er für ein feindliches, dem christlichen Glauben entlehntes Element hielt. |
Abd al-Wahhab übernahm auch die Lehren Ibn Taimiyas, eines anderen Schülers Hanbals, der im [[14. Jahrhundert]] lebte. Taymiya wandte sich gegen eine Schwächung des Islam durch fremde Einflüsse. Er geißelte die [[Logik]] und die empirische Wissenschaft [[Griechenland]]s sowie die islamische [[Mystik]], die er für ein feindliches, dem christlichen Glauben entlehntes Element hielt. Ibn Taimiya wurde später in den Kerker geworfen auf Mehrheitsbeschluss der Sunnitischen Gelehrten, da seine Ansicht dem Sunnitentum stark widersprach. |
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Wahhabiten betrachten sich als die einzig wahren Muslime. Sie lehnen alle anderen Richtungen des Islam, insbesondere den [[Sufismus]] (islamische [[Mystik]]) und die [[Schia]], ab. Bezüglich des Sufismus sei erwähnt, daß bis heute (Stand: 2005) in Saudi-Arabien die [[Todesstrafe]] ausgesprochen wird, sollte sich ein Sufi-[[Sheikh]] als solcher benennen. |
Wahhabiten betrachten sich als die einzig wahren Muslime. Sie lehnen alle anderen Richtungen des Islam, insbesondere den [[Sufismus]] (islamische [[Mystik]]) und die [[Schia]], ab. Bezüglich des Sufismus sei erwähnt, daß bis heute (Stand: 2005) in Saudi-Arabien die [[Todesstrafe]] ausgesprochen wird, sollte sich ein Sufi-[[Sheikh]] als solcher benennen. Diese Haltung wurde wie erwähnt von den traditionellen Sunniten nicht eingehalten, da viele Große Gelehrte der Sunniten ebenfalls Sufi Scheichs bzw. Sufis waren. |
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== Geschichtliche Entwicklung == |
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Version vom 19. April 2005, 14:52 Uhr
Die Wahhabiten sind Anhänger einer strengen Richtung des sunnitischen Islam. Als Begründer gilt Scheich Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert im heutigen Saudi-Arabien lebte. Wahhabiten wenden sich gegen jeden fremden Kultureinfluss und unabhängige Wissenschaft. In konservativer Auslegung dürfen Frauen kein Auto steuern, sind ihnen Gesang und Parfüm, selbst Blumentöpfe verboten. Das vielfältige orientalische Kulturerbe ist ihnen suspekt.
Ursprung und Lehre
Der Begründer Muhammad ibn Abd al-Wahhab stammte aus der Oasenstadt Uyaina im Nadschd (Zentralarabien). Er studierte in Bagdad den islamischen Rechtsgelehrten Ahmad Ibn Hanbal, der sich im 8. und 9. Jahrhundert gegen die Islamische Wissenschaft wandte und einen einfachen, unanfechtbaren Islam forderte, den die Menschen verstehen könnten, ohne komplexe Systeme der Erforschung der Propheten Aussprüche, genannt Ahadith. Somit leugnete er die restlichen Islamischen Gelehrten des traditionellen Sunnitentums. Der Koran sollte als monolithisches Werk des Himmels gelten, dem Menschen nichts hinzufügen dürften. Abduhl Wahhab fasste diese Lehren im Buch der Einheit (arabisch kitab at-tauhid) zusammen, das eine einfache Natur Gottes und seiner Offenbarung verkündete. Die Anhänger Wahhabs nennen sich selbst deshalb Unitarier (arabisch al-Muwahhidun).
Abd al-Wahhab übernahm auch die Lehren Ibn Taimiyas, eines anderen Schülers Hanbals, der im 14. Jahrhundert lebte. Taymiya wandte sich gegen eine Schwächung des Islam durch fremde Einflüsse. Er geißelte die Logik und die empirische Wissenschaft Griechenlands sowie die islamische Mystik, die er für ein feindliches, dem christlichen Glauben entlehntes Element hielt. Ibn Taimiya wurde später in den Kerker geworfen auf Mehrheitsbeschluss der Sunnitischen Gelehrten, da seine Ansicht dem Sunnitentum stark widersprach.
Wahhabiten betrachten sich als die einzig wahren Muslime. Sie lehnen alle anderen Richtungen des Islam, insbesondere den Sufismus (islamische Mystik) und die Schia, ab. Bezüglich des Sufismus sei erwähnt, daß bis heute (Stand: 2005) in Saudi-Arabien die Todesstrafe ausgesprochen wird, sollte sich ein Sufi-Sheikh als solcher benennen. Diese Haltung wurde wie erwähnt von den traditionellen Sunniten nicht eingehalten, da viele Große Gelehrte der Sunniten ebenfalls Sufi Scheichs bzw. Sufis waren.
Geschichtliche Entwicklung
Die Vorstellungen Ibn Abd al-Wahhabs fanden keine Resonanz bei den sunnitischen Gelehrten seiner Zeit. Es folgte die Verbannung in seine Heimatstadt. Dort ergab sich ein religiös-politisches Bündnis zwischen Ibn Abd al-Wahhab und Muhammad ibn Saud, einem aufstrebenden Fürsten in Zentralarabien und Gründer der Dynastie der Saud, aus dessen Fürstentum letztendlich der Staat Saudi-Arabien hervorgehen sollte.
Diese nominell unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches stehenden Beduinen begannen einen beispiellosen Eroberungsfeldzug, der neben der machtpolitischen auch eine missionierende Komponente hatte: Alle eroberten Stämme wurden vor die Wahl gestellt, sich der Bewegung Ibn Abd al-Wahhabs anzuschließen oder sofort umgebracht zu werden.
1802 überfielen Wahhabiten die Stadt Kerbela im heutigen Irak. Sie zerstörten das Grabmal Husseins, des Enkels des Propheten. Nach ihrer Auffassung benötigt Gott keine Kultstätten. 1803 verwüsteten sie die Kaaba in Mekka und die Grabmoschee des Propheten in Medina. Die osmanischen Streitkräfte brauchten sieben Jahre, um die Wahhabiten von der Arabischen Halbinsel zu vertreiben.
Nach dem Ersten Weltkrieg
Mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg entstanden bei Vereinbarungen zwischen dem Völkerbund, dem Vereinigten Königreich und Frankreich im Nahen Osten die heute bestehenden Staaten. Die beabsichtigte Aufspaltung der Arabischen Halbinsel in einen Teil im Osten und einen im Westen (Transjordanien, unter dem Haschemitischen Königshaus) wurde durch die militärischen Erfolge der Al-Saud-Dynastie zunichte gemacht. Mit der Eroberung von Mekka und Medina entstand mit Saudi-Arabien 1932 ein dominanter Staat.
Saudi-Arabiens Gründer, König Abd al-Asis Ibn Saud, beanspruchte den Wahhabismus zur Begründung seiner Herrschaft. Der Wahhabismus lieferte auch die Begründung zum Mord am saudischen König Feisal 1975. 1979 erstürmten Wahhabiten die Große Moschee in Mekka und hielten sie zwei Wochen in ihrer Gewalt.
Wahhabiten heute
Viele islamistische Organisationen, sowohl in islamisch dominierten Ländern als auch in Europa und Amerika, haben Verbindungen zum Wahhabitismus oder stehen ihm nahe. Trotz des puritanischen Alleinvertretungsanspruchs der Wahhabiten unterstützen sie aus taktischen Überlegungen andere fundamentalistische Strömungen des Islam.
Zu nennen ist die der Salafiya nahestehende Muslimbruderschaft in Ägypten, die von Saudi-Arabien als Gegengewicht zum säkularen Staat Nassers begünstigt wurde. Aus ihr ging später unter anderem die Palästinenserorganisation Hamas als Nachfolgegruppierung des in den 40er Jahren entstandenen palästinensischen Ablegers hervor, der ebenfalls enge Kontakte zur saudischen Theokratie nachgesagt werden.
Die Taliban waren bislang die bekannteste wahhabitische Organisation außerhalb Saudi-Arabiens. Die Terrororganisation Al-Qaida leitet sich von dieser Richtung des Islam ab.
Die Bezeichnung „Wahhabiten“ wird in Russland, besonders auf dem Kaukasus, für islamische Fundamentalisten gebraucht, die – häufig aus dem arabischen Ausland kommend – einen von lokalen Bräuchen gereinigten Islam predigen. In der Zeit der Zerstörung und Orientierungslosigkeit nach dem Ersten Tschetschenienkrieg 1994-1996 gelang es ihnen, viele – besonders junge – Leute in Dagestan und Tschetschenien für sich zu gewinnen. Prominente Rebellenführer wie Schamil Bassajew schlossen sich den Wahhabiten an. Im Konflikt zwischen Aslan Maschadow und Achmad Kadyrow ging es nicht zuletzt darum, wie man den Wahhabiten begegnen sollte.
Wahhabiten in Saudi-Arabien heute
In Saudi-Arabien ist der Wahhabitismus heute Staatsreligion. Gleichzeitig fördert der saudi-arabische Staat wahhabitische Organisationen in allen Teilen der Welt.
Als Hochburg der Wahhabiten im heutigen Saudi-Arabien darf Riad und Buraida genannt werden. Insbesondere in den südlichen Altbaustadtvierteln, das von armen Einwanderern aus Pakistan und Afghanistan dominert wird, ist der Einfluß groß.
Ein besonderer Auswuchs der saudischen Wahabiten ist die Religionspolizei, die Mutawas. Mutawas sind, neben der regulären Polizei, Wächter, die die Einhaltung sittlicher Normen in der Öffentlichkeit kontrollieren sollen. Ungewöhnlich ist ferner, dass während des Freitaggebetes die Predigt auf sehr laut gestellt wird, so dass das gesamte Umfeld der Moschee beschallt wird. Dabei ist antiwestliche Propaganda nicht selten.
Wie in vielen anderen arabischen Ländern obliegt die Justiz den Religionsgelehrten, d.h. den Wahabiten. Immer wieder wird von einem möglichen Staatsstreich gesprochen, den die Wahabiten gegen das saudische Königshaus durchführen könnten.
Imame der Wahhabiten
- Muhammad ibn Saud (1746–1765) (محمد بن سعود)
- Abd al-Aziz ibn Muhammad ibn Saud (1765–1803) (عبد العزيز بن محمد بن سعود)
- Saud I. ibn Abd al-Aziz (1803-1814)
- Abdallah I. ibn Saud (1814-1818)
- Turki as-Saud (1820-1834)
- Faisal ibn Turki al Saud (1834-1865)
- Chalid ibn Saud (1837-1841)
- Abdallah II. ibn Tnejjan (1841-1843)
- Abdallah III. ibn Faisal (1865-1889)
- Saud II. ibn Faisal (1871-1873)
- Abdul Rahman ibn Abdallah (1889-1891)