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Maritime Soziologie

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Die Meuterei auf der Bounty ist weltweit die berühmteste Meuterei
und ein typisches Beispiel
der Besonderheiten
eines Aufstandes auf See

Die Maritime Soziologie (von lat. mare „Meer“) ist eine Spezialisierung innerhalb der Soziologie. Sie befasst sich mit sozialen Prozessen rund um die Schifffahrt in Küstenmeeren und auf hoher See sowie mit deren Bezügen zu seegestützten politischen, wirtschaftlichen, militärischen, beruflichen, kulturellen, brauchtumsmäßigen und religiösen Institutionen.

Zur Thematik

Seekarten waren zu Beginn der frühneuzeitlichen kolonialen Expansion oft Staatsgeheimnisse.
Hier eine Portolankarte von 1318 von Pietro Vesconte:
Westliches Mittelmeer mit Korsika, Sardinien und Sizilien

Der Themenreichtum der Maritimen Soziologie nähert sie der allgemeinen soziologischen Theorie an. Da es in dieser jedoch bislang nahezu ausschließlich um festlandbezogene Fragestellungen geht, ist die Maritime Soziologie als eine Spezielle Soziologie einzustufen.

Diesbezügliche Forschungen wurden zunächst weit zerstreut erarbeitet und publiziert, wie zum Beispiel:

Derzeit ist die Maritime Soziologie in Mitteleuropa an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und an der Universität Szczecin (Stettin) (Polen) vertreten. Ihre Materien erscheinen auch in den Lehrplänen der nautischen Fach- und Fachhochschulen, wo sie meist als Problemstellungen der Fachausbildung und der Führung von Schiffsmannschaften behandelt werden.

In vielen anderen Ländern, wie zum Beispiel USA, Kanada und Spanien ist sie Bestandteil von Spezialisierungen oder hat auch eigene Studiengänge, so an der East Carolina University (USA), der University of South Alabama (USA), der Memorial University of Newfoundland (Kanada) und der Universitat Polytécnica de Catalunya (Spanien).

Gesellschaftsprägungen

Ganze Kulturen weisen Eigentümlichkeiten auf, die ihre hohe Angewiesenheit auf die Herausforderung durch das Meer und seine Chancen und Gefahren widerspiegeln.

Dies gilt schon seit der Steinzeit (Seefischerei als Hauptnahrungsquelle von Insel- und Küstenbewohnern - siehe auch: Køkkenmøddinger).

Es wird deutlich in den Thalassokratien des Altertums (z. B. Karthago, Athen), in Sonderentwicklungen des Mittelalters (z. B. in Polynesien, auf Island), im auf die Seemacht gestützten Kolonialismus der frühen Neuzeit (z. B. Venedig, Portugal, die Niederlande) bis hin zum Kampf um die weltweite Seeherrschaft ab dem 18. Jh. bis heute (zunächst Großbritannien, dann die USA).

Die sozialen Auswirkungen reichen vom alltäglichen sozialen Handeln (vgl. Seemannssprache) und von den ‚seemännischen Tugenden‘ (vgl. Mut) bis in die Religion (vgl. die Kulte von Meeresgottheiten, etwa Poseidon) und in besondere ‚Aberglaubens‘-Formen (am bekanntesten wohl der Klabautermann).

Deichsystem
Flugblatt vom November 1896
zum Hamburger Hafenarbeiterstreik
mit Anweisungen zum Verhalten
und zur Bedeutung der Streikkarten
Ein „Kapitänsbild“:
Das Dampfschiff „Lauenburg“
des Hamburger Kapitäns J. Burmester

Heutige Fragestellungen

Heutige Fragestellungen der Maritimen Soziologie beziehen sich auf Bereiche, bei denen die soziologische Feldforschung bislang nahezu ausschließlich auf festländische Untersuchungsgegenstände ausgerichtet war, so dass ihre Ergebnisse bei maritimen Problemlagen zu viele Fragen offen lassen. Sie beziehen sich demgemäß:

Siehe auch

Literatur

  • Bronislaw Malinowski: Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. 2., unveränd. Aufl., Klotz Verlag, Eschborn bei Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-88074-450-5. (dt. Übers.; Neuausg. der 1922 erschienenen Erstausg.)
  • Peter Munch: Sociology of Tristan da Cunha. Results of the Norwegian Scientific Expedition to Tristan da Cunha 1937-1938. Norske videnskaps-akademi, Dybwad, Oslo 1945.
  • Klaus R. Schroeter: Entstehung einer Gesellschaft. Fehde und Bündnis bei den Wikingern. Reimer Verlag, Berlin 1994, Schriften zur Kultursoziologie Nr. 15, ISBN 3-496-02543-3. (zgl. Phil. Diss, Univ. Kiel 1993)
  • Heide Gerstenberger u. Ulrich Welke (Hrsg.): Das Handwerk der Seefahrt im Zeitalter der Industrialisierung. Hrsg. Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-252-7. (Fachaufsätze) (Die Beiträge wurden auf einer Konferenz vorgetragen und diskutiert, die vom 5.-8. Mai 1994 in der Universität Bremen durchgeführt wurde.)
  • C. Bailey, S. Jentofy und P. R. Sinclair (Hrsg.): Aquaculture Development: Social Dimensions of an Emerging Industry. Westview Press, Boulder (Colorado/USA) 1996. (engl.)
  • Ulrich Welke: Der Kapitän. Die Erfindung einer Herrschaftsform. 1. Aufl., Westfälisches Dampfboot, Münster 1997, ISBN 3-89691-416-2. (zgl. Diss., Univ. Bremen 1996)
  • Lars Clausen: Schwachstellenanalyse aus Anlass der Havarie der Pallas: Bericht der Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein am 4. Mai 1999 erstattet. Hrsg. von: Bundesverwaltungsamt – Zentralstelle für Zivilschutz, Bonn 2003, Serie: Zivilschutz-Forschung, N.F., Bd. 53; ISSN 0343-5164.
  • Heide Gerstenberger, Ulrich Welke: Arbeit auf See. Zur Ökonomie und Ethnologie der Globalisierung. 1. Aufl., Westfälisches Dampfboot, Münster 2004, ISBN 3-89691-575-4. (Medienkombination: mit DVD)
  • Nicole Gerarda Power: What Do They Call a Fisherman? Men, Gender, and Restructuring in the Newfoundland Fishery. Hrsg. Institute of Social and Economic Research St. John’s, Iser Books, St. John’s (Neufundland/Kanada) 2006, Schriftenreihe: Social and economic studies - Nr. 69, ISBN 1-89472-502-6. (engl.)

Einzelnachweise

  1. Ferdinand Tönnies: Hafenarbeiter und Seeleute in Hamburg vor dem Strike 1896/97. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 1897, Jg. 10, H. 2, S. 173-238. Vgl. Abb.
  2. Ferdinand Tönnies: Die Ostseehäfen Flensburg, Kiel, Lübeck. In: Die Lage der in der Seefahrt beschäftigten Arbeiter. Duncker & Humblot, Leipzig 1903, S. 509-614.
  3. Franz Borkenau: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Stuttgart 1984.