Architekturtheorie
Die Architekturtheorie beschäftigt sich mit den inhaltlichen und ideellen Aspekten der Architektur. Sie wird sowohl von den Architekten selbst betrieben als auch von Wissenschaftlern und Experten anderer Fachrichtungen, wie zum Beispiel Kunsthistorikern, Soziologen oder Psychologen.
Eng verwandt mit der Architekturtheorie ist die Architekturkritik. Beide Begriffe setzten sich mit den Gesetzen auseinander, denen die Baukunst folgt. Jedoch im Unterschied zur Architekturtheorie ist es das Ziel der Architekturkritik die Ursachen der Fehlleistungen von Architektur aufzuzeigen.[1] Besonders die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Architektur ist ein Wesensmerkmal der Architekturkritik.
Theorie für Entwerfer
Da Architektur eine kulturelle Fachdisziplin ist, entwickelt sie sich ständig weiter. Getragen von der Avantgarde der Architekturszene werden immer neue Ideen und Konzepte entwickelt, um auf die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen in der Gesellschaft zu reagieren oder sie womöglich sogar vorwegzunehmen.
Der einzige überlieferte Architekturtheoretiker der Antike ist Vitruv. Seinem Vorbild folgten vor allem die Architekten der Renaissance, wie zum Beispiel Andrea Palladio. In Traktaten wurde versucht, die architektonische Praxis durch normative Grundlagen zu objektivieren. Auch im Mittelalter gab es Ansätze zur Architekturtheorie. Die wichtigsten Quellen sind die sechs Werkmeisterbücher aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert und das Skizzenbuch des Villard de Honnecourt. Seit der Moderne ist die von Architekten praktizierte Architekturtheorie zum unerlässlichen Bestandteil der Architektur geworden, da ein Architekt ohne eine eigene Haltung als Entwerfer nicht handlungsfähig ist.
Bekannte "Star"-Architekten wie die Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind haben sich oft erst jahrelang ausschließlich theoretisch mit Architektur auseinandergesetzt, bevor sie ihre Ideen und Haltung in Gebäuden Ausdruck verleihen durften und konnten.
Architekturkritik
Architekturkritik ist eine Methode der Auseinandersetzung. Unter dem Aspekt von "Unterscheiden und Infragestellen" wird die gebaute Umwelt beurteilt. Philosophisch gesehen erfolgt die Kritik :
1.subjektiv, nach persönlichem Geschmack und Empfinden und wird 2. objektiv begründet durch Anwendung gesicherter, messbarer Prinzipien um den Wert (oder Unwert) einer Bauform zu erkennen.Ziel ist es also, aufgrund dieser beiden Möglichkeiten eine argumentative Position zu finden. Die zeitgenössische Architekturkritik ist meist dogmatisch und belehrend, da der Kritiker durch seine Stellungnahme immer Partei ergreift -bedingt durch seine ästhetischen Auffassungen aus der Kulturepoche der er entstammt. Der Architekturkritiker exponiert sich, indem er zwischen Bauwerk und Betrachter steht und glaubt es -stets von seinem Standpunkt getragen- ," es besser zu wissen" als andere.Die Kritik ist auch Kritik an der Person des Architekten (in seiner Rolle als "Baukünstler"), wenn er mit seinem Werk schockiert und provoziert oder ermüdet und langweilt.
Historischer Exkurs
Große Architektur, wie die des Parthenon oder der Kathedralen, wurde von Baumeistern und anonymen Handwerkern geschaffen. Mit dem Humanismus taucht eine neue Konzeption der Architektur als "Freie Kunst" auf und bildet einen neuen Typus: Der Architekt als Künstler (alter ego), der mit seinem Bauentwurf ästhetischer Mittler für die Wünsche seiner Bauherrschaft wird. Geschichtlich gesehen vertraten Architekt und Bauherr dieselben Wertvorstellungen und damit die Grundlagen der gesamten Repräsentations-Architektur. Wer durch Geburt und (oder) Vermögen privilegiert war, vergrößerte sein Ansehen durch das des Architekten.Umgekehrt bedeutete es - da die Anerkennung eines Kunstwerkes allein von den Herrschenden abhing - für den Architekten gesellschaftlichen Aufstieg , Erfolg und weitere Aufträge. Dieser Kontext bildete die Basis für das Mäzenatentum. Kritik war hier völlig überflüssig, denn man war entweder "i n" oder "o u t". Im 19.Jahrhundert wandelte sich die Architektur durch den technischen Fortschritt und die Ingenieurwissenschaften: die Spaltung von Entwurf und Bautechnik. Die meisten Architekten schufen weiter Szenarien für den großbürgerlichen Zeitgeschmack, unfähig zur Synthese, setzten sie alles daran, die neuen Eisenkonstruktionen hinter monumentalen Fassaden zu verbergen und reduzierten sich so auf die angreifbare Funktion eines "Stylisten".Die Theorie des "Schönen" wurde auf ein System von Regeln reduziert und wer dem nicht entsprach, war kritisierbar.
Bauform und Proportion.
Die Pythagoreer entdeckten, dass musikalische Harmonien einfachen Zahlenverhältnissen entsprachen, gemessen aus der Länge einer Tonsaite wird eine Oktave bei Verdoppelung (bzw. 1 : 2 ) einer Saite erzeugt, die Quinte entspricht dem Verhältnis 2 : 3 und die Quart 3 : 4. Die auf diese Weise produzierte Musik betrachtete man als "Sphärenmusik" der kosmischen Ordnung. Die Griechen und Römer übertrugen diese Ideen auf ihre Baukunst : "Alles ist Zahl" und Architektur ist "gefrorene Musik" . Damit hatte man erstmals messbare Größen, auf die sich auch Kritiker beziehen konnten. Nach Vitruv setzt Harmonie die Wiederholung eines Moduls voraus, so dass alle Teile eines Gebäudes auf einfache Weise darauf reduziert werden konnten.Die klassischen Zahlentheorien wurden im Mittelalter durch "geometrische" abgelöst.Es wurde auch üblich, auf Fassadenzeichnungen und Grundrissen ein "unsichtbares Netz" von Linien zu legen, um kritisch überprüfen zu können, (da echte Meisterwerke auf parallelen Diagonalen oder Unterteilungen des Kreises - Goldener Schnitt- beruhten). Leonardo da Vinci und Le Corbusier fanden die Grundlagen ihrer Proportionssysteme in der menschlichen Gestalt :hier wurden alle Größen (und Teilgrößen) aufeinander bezogen.
Facit
In Deutschland dürfte es eigentlich gar keine "negative Architekturkritik" geben, da es ja durch Gesetz (Landesbauordnungen) "verboten" ist, "...verunstaltend zu bauen".
Beispiele
- Vitruv: De Architectura libri decem - Zehn Bücher über Architektur, um 30 v.Chr.
Deutsch:Vitruvii de architectura libri decem. / Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Dr. Curt Fensterbusch. Darmstadt : Primus Verlag, 1996. XI, 585 S., 20 Abb. ISBN 3-89678-005-0 - Leon Battista Alberti: De re aedificatoria libri decem, 1452, Erstdruck Florenz 1485.
Deutsch: Zehn Bücher über die Baukunst. Wien 1912. - Filarete: Trattato d'architettura. 1461-1464.
- Sebastiano Serlio: L'Architettura. 1537-1551.
- Andrea Palladio: Vier Bücher über Architektur, Venedig 1570.
- Vincenzo Scamozzi: L'idea della architettura universale. 6 Bücher veröffentlicht in Venedig 1615. Bologna 1982.
- John Ruskin: Seven Lamps on Architecture. 1849.
- Le Corbusier: Vers une architecture. Paris 1923, deutsch: Kommende Baukunst. Leipzig 1923; Ausblick auf eine Architektur. Berlin 1963.
- Christopher Alexander: Eine Muster-Sprache. Städte, Gebäude, Konstruktion. Löcker Verlag, Wien 1995, ISBN 3854091796
Literatur
- Geschichte der Architekturtheorie:
- Georg Germann: Einführung in die Geschichte der Architekturtheorie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982
- Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. C.H. Beck, München 1985, 2004
- Architektur-Theorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. Taschen Verlag, Köln 2006, mit einem Vorwort von Bernd Evers, in Zusammenarbeit mit der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, 575 S., ISBN 3-8228-5082-9
- Ulrich Coenen, Die spätgotischen Werkmeisterbücher in Deutschland als Beitrag zur mittelalterlichen Architekturtheorie. Untersuchung und Edition der Lehrschriften für Entwurf und Ausführung von Sakralbauten, Verlag Mainz, Aachen 1989.
- Giedion, Siegfried: Raum, Zeit, Architektur, Birkhäuser Verlag, Nachdruck 2000, ISBN 3764354070
- Hipp, Hermann und Seidl, Ernst (Hg.): Architektur als politische Kultur, Berlin: Reimer, 1996, bis 2006: ISBN 3-49601-149-1; ab 2007: ISBN 978-3-49601-149-1
- Fonatti, Franco: Elementare Gestaltungsprinzipien in der Architektur, Wien: Edition Tusch, 2000, ISBN 3-85063-126-5
- Quellensammlungen
- Ulrich Conrads (Hrsg.): Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Bauwelt Fundamente Nr. 1, Erscheinungsort 1975
- Ákos Moravánszky (Hrsg.): Architekturtheorie im 20. Jahrhundert. Eine kritische Antologie. Springer Verlag, Wien 2003
- Gerd de Bruyn und Stephan Trüby (Hrsg.): architektur_theorie.doc. Texte seit 1960. Birkhäuser Verlag, Basel 2003
- Bernd Elvers und Christof Thoenes (Hrsg.): Architekturtheorie von der Renaissance bis zur Gegenwart. Taschen Verlag, Köln 2003
- Fritz Neumeyer (Hrsg.): Quellentexte zur Architekturtheorie. Prestel Verlag, München 2002
- Vittorio Magnago Lampugnani, Ruth Hanisch, Ulrich Maximilian Schumann und Wolfgang Sonne (Hrsg.): Architekturtheorie 20. Jahrhundert. Positionen Programme Manifeste. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2004
Weblinks
- Architekturtraktate auf dem Server der UB Heidelberg
- Archimedes Project: Sammlung von Texten zur Wissenschaftsgeschichte mit einigen Architekturtraktaten
- Artikel zu unterschiedlichen Themen: architekturtheorie.net
Betrachtung von Außen
Auch andere Fachdisziplinen beschäftigen sich theoretisch mit der Architektur als gesellschaftlichem Kulturgut.
Beispiele
- Uni Münster: umfangreiche Forschungen und Texte zum Thema Architekturpsychologie (Architekten/Laien-Kommunikation)
- Derrick de Kerckhove: Die Architektur der Intelligenz - Wie die Vernetzung der Welt unsere Wahrnehmung verändert Birkhäuser Verlag, ISBN 3-7643-6488-2
Siehe auch
Quellen
- ↑ Günther Binding:Bilderwörterbuch der Architektur, Kröner Verlag, 1999, ISBN 3-5201-9403-1