Kurmandschi
Kurmandschi (kurdisch Kurmancî oder Kurdmancî) ist die am weitesten verbreitete kurdische Sprache, die in der Türkei, Syrien, Irak und in Iran, sowie in Armenien, Libanon und in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken gesprochen wird. Unter den Kurdologen ist für Kurmandschi auch die Bezeichnung Nordkurdisch geläufig.
Kurmandschi bildet mit Sorani (Zentralkurdisch) und Südkurdisch die kurdischen Sprachen. Unter diesen Sprachen bestehen obwohl sie zur gleichen Untergruppe gehören Unterschiede in Aussprache, Wortschatz und Grammatik. Zudem wird das Sorani-Kurdisch im Gegensatz zum Kurmandschi gewöhnlich mit arabischen Schriftzeichen geschrieben.
Klassifikation
- Indogermanische Sprachen
- Indoiranische Sprachen
- Iranische Sprachen
- Westiranische Sprachen
- Nordwestiranische Sprachen
- Kurdisch-Zentraliranische Sprachen
- Kurdische Sprachen
- Kurmandschi
- Kurdische Sprachen
- Kurdisch-Zentraliranische Sprachen
- Nordwestiranische Sprachen
- Westiranische Sprachen
- Iranische Sprachen
- Indoiranische Sprachen
Politische Situation der Sprache
Das Kurmanci war in den jeweiligen Status quo-Staaten jahrzehntelang Restriktionen und Verboten ausgesetzt. So war das Publizieren, das Ausstrahlen von TV- oder Radiosendungen, das Singen, das Unterrichten der Sprache und sogar ab den 80er das Sprechen der Sprache bis in die 90er Jahren verboten. Obwohl sich die Situation inzwischen verbessert hat, ist es denoch verboten in staatlichen Schulen diese Sprache zu unterrichten.
Die Situation in der ehemaligen Sowjetunion war aufgrund deren Minderheitenpolitik besser. So gab es schon in den 20er und 30er kurdische Veröffentlichungen und sogar einen kurdische Institute in Petersburg und in der Armenischen SSR.
In Süd-kurdistan ergab sich in Folge der kurdischen nationalen Bewegung eine ähnliche Situation wie in der Sowjetunion.
Kurmandschi als Literatursprache
Kurmandschi ist der am weitesten verbreitete Dialekt der kurdischen Sprache. Er wird in Süd-West-Kurdistan fast ausschließlich, in Nord-Kurdistan deutlich überwiegend und teilweise in Süd-Kurdistan und Ost-Kurdistan benutzt. Kurmandschi wird seit den 1930er Jahren mit lateinischen Buchstaben geschrieben.
Grammatik
Alphabet
Das Nordkurdisch wird vorwiegend im kurdisch-lateinischem Alphabet geschrieben. Von den 31 Buchstaben, deren Aussprache weitgehend mit der Schreibung übereinstimmt, sind acht Vokale (a e ê i î o u û) und 23 Konsonanten (b c ç d f g h j k l m n p q r s ş t v w x y z).
Kleinbuchstaben: a b c ç d e ê f g h i î j k l m n o p q r s ş t u û v w x y z
Großbuchstanben: A B C Ç D E Ê F G H I Î J K L M N O P Q R S Ş T U Û V W X Y Z
Daneben gibt es im Nordkurdischen noch den Digraph Xw.
| Buchstabe | Lautwert | Beschreibung |
|---|---|---|
| a | [] | wie dt. a in "Rasen" |
| b | [] | wie dt. b |
| c | [] | wie dsch in "Dschungel" |
| ç | [] | wie tsch |
| d | [] | wie dt. d |
| e | [] | kurzes offenes e, wie dt. "ä" in "hätte" |
| ê | [] | langes geschlossenes e wie in "Sehne" |
| f | [] | wie dt. f |
| g | [] | wie dt. g |
| h | [] | wie dt. h |
| i | [] | kurzer Schwa-Laut, wie das e in dt. "Pause" |
| î | [] | wie in dt. Liebe |
| j | [] | wie in das j in "Journal" |
| k | [] | wie dt. k |
| l | [] | wie dt. l |
| m | [] | wie dt. m |
| n | [] | wie dt. n |
| o | [] | wie in dt. "offen" |
| p | [] | wie dt. p |
| q | [] | weit hinten im Rachen gebildetes k, im dt. ohne Entsprechung |
| r | [] | gerolltes Zungenspitzen-r |
| s | [] | immer stimmlos, wie in "Ast" |
| ş | [] | wie dt. sch |
| t | [] | wie dt. t |
| u | [] | wie engl. u in "kurd" |
| û | [] | langes deutliches u, wie in dt. "Uhr" |
| v | [] | wie dt. w |
| w | [] | wie engl. w in "week" |
| x | [] | wie dt. ch in "Bach" |
| y | [] | wie dt. j in "Jacke" |
| z | [] | stimmhaftes s wie in "Sonne" |
Nominale Kategorien
Das Nomen (Substantiv, Adjektiv, Pronomen) des Nordkurdischen besitzt folgende Kategorien:
| Nr | Kategorie | Realisierungen |
|---|---|---|
| 1 | Genus | Maskulinum (m) / Femininum (f) |
| 2 | Numerus | Singular (sg) / Plural (pl) |
| 3 | Kasus | primär: Rectus / Obliquus; sekundäre Kasus vom Obliquus abgeleitet |
| 4 | Definitheit | bestimmt (unmarkiert) / unbestimmt (markiert) |
| 5 | Attributierung | siehe Tewang |
Kasus
Das Nordkurdisch unterscheidet nur zwei Fälle, nämlich den Subjektfall (Casus rectus) und den Objektfall (Casus obliquus) und verfügt damit über eine Zweikasusflexion. Der Casus rectus entspricht dem deutschen Nominativ, während der Casus obliquus Funktionen übernimmt, die in anderen Sprachen üblicherweise mit dem Genitiv, dem Dativ, dem Akkusativ und dem Lokativ ausgedrückt werden. Neben diesen beiden Formen gibt es auch Vokativ.
Casus rectus der Personalpronomen:
| Nordkurdisch | Deutsch |
|---|---|
| Ez | Ich |
| Tu | Du |
| Ew | Er/Sie/Es |
| Em | Wir |
| Hun | Ihr |
| Ew | Sie |
Casus obliquus der Personalpronomen:
| Nordkurdisch | Deutsch¹ |
|---|---|
| Min | Ich, meiner, mir, mich |
| Te | Du, deiner, dir, dich |
| Vî (hier),Wî (dort)² | Er, seiner, ihm, ihn |
| vê (hier), Wê (dort)² | Sie, ihrer, ihr, sie |
| Me | Wir, unser, uns, uns |
| We | Ihr, euer, euch, euch |
| Van (hier) Wan (dort)³ | Sie, ihrer, ihnen, sie |
¹Da der Casus obliquus wegen der Ergativität bei transitiven Verben benutzt wird, können die Pronomen für den Nominativ stehen
²Die 3. Person Singular ist im Casus Obliquus sowohl geschlechtspezifisch. Darüber hinaus auch lokativ und würde übersetzt Er hier oder Er dort drüben bedeuten.
³Die 3. Person Plural im Casus Obliquus ist nur lokativ.
Tewang
Wenn ein Substantiv näher bestimmt werden soll, wird das Attribut über eine Tewang auch Ezafe genannt (Hinzufügung) mit dem Bestimmungswort verbunden.
Das Tewang gibt es im Singular für männliche und für weibliche und im Plural nur in einer Form. Darüber hinaus gibt es auch ein Casus rectus und ein Casus obliquus des Tewang.
Tewangformen im Casus rectus
| Männlich Singular | Weiblich Singular | Plural |
|---|---|---|
| ê | a | ên |
Beispiele:
Tewangformen im Casus rectus
- Deine Liebe - Evîna te
- Sein Name - Navê wî
- Unsere Kinder - Zarokên me
Tewangformen im Casus obliquus
| Männlich Singular | Weiblich Singular | Plural |
|---|---|---|
| î | ê | an |
Beispiele:
- Das Haus eines Mannes - Mala mêrekî
- Das Kleid der Frau - Kirasê jinê
- Heimat der Kurden - Welatê Kurdan
Konjugation
Präsens
Das Präsens wird im Kurdischen durch das Anhängen eines Präfixes di- und der Personalendung gebildet.
Beispiel „gehen“, dessen Stamm in Kurdisch -ç- ist:
- Ich gehe - Ez diçim
- Du gehst - Tu diçî
- Er/Sie/Es geht - Ew diçe
- Wir gehen - Em diçin
- Ihr geht - Hûn diçin
- Sie gehen - Ew diçin
Daneben gibt es auch Verben, wo der Präfix di- mit dem Stamm verschmolzen ist. So ist ein anderes Wort für gehen Herîn, was normalerweise in der 1. Person Singular Präsens Ez diherim heißen würde. Aber durch die Verschmelzung ist aus Ez diherim Ez terim geworden:
- Ich gehe - Ez terim
- Du gehst - Tu terî
- Er/Sie/Es geht - Ew tere
- Wir gehen - Em terin
- Ihr geht - Hûn terin
- Sie gehen - Ew terin
Präsens Progressiv
Verlaufformen wie im Englischen werden gebildet, in dem man ein "e" an die Präsensform anhängt. Da es Verlaufsformen im Deutschen nicht gibt, ist folgendes Beispiel in Englisch.
- I am going - Ez darime
- You are going - Tu darime
- He/She/It is going - Ew dareye
- We are going - Em darine
- You are going - Hun darine
- They are going - Ew darine
d kommt aus "di" ist deshalb ist "Ez darime" richtig. Es gibt jedoch kurdische Gebeite, die "Ez terime" sagen. terim ist morphologisch falsch. "t" woher kommt denn "t" ? da "darime" aus diherime kommt. "ihe" wird durch "a" ersetzt. Anfangsbuchstabe und Endsilbe bleiben. Forsche Morhologie von Kurmanci.
Futur
Für das Futur wird anstatt di- das Präfix bi- benutzt. Darüber hinaus wird dem Substantiv eine Endung "e" angehängt, die aber unbetont ist, die getrennt geschrieben werden kann oder zusammen.
- Ich werde Brot verkaufen - Eze nan biforsim
Jedoch gibt es viele irreguläre Verben. Aus morphologischen Grunden wird nicht Eze "biherim" sondern:
- Ich werde gehen - Ez e herim
Ergativ
Das Nordkurdische ist eine der wenigen indogermanischen Sprachen, die Ergativ benutzen. So steht bei der Vergangenheitsbildung das Agens bei transitiven Verben nicht im Casus rectus, sondern im Casus obliquus.
Beispiel:
- MinCasus obliquus tuCasus rectus dît = Ich sah dich
Aber:
- EzCasus rectus çûm = Ich bin gegangen
Hier steht das Agens im Casus rectus, weil „gehen“ ein intransitives Verb ist.
Dialekte
Das Kurmandschi zerfällt in mehrere Dialekte. Um die syrische Stadt Afrin wird Afrini gesprochen. Charakteristisch für das Afrini ist die Aussprache des û als ü, des e als a und des a als .
Literatur
- Usso Bedran Barnas und Johanna Salzer: Lehrbuch der kurdischen Sprache. Ein Standardwerk für Anfänger und Fortgeschrittene. 1994, ISBN 3-901545-00-X.
- Paul Ludwig: Kurdisch Wort für Wort. Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2002, ISBN 3-89416-285-6 (Kurmandschi).
- Petra Wurzel: Kurdisch in 15 Lektionen. Komkar, Köln 1992, ISBN 3-927213-05-5.
- Ilhan Kizilhan: Kurdisch einfach lernen. Hackbarth Verlag, St. Georgen 2000, ISBN 3-929741-26-1.