Digitale Kinokamera

Seit dem Jahr 2000 nutzen zunehmend mehr Beteiligte an Kinoproduktionen aller Etatgrößen digitale Kameras, die anstelle von Negativfilm Sensoren zur Bildaufzeichnung einsetzen, als Alternative oder Ersatz zur herkömmlichen 16mm oder 35mm Filmkamera.
Künstler und Pioniere
Der Einsatz von digitaler Laufbildproduktion wird oft von Kameramännern, Regisseuren und Produzenten vorangetrieben. Bekannte Vertreter, die ihre Geschichten digital produzieren, sind
- Bryan Singer - Superman Returns,
- Mel Gibson - Apocalypto,
- David Fincher - Zodiac – Die Spur des Killers,
- Michael Mann - Miami Vice, Collateral,
- Steven Soderbergh - Guerillia,
- Francis Ford Coppola - Youth without Youth
- George Lucas - Star Wars Episode II und III,
- Robert Altman - A Prairie Home Companion,
- Robert Rodriguez - Sin City, Grindhouse,
- Lars von Trier - Dogville, Manderlay,
- Michael Moore - Bowling for Columbine,
- Sylvester Stallone - Rocky,
- Peter Jackson - Crossing the line,
- David Lynch - Inland Empire,
- James Cameron - Ghosts of the Abyss, Aliens of the Deep,
- Jean-Jacques Annaud - Zwei Brüder,
- Tim Burton - Corpse Bride
Diese kleine Auswahl beinhaltet nur Erfolgsregisseure, tatsächlich aber finden sich sehr viele weniger prominente Regisseure unter den Pionieren der Nutzung von digitalen Kinokameras. Die letzten vier Nennungen, David Lynch, Tim Burton, James Cameron und Jean-Jacques Annaud sind aufgeführt, weil sie spezielle Vorteile der digitalen Kinoproduktion nutzten, und somit ihre Vielfältigkeit demonstrieren. Annaud mischte 35-mm-Film und HDCAM. Burton produzierte mit einer äußerst günstigen digitalen Spiegelreflexkamera Animation und James Cameron machte Unterwasser-3-D-Aufnahmen. David Lynch produzierte mit einer digitalen Kleinkamera.
Anbieter und Marktsituation
Die Geschäftsmodelle der Kamerahersteller unterscheiden sich deutlich. Arri und Panavision vermieten ihre digitalen Kameras ausschließlich und betreiben jeweils nur ein paar Dutzend ihrer Modelle. Sony, Red und Thomson verkaufen ihre Kameras. Die größten Stückzahlen lieferte bisher Sony aus, da das Unternehmen mit HDCAM im Jahr 2000 als erstes den Markt betrat. Indirekt verdient Sony auch am Erfolg der Panavision-Genesis mit, denn diese Kamera wurde ebenfalls von Sony entwickelt und gefertigt. Sony hat laut eigenen Angaben bisher rund 3000 HDCAM-Kameras absetzen können, von denen der größte Teil jedoch nicht für Kino, sondern vor allem für TV-Serien, Dokumentationen und Werbung eingesetzt wird. Das 2005 in den Markt eingetretene Start-up-Unternehmen Red, das ab Mai 2007 seine Kameras ausliefern will, hat eine beachtliche Menge Vorbestellungen (mehr als 1800 Kameras weltweit) sammeln können. Dieses stellt eine deutliche Vergrößerung des Marktes dar. Weitere Anbieter werden voraussichtlich die Firmen Dalsa und SI werden können, von beiden sind jedoch (Stand: Mai 2007) in Europa keine Kameras präsent oder angekündigt. Arri und Panavision sind als Weltmarktführer für Filmkameras weniger bemüht, digitale Kameras zu etablieren, als die Anbieter Sony, Red und Thomson, die nur digitale Kameras verkaufen.
Die relevanten digitalen Kinokameras und ihre wichtigsten Eckdaten
Die aufgeführten digitalen Kinokameras stellen über 95 Prozent des Marktes dar. Vermutlich nicht mehr zur Serienreife gelangende Kameras (z. B. Kinetta) und Spezialkameras (z. B. Speedcam, High-Speed-Kamera) wurden der Übersicht halber nicht aufgeführt.
| Hersteller | Modell | Typus | Sensorformat/größe | Sensorauflösung/MP | Ausgabeauflösung | Bildwiederholraten | Linsenanschluss | Sucheroptionen | Farbtiefe/raum | Gewicht | Größe | seit | Preis Kamerabody/System | Information |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Panavision | Genesis | Kamera
externer Rekorder |
16:9 S35
CMOS |
~ 4600 x 2500, 12.4 MP | 1080p
1920x1080, 16:9 |
1-50p | Panaflex | Elektonisch | 10bitRGB444 | >8kg | 2005 | nur zur Miete,
Tagespreis >1.500€ |
[1] | |
| Arri | D20 | Kamera
externer Rekorder |
4:3 35ANSI
CMOS |
3018 x 2200, 4:3, 6.6 MP
2880 x 1620, 16: 9, 4,7 MP |
3018x2200, 4:3
1920x1080 16:9 |
1-60p | Arri PL | Optisch | 10bit RGB444
12bit RAW |
>7kg | 39x19x30 cm | 2005 | nur zur Miete,
Tagespreis >1.500€ |
[2] |
| Red | One | Camcorder
oder extern |
16:9 S35
CMOS |
4900 x 2580, 12,6 MP | 2540p , 4K
4520 x 2540 16:9 |
1-120p | Arri PL, Canon
Nikon, B4 2/3 |
Elektronisch | 10bitRGB444
12bit RAW |
>4.5 kg | 30x13x16 cm | 2007 | ab ~20.000€ | [3] |
| Sony | 900R | Camcorder
oder extern |
16:9 2/3
3 * CCD |
3 * 2,2, 6,6 MP | 1080p
1920x1080 16:9 |
24,25,30p
50, 60i, slowshutter |
B4 2/3 | Elektronisch | 10bitYUV422
8bit YUV311 |
>4.5 kg | 2006 | ab ~73.000€ | [4] | |
| Sony | 750P | Camcorder
oder extern |
16:9 2/3
3 * CCD |
3 * 2,2, 6,6 MP | 1080p
1920x1080 16:9 |
25p
50i, slowshutter |
B4 2/3 | Elektronisch | 10bitYUV422
8bit YUV311 |
>4.5 kg | 2003 | ab ~65.000€ | [5] | |
| Sony | F23 | Kamera
externer Rekorder |
16:9 2/3
3 * CCD |
3 * 2,2, 6,6 MP | 1080p
1920x1080 16:9 |
1-60p | B4 2/3 | Elektronisch | <30p 10bitRGB444
>30p 10bitYUV422 |
>5 kg | 2007 | ab ~150.000€
genauer Preis nicht bekannt. |
[6] | |
| Thomson | Viper | Kamera
externer Rekorder |
16:9 2/3
3 * CCD |
3 * 9,2, 27,6 MP | 1080p
1920x1080 16:9 |
24,25,30p1080
50,60p720 |
B4 2/3 | Elektronisch
nur schwarz/weiß |
10bitRGB444
10bitYUV422 |
>4.2 kg | 21x13x24 cm | 2003 | ab ~120.000€ | [7] |
Die Kriterien für die Aufnahme in die Tabelle
- Mindestens 1920 X 1080 Pixel physikalische Auflösung der Sensoren, 24 und 25 Bilder pro Sekunde, unkomprimierte Aufzeichnungsmöglichkeit, 2/3-Zoll-B-4-Sensor, Panavision- oder Arri PL-Objektivfassung
- Nutzung durch mindestens einen namhaften internationalen Regisseur für öffentliche projizierte Aufführung
- kauf- oder mietbar in der E. U.
- vermutliche Kandidaten für eine Aufnahme in die Tabelle - Dalsa Origin, SI 2K, Phantom 65. Ikegami Editcam HD
Auflösungsvergleich beim Seitenverhältnis 16:9
Auflösungsvergleich von normaler TV (PAL, NTSC, SD) über 1080p (Sony, Panavision, Thomson) bis hin zu 2540P (RED)
Gründe für den Einsatz, Pro und Contra
Auch wenn, insbesondere in Deutschland, noch viel Unsicherheit und kontroverse Diskussionen hinsichtlich der digitalen Kinoproduktion existieren, sind doch Pro und Contra leicht zu trennen. Die Bedenken bei der Transformation von chemisch-mechanischen Methoden hin zur digitalen sind klassische Kritik ähnlich beispielsweise dem Übergang von der traditionellen Fotografie zur elektronischen, vom Tonband zum Hard-Disk-Rekorder, vom Bleisatz zu Desk Top Publishing, von der Rillenschallplatte zur Compact Disc, usw.
Die Hauptgründe für den Einsatz von digitaler Kinoproduktion sind
- Sofortige Prüfung des Ergebnisses am Drehort. Beim Film kann erst nach der Entwicklung überprüft werden, ob die Aufnahme gelang.
- Lautlose und verhältnismäßig leichte Kameras. Klassische Filmkameras verursachen Geräusche, was Tonaufnahmen u. U. erschwert.
- Größere Produktionssicherheit. Digitale Daten können sofort verdoppelt werden.
- Effizienterer Workflow. Es entfallen zahlreiche Zwischenschritte und assistierendes Personal und zuarbeitende Firmen (Läufer, Labor).
- Neue Workflows. Beispielsweise kann am Drehort von der Schnittassistenz „Material“ „eingeschnitten“ beziehungsweise ein Effekt geprüft werden.
- Drastische Senkung der Aufnahmekosten. Filmmaterial ist teuer, muss entwickelt und kopiert, eventuell eingelesen werden, dies kann zu fünf- bis siebenstelligen Kosten pro Film führen. Eine 50 Minuten lange HDCAM-Kassette hingegen kostet nur rund 30 Euro.
- Längere Laufzeit. Filmrollen sind nach elf Minuten Aufnahmezeit verbraucht, digital können beispielsweise auf Harddisk problemslos 24 Stunden am Stück aufgenommen werden. Dies ist besonders relevant bei allen Arten von Spezialaufnahmen, wie zum Beispiel Unterwasser- und Luftaufnahmen, bei denen ein Filmmagazinwechsel nicht möglich ist.
- Mehr kreative Möglichkeiten am Drehort, z. B. Serien wie Battlestar Galactica werden vom Kameramann farbkorrigiert, was beim Film nicht möglich ist.
Die Hauptgründe gegen den Einsatz von digitaler Kinoproduktion sind
- Sehr hohe Investitionskosten. Filmkameras sind viele schon vorhanden.
- Qualifikationsbedarf. Sehr viel Fachpersonal hat keine oder geringfügige Kenntnis von digitaler, aber große von der Filmproduktion.
Inzwischen hinfällige Argumente gegen digitale Kinoproduktion sind
- Andere Schärfentiefen. Vor dem Erscheinen von Arri, Red und Panavision hatten alle digitalen Kinokameras 2/3-Zoll-Sensoren, was eine 16-mm-Film-Schärfentiefe im Gegensatz zu jener von 35-mm-Film erzeugte.
- Kein Zugriff auf klassische Filmoptiken. Seit dem Erscheinen der Arri-P.-L.- und Panavision-basierenden Kameras können nun alle Optiken verwendet werden.
Derzeitige Verbreitung und Ausblick
Die Verdrängung von Film durch digitale Aufzeichnung ist im Kino bei weitem noch nicht so fortgeschritten wie in der Fotografie. Hintergrund hiervon sind bzw. waren
- Die extrem hohen Investitionskosten, welche mit Leichtigkeit 150'000 bis 300'000 Euro pro System betragen können, da oft neue Objektive, Peripherie etc. notwendig ist.
- Die beiden traditionellen 35-mm-Film-Kamera-Hersteller und -Vermieter Arri und Panavision bieten erst seit Ende 2005-Anfang 2006 digitale Kameras an.
- Die Vorreiterrolle nahm ab 2000 Sony ein, deren 1080-p-basierendes HDCAM-Format für den Löwenanteil aller digital produzierten Kinofilme eingesetzt wird, und Sony war in der Kinobranche als Kamerahersteller zuvor nicht vertreten.
- Die Qualifikation von Personal. Viele sehr gute 35-mm-Film-Kameraleute haben keinerlei Erfahrung mit digitaler Produktion.
- Die ersten digitalen Kinokameras haben 2/3-Zoll-B-4-Optikanschluß. Das entspricht eher Super-16-Tiefenschärfe und verhinderte die Nutzung der existierenden 35-mm-Film-Optiken, was sehr hohe Investitionskosten in neue 2/3-Zoll-B-4-Objektive bedingte.
