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Buddenbrooks

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Einbandgestaltung der Erstauflage

Buddenbrooks ist der erste Roman des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Das Werk mit dem Untertitel „Verfall einer Familie“ erschien 1901 im S. Fischer Verlag. 1929 erhielt Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur ausdrücklich als Autor der Buddenbrooks.

Buddenbrooks gilt als einer der bedeutendsten Gesellschaftsromane in deutscher Sprache. Das Buch erreichte bis heute eine Auflage von ca. sechs Millionen Exemplaren und wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Der Roman schildert das Schicksal von vier Generationen der Kaufmannsfamilie Buddenbrook in der norddeutschen Hansestadt Lübeck von 1835 bis 1877. Mittelpunkt der Handlung ist das Haus der Familie in der Mengstraße.

In Buddenbrooks lehnt sich Thomas Mann stark an Personen und Ereignisse aus seiner eigenen Familiengeschichte und Familientradition an. Ort der Handlung ist die Stadt Lübeck. Buddenbrooks wurde daher besonders in Lübeck zunächst als Schlüsselroman wahrgenommen.

Inhaltsübersicht

Zentrum der Familie: Das Haus in der Mengstraße

Der Roman beginnt mit einem Familienfest zur Einweihung des neu erworbenen Hauses der Familie Buddenbrook in der Mengstraße, im Kaufmannsviertel einer norddeutschen Hansestadt. Das Haus war vorher im Besitz der Kaufmannsfamilie Ratenkamp gewesen, die kürzlich bankrott gemacht hatte. Im festlichen Landschaftszimmer breitet sich unter den anwesenden Honoratioren Behaglichkeit aus, die Stimmung ist gelöst, der Stadtpoet Jean-Jacques Hoffstede trägt ein Widmungsgedicht vor. Heiter und selbstverständlich bewegt sich das Gespräch in plattdeutsch, hochdeutsch und französisch; der Patriarch Johann Buddenbrook neckt in aufklärerischer Tradition die jüngste Tochter des Hauses, die sich mit dem Auswendiglernen des Katechismus abmüht; alte Anekdoten werden aufs Neue zum Besten gegeben. Doch nach dem Aufbruch der Gäste erhält die großbürgerlich-weltläufige Fassade erste feine Risse: Ein Brief ist eingetroffen, ein alter Familienkonflikt kommt wieder zum Vorschein.

Bürger und Künstler – der Lebenskonflikt der Buddenbrooks

Anfangs geht es mit der Familie Buddenbrook noch bergauf. Das Vermögen der Firma bleibt trotz gelegentlicher finanzieller Rückschläge auf gleichem Stand. Doch sind die folgenden Generationen nicht mehr so selbstverständlich Kaufleute wie der Patriarch es war. Zunehmend gewinnen neben den rein geschäftlichen Fragen Selbstreflexion, Selbstbezogenheit, Fragen von Familienansehen und sozialem Stand an Bedeutung. Im Lauf der Generationen vollzieht sich ein Wandel vom großbürgerlichen Kaufmannsdasein hin zur unstet-künstlerischen, anti-bürgerlichen Existenz.

Konsul Johann Buddenbrook der Jüngere, Oberhaupt der nächsten Generation, hält die Firma am Laufen. Bald sagt er „Die Geschäfte gehen ruhig – ach, allzu ruhig“ (Kapitel 3,4). Nach Geschäftsschluss erlaubt er sich ausufernde religiöse Meditationen, mit denen er viele Seiten des alten Familienbuchs füllt.

Den Höhepunkt des gesellschaftlichen Ansehens erreicht die Familie in der nächsten Generation, als Thomas Buddenbrook zum Senator der Stadt gewählt wird. Seine Existenz als Kaufmann und Politiker wird dem Oberhaupt dieser Generation zur Last. Gesundheitliche und finanzielle Probleme stellen sich ein, die er nur mühsam seiner Umgebung gegenüber verbirgt. Sein alltägliches Leben ist nicht mehr von bürgerlicher Selbstverständlichkeit geprägt. Häufige »Toilette« und Wechsel der Garderobe sind äußerer Ausdruck für das künstlerische Gefühl, "eine Rolle zu spielen". Das kurze traumartige Aufflackern philosophischer Erkenntnis bleibt aber letztlich folgenlos, da Thomas sich nicht von seiner öffentlichen Rolle lösen kann und will.

Thomas Buddenbrook heiratet Gerda Arnoldsen, die ihre ausgeprägte Musikalität und rätselhaft-künstlerische Anlage an das einzige Kind des Paares, Hanno, weitergibt. Der Stammhalter erweist sich von Kindheit an als kränklich und übersensibel. Thomas' Bestreben, aus seinem Sohn einen Kaufmann nach dem Vorbild des Urgroßvaters zu machen, führt zur gänzlichen Entfremdung von Vater und Sohn. Nach dem plötzlichen und frühen Tod von Thomas steht kein geeigneter Nachfolger mehr zur Verfügung. Gemäß Thomas' Testament wird die Firma Joh. Buddenbrook und Söhne aufgelöst. Das große Haus in der Mengstraße, Symbol des Erfolgs, wird an einen aufsteigenden Konkurrenten verkauft.

Hanno fällt jung einer Typhuserkrankung zum Opfer. Nach seinem Ende zerstreut sich die Familie. Einzig Antonie, genannt Tony, für die Familie, Firma und gesellschaftliche Stellung den Lebensinhalt bedeuteten, bleibt alleine in einem Haus am Stadtrand zurück.

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Buddenbrooks-Ausgabe von 1903

Stil

Der Roman besteht aus elf Teilen, die in eine unterschiedliche Anzahl von Kapiteln gegliedert sind. Thomas Mann bedient sich verschiedener Erzählperspektiven: Der neutralen, der personalen und meistens der auktorialen Erzählperspektive. Es werden verschiedene stilistische Formate verwendet: Dialoge, Briefe, Lieder und Gedichte, Dokumente und lexikalische Artikel. Charakteristisch ist die Montagetechnik, die es dem Autor erlaubt, wirkliche Personen und Ereignisse der Zeitgeschichte wiederzugeben. Durch dieses Verfahren erhalten Figuren und Begebenheiten eine besondere Authentizität. (Dadurch konnten sich aber auch einflussreiche Familien der Stadt, trotz Verfremdung, im Roman wiedererkennen, was zu Anfeindungen führte, s.u.)

Charakteristisch für den Stil Thomas Manns ist die häufige Verwendung von Leitmotiven: Romanfiguren werden charakteristische Adjektive, Gesten (Zurückwerfen des Kopfes bei offenem Mund bei Toni Buddenbrook) oder Aussprüche („das Leben“) zugeordnet. Die Leitmotive finden sich oft in spielerischer Variation oder in ironischer Brechung wieder.

Figuren des Romans

Johann Buddenbrook der Ältere – Patriarch und unerreichtes Vorbild

Johann Buddenbrook der Ältere (1765–1842) ist in erster Ehe mit Josephine Buddenbrook verheiratet, die nach der Geburt des Sohnes Gotthold Buddenbrook stirbt. 1799 heiratet er Antoinette Buddenbrook (geb. Duchamps); mit ihr bekommt er eine Tochter und einen Sohn Johann (Jean) Buddenbrook, den späteren Inhaber der Firma. Er ist aus seiner ganzen Natur heraus Geschäftsmann mit klaren Begriffen von seiner Umwelt, sicherem kaufmännischen Gespür und der Fähigkeit, das Erreichte in behaglicher Zufriedenheit zu genießen. Bis ins hohe Alter ist er auch noch gesellschaftlich aktiv. Johann versucht seine Umwelt zu kontrollieren, sogar sein Garten ist künstlich angelegt. Seine musikalische Seite zeigt er in seinem Flötespielen. Als Patriarch und Oberhaupt der Familie gebührt Johann die Ehrerbietung der anderen Familienmitglieder, (I, 1).

Schon im ersten Satz des Romans mokiert er sich über die Bemühungen der kleinen Tony, den ersten Artikel des zweiten Hauptstücks aus dem Kleinen Katechismus Martin Luthers aufzusagen: „Je, den Düwel ook, c´est la question, ma très chère demoiselle“. Die Mischung aus niederdeutschem Dialekt und französischen Satzteilen kennzeichnet seine bodenständige Verankerung in der heimatlichen Tradition ebenso wie seine Weltläufigkeit. Religion oder sektiererische Welterklärung betrachtet er mit spöttischer Distanz, er ist ein Mann der Tat, geistig der Aufklärung verpflichtet, Bewunderer Napoleon Bonapartes.

Johann Buddenbrooks kaufmännischem Geschick als preußischer Heereslieferant während der Befreiungskriege verdankt die Firma ihren Aufstieg. Er kann aus der Konkursmasse einer weniger glücklichen Familie das Haus in der Mengstraße erwerben. Hier entfaltet Buddenbrook der Ältere eine großzügige bürgerliche Gastfreundschaft. Mit feinem Gespür erkennt er die sozialen und finanziellen Grenzen seiner bürgerlichen Existenz. Auch in seiner Kunst des Maßhaltens bewährt sich seine bürgerliche Lebensauffassung. So stimmt er beispielsweise dem Wunsch nicht zu, eine Haushälterin einzustellen.

Sein Verhältnis zu den Familienmitgliedern ist das eines Patriarchen, distanziert-wohlwollend, bisweilen spöttisch-amüsiert. Scharf missbilligt er nur Charaktereigenschaften, die seiner eigenen nüchternen, kaufmännischen Veranlagung widersprechen. Seinen verträumten, schauspielerisch begabten Enkel Christian bezeichnet er, nur halb belustigt, als »Aap«, Affe.

Er hat seine erste Frau Josephine, die bei der Geburt des Sohnes Gotthold gestorben war, leidenschaftlich geliebt, und er trägt dem Sohn den Tod der Mutter nach. Firmen- und Geschäftsinteressen stellt der ältere Buddenbrook klar über Ansprüche aus der Familie, der Firma Kapital zu entziehen. Hier liegt der Keim des Konfliktes mit Gotthold, der erste Schatten auf die Familie wirft. Seine zweite Frau hat er eher nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gewählt – das Verhältnis der beiden ist von gegenseitigem Respekt und geschäftsmäßiger Aufteilung der Pflichten und Lebensbereiche gekennzeichnet.

Der Tod seiner ersten Frau hatte Johann Buddenbrook den Älteren in „wilde Verzweiflung“ gestürzt. Das Sterben seiner zweiten Frau erlebt er viel distanzierter, er weint nicht einmal bei ihrem Tod, sondern ist nur wehmütig und still. Wenig später setzt er sich zur Ruhe und übergibt die Leitung der Firma seinem Sohn Jean. Nach und nach wird er immer schweigsamer und wunderlicher, betrachtet das Leben um ihn herum mit verwundertem Unverständnis (»kurios, kurios«) und stirbt bald darauf.

Als Parallelfigur in Thomas Manns Familie wird Johann Siegmund Mann I, der Gründer der Firma Mann, identifiziert. Von ihm stammt der zitierte Wahlspruch „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“. Er wurde 87 Jahre alt und starb, wie Viktor Mann berichtet „im Revolutionsmärz 1848, wie man erzählt, an einem Schlaganfall, den ihm, dem Feudalrepublikaner, seine kochende Wut über die harmlos randalierende ‚Canaille‘ eingetragen hatte“.

Konsul Johann (Jean) Buddenbrook

Johann (Jean) Buddenbrook (1800-1855) ist der erste Sohn aus der zweiten Ehe Johann Buddenbrooks des Älteren, mit Antoinette Buddenbrook, geb. Duchamps. Jean Buddenbrook hat die „tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters“, ihr Ausdruck ist aber etwas träumerischer, (I,1). Es gelingt ihm aber, die Geschäfte der Firma auch nach dem Tod des alten Buddenbrook erfolgreich fortzusetzen. Im Gegensatz zu seinem Vater, der sich fest auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen hatte und religiösen Dingen distanziert-ironisch gegenüberstand, eignet Jean eine ausgeprägte religiöse Schwärmerei. Er trennt diese jedoch streng von seiner beruflichen Existenz.

Der redegewandte Jean, der sich im Umgang mit seinen Angestellten auch deren plattdeutschem Dialekt anpassen kann, bekleidet das politische Amt des Königlich-Niederländischen Konsuls. Den Unruhen und Aufständen der Revolution von 1848 steht er gelassen gegenüber.

In Bezug auf seinen Halbbruder Gotthold befindet sich Jean in einem Zwiespalt: Aufgrund seiner christlichen Gesinnung ist er geneigt, den finanziellen Forderungen Gottholds trotz des Widerwillens seines Vaters nachzukommen. Andererseits ist er in seiner Rolle als Associé auf den Bestand des gesamten Familienvermögens bedacht und stimmt daher seinem Vater letztendlich zu (I,3). Jean verliert beim Kalkulieren jegliche moralischen Skrupel, denn er trennt Firma und Familie strikt voneinander.

Genau wie sein Vater hat der Konsul seine Frau Elisabeth nicht aus Liebe geheiratet, sondern nur weil sie eine „stattliche Mitgift“ mit in die Ehe brachte. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor: Thomas, Christian, Antonie und Clara. Die Erziehung der Kinder richtet Jean auf die Ideale der Christlichkeit, Tugend, Bildung und des Fleißes aus und versucht stets seinen väterlichen Pflichten nachzukommen. Er ist darauf bedacht, dass seine Kinder, speziell seine Tochter Tony, eine gute Partie machen, damit die finanzielle Lage sowie der standesgemäße Fortbestand der Dynastie Buddenbrook bewahrt werden. Angesichts der unglücklich verheirateten Tony, deren Ehepartner nur zugunsten der Geschäfte ausgewählt wurde, muss sich der rigorose Geschäftsmann jedoch eingestehen, dass sein rationales Vorgehen zu forsch war.

Konsul Johann Siegmund Mann II diente als Vorlage für Jean Buddenbrook. Er war der eigentliche Chronist der Familie Mann, schrieb das vom Großvater, dem ältesten Mann, geerbte Chronikheft in der erblichen „Biebel“ [sic] der Familie ab und ergänzte sie durch eigene „Skitzen“ aus dem Leben von Johann Siegmund Mann jr. in Lübeck (GKFA, Kommentarband „Buddenbrook“, S. 571 ff.)

Auch Johann Siegmund Mann verlor seine erste Frau bei der Geburt des Sohnes und legte die Geschäfte in die Hände seines Sohnes aus zweiter Ehe.

Johann Siegmund Mann II wurde nach und nach („successive“) in verschiedene Ämter seiner Heimatstadt gewählt und hätte wahrscheinlich noch mehr politische Erfolge eingebracht, wenn nicht ein Konkurrent, Johann Fehling, ihm geschadet hätte. Die Familie Hagenström des Romans heißt in den ersten Entwürfen noch Fehling, Johann Fehlings Kinder hießen wirklich Julchen und Hermann.

Senator Thomas Buddenbrook (1826-1875)

Als einer der Hauptcharaktere tritt Thomas Buddenbrook schon früh im Verlauf des Buches auf. Er ist der erste Sohn von Johann (Jean) Buddenbrook mit seiner Frau Elisabeth Buddenbrook. Schon sehr früh ist klar, welchen Weg Thomas’ Leben nehmen wird: Er soll Kaufmann werden und in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Dem Äußeren nach ähnelt er seinem Großvater sehr. Auf ihn als dem Erstgeborenen wird viel mehr Hoffnung gesetzt als auf seinen Bruder Christian. Im Gegensatz zu seinem Großvater, auf den der Wahlspruch „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!“ voll zutrifft, und zu seinem Vater, der seine Geschäfte zwar unter Anstrengung, aber doch erfolgreich verrichtet, kommt Thomas seinem Beruf nur mit Mühe und im Grunde aus reinem Pflichtgefühl nach.

Thomas hat eine heimliche Liebe zur Blumenhändlerin Anna, die er wegen des Geschäfts, das ihm wichtiger ist, verlässt. Auch ihm ist es, genau wie Tony, nicht möglich, mit einer Person unter seinem Stand eine feste, öffentliche Beziehung einzugehen.

Aufgrund seiner Kenntnisse, vielfältiger Interessen und Reisen ist er in seiner Umgebung „der am wenigsten bürgerlich beschränkte Kopf“, (VI,7). Außerdem knüpft er an die traditionellen Normen und Werte der Familie an. Ihm liegt viel daran, die Familie gut zu repräsentieren und die Firmenpolitik seiner Ahnen fortzusetzen, (VI,7). Von Johann Buddenbrook dem Älteren hat er zwar die Weltoffenheit geerbt, nicht aber dessen Unbefangenheit, Jovialität und Begabung zum „Behagen“. Seine ersten Jahre als Chef der Firma sind von geschäftlichen Erfolgen gekennzeichnet. Das Ansehen seiner Familie und seine fortschrittliche Denkweise gereichen Thomas auch politisch zum Vorteil: Er wird zum Senator seiner Heimatstadt gewählt.

Bei der Frage um Tonys Scheidung von ihrem zweiten Mann Permaneder rechtfertigt er das Verhalten ihres Ehegatten. Er will Tony mit diesen beschwichtigenden Worten von ihrem festen Entschluss, sich scheiden zu lassen, abraten. Hier weicht er von seinen Grundsätzen wie Treue, Aufrichtigkeit und konsequentem Handeln ab. Sein Ziel ist vielmehr, dass die Schwester ihm keinen erneuten „Skandal, (VI,10), mit einer zweiten Scheidung bereitet.

Mit der Firma geht es unter seiner Führung zunächst stetig bergauf, trotz regelmäßiger Rückschläge und Kapital-Entnahmen. Um sein Ansehen nach außen hin deutlich zu machen, baut er ein großes Wohnhaus in der Fischergrube. Das ist eine unnötige Anschaffung, denn er hat schließlich genug Platz in seinem alten Haus.

Thomas denkt über sein weiteres Leben nach und wird zunehmend unzufrieden mit seiner Situation als Kaufmann, was sich auch nach außen beim Gang seiner Geschäfte zeigt. Er empfindet seine Berufsrolle als ungenügend. Während er im öffentlichen Leben ein glänzendes Ansehen genießt, wird er als Geschäftsmann unsicher. „Die Symbole des Glücks und Aufstiegs kommen erst, wenn in Wahrheit schon wieder alles bergab geht“, sagt er selbst und deutet auf das Leben seiner Familie hin, deren Mitglieder immer schwächer und kränker werden, (VII,6).

Er ist mit nun 42 Jahren „ermattet“, (VIII,4) und beginnt sein eigenes Wesen zu analysieren. Er stellt sich die Frage, ob er ein praktischer Mensch oder zärtlicher Träumer sei und muss sich selbst eingestehen, dass er wohl eine Mischung aus beidem ist. Er vergleicht sich zudem mit seinen Vorgängern und erkennt, dass seine Persönlichkeit nicht so gefestigt ist wie die seiner Vorfahren. Die Tendenz zum Geldsparen ist bei Thomas immer deutlicher wahrzunehmen, (VIII,4). Es wird sogar treues Dienstpersonal entlassen. Er hat ständig Angst vor dem Versagen, die an ihn gerichteten Erwartungen nicht erfüllen zu können. Er bemerkt, dass ihm im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Hingebung und der Elan fehlen. Er ist ständig darum bemüht, seine innere Planlosigkeit und Unzufriedenheit durch zunehmende Sorgfalt und Aufwand bei seiner Toilette und der Auswahl seiner Garderobe zu überspielen und sich nicht hinter die Fassade blicken zu lassen. Sein Leben ist eine reine „Produktion“ geworden, die „beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt“, (X,1). Die Bemühungen, seinen inneren Verfall nicht nach außen hin sichtbar werden zu lassen, zehren so sehr an ihm, dass er sich immer unwohler, zunehmend schwach und „unaussprechlich müde und verdrossen“ fühlt, (X,1). Verglichen wird das eitle Verhalten Thomas Buddenbrooks mit der Arbeit eines Schauspielers an seiner Maske (X,1). Hier kommt er der Vorliebe für das Theater nahe, der er bei seinem Bruder Christian oft nur Verachtung entgegenbrachte.

Thomas ist von Anbeginn nicht mit der Leidenschaft zur Musik einverstanden, die seine Frau und auch seinen Sohn erfasst hat. Der Senator erhofft sich durch den Erben Hanno eine Weiterführung der Buddenbrookschen Firma, wie es bei den Vorfahren der Fall gewesen ist. Es fällt ihm bereits nicht leicht, die Hingabe bei seiner Gattin zu tolerieren, doch dass er nun auch seinen Sohn an die Musik verliert, macht dem Senator sehr zu schaffen. Die Buddenbrooksche Art, „ohne musikalischen Wert“ zu sein, so angegriffen zu sehen, bringt ihn noch mehr dazu, sich von Hanno zu entfernen. Um eine Basis mit seinem Sohn zu finden, verfällt Thomas Buddenbrook des Öfteren in eine Prüferrolle. Er stellt dem jungen Hanno Fragen, obwohl er weiß, dass es diesem unmöglich ist, unter Druck nicht in Tränen auszubrechen. Der Vater, darüber höchst erbost, entfremdet sich weiter von seinem Sohn.

Der Altersunterschied zwischen Thomas und seiner Frau Gerda macht sich mit der Zeit immer stärker bemerkbar. Trotz seiner Eitelkeit und seines makellos korrekten Auftretens wirkt Thomas verbraucht und „verfallen“, (X,5), Gerda hingegen immer noch jung und frisch. Trotz seiner Verzweiflung wegen Gerdas Seelenverwandschaft mit dem ebenfalls musikalischen Leutnant von Throta, stellt er Gerda nicht zur Rede, sondern lässt sie nichts von seiner Vereinsamung spüren.

Thomas ist bald wieder deprimiert über Hannos „Lebensuntüchtigkeit“, (X,5), und setzt sich mit seinem eigenen Tod auseinander, da er weiß, dass Hanno sich nicht für die Nachfolge seiner Firma eignet. „Das schwärmerische Bibel-Christentum“ seines Vaters und „die weltmännische Skepsis seines Großvaters“ sind ihm hingegen „immer fremd gewesen“, (X,5).

Die Lektüre des Kapitels „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens“ aus Schopenhauers philosophischem Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eröffnet Thomas eine neue Sicht auf seine Probleme. Er steigert sich so sehr in den Rausch der Philosophie hinein, dass er beginnt Gefühle zu zeigen und zu weinen. Er begreift sich als schwächlich, schwankend und gescheitert. Seine Bewunderung für die im Leben Souveränen und Starken schließt die Ablehnung seines eigenen Lebens, folgerichtig auch das Akzeptieren des eigenen Todes mit ein. Er begegnet seinem Geschick in vollem Wissen um seine traurige Rolle: Im Testament verfügt er die Auflösung der Firma Buddenbrook. Obwohl er zuerst überzeugt ist, noch weiter in Schopenhauers Philosophie einzutauchen, beschließt er, dass diese Lektüre nichts für sein „Bürgerhirn“ sei, (X,5). Außerdem begreift Thomas, dass diese Lektüre ihm mit seiner „nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn, seinen Namen, seine Familie“, (X,5), nicht behilflich sein kann. Seine Vitalität lässt nach. Nach fürchterlichen Zahnschmerzen begibt er sich zum Arzt. Auf dem Heimweg verlassen ihn all seine Kräfte, er stürzt und fällt auf den Kopf. Kurz darauf stirbt er im Kreis seiner Angehörigen.

Antonie (Tony) Buddenbrook, geschiedene Grünlich, geschiedene Permaneder

Antonie Buddenbrook (geb. 1827), genannt Tony, ist die erste Tochter von Jean und Elisabeth Buddenbrook, Schwester von Thomas, Christian und Clara, die Mutter Erika Weinschenks (geb. Grünlich) und Großmutter Elisabeth Weinschenks.

Als einzige der Hauptfiguren bleibt Antonie Buddenbrook während der gesamten Handlung fast unverändert sie selbst: kindlich naiv, unerschütterlich in ihrem Familiensinn, der Firma treu. Eisern hält sie an Vorstellungen der Achtbarkeit fest; „vornehm“ zu sein ist ihr wichtigstes Lebensprinzip. Die kleine Antonie tritt zunächst als graziöse Gestalt und „keckes Geschöpf“ auf. Sie hat artig den Katechismus gelernt und trägt ihn den Eltern und Großeltern vor. Religiös ist sie allerdings nicht, sie nimmt eine abwehrende Haltung gegenüber den religiösen Veranstaltungen ihres Vaters und insbesondere ihrer Mutter ein.

Ehen

Antonie Buddenbrook heiratet in ihrem Leben zweimal, ist aber nur einmal wirklich verliebt.

Es ist Tony, die der Illusion der ehrbaren Firma am meisten opfert: Sie verzichtet im Interesse der Firma auf ihre Liebe zu Morten Schwarzkopf. Diesen hat sie im Alter von 18 Jahren in Travemünde kennen gelernt. Ihren Wunsch, Morten und nicht Grünlich zu heiraten, teilt Tony in einem Brief ihrem Vater mit. Ihr ist es zu diesem Zeitpunkt wichtig, aus Liebe zu heiraten. Der sehr wahrscheinlich entstehende Klatsch in der Lübecker Gesellschaft und die Meinung ihrer Familie sind ihr zu der Zeit gleichgültig.

Trotzdem heiratet sie mit 19 Jahren den windigen Bendix Grünlich, um das Firmenvermögen zu vermehren und die geschäftlichen Kontakte der Firma zu verbessern. Sie verspürt jedoch keine Wut gegen ihre Eltern, welche sie in ihrer Entscheidung beeinflusst haben.

Umso schlimmer trifft es Tony, dass Grünlich sich als Bankrotteur erweist, der sie nur geheiratet hat, um sich noch einmal finanziell zu retten. Mit Grünlich lebt sie vier Jahre zusammen in Hamburg und bekommt eine Tochter, Erika. Nicht nur die persönliche Erniedrigung, auch die ihrer Familie kränken sie. Dennoch gibt sie die Hoffnung, ein zweites Mal zu heiraten, nie auf.

Nach längerer Zeit als alleinstehende Frau ist Antonie im Alter von 30 Jahren bereit, einen neuen Bund fürs Leben einzugehen, denn sie ist fest entschlossen, die gescheiterte Ehe mit einer neuen wiedergutzumachen. Jedoch handelt es sich wieder nicht um eine Liebesheirat. 1857 heiratet sie den Münchener Alois Permaneder.

Nach dem Umzug fühlt sie sich als „eine Fremde in ihrer neuen Heimat“ und es ist „eine unaufhörliche Demütigung für sie“, denn die formlose und kaum distanzierte Art der Münchner empfindet sie als höchst unsympathisch. Daher ist sie in ihrer neuen Umgebung weder gesellschaftlich noch sozial integriert. Hinzu kommt, dass Antonies Ehegatte sich in stark alkoholisiertem Zustand über die Köchin Babette hergemacht hat. Das nimmt sie als Anlass für die Rückkehr zur Familie. Die wahren Gründe jedoch sind ihr unglückliches Außenseiterdasein, verbunden mit einer permanenten Demütigung in München, und der Tod ihres Babys.

Tony Buddenbrook kann auch ihre Tochter, Erika Grünlich, nicht vor der Heirat mit Versicherungsdirektor Hugo Weinschenk bewahren. Im Gegenteil, mit dem ihr eigenen kindlich-dümmlichen Enthusiasmus stürzt sie sich in ihre „dritte Ehe“ (1867).

Die Eheschließung ihrer Tochter geschieht nicht aus Liebe, sondern wird wieder nur wegen gesellschaftlicher Vorteile eingefädelt. Damit möchte die Mutter ihre beiden vorigen Ehen „korrigieren“, indem sie nun in einer neuen mitwirkt. Aber auch diese Ehe wirft einen schlechten Schein auf die Familie Buddenbrook. Denn Hugo Weinschenk wird wegen Veruntreuung verurteilt.

Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sich Tony bei einem Travemünder Ferienaufenthalt in den Sohn ihrer Gastgeber verliebt, den Medizinstudenten Morten Schwarzkopff, musste sich jedoch im Interesse ihrer Familie für Grünlich und gegen ihre wahre Liebe entscheiden.

Die Liebe zu Morten äußert sich im weiteren Verlauf der Erzählung darin, dass Tony ihre Tochter gerne nach der Mutter und Schwester des Geliebten, beide heißen Meta, taufen möchte, was Grünlich ihr jedoch verwehrt. Zudem zitiert sie Morten in einigen Situationen, zum Beispiel in der Frage der richtigen Tageszeitung und in medizinischen Dingen.

Charakter

Antonie Buddenbrook ist sprunghaft in ihren Stimmungen und zeigt Ansichten wie ein Kind. „Das Leben“, welches ihr Thomas Mann ironisch als Leitmotiv zugeordnet hat, ist ihr vergleichsweise hart begegnet. Dennoch ist sie im Gegensatz zu ihren ständigen Beteuerungen aus ihren Erfahrungen weder klüger noch erwachsen geworden. Selbst als zweifach geschiedene Frau besteht sie auf den sozialen Vorrechten, die ihr als höherer Tochter und Mitglied der „ersten Kreise“ zustehen. Ihr ist eine einmalige Geste zu Eigen, mit der sie Respekt einfordert: Sie legt den Kopf zurück und versucht trotzdem, das Kinn auf die Brust zu drücken. darüber hinaus besitzt sie die „schöne Gabe, sich jeder Lebenslage mit Talent, Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen anzupassen“, (V/10). So findet sie sich gut in ihre neue Rolle als von unverschuldetem Unglück heimgesuchte Frau.

Geld spielt von Anfang an eine wichtige Rolle für Tony. Ihr Hang zum Luxus wird bei ihren Großeltern Kröger deutlich: Sie ist von dem luxuriösen Lebensstil der Großeltern beeindruckt, da dieser den elterlichen noch in den Schatten stellt.

Gern würde Tony auch später in diesem Luxus und mit diesem Ansehen leben, aber das wird ihr das ganze Leben verwehrt sein. „Vornehm sein“ hat höchste Priorität für sie, weswegen sie auch den Adelstitel der Pensionsfreundin Armgard beneidet und der Ansicht ist, dass dieser besser zu ihr selbst passen würde.

In Briefen ihres Vaters und der Familienchronik lesend scheint ihr bewusst zu werden, dass es für ihre Familie und die Firma wichtig wäre, noch bessere Geschäftsgrundlagen und ein höheres Ansehen zu besitzen, was auch durch vorteilhaftes Heiraten möglich wird. Dies ist der Grund, weswegen sie selbstständig ihre Verlobung mit Herrn Grünlich in die Familienchronik einträgt.

Am Bau von Thomas' Haus und der Taufe von Hanno kann sie sich richtig freuen, denn da findet sie alles im Übermaß, wie es sich für wohlhabende Leute gehört.

Tonys Empörung kennt keine Grenzen, als sie von der Heirat zwischen ihrem Bruder Christian und der Lebedame Aline Puvogel erfährt, denn diese Verbindung stellt einen Schandfleck im Stammbaum der Familie dar. Überhaupt ignoriert sie mit ihrer kindlichen Naivität alle Anzeichen des Verfalls der Familie. So glaubt sie beispielsweise, dass Hanno, wenn er schon kein Kaufmann werde, „eben ein junges und neues Werk werde beginnen müssen“, (XI,1). Sie setzt alle ihre Hoffnungen in den kleinen Hanno und versäumt keine Gelegenheit um ihm klar zu machen, von welcher Wichtigkeit seine Person für die Zukunft des Hauses sei. Gegen die aufstrebende Familie Hagenström jedoch hegt sie einen tiefen Groll und bei dem Gedanken, „Hagenströms seien die Crème der Gesellschaft“, (XI, 1), plagen sie Magenkrämpfe. Sie verkraftet es nicht, dass, während der Glanz ihrer Familie mehr und mehr verblasst, die Hagenströms gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Erfolge zu verbuchen haben.

Die Tante Elisabeth Amalie Hyppolita Mann, geschiedene Elfeld, geschiedene Haag (1838-1927), diente Thomas Mann als Vorlage für Tony Buddenbrook. Auf Thomas' Bitte schrieb seine Schwester Julia Mann im Jahr 1897 einen umfangreichen Bericht über das Leben der Tante Elisabeth. Viele Details aus dieser Schilderung sind wörtlich in den Roman übernommen worden (die Kinderstreiche, der „Hang zum Luxus“, die Anekdote mit der Specksuppe). Wie ihr literarisches Abbild war auch Elisabeth Mann zweimal verheiratet, zur ersten Ehe wurde sie ebenfalls von den Eltern gedrängt, auch dieser Ehemann machte Bankrott. Elisabeth Mann war zuerst - laut Viktor Mann – ob der Indiskretion des Romans „indigniert“, begegnete ihrem Schicksal aber dann „mit Humor und schließlich mit Stolz“, dass die Familie sie nur noch Tony nannte.

Christian Buddenbrook

Christian Buddenbrook (geb. 1828) ist der zweite Sohn von Jean und Elisabeth Buddenbrook. Er ist der Bruder von Thomas, Tony und Clara und hat mit der Schauspielerin Aline Puvogel eine Tochter, Gisela.

Christian stellt die konträre Gestalt zu seinem älteren Bruder Thomas dar. Thomas legt Wert auf die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen, seine persönliche Haltung und sein inneres Gleichgewicht; seinem Bruder jedoch „fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht nennen kann“, (V.2).

Des Weiteren sind Familiensinn, Traditionen und die Einhaltung von Verpflichtungen für Christian bedeutungslos, genau wie Äußerlichkeiten, auf die er „nie Wert (…) gelegt“ hat, (IX.2). Dafür besucht er regelmäßig das Theater und den Klub, die seine persönliche Heimat darstellen, in der er unter Anwendung von Komik und Imitation wahrlich aufblüht. Christian erweist sich in der Gesellschaft mit anderen Menschen als takt- und schamlos, denn er versucht sich ständig mit dem Erzählen von extravaganten, lächerlichen Anekdoten und Späßen zu profilieren und in den Vordergrund zu stellen. In diesem Zusammenhang mokiert er sich häufig über Andere, ohne sich dafür zu genieren.

Auch tritt ein starker Hang zur Selbstbeobachtung zu Tage, denn er will sowohl Mitleid als auch Aufmerksamkeit erregen, wenn er seine körperlichen Gebrechen wie „Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten des Herzens und Neigung zu Lähmungserscheinungen“, (VIII.1), akribisch hypochondrisch beschreibt. Dadurch hinterlässt er den Eindruck einer völligen Lebensuntüchtigkeit, welcher durch sein kränkliches Äußeres verstärkt wird. Einmal wagt er den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit, doch dieser Versuch endet erfolglos und ist mit Schulden verbunden (VII.2).

Allerdings nimmt er seinen Verpflichtungen gegenüber Aline Puvogel, einer Edelprostituierten, und ihrem gemeinsamem Kind, sehr ernst, denn er möchte sie ehelichen und das Kind adoptieren, (IX.2). Dies verdeutlicht, dass er Tugenden wie „Mitleid und Liebe und Demut“, (IX.2), nicht nur zum Schein zeigen, sondern leben und anwenden will. Christian sehnt sich „nach einem Heim, nach Ruhe und Frieden“. Offenbar fühlt er sich in seiner Familie nicht wohl und akzeptiert.

Darauf weisen auch die permanenten Spannungen mit seinem Bruder Thomas hin, die oftmals in heftige Debatten ausarten. Zwischen den beiden herrscht eine kalte Beziehung, geprägt von Vorurteilen und Ablehnung. „Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf mich ausströmen lassen, dass mich in deiner Gegenwart beständig gefroren hat“, (IX.2), wirft Christian Thomas vor.

Am Weihnachtsfest, als sein Neffe Hanno ein Theater geschenkt bekommt, wird Christian trotz anfänglicher Begeisterung sentimental und rät Hanno von der Theaterfaszination ab. Er habe sich „auch immer viel zu sehr für diese Dinge interessiert“ und darum sei auch „nicht viel“ aus ihm geworden, (IX.8). In diesem Zusammenhang gesteht Christian, dass er „große Fehler“ begangen hat.

Das Letzte, was der Leser von ihm erfährt, ist, dass er von Aline aufgrund von „Wahnideen und Zwangsvorstellungen“, (XI.1), in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wird.

Friedrich Wilhelm Lebrecht Mann, in der Familie „Onkel Friedel“ genannt, ist Vorbild für Christian Buddenbrook. Klaus Mann berichtete, Onkel Friedel sei „ein neurotischer Tunichtgut“ gewesen, „der sich in der Welt herumtrieb und über eingebildete Krankheiten klagte“. Friedrich Mann hat sich am 28. Oktober 1913 gegen die seiner Meinung nach ehrabschneidende Darstellung in dem Roman in einer viel belachten Annonce in den Lübeckischen Anzeigen gewehrt:

„Wenn der Verfasser der ‚Buddenbroks‘ in karikierender Weise seine allernächsten Verwandten in den Schmutz zieht und deren Lebensschicksale eklatant preisgibt, so wird jeder rechtdenkende Mensch finden, dass dieses verwerflich ist. Ein trauriger Vogel, der sein eignes Nest beschmutzt!“

Christian Buddenbrook ist jedoch kein bloßes Abbild des schrulligen Onkels. In der Auseinandersetzung zwischen Christian und Thomas Buddenbrook spiegelt sich auch der Konflikt zwischen dem konservativen Dichter und Repräsentanten Thomas Mann und seinem Bruder, dem linken Gesellschaftskritiker und progressiven Literaten, Heinrich Mann wider.

Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen

Gerda lebt mit ihrem Vater, das ist „der große Kaufmann und beinahe noch größere Geigenvirtuos“ Arnoldsen, in Amsterdam. Sie hat eine verheiratete Schwester. Gerda ist durch eine faszinierende und zugleich reservierte Musikalität gekennzeichnet. Sie ist eine begnadete Violinistin mit einer echten Stradivari und Verehrerin der Werke Wagners. Auch ihr Äußeres ist von rätselhafter Schönheit, üppig und groß gewachsen, mit schwerem, dunkelrotem Haar. Die nahe beieinander liegenden braunen Augen sind von bläulichen Schatten umlagert. Ihr Lächeln zeigt weiße, starke Zähne. Das „Gesicht war mattweiß und ein wenig hochmütig“.

Thomas Buddenbrook gewinnt Gerda auf der Höhe seiner Karriere, obwohl sie „bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit aufrechterhalten“ hatte. Ihre Musikalität beeindruckt ihn, auch wenn ihm die Musik ein wesensfremder Bereich ist. In einem Brief an seine Mutter schreibt er: „Diese oder keine, jetzt oder niemals!“. Darüber hinaus ist sie eine glänzende Partie, deren Mitgift frisches Kapital in die Firma bringt.

Im Verkehr mit ihren Mitmenschen macht sie einen geheimnisvollen, unnahbaren und exotischen Eindruck. Die rätselhafte Aura, die sie umgibt, veranlasst den Makler und Kunstliebhaber Gosch, sie „Hera und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person“ zu nennen. Ihren Pflichten als Frau Senator Buddenbrook kommt sie mit Mühe nach, ohne darin aufzugehen.

Gerdas Musikalität kontrastiert mit dem von praktischen Fragen bestimmten Alltag der Firma und Familie Buddenbrook. Während ihr Mann den Geschäften nachgeht, musiziert sie mit einem anderen Mann und erreicht dabei eine Seelenverwandschaft, die ihrem Gatten schmerzlich verwehrt bleibt. In der Gestalt von Gerda Buddenbrook verkörpert die Musik in dem Roman auch ein weltenthobenes und destruktives Element, das frischer Tatkraft und geschäftigem Fleiß entgegensteht und zugleich darüber erhaben ist. Auch in ihrem Sohn Hanno schlägt ihr musikalischer Charakter durch.

Alterslos und von der Zeit unverändert, verlässt sie nach dem Tod von Ehemann und Sohn Lübeck und kehrt in ihre Heimatstadt Amsterdam zurück, als habe sich ihre Sendung erfüllt.

Gerda Buddenbrook weist gewisse Parallelen zur Mutter Thomas Manns, Julia Mann auf. Beide wachsen mutterlos auf und verbringen Zeit in einem Lübecker Mädchenpensionat. Auch Julia Mann verlässt nach dem Tod ihres Mannes bald die vornehme Heimatstadt.

Jedoch handelt es sich bei der Figur von Gerda nicht um ein einfaches Abbild der Mutter. Dazu sind die Charaktere zu verschieden. Vielmehr kann in Gerda Buddenbrook eine Weiterentwicklung einer Figur aus der Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ erkannt werden. Dort ist es Gerda von Rinnlingen, die dem Titelhelden den Tod bringt.

Justus Johann Kaspar (Hanno) Buddenbrook

Hanno ist der einzige Sohn von Thomas und Gerda Buddenbrook, der die Familie in der 4. Generation repräsentiert. Er taucht zum ersten Mal im siebten Teil des Romans auf. Wie sich aber herausstellt, endet mit ihm die Linie der Buddenbrooks, und es kommt zum endgültigen Verfall der Kaufmannsfamilie.

Hanno wird von klein auf oft von Krankheiten heimgesucht, welche seine körperliche und geistige Entwicklung beeinträchtigen. Hannos labile Verfassung wird durch seine häufigen und intensiven Weinausbrüche ausgedrückt. Er ist sensibel und nimmt sich Kritik, besonders von Seiten seines Vaters, sehr zu Herzen. Seine hohe künstlerische Begabung sowie seine schwache Konstitution („bläuliche Schatten“ unter den Augen) hat Hanno von seiner Mutter geerbt. Hanno leidet unter Schlafstörungen und wird oft durch sein eigenes Angstschreien aus dem Schlaf gerissen.

Das Verhältnis zwischen Thomas und Hanno ist nicht wie eine vertraute Vater-Sohn-Beziehung anzusehen, da Hanno Angst vor einem Versagen vor den Augen seines Vaters hat. Er kann den fortwährenden Prüfungssituationen, welche ihm Thomas stellt, nicht standhalten und gibt auf, indem er anfängt zu weinen.

Nur als Thomas Buddenbrook einmal mit seinem Sohn über seine Mutter und den musikalischen Hausfreund redet, schwindet für einen Moment „jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und jedes Missverständnis zwischen ihnen dahin“, (X,5). In dieser sehr seltenen Situation kann Hanno seinem Vater Trost und Vertrauen schenken, obwohl Thomas sonst nur Energie und Tüchtigkeit von ihm erwartet.

Allein in Musik vermag Hanno Gefühle, sogar in ekstatischer Weise, auszudrücken und zu verarbeiten, was seinem Vater aber missfällt. Die Tatsache, dass Hanno ungern zur Schule geht, da ihm die Konzentration fehlt, dem Unterricht zu folgen, baut eine zusätzliche Spannung in ihrem Verhältnis auf. Hinzu kommt sein ungewöhnlich distanziertes Verhalten seinen Klassenkameraden gegenüber. Nur zu einem Jungen baut er eine engere Beziehung auf: Kai Graf Mölln.

Charakteristisch für Hanno ist der Gegensatz zwischen seiner künstlerisch veranlagten Natur und seiner auf Zwang, Pflicht und Angst basierenden Rolle als Schüler und Erbe des Namens Buddenbrook. Die Schule ist Hanno verhasst, und aufgrund seiner mangelnden Ordnung und Disziplin ist Hanno schon völlig erschöpft, wenn er montagmorgens zu spät und ohne Hausaufgaben die Schule erreicht. Hinzu kommt in der Schule dann noch die von ihm empfundene permanente psychische Folter durch tägliche Abprüfungen, welche bei Hanno ständige Angstanfälle hervorrufen, da er ein fauler Schüler ist, der in keinem Fach vorbereitet ist.

Sein „Herzensfreund“ und „Waffensbruder“ Kai ist der einzige Lichtblick in Hannos tristem Schulalltag. Die beiden stehen in einer innigen Verbindung, deren Tiefe weder die Lehrer noch die Mitschüler zu ergründen wissen, wodurch Kai und ganz besonders Hanno in ihren Augen zu isolierten „Sonderlingen“ werden, (XI2). Die Beziehung der beiden Jungen zueinander weist dabei eine klare homoerotische Komponente auf, zum Beispiel wenn beschrieben wird, wie Kai um die Gunst des kleinen Hanno „geworben“ hatte. Im Gegensatz zu Hanno wirkt Kai viel vitaler, lebensfroher und lockerer in seiner ganzen Einstellung der Schule gegenüber. Kai sehnt sich nach dem Tag, an dem sie die Schule für immer verlassen können. Für Hanno stellt aber selbst dieser Gedanke keine Alternative dar, denn er weiß, dass er den hohen Anforderungen als Erbe des Namens Buddenbrook nie gerecht werden wird, und schließt sich bedingungslos der Aussage des Pastors Pringsheim an, „man müsse (ihn) aufgeben, (er) stammte aus einer verrotteten Familie“, (XI, 2). Selbst sein Talent am Klavier schmälert er derart, dass Hanno vollkommen ratlos und verzweifelt zu dem Schluss kommt: „Ich möchte sterben, Kai! ... Nein, es ist nichts mit mir. Ich kann nichts wollen – man sollte mich nur aufgeben. Ich wäre so dankbar dafür!“, (XI,2).

In dieser tiefen Depression Hannos findet Kai tröstende Worte für seinen Freund, aber auch Kai kann nicht verhindern, dass Hanno sich in seinem Kummer ans Klavier begibt und sich bis zur Ekstase in einer seiner selbst erfundenen Phantasien verliert. In der Musik kann er all den Gefühlen, die sich in seinem Innersten regen, frei und hemmungslos Ausdruck verleihen. Diese Art der Hingabe steht in völligem Kontrast zu Hannos sonst eher schüchtern-zurückhaltendem Wesen, und sein Klavierspiel stellt für ihn die einzige Möglichkeit dar, aus dem ihm verhassten Alltag zu fliehen.

Als Hanno einmal die Familienchronik in die Hände fällt und er seinen Namen liest, zieht er „mit stiller Miene und gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und verträumt, [...] mit der Goldfeder einen schönen, sauberen Doppelstrich quer über das ganze Blatt...“. Später erklärt er seinem Vater: „Ich glaubte,... es käme nichts mehr“, (VIII,7), womit das zukünftige Schicksal der Familie Buddenbrook vorausgedeutet wird.

Statt einer individuellen Beschreibung des Hergangs wird im nüchtern-sachlichen Stil der tödliche Verlauf der Typhus-Krankheit aus Meyers Konversationslexikon rezitiert. Der Grund für Hannos Tod liegt jedoch nicht ausschließlich in dieser Erkrankung, sondern mehr in seinem mangelnden Lebenswillen und der Unfähigkeit, sein Leben fortzuführen, obwohl er erst 15 Jahre alt ist.

Mit dem Tod von Hanno endet die Familiengeschichte der Buddenbrooks.

Für Hanno gibt es kein Mitglied der Familie Mann, das direkt Pate gestanden hätte. Thomas Mann hat jedoch vielen Figuren des Romans eigene Charakterzüge geliehen und dabei wiederholt betont, dass ihm Hanno Buddenbrook am nächsten stehe. Für diesen Ansatz spricht auch die Einarbeitung der anderen Familienmitglieder in Buddenbrooks und Charaktere in anderen Werken, zum Beispiel Tonio Kröger, die in vielen Aspekten eine frappierende Ähnlichkeit zu Hanno aufweisen und mit denen Thomas Mann sich ebenfalls besonders identifizierte.

Weitere Mitglieder der Familie Buddenbrook und Kröger

Antoinette Buddenbrook, geb. Duchamps

Antoinette Buddenbrook ist die Gattin von Johann Buddenbrook dem Älteren. Sie ist die Mutter von Jean Buddenbrook und stirbt 1842 nach mehrwöchiger Krankheit. Als Vorlage diente das Schicksal von Catharina Mann, geborene Grotjahn, der Gattin von Johann Siegmund Mann dem Älteren.

Elisabeth Buddenbrook („Bethsy“), geb. Kröger

Elisabeth Buddenbrook, geb. Kröger, ist die Ehefrau von Konsul Johann (Jean) Budenbrook. Sie ist die Mutter von Thomas, Christian, Antonie (Tony) und Clara. Sie wird als zunächst elegante und lebenslustige, mit zunehmendem Alter aber fromme und frömmelnde Person beschrieben, die nach dem Tod ihres Gatten das Haus in der Mengstraße für karitative Veranstaltungen und protestantische Missionare öffnet. Gegen den Willen ihres Sohnes und jetzigen Firmenbesitzers Thomas Buddenbrook überträgt sie nach dem Tode ihrer Tochter Clara an deren Gatten, Pastor Tiburtius, 120.000 Kurantmark und entzieht damit der Firma einen schmerzhaften Betrag. Als Vorlage diente Elisabeth Mann geborene Marty, (1811-1890), Ehegattin des Konsuls Siegmund Mann des Jüngeren

Clara Tiburtius, geb. Buddenbrook

Clara Tiburtius, geb. Buddenbrook (geb. 1838, gest. 1864), ist das vierte Kind von Jean und Elisabeth Buddenbrook. Sie wird als andächtig, still und mager beschrieben. 1856 heiratet sie den im Hause der Buddenbrooks verkehrenden Pastor Tiburtius und zieht mit ihm nach Riga, wo sie einer qualvollen Krankheit (vermutlich Gehirntuberkulose) erliegt. Vom Totenbett schreibt sie ihrer Mutter einen Brief, in dem sie darum bittet, Tiburtius das auf sie ausgesetzte Erbe auszuzahlen. Ungeklärt bleibt, ob sie den Brief aus eigenem Antrieb verfasste oder ob er diktiert wurde. Ihre Mutter folgt unverzüglich dem Ansinnen, ohne Thomas davon in Kenntnis zu setzen, und untergräbt damit seine Position als Leiter der Firma und Familienoberhaupt. Als Vorlage der Romanfigur diente Olga Mann, verehelichte Sievers (1846-1880), als Vorlage des Tiburtius ihr Gatte, der Kaufman Gustav Sievers.

Gotthold Buddenbrook

ist der ungeliebte Sohn von Johann Buddenbrook aus erster Ehe. Er wird als beleibt und kurzbeinig beschrieben und ist eifersüchtig auf seinen Halbbruder Jean Buddenbrook, der statt seiner zum Inhaber der Firma bestimmt wird. Seine Töchter Frederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook bleiben unverheiratet und treten immer wieder als neidische Spötterinnen auf, die Rückschläge der Familie mit Schadenfreude kommentieren. Als Vorlage für Gotthold Buddenbrook diente Konsul Siegmund Mann, als Vorbilder für Pfiffi, Henriette und Friederike Buddenbrook sind Luise, Auguste und Emmy Mann identifiziert.

Klothilde Buddenbrook

ist die Nichte von Johann Buddenbrook dem Älteren. Sie stammt aus einem eingegangenen Nebenzweig der Familie. Klothilde, Spitzname Thildchen, ist im Alter von Thomas Buddenbrook, wächst mit ihm und seinen Geschwistern im Haus in der Mengstraße auf und wird später in einem Kloster versorgt. Sie wird als magere, blasse und phlegmatische Person beschrieben, die bei jedem Anlass mit großem Appetit zur Stelle ist. Als ihr reales Vorbild gilt Thekla Mann.

Familie Kröger

Lebrecht Kröger (geb. unbekannt, gest. 1848) ist verheiratet mit seiner Cousine Catharina Kröger. Er ist der Vater der Konsulin Elisabeth Buddenbrook. Die Enkelin Tony ist als Kind oft auf einige Wochen zu Gast in dem noch reicheren und luxuriöseren Haus. Er ist ein gutmütiger und fröhlicher Herr alter Schule. Bei einem Bürgeraufstand vor dem Rathaus (vermutlich die Revolution 1848) versagen ihm die Nerven und er stirbt.

Sein Sohn Justus Kröger (geb. 1800, gest. 1875) heiratet die menschenscheue Rosalie Overdiek und hat mit ihr die Kinder Jacob und Jürgen. Er setzt sich bald zur Ruhe und genießt das Leben als Suitier. Beide Kinder aber machen Sorgen. Jacob fällt immer wieder durch seinen Leichtsinn und zwielichtige Geschäfte auf. Das geht so weit, dass Justus mit ihm bricht und das untragbare Kind nach Amerika geschickt wird. Jacob wird von seiner Mutter heimlich und gegen den Willen seines Vaters Justus mit Geld versorgt. Jürgen schließt sein Jurastudium nicht ab und wird Postangestellter. Über Justus' Tod wird nicht detailliert berichtet. Er stirbt wie Thomas Buddenbrook 1875.

Morten Schwarzkopf

Morten Schwarzkopf ist der Sohn des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf in Travemünde und Medizinstudent aus Göttingen. Tony Buddenbrook lernt er kennen, als sie während eines Urlaubs im Hause seiner Eltern am Strand in Travemünde wohnt. Hintergrund ihres Urlaubs ist der Heiratsantrag des ungeliebten Kaufmanns Bendix Grünlich, über den das junge Mädchen in Ruhe nachdenken soll.

Zwischen Morten und Tony entwickelt sich eine „Sommerliebe“. Bezeichnend für ihr Verhältnis zu dem attraktiven, aber nicht standesgemäßen Morten ist der Terminus „auf den Steinen sitzen“, der verschiedene Male im Laufe des Romans wieder erscheint. Morten Schwarzkopf muss wiederholt auf einigen Steinen am Strand sitzen bleiben und warten, während Tony ihre höher gestellten Freundinnen und Bekannten trifft, vor denen er sich nicht sehen lassen kann. „Auf den Steinen sitzen“ wird zum Begriff für ausgegrenzt sein, für den Wartestand.

Darüberhinaus vertritt Morten Schwarzkopf in seinen Gesprächen mit Tony mit großer Heftigkeit die bekannten liberalen Standpunkte des einfachen Bürgertums gegenüber Adel und Besitzadel. Aber trotz der großen Standesunterschiede versprechen sich die Beiden. Auf Druck ihres Vaters nimmt Tony jedoch bald nach ihrer Rückkehr nach Lübeck den Antrag von Bendix Grünlich an.

Morten Schwarzkopf wird später Arzt in Breslau.

Bendix Grünlich

Bendix Grünlich ist die erste Figur, die im Verlaufe des Romans von außen in die Familie der Buddenbrooks eintritt. Eingeladen als Geschäftspartner, lernt er Tony als junge Frau kennen. Antonie verabscheut ihn allerdings vom ersten Moment an wegen seines manierierten Auftretens. Grünlich macht ihr nach einigen Wochen einen Antrag und lässt dabei jede Distanz vermissen; er verknüpft in aufdringlicher und überzogener Weise sein Leben mit der Annahme dieses Heiratsantrags, dessen sich Tony kaum zu erwehren weiß.

Was wie echte Verliebtheit aussieht, erweist sich im Laufe des Romans immer mehr als kaltblütiges Manöver Grünlichs. Nach der Heirat und Übersiedelung nach Hamburg nimmt er kaum mehr Notiz von seiner jungen Frau. Am Ende stellt sich heraus, dass es ihm ausschließlich auf die Mitgift und das Renommé, privat mit der Familie Buddenbrook verbunden zu sein, angekommen war. Nach Grünlichs Bankrott folgt die Ehescheidung, Tony kehrt in ihr Elternhaus zurück, und Grünlichs Spur verliert sich.

Alois Permaneder und sein schreckliches Wort

Unverzeihlich und in gepflegter Konversation unter keinen Umständen wiederzugeben ist jenes Schimpfwort, das Alois Permaneder seiner Frau Antonie an den Kopf wirft: Ein einziges Schimpfwort von äußerster, nicht wiederzugebender Unanständigkeit aus dem Munde Permaneders („Geh zum Deifi, Sauluada, dreckats!“) treibt die unwiderrufliche Zerrüttung auch der zweiten Ehe Antonie Buddenbrooks zu ihrer krisenhaften Zuspitzung. Über mehrere Kapitel hinweg werden die Leser im Unklaren gelassen, in welche Worte der endgültige Bruch wohl gefasst worden sei. Leitmotivisch spielt Thomas Mann hier nicht nur mit seinen Romanfiguren, sondern auch mit seinen Lesern.

In den vorherigen Kapiteln war Permaneder vor allem als gemütlicher, ehrlicher und einfacher Mensch beschrieben worden, den Tony als grundgut empfindet. In vielen seiner Charakteristika entspricht Permaneder dem norddeutschen Stereotyp für typische Bayern.

Erika, Elisabeth und Hugo Weinschenk

Erika Grünlich ist das einzige Kind aus der Ehe zwischen Tony Buddenbrook und Bendix Grünlich. Sie zieht mit ihrer Mutter nach der Trennung von Grünlich zurück in deren Elternhaus in die Mengstraße. Als junge Frau heiratet sie Hugo Weinschenk. Weinschenk ist der Direktor einer Feuerversicherungsgesellschaft. Er wird als „tüchtiger Büromensch“ und gesellschaftlich unerfahrener Mann beschrieben, dessen „Konversation von Herzen ungewandt“ ist. Mit ihm hat Erika eine Tochter, Elisabeth. Weinschenk wird wegen dienstlicher Unregelmäßigkeiten zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Danach ist er in der Lübecker Gesellschaft untragbar geworden. Nachdem er die Haftstrafe verbüßt hat, verzieht er sich alleine nach England, lässt Frau und Tochter im Stich und meldet sich nie wieder. Als Vorbild der Erika Grünlich ist Alice Elfeld, Elisabeths Tochter, verehelichte Biermann identifiziert.

Kai Graf Mölln

Kai ist der einzige Freund von Hanno. Er ist ein „Kind von vornehmer Herkunft und gänzlich verwahrlostem Äußeren“. Mit seinem Vater, Eberhard Graf Mölln, lebt er auf einem Gehöft und „winzigen, fast wertlosen Anwesen, das überhaupt keinen Namen hatte“ vor den Toren der Stadt. „Mutterlos [...] war der kleine Kai hier wild wie ein Tier unter Hühnern und Hunden herangewachsen“. Die Familie Mölln ist bereits verfallen. In Kai haben sich jedoch die edlen Züge erhalten. Er strotzt voll Lebenskraft, ist begeistert von englischer Literatur und ein phantasiereicher Erzähler. Auf ihm lastet keine (Familien-) Geschichte mehr, bürgerliche Konventionen haben für ihn keine Gültigkeit, der Verfall hat ihn frei gemacht. Kai und Hanno fühlen sich vom ersten Anblick an voneinander angezogen. Ihre Freundschaft besitzt eine ausgeprägte homoerotische Komponente. Kai „hatte mit einer stürmisch aggressiven Männlichkeit um die Gunst des stillen [...] Hanno geworben, der gar nicht zu widerstehen gewesen war“. Zugleich verleiht seine musikalische Leidenschaft und seine fehlende Fähigkeit soziale Kontakte zu knüpfen, Hanno autistische Züge. Als Vorbild für die Romanfigur gilt ein Graf Schwerin.

Ida Jungmann

Ida Jungmann ist die „Bonne“ der Familie Buddenbrook. Sie zieht bereits Thomas und Christian auf und kümmert sich später um Erika, Elisabeth und Hanno. Gekennzeichnet wird sie unter Anderem durch ihren westpreußischen Dialekt und skurrile Geschichten, die sie ihren Zöglingen erzählt. Ihr Vorbild in der Familie Mann hieß Ida Buchwald.

Therese (Sesemi) Weichbrodt

Therese Weichbrodt, von allen Sesemi genannt, ist die Leiterin eines Mädchenpensionates, das unter anderem von Tony Buddenbrook, vielen ihrer Freundinnen und ihrer Tochter Erika besucht wird. Sie ist eine alte, ungeheuer kleine und mild gestimmte Person, die zu jedem Anlass mit ihrer eigentümlichen Sprechweise die Worte „sei glöcklich, du gutes Kend!“, sagt. Mit diesem Wunsch besiegelt die alte Erzieherin Hochzeiten und andere feierliche Anlässe im Leben ihrer ehemaligen Schützlinge. Oft hat sie bei diesen Anlässen das letzte Wort. Angesichts des Scheiterns vieler trotz ihrer Glückwünsche geschiedener Ehen kommt dem Ausspruch im Verlauf des Romans die Bedeutung eines bösen Omens zu. So spricht denn auch Sesemi Weichbrodt die letzten Worte des Romanes und besiegelt das Schicksal der auseinandergefallenen Familie: „Es ist so!“. - Als Vorbild für die Romanfigur ist Therese Bousset identifiziert, die Leiterin des Erziehungsinstituts am Pferdemarkt.

Blumenmädchen Anna (Iwersen)

Anna (Geburtsname unbekannt, spätere Iwersen) arbeitet als Blumenhändlerin in einem kleinen Geschäft in der Fischergrube. Sie ist die frühe Geliebte von Thomas Buddenbrook. Sie wird als „wunderbar hübsch“, „zart wie eine Gazelle“ und Mensch mit „beinahe malaiischen Gesichtstypus“ beschrieben. Thomas löst die unstandesgemäße Verbindung, als er für einen längeren Aufenthalt nach Amsterdam aufbricht und bekennt ihr, welchen Gang sein Leben nehmen wird. Zum Abschied bittet er sie: „Aber wirf dich nicht weg, hörst Du?“. Anna heiratet. Jahrzehnte später begegnet sie dem aufgebahrten Thomas Buddenbrook wieder, antwortet: „Ja...“, schluchzt ein einziges Mal auf und „wandte sich zum Gehen“. Das Blumenmädchen Anna stellt scheinbar nur eine kleine Episode im Roman und im Leben des Thomas Buddenbrook dar. Bemerkenswert ist, dass sich der verheiratete Thomas sein prächtiges Heim in die Nähe von Annas Blumenladen baut. Zur Hundertjahrfeier bekommt die Familie Buddenbrook viele Blumengestecke, die in eben diesem Blumenladen gesteckt werden. An kaum einer anderen Stelle des Romans aber zeigt sich Thomas zugeneigter, unverstellter und unmittelbarer als in dieser kleinen Liebe.

Familie Hagenström

Familie Hagenström, eine der „bedeutenden“ Patrizierfamilien des Orts, erweist sich im Laufe des Romans als die zunehmend potentere Gegenkraft zu den Buddenbrooks. Konkurrenz tritt bereits im Kinderalter auf, als Tony den ältesten Sohn der Familie, Hermann, ohrfeigt, als dieser versucht, sie zu küssen. Hermann Hagenström wird als „freisinniger und loyaler Kopf“ beschrieben, „den der Reichtum heiter und wohlwollend machte“. Während Tony Buddenbrook ihre kindliche Feindseligkeit gegen das „Gänseleberpastetengesicht“ aufrecht erhält, kann Thomas Buddenbrook die Fähigkeiten seines geschäftlichen und politischen Konkurrenten schätzen. Nach dem Tod der Mutter verkauft er das Haus in der Mengstraße an die Familie Hagenström.

Die Hagenströms sind gewissermaßen der vitalere, erfolgreichere Gegenpol zu den „verfallenden“ Buddenbrooks.

Interpretation

Leitmotive

Verfall

Das übergreifende Motiv des Romans ist der Untertitel „Verfall einer Familie“. Von Generation zu Generation schwinden Tatkraft und heiterer Unternehmensgeist. Dem ökonomischen Niedergang der Firma Buddenbrook geht der ihrer Familienmitglieder voraus. Eine Tendenz zur Vergeistigung beeinträchtigt die robuste Kaufmannsmentalität. Jean Buddenbrook wird fromm; bei der Konsulin artet Christentum in Frömmelei aus, wegen der damit verbundenen finanziellen Großzügigkeit mit herben wirtschaftlichen Folgen für die Firma; Christian entartet zu einer Künstlernatur ohne Ziel und Lebensplan, geplagt von Hypochondrie; Tony wird zu einer Ehe mit einem Filou überredet, weil man den hochstaplerischen Bräutigam für eine gute Partie hält. Eine standesgemäße Heirat wäre bei modernerem Denken auch Tonys Jugendliebe gewesen, der Medizinstudent Morton Schwarzkopf, der später ein erfolgreicher Arzt in Breslau wird. Die Buddenbrooksche Familientradition, nur in Vermögen einzuheiraten, bringt Tony um ihr Lebensglück.

Thomas` Eigenliebe und Hang zum Repräsentieren sollen seine zunehmende Schwäche und Erschöpfung verbergen. Als er heiratet, fällt seine Wahl auf eine hoch kultivierte, in Lübeck fremd wirkende Schönheit aus Amsterdam, eine Künstlerin, die in freien Stunden auf ihrer Stradivari musiziert. Der Familie Buddenbrook ist sie zwar zugetan, wesensmäßig bleibt sie ihr jedoch fremd. Thomas Buddenbrook wird, als er die Mitte seines Lebens bereits überschritten hat, mit der pessimistischen Philosophie Schopenhauers bekannt und findet in dieser Welterklärung Trost. Sein einziger Sohn, Hanno, ist körperlich zart und nicht belastbar. Seine Mutter vererbt ihm ihre Musikalität. Er ist gänzlich unfähig, einmal die Buddenbrooksche Firma zu leiten.

„Sey mit Lust bey den Geschäften“

„Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.“ Diese Maxime und Mahnung stammt aus den Chroniken der Familie, (II,1), und zieht sich durch den ganzen Roman. Als Verfasser wird der Großvater Jeans genannt, der den Getreidehandel begründet hatte, eine Figur also, die vor der Zeit des Romans lebte und nur im Rückblick auftaucht. Sein Nachkomme Jean vermag noch weitestgehend nach diesem Grundsatz zu leben. Bei Johann sind die Unternehmungen bereits von Sorgen eingetrübt, Thomas schließlich führt die Geschäfte mit wenig Lust, beständiger Unruhe, täglicher und nächtlicher Sorge. Hanno wird schließlich gar nicht mehr fähig sein, irgendwelche Geschäfte zu führen.

„Das Leben“

Bevorzugtes Gesprächsthema Antonie Buddenbrooks. Ihre Behauptung, sie kenne „das Leben“, widerlegt sie selbst durch ihre fehlgeschlagenen Ehen und mit ihren Ratschlägen, die für die Firma katastrophale Folgen haben (z. B. Kauf des Pöppenrader Getreides „auf dem Halm“).

Musik

Bis auf Gerda und Hanno sind alle Mitglieder der Familie Buddenbrook unmusikalisch. Einzig Johann Buddenbrook der Ältere bläst ab und an etwas auf der Flöte, doch drückt sich hierin mehr Vergnügen und oberflächliche Lebenslust aus, als eine Verbundenheit mit der zweideutigen Kunst. Musikalität und tätiges Leben sind in dem Roman als Gegensätze angelegt. Thomas Buddenbrook wird von der Musikalität seiner Gattin ergriffen, er sehnt sich nach ihrer Sphäre, ohne sie je erreichen oder verstehen zu können. Der Musik wird eine durchaus moralisch zersetzende Kraft zugemessen. Zum Ausdruck kommt dies u. A. in einer Szene zwischen Gerda Buddenbrook und Edmund Pfühl, dem Marienorganisten und Klavierlehrer Hannos. Pfühl weigert sich zunächst entschieden, Gerdas Bitte nachzukommen und mit ihr Stücke von Wagner zu spielen: „Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin ihr ergebener Diener, aber ich spiele dies nicht.“ Später erliegt er ihr doch.

Hanno Buddenbrook kommt nach seiner Mutter. Er kann sich Klavierfantasien rauschhaft hingeben. Doch seine Musik ist nicht selbst geschaffen. Seine Komposition paraphrasiert unfruchtbar das Werk eines anderen, Wagners „Tristan“. Das Klavierspiel ist in seiner orgienhaften Ausdehnung deutlich autoerotisch geprägt. Hanno schöpft daraus keine Kraft, er verliert sich darin, ohne produktiv zu werden. Die Hoffnungen Tonys, Hanno könnte in der Musik eine neue Familientradition begründen, erfüllen sich nicht.

Farbsymbolik: Blau und Gelb

Durch den gesamten Roman zieht sich die konsequente Erwähnung der Farben Blau und Gelb, die nicht nur in Thomas Manns ausführlichen Erstbeschreibungen von Personen und Szenarien zum Tragen kommen, sondern auch in leitmotivischer Intention wiederholt werden. Dies legt die Vermutung nahe, dass sie eine zentrale Rolle im Buch spielen, also eng verknüpft sind mit dem Hauptproblem, dem Verfall der Familie Buddenbrook und gesellschaftlichen Umschichtung im allgemeinen.

Innerhalb der Linie der erstgeborenen männlichen Buddenbrooks zeigt sich, dass die Farbe Blau in Zusammenhang mit jener Entwicklung steht, die sich in den buddenbrookschen Nachkommen zeigt. Mit dem Verfall ist aber bei der Verwendung der Farbe Blau als Leitmotiv immer auch ein Aspekt der Verfeinerung verbunden, insbesondere bei Thomas, Gerda und Hanno. Meist werden „künstlerische“ Organe wie Augen, Hände oder die Schläfen als „bläulich schimmernd“ bezeichnet. Außerhalb der Linie der Erstgeborenen steht Blau für allgemeines Scheitern und negative Einflüsse auf die Familie Buddenbrook und tritt bei anderen Personen und sogar der Natur auf.

Im Gegensatz zur blauen Farbe weist Gelb auf Tradition, Stärke, Hoffnung und Aufschwung hin. Auch diese Farbe tritt sowohl in direkter Nähe zu den Buddenbrooks (Einrichtung ihres Hauses und ihres Gartens) als auch außerhalb der Familie (z. B. einfaches Volk, aufstrebendes Bürgertum und Haus der Bürgerschaft) auf. Außerhalb der Familie Buddenbrook steht die Farbe Gelb für Solidität und Konstanz.

Die Farbe Gelb kann alternativ ebenfalls als leitmotivisch für den Verfall angesehen werden: Die Farbe tritt in der Einrichtung des „Landschaftszimmers“ in den Vordergrund, ausdrücklich werden die gelblichen Sonnenuntergänge erwähnt. In diesem Zimmer versammeln sich die Buddenbrooks zu Beginn des Romans. Bei seinem Tod ist Lebrecht Krögers Gesicht „gelb und von schlaffen Furchen zerrissen“, gleichermaßen gelblich wirken Konsul und Konsulin im Tode. Das neugeborene Kind Clara (sie wird als junge Frau an Tuberkulose versterben) hat „gelbe, runzlige Fingerchen“. Die Romanze zwischen Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf steht unter „gelben“ Vorzeichen; der Leuchtturm ist gelb, die Abhänge aus gelbem Lehm, das Seegras gelbgrün, die Quallen rotgelb. Grünlichs „goldgelbe Favoris“ werden vielfach zitiert. Das Licht in Hannos Zimmer in Travemünde ist „gelblich“, er schläft in einem „gelbhölzernen“ Bett. Die Ernte von Pöppenrade ist „gelbreif“. Nach dieser Interpretation ist „Gelb“ eindeutig dem Scheitern, dem Versagen zugeordnet und hat keine positive Assoziation.

Sprache, Dialekte

Thomas Mann erweist sich bei der Beobachtung von Sprachdialekten als Besitzer eines feinen musikalischen Gehörs. Die verschiedenen Figuren werden immer auch durch ihre Redensart charakterisiert. Beispiele hierfür sind die verschiedenen Lehrerfiguren, oder Ida Jungmann.

Hände

Die Hände der Romanfiguren spielen in Buddenbrooks eine wichtige Rolle. Grünlich hat „lange, weiße“, „von bläulichen Adern durchzogene“ Hände, Permaneder „weiße, feiste“ Hände. Die stärkeren Familienmitglieder der frühen Generationen haben weiße Hände (Johann, Konsulin, Tony), „kurzfingrig“ und zum Musizieren ungeeignet.

Besonders auffällig und ungewöhnlich sind Hannos Hände: Gerda Buddenbrook behauptet im Gespräch mit Hannos künftigem Klavierlehrer Pfühl, „die Buddenbrooks könn[t]en alle Nonen und Dezimen greifen“. Die Familienmitglieder der zweiten Generation verfügen also bereits über die körperlichen Voraussetzungen zum Künstlertum, setzen diese Fähigkeit aber nicht ein: „Aber sie haben noch niemals Gewicht darauf gelegt.“

In Hanno Buddenbrook vereinigen sich schließlich Veranlagung und Physis in der Person des Künstlers.

Protestantische Ethik?

Besondere Bedeutung für die Interpretation des Romans hat die Frage, wie sehr Mann hier, wie er selbst später schreibt, Gedanken ausführt, die Max Weber in seiner Arbeit Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus wenige Jahre nach Erscheinen des Romans formuliert hat.

Die Stadt Lübeck und ihre Bürger

Obwohl der Roman kein einziges Mal den Namen der Stadt nennt, in der die Geschichte spielt, kann man anhand detaillierter Ortsangaben (Holstentor [2,6], Fischergrube, Mengstraße), der Erwähnung der Gruben und Twieten, der Trave, Travemündes und Schwartaus sowie der auszugsweisen Wiedergabe der Stadtgeschichte unmissverständlich erkennen, dass Thomas Manns Heimatstadt Lübeck gemeint ist.

Viele Figuren des Romans haben reale Vorbilder aus der Familiengeschichte der Manns, viele Nebenfiguren sind Lübecker Bürgern nachgestaltet. Aufgrund der ausgeprägten, zuweilen karikierenden Ironie der Schilderung waren die Portraitierten oft nicht begeistert, sich im Buch wiederzufinden. Die Beziehungen zwischen Thomas Mann und seiner Vaterstadt waren noch viele Jahre nach dem Erscheinen des Romans angespannt.

Buddenbrooks als zeitgeschichtliche Darstellung

Auch wenn der Roman primär nicht zu diesem Zweck geschrieben wurde, spiegelt er einige Aspekte der Zeitgeschichte anschaulich wider. An folgenden Themen wird dies besonders deutlich:

  • Schule: Aus der liberalen Schule mit dem Lehrer Marcellus Stengel wird die preußische Schule mit dem furchterregenden Direktor Wulicke. Tucholsky hat dies als beste Beschreibung des preußischen Schulwesens bezeichnet.
  • Medizin: An vielen Stellen im Roman spielen Medizin und Zahnmedizin (wie später auch im „Zauberberg“) eine Rolle. Dabei wird deutlich, dass man damals zwar schon viel über Krankheiten wusste, ihnen aber weitgehend machtlos gegenüberstand. Besonders eindringlich ist der Todeskampf der an Lungenentzündung erkrankten Konsulin, der man die erflehte Sterbehilfe verweigert. Der Zahnarzt Brecht [sic] leidet mit den Patienten und ob seiner Ohnmacht. Nachdem ihm bei Thomas eine Zahnextraktion (zu der Zeit ohne Betäubung) missglückt war, „lehnte er am Instrumentenschrank, [und] sah aus wie der Tod.
  • Politische Entwicklung: Folgen der Märzrevolution, Jean Buddenbrook spricht mit Aufständischen in der Sprache des Volkes und verhindert so eine Ausweitung der Revolution auf die Stadt. Eine Küchenangestellte der Buddenbrooks kritisiert gegenüber ihrer Herrin die herrschenden Besitzverhältnisse und wird deshalb fristlos gekündigt.

Entstehungsgeschichte

Im Rückblick auf sein erstes bekanntes Werk berichtet Thomas Mann 1926 in der Rede „Lübeck als geistige Lebensform“ von einem Brief seines Verlegers Samuel Fischer vom 29. Mai 1897, in dem dieser ihm anbietet, „ein größeres Prosawerk“ zu veröffentlichen.

Buddenbrooks entstand vom Oktober 1897 bis 18. Juli 1900. Mann erwähnt den Roman erstmals in einem Brief an einen Freund, Otto Grautoff, vom 20. August 1897. Im Verlauf der nächsten Jahre wuchs der Roman zu seinem heute bekannten Umfang an. Am 18. Juli 1900 schloss Thomas Mann das Manuskript ab und schickte es am 13. August 1900 an den Verleger Samuel Fischer.

Wirkungsgeschichte

Startschwierigkeiten und Nobelpreis für Literatur

Das Werk wurde am 26. Februar 1901 veröffentlicht, zweibändig, in einer Auflage von 1.000 Exemplaren [1]. Der Verkauf war schleppend. Der für die damalige Zeit hohe Preis von 12 Mark (geheftet) bzw. 14 Mark (gebunden) behinderte wahrscheinlich den Absatz.

Die einbändige 2. Auflage von (1903) mit 2.000 Exemplaren zu einem geringeren Preis brachte den Erfolg (Abb. des mit der 2. Auflage identischen Einbandes siehe [2]). 1918 waren 100.000 Exemplare verkauft. Im Dezember 1930 erschien eine Auflage von 1 Million Exemplaren zu einem herabgestztem Preis [3]. Am 12. November 1929 erhielt Thomas Mann für die Buddenbrooks den Nobelpreis für Literatur.

Reaktionen in Lübeck

In Lübeck wurde der Roman nicht durchweg freundlich aufgenommen; manchen Bürgern erschien er als unzulässige Satire oder gar als Diffamierung. Auf den „Preßprozeß“, dem sich Thomas Mann in seiner Heimatstadt ausgesetzt sah, reagierte er 1906 mit dem Aufsatz „Bilse und ich“. Dort verbat er sich Vergleiche mit dem 1903 erschienenen Schlüsselroman Aus einer kleinen Garnison von Fritz Oswald Bilse, der damals einen Skandalerfolg erzielt hatte. Gleichzeitig verteidigte Mann, unter Beachtung der Unterscheidung zwischen „Frechheit“ und „Freiheit“, das Recht des Schriftstellers, wirkliche, auch lebende, Personen künstlerisch auszugestalten.

Offizielle Diffamierung ab 1936

Zu Beginn des Nationalsozialismus 1933 war das Verhältnis Thomas Manns zum offiziellen, politischen Deutschland von Ambivalenz geprägt. Bis 1936 durften seine Bücher noch in Deutschland erscheinen. Erst nachdem Mann sich in einem offenen Brief an den Rektor der Universität Bonn gegen das Regime aussprach und die tschechische Staatsbürgerschaft annahm, erschien sein Gesamtwerk auf der Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ des Propagandaministeriums. Erstmals belegt ist dies für den 9. Dezember 1936. Seine Bücher wurden in deutschen Buchhandlungen beschlagnahmt, die Presse angewiesen, über ihn zu schweigen.

Nach 1945

Mit dem Erscheinen preiswerter Taschenbuchausgaben nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Gesamtauflage des Romans auf mehrere Millionen an. Bis 1994 waren die Buddenbrooks in über 30 Sprachen übersetzt worden. Neues Interesse erwachte mit dem Film von Heinrich Breloer, Die Manns – Ein Jahrhundertroman, und der Feier von Thomas Manns 50. Todestag am 12. August 2005. 2002 erschien eine neu edierte Ausgabe der Buddenbrooks mit Kommentarband im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke“ Thomas Manns.

Literatur

Textausgaben, kommentierte Ausgaben

  • Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Berlin: S. Fischer Verlag 1901, 2 Bde. 566 S., 539 S. (Erstdruck: Potempa D 1; Bürgin I 2; W./G.² 3)
  • Buddenbrooks. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Band 1/1-2. S. Fischer, Frankfurt am Main 2002. ISBN 310048312X. Gut edierte Ausgabe, umfangreicher Kommentarband.

Sekundärliteratur

Von Thomas Mann und Mitgliedern der Familie Mann

  • Mann, Thomas: Über mich selbst. Fischer, Frankfurt, 1994. ISBN 3596123895
  • Mann, Thomas: Selbstkommentare: Buddenbrooks. Fischer, Frankfurt 1989.
  • Mann, Viktor: Wir waren fünf. Fischer, Frankfurt, 2001, ISBN 3596122759

Von anderen Verfassern

Zu den Buddenbrooks

  • Ken Moulden und Gero von Wilpert (Hrsg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart: Kröner, 1988
  • Sommer, Andreas Urs: Der Bankrott 'protestantischer Ethik': Thomas Manns „Buddenbrooks“. Prolegomena einer religionsphilosophischen Romaninterpretation, in: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre, Jg. 44 (1994), S. 88-110.
  • Gutjahr, Ortrud (Hg.): Buddenbrooks: von und nach Thomas Mann. Würzburg : Königshausen & Neumann, 2006.
  • Eickhölter, Manfred: Das Geld in Thomas Manns „Buddenbrooks“. Lübeck : Schmidt-Römhild, 2003.
  • Thiede, Rolf: Stereotypen vom Juden. Die frühen Schriften von Heinrich und Thomas Mann. Zum antisemitischen Diskurs der Moderne und seiner Überwindung. Berlin, Metropol, 1998 ( Buddenbrooks als antisemitischer Roman)

Allgemeine Darstellungen und Biografien

  • Peter de Mendelssohn: Der Zauberer - Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Erster Teil 1875 - 1918, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1975, ISBN 3-100-49402-4
  • Peter de Mendelssohn: Der Zauberer - Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Jahre der Schwebe 1919 und 1933, nachgelassene Kapitel, Register, S. Fischer Frankfurt a. M., 1992, ISBN 3-100-49405-9
  • Harpprecht, Klaus: Thomas Mann - Eine Biographie, Rowohlt, Reinbek 1996, ISBN 3-498-02873-1, als Taschenbuch ISBN 3-499-13988-x
  • Reich-Ranicki, Marcel: Thomas Mann und die Seinen. Fischer, Frankfurt a. M., 1994.
  • Koopmann, Helmut: Thomas Mann – Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder. C. H. Beck, München 2005. ISBN 3-406-52730-2

Filme

Theater

2005 wurde der Roman erstmals für die Theaterbühne vom Dramaturgen und Schriftsteller John von Düffel dramatisiert. Die Uraufführung wurde am Thalia Theater von Stephan Kimmig inszeniert und hatte am 3. Dezember 2005 Premiere. 1 1/2 Jahre arbeitete von Düffel an der Bearbeitung. Am 12. Mai 2007 hatte das Stück im Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere.