JJ1
JJ1 ist ein Braunbär, der im Mai 2006 über Vorarlberg und Tirol nach Bayern eingewandert war und großes Aufsehen erregte. Bekannt wurde er zunächst deshalb, weil er der erste freilebende Bär war, der nach über 170 Jahren wieder in Bayern gesichtet wurde. Der noch relativ junge und unerfahrene Bär wurde jedoch rasch zum sogenannten Problembären erklärt, da er sich auf seinem Weg in der Nähe menschlicher Siedlungen mit Nahrung versorgte. Er plünderte dort Fischteiche, Hühnerställe, Bienenstöcke und tötete ungewöhnlich viele Schafe. Daher wurde er von einigen Behörden auch als für den Menschen bedrohlich eingestuft. Auf sein Auftreten und die Fangversuche wurden sogar Wetten abgeschlossen. Er sorgte auch für internationales Echo, u.a. in der New York Times.[1]
Name und Herkunft des Bären
Der etwa zwei Meter große und über 100 Kilogramm schwere Bär konnte durch DNA-Analysen von Fellresten identifiziert werden.[2] Er kam 2004 in dem Naturreservat Adamello-Brenta bei Trient (Trentino/Norditalien) auf die Welt[3]. Im Reservat wurden seinerzeit insgesamt zehn Bären aus Slowenien freigelassen und seitdem elf Junge geboren. Derzeit schätzt man den aktuellen Bestand auf etwa 18 bis 20 Bären. Seine Eltern sind Vater Joze (*1994) und Mutter Jurka (*1998). Als Erstgeborener erhielt er aus deren Anfangsbuchstaben den Namen JJ1. In Deutschland bekam JJ1 den Spitznamen Bruno, die Allgäuer nennen ihn hingegen Beppo, die Vorarlberger Nachrichten (VN) gab ihm dem Namen Vorarlbär.
Sein jüngerer Bruder, JJ2, war 2005 im Engadin in der Schweiz und in Nauders in Tirol unterwegs, gilt aber seit Herbst 2005 als verschwunden. Es wird vermutet, dass er abgeschossen wurde.
Beutezug und Sichtungen des Bären

Anfang Mai 2006 verließ JJ1 Südtirol [1] und betrat am 4. Mai zum ersten Mal Nordtiroler Boden. Kurz darauf wanderte er nach Vorarlberg [2], wo er am 10. Mai im Montafon [3] zwei Schafe riss. Danach durchstreifte er das Tiroler Oberland, wo er im Paznauntal von einem Bauern gesehen wurde und einen Hühnerstall ausräumte. Später zog er weiter ins Außerfern [4], wo er am 17. Mai kurz vor der deutschen Grenze gesichtet wurde und am 19. Mai einen Bienenstock plünderte.
Anschließend wanderte er nach Oberbayern. Um den 20.–22. Mai erreichte er Grainau [5] bei Garmisch-Partenkirchen, wo auch ein Foto entstand. Kurz darauf führte seine Spur zurück nach Österreich, wo er am 25. Mai im Rofangebirge, in der Nähe vom Achensee [6], von einem Jäger gesichtet wurde. Dann zog er ins Zillertal [7], wo er am 27. Mai einen Bienenstock plünderte. Um den 29. Mai wurde er bei der Überquerung der Inntalautobahn bei Jenbach [8] gesichtet und zog weiter zum Achensee.
Anfang Juni 2006 überquerte er wieder die deutsche Grenze und tötete am 2. Juni zwei weitere Schafe. Am 4. Juni riss das Tier in der oberbayerischen Gemeinde Klais [9] abermals drei Schafe und verletzte drei weitere sowie ein Ziegenkitz. Schon einen Tag später – am Pfingstmontag – fiel er am Lautersee bei Mittenwald [10] wieder über drei Schafe her und tötete sie. Dabei lief er mitten durch eine kleine Siedlung am Seeufer, wie Tatzenspuren belegen. Am Tag sichtete eine Autofahrerin den Bären beim Tiroler Grenzort Ehrwald [11].
In der Nacht zum 6. Juni plünderte JJ1 einen Hasenstall und kam auf einer Straße bei Leutasch [12] in die Nähe mehrerer Jugendlicher. Ob er dort abermals Schafe riss, ist noch unbekannt.
Am Abend zum 8. Juni soll das Tier in der Nähe des Solsteinhauses im Gemeindegebiet von Zirl [13] gesichtet worden sein. Bei einer Suchaktion, die von einem Tross Jäger in der Nacht zum 9. Juni durchgeführt wurde, konnten in dieser Gegend einige Bärenspuren, sowie ein totes und ein verletztes Schaf gefunden werden. Ob die Schafe aber von einem Bären angegriffen wurden, ist jedoch noch nicht gesichert. Am 9. Juni ist ein Wildhase ohne Kopf zwischen den Gemeinden Roppen und Sautens [14] im Bezirk Imst gefunden worden.
Am 11. Juni wurden Spuren des Tieres im Gemeindegebiet von Terfens [15] im Bezirk Schwaz gefunden. Die Suche der darauf angesetzten Bärenhundestaffel brachte keinen Erfolg.
Tags darauf wurde der Bär, der in kurzer Zeit sehr große Distanzen zurücklegt, wieder im Achental [16] gesichtet. Der wiederum angesetzte Suchtrupp gab jedoch nach stundenlanger Suche auf.
Am 14. Juni wurde JJ1 um 12.50 von einem Mountainbiker im Bereich der Gan-Alm im Vomper Loch gesichtet. Einem Studenten gelang es, ein weiteres Foto des Tieres zu machen.
In der Nacht zum Donnerstag, dem 15. Juni, wurde der Bär im Bereich des Sylvensteinspeichers [17] in Oberbayern von einem österreichischen Autofahrer angefahren. Da der Bär nur gestreift wurde und am Unfallort weder Fell- noch Blutspuren zu finden waren, wird davon ausgegangen, dass er unverletzt blieb. Der Bär flüchtete über eine Böschung hinab in Richtung eines Sees. Noch in der Nacht setzten die Bärenfänger die Hunde auf die Fährte des vierbeinigen Räubers, doch verlor sich seine Spur bis zum Vormittag wieder.
In der Nacht zum Freitag, dem 16. Juni, wurde der Bär gegen 1.00 Uhr bei Lenggries [18] in Bayern erstmals „gestellt“ und die Bärenfänger konnten sich ihm auf 600 Meter nähern, das Brauneck-Gebiet wurde vorher gesperrt und eine Seilbahn angehalten. Die Dunkelheit, das unübersichtliche Gelände sowie ein starkes Gewitter verhinderten aber einen Abschuss oder eine Betäubung. Als die Fänger gegen 4.30 Uhr erneut zur Stelle der letzten Sichtung aufbrachen, fand man nur mehr ein gerissenes und zum größten Teil bereits vom Bären gefressenes Schaf vor. Die sodann aufgenommene Verfolgung musste gegen 8.00 Uhr abgebrochen werden, weil die Hunde keine Spur mehr hatten aufnehmen können.[4]
Am 17. Juni wurde der Bär in Kochel am See [19] gesichtet. In der Nacht brach das Tier dann inmitten des Orts einen Hasenstall auf und tötete Kaninchen sowie ein Meerschweinchen. Gäste eines Cafés wollen ihn direkt gegenüber einer Polizeistation gesehen haben. Das bayerische Umweltministerium wertete dies als neuen Grad der Unverfrorenheit. [5]
Der Bär ist am 18. Juni angeblich auf einer Alm im Gemeindegebiet der Tiroler Gemeinde Achenkirch im Bezirk Schwaz aufgetaucht. Es wurde ein Zaun zerstört und es wurde vom Almhirten beobachtet, dass die Kühe brüllend herumliefen. Der Bär selbst ist jedoch nicht gesichtet worden, und Spuren wurden keine gefunden.
Am 19. Juni frühmorgens wurde er in Wildbad Kreuth gesehen. Erneut sind zwei Schafe gerissen worden.[6] Nach behördlichen Angaben sind die fünf finnischen Bärenjäger mit ihren sechs speziell ausgebildeten Jagdhunden bereits auf der Fährte des Braunbären Bruno.
Am Abend des 21. Juni konnte der Bär zwar von den finnischen Spezialisten und ihren Hunden an einer Klamm bei Brandenberg in der Nähe des Achensees im Bezirk Kufstein gestellt werden, ihm gelang jedoch wieder die Flucht.[7]
Abschussgenehmigung
Wegen seines Verhaltens, die Nähe menschlicher Ansiedelungen nicht zu meiden, und der damit mutmaßlichen Gefährdung erließ die Bayerische Staatsregierung Ende Mai eine Abschussgenehmigung, an der sich ein öffentlicher Streit entzündete. Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz stufte das Verhalten des Bären als – so wörtlich – „abnormal“ ein, Umweltminister Werner Schnappauf verkündete darüber hinaus, der Bär sei ganz offensichtlich außer Rand und Band. Angaben des Sprechers des bayerischen Umweltministeriums Roland Eichhorn zufolge, ist bereits die Bärenmutter Jurka bei sogenannten Vergrämungs-Versuchen, bei denen sie mittels Gummigeschossen von menschlichen Ansiedelungen ferngehalten werden sollte, „falsch gepolt“ worden. Sie und somit auch ihre Jungen JJ1 und JJ2 wurden gemäß dieser Theorie dadurch dazu konditioniert, die Stellen, wo sie ein Tier reißen, zu verlassen und nicht mehr so schnell zurückzukehren, was die Suche nach dem Streuner JJ1 erschwert.[8]
JJ1 habe es offensichtlich auf Schafe abgesehen, denn allein vom 2. bis 5. Juni tötete er mindestens acht, ließ sie aber meist liegen. Durchschnittlich reißt ein Bär nur zwei bis drei Schafe pro Jahr. Solche Schäden sind typisch und normalerweise durch Versicherungen gedeckt. Problematisch ist jedenfalls die offenkundige Nähe der menschlichen Siedlungen zum Bärenrevier.
Vertreter von Naturschutzverbänden stimmten dem zwar prinzipiell zu, wandten jedoch ein, dass es noch zu keiner direkten Konfrontation mit Menschen gekommen sei und Bären außerdem derartige Zusammentreffen üblicherweise mieden. Sie kritisierten ausdrücklich die heftige Reaktion.
In der Folgezeit entwickelte sich eine öffentliche Diskussion um die Behandlung freilebender Bären und deren Bedrohungspotenzial für den Menschen wie auch umgekehrt. Der WWF forderte die Erarbeitung von Verhaltensregeln, um die Öffentlichkeit in Zukunft an das Zusammenleben mit Wildtieren zu gewöhnen.
Auch im Land Tirol wurde Ende Mai eine Schießgenehmigung für den Bezirk Außerfern erteilt und eine Ausweitung auf das ganze Bundesland diskutiert. Aufgrund der oben angeführten Diskussion, die allerdings in Österreich weniger heftig ausfiel, da es hier seit Jahren eine stabile Bärenpopulation gibt, wurde sie jedoch am 2. Juni sowohl in Bayern als auch in Österreich widerrufen, um die an den Versuchen den Bären lebend zu fangen Beteiligten nicht zu gefährden, was von den Vertretern vieler internationaler Tierschutzorganisationen begrüßt wurde.[9]
Kritisiert wurde insbesondere, dass Schnappauf eine Abschussgenehmigung niemals gutheißen hätte dürfen, zumal der Bär entsprechend dem bayerischen Jagdgesetz kein jagbares Wild ist und somit eine Kompetenzüberschreitung wenn nicht gar die Anstiftung zum Wildfrevel vorliege.
Nachdem mehrere Versuche der finnischen Bärenjäger JJ1 zu stellen und zu betäuben, fehlschlugen und deren Einsatz bis Montag den 26. Juni 2006 befristet ist, wird, Angaben des Sprechers des bayerischen Umweltministeriums Roland Eichhorn zufolge, die Abschussgenehmigung ab diesen Tag wieder in Kraft gesetzt.[10]
Während man in Tirol dabei ist nach dem Abbruch der Fangversuche und Abreise von drei der fünf finnischen Spezialisten die gesetzlichen Grundlagen für einen Abschuss des Bären zu schaffen[11], ist in Bayern ein Streit darüber entbrannt, wer dafür zuständig sein könnte: Der Landesjagverband will sich jedenfalls nicht aktiv an einer Hatz auf JJ1 beteiligen und das Innenministerium verweist darauf, dass die Polizei lediglich unterstützend tätig werden könne - mit Hubschraubern und Personal, für die Jagd auf Großwild fehle jedoch die Kompetenz. Die Neuerteilung der Abschussgenehmigung stößt dabei immer noch auf vehementen Protest von Experten und Tierschützern[12].
Fangversuche
Um den Bären umsiedeln und so vor dem Abschuss bewahren zu können, versuchten Naturschützer, ihn mittels einer speziellen Röhren-Falle (Culvert-Trap) einzufangen, blieben jedoch erfolglos. Eine Suchaktion, die in der Nacht auf den 9. Juni 2006 im Gemeindegebiet durchgeführt wurde, verlief ebenfalls erfolglos. Man konnte nur ein paar Bärenspuren und ein totes wie auch ein verletztes Schaf finden.

Daraufhin wurde ein finnisches Team von vier Bärenjägern mit fünf Karelischen Bärenhunden angefordert, um das Tier aufzuspüren. Am Sonntag den 19. Juni traf ein weiterer Bärenjäger mit dem laut bayerischen Umweltministerium besten finnischen Bärenhund ein [1]. Dabei handelt es sich um spezielle Hunde, die überwiegend gegen wehrhaftes Wild eingesetzt werden und speziell ausgebildet sind, um Bären und Elche zu stellen. Vor ihrem Einsatz in den Alpen wurde ihnen das Fell kürzer geschoren um sie vor der sommerlichen Hitze zu schützen. Der Einsatz der Bärenjäger wird voraussichtlich 25.000 Euro kosten. Das Team wird auch von einem österreichischen Betäubungsexperten, dem Wiener Professor für Wildtiermedizin und Artenschutz, Chris Walzer begleitet. Da man mit Blasrohren oder normalen Betäubungsgewehren zu nah an den Bären heran müsste, ist ein Spezialgewehr erforderlich, das auf eine Entfernung von 80 Metern Betäubungspfeile verschießen kann. Bären haben eine außerordentlich dicke Fettschicht, darum versagen konventionelle Betäubungmethoden.
Der sofortige Einsatz der Jäger scheiterte zunächst an bürokratischen Hürden, da geprüft werden musste, ob finnische Jäger grenzüberschreitend in Deutschland und Österreich bewaffnet eingreifen dürfen. Nach einer Einigung der Länder Tirol und Bayern gab es dann für die finnischen Sucher grünes Licht, am darauffolgenden Wochenende mit der Suche zu beginnen. Den Bärenfänger wurde zwei Wochen Zeit eingeräumt, den Bären aufzuspüren.
Am Sonntag, dem 11. Juni, begann die inzwischen eingetroffene Bärenhundestaffel im Bezirk Schwaz mit der organisierten Suche. Diese musste jedoch unterbrochen werden, weil ein Pächter sich weigerte, den Suchtrupp auf sein Jagdgebiet zu lassen, was wiederum darin begründet lag, dass die Bärenfänger keine Genehmigung vorweisen konnten. Erst ein Machtwort des zuständigen Landesrates konnte diesbezüglich Klarheit schaffen. Weil jedoch schon wieder ein Tag vergangen war, musste man auf die nächste Spur des Bären warten.
Als dieser tags darauf im Karwendelgebirge beim Achensee gesichtet wurde, nahm die Hundestaffel erstmals am 13. Juni morgens die Fährte des Bären auf. Sie mussten jedoch die Jagd nach achtstündiger Suche abbrechen. Die Hunde waren erschöpft und den finnischen Jägern waren die Berge zu steil. Sowohl die Hunde als auch die Jäger hatten offenbar auch Probleme mit der ungewohnten Hitze.
Aufgrund der ständig warmen Witterung bleiben auch die Duftspuren des Bären nicht lange erhalten, weshalb die Hundestaffel diese immer wieder verliert.
Nachdem am 21. Juni 2006 der Bär zwar gestellt, aber nicht betäubt werden konnte und die Flucht gelang, einer der Hunde ihn zwar verfolgen, aber nicht mehr stellen konnte, wurde der Éinsatz der fünf finnischen Spezialisten am 23. Juni abgebrochen. Da die Hunde erschöpft waren wurde auch kein weiterer Fangversuch gestartet - drei der Experten sind mittlerweile abgereist.
Kosten der Fangaktion
Bislang werden die Kosten JJ1 einzufangen mit ca. 100.000 Euro beziffert. Zwei Drittel davon entfallen dabei auf den österreichischen WWF, der auch ein Projekt zur Wiederansiedlung und zum Schutz von Braunbären in Österreich unterhält und einen eigenen Spurensucher beauftragt hat. Die finnischen Spezialisten werden derzeit vom bayerischen Umweltministerium mit 25.000 Euro einkalkuliert, die sich Bayern und Tirol teilen – man geht hierbei davon aus, den Bären innerhalb von 14 Tagen einzufangen.[13] Die eigens in Montana hergestellte Röhrenfalle kostete 4.000 Dollar.[14]
Der Begriff „Problembär“
Aufgrund ähnlicher Zwischenfälle mit Bären in Niederösterreich und der Steiermark, wurde in der österreichischen Medienberichterstattung schon vor Jahren diese Begriff geprägt. Der ehemalige Moderator der ORF-Fernsehsendung "Inlandsreport", Helmut Brandstätter hatte das Wort "Problembär" damals scherzhaft sogar zum "Wort des Jahres" erklärt.
Besonders populär und als das Tagesgeschehen mitbestimmme Wort wurde dieser Ausdruck jedoch vor allem durch eine Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber Ende Mai 2006, der im Rahmen einer Pressekonferenz die Abschussgenehmigung rechtfertigte. Stoiber erkannte zwar die Bedeutung des Bären als Zeichen gelungenen Naturschutzes an, verwies aber auf die bestehende Problematik der mangelnden Scheu dieses Bären vor dem Menschen. Hierbei unterschied Stoiber in wissenschaftlich fragwürdiger Weise zwischen „Normalbären“ mit erwartungsgemäßem Verhalten, weiter sogenannten „Schadbären“ (einem Begriff, der in der Staatskanzlei breite Verwendung fand) sowie schließlich den „Problembären“, zu denen er auch JJ1 zählte. Diese Einteilung sorgte in der Öffentlichkeit für weiteres Aufsehen und gab Anlass für teils heitere und teils kritische Kommentare in den Medien. Sie wurde ferner in Radiospots sowie im Internet in Form von Parodien mehrfach kabarettistisch aufbereitet. In den deutschen Medien und der deutschen Öffentlichkeit etablierte sich dann überwiegend der Begriff Problembär.
Debattierter Hintergrund des Problemverhaltens
JJ1 sei von seiner Mutter „falsch gepolt“ worden, sagte Roland Eichhorn, der Sprecher des Bayerischen Umweltministeriums. „Der Bär kann praktisch gar nichts dafür.“ Wiederholt sei versucht worden, der Bärin Jurka, Mutter von JJ1, das Herannahen an menschliche Siedlungen im norditalienischen Naturreservat Brenta-Adamello durch sogenannte Vergrämung – unter anderem mit Beschuss durch Gummikugeln – auszutreiben. „Die Mutter hat quasi ein langes Vorstrafenregister.“
Bei der Bewertung des Verhaltens des „Problembären JJ1“ ist es unumgänglich, einen Blick auf die Ursachen zu werfen: Auf die Mutter Jurka im Brenta-Adamello-Gebiet Norditaliens. Vor diesem Hintergrund ist das Verhalten von JJ1 durchaus logisch und erklärbar: Normalerweise sucht ein Bär den Platz der zurückgelassenen Beute wieder auf, um diese vollends aufzufressen, sollte dies nicht bereits beim ersten Mal geschehen sein.
Als die Bärin Jurka die Erfahrung machte, dass beim zweiten Mal stets Menschen anwesend waren, zeitigte dies den Lerneffekt, dass sie das Zurückkehren zum Platz der Beute für das zweites Mal unterließ. Dies ist ein Beweis für die Lernfähigkeit von Bären. Im Umkehrschluss bedeutet dies für die Konditionierung des Bärenverhaltens, dass „es beim ersten Mal gutgeht“ und leichte Beute auf Weiden wartet. Nach Ansicht des Sektionschefs Jagd, Wildtiere und Wildbiodiversität des Schweizer Bundesamtes für Umwelt (BAFU) lassen sich Weiden vor Großraubtieren durch einen Elektrozaun und die menschliche Anwesenheit in Form eines Hirten schützen. Dies würden Praxiserfahrungen der Schweizer mit dem Luchs bestätigen.
Überdies beweisen das Auftauchen des Menschen und die Vergrämungen bei Mutter Jurka, die jedes Mal zu deren unmittelbarer Flucht und alsbald zur beschriebenen Verhaltensänderung führten, dass die Scheu des Bären vor dem Menschen nach wie vor gegeben ist. Ansonsten würde die Bärin ein zweites Mal – trotz menschlicher Anwesenheit – den Platz der zurückgelassenen Beute aufsuchen.
Als sich JJ1 als Jungbär noch bei seiner Mutter aufhielt, wurde er von ihr dahingehend konditioniert, dass er niemals an eine Stelle zurückkehre, an der er ein Beutetier gerissen hat. Dies machte es auch so schwer, den Bären in Tirol in eine Falle zu locken und einzufangen.
Die Scheu vor dem Menschen ist übrigens ebenfalls bei JJ1 nach wie vor „intakt“: Alle seine Annäherungen an menschliche Siedlungen wie Hütten oder zuletzt dessen Auftauchen im bayerischen Ferienort Kochel am See fanden – ebenso wie die Schafrisse in der Vergangenheit – nachts statt ohne jede – aus Bärensicht vorhersehbare – Anwesenheit des Menschen. Sobald jedoch, für den Bären gleichsam überraschend, ein Mensch auftauchte – sei es am Berg Brauneck in der oberbayerischen Gemeinde Lenggries oder nachts darauf im Ferienort Kochel am See der Spaziergänger, ergriff der Bär unvermittelt die Flucht. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass durch Menschen überraschte Bären selbst bei einer Distanz von nur einigen Metern flüchten, besteht auch weiterhin wenig Gefahr für Leib und Leben des Menschen.
Zum Problem der „falschen“ Konditionierung von Mutter Jurka und deren erzieherischer Übertragung der neu erworbenen Erfahrungen auf JJ1 sei angemerkt, dass nicht der Bär falsch konditioniert ist. Der Bär ist richtig konditioniert, da sein Verhalten die richtige Antwort auf das Einwirken des Menschen auf ihn darstellt. Ursache für das gezeitigte Bärenverhalten war der „Lehrplan“ des Menschen für den Bären.
Das löst allerdings nicht das Problem, dass JJ1 sich u.a. auch Beute in Annäherung an menschliche Behausungen holt. Für viele stellt nach dem Einfangen von JJ1 eine Einlieferung in ein Gehege bei Poing ein moralisches Problem dar. Man könne nicht alles wegsperren, was unliebsam erscheint: Aufgrund des nachlassenden Bevölkerungsdrucks im Alpenraum beanspruchen nun dort bereits vor dem Menschen angestammte Tierarten durch natürliche Einwanderung wieder ihr Lebensrecht. Ein Rücktransport von JJ1 in das Naturreservat Brenta-Adamello stellt wohl ebenso wenig eine dauerhafte Antwort dar, da es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis JJ1 sich auf der Suche nach einem Bärenweibchen wieder auf Wanderschaft begibt oder, wo auch immer, ebenfalls u.U. anders konditionierten Nachwuchs zeugt. Aus wildbiologischer Sicht wäre einzig dessen Umerziehung von dauerhaftem Erfolg gekrönt – und das voraussichtlich bereits nach wenigen Monaten: Nach seinem Einfangen sollte JJ1 mit einem Sender versehen werden, der es jederzeit ermöglich, ihn bereits bei erstmaliger Annäherung an menschliche Siedlungen mit Gummigeschossen oder Ähnlichem zu vergrämen. Daraufhin würde er sich dauerhaft in die Natur zurückziehen und könnte auch in den Bergwäldern Bayerns ungestört leben.
Sonstiges
Das Internet-Wettbüro gamebookers.at fragt, was zuerst passiert: "Fliegt Deutschland bei der WM hinaus oder wird Bruno gefangen?" Nach den aktuellen Quoten ist Deutschlands Ausscheiden leichter Favorit [2].
Der Biologe und Großtierbeauftragte des bayerischen Umweltministeriums Manfred Wölfl ist zum „Bärenbeauftragten“ ernannt worden.[15]
Das im Stil des Moorhuhn gehaltene Online-Flash-Spiel „Bruno der Bär“ wird kostenlos angeboten.
Ein Tiertrainer aus Hannover hat vorgeschlagen JJ1 mittels einer brünftigen Bärin anzulocken, um ihn dann einzufangen.[16] Expertenangaben zufolge ist der zweijährige Bär jedoch noch nicht geschlechtsreif, womit sich dieser Vorschlag erübrigte.
Weblinks
- Aktuelle News zum Bären
- Virtuelle Jagd nach Bruno
- Seite des WWF zu JJ1
- Bild des Bären JJ1
- Die Presse: „Bruno wildert weiter“
- Der Stern: „Problembär außer Rand und Band“
- Zusammenfassender Artikel auf Vorarlberg.orf.at (Stand 5. Juni 2006)
- JJ1-Beutezüge und Verhalten, Handelsblatt 7. Juni
- Artikel über fehlgeschlagene Bärensuche auf tirol.orf.at (Stand 10. Juni 2006)
- Artikel zur abgebrochenen Bärenjagd auf Tirol.orf.at (Stand 12. Juni 2006)
- Aktueller Artikel: Finnischen Bärenhunden ist es zu heiß (Stand 13. Juni 2006)
- Aktueller Artikel: Bruno in Oberbayern angefahren (15. Juni 2006)
- New York times, „Herr Bruno macht Picknick“ (16. Juni 2006)
- Wo ist unser >>JJ2<<? (Blick News vom 22. Mai 2006)
- JJ1 offenbar wieder in Tirol (Stand 18. Juni 2006 von Tirol.orf.at)
- Online-Spiel „Bruno der Bär“
Quellen
- ↑ Herr Bruno Is Having a Picnic, but He's No Teddy Bear, in: The New York Times, 16. Juni 2006
- ↑ WWF bestätigt: Tiroler Bär ist JJ1, in: www.wwf.at, 30. Mai 2006
- ↑ Life Ursus, in: www.parcoadamellobrenta.tn.it
- ↑ "Bruno" narrt Jäger erneut, in: www.fr-aktuell.de, 22. Juni 2006
- ↑ «bruno» taucht am tegernsee auf, in: www.lycos.de, 19. Juni 2006
- ↑ «Bruno» taucht am Tegernsee auf, in: Südwest Presse, 16. Juni 2006
- ↑ JJ1 ist Bärenjägern neuerlich entwischt
- ↑ Streunender Braunbär ist kein Unbekannter mehr, in: www.mz-web.de, 19. Juni 2006
- ↑ Finnische Bärenfänger suchen «Bruno», in: www.nachrichten.ch, 9. Juni 2006
- ↑ Schonfrist für Braunbär JJ1 läuft am Montag ab, in www.berlinonline.de/berliner-zeitung/index.php am 23.06.2006
- ↑ Jagd auf JJ1 beendet in www.kurier.at am 23.06.2006
- ↑ Ab Montag droht Bruno der Abschuss in www.netzeitung.de am 23.06.2006
- ↑ Teurer Problembär, in: www.zeit.de, 16. Juni 2006
- ↑ Bruno, der ABM-Bär, in: www.sueddeutsche.de, 8. Juni 2006
- ↑ Die Bürokratisierung des Bruno, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juni 2006, S. 9
- ↑ Bär soll mit brünftiger Bärin angelockt werden, in: www.derstandard.at, 21. Juni 2006