Hypothese der Atlantisch-Semitidischen Sprachen
Atlantische Semitiden, oder kurz Atlantiker, ist ein Begriff aus der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft. Der Begriff wurde von Prof. Theo Vennemann, LMU, geprägt.[1][2] Danach seien die Atlantiker Sprecher von afroasiatischen (vormals hamito-semitisch genannte) Sprachen, die ab etwa 5.000 v. Chr. von Nordafrika aus die europäische Atlantikküste von See her besiedelten. Sie seien die Träger der Megalithkultur.[3]
Ihre weiteste Ausdehnung erreichen sie – gemäß dieser Theorie – etwa Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. in Südschweden und an der Weichselmündung. Die Kolonisierung findet über einen langen Zeitraum von 5000 Jahren statt, sodass mit verschiedenen Einwanderungswellen gerechnet wird. Zwei dieser Wellen lassen sich bisher für den Zeitraum v. Chr. herausarbeiten:
- eine frühe Phase, beginnend und endend in der Steinzeit, wird von Sprechern einer „hamitischen“ – in heutiger Benennung: proto-berberischen – Sprache getragen.[4] Diese erobern die Britischen Inseln vollständig und bringen neue kulturelle Errungenschaften wie z. B. Seefahrt, Ackerbau, Viehzucht und Obstkultur aus dem Mittelmeerraum mit. Die Sprache der Inseln wird afroasiatisch. Dort und in küstennahen Gebieten des Kontinents verbreiten die frühen Atlantiker die Megalithkultur.
- eine späte Phase beginnend etwa um 500 v. Chr. mit der Expedition des Himilkon. Diese Phase endet abrupt mit dem Ende des zweiten Punischen Krieg 201 v. Chr., in dessen Folge Karthago alle westlichen Kolonien an Rom verliert.
Nachweise der Atlantiker in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen
Reflexe der afroasiatischen Sprachen und der Anwesenheit und dem Wirken ihrer Sprecher lassen sich mit verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen plausibel machen: der Linguistik, der Genetik, der Religionsgeschichte, den Gesellschaftswissenschaften, der Archäologie, der Geschichte und der Kunstgeschichte.
Linguistik
Frühe Nachweise im Inselkeltischen
Der älteste bekannte, sichere Beleg, der einen Zusammenhang zwischen einer afroasiatischen Sprache und einer Sprache vom Westrand Europas aufzeigt,[5] findet sich in einer Kymrischen Grammatik von John Davies aus dem Jahre 1621:[6]
John Davies weist auf die strukturellen Übereinstimmungen der beiden weit voneinander entfernten Sprachen Kymrisch und Hebräisch hin. Lexikalische Übereinstimmungen findet Davies nur wenige und die meisten davon sind aus heutiger Sicht falsch. Die strukturellen Übereinstimmungen resultieren aus dem superstratalen Sprachkontakt, der stattfand, als die Kelten – vom Kontinent kommend – die britischen Inseln eroberten und dort eine Bevölkerung vorfanden, die eine afroasiatische Sprache als Muttersprache hatte. Da die Kelten militärisch überlegen waren und deshalb ein höheres Prestige hatten, ging die Masse der Bevölkerung im Laufe der Zeit zur Sprache der Eroberer als L2-Sprache über. Beim Zweitspracherwerb werden die Lexeme einfacher erlernt als Grammatik und Syntax. Diese sind umso schwieriger und im Ergebnis unvollkommener zu erlernen, wenn beide Kontakt-Sprachen einer Schriftkultur entbehren, was hier der Fall war.
Das Verschmelzungsprodukt des indogermanischen Keltisch der Eroberer mit der afroasiatischen Sprache der Mehrheit der Bevölkerung ergab – vereinfacht ausgedrückt – eine Sprache, die aus festland-keltischen Wörtern mit afroasiatischer Satzstellung und Grammatik bestand. Diese afroasiatische Satzstellung wurde von John Davies 2000 Jahre später in der walisischen Sprache bemerkt. Beispiele für die nicht-indogermanische Satzstellung sind die Anfangsstellung des Verbs und die Konjugation von Präpositionen – beides Merkmale der afroasiatischen Sprachen; ersteres selten, letzteres sehr selten in den Sprachen der Welt und beides nicht indogermanisch. Die Gälischen Sprachen in Irland, Schottland und auf der Isle of Man, das Manx zeigen dieselben Merkmale.
Vor-wissenschaftliche Rezeption
In der Nachfolge von Davies wurden die strukturellen Übereinstimmungen mit einer bestimmten afroasiatischen Sprache, dem Hebräischen, verwendet, um eine orientale Herkunft der Bewohner von Wales zu belegen, meist im Zusammenhang mit biblischen Ereignissen wie dem Turmbau zu Babel. Andere Deutungen versuchten einen Kontakt zwischen Galliern und Phöniziern plausibel zu machen. All diese Versuche einer Erklärung der afroasiatischen Satzstellung der inselkeltischen Sprachen jener Jahre waren populärer oder religiöser Natur und nicht wissenschaftlich.[7] Sie waren der Bevölkerung allgemein bekannt und weit verbreitet, sodass in einem Abenteuer von Sherlock Holmes, "The adventure of the Devil's foot", von 1910 darauf Bezug genommen werden konnte, ohne Missverstand befürchten zu müssen.[8]
Allerdings ist wegen dieser populären, meist pathetisch vorgetragenen Deutungen die wissenschaftliche Linguistik auf Abstand gegangen. Insel-Keltisch hatte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts genetisch als indogermanisch erwiesen. Die Sprachkontaktforschung, die die Beobachtungen hätte erklären können, steckte noch in den Kinderschuhen oder wurde abgelehnt. Hinzu kamen die politischen Ereignisse: Der Zeitgeist jener Jahre war antisemitisch und eine semitide Sprache am Westrand Europas störte da ungemein. Es war deshalb einer wissenschaftliche Karriere nicht förderlich sich dem Thema zu widmen und die wenigen, die sich trotzdem damit befassten, wurden massiv angegriffen und persönlich diffamiert.
Wissenschaftliche Bearbeitung ab 1900
Die wissenschaftliche Bearbeitung der Substratsprachen des Insel-Keltischen begann im Jahre 1900 mit John Morris-Jones.[9] Sie wurde 1927 vom Indogermanisten Julius Pokorny fortgesetzt mit einer Artikelserie in der Zeitschrift für celtische Philologie.[4] Eine Liste der von Pokorny gefundenen typologischen Übereinstimmungen findet sich bei Vennemann.[10]
Heinrich Wagner lieferte 1959 einen Beitrag zur geographischen Typologie des Verbums in den Sprachen der Britischen Inseln.[11]
1993 verglich Orin David Gensler in seiner Dissertation die Sprachen der Welt mit einem neuen linguistischen Verfahren „typological evaluation“ und findet eine auffallende Übereinstimmung bei den 17 untersuchten Merkmalen zwischen den keltischen Sprachen und den Berbersprachen, die in seiner Einschätzung nur weit jenseits von „zufällig“ liegen kann.[12] Die Berbersprachen sind hamitische Sprachen und beheimatet in dem Gebiet, wo die Urheimat der Atlantiker vermutet wird, dem westlichen Nordafrika.
Religionsgeschichte
Die Altgermanische Religion zeigt auffallende Parallelen zu semitischen Religionen. Dies war allgemeiner Kenntnisstand im 19. Jahrhundert.[13] Im 20. Jahrhundert geriet dieses Wissen in Vergessenheit.
Die Parallelen werden in der vorliegenden Theorie der Atlantischen Semitiden durch Expansion von Eroberern aus dem Mittelmeerraum in den germanischen Norden gedeutet. Der Kontakt von Atlantischen Semitiden und indogermanischer Bevölkerung des Nordens findet möglicherweise seinen Widerhall in der germanischen Göttergeschichte, in der es zwei Göttergeschlechter gibt: die Asen und die Vanen. Diese führen Krieg gegeneinander, der unentschieden endet. Daraufhin kommt es zum Friedensschluss mit Geiseltausch.
Die Asen sind die indogermanischen Götter der Vorbevölkerung, die Vanen sind die Götter der angreifenden Phönizier aus Karthago. Vermutlich im Zusammenhang mit der Expedition des Himilkon wurden gerieten die Germanen in intensiven Kontakt mit Karthago. Hierauf deutet auch eine Hypothese zur Entstehung der Runen hin.[14]
Baʿal ↔ Balder / Phol

Sowohl in der semitischen wie in der germanischen Religion gibt es einen sterbenden Gott, im Semitischen ist das Baal, im Germanischen Balder. Die phonetischen Übereinstimmungen der Götterbezeichnung „Baʿal“ mit dem Götternamen sind beträchtlich.
Aus dem Punischen sind mehrere vokalisierte Inschriften (aus dem Zeitraum nach der römischen Eroberung, die punische Schrift hatte keine Vokale) mit dem Namen Baals erhalten, z. B. Deo patrio Baliddiri Aug[usto] sacrum (CIL VIII, Supplementum 2, 19121). Baal wird hier als „Allmächtiger Herr“ = 'BaʿalʾIddir' bezeichnet. Die Entlehnung dieses Wortes ins Germanische nach der ersten Lautverschiebung ergäbe regelgerecht „Balder“[14]. Die Entlehnung des Wortes Baal vor der ersten Lautverschiebung ergäbe nach der zweiten Lautverschiebung „Pfol“. Ein Gott mit diesem Namen taucht tatsächlich an einer Stelle auf und zwar im 2. Merseburger Zauberspruch:
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Phol, wahrscheinlich als Pfol zu lesen, ist referenz-identisch mit dem Gott Balder, der in der folgenden Zeile genannt wird. Jacob Grimm geht davon aus, dass Phol nur ein anderer Name von Balder gewesen ist. Phol muss zum Zeitpunkt der Entstehung des Zauberspruches ein wichtiger Gott gewesen sein, da er vor Wodan genannt wird.[15]
Die Namen der beiden Ehefrauen von Baʿal und Balder sind Anat und Nanna. Das Endungs-t von Anat ist das semitische Femininisierungssuffix. Die phonetische Übereinstimmung ist gut, wenn auch nicht so gut wie bei den Ehemännern. Der Vater von Nanna heißt Nepr, was dem – rekurrent entwickelt – urgermanisch *Neb- entspricht. Ägyptisch 'Neb-' bedeutet ebenfalls „Herr“.[16] Erstaunlicherweise passt der sumerische Name der Ehefrau des ebenfalls sterbenden Gottes Dumuzi/Tammuz, Ištar/Astarte, sehr gut zu Nanna, sie heißt auf sumerisch Inanna. Es ist allerdings kein Vermittlungsrahmen bekannt, in dem der Name einer sumerischen Gottheit in den europäischen Norden gelangt sein könnte.
Longinus ↔ Hödur

Der blinde Hödur tötet Balder unwillentlich, als er, von Loki angeleitet, mit einem Mistelzweig auf Balder schießt. Der Soldat Longinus, der Jesus mit einer Lanze die Seite öffnet und seinen Tod feststellt, wird ebenfalls als halbblind beschrieben.

Die Geschichte zu Longinus ist verworren; es sind verschiedene Versionen überliefert.[17] In einer Version bestreicht Longinus mit dem austretenden Blut seine Augen und wird sehend. Dass ein römischer Soldat schwerlich vollständig blind gewesen sein kann, wurde schon in der Antike bemerkt und Longinus wurde dann entweder als halbblind oder nur als schielend geschildert. Eine andere, spätere Version lässt den Statthalter Octavius, der Longinus verhaftet, blind werden und Longinus macht ihn wieder sehend, nachdem Octavius ihn den Märtyrertod hat sterben lassen. All diese Versionen können als Versuch gedeutet werden, die Geschichte von Jesu Tod mit einer älteren Geschichte in Übereinstimmung zu bringen, in der der unschuldige Töter des Herrn blind gewesen zu sein hatte. Jesus wäre in diesem Falle eine Inkarnation von Baʿal. Diese ältere Geschichte wurde – gemäß dieser Theorie – weit vor der Zeitenwende von Atlantischen Semitiden in den Norden Europas transferiert und mit den dortigen Religionen verwoben. In der germanischen Religion wäre die ursprüngliche Geschichte insofern am stringentesten überliefert.
Von christlicher Seite wird die Analogie Longinus ↔ Hödur als eine Anpassung der germanischen an die christliche Religion gedeutet, wobei unklar bleibt, warum nur an dieser einen Stelle eine solche Anpassung stattgefunden haben soll und wer diese Anpassung gemacht hat.
Astarte ↔ Freya

Das Attribut der Göttin Astarte/Ischtar ist der Löwe. Auf Darstellungen wird sie auf zwei Löwen stehend abgebildet. Zur Beerdigung ihres Mannes fährt sie mit einem Löwengespann. Die Göttin Freya fährt mit einem Katzengespann zur Beerdigung von Baldr. Die Katze ersetzt den im Norden unbekannten Löwen.[14]
Literatur
- Elisabeth Hamel: Das Werden der Völker in Europa: Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik. Tenea, Berlin 2007, ISBN 3-86504-126-4, S. 193–207, 440–447.
- Alfred Bammesberger, Theo Vennemann: Languages in prehistoric Europe. Winter, Heidelberg 2003, ISBN 3-8253-1449-9, S. 319–332.
- Orin David Gensler: A Typological Evaluation of Celtic/Hamito-Semitic Syntactic Parallels. Dissertation, University of California, Berkeley 1993 (online)
- Theo Vennemann gen. Nierfeld: Europa vasconica – Europa semitica. Herausgegeben von Patrizia Noel Aziz Hanna. Mouton de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017054-X.
- Theo Vennemann gen. Nierfeld: Germania Semitica. Herausgegeben von Patrizia Noel Aziz Hanna. Mouton de Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-030094-9.
Einzelnachweise
- ↑ Theo Vennemann: Atlantiker in Nordwesteuropa: Pikten und Vanen. In: Stig Eliasson, Ernst Hakon (Hrsg.): Language and its Ecology: Essays in memory of Einar Haugen. Mouton de Gruyter, Berlin 1997, S. 451–476.
- ↑ Theo Vennemann: Basken, Semiten, Indogermanen. In: Wolfgang Meid (Hrsg.): Sprache und Kultur der Indogermanen: Akten der X. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft, Innsbruck, 22.–28. September 1996. Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, Innsbruck 1998, ISBN 3-85124-668-3, S. 119-138.
- ↑ Theo Vennemann: Atlantiker in Nordwesteuropa: Pikten und Vanen. In: Stig Eliasson, Ernst Hakon (Hrsg.): Language and its Ecology: Essays in memory of Einar Haugen. Mouton de Gruyter, Berlin 1997, S. 475.
- ↑ a b Julius Pokorny: Das nicht-indogermanische Substrat im Irischen. In: Zeitschrift für celtische Philologie, Bd. 16 (1927), S. 95–144, 231–266 und 363–394 (Inhaltsverzeichnis der Zeitschrift online).
- ↑ So jedenfalls Orin David Gensler: A typological evaluation of Celtic/Hamito-Semitic syntactic parallels, Ph.D. dissertation, University of California, Berkeley, 1993, S. 54. Fußnote 13.
- ↑ Übersetzung durch Ed Cryer und Johannes Patruus in news:alt.language.latin, Message-ID: <87vd80d9t3.fsf@mean.albasani.net>
- ↑ Karel Jongeling: A Subtratum as a Cultured Weapon. In: All Those Nations. Cultural Encounters Within and with the Near East. Styx, Groningen 1999, ISBN 90-5693-032-X, S. 72, Fußnote 12.
- ↑ Karel Jongeling: A Subtratum as a Cultured Weapon. In: All Those Nations. Cultural Encounters Within and with the Near East. Styx, Groningen 1999, S. 73, Fußnote 14.
- ↑ John Morris Jones: Pre-Aryan syntax in Insular Celtic. In: J. Rhys, D. Brynmor-Jones: The Welsh people. T. Fisher Unwin, London, 1900, S. 617–641.
- ↑ Theo Vennemann: Semitic -> Celtic -> English: The transitivity of language contact. In: Markku Filppula, Juhani Klemola, Helo Pitkänen (Hrsg.): The Celtic Roots of English. University of Joensuu, Faculty of Humanities, Joensuu 2002, ISBN 952-458-164-7, Appendix.
- ↑ Heinrich Wagner: Das Verbum in den Sprachen der Britischen Inseln (= Buchreihe der „Zeitschrift für celtische Philologie“). Niemeyer, Tübingen 1959.
- ↑ Orin David Gensler: A typological evaluation of Celtic/Hamito-Semitic syntactic parallels, Ph.D. dissertation, University of California, Berkeley 1993.
- ↑ Sophus Bugge: Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensage, vom Verfasser autorisierte und durchgesehene Übersetzung von Oscar Brenner. Kaiser, München 1889.
- ↑ a b c Marcus Simon: „Wie die Germanen das Schreiben lernten“. Zusammenfassung der Thesen Prof. Theo Vennemann. LMU Einsichten 2007, Newsletter 02. archive.org http://web.archive.org/web/20110428025555/http://www.uni-muenchen.de/aktuelles/publikationen/einsichten/072/0721.pdf
- ↑ Theo Vennemann: Glauben wir noch an die Lautgesetze? Zur Etymologie von Phol und Balder im Zweiten Merseburger Zauberspruch. In: Gerhard Meiser, Olav Hackstein (Hrsg.): Sprachkontakt und Sprachwandel: Akten der XI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft, 17.–23. September 2000, Halle an der Saale. Ludwig Reichert, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89500-475-8.
- ↑ Theo Vennemann: Phol, Balder, and the birth of Germanic. In: Germania Semitica, S. 344–359; Thesis 8.
- ↑ Johann Evangelist Stadler, Franz Joseph Heim: Vollständiges Heiligen-Lexikon. 1858 bis 1882, Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1975.