Puppentheater
Ein Puppentheater (auch Figurentheater) ist eine Sonderform des darstellenden Spiels. Es hat im Idealfall den von einem Puppenspieler animierten Artefakt als Agierenden im Zentrum der Inszenierung. Als theaterähnliche, oftmals das Theater im Kleinen (Kleine Form) nachahmende Unterhaltung der (zahlenden) großen oder kleinen Zuschauer wird das Puppenspiel (in Deutschland) fälschlicherweise oft nicht als seriös betrachtet, ja - abwertend - als Kinderkram (Kaspertheater) verachtet.
Geschichte
Archäologische Funde lassen vermuten, dass schon vor unserer Zeitrechnung bewegte Figuren zu religiösen und zeremoniellen Feiern genutzt wurden.
Eine tatsächliche Theaterform mit dramatischer Handlung entwickelte sich wohl erst später. Anfangs noch ausgehend von der Darstellung religiöser Begebenheiten, verloren die Figuren mit schwindender geistlicher Funktion auch immer mehr an Bedeutung. Daher sind die Quellen relativ rar.
Im asiatischen Raum entwickelt sich das Schattentheater, welches sich zum Teil auch heute noch den überlieferten mythischen Stoffen widmet.
Als Ursprungsraum für das Handpuppentheater wird Persien angenommen.
Gliederpuppen (Marionetten) sind bereits im antiken Griechenland bekannt. Aristoteles beschreibt eine Figur, die den Kopf drehen, den Nacken, die Glieder und sogar die Augen bewegen konnte. Platon verwendet in seinen Schriften das Bild von der an Fäden gezogenen Puppe als Symbol für menschliche Abhängigkeit.
Im 6. Jahrhundert bezieht sich der Bischof von Alexandria auf kleine hölzerne Abbildungen, die auf Hochzeiten gezeigt werden und durch irgendeine Art Fernbedienung tanzen können.
Erst nach den Kreuzzügen findet man in unserem Kulturkreis erste Abbildungen von Spielfiguren.
Die bisher älteste Darstellung eines Puppenspiels stammt aus der Zeit um 1160 und findet sich im Hortus deliciarum der Äbtissin Herrad von Landsberg. Die nächste Abbildung ist erst wieder als Randverzierung im Alexanderlied um 1344 zu sehen. Es handelt sich um eine Possenburg, ein Handpuppentheater mit Zuschauern.
Beide Handschriften gehen im Text nicht auf die Theaterform ein, da sie vermutlich inzwischen zwar allgemein bekannt, aber nach wie vor unbedeutend war. In Schwerin wurde der Kopf einer Handpuppe gefunden, der ebenfalls auf diese Zeit datiert wird.
Zur Shakespeare-Zeit (16. Jahrhundert)entstehen die ersten Stoffe und Libretti fürs Puppentheater und reisende Impresarios (die vielleicht die menschlichen Schauspieler nicht mehr bezahlen können oder wollen) holen die Ersatzspieler, die Puppen, aus der Kiste. In der Türkei entwickelte sich das Karagös-Spiel und in Italien gewann die Comedia D´ell Arte an Bedeutung. Die entsprechenden Figuren werden aufgegriffen und etablieren sich in den verschiedenen Ländern als eigene Formen (Punch, Pierot, Hanswurst).
Von nun an gehören Puppentheater zum üblichen Bild auf den Märkten. Die Stoffe handeln oft von archaischen und mythischen Dingen wie Himmel und Hölle, Gut und Böse. Das Puppenspiel vom Dr. Faustus ist ein Beispiel dafür.
Die Intellektuellen der Aufklärung wenden sich gegen die typischen Stoffe des damaligen Puppentheaters - die Beschäftigung mit Übernatürlichem wird verachtet. Zusätzlich haben Gaukler aller Sparten mit Städteordnungen zu kämpfen, die formal und inhaltlich die Möglichkeiten der Truppen begrenzen.
Im 19. Jahrhundert erfährt das Puppenspiel eine Romantisierung. Zwar werden neue Stücke speziell für diese Theaterform entwickelt, aber im Gegensatz zu vorher sind nun Kinder angesprochen.
Nach der Revolution erkennt Russland die Möglichkeiten, diese Theaterform zur "Bildung des Volkes" zu nutzen,
die Nationalsozialisten verwenden sie wenig später zu Propagandazwecken.
Kurz nach dem zweiten Weltkrieg scheint sich das Puppenspiel, wie andere Künste auch, aus dem "Korsett der Zweckmäßigkeit" befreien zu können. Experimentelle Stücke entstehen, desgleichen neue Figurenarten bis hin zum reinen Material, ebenso Verbindungen der verschiedenen Bühnenformen ... Daneben existieren die "volksnahen" und oft zielgerichteten Stücke allerdings weiter.
So mutiert die Figur des Kaspers, einst obrigkeitsverleugnend und dem Genuss zugeneigt, teilweise zum niedlichen, zähneputzenden Straßenverkehrsvorbild.
In der ehemaligen DDR war das Puppentheater eine der sieben Sparten der Bildenden Kunst und hatte in fast allen Bezirken (u.a. Schwerin, Gera, Erfurt, Dresden, Berlin) eine feste staatliche Spielstätte mit meist umfangreichem Ensemble und Werkstatt. Entsprechend umfassend war die Ausbildung zum Puppenspieler.
Auch in Westdeutschland gab und gibt es feste Ensembletheater (u.a. Lübeck, Düsseldorf, München, Schwäbisch Hall, Augsburg, 2 in Köln), welche aber seit jeher privat wirtschaften und um Subventionen oder Sponsoren kämpfen (mit Ausnahme z.B. des dem Lokalkolorit verpflichteten städtischen Mundarttheaters "Kölsch Hänneschen Theater").
Aus diesem Grund stellte sich das Puppentheater in Westdeutschland meist als reisende Solobühne oder Spieler-Duo (Mann-Frau) dar. Bei den Spielern handelte es sich oft um Autodidakten, die für ihre Weiterbildung selbstverantwortlich Seminare besuchen oder bei einer bestehenden Bühne hospitieren mussten.
Erst 1977 wurde vom Verband deutsche Puppentheater e.V. eine Ausbildungskommission gegründet, welche 1983 erreichte, dass an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart der Studiengang "Figurentheater" eingerichtet wurde, die erste Ausbildungsstätte für Figurentheater in West-Europa.
Stoffe
Das deutsche Trauerspiel "vom erschröcklichen Erzzauberer Johannes Fausten, seinem Seelenhandel mit dem Teufel und seiner schließlichen Höllenfahrt" brachte dann das meist gespielte Stück fürs Puppentheater auf die kleinen Bretter. Johann Wolfgang von Goethe ließ sich von einem solchen Puppentheater zu seinem Faust inspirieren. Heinrich von Kleist schrieb angesichts einer Puppentheater-Aufführung seinen Essay "Über das Marionettentheater".
Verschiedene Puppenformen
- Marionetten
- Handpuppen
- Schatten, Schattenfiguren
- Klappmaulfiguren
- Tischmarionetten
- Stabfiguren
- Handstabfiguren
- Marotten
- Fantoches
- Masken
- Fingerpuppen
- Sockenpuppen
- Kaukautzky
- animierte Figuren, Gegenstände (Mechanisches Theater)
- Wassermarionetten
Bekannte Puppentheater (unvollständig)
- KOBALT Figurentheater Berlin, Silke Technau, Kristiane Balsevicius, Stephan Schlafke, Berlin
- wolfsburger figurentheater compagnie, Brigitte van Lindt, Andrea Haupt, Wolfsburg
- Augsburger Puppenkiste
- Cassiopeia Theater & Cassiopeia Bühne, Köln
- [Heinz Bömler|Das Puppentheater im Bolderwagen], "kleinstes rollendes Puppentheater der Welt"
- das Weite Theater, Berlin
- Dimbeldu, Puppentheater. Märchen und mehr, Vaihingen [1]
- Figurentheater Stuttgart fitz/fits
- Figurentheater Tübingen
- Figurentheater Winter
- frankfurter figurentheater, Marieluise Ritter
- Gerhards Marionettentheater, Schwäbisch Hall
- Hattenkofer Figurentheater, München
- Prager Marionettentheater
- Kasseler Figurentheater, ein Zusammenschluss professioneller Figurentheatergruppen
- Marionettenstudio Kleines Spiel, München
- Marotte, Figurentheater Karlsruhe
- Mimikry Figurentheater, Köln
- Münchner Marionettentheater
- Puppenschiff
- Puppenspiele der Stadt Köln (Hänneschen-Theater)
- Puppentheater, Halle
- Puppentheater Marianne Schoppan, Kassel
- Theater Handgemenge, Berlin
- http://www.krokodiltheater.de
- TicTacTheater Schauenburg
- Zentrales Staatliches Moskauer Puppentheater
- Seebühne Hiddensee, Vitte Hiddensee
- DIE SCHAUBUDE Puppentheater Berlin
- Spieldose, Mechanisches Theater Münchner Studenten
- Theater Waidspeicher Puppentheater Erfurt e.V.
- Puppentheater Dresden im Theater der Jungen Generation (TJG)
- mai hof
Bekannte Puppenspieler (unvollständig)
- Heinz Bömler
- Fritz Fey sen., Lübeck
- Andreas Foerster, Köln
- Anne S. Frank, Erfurt (†)
- Lars Frank, Halle
- Claudia Hann, Köln
- Jim Henson, New York, †1990
- Karl Huck, Hiddensee
- Max Jacob, Hohnstein (†)
- Fritz Leese, Gudensberg († am 19. Oktober 2004)
- Hans-Jochen Menzel, Berlin
- Hella Müller, Dresden
- Sergei Obraszow, Moskau, †1992
- Frank Oz
- Marieluise Ritter, Frankfurt
- Claudia und Peter Röders, Idstedt
- Albrecht Roser, Stuttgart
- Tony Sarg, USA
- Pierre Schäfer, Berlin
- Heinz-Peter Schmälter, Lünen
- Frank Söhnle
- P. K. Steinmann, Berlin († am 31. Oktober 2004)
- Dorothee Wellfonder, Mülheim an der Ruhr
- Hendrikje Winter, Tecklenburg
- Gudrun Wunderlich, München
Schulen, Ausbildung (unvollständig)
- Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", Abteilung Puppenspielkunst
- Schule für Musik und Figurentheater, Stuttgart
- Figurentheater-Kolleg Bochum
Museen (unvollständig)
- Lübecker Theaterfigurenmuseum von Fritz Fey jr.
- Münchner Stadtmuseum
Siehe auch
- Muppets
- Fraggles
- Spejbl und Hurvinek
- Hacivat und Karagöz
- Papiertheater
- Animationsfilm
- Puppentrickfilm
- Kasperletheater
- Schwarzes Theater
- Bernd das Brot