Geoglyph oder Geoglyphe, Erdzeichnung, werden großflächig auf dem Erdboden geformte, in Linien gezeichnete oder durch Straßen- und Wegezüge gebildete Figuren von oft mehreren hundert Metern Größe genannt. Im Städtebau orientieren derartige Figurationen bildhaft die Funktionen, Lagebeziehungen und soziale wie funktionelle Organisationsstruktur (Interdepedenzgeflecht).
Prähistorische Geoglyphen
Durch ihre Ausmaße sind sie oft erst aus der Luft zu erkennen und können längere Zeiträume überdauern, ohne von Denudations-Prozessen ausradiert zu werden. Oft sind mit diesen Bildformen auch Funktionen verbunden. Die in der Form von großen zoomorphen Objekten (Pferd, Wal, Affe, Hund, Ameisenbär, Condor, Kolibri (Koordinaten bei 14°41′32″ S 75°08′57″ W), Papagei, Chaucato, Flamingo, Fregattvogel, Pelikan, Schlange, Spinne, Eidechse, Libelle) sowie pflanzliche Spezies wie Bäume, Blumen und Gewürze aufgeschüttenten. Formen wie indianischenMounds in Nordamerika sind meist Grabbauten (Serpent Mound, Jackson, Ohio) und bei den Liniensysteme und Tiere zeigenden Scharrbildern der Nazca, den sogenannten Nazca-Linien in Peru ist ein Zusammenhang mit unterirdischen Wassersammelanlagen beobachtet worden. Ebenfalls gibt es Vermutungen, dass die Gegend dieser heutigen Naszca-Wüste in der Zeit der Errichtung dieser Geoglyphen fruchtbares Land war, welches jedoch aufgrund klimatischer Änderung langsam zu einer Wüste wurde. Demnach könnten diese Figuren auch Huldigungen an heidnische Götter dargestellt haben, was Thesen von außerirdischen und esoterischen Mutmaßungen widerspricht.
Scharrbilder entstehen durch das Entfernen der dunklen Oberschicht von Gestein, Geröll oder Erdreich, so dass eine hellere Unterschicht sichtbar wird. Die sichtbaren Partien stellen dann die eigentliche Zeichnung des Scharrbildes dar. Der Panama-Kanal durchschneidet eine knapp 200 m große Krokodilzeichnung. Ein vergleichbares Beispiel in Europa ist das White Horse von Uffington Hill (England).
Der Figurative Städtebau nutzt zur Organisation des Stadtraumes weiträumig angelegte geoglyphe Bildgestalten.
Geoglyphen als bildliche Ordnungssysteme im modernen Städtebau
Den Geoglyphen vergleichbare Figuren werden als "organische Gestalten" im modernen Städtebau zur Organisation von Funktionen und zur Orientierung verwendet. Diese Organisationsformen lösen die Forderung nach einer "organischen Architektur" ein, indem sie jeden Bestandteil in die Rahmenbedingungen des Gestamtkonzeptes einbinden.
Das von Lúcio Costa 1956 entworfene Planschema der Hauptstadt Brasilia ist eine Flugzeugfiguration (Plano Piloto). Die Verwaltungsgebäude liegen hier im Bereich des Cockpits. [2]
Rovaniemi in Finnland als kniendes, nach rechts gerichtetes Ren, teilweise oder insgesamt von Alvar Aalto entworfen.[3] Die Uferstraße zeichnet vom Knie (Stadtteil Korvanniemi) über den Kopfansatz (Terveyskeskus) bis hin zur Schnauze den Umriss (Korvanranta bis Koskenranta). [4] Hier am Kopf setzt das aus Strassen und Reihenhäusern gebildete Geweih an. Im "Herzen" dieser Figuration liegen die Verwaltungsgebäude.
Paolo Soleri hat die Theorie der als städtebauliches Ordnungsbild verwendeten Geoglyphe des Menschen von Mesa City Project als Arcology ausgebaut und in Arcosanti in Arizona verwirklicht.[5] Eine Diskussion dieser Architekturtheorie ist von David Grierson veröffentlicht.[6]
Die Stadt Lignano wollte Rob Krier 2000 mit einem Straßennetz von menschlichem Umriss überformen.
In verschiedenen Bauprojekten im früheren Jugoslawien wie für Vela Luca hat der in Paris lebende Künstler Ricardo Porro (* 1925) sich mit den Möglichkeiten funktional-figurativer Architektur in Form von begehbaren Menschenbildern beschäftigt.
Geoglyphen als bildliche Ordnungsformen im historischen Städtebau
Die im modernen Städtebau verwendete geoglyphische Ordnungsform ist auch für den historischen Städtebau belegt, am besten im Fall der Inka-Stadt Cuzco in Peru.
Cuzco, Karte von E.G. Squire, um 1860: Die Festung Sacsahuman im Norden der Stadt gibt den Kopf des liegenden Puma (puma yacente) an,[8] dessen Umrisse durch die noch erhaltenen Inkamauern gebildet sind. Vom Kopf aus sind deutlich der in den Tierschwanz übergehende Rücken und die beiden angezogenen Beine zu erkennen. Der Rücken verläuft mit dem Fluss Tullu, die Beinumrisse setzen auf dem Ufer des Flusses Sapi auf. Das liegende Tierbild ist von einem stehenden Puma (puma agazapad) überlagert.
Die Inka-Stadt Cuzco wurde bei ihrer Errichtung als Figuration eines liegenden Pumas errichtet. Diese ist von der jüngeren Figuration eines stehenden Pumas überlagert.[9] Der nördlich gelegene Kopf beider Figurationen ist eine heute noch bestehende festungsartige Inkaanlage, die der 1860 aufgenommene Grundriss von E.G. Squire in seinem städtebaulichen Gesamtzusammenhang zeigt. Das weitere, durch die straßenbegrenzenden Grundrisse der Inkabauten Cuzcos überlieferte Körperschema ist eine bis heute in die Stadtentwicklung hinweinwirkende frühe Entwicklungststufe Cuzcos.[10]
Literatur
Karsten Lambers: The Geoglyphs of Palpa, Peru: Documentation, Analysis, and Interpretation. Lindensoft Verlag, Aichwald 2006. ISBN 3929290324 EAN 9783929290325 [1]
Zetzsche, Viola, Ein Modellhelikopter über versunkenen Städten, Antike Welt, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2006, Band 1, online
Schulze, Dietrich und Zetzsche, Viola: Bilderbuch der Wüste. Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2005, online
Zetzsche, Viola: Das Rätsel der Pampa, National Geographic, Verlag Gruner und Jahr, Hamburg 2005 (8), online
Zetzsche, Viola: Archäologie ferngesteuert, Abenteuer Archäologie, Verlag Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 2005 (4), 14. Oktober 2005, online
Wolfgang W. Wurster: "Cuzco in zwei Welten: Hauptstadt der Inka und spanische Kolonialstadt" in Antike Welt: Zeitschrift für Archäologie und Kulturgeschichte. 2/2000, S. 141 f
Rudolf Drößler:Kulturen aus der Vogelschau. Archäologie im Luftbild. Jena und Berlin 1987
Josleen Wilson: The Passionalte Amateurs Guide to Archaeology in the United States. New York 1980. (s.v. mound building (Collier)). ISBN-X