Parzival
Die Oper von Richard Wagner heißt Parsifal.
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Der Parzival von Wolfram von Eschenbach ist ein um die Wende zum 13. Jahrhundert entstandenes Versepos der mittelhochdeutschen hochhöfischen Literatur.

Literaturgeschichtliche Einordnung
Thematisch gehört der Roman zur sogenannten Artusepik, auch wenn die Aufnahme des Titelhelden in die Tafelrunde des mythischen britischen Königs Artus nur eine Durchgangsstation seiner Gralssuche und seiner Entwicklung bzw. Erziehung zum Gralskönig ist.
Wolframs "wilde maere" (von Gottfried von Straßburg abwertend gemeint) hebt sich formal, sprachlich und thematisch/inhaltlich deutlich unter anderen Versromanen der mittelhochdeutschen Literaturepoche hervor:
- Zunächst aufgrund der einzigartigen Wirkungsgeschichte: Mit um die 90 überlieferten Textzeugnissen ist das Epos quasi ein "Bestseller" des Mittelalters; Joachim Bumke (s.u. 'Literatur') spricht von einer "literarischen Sensation", die der Parzival gewesen sein müsse, da kein anderes Werk im 13. Jahrhundert so häufig zitiert und kopiert wurde.
- Dann weil der Parzival exemplarische Bedeutung für die höfische Dichtung allgemein beanspruchen kann: Wolfram verarbeitet alle geläufigen Themenkomplexe der literarischen Epoche (v.a. minne-Problematik, aventiure-Forderungen, Herrscher-Idoneität, religiöse Determiniertheit); teilweise kritisch ironisierend, teilweise für seine Zeit neuartig zuspitzend.
- Nicht zuletzt aber auch aufgrund der sprachkünstlerischen und inhaltlichen Formkraft und Fantasie des Autors und der selbständigen Ausgestaltung des vorgefundenen Stoffes:
Wolframs Parzival und Chrétiens Perceval

Hauptquelle zum Parzival ist der unvollendete Versroman Perceval le Gallois ou le conte du Graal / Li contes del Graal von Chrétien de Troyes, entstanden 1180/90.
Wolfram selbst allerdings distanziert sich im Epilog von Chrétien, nennt dagegen mehrfach das Werk eines gewissen 'Kyot' als Vorlage und versieht diese auch noch mit einer abenteuerlichen Entstehungsgeschichte. Da aber ein solcher 'Kyot' außerhalb von Wolframs Dichtung nicht identifiziert werden konnte, sind diese Angaben eher als literarische Koketterie des Autors einzuordnen.
Die Handlung des Parzival ist gegenüber der Vorlage umfangreich erweitert, insbesondere durch die Rahmung mit der einleitenden Vorgeschichte um Parzivals Vater Gahmuret und den abschließenden Ereignissen im Zusammentreffen Parzivals mit seinem Halbbruder Feirefiz - die Einbettung in die Familiengeschichte dient - über die pure Lust am Fabulieren hinaus - der verstärkten Kausalmotivation der Handlung. Wolfram kommt so auf etwa 25.000 Verse gegenüber gut 9.200 Versen bei Chrétien.
Aber auch in jenen Passagen, in denen Wolfram Chrétien inhaltlich folgt (Buch III bis Buch XIII), geht er wesentlich freier und selbstbewusster an die Nacherzählung als andere zeitgenössische Autoren (etwa Hartmann von Aue, dessen Artus-Romane Erec und Iwein auch auf Chrétien zurück gehen): Der Textumfang der Vorlage ist fast verdoppelt auf etwa 18.000 Verse, auch deshalb, weil Wolfram seine Protagonisten wesentlich breiter ethische und religiöse Fragestellungen reflektieren lässt, sich auch selbst immer wieder als reflektierender Erzähler zu Vorgängen der fiktiven Handlung äußert.
Inhalt und Handlung
Parzivals Entwicklungsgeschichte und seine Suche nach dem Gral sind zwar Hauptthema der Handlung, keineswegs aber der einzige Handlungsstrang; fast gleichwertig verfolgt Wolfram kontrastierend - wie ursprünglich auch schon Chrétien - die Ritterfahrt Gawans, außerdem gibt es ausgedehnte Passagen zu weiteren Protagonisten (insbesondere zu Gahmuret und Gramoflans), die als Komplementärfiguren zu Parzival bzw. Gawan verstanden werden können.
Während Gawan dabei der heldenhafte Ritter ist, der sich in zahlreichen Abenteuern immer erfolgreich darin bewährt, die Schuldigen an Missständen der Weltordnung zur Verantwortung zu ziehen und diese Ordnung zu restituieren, durchlebt Parzival zahlreiche persönliche Konfliktsituationen und wird - gerade weil er sich erst im Laufe der Romanhandlung entwickelt - immer wieder selbst schuldig. Doch gerade er, der über lange Jahre hinweg die Folgen seines Fehlverhaltens ertragen muss, erlangt am Ende die Gralsherrschaft. Das Epos endet mit einem Ausblick auf Lohengrin.
Übertragungen und Rezeption

Von Wolframs Epos gibt es zahlreiche Übertragungen aus dem mittelhochdeutschen ins neuhochdeutsche - sowohl in Versform (v.a. aus dem 19. Jahrhundert) als auch als Prosaübertragung. Als Nachteil der älteren Übertragungen in Versform gilt, dass sie sich in Sprachgestaltung und Begriffsdeutung zwangsläufig sehr weit vom Original entfernen mussten. Prosaübertragungen können demgegenüber die Konnotationen des mittelhochdeutschen Wortschatzes genauer wiedergeben, entschärfen dabei aber die ursprüngliche sprachliche Kraft und Virtuosität des Textes.
Interpretationsansätze
Literatur
Eine Literaturauswahl aus einer früheren Version des Artikels findet sich auf der Diskussionsseite.
Zur Einführung
- Dieter Kühn: Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Frankfurt a.M. 1997 ISBN 3-596-13336-X.
- (In der ersten Hälfte eine literarische Zeitreise zu Leben, Werk und Zeit Wolframs von Eschenbach, in der zweiten Hälfte eine gekürzte Version der Übertragung für die 'Bibliothek des Mittelalters' (s.u.))
Text und Übersetzung/Übertragung
- Wolfram von Eschenbach. Parzival, (Band 1: Buch 1-8, Band 2: Buch 9-16), Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Spiewok, (=Reclams Universalbibliothek; Band 3681 und 3682), Stuttgart 1986, ISBN 3-15-003682-8 und ISBN 3-15-003681-X
- (Eine vollständige zweisprachige Textausgabe mit Prosaübertragung)
- Wolfram von Eschenbach: Parzival, (2 Teilbände), nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übertragen von Dieter Kühn, (= Bibliothek des Mittelalters, Texte und Übersetzungen, Vierundzwanzig Bände, Herausgegeben von Walter Haug; Band 8/1 und 8/2), Frankfurt a.M. 1994 , ISBN 3-618-66083-9
- (Eine vollständige zweisprachige Textausgabe mit Versübertragung bei Übernahme des metrischen Schemas, aber Verzicht auf Reimung. Nachwort, Anmerkungen zur Übertragung, umfangreicher Stellenkommentar)
Sekundärliteratur
- Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach, (=Sammlung Metzler; Band 36), 8., vollständig neu bearbeitete Auflage Stuttgart 2004, ISBN 3-476-18036-0
- (Angesichts der nicht mehr überschaubaren Flut an Literatur zu Wolfram und speziell zum Parzival eine grundlegende Orientierung (gemeinsam mit dem Stellenkommentar von Nellmann, s.o.))
Rezeptionsbeispiele
- Adolf Muschg: Der Rote Ritter, Frankfurt a.M. 2002 ISBN 3-518-39920-9.
- Peter Handke: Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum Sonoren Land, Frankfurt a.M. 1989, ISBN 3-518-40151-3.
- (Populäre Behandlungen des Stoffes - angefangen beim Jugendbuch - gibt es unzählige; diese beiden Werke sind für ganz unterschiedliche Art der Adaptation des mittelalterlichen Stoffes in der modernen (Handke) bzw. der postmodernen (Muschg) deutschen Literatur exemplarisch.)
Weblinks
- (Da eine kritische Ausgabe des 'Parzival' nach wie vor ein Desiderat ist (vgl. aber den folgenden Link) - führt am "Lachmann" noch kein Weg vorbei.)
- (Das Projekt hat das Ziel, eine elektronische Textedition aller Handschriften-Varianten zu erreichen als Voraussetzung einer neuen kritischen Ausgabe des 'Parzival' - eine Editionsprobe demonstriert die Möglichkeiten dieses Unternehmens.)