https://de.wikipedia.org/w/api.php?action=feedcontributions&feedformat=atom&user=ProcopiusWikipedia - Benutzerbeiträge [de]2026-02-26T20:45:14ZBenutzerbeiträgeMediaWiki 1.46.0-wmf.17https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Emirat_von_C%C3%B3rdoba&diff=264769620Emirat von Córdoba2026-02-26T15:12:36Z<p>Procopius: /* Herrscher der Umayyaden */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Al-Andalus-de-910.jpg|mini|hochkant=1.2|[[Al-Andalus]] – das von Muslimen eroberte Gebiet der Iberischen Halbinsel (um 880)]]<br />
Als '''Emirat von Córdoba''' ({{esS|Emirato de Córdoba}}, {{arS|إمارة قرطبة}} = Imārat Qurṭuba) wird das im Jahr 756 von [[Abd ar-Rahman I.]] begründete [[Umayyaden|umayyadische]] [[Exil]][[Reich (Territorium)|reich]] auf der [[Iberische Halbinsel|Iberischen Halbinsel]] bezeichnet. Unter [[Abd ar-Rahman III.]] entstand daraus im Jahr 929 das [[Kalifat von Córdoba]].<br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
Seit der Eroberung des [[Westgotenreich]]s durch die [[Muslim]]e unter [[Tāriq ibn Ziyād]] und [[Mūsā ibn Nusair]] in den Jahren 711–714 kam das muslimische [[Al-Andalus]] kaum zur Ruhe. Immer wieder flammten Kämpfe zwischen [[Araber]]n und [[Berber]]n sowie unter den Arabern selbst auf. Grund hierfür waren einerseits die Unzufriedenheit der Berber, die als Krieger die Hauptlast bei der Einnahme Südspaniens getragen hatten, bei der Verteilung von Ämtern und Ländereien aber kaum bedacht wurden, und andererseits Stammesstreitigkeiten zwischen den arabischen Garnisonen aus den verschiedenen Militärdistrikten ([[Dschund]]) des Stammreichs. Auch versuchten die Statthalter der umayyadischen Kalifen in [[Damaskus]], die Provinz al-Andalus weitgehend unabhängig von der Zentralmacht zu regieren, was durch die weite Entfernung vom Reichszentrum in [[Syrien]] auch begünstigt wurde. Allerdings sollte dann gerade ein Umayyade die Eigenstaatlichkeit des muslimischen Andalusiens begründen:<br />
<br />
Im Jahr 749 erlitt der (letzte) umayyadische [[Kalif]] des islamischen Großreiches, [[Merwan II.]], bei Wadi Zab, einem Nebenfluss des [[Tigris]], eine vernichtende Niederlage. Sein ca. 12.000 Mann starkes Heer wurde von einer Koalition von südarabischen Stämmen und [[Schiiten]] unter dem Oberbefehl von Abd Allahs ibn Ali aufgerieben. Die Macht im Reich fiel nun den [[Abbasiden]] zu, den Nachkommen des Patriarchen [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib]]. Erster Kalif der neuen Dynastie wurde im Jahr 750 [[Abu l-Abbas as-Saffah]], der das Land von Mitgliedern der bisherigen Herrscherfamilie säubern ließ, die Ältesten der Umayyaden zu einem angeblichen Versöhnungsessen nach [[Antipatris|Abu Futrus]] in Palästina lud und dort ermorden ließ.<ref name="Nieto">Manuel Nieto Cumplido: ''Del Eufrates al Guadalquivir – Abd al-Rahman I.'' Sevilla, RC 1991, ISBN 84-87041-41-8.</ref><ref name="Levi-Provencal">[[Évariste Lévi-Provençal]]: ''Histoire de l'Espagne Musulmane, (710-912).'' Paris, 1950.</ref><br />
<br />
Allein der umayyadische Prinz [[Abd ar-Rahman I.|Abd ar-Rahman ibn Mu'awiya]] entging dem Massaker, da er dem Bankett fernblieb. Nach mehrjähriger Flucht durch Gebiete des heutigen Syrien, Jordanien, Ägypten, Libyen, Tunesien und Algerien bis nach [[Marokko]] brachte sich Abd ar-Rahman zunächst bei Verwandten in Sicherheit. Der Überlieferung zufolge war er ein Sohn eines hochrangigen Umayyaden-Prinzen und einer in Nordafrika gefangenen Sklavin namens Rah. Beim mütterlichen Stamm der Nafza verbrachte er einige Jahre im Exil, bis er im Jahr 755 mit den Umayyaden loyal gebliebenen Araber- und [[Berber]]truppen in [[Almuñécar]] (Andalusien) an Land ging. Mit Unterstützung in Andalusien stationierter arabischer Truppen stürzte er im Mai 756 den regierenden abbasidischen [[Statthalter]] in [[Córdoba (Spanien)|Córdoba]], [[Yusuf ibn Abd ar-Rahman al-Fihri|Yusuf al-Fihri]].<ref name="Nieto" /><ref name="Levi-Provencal" /> Im gesamten arabischen Raum ist der erste Emir von Córdoba als Abd ar-Rahman ad-Dakhil bekannt, als der „neu Angekommene“ oder „Ankömmling“.<ref name="Nieto" /><ref name="Levi-Provencal" /><br />
[[Datei:Dirham abd al rahman i 21414.jpg|mini|hochkant=1.1|[[Dirham]] [[Abd ar-Rahman I.|Abd ar-Rahmans I.]] (um 780)]]<br />
Mit seiner Erhebung zum [[Emir]] (756) begann die politische Organisation eines neu errichteten Umayyadenstaates auf der Iberischen Halbinsel. So gründete er die Marken [[Saragossa]], [[Toledo]] und [[Mérida (Spanien)|Mérida]], um die Grenze gegen die christlichen Reiche in Nordspanien zu sichern. Im September 786<ref name="Nieto" /> begann Abd ar-Rahman I. den Bau der Freitagsmoschee ([[Mezquita-Catedral de Córdoba|Große Moschee]]) in Córdoba mit dem Abriss einer christlichen Kirche, die ihrerseits wahrscheinlich auf den Fundamenten eines römischen Tempels stand. Der Bau wurde von seinen Nachfolgern mehrmals erweitert. <br />
<br />
Für die christlichen Staaten Europas rückte das islamische Reich auf der Iberischen Halbinsel im Zusammenhang mit der Niederlage [[Karl der Große|Karls des Großen]] im Jahr 778 in den Mittelpunkt des Interesses. Wie es scheint, war der Emir nicht direkt in diese Auseinandersetzung verwickelt. Die rebellischen Statthalter von [[Barcelona]] und [[Girona]] hatten den König der [[Franken (Volk)|Franken]] in Paderborn aufgesucht und zu einem Feldzug gegen Abd ar-Rahman aufgefordert. Dann aber übergaben sie nicht, wie verabredet, kampflos die Stadt [[Saragossa]]. Auf seinem Rückzug wurde Karl der Große von aufrührerischen [[Vaskonen]] (Basken) bedrängt. Er konnte mit kleinem Geleit und knapper Not die [[Pyrenäen]] überqueren und sich in Sicherheit bringen. Das Hauptkontingent des Heers wurde beinahe vollständig vernichtet. Die Nachhut unter [[Hruotland]] wurde beim Pass von [[Roncesvalles]] in einen Hinterhalt gelockt und aufgerieben. Das Ereignis ging in das altfranzösische ''[[Chanson de Roland]]'' („[[Rolandslied]]“) ein. Eine Quelle berichtet, Abd ar-Rahman sei Karl entgegengezogen, doch scheint er den Franken nicht mehr auf dem Boden des Emirats angetroffen zu haben. <br />
[[Datei:Dirham hisham i 21829.jpg|mini|hochkant=1.1|Dirham [[Hischam I.|Hishams I.]] (um 790)]]<br />
Nach Abd ar-Rahmans Tod am 30. September 788 übernahm am 7. Oktober 788 sein Sohn, [[Hischam I.]], die Regentschaft über das Emirat von Córdoba. Unter seinem Nachfolger [[al-Hakam I.]] (796–822) konnte der Aufbau des [[Emirat]]s fortgesetzt werden. Wieder kam es zu Zusammenstößen mit den Franken Karls des Großen, die 801 Barcelona eroberten und 806 die [[Spanische Mark]] gründeten. Es folgten mehrere Waffenstillstände (so 810 und 812), die stets gebrochen wurden. Dabei scheinen die Franken sich offensiv, die Umayyaden vor allem defensiv verhalten zu haben. Im Jahr 812 wurde Admiral Yahya ibn Hakam, offenbar ein Enkel Abd ar-Rahmans I., als Gesandter an den fränkischen Königshof in [[Aachen]] geschickt, doch hielt der Frieden, den er aushandelte, kaum über Karls Tod im Jahr 814 hinaus. Schon 815 brachen neue Feindseligkeiten aus.<br />
<br />
Im Jahr 818 musste ein Aufstand in Córdoba niedergeschlagen werden. Tausende Aufständische flohen nach Marokko zu den [[Idrisiden]] und siedelten sich in [[Fès]] an. Im 9. Jahrhundert wurden die Küsten des Emirats von [[Wikinger]]n bedroht, doch konnten diese nach dem Aufbau einer Flotte abgewehrt werden. Zugleich kam es durch die aktiv geförderte Zuwanderung von Syrern zu einer verstärkten Arabisierung der Bewohnerschaft des Emirats. Dies führte umgekehrt zur Abwanderung von [[Christen]] nach Nordspanien.<br />
<br />
Mitte des 9. Jahrhunderts geriet das Emirat unter [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]] (856–886) in eine Krise, als die Grafschaften Mérida, Toledo und Saragossa von den [[Umayyaden]] abfielen und im Süden der Aufstand des [[Umar ibn Hafsun]] von [[Bobastro]] ausbrach (880–917). Unter [[Abdallah von Córdoba]] (888–912) beherrschten die Umayyaden zeitweise nur noch Córdoba und sein Umland. Der Untergang des Reiches konnte nur durch ein Bündnis mit dem [[Königreich Kastilien]] verhindert werden. Auch wenn bereits unter Abdallah die Rückeroberung von al-Andalus begann, konnte erst sein Nachfolger, [[Abd ar-Rahman III.]] (912–961), das Emirat endgültig befrieden und einen. 929 ließ er sich zum [[Kalif]]en ausrufen und gründete damit das [[Kalifat von Córdoba]].<br />
<br />
== Kulturelle und zivilisatorische Bedeutung ==<br />
Das Emirat von Córdoba wurde zur ersten [[Hochkultur (Geschichtswissenschaft)|Hochkultur]] im mittelalterlichen Europa außerhalb von [[Byzantinisches Reich|Byzanz]].<ref>[[William Montgomery Watt]]: ''Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter.'' Wagenbach, Berlin 2002, ISBN 3-8031-2420-4.</ref><ref>[[André Clot]]: ''Das maurische Spanien.'' Albatros, Düsseldorf 2004, ISBN 3-491-96116-5.</ref> Einen erheblichen Anteil daran hatte das Zusammenleben verschiedener Völker und Religionen in einem gemeinsamen Staatswesen. Dass dieses Zusammenleben weitgehend friedlich verlief, ist eine zivilisatorische Leistung, die einerseits auf der Zusammensetzung der Bevölkerung und andererseits auf der [[Toleranz]] des vorherrschenden andalusischen Islams beruhte. Das Emirat wurde immer noch von Nachfahren der römischen Zuwanderer bewohnt, aber auch von Nachfahren der [[Keltiberer]], der iberischen Urbevölkerung, einem kleinen Kontingent Juden, den [[Westgoten]] ''(visogothi)'' und deren Nachkommen in recht großer Zahl, den Berber-Söldnern der arabischen Eroberer und den hauptsächlich aus Syrien und dem Jemen stammenden Arabern. Die Letztgenannten hatten die politische Macht inne, stellten aber wahrscheinlich nur 10 Prozent der Gesamtpopulation. Eine gewisse Toleranz war daher für sie angeraten.<br />
<br />
Bei den in [[al-Andalus]] akzeptierten Glaubensgemeinschaften handelte es sich um die drei [[Abrahamitische Religion|abrahamitischen Religionen]] Judentum, Christentum und Islam, wobei auch verschiedene Untergruppen wie die [[Schiiten]] zunächst noch toleriert wurden. Das parallele Vorliegen verschiedener Religionen führte zu einer Vergleichbarkeit und damit letztlich auch zu einer Relativierung der Glaubensinhalte.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Ulrich Haarmann, [[Heinz Halm]] (Hrsg.): ''Geschichte der Arabischen Welt.'' 4. Auflage. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47486-1.<br />
* [[Wilhelm Hoenerbach]] (Hrsg.): ''Islamische Geschichte Spaniens: Übersetzung der Aʻmāl al-a'lām und ergänzender Texte.'' Artemis, Zürich / Stuttgart 1970, {{DNB|457049499}}.<br />
* [[Arnold Hottinger]]: ''Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien.'' Wilhelm Fink Verlag, München 1995, ISBN 3-7705-3075-6.<br />
* Christian Müller: ''Gerichtspraxis im Stadtstaat Córdoba. Zum Recht der Gesellschaft in einer mâlikitisch-islamischen Rechtstradition des 5./11. Jahrhunderts.'' Brill, Leiden und andere 1999, ISBN 90-04-11354-1.<br />
* [[Antonio Muñoz Molina]]: ''Stadt der Kalifen. Historische Streifzüge durch Córdoba.'' Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 978-3-499-13281-0.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Geschichte Spaniens#Emirat von Córdoba|Geschichte Spaniens: Emirat von Córdoba]]<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Emirate of Córdoba|Emirat von Córdoba}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=g|GND=1154419444}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Emirat von Cordoba}}<br />
[[Kategorie:Historisches Territorium (Spanien)|Cordoba, Emirat von]]<br />
[[Kategorie:Historischer Staat in Europa|Cordoba, Emirat von]]<br />
[[Kategorie:Geschichte Spaniens im Mittelalter]]<br />
[[Kategorie:Islam in Spanien]]<br />
[[Kategorie:Emir (Córdoba)| ]]<br />
[[Kategorie:Staat (Mittelalter)]]<br />
[[Kategorie:Geschichte der Religion (Spanien)]]<br />
[[Kategorie:Al-Andalus]]<br />
[[Kategorie:Emirat|Cordoba]]<br />
[[Kategorie:Staatsgründung in den 750er Jahren|Cordoba]]<br />
[[Kategorie:Aufgelöst 929]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Emirat_von_C%C3%B3rdoba&diff=264769613Emirat von Córdoba2026-02-26T15:11:55Z<p>Procopius: /* Herrscher der Umayyaden */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Al-Andalus-de-910.jpg|mini|hochkant=1.2|[[Al-Andalus]] – das von Muslimen eroberte Gebiet der Iberischen Halbinsel (um 880)]]<br />
Als '''Emirat von Córdoba''' ({{esS|Emirato de Córdoba}}, {{arS|إمارة قرطبة}} = Imārat Qurṭuba) wird das im Jahr 756 von [[Abd ar-Rahman I.]] begründete [[Umayyaden|umayyadische]] [[Exil]][[Reich (Territorium)|reich]] auf der [[Iberische Halbinsel|Iberischen Halbinsel]] bezeichnet. Unter [[Abd ar-Rahman III.]] entstand daraus im Jahr 929 das [[Kalifat von Córdoba]].<br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
Seit der Eroberung des [[Westgoten]]reichs durch die [[Muslim]]e unter [[Tāriq ibn Ziyād]] und [[Mūsā ibn Nusair]] in den Jahren 711–714 kam das muslimische [[Al-Andalus]] kaum zur Ruhe. Immer wieder flammten Kämpfe zwischen [[Araber]]n und [[Berber]]n sowie unter den Arabern selbst auf. Grund hierfür waren einerseits die Unzufriedenheit der Berber, die als Krieger die Hauptlast bei der Einnahme Südspaniens getragen hatten, bei der Verteilung von Ämtern und Ländereien aber kaum bedacht wurden, und andererseits Stammesstreitigkeiten zwischen den arabischen Garnisonen aus den verschiedenen Militärdistrikten ([[Dschund]]) des Stammreichs. Auch versuchten die Statthalter der umayyadischen Kalifen in [[Damaskus]], die Provinz al-Andalus weitgehend unabhängig von der Zentralmacht zu regieren, was durch die weite Entfernung vom Reichszentrum in [[Syrien]] auch begünstigt wurde. Allerdings sollte dann gerade ein Umayyade die Eigenstaatlichkeit des muslimischen Andalusiens begründen:<br />
<br />
Im Jahr 749 erlitt der (letzte) umayyadische [[Kalif]] des islamischen Großreiches, [[Merwan II.]], bei Wadi Zab, einem Nebenfluss des [[Tigris]], eine vernichtende Niederlage. Sein ca. 12.000 Mann starkes Heer wurde von einer Koalition von südarabischen Stämmen und [[Schiiten]] unter dem Oberbefehl von Abd Allahs ibn Ali aufgerieben. Die Macht im Reich fiel nun den [[Abbasiden]] zu, den Nachkommen des Patriarchen [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib]]. Erster Kalif der neuen Dynastie wurde im Jahr 750 [[Abu l-Abbas as-Saffah]], der das Land von Mitgliedern der bisherigen Herrscherfamilie säubern ließ, die Ältesten der Umayyaden zu einem angeblichen Versöhnungsessen nach [[Antipatris|Abu Futrus]] in Palästina lud und dort ermorden ließ.<ref name="Nieto">Manuel Nieto Cumplido: ''Del Eufrates al Guadalquivir – Abd al-Rahman I.'' Sevilla, RC 1991, ISBN 84-87041-41-8.</ref><ref name="Levi-Provencal">[[Évariste Lévi-Provençal]]: ''Histoire de l'Espagne Musulmane, (710-912).'' Paris, 1950.</ref><br />
<br />
Allein der umayyadische Prinz [[Abd ar-Rahman I.|Abd ar-Rahman ibn Mu'awiya]] entging dem Massaker, da er dem Bankett fernblieb. Nach mehrjähriger Flucht durch Gebiete des heutigen Syrien, Jordanien, Ägypten, Libyen, Tunesien und Algerien bis nach [[Marokko]] brachte sich Abd ar-Rahman zunächst bei Verwandten in Sicherheit. Der Überlieferung zufolge war er ein Sohn eines hochrangigen Umayyaden-Prinzen und einer in Nordafrika gefangenen Sklavin namens Rah. Beim mütterlichen Stamm der Nafza verbrachte er einige Jahre im Exil, bis er im Jahr 755 mit den Umayyaden loyal gebliebenen Araber- und [[Berber]]truppen in [[Almuñécar]] (Andalusien) an Land ging. Mit Unterstützung in Andalusien stationierter arabischer Truppen stürzte er im Mai 756 den regierenden abbasidischen [[Statthalter]] in [[Córdoba (Spanien)|Córdoba]], [[Yusuf ibn Abd ar-Rahman al-Fihri|Yusuf al-Fihri]].<ref name="Nieto" /><ref name="Levi-Provencal" /> Im gesamten arabischen Raum ist der erste Emir von Córdoba als Abd ar-Rahman ad-Dakhil bekannt, als der „neu Angekommene“ oder „Ankömmling“.<ref name="Nieto" /><ref name="Levi-Provencal" /><br />
[[Datei:Dirham abd al rahman i 21414.jpg|mini|hochkant=1.1|[[Dirham]] [[Abd ar-Rahman I.|Abd ar-Rahmans I.]] (um 780)]]<br />
Mit seiner Erhebung zum [[Emir]] (756) begann die politische Organisation eines neu errichteten Umayyadenstaates auf der Iberischen Halbinsel. So gründete er die Marken [[Saragossa]], [[Toledo]] und [[Mérida (Spanien)|Mérida]], um die Grenze gegen die christlichen Reiche in Nordspanien zu sichern. Im September 786<ref name="Nieto" /> begann Abd ar-Rahman I. den Bau der Freitagsmoschee ([[Mezquita-Catedral de Córdoba|Große Moschee]]) in Córdoba mit dem Abriss einer christlichen Kirche, die ihrerseits wahrscheinlich auf den Fundamenten eines römischen Tempels stand. Der Bau wurde von seinen Nachfolgern mehrmals erweitert. <br />
<br />
Für die christlichen Staaten Europas rückte das islamische Reich auf der Iberischen Halbinsel im Zusammenhang mit der Niederlage [[Karl der Große|Karls des Großen]] im Jahr 778 in den Mittelpunkt des Interesses. Wie es scheint, war der Emir nicht direkt in diese Auseinandersetzung verwickelt. Die rebellischen Statthalter von [[Barcelona]] und [[Girona]] hatten den König der [[Franken (Volk)|Franken]] in Paderborn aufgesucht und zu einem Feldzug gegen Abd ar-Rahman aufgefordert. Dann aber übergaben sie nicht, wie verabredet, kampflos die Stadt [[Saragossa]]. Auf seinem Rückzug wurde Karl der Große von aufrührerischen [[Vaskonen]] (Basken) bedrängt. Er konnte mit kleinem Geleit und knapper Not die [[Pyrenäen]] überqueren und sich in Sicherheit bringen. Das Hauptkontingent des Heers wurde beinahe vollständig vernichtet. Die Nachhut unter [[Hruotland]] wurde beim Pass von [[Roncesvalles]] in einen Hinterhalt gelockt und aufgerieben. Das Ereignis ging in das altfranzösische ''[[Chanson de Roland]]'' („[[Rolandslied]]“) ein. Eine Quelle berichtet, Abd ar-Rahman sei Karl entgegengezogen, doch scheint er den Franken nicht mehr auf dem Boden des Emirats angetroffen zu haben. <br />
[[Datei:Dirham hisham i 21829.jpg|mini|hochkant=1.1|Dirham [[Hischam I.|Hishams I.]] (um 790)]]<br />
Nach Abd ar-Rahmans Tod am 30. September 788 übernahm am 7. Oktober 788 sein Sohn, [[Hischam I.]], die Regentschaft über das Emirat von Córdoba. Unter seinem Nachfolger [[al-Hakam I.]] (796–822) konnte der Aufbau des [[Emirat]]s fortgesetzt werden. Wieder kam es zu Zusammenstößen mit den Franken Karls des Großen, die 801 Barcelona eroberten und 806 die [[Spanische Mark]] gründeten. Es folgten mehrere Waffenstillstände (so 810 und 812), die stets gebrochen wurden. Dabei scheinen die Franken sich offensiv, die Umayyaden vor allem defensiv verhalten zu haben. Im Jahr 812 wurde Admiral Yahya ibn Hakam, offenbar ein Enkel Abd ar-Rahmans I., als Gesandter an den fränkischen Königshof in [[Aachen]] geschickt, doch hielt der Frieden, den er aushandelte, kaum über Karls Tod im Jahr 814 hinaus. Schon 815 brachen neue Feindseligkeiten aus.<br />
<br />
Im Jahr 818 musste ein Aufstand in Córdoba niedergeschlagen werden. Tausende Aufständische flohen nach Marokko zu den [[Idrisiden]] und siedelten sich in [[Fès]] an. Im 9. Jahrhundert wurden die Küsten des Emirats von [[Wikinger]]n bedroht, doch konnten diese nach dem Aufbau einer Flotte abgewehrt werden. Zugleich kam es durch die aktiv geförderte Zuwanderung von Syrern zu einer verstärkten Arabisierung der Bewohnerschaft des Emirats. Dies führte umgekehrt zur Abwanderung von [[Christen]] nach Nordspanien.<br />
<br />
Mitte des 9. Jahrhunderts geriet das Emirat unter [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]] (856–886) in eine Krise, als die Grafschaften Mérida, Toledo und Saragossa von den [[Umayyaden]] abfielen und im Süden der Aufstand des [[Umar ibn Hafsun]] von [[Bobastro]] ausbrach (880–917). Unter [[Abdallah von Córdoba]] (888–912) beherrschten die Umayyaden zeitweise nur noch Córdoba und sein Umland. Der Untergang des Reiches konnte nur durch ein Bündnis mit dem [[Königreich Kastilien]] verhindert werden. Auch wenn bereits unter Abdallah die Rückeroberung von al-Andalus begann, konnte erst sein Nachfolger, [[Abd ar-Rahman III.]] (912–961), das Emirat endgültig befrieden und einen. 929 ließ er sich zum [[Kalif]]en ausrufen und gründete damit das [[Kalifat von Córdoba]].<br />
<br />
== Kulturelle und zivilisatorische Bedeutung ==<br />
Das Emirat von Córdoba wurde zur ersten [[Hochkultur (Geschichtswissenschaft)|Hochkultur]] im mittelalterlichen Europa außerhalb von [[Byzantinisches Reich|Byzanz]].<ref>[[William Montgomery Watt]]: ''Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter.'' Wagenbach, Berlin 2002, ISBN 3-8031-2420-4.</ref><ref>[[André Clot]]: ''Das maurische Spanien.'' Albatros, Düsseldorf 2004, ISBN 3-491-96116-5.</ref> Einen erheblichen Anteil daran hatte das Zusammenleben verschiedener Völker und Religionen in einem gemeinsamen Staatswesen. Dass dieses Zusammenleben weitgehend friedlich verlief, ist eine zivilisatorische Leistung, die einerseits auf der Zusammensetzung der Bevölkerung und andererseits auf der [[Toleranz]] des vorherrschenden andalusischen Islams beruhte. Das Emirat wurde immer noch von Nachfahren der römischen Zuwanderer bewohnt, aber auch von Nachfahren der [[Keltiberer]], der iberischen Urbevölkerung, einem kleinen Kontingent Juden, den [[Westgoten]] ''(visogothi)'' und deren Nachkommen in recht großer Zahl, den Berber-Söldnern der arabischen Eroberer und den hauptsächlich aus Syrien und dem Jemen stammenden Arabern. Die Letztgenannten hatten die politische Macht inne, stellten aber wahrscheinlich nur 10 Prozent der Gesamtpopulation. Eine gewisse Toleranz war daher für sie angeraten.<br />
<br />
Bei den in [[al-Andalus]] akzeptierten Glaubensgemeinschaften handelte es sich um die drei [[Abrahamitische Religion|abrahamitischen Religionen]] Judentum, Christentum und Islam, wobei auch verschiedene Untergruppen wie die [[Schiiten]] zunächst noch toleriert wurden. Das parallele Vorliegen verschiedener Religionen führte zu einer Vergleichbarkeit und damit letztlich auch zu einer Relativierung der Glaubensinhalte.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Ulrich Haarmann, [[Heinz Halm]] (Hrsg.): ''Geschichte der Arabischen Welt.'' 4. Auflage. Beck, München 2001, ISBN 3-406-47486-1.<br />
* [[Wilhelm Hoenerbach]] (Hrsg.): ''Islamische Geschichte Spaniens: Übersetzung der Aʻmāl al-a'lām und ergänzender Texte.'' Artemis, Zürich / Stuttgart 1970, {{DNB|457049499}}.<br />
* [[Arnold Hottinger]]: ''Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien.'' Wilhelm Fink Verlag, München 1995, ISBN 3-7705-3075-6.<br />
* Christian Müller: ''Gerichtspraxis im Stadtstaat Córdoba. Zum Recht der Gesellschaft in einer mâlikitisch-islamischen Rechtstradition des 5./11. Jahrhunderts.'' Brill, Leiden und andere 1999, ISBN 90-04-11354-1.<br />
* [[Antonio Muñoz Molina]]: ''Stadt der Kalifen. Historische Streifzüge durch Córdoba.'' Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 978-3-499-13281-0.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Geschichte Spaniens#Emirat von Córdoba|Geschichte Spaniens: Emirat von Córdoba]]<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Emirate of Córdoba|Emirat von Córdoba}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=g|GND=1154419444}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Emirat von Cordoba}}<br />
[[Kategorie:Historisches Territorium (Spanien)|Cordoba, Emirat von]]<br />
[[Kategorie:Historischer Staat in Europa|Cordoba, Emirat von]]<br />
[[Kategorie:Geschichte Spaniens im Mittelalter]]<br />
[[Kategorie:Islam in Spanien]]<br />
[[Kategorie:Emir (Córdoba)| ]]<br />
[[Kategorie:Staat (Mittelalter)]]<br />
[[Kategorie:Geschichte der Religion (Spanien)]]<br />
[[Kategorie:Al-Andalus]]<br />
[[Kategorie:Emirat|Cordoba]]<br />
[[Kategorie:Staatsgründung in den 750er Jahren|Cordoba]]<br />
[[Kategorie:Aufgelöst 929]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Der_Pate_(Film)&diff=264764245Der Pate (Film)2026-02-26T10:47:58Z<p>Procopius: /* Handlung */</p>
<hr />
<div>{{Infobox Film<br />
| Bild = The Godfather movie horizontal logo.png<br />
| Deutscher Titel = Der Pate<br />
| Originaltitel = The Godfather<br />
| Produktionsland = USA<br />
| Originalsprache = Englisch, Italienisch<br />
| Erscheinungsjahr = 1972<br />
| Länge = 175<br />
| FSK = 16{{FSK|1412|44593V}}<br />
| JMK = <br />
| Produktionsunternehmen = [[Paramount Pictures]]<br />
| Regie = [[Francis Ford Coppola]]<br />
| Drehbuch = <br />
* [[Mario Puzo]]<br />
* Francis Ford Coppola<br />
| Produzent = [[Albert S. Ruddy]]<br />
| Musik = [[Nino Rota]]<br />
| Kamera = [[Gordon Willis]]<br />
| Schnitt = <br />
* [[William H. Reynolds]]<br />
* [[Peter Zinner]]<br />
| Besetzung = <br />
* [[Marlon Brando]]: Don Vito Corleone<br />
* [[Al Pacino]]: Michael Corleone<br />
* [[Diane Keaton]]: Kay Adams-Corleone<br />
* [[James Caan]]: Santino „Sonny“ Corleone<br />
* [[Robert Duvall]]: Tom Hagen<br />
* [[Richard S. Castellano]]: Peter Clemenza<br />
* [[Abe Vigoda]]: Sal Tessio<br />
* [[John Cazale]]: Frederico „Fredo/Freddie“ Corleone<br />
* [[Talia Shire]]: Constanzia „Connie“ Corleone-Rizzi<br />
* [[Gianni Russo]]: Carlo Rizzi<br />
* [[Morgana King]]: Mutter Carmela Corleone<br />
* [[Julie Gregg]]: Sandra Corleone<br />
* [[Richard Conte]]: Don Emilio Barzini<br />
* [[Al Lettieri]]: Virgil „Der Türke“ Sollozzo<br />
* [[Sterling Hayden]]: Captain McCluskey<br />
* [[Al Martino]]: Johnny Fontane<br />
* [[John Marley]]: Produzent Jack Woltz<br />
* [[Lenny Montana]]: Luca Brasi<br />
* [[Alex Rocco]]: Moe Greene<br />
* [[Joe Spinell]]: Willi Cicci<br />
* [[Richard Bright (Schauspieler)|Richard Bright]]: Albert Neri<br />
* [[Salvatore Corsitto]]: Bestatter Bonasera<br />
* [[Victor Rendina]]: Don Philip Tattaglia<br />
* [[Simonetta Stefanelli]]: Apollonia, Sizilien<br />
* [[Corrado Gaipa]]: Don Tommasino, Sizilien<br />
| Synchronisation = [[Der Pate (Filmreihe)#Synchronisation|Synchronisation]]<br />
| Chronologie = ja<br />
}}<br />
<br />
'''Der Pate''' (Originaltitel ''The Godfather'') ist ein [[Vereinigte Staaten|US-amerikanischer]] [[Gangsterfilm|Mafiafilm]] des Regisseurs [[Francis Ford Coppola]] aus dem Jahr [[Filmjahr 1972|1972]]. Er basiert auf dem [[Der Pate|gleichnamigen Roman]] von [[Mario Puzo]], der gemeinsam mit Coppola auch das Drehbuch verfasste. Der Film mit [[Marlon Brando]] und [[Al Pacino]] in den Hauptrollen war für elf [[Oscar]]s nominiert, von denen er drei gewann. ''Der Pate'' war an den Kinokassen ein herausragender Erfolg und wird zu den angesehensten Werken der Filmgeschichte gezählt.<br />
<br />
Die Fortsetzungen ''[[Der Pate – Teil II]]'' und ''[[Der Pate III]]'' erzählen [[Der Pate (Filmreihe)|die Geschichte]] weiter und thematisieren in [[Analepse|Rückblenden]] auch die Vorgeschichte der Familie Corleone.<br />
<br />
== Handlung ==<br />
Es ist das Jahr 1945: Don Vito Corleone, einer der mächtigsten [[Boss (Cosa Nostra)|Mafiabosse]] von [[New York City]] und Oberhaupt einer der „[[Fünf Familien]]“, richtet zur Hochzeit seiner Tochter Connie ein opulentes Fest mit Hunderten von Gästen aus. Auch Don Vitos jüngster Sohn Michael, ein Weltkriegsveteran, der den Mafiaaktivitäten eigentlich fern steht und gedenkt, niemals in kriminelle Tätigkeiten verwickelt zu werden, ist auf der Feier und erläutert seiner ahnungslosen amerikanischen Freundin Kay die in der [[Amerikanische Cosa Nostra|Cosa Nostra]] herrschenden Bräuche: Während die Gäste im Garten tanzen, empfängt der Don in seinem Arbeitszimmer Freunde der „Familie“, die ihm anlässlich der Hochzeit ihre Aufwartung machen. Da sie wissen, dass ein Sizilianer zur Hochzeit seiner Tochter niemandem eine Gefälligkeit ausschlagen darf, wollen sie diese Gelegenheit nutzen, ihn um verschiedene Gefälligkeiten zu bitten, bei denen es neben Alltagsproblemen auch um Rache oder Erpressung geht. Dank seiner zahlreichen Beziehungen kann Don Vito seinen Freunden jede Bitte erfüllen und schreckt auch vor Verbrechen und Grausamkeiten nicht zurück, wenn er sie nur selbst für gerecht hält.<br />
<br />
So lässt er auf Bitten des Bestattungsunternehmers Bonasera, dessen Tochter das Patenkind von Vitos Frau ist, durch von ihm gedungene Schläger zwei jugendliche Rowdies krankenhausreif prügeln, weil sie Bonaseras Tochter misshandelt und entstellt haben – er verweigert allerdings die Ermordung der Täter, weil die Tochter schließlich auch noch lebe. Für seinen eigenen Patensohn, den Popstar Johnny Fontane, lässt er durch seinen Ziehsohn Tom Hagen, der als sein [[Consigliere]] und Rechtsanwalt fungiert, die Besetzung der Hauptrolle in einem Hollywoodfilm erzwingen. Dies wird durch Erpressung des widerspenstigen Filmproduzenten Woltz erreicht, indem diesem im Schlaf der abgetrennte Kopf seines sündhaft teuren Lieblingspferdes unter der Decke seines Bettes platziert wird.<br />
<br />
Nach dieser [[Exposition (Literatur)|Exposition]] beginnt die eigentliche Handlung: Mit dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] hat sich der [[Drogenhandel]] zu einem attraktiven Geschäftszweig entwickelt, und der skrupellose Mafioso Virgil Sollozzo, genannt „Der Türke“, macht den Corleones den Vorschlag, gemeinsam mit ihm den [[Heroin]]handel in New York zu organisieren. Don Vito lehnt dieses ihm zu schmutzige Geschäft ab, da es ihm nicht nur unmoralisch, sondern vor allem zu riskant erscheint; er möchte wie bisher auf [[Glücksspiel]] und [[Prostitution]] setzen. Allerdings lässt Don Corleones unbeherrschter ältester Sohn Santino „Sonny“ Corleone in den Verhandlungen durchblicken, dass er am Angebot des Türken interessiert ist, womit Sollozzo seine Chance wittert. Infolge der Weigerung des Dons, seine exzellenten Kontakte zu Justiz, Politik und Wirtschaft mit den anderen Bossen zu Gunsten des Rauschgifthandels zu teilen, wird ein Mordanschlag auf ihn verübt: Die Killer des abgewiesenen Sollozzo, der mit der Tattaglia-Familie verbündet ist, schießen ihn auf offener Straße nieder. Kurz zuvor ist bereits sein bedeutender Helfer Luca Brasi, der sich im Auftrag von Vito Corleone bei der Tattaglia-Familie umhören sollte, ermordet worden. Vito, dessen ungeschickter Sohn Alfredo („Fredo“) ihn nicht beschützen konnte, überlebt schwer verletzt. Damit ist der Plan des Türken zunichtegemacht, der hoffte, im Anschluss mit Sonny über sein Angebot neu verhandeln zu können.<br />
<br />
Während Don Vito sich nur langsam erholt, startet sein Sohn Sonny einen Rachefeldzug gegen die Tattaglias, dem einer der Söhne Don Tattaglias zum Opfer fällt. Michael rettet seinen Vater derweil geistesgegenwärtig vor einem weiteren Mordanschlag. Als der aufgrund seiner guten Beziehungen zur Polizei unangreifbare Sollozzo ein Treffen mit Michael vorschlägt, den er für harmlos hält, da allgemein bekannt ist, dass der jüngste Sohn des Dons kein Verbrecher ist, entscheidet sich dieser, zum Mörder zu werden, um seine Familie zu beschützen, und erschießt Sollozzo und den korrupten [[New York City Police Department|NYPD]]-Captain McCluskey, der als Sollozos Leibwächter agierte.<br />
<br />
Michael flieht anschließend nach [[Sizilien]], wo er sich unter den Schutz eines lokalen Paten begibt. Er heiratet in dem Dorf [[Corleone]] die junge Apollonia, obwohl zu Hause in New York Kay auf ihn wartet. Don Vito ist inzwischen genesen, hat aber Mühe, seine Macht gegen die anderen Mafiafamilien zu behaupten. Er möchte Frieden schließen, doch die anderen nehmen es ihm weiterhin übel, dass er sie nicht beim Drogenhandel unterstützt. Der jähzornige Sonny wird nun durch den Verrat seines Schwagers Carlo in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Auch Michaels Versteck auf Sizilien wird verraten; eine ihm zugedachte [[Autobombe]] tötet aber Apollonia.<br />
<br />
Jetzt schließt Don Corleone Frieden mit Don Tattaglia, um Michael zu retten. Bei dieser Gelegenheit erkennt er, dass in Wahrheit der mächtige Pate Don Barzini von Anfang an sein eigentlicher Feind war. Michael kehrt nach New York zurück, erneuert die Beziehung zu Kay und übernimmt faktisch die Geschäfte, wobei sein Vater als sein Berater fungiert. Die Corleones planen, in [[Las Vegas]] ein [[Spielbank|Casino]] zu übernehmen und New York zu verlassen; als es zum Konflikt mit dem Casinobetreiber Moe Greene kommt, der mit Barzini verbündet ist, warnt Michael seinen Bruder Fredo, sich nie wieder gegen die eigene Familie zu stellen: Fredo hatte sich nach dem Attentat auf seinen Vater nach Las Vegas begeben und unter den Schutz von Moe Greene gestellt, bei den Verhandlungen Michaels mit Greene hatte er für diesen Partei ergriffen. Immer deutlicher zeigt sich, dass nur Michael über die erforderlichen Fähigkeiten verfügt, seinen Vater als Paten zu beerben, da er (im Gegensatz zu Fredo) dessen Verstand und (im Gegensatz zu Sonny) dessen Selbstbeherrschung geerbt hat.<br />
<br />
Nachdem Don Vito an einem [[Herzinfarkt]] gestorben ist, holt Michael daher zum Rundumschlag gegen die Feinde der Familie aus. Er lässt am Tag der Taufe seines Neffen, für den er Pate steht, gleichzeitig sämtliche Oberhäupter der konkurrierenden vier Mafiafamilien ermorden, darunter Barzini, und verschont auch Moe Greene und abtrünnig gewordene Mitglieder seiner eigenen Familie nicht. Dazu zählt sein Schwager Carlo, der mit einer [[Garrotte]] erdrosselt wird, nachdem er zugegeben hat, Sonny an Barzini verraten zu haben. Michael lässt außerdem seinen [[Caporegime|Capo]] Tessio beseitigen, der ihn im Auftrag Barzinis in eine Falle locken sollte. Als seine Schwester Connie ihm aufgelöst vorwirft, er habe ihren Mann Carlo ermorden lassen und sei nun selbst ein herzloser Mafiapate, fragt ihn Kay, mit der er inzwischen verheiratet ist, ob dies die Wahrheit sei. Michael leugnet, den Mord an seinem Schwager befohlen zu haben. Sie glaubt ihm zunächst. Anschließend muss sie jedoch beobachten, wie ihr Mann von seinen Partnern in einer Unterwerfungszeremonie als neuer Pate begrüßt wird. Sie weiß nun, dass er sie belogen hat und immer belügen wird.<br />
<br />
== Anmerkungen ==<br />
* Unter dem Namen ''Don Vito'' war der sizilianische Mafiaboss [[Vito Cascio Ferro]] bekannt; [[Corleone]] ist einer der berüchtigtsten Mafiaorte Siziliens.<br />
* Das Vorbild des Attentats auf Don Vito ist die Ermordung von [[Francesco Scalice]], Boss der [[Gambino-Familie]], der am 17. Juni 1957 vor einem Obststand in der 2380 Arthur Avenue in New York City erschossen wurde.<br />
* Die [[Orange (Frucht)|Orange]] tritt als Vorausdeutung des Todes auf. So rollen Orangen über die Straße, als Don Vito angeschossen wird, und er hat ein Stück dieser Frucht im Mund, als er schließlich im Garten an einem Herzinfarkt stirbt. Im ersten Teil mag diese Symbolik noch zufällig wirken, in den Fortsetzungen wurde sie jedoch bewusst eingesetzt.<br />
<br />
== Entstehung ==<br />
=== Vorbereitungen ===<br />
Die Verleihfirma [[Paramount Pictures|Paramount]] kaufte die Filmrechte an [[Mario Puzo]]s 1969 erschienenen Roman ''[[Der Pate]]'' für 80.000 [[US-Dollar]]. Da zu dieser Zeit die US-amerikanische Filmwelt in einer Krise steckte, musste die Verfilmung des Stoffes zu einem Erfolg werden. Deshalb trat das Studio an bekannte Regisseure wie [[Sergio Leone]], [[Peter Yates]], [[Richard Brooks]] und [[Constantin Costa-Gavras]] heran, die alle ablehnten. Danach fiel die Wahl auf den damals 31-jährigen [[Francis Ford Coppola]], der zuvor erst drei Filme als alleiniger Regisseur gedreht hatte.<ref>[http://www.moviereporter.net/dvds/681-der-pate-trilogie---the-coppola-restoration moviereporter.net] abgerufen am 1. Januar 2009</ref> Die Vorbereitungen zum Film begannen Anfang der 1970er Jahre und waren von vielen Unstimmigkeiten geprägt. Coppola war zunächst wenig an dem Film interessiert, da er vorher kleinere Filme nach europäischem Vorbild gedreht hatte, während sich das Studio eine Adaption mit vielen Stars vorstellte, die aus Kostengründen in der Gegenwart spielen sollte. Schließlich wollte der Regisseur eine epische Umsetzung des Werkes, die sich über die gesamte erste Hälfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts erstreckt.<ref name="Die Welt">[https://www.welt.de/kultur/article2162067/Warum-fast-Redford-Der-Pate-geworden-waere.html Die Mafia stand bei den Dreharbeiten Pate – Ein neuer HH mit Marlon Brando .] [[Die Welt|Welt Online]], 30. Juni 2008; abgerufen am 1. Januar 2009</ref><br />
<br />
=== {{Anker|Einfluss der Mafia}}Widerstände gegen die Dreharbeiten ===<br />
Die Mafia&nbsp;– Thema des gesamten Werks&nbsp;– wollte ursprünglich die Verfilmung verhindern. Der Produzent [[Albert S. Ruddy]] wurde bedroht, indem man eine Scheibe seines Autos zerschoss. Die [[Italian-American Civil Rights League]], eine Organisation mit dem Ziel der Bekämpfung des Vorurteils, alle Italiener seien Mafiosi, war von dem Vorhaben ebenfalls nicht begeistert. Präsident dieser Organisation war [[Joseph Colombo]], selbst ein mächtiger Mafioso. Auch die Filmgewerkschaften wollten die Umsetzung erst dann unterstützen, wenn das Wort „[[Mafia]]“ aus dem gesamten Film getilgt würde.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.wasistwas.de/sport-kultur/alle-artikel/artikel/link//a2cd5565fb/article/der-pate-untergang-eines-mafia-clans.html?tx_ttnews |text=wasistwas.de |wayback=20120312083605}} abgerufen am 1. Januar 2008</ref> Ruddy sagte dazu: „Das Wort Mafia kam einmal im Drehbuch vor, ich strich es und konnte drehen.“<ref name="Abendblatt" /><br />
<br />
Der Sänger und Entertainer [[Frank Sinatra]] fühlte sich durch die Figur des Johnny Fontane verunglimpft, außerdem hatte er selbst für die Rolle des Vito Corleone vorgesprochen, war aber abgelehnt worden. Auf einer Veranstaltung sammelte er gemeinsam mit [[Sammy Davis Jr.]] 600.000 Dollar, um damit die Produktion zu verhindern.<ref name="Abendblatt">{{Webarchiv |url=http://www.abendblatt.de/archiv/article.php?xmlurl=/ha/1972/xml/19720722xml/habxml720709_2199.xml |text=Hamburger Abendblatt am 22. Juli 1972 |wayback=20140727233726}}</ref><br />
<br />
Viele Mafiosi erzählten später allerdings, der die Mafia teils stark idealisierende Film (vor allem Don Vito Corleone erscheint weniger als Schwerverbrecher denn als Ehrenmann) habe ihr Lebensgefühl genau getroffen, und ein Experte für [[Organisierte Kriminalität|organisiertes Verbrechen]] nannte Coppolas Werk den „beste[n] [[Werbespot]] für die Mafia, der je gedreht wurde“.<ref>[[Bundeszentrale für politische Bildung]]: {{Webarchiv |url=https://www.kinofenster.de/filme/ausgaben/kf0809/machismo_und_maennerbuende_filme_ueber_die_mafia/ |text=Machismo und Männerbünde – Filme über die Mafia |wayback=20231003183231}}</ref><br />
<br />
=== Besetzung und Synchronisation ===<br />
{{Siehe auch|Der Pate (Filmreihe)#Synchronisation|titel1=Besetzung und Synchronisation der Filmreihe}}<br />
Auch die Besetzung des Filmes gestaltete sich wegen Uneinigkeiten zwischen Studio und Regisseur schwierig. Coppola bestand auf [[Al Pacino]] für die Rolle des Paten Michael Corleone, was die Studioleitung ablehnte. Paramount wollte den Part mit [[Robert Redford]] besetzen, da sich dieser im Gegensatz zu Pacino in der Filmwelt schon einen Namen gemacht hatte, während der Regisseur erfolgreich auf einen [[Italoamerikaner|italoamerikanischen]] Darsteller bestand. Hinzu kam, dass Al Pacino bei Testaufnahmen für seine Rolle nach fünfmaliger Wiederholung einer Szene von den Verantwortlichen mit der Begründung, er spiele zu verhalten, fast entlassen worden wäre.<ref>[https://www.theguardian.com/film/gallery/2008/dec/09/godfather-marlon-brando-al-pacino?picture=340498986 ''Shooting The Godfather'': Bildstrecke des ''Guardian'', abgerufen am 4. Januar 2009]</ref> Später gab er an, die fragliche Szene habe ihn nicht herausgefordert und er habe es als lächerlich empfunden. Doch nach den Dreharbeiten und dem Erfolg des Films seien alle, die ihn zuvor abgelehnt hatten, plötzlich für ihn gewesen. Pacino: „Aber dann konnten sie nicht verstehen, weshalb ich mit denen nichts mehr zu tun haben wollte.“<ref name="the-fan.net">{{Webarchiv |url=http://www.the-fan.net/brando/film/025.shtml |text=Archivierte Kopie |wayback=20081224201001}}</ref><br />
<br />
[[Datei:Marlon Brando's dental plumper for 'Godfather' -1.jpg|mini|Mundprothese, von Marlon Brando getragen, um den Eindruck von bulldoggenartigen Hängebacken zu erwecken]]<br />
[[Datei:Church San Nicolò in Savoca.jpg|mini|Die Kirche San Nicolò in [[Savoca]], in der die Trauung von Michael und Apollonia gedreht wurde]]<br />
[[Datei:Bar Vitelli, reso celebre da alcune scene del film Il Padrino.JPG|mini|Die Bar Vitelli in Savoca, in der die Hochzeitsfeier gedreht wurde]]<br />
Auch mit [[Marlon Brando]] als Vito Corleone war die Studioleitung zunächst nicht einverstanden. Als Hauptargument wurde der geringe Altersunterschied zwischen dem ersten Oberhaupt der Familie Corleone und seinen Filmsöhnen genannt. So betrug der Altersunterschied von Brando zu seinen Filmsöhnen Al Pacino und James Caan jeweils nur 16&nbsp;Jahre. Außerdem erschien er für die Rolle viel zu jung, da er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 47 Jahre alt war, Vito Corleone im Roman dagegen als mindestens 65-jähriger Mann beschrieben wird. Des Weiteren hatte Paramount mit Brando häufig Konflikte gehabt, weil er in früheren Filmen oft zu spät zum Set gekommen war und sich sehr aufmüpfig gegeben hatte.<ref name="Die Welt" /><ref>[http://www.splashmovies.de/php/rezensionen/rezension/8386/der_pate___the_coppola_restoration splashmovies.de]{{Toter Link |url=http://www.splashmovies.de/php/rezensionen/rezension/8386/der_pate___the_coppola_restoration |date=2022-10 |archivebot=2022-10-22 15:12:56 InternetArchiveBot}} abgerufen am 1. Januar 2009</ref> Schließlich erhielt er die Rolle trotzdem, nachdem der Mitbewerber [[Laurence Olivier]] aus Krankheitsgründen ausgeschieden war und Brando bei Probeaufnahmen sehr überzeugend agiert hatte. Marlon Brando wollte, dass seine Rolle des Familienoberhaupts wie eine [[Bulldogge]] wirkt. Im Film trägt er deshalb ein von einem [[Zahntechniker]] individuell angefertigtes Mundstück. Dieses Mundstück ist heute im [[American Museum of the Moving Image]] in New York ausgestellt.<ref>[http://www.filmfunfacts.de/stars/der-pate-fun-fact-2 ''Der Pate – Wissenswerte Hintergründe''] auf: filmfunfacts.de; abgerufen am: 19. März 2015.</ref> Die weiße Katze Vito Corleones, die prominent in der Anfangsszene des Films auftaucht, war ursprünglich nicht eingeplant, sondern eine Streunerkatze, die zufällig auf dem Set auftauchte. Coppola gab sie spontan Brando, der sie zum Teil seines Auftritts machte.<ref>{{Literatur |Autor=Nate Rawlings |Titel=The Cat {{!}} The Anniversary You Can’t Refuse: 40 Things You Didn’t Know About The Godfather |Sammelwerk=Time |Datum=2012-03-14 |ISSN=0040-781X |Online=https://entertainment.time.com/2012/03/15/the-anniversary-you-cant-refuse-40-things-you-didnt-know-about-the-godfather/ |Abruf=2025-03-24}}</ref> <br />
<br />
Francis Ford Coppola hatte mehrere Rollen des Filmes mit Mitgliedern seiner Familie besetzt. So bekam seine Schwester, [[Talia Shire]], die Rolle von ''Connie Corleone''. Seine damals zehn Wochen alte Tochter [[Sofia Coppola|Sofia]] war am Ende des Films als der neugeborene Sohn ''Michael Francis Rizzi'' von ''Connie'' und ''Carlo'' zu sehen. Seine Mutter Italia Coppola (1912–2004) und seine Frau [[Eleanor Coppola|Eleanor]] traten in der Anfangssequenz als Hochzeitsgäste auf, Coppolas Vater [[Carmine Coppola|Carmine]] in einer Szene als [[Pianist]]. Auch seine beiden Söhne, [[Gian-Carlo Coppola|Gian-Carlo]] (bei der Taufe) und [[Roman Coppola]] (als eines der spielenden Kinder bei dem geöffneten oder kaputten [[Hydrant]]en in der Szene, in der ''Sonny'' seinen Schwager ''Carlo'' verprügelt), waren Statisten in dem Film. Weitere kleinere Sprechrollen, wie die von ''Luca Brasi'', gespielt von dem vormaligen [[Profi-Wrestler|Wrestler]] [[Lenny Montana]] in seiner ersten Rolle, in der er im Abspann als Schauspieler genannt wurde, sind nach Beginn der Dreharbeiten besetzt worden.<br />
<br />
''Der Pate'' wurde erstmals 1972 bei der ''[[Berliner Synchron]]'' unter der Regie von Ottokar Runze [[Synchronisation (Film)|synchronisiert]].<ref name="synchro1972a">{{Synchronkartei|film|2473|Der Pate (1972er Synchronisation)|Abruf=2008-12-31}}</ref><ref name="synchro1972b">[http://www.synchrondatenbank.de/movie.php?id=2960 ''Der Pate''] in der Synchrondatenbank, abgerufen am 31. Dezember 2008</ref> 2008 wurde für eine restaurierte DVD-Veröffentlichung bei der gleichen Firma eine neue deutsche Fassung in Auftrag gegeben.<ref name="synchro2008">{{Synchronkartei|film|13040|Der Pate (2008er Synchronisation)|Abruf=2008-12-31}}</ref><br />
<br />
=== Dreharbeiten ===<br />
Die Dreharbeiten begannen am 29.&nbsp;März und endeten am 6.&nbsp;August 1971.<ref name="IMDb Box Office">[http://www.imdb.com/title/tt0068646/business IMDb.com, abgerufen am 2. Januar 2009]</ref> Das Budget betrug sechs Millionen Dollar. Dieser Etat war das Verdienst Coppolas, dem der Produzent Albert S. Ruddy zuerst nur 2,5&nbsp;Millionen Dollar zugestehen wollte.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/unterhaltung/index,page=1142078.html |text=wissen.de |wayback=20090417041949}} abgerufen am 2. Januar 2009</ref><br />
<br />
In der ursprünglichen Heimatstadt des Paten, [[Corleone]], konnte nicht gedreht werden, da der zu diesem Zeitpunkt bereits hoch entwickelte Ort nicht mehr der Kleinstadt der 1950er Jahre entsprach. Stattdessen wich man auf die Kleinstädte [[Forza d’Agrò]] und [[Savoca]] in der sizilianischen [[Provinz Messina]] aus. In Savoca befindet sich die Traukirche von Michael und Apollonia sowie die Bar ''Vitelli'' von Michaels Schwiegervater, in der die Hochzeit gefeiert wird.<ref>[http://www.jgeoff.com/godfather/gf1/gf1scene.html ''The Godfather: Shooting Locations'' auf jgeoff.com, abgerufen am 4. Januar 2009]</ref><br />
<br />
Die Entstehungsgeschichte des Films aus der Perspektive des Produzenten Albert Ruddy ist Gegenstand der Serie ''[[The Offer]]'' aus dem Jahr 2022.<br />
<br />
== Rezeption ==<br />
=== Kritiken ===<br />
{{Filmbewertung<br />
| Metacritic = 100<br />
| Stand = 2025-02-14<br />
| FBW = wertvoll<ref>{{Internetquelle |url=https://www.fbw-filmbewertung.com/film/der_pate |titel=Jury-Begründung |werk=[[Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)]] |abruf=2025-02-14}}</ref><br />
| AllMovie = {{Rating|5|5}}<ref>{{AllMovie |the-godfather-v20076/review |20190526175507 |Autor=Lucia Bozzola}}</ref><br />
| Bewertung1 = [[Lexikon des internationalen Films]]<br />
| Bewertung1Wert = {{Rating|4|5}}<ref name="ldif" /><br />
| Bewertung2 = [[Roger Ebert]]<br />
| Bewertung2Wert = {{Rating|4|4}}<ref name="ebert" /><br />
| Bewertung3 = [[They Shoot Pictures, Don’t They?]]<br />
| Bewertung3Wert = #6<ref name="tspdt" /><br />
}}<br />
<br />
''Der Pate'' erhielt in den Vereinigten Staaten und in Europa ein sehr gutes Presseecho, was sich auch in den Auswertungen US-amerikanischer [[Aggregator]]en widerspiegelt. So erfasst [[Rotten Tomatoes]] fast ausschließlich wohlwollende Besprechungen,<ref name="rotten tomatoes" /> [[Metacritic]] nur Höchstwertungen.<ref name="metacritic" /> Insbesondere letzteres gelang nur wenigen Filmen. Und [[They Shoot Pictures, Don’t They?]] zählt den ''Paten'' zu den 10 angesehensten Werken der Filmgeschichte.<ref name="tspdt">{{Internetquelle |url=https://www.theyshootpictures.com/gf1000_all1000films.htm |titel=The 1,000 Greatest Films (by Ranking) |werk=[[They Shoot Pictures, Don’t They?]] |datum=2025 |sprache=en |abruf=2025-02-14}}</ref><br />
<br />
[[Roger Ebert]] schrieb in der ''[[Chicago Sun-Times]]'', der Film fessle trotz seiner Länge von fast drei Stunden so wirksam, dass er sich nie beeilen müsse.<ref name="ebert">[https://www.rogerebert.com/reviews/the-godfather-1972 rogerebert.suntimes.com] abgerufen am 2. Januar 2009</ref><br />
<br />
Die Filmkritikerin [[Pauline Kael]] lobte die Spannung, „die in den Treffen bei der Düsternis der Unterwelt liegt; man bekommt den Eindruck, dass dieses geheime Leben seine eigene Poesie der Angst hat, für die Männer (und vielleicht auch für die ausgeschlossenen Frauen) wirklicher als die lichtdurchflutete Welt draußen“.<ref>“The tension is in the meetings in the underworld darkness; one gets the sense that this secret life has its own poetry of fear, more real to the men (and perhaps to the excluded women also) than the sunlight world outside.” (Zitat aus Toby Young: {{Webarchiv |url=http://www.tobyyoung.co.uk/342/pauline-kael.html |text=''Pauline Kael''. |wayback=20090421094412}}) In: Guardian, 1991, tobyyoung.co.uk; abgerufen am 2. Januar 2008</ref><br />
<br />
In Deutschland urteilte das ''[[Lexikon des internationalen Films]]'': „Ein gewaltiger Gangsterfilm, der zeitgenössische Probleme der USA transparent macht und in reißerischer Verpackung als perfekte Unterhaltung anbietet. […] Der überlange Film ist nicht ohne detaillierte Grausamkeit, wird aber vornehmlich sehenswert wegen des brillanten Spiels der Hauptdarsteller und interessiert auch als Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen.“<ref name="ldif">{{LdiF|31555|Abruf=2025-02-14}}</ref><br />
<br />
Fernsehjournalist [[Dagobert Lindlau]] bezeichnete den Film in seinem Buch ''Der Mob'' dagegen als „kalkulierten Schwindel“. Die im Film gezeigten Figuren hätten keine Ähnlichkeiten zu Mafiosi wie [[Sam DeCavalcante]], dem Lindlau laut eigener Aussage als junger Reporter begegnet war. Eigentliches Thema des Films seien nicht „organisiertes Verbrechen“, sondern „familiärer Stolz und persönliche Ehre“.<ref name="Lindlau" /> Dadurch habe der Film auf Mitglieder der Mafia – nach Aussage eines Polizisten vor einem US-Senatsausschuss 1981 – „eine starke Wirkung gehabt“. Lindlau führte weiter aus: „Sie wollten so sein wie im Film“. Der Film habe der Mafia nicht gezeigt, „wie man Leute umbringt und Geld erpresst […]. Aber sie haben gelernt, wie man beides glorifiziert. Der Film […] könnte aus dem Werbeetat der Cosa Nostra finanziert sein“.<ref name="Lindlau">Dagobert Lindlau: ''Der Mob – Recherchen zum organisierten Verbrechen.'' Taschenbuch-Ausgabe. Heyne, München 1998, S. 391–394.</ref><br />
<br />
Auch das Publikum zeigt sich begeistert. So setzten die [[IMDb]]-Nutzer den ''Paten'' von 1998 bis 2008 auf Platz 1 ihrer [[IMDb Top 250 Movies|250 beliebtesten Filme]].<ref>{{Internetquelle |url=http://www.apper.de/service/imdb/place.php?id=1 |titel=IMDb-History: Platz 1 |abruf=2025-02-14}}</ref> Stand Februar 2025 steht er dort an zweiter Stelle als einer von nur sieben mit mindestens 9 von 10 Punkten.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.imdb.com/chart/top/ |titel=Top 250 Movies |hrsg=[[IMDb]] |abruf=2025-02-14 |kommentar=Platz 2 mit {{Rating|9.2|10}}}}</ref> Auch bei [[Letterboxd]], einem Portal für [[Cineast]]en, war er über sechs Jahre lang der bestbewertete Film.<ref>{{Internetquelle |url=https://letterboxd.com/jack/list/films-that-have-ranked-as-letterboxds-official/detail/ |titel=Films that have ranked as Letterboxd’s official all-time number one |werk=[[Letterboxd]] |sprache=en |abruf=2025-02-13 |kommentar=auf Platz 1 vom 8. November 2013 bis 17. November 2019}}</ref><br />
<br />
=== Auszeichnungen ===<br />
==== [[Oscarverleihung 1973]] ====<br />
Der Film wurde 1973 mit dem [[Oscar]] für den [[Oscar/Bester Film|besten Film]] ausgezeichnet. Marlon Brando sollte für seine Rolle den Oscar als [[Oscar/Bester Hauptdarsteller|bester Schauspieler]] erhalten, verweigerte allerdings die Annahme aus Protest gegen die Behandlung der [[Indigene]]n in den USA. An seiner Stelle verlas die indigene Aktivistin [[Sacheen Littlefeather]] bei der Oscarverleihung eine Solidaritätserklärung Brandos mit dem [[American Indian Movement]]. Letztlich wurde dieser Oscar Brando trotzdem zuerkannt.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.prosieben.de/kino_dvd/specials/oscar_2007/popup_gallery/34746/index_1.php |text=ProSieben.de |wayback=20080222054214 |archiv-bot=2023-04-10 18:56:05 InternetArchiveBot}} abgerufen am 31. Dezember 2008</ref><ref name="the-fan.net" /> Der dritte Oscar ging an Mario Puzo und Francis Ford Coppola für das [[Oscar/Bestes adaptiertes Drehbuch|beste adaptierte Drehbuch]]. Außerdem erhielt der Film acht weitere Nominierungen; die von [[Nino Rota]] für die [[Oscar/Beste Filmmusik|beste Filmmusik]] wurde zurückgezogen, weil das Love-Thema schon bei der italienischen Komödie ''Fortunella'' (1958) benutzt worden war.<ref name="filmmusik2000.de">{{Webarchiv |url=http://www.filmmusik2000.de/rotgod.htm |text=filmmusik2000.de |wayback=20101121042825}} abgerufen am 2. Januar 2009</ref><br />
<br />
Die Oscars in der Übersicht:<br />
<br />
* Oscar für den [[Oscar/Bester Film|Besten Film]] an [[Albert S. Ruddy]]<br />
* Oscar für den [[Oscar/Bester Hauptdarsteller|Besten Hauptdarsteller]] an [[Marlon Brando]] ''(abgelehnt)''<br />
* Oscar für das [[Oscar/Bestes adaptiertes Drehbuch|Beste adaptierte Drehbuch]] an [[Mario Puzo]] und [[Francis Ford Coppola]]<br />
Weiterhin<br />
* Nominiert für die [[Oscar/Beste Regie|Beste Regie]]: [[Francis Ford Coppola]]<br />
* Nominiert für den [[Oscar/Bester Nebendarsteller|Besten Nebendarsteller]]: [[Al Pacino]]<br />
* Nominiert für den Besten Nebendarsteller: [[James Caan]]<br />
* Nominiert für den Besten Nebendarsteller: [[Robert Duvall]]<br />
* Nominiert für den [[Oscar/Bester Schnitt|Besten Schnitt]]: [[William H. Reynolds]] und [[Peter Zinner]]<br />
* Nominiert für den [[Oscar/Bester Ton|Besten Ton]]: [[Charles Grenzbach]], [[Richard Portman]] und [[Christopher Newman (Tontechniker)|Christopher Newman]]<br />
* Nominiert für das [[Oscar/Bestes Kostümdesign|Beste Kostüm]]: [[Anna Hill Johnstone]]<br />
* Nominiert für die [[Oscar/Beste Filmmusik|Beste Filmmusik]]: [[Nino Rota]] (teils zurückgezogen)<br />
<br />
==== [[Golden Globe Awards 1973]] ====<br />
Bei der Verleihung der [[Golden Globe]]s 1973 war der Film fünf Mal erfolgreich:<br />
<br />
* Globe für das [[Golden Globe Award/Bester Film – Drama|Beste Filmdrama]]<br />
* Globe für die [[Golden Globe Award/Beste Regie|Beste Regie]] an Francis Ford Coppola<br />
* Globe für das [[Golden Globe Award/Bestes Filmdrehbuch|Beste Drehbuch]] an Mario Puzo und Francis Ford Coppola<br />
* Globe für den [[Golden Globe Award/Bester Hauptdarsteller – Drama|Besten Hauptdarsteller – Drama]] an Marlon Brando<br />
* Globe für die [[Golden Globe Award/Beste Filmmusik|Beste Filmmusik]] an Nino Rota<br />
Weiterhin<br />
* Nominiert für den [[Golden Globe Award/Bester Hauptdarsteller – Drama|Besten Hauptdarsteller – Drama]] (Al Pacino)<br />
* Nominiert für den [[Golden Globe Award/Bester Nebendarsteller|Besten Nebendarsteller]] (James Caan)<br />
<br />
==== [[British Academy Film Awards 1973]] ====<br />
''Der Pate'' gewann einen [[British Academy Film Award|britischen Filmpreis]] (BAFTA) und war für vier weitere nominiert:<br />
<br />
* BAFTA für die [[British Academy Film Award/Beste Filmmusik|Beste Filmmusik]] an Nino Rota<br />
Weiterhin<br />
* Nominiert für den [[British Academy Film Award/Bester Hauptdarsteller|Besten Hauptdarsteller]] (Marlon Brando)<br />
* Nominiert für die [[British Academy Film Award/Beste Kostüme|Besten Kostüme]] (Anna Hill Johnstone)<br />
* Nominiert für den [[British Academy Film Award/Bester Nebendarsteller|Besten Nebendarsteller]] (Robert Duvall)<br />
* Nominiert für den Besten Nachwuchsdarsteller (Al Pacino)<br />
<br />
==== Weitere Auszeichnungen ====<br />
* [[David di Donatello]] als bester ausländischer Film; Al Pacino erhielt einen Sonderpreis als bester Darsteller.<br />
* 1973 gewann Nino Rota einen [[Grammy Award]] für die beste Filmmusik.<br />
* In den vom [[American Film Institute]] herausgegebenen Listen der „100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten“ ist ''Der Pate'' zweimal auf Spitzenpositionen platziert: In der Ausgabe 1998 auf Position 3 und in der Ausgabe 2007 auf Platz 2.<br />
* In der Liste der „100 besten amerikanischen Thriller aller Zeiten“ rangiert Coppolas Werk auf Position 11.<br />
* Vertreten ist dieser Film auch auf der von diesem Institut herausgegebenen Liste der „100 besten Filmzitate“. ''„I’m going to make him an offer he can’t refuse.“ („Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“)'' steht dort auf Platz 2.<br />
* In der 2008 veröffentlichten Liste der „10 bedeutendsten Filme in 10 klassischen Genres“ belegte Coppolas Regiearbeit im Genre der Gangsterfilme den 1. Platz.<br />
* Die Filmmusik von Nino Rota und [[Carmine Coppola]] schaffte es auf Platz 5 der vom American Film Institute herausgegebenen Liste der „25 größten Filmmusiken aus 100 Jahren“.<br />
* Als „besonders erhaltenswerte Produktion“ wurde der Film 1990 in das [[National Film Registry]] der USA aufgenommen.<br />
<br />
== Veröffentlichungen ==<br />
=== Kino ===<br />
Nach der Uraufführung im New Yorker Kino ''Loew's State Theatre'' am 14. März 1972 startete ''Der Pate'' tags darauf in fünf weiteren Kinos in [[New York City]]<ref>[https://catalog.afi.com/Film/54023-THE-GODFATHER ''The Godfather'' (1972)] im Katalog des [[American Film Institute|Amerikanischen Filminstituts]]</ref> und spielte bis 19. März etwa 416.000 US-Dollar ein, davon ca. 300.000 am ersten Wochenende,<ref name="Box Office Mojo">[http://www.boxofficemojo.com/movies/?id=godfather.htm ''Der Pate''] auf boxofficemojo.com, abgerufen am 3. Januar 2009</ref><ref name="IMDb Box Office" /> bevor er am 24. März US-weit in die Kinos kam. Der Film spielte insgesamt (mit allen Wiederaufführungen) 245 Millionen Dollar ein, davon 110 Millionen im Ausland. Der Film war insbesondere im Verhältnis zu seinem sehr geringen Budget von sechs Millionen Dollar ein großer finanzieller Erfolg<ref name="Box Office Mojo" /> und bewahrte Paramount vor dem Ruin.<ref name="the-fan.net" /><br />
<br />
=== Serienfassung ===<br />
{{Hauptartikel|Der Pate: Die Saga}}<br />
Coppola erweiterte die ersten beiden Filme zu einer chronologisch erzählten [[Miniserie]], die 1977 an vier Abenden auf [[National Broadcasting Company|NBC]] erstausgestrahlt wurde. Es folgten mehrere Neufassungen, die auch [[Der Pate III|den dritten Teil]] integrierten.<br />
<br />
=== Heimkino ===<br />
Der erste Teil des Films erschien am 22. Juli 2001 erstmals auf DVD. Am 11. Oktober 2001 veröffentlichte Paramount alle drei Teile unter dem Titel ''Der Pate – DVD Collection'' auf vier DVDs plus einer Bonus-Disc. ''Der Pate – Teil II'' ist hier auf 2 DVDs geteilt. Die Spieldauer der Kinofilme beträgt 523 Minuten.<ref>{{Webarchiv |url=http://wiki.dvdb.de/Der_pate |text=wiki.dvdb.de |wayback=20160304070417 |archiv-bot=2023-12-10 20:57:12 InternetArchiveBot}}</ref><ref>[http://www.dvd-sucht.de/movie.php?id=324 dvd-sucht.de]</ref> Auf Disc 5 befindet sich englisches Bonusmaterial, u.&nbsp;a. mit einigen unveröffentlichten Szenen, die für die drei Filme gedreht wurden, aber in den Kinofassungen nicht enthalten sind.<ref>[http://www.thegodfathertrilogy.com/godfather_dvd_collection.html thegodfathertrilogy.com]</ref><br />
<br />
Am 5. Juni 2008 veröffentlichte Paramount alle drei Teile mit vollständig restauriertem Bild und Ton und einer neuen deutschen Synchronisation unter dem Titel ''Der Pate – The Coppola Restoration'' auf insgesamt fünf DVDs. Die Kinofassungen von ''Der Pate'' (1972) und ''Der Pate – Teil II'' (1974) wurden aufwändig restauriert; dabei mussten teilweise Szenen Bild für Bild aus unterschiedlichen Quellen, wie noch existierenden Negativen, Farbseparationen und Archivkopien, wiederhergestellt werden. ''Der Pate III'' (1990) war bereits auf technisch besserem Niveau gedreht und wurde lediglich remastered. Paramount gibt die Spieldauer dieser restaurierten Versionen der Kinofilme mit insgesamt 549 Minuten an.<ref>[http://dvdspindoctor.typepad.com/dvd_spin_doctor/2008/09/review-the-godf.html dvdspindoctor.typepad.com]</ref><ref>[http://www.thegodfather.com/ thegodfather.com]</ref> Zusätzlich zu den Hauptfilmen sind auf der Disc 4 die Extras aus der 2001er DVD-Version. Auf Disc 5 sind weitere, neue Features zur Entstehung des Films und seiner digitalen Aufbereitung enthalten. Diese wurden in HD erstellt.<br />
<br />
Die Körnigkeit, Farbgebung wie auch Über- und Unterbelichtungen der Originalfilme wurden bei der Restaurierung nicht digital korrigiert, sondern bewusst beibehalten, um die Atmosphäre der Originalfassungen zu bewahren. Dies beruht auf Entscheidungen von Regisseur Coppola und seinem Kameramann Gordon Willis und wird in einem Beitrag auf der Bonus Disc erläutert.<br />
<br />
Am 6. Oktober 2008 erschien diese Ausgabe unter dem Titel ''Der Pate – The Coppola Restoration'' auch auf vier [[Blu-ray Disc]]s. Disc 1 bis 3 enthalten die Kinofilme, jeweils in der ursprünglichen Fassung, Blu-ray-Disc 4 enthält das Bonusmaterial aus 2001 und das zusätzliche HD-Material von 2008 (gleicher Umfang wie DVDs 4 und 5 von 2008).<br />
<br />
=== Soundtrack ===<br />
Der Soundtrack wurde am 26. Juli 2001 vom Label Silva auf CD veröffentlicht. Darauf sind die Stücke der Komponisten Nino Rota und Carmine Coppola aus allen drei Teilen der Trilogie enthalten, darunter auch ''The Godfather Waltz'' und ''The Godfather Theme''. Es spielt die [[Tschechische Philharmonie]] aus Prag. filmmusik2000.de meint, Dirigent Nic Raine sei eine sehr überzeugende Einspielung der Musik gelungen und auch heute habe das melodiös-nostalgische Flair der Musik nichts von seiner Wirkung eingebüßt. Allerdings sei die recht kurze Laufzeit von rund 52 Minuten sowie die bescheidene Gestaltung der Edition etwas enttäuschend.<ref name="filmmusik2000.de" /><br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Mario Puzo: ''Der Pate.'' Aus dem Amerikanischen übertragen von [[Gisela Stege]]. Molden Verlag, Wien / München / Zürich, 1969. 2. Auflage, 21.-40 Tsd. {{DNB|457864591}}.<br />
* Mario Puzo: ''Der Pate.'' Rowohlt, Reinbek 2001, ISBN 3-499-23110-7.<br />
* Mario Puzo: ''[[Der letzte Pate]].'' Ullstein, Berlin 1998, ISBN 3-548-24347-9.<br />
* Mark Winegardner: ''Der Pate kehrt zurück.'' Heyne, München 2005, ISBN 3-453-43151-0.<br />
* Mark Winegardner: ''Die Rache des Paten.'' Heyne, München 2007, ISBN 978-3-453-43260-4.<br />
* N. Grob, B. Kiefer, I. Ritzer (Hrsg.): ''Mythos Der Pate. Francis Ford Coppolas Godfather-Trilogie und der Gangsterfilm.'' Bertz + Fischer, Berlin 2011, ISBN 978-3-86505-311-4.<br />
* Jon Lewis: ''The Godfather'' (BFI Film Classics), British Film Institute, London 2. Auflage 2022<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|The Godfather|Der Pate}}<br />
{{Wikiquote|Der Pate – Der Film|Der Pate – Der Film}}<br />
* {{IMDb|tt0068646}}<br />
* {{OFDb|2242}}<br />
* {{Themoviedb.org|238}}<br />
* {{Schnittberichte|N=Der Pate|ID1=4694|V1=Kabel 1 – FSK 16 DVD}}<br />
* {{DNB-Portal|457864591}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references responsive /><br />
<br />
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<br />
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<br />
{{SORTIERUNG:Pate #Der}}<br />
[[Kategorie:Francis Ford Coppola]]<br />
[[Kategorie:Filmtitel 1972]]<br />
[[Kategorie:US-amerikanischer Film]]<br />
[[Kategorie:Mafiafilm]]<br />
[[Kategorie:Filmdrama]]<br />
[[Kategorie:Werk von Mario Puzo]]<br />
[[Kategorie:Mario-Puzo-Verfilmung]]<br />
[[Kategorie:Nino Rota]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gore_Verbinski&diff=264750084Gore Verbinski2026-02-25T22:52:39Z<p>Procopius: /* Biografie */</p>
<hr />
<div>{{CSS-Bildausschnitt<br />
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|Description = Gore Verbinski (2026)<br />
}}<br />
'''Gregor Justin „Gore“ Verbinski''' (* [[16. März]] [[1964]] in [[Oak Ridge (Tennessee)|Oak Ridge]], [[Tennessee]]) ist ein [[Vereinigte Staaten|US-amerikanischer]] [[Filmregisseur]].<br />
<br />
== Biografie ==<br />
=== Ausbildung und erste Werbespots ===<br />
Gore Verbinski wurde 1964 als Sohn eines polnischen [[Kernphysik]]ers in Oak Ridge, Tennessee, geboren, später übersiedelte seine Familie ins [[Kalifornien|kalifornische]] [[San Diego]]. Schon als Teenager begann sich Verbinski neben seiner Leidenschaft für die Musik auch für den Film zu interessieren, was sich in 8-mm-Filmen widerspiegelte, die er mit seinen Freunden aufnahm. Er begann ein Studium der [[Filmwissenschaft]] an der [[University of California, Los Angeles|University of California]] (UCLA) in [[Los Angeles]], das er 1987 erfolgreich mit dem ''Bachelor of Fine Arts'' abschloss. Es folgten [[Musikvideo]]s für alternative [[Musikband|Bands]] wie [[L7 (Band)|L7]], [[Bad Religion]], [[NOFX]]<ref>[[NOFX]]: ''Die Hepatitis-Badewanne und andere Storys''. Autobiographie der Punk-Rock-Band NOFX verfasst mit Co-Autor Jeff Alulis, [[Edel (Medienunternehmen)|Verlag Edel]] (Optimal Media GmbH), [[Röbel/Müritz]], 1. Auflage, Februar 2017. S. 133</ref> und [[Monster Magnet]], in den späten 1990ern auch für das [[DJ]]-Duo [[The Crystal Method]], ehe Verbinski 1993 in der Werbebranche fußfasste. Der große Erfolg kam zwei Jahre später mit der populären [[Budweiser (Anheuser-Busch)|Budweiser]]-Kampagne, für die er die rülpsenden Budweiser-Frösche kreierte. Seine Werbespots, in denen er auch [[Michael Jordan]] für den Sportartikelhersteller [[Nike (Unternehmen)|Nike]] in Szene setzte, brachten Verbinski unter anderem vier [[Clio Awards]] und den [[Silberner Löwe|Silbernen Löwen]] von [[Cannes]] ein. Musikalisch betätigte sich Verbinski unter anderem zwischenzeitlich als Gitarrist der [[Punk (Musik)|Punkbands]] [[Little Kings]] und Daredevils. Bei den Daredevils, die er gemeinsam mit [[Brett Gurewitz]] von Bad Religion und [[Josh Freese]] von den [[Vandals]] gründete, kam es jedoch nicht zu mehr als der Single ''Hate You'', die 1996 veröffentlicht wurde.<br />
<br />
=== Filmkarriere ===<br />
[[Datei:Gore Verbinski 1.JPG|thumb|Gore Verbinski, 2004]]<br />
<br />
Nach den großen Erfolgen in der Werbebranche schrieb Verbinski das Drehbuch zum Kurzfilm ''[[The Ritual (1996)|The Ritual]]'', den er 1996 mit [[Branden Williams]] verfilmte. Ein Jahr später erhielt Verbinski den Regieposten für die [[DreamWorks]]-Komödie ''[[Mäusejagd]]'', in der [[Nathan Lane]] und [[Lee Evans (Komiker)|Lee Evans]] versuchen, ihre geerbte antike Villa von einer schier übermächtigen kleinen Maus zu befreien. Der 38 Mio. US-Dollar teuren Produktion war an den US-amerikanischen Kinokassen Erfolg beschieden; der Film spielte weltweit einen Bruttogewinn von über 122 Mio. US-Dollar ein. Es folgte die Gangsterkomödie ''[[The Mexican – Eine heiße Liebe]]'' mit [[Julia Roberts]] und [[Brad Pitt]] in den Hauptrollen, die zwar an den Erfolg von ''Mäusejagd'' anknüpfen konnte, jedoch dem Regisseur gespaltene Kritiken einbrachten. Den internationalen Erfolg ebnete Verbinski 2002 die Produktion ''[[Ring (Film)|Ring]]'', die amerikanische [[Neuverfilmung]] des [[japan]]ischen Horrorfilmes ''[[Ringu (Film)|Ringu]]'' aus dem Jahre 1998. Die subtile Geschichte um ein todbringendes Videotape verhalf Hauptdarstellerin [[Naomi Watts]] zum Durchbruch in [[Hollywood]], und Verbinski erhielt großes Lob seitens der Kritiker für seine kunstvolle, genreuntypische Inszenierung. Die 45 Mio. US-Dollar teure Produktion avancierte zum weltweiten Erfolg und spielte allein in den USA fast das Dreifache ihrer Produktionskosten wieder ein. Im selben Jahr sprang Verbinski für die letzten achtzehn Drehtage zu ''[[The Time Machine (2002)|The Time Machine]]'' ein, nachdem der Regisseur [[Simon Wells]] seine Arbeit erschöpft unterbrochen hatte und erst wieder bei der [[Postproduktion]] mitwirken konnte.<br />
<br />
Der Erfolg blieb Gore Verbinski auch bei seinem dritten Kinospielfilm, dem zwischen Liebeskomödie und Abenteuerfilm angesiedelten ''[[Fluch der Karibik]]'' treu. In der 125 Mio. US-Dollar teuren Disney-Produktion belebte er den totgeglaubten Piratenfilm mit [[Johnny Depp]] in der Rolle des charismatischen ''Captain Jack Sparrow'', der mit seiner Schauspielleistung zum großen Publikumserfolg des Films beitrug. Die Produktion um die verfluchte Mannschaft eines Piratenschiffes, lose auf der Handlung der Attraktion ''[[Pirates of the Caribbean (Themenfahrt)|Pirates of the Caribbean]]'' in den Disney-Freizeitparks basierend, wurde 2004 für fünf [[Oscar]]s nominiert. Verbinski selbst wurde 2004 u. a. von der [[Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films]] für einen [[Saturn Award]] als bester Regisseur nominiert. ''Fluch der Karibik'' spielte allein in den USA über 300 Mio. US-Dollar ein und festigte Verbinskis Platz als einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods. Mit nur vier Kinofilmen gelang es dem Regisseur, weltweit einen Gewinn von mehr als einer Milliarde US-Dollar zu erzielen. ''Fluch der Karibik'' folgten zwei finanziell erfolgreiche [[Pirates of the Caribbean|Fortsetzungen]] (''[[Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2]]'', 2006; ''[[Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt]]''), die weltweit fast zwei Milliarden US-Dollar einspielten. Um sie zu realisieren, hatte Verbinski den Regieposten für ''[[The Ring 2]]'' an den Japaner [[Hideo Nakata]] abgeben müssen. <br />
<br />
2005 entstand die Tragikomödie ''[[The Weather Man]]'' mit [[Nicolas Cage]], [[Michael Caine]] und [[Hope Davis]] in den Hauptrollen, die jedoch nicht an den großen Erfolg vorangegangener Produktionen anknüpfen konnte. Im April 2009 gab Verbinski bekannt, auf die Regie bei einem geplanten vierten Teil von ''Pirates of the Caribbean'' (''Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides'', 2011) zu verzichten, für die sein Regiekollege [[Rob Marshall]] verpflichtet wurde.<ref>vgl. ''Jack Sparrow kehrt zurück''. In: [[Stuttgarter Nachrichten]], 6. August 2009, S. 16</ref> Stattdessen beschäftigte er sich mit der Verfilmung des Videospieles ''BioShock'', wobei er jedoch die Rolle des Regisseurs an Juan Carlos Fresnadillo weitergab, da er rechtlich durch die Universal Studios an den animierten Spielfilm ''[[Rango (Film)|Rango]]'' gebunden war. Dieser brachte ihm 2012 einen Oscar in der Kategorie [[Oscar/Bester animierter Spielfilm|bester animierter Spielfilm]] ein. <br />
<br />
2013 geriet allerdings Verbinskis Film ''The Lone Ranger'' zu einem künstlerischen und kommerziellen Misserfolg, und auch mit seinem Film ''[[A Cure for Wellness]]'' von 2016 konnte der Regisseur nicht an frühere Erfolge anknüpfen. Danach blieb es mehrere Jahre still um ihn. Erst für das Sci-Fi-Action-Abenteuer ''[[Good Luck, Have Fun, Don’t Die|Good Luck, Have Fun, Don't Die]],'' das 2026 in die Kinos kam, kehrte Verbinski wieder an den Regiestuhl zurück.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.hollywood.cloud/hollywood/good-luck-have-fun-don-t-die |titel=GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE {{!}} Kinostart: 12. März 2026 |werk=hollywood.cloud |datum=2026-02-05 |sprache=de |abruf=2026-02-05}}</ref><br />
<br />
Gore Verbinski meidet, soweit es geht, die Öffentlichkeit. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Die Familie lebt in Los Angeles.<br />
<br />
== Filmografie ==<br />
=== Regisseur ===<br />
* 1996: [[The Ritual (1996)|The Ritual]] (Kurzfilm)<br />
* 1997: [[Mäusejagd]] (''Mousehunt'')<br />
* 2001: [[Mexican – Eine heiße Liebe]] (''The Mexican'')<br />
* 2002: [[Ring (Film)|Ring]] (''The Ring'')<br />
* 2003: [[Fluch der Karibik]] (''Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl'')<br />
* 2005: [[The Weather Man]]<br />
* 2006: [[Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2]] (''Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest'')<br />
* 2007: [[Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt]] (''Pirates of the Caribbean: At World’s End'')<br />
* 2011: [[Rango (Film)|Rango]]<br />
* 2013: [[Lone Ranger (Film)|Lone Ranger]] ''(The Lone Ranger)''<br />
* 2016: [[A Cure for Wellness]]<br />
* 2025: [[Good Luck, Have Fun, Don’t Die]]<br />
<br />
=== Filmproduzent ===<br />
* 2011: [[Rango (Film)|Rango]]<br />
* 2013: [[Lone Ranger (Film)|Lone Ranger]] ''(The Lone Ranger)''<br />
* 2013: [[Das erstaunliche Leben des Walter Mitty]] (als Executive Producer)<br />
* 2016: [[A Cure for Wellness]]<br />
<br />
== Auszeichnungen ==<br />
[[Oscar]]<br />
* [[Oscarverleihung 2012|2012]]: ''Bester Animationsfilm'' für ''Rango''<br />
<br />
[[British Academy Film Award]]<br />
* [[British Academy Film Award 2012|2012]]: ''Bester animierter Spielfilm'' für ''Rango''<br />
<br />
[[Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films]]<br />
* 2004: nominiert als bester Regisseur für ''Fluch der Karibik''<br />
<br />
[[Amanda Awards]]<br />
* 2004: nominiert in der Kategorie ''Bester ausländischer Film'' für ''Fluch der Karibik''<br />
<br />
[[Goldene Himbeere]]<br />
* [[Goldene Himbeere 2014|2014]]: ''Schlechtestes Prequel, Remake oder Fortsetzung'' für ''Lone Ranger''<br />
* 2014: nominiert in der Kategorie ''Schlechtester Film'' für ''Lone Ranger''<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commons}}<br />
* {{IMDb|nm0893659}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=134011864|LCCN=no/00/2308|VIAF=84252751}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Verbinski, Gore}}<br />
[[Kategorie:Gore Verbinski| ]]<br />
[[Kategorie:US-Amerikaner]]<br />
[[Kategorie:Filmregisseur]]<br />
[[Kategorie:Drehbuchautor]]<br />
[[Kategorie:Oscarpreisträger]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1964]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Verbinski, Gore<br />
|ALTERNATIVNAMEN=Verbinski, Gregor Justin (vollständiger Name)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=US-amerikanischer Regisseur<br />
|GEBURTSDATUM=16. März 1964<br />
|GEBURTSORT=[[Oak Ridge (Tennessee)|Oak Ridge]], Tennessee, Vereinigte Staaten<br />
|STERBEDATUM=<br />
|STERBEORT=<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Rostock&diff=264737632Rostock2026-02-25T20:02:12Z<p>Procopius: /* Öffentlicher Personennahverkehr */</p>
<hr />
<div>{{Begriffsklärungshinweis}}<br />
{{Infobox Gemeinde in Deutschland<br />
| Art = Stadt<br />
| Wappen = DEU Rostock COA.svg<br />
| Breitengrad = 54.08816<br />
| Längengrad = 12.13468<br />
| Lageplan = Mecklenburg-Vorpommern HRO 2011.svg<br />
| Lageplanbeschreibung = <br />
| Bundesland = Mecklenburg-Vorpommern<br />
| Höhe = 14<br />
| PLZ = 18055, 18057, 18059,<br />18069,<br />18106, 18107, 18109,<br />18119,<br />18146, 18147,<br />18181, 18182<br />
| Vorwahl = 0381, 038202, 038206<br />
| Gemeindeschlüssel = 13003000<br />
| LOCODE = DE RSK<br />
| NUTS = DE803<br />
| Gliederung = 21 Stadtbereiche,<br />31 Ortsteile<br />
| Adresse = Neuer Markt 1<br />18055 Rostock<br />
| Website = [https://www.rostock.de/ www.rostock.de]<br />
| Bürgermeister = [[Eva-Maria Kröger]]<br />
| Bürgermeistertitel = Oberbürgermeisterin<br />
| Partei = [[Die Linke]]<br />
}}<br />
<br />
<!--{{panoViewer|Rostock – 360°-Panorama von oben (2019).jpg|360°-Panorama der Innenstadt von oben (2019)}}--><br />
[[Datei:Rostock Ostsee (49832531778).jpg|mini|hochkant=1.3|Die Rostocker Altstadt liegt an der [[Unterwarnow]]]]<br />
[[Datei:Rostock asv2018-05 img38 NeuerMarkt.jpg|mini|hochkant=1.3|Der Neue Markt mit der Marienkirche]]<br />
[[Datei:Rostock asv2018-05 img65 Warnemuende view from lighthouse.jpg|mini|hochkant=1.3|Die Strandpromenade in Rostock-[[Warnemünde]]]]<br />
<br />
'''Rostock''' [{{IPA|ˈʁɔstɔk}}] ist eine [[Norddeutschland|norddeutsche]] [[Großstadt]] in [[Mecklenburg-Vorpommern]]. Sie befindet sich im Landesteil [[Mecklenburg]] und liegt direkt an der [[Ostsee]]. Rostock hat den Status einer [[Kreisfreie Stadt|kreisfreien Stadt]]. Mit {{EWZ|DE-MV|13003000}} Einwohnern<ref>Einwohner am {{#time: j. F Y |{{Metadaten Einwohnerzahl DE-MV || STAND}} }} {{Metadaten Einwohnerzahl DE-MV || QUELLE}}</ref> ist sie die [[Liste der Städte in Mecklenburg-Vorpommern|bevölkerungsreichste Stadt]] und einzige Großstadt Mecklenburg-Vorpommerns und eines der vier [[Liste der Ober- und Mittelzentren in Mecklenburg-Vorpommern|Oberzentren]] des Bundeslandes. In der Hauptsatzung ist der Namenszusatz ''[[Hansestadt|Hanse]]- und [[Universitätsstadt]]'' festgelegt.<ref>''Hauptsatzung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock in der Fassung vom 12. Dezember 2019.''</ref><br />
<br />
Das Stadtgebiet erstreckt sich rund 16&nbsp;Kilometer auf beiden Seiten der [[Warnow (Fluss)|Warnow]] bis zu deren Mündung in die Ostsee im Ortsteil [[Warnemünde]]. Die Innenstadt liegt auf dem linken Ufer des Flusses. Geprägt wird Rostock durch seine Lage am Meer, seinen Hafen sowie die [[Universität Rostock]], die 1419 gegründet wurde und zu den ältesten Hochschulen Deutschlands zählt. Der für den Fährverkehr und Güterumschlag bedeutende [[Hafen Rostock|Rostocker Hafen]], der wichtigste deutsche Ostseehafen, sowie der größte deutsche [[#Tourismus|Kreuzfahrthafen]] in Warnemünde liegen im Stadtgebiet. Rostock ist zudem Hauptsitz des deutschen [[Marinekommando]]s. Die 1991 begründete [[Hanse Sail]] hat sich zu einer der großen maritimen Veranstaltungen im Ostseeraum entwickelt.<br />
<br />
Rostock wurde am 24. Juni 1218 das [[Lübisches Recht|Lübische Stadtrecht]] bestätigt. Seit 1283 Mitglied der [[Hanse]], blühte die Stadt in den folgenden Jahrhunderten durch den [[Freihandel]] auf. Aus jener Zeit sind eine Reihe von Bauten der [[Backsteingotik]] erhalten. Viele weitere [[Liste der Baudenkmale in Rostock|Baudenkmäler in Rostock]] zeugen von der überregionalen Bedeutung der Stadt in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Durch den Niedergang der Hanse, den [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] und den [[Rostocker Stadtbrand von 1677|Stadtbrand von 1677]] wurde Rostock jedoch zurückgeworfen, und die Einwohnerzahl verringerte sich auf ein Drittel, wovon sich die Stadt erst seit der [[Hochindustrialisierung in Deutschland|Industrialisierung]] im 19.&nbsp;Jahrhundert vollständig erholen konnte.<br />
<br />
Die Stadt gehörte bis 1918 zum [[Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin|Großherzogtum]] und dann zum [[Mecklenburg-Schwerin#Freistaat Mecklenburg-Schwerin (1919–1933)|Freistaat]] [[Mecklenburg-Schwerin]]. Rostock war als größte Stadt Mecklenburgs stets der wirtschaftliche Mittelpunkt des Landes. Neben der Haupt- und Residenzstadt [[Schwerin]] war Rostock mit seiner Universität auch ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft in Mecklenburg.<br />
<br />
Jahrhundertelang dominierte die maritime Wirtschaft die Stadt. Mit der Gründung der Flugzeugwerke [[Arado Flugzeugwerke|Arado]] 1921 und [[Ernst Heinkel Flugzeugwerke|Heinkel]] 1922 wurde Rostock dann auch ein bedeutender Technologiestandort, was die Stadt in den 1940er Jahren allerdings zu einem wichtigen Ziel des [[Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg|Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg]] machte. In der [[Deutsche Demokratische Republik|DDR]]-Zeit war Rostock von 1952 bis 1990 [[Bezirk Rostock|Bezirksstadt]]; der Hafen wurde zum bedeutendsten der DDR ausgebaut und die Stadt systematisch durch neue Stadtgebiete erweitert, bis sie auf über 250.000 Einwohner anwuchs.<br />
<br />
Zwischen 1990 und 2000 verlor Rostock etwa ein Fünftel seiner Einwohner durch Abwanderung, zudem hat sich die Rostocker Wirtschaft erheblich verändert: Die Bedeutung der Schiffbauindustrie ging stark zurück; viele neue Arbeitsplätze entstanden im [[Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern|Tourismus]] und im Dienstleistungssektor; größter Arbeitgeber der Stadt ist nun die Universität mit der [[Universitätsmedizin Rostock|Universitätsklinik]]. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wächst Rostocks Bevölkerungszahl wieder.<br />
<br />
== Geographie ==<br />
=== Lage ===<br />
[[Datei:WorldWind12.11775E 54.13745N.png|mini|hochkant=1.3|Satellitenbild Rostocks<br />Quelle: [[World Wind]]]]<br />
<br />
Rostock liegt ungefähr in der nördlichen Mitte Mecklenburg-Vorpommerns. Das Stadtgebiet erstreckt sich beiderseits des Unterlaufs der [[Warnow (Fluss)|Warnow]]. Der Fluss verläuft überwiegend in Nord-Süd-, nur im Bereich der Rostocker Innenstadt in Ost-West-Richtung. Nahe der Rostocker Innenstadt verbreitert sich der Flusslauf zur [[Unterwarnow]], was den Namen der Stadt („Flussverbreiterung“) erklärt.<br />
Vor der Mündung in die [[Ostsee]] beim Ortsteil [[Warnemünde]] weitet sich die Unterwarnow, die aus [[Brackwasser]] besteht, in Richtung Osten weiter zum [[Breitling (Warnow)|Breitling]] aus. Südlich davon befindet sich der [[Hafen Rostock|Rostocker Seehafen]].<br />
<br />
Der größte bebaute Teil Rostocks befindet sich am linken Ufer der Warnow. Dazu zählen die Innenstadt, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Wohngebiete [[Kröpeliner-Tor-Vorstadt]] und [[Hansaviertel (Rostock)|Hansaviertel]] sowie die ab 1960 entstandenen Wohngebiete [[Südstadt (Rostock)|Südstadt]] südlich der Innenstadt und [[Reutershagen]], [[Evershagen]], [[Lütten Klein]], [[Groß Klein]], [[Schmarl]] und [[Lichtenhagen (Rostock)|Lichtenhagen]] zwischen der Innenstadt und Warnemünde. Der Teil der Stadt rechts der Warnow wird durch den Überseehafen, Gewerbestandorte und den ca. 6000&nbsp;ha großen Küstenwald ''[[Rostocker Heide]]'' geprägt. Hinzu kommen in [[Dierkow]] und [[Brinckmansdorf]] Siedlungsgebiete aus der Zeit zwischen den Weltkriegen, Großsiedlungen aus den 1980er Jahren in Dierkow und [[Toitenwinkel]] sowie einige ländliche Ortsteile.<br />
<br />
Rostocks größte Ausdehnung von Nord nach Süd beträgt 21,6&nbsp;km und von Ost nach West 19,4&nbsp;km. Die Länge der Stadtgrenze (ohne Küste) beträgt 97,9&nbsp;km. Rostocks Küste selbst hat eine Länge von 18,5&nbsp;km. Davon ist zusammen ca. 7 km Badestrand auf beiden Seiten der Warnowmündung, der übrige Küstenbereich besteht aus Naturstrand und der Steilküste ''Stoltera'' westlich von Warnemünde. Die Warnow im Stadtgebiet erstreckt sich über 16&nbsp;km.<br />
<br />
Die Geografie der Altstadt, aber auch die der Gegend um Warnemünde haben sich im Laufe der Zeit verändert. Wo heute ''Am Strande'' eine Hauptverkehrsstraße verläuft, war früher tatsächlich Strand, und lange Brücken führten in das schiffbare Wasser. Um die Stadt verlief außerdem lange ein Wassergraben zum Schutz, der –&nbsp;nutzlos geworden&nbsp;– im Zuge der Entfestigung und des Ausbaus des [[Rostocker Stadthafen|Stadthafens]] korrigiert wurde. Auf alten Fotos und Abbildungen sind noch die heute nicht mehr vorhandenen Brücken vor dem [[Rostocker Stadtbefestigung#Petritor|Petritor]] und vor dem [[Kröpeliner Tor]] zu sehen. Dabei wurde neben dem Fischer-Hafen der Haedge-Hafen mit dem Kohlenkai –&nbsp;heute „Haedge-Halbinsel“&nbsp;– gebaut. Darüber hinaus ist auch der Abfluss der Warnow in Warnemünde verändert worden. War es früher der ''Alte Strom'', ist es heute der ''Neue Strom'', der auch deutlich ausgebaut wurde. Auch der Breitling wurde mit der Anlage großer Hafenbecken verändert.<br />
<br />
Unmittelbare Nachbargemeinden sind im Nordosten die amtsfreie Gemeinde [[Graal-Müritz]], im Osten das [[Amt Rostocker Heide]] (mit den Gemeinden [[Gelbensande]], [[Rövershagen]], [[Mönchhagen]], [[Bentwisch]] und [[Blankenhagen]]), im Südosten das [[Amt Carbäk]] (mit [[Broderstorf]] und [[Roggentin (bei Rostock)|Roggentin]]), im Süden die amtsfreie Gemeinde [[Dummerstorf]]. Im Süden bis in den Nordwesten grenzt Rostock an das [[Amt Warnow-West]] (mit den Gemeinden [[Papendorf (Warnow)|Papendorf]], [[Kritzmow]], [[Lambrechtshagen]], sowie [[Elmenhorst/Lichtenhagen]]), unterbrochen nur von einer kurzen Angrenzung an das [[Amt Bad Doberan-Land]] mit der Gemeinde [[Admannshagen-Bargeshagen]]. Die [[Agglomeration]] Rostock hat rund 220.000 Einwohner.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.citypopulation.de/de/germany/agglo/ |titel=Urbane Agglomerationen (Deutschland): & Urbane Agglomerationen – Einwohnerzahlen, Grafiken und Karte |abruf=2025-03-25}}</ref><br />
<br />
Die Stadt bildet den Kern der [[Regiopolregion|Regiopolregion Rostock]]. Zu dieser gehören außerdem der [[Landkreis Rostock]] sowie aus dem [[Landkreis Vorpommern-Rügen]] die Stadt [[Ribnitz-Damgarten]] und die Gemeinde [[Ahrenshoop]]. In der Regiopolregion leben auf einer Fläche von 4.282 km² etwa 458.000 Einwohner.<ref name="Regiopole">{{Internetquelle |url=https://www.planungsverband-rostock.de/themenprojekte/regiopolregion-rostock/ |titel=Regiopolregion Rostock |hrsg=Planungsverband Region Rostock |datum=2023-11-08 |abruf=2024-08-13}}</ref><br />
Die nächstgelegenen [[Metropolregion]]en sind [[Metropolregion Hamburg|Hamburg]] im Westen, [[Agglomeration Stettin|Stettin]] im Osten, [[Öresundregion|Kopenhagen-Malmö]] im Norden und [[Metropolregion Berlin/Brandenburg|Berlin]] im Südosten.<br />
{{Panorama|Rostock Unterwarnow-Panorama vom Gehlsdorfer Ufer zur Altstadt 2003.jpg|1500|Panorama des [[Rostocker Stadthafen]]s, mit [[Nikolaikirche (Rostock)|Nikolaikirche]], [[Marienkirche (Rostock)|Marienkirche]] und Hochhäusern entlang der [[Lange Straße (Rostock)|Langen Straße]]}}<br />
<br />
=== Stadtgliederung ===<br />
==== Ortsteile ====<br />
[[Datei:Rostock subdivisions.svg|mini|Ortsamtsbereiche und Ortsteile]]<br />
<br />
Das Stadtgebiet Rostocks ist in 31&nbsp;[[Ortsteil]]e gegliedert. Zu statistischen Zwecken sind diese in 21&nbsp;Stadtbereiche (A bis U) zusammengefasst. Weiterhin sind die Ortsteile auf fünf Ortsamtsbereiche verteilt, für die jeweils ein [[Ortsamt]] zuständig ist. Hier werden Einwohnerangelegenheiten (z.&nbsp;B. Meldungen) bearbeitet.<ref>{{Webarchiv |url=http://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/1079/5%20Ortsamtsbereiche%202010_neu.pdf |text=''rathaus.rostock.de: Gliederung der Ortsamtsbereiche'' |wayback=20140410110318}} (PDF; 235&nbsp;kB)</ref><br />
<br />
{{Siehe auch|Liste der Ortsteile von Rostock}}<br />
<br />
==== Eingemeindungen ====<br />
[[Datei:Schematisierte Stadtentwicklung Rostock.svg|mini|Entwicklungsstufen]]<br />
<br />
Nach der Gründung der Stadt und der Vereinigung der Stadtteile erwarb Rostock im 13.&nbsp;Jahrhundert die große [[Rostocker Heide]] sowie einige nahe gelegene Dörfer und Gutsstellen (Bartelsdorf, Bentwisch, Broderstorf, Kassebohm, Kessin, Rövershagen, Riekdahl, Stuthof, Willershagen und Gragetopshof).<br />
<br />
Die meisten dieser Orte wurden jedoch später wieder als eigenständige Gemeinden geführt und nicht oder erst im 20.&nbsp;Jahrhundert wieder dem Stadtgebiet Rostocks angeschlossen. Im 14.&nbsp;Jahrhundert erwarb die Stadt das Dorf Warnemünde und erhielt so Zugang zum Meer.<ref>Vgl. L. Krause: ''Die alten Warnow-Mündungen und der ursprüngliche Rostocker Hafen zu Warnemünde''. In: ''Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock''. Herausgegeben vom Verein für Rostocks Altertümer, Bd.&nbsp;12, Rostock 1924, S.&nbsp;1–16.</ref> Bis in das 20.&nbsp;Jahrhundert hinein war Warnemünde eine Rostocker [[Exklave]]. Ein geschlossenes Stadtgebiet besteht seit 1934.<br />
<br />
Man kann somit drei Stufen der Stadtentwicklung festhalten: die erste im 13. und 14.&nbsp;Jahrhundert, die zweite nach der [[Industrialisierung]], also in der ersten Hälfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts und die dritte nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]]. Klosteranlagen gehörten im Übrigen lange nicht zum eigentlichen Stadtgebiet, selbst wenn sie innerhalb der [[Rostocker Stadtbefestigung|Stadtmauern]] lagen. Das [[Kloster zum Heiligen Kreuz (Rostock)|Kloster zum Heiligen Kreuz]] beispielsweise – das im Übrigen über erheblichen Grundbesitz in Rostock und Mecklenburg verfügte, wie das Dorf [[Schmarl]] mit der Hundsburg – konnte erst durch die Verfassung des [[Freistaat Mecklenburg-Schwerin|Freistaates Mecklenburg-Schwerin]] von 1920 aufgelöst werden.<br />
<br />
Immer wieder gibt es auch kleinere Änderungen an der Gesamtfläche des Stadtgebiets. In den 1970er Jahren wurde die [[Bundesautobahn 19|Autobahn Berlin–Rostock]] gebaut und in diesem Zusammenhang wurden zum Beispiel Flächen der Stadt zugeordnet, die heute zu Alt Bartelsdorf und Riekdahl gehören (ca. 2&nbsp;km²). 1980&nbsp;ging ein Teil der Rostocker Heide nach Graal-Müritz (ca. 1&nbsp;km²), ein Jahr später ein Stück der Gemarkung Sievershagen nach Rostock (auch etwa 1&nbsp;km²). Die jüngsten Flächenänderungen wurden aufgrund der Inkommunalisierung von Flächen der Ostsee vorgenommen. Der neu gebaute Yachthafen [[Hohe Düne]] hat eine Fläche von etwa 0,3&nbsp;km². 2009&nbsp;erfolgte außerdem die erste Anpassung der Gebietsgrenze an die Ostseeküste seit Anfang des 20.&nbsp;Jahrhunderts. Kleine Änderungen wurden bei Bodenneuordnungsverfahren an der Kreisgrenze zu Elmenhorst/Lichtenhagen vorgenommen.<br />
<br />
Unabhängig von Eingemeindungen und Änderungen an der Zuordnung von Flurstücken resultiert eine neue Berechnung der Gesamtfläche der Stadt aus aktuellen Messungen, die mit exakteren Methoden vorgenommen werden und Fehler in historischen Messungen korrigieren. Die jüngsten Messungen weisen der Stadt eine Gesamtfläche von 181,275&nbsp;km² aus.<ref>Kataster-, Vermessungs- und Liegenschaftsamt der Hansestadt Rostock, Abteilung Kataster SG Katastererneuerung / Kommunale Geodaten.</ref><br />
<br />
{| cellpadding="5" cellspacing="1" style="empty-cells:show; margin-bottom:0.5em; background:#CCCCCC;"<br />
|-<br />
! colspan="5"| Die Stufen der Eingemeindungen von Orten in die Hansestadt Rostock<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| <span style="color:#8D874B">'''Datum'''</span> || <!-- Achtung: von Hand korrigieren: --><span style="color:#8D874B">'''Orte'''</span><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 25. März 1252 || [[Rostocker Heide]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 1323 || [[Warnemünde]]<sup>1</sup><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 1. Januar 1913 || [[Dierkow]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 14. Juli 1919 || Barnstorf, Bartelsdorf, Bramow, [[Brinckmansdorf]], Dalwitzhof, Damerow, Kassebohm, Riekdahl<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 9. Dezember 1924 || [[Hinrichshagen (Rostock)|Hinrichshagen]], [[Markgrafenheide]], [[Meyershausstelle|Meyers Hausstelle]], [[Schnatermann]], [[Torfbrücke]], Waldhaus, [[Wiethagen]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 1. April 1930 || [[Kloster zum Heiligen Kreuz (Rostock)|Kloster zum Heiligen Kreuz]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 8. März 1934 || [[Diedrichshagen (Rostock)|Diedrichshagen]], [[Gehlsdorf (Rostock)|Gehlsdorf]], [[Groß Klein]], [[Lütten Klein]], [[Marienehe]], [[Schmarl]], Schutow<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 1. Juli 1950 || [[Biestow]], [[Evershagen]], Krummendorf, [[Peez]], Petersdorf über Rostock, [[Stuthof]], [[Toitenwinkel]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 1. Januar 1960 || [[Hinrichsdorf]], [[Nienhagen (Rostock)|Nienhagen]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| style="text-align:right;" | 10. September 1978 || [[Jürgeshof]]<br />
|}<small><sup>1</sup> Bereits 1264 wurde ein „Rostocker Warnemünde“, ein Seehafen beim heutigen Hohe Düne, dem städtischen Recht unterstellt.</small><!--Das sollte verifiziert werden. Ältere Untersuchungen zu Warnemünde, die häufig mit Karten belegt wurden, stellten sich nach Bohrungen als fehlerhaft heraus. (Diese Karte ist prinzipiell als Beleg unzureichend: File:Warnemünde Map1.png)--><br />
<br />
=== Klima ===<br />
{{Klimatabelle<br />
| TABELLE =<br />
| DIAGRAMM TEMPERATUR = deaktiviert<br />
| DIAGRAMM NIEDERSCHLAG = deaktiviert<br />
| DIAGRAMM NIEDERSCHLAG HÖHE = 200<br />
| QUELLE = '''WWIS'''.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.wwis.dwd.de/de/city.html?cityId=1355 |titel=Weltorganisation für Meteorologie WWIS |titelerg=Deutsche Version, betrieben vom [[Deutscher Wetterdienst|Deutschen Wetterdienst]] DWD in Zusammenarbeit mit dem [[Hong Kong Observatory]] |abruf=2021-07-06}}</ref> Klimainformationen basieren auf monatlichen Mittelwerten für den 30-jährigen Referenzzeitraum 1971–2000.<br />
| Überschrift =<br />
| Ort = Rostock<br />
<!-- durchschnittliche Höchsttemperatur für den jeweiligen Monat in °C --><br />
| hmjan = 3.0| hmfeb = 3.6| hmmär = 6.8| hmapr = 10.6| hmmai = 16.0| hmjun = 18.7| hmjul = 21.0| hmaug = 21.3| hmsep = 17.4| hmokt = 12.7| hmnov = 7.4| hmdez = 4.5<br />
<!-- durchschnittliche Niedrigsttemperatur für den jeweiligen Monat in °C --><br />
| lmjan = −1.1| lmfeb = −0.8| lmmär = 1.3| lmapr = 4.1| lmmai = 8.3| lmjun = 11.9| lmjul = 14.1| lmaug = 14.2| lmsep = 11.1| lmokt = 7.3| lmnov = 3.2| lmdez = 0.6<br />
<!-- durchschnittliche Niederschlagsmenge für den jeweiligen Monat in mm --><br />
| nbjan = 46.8| nbfeb = 29.7| nbmär = 42.3| nbapr = 35.8| nbmai = 47.9| nbjun = 65.8| nbjul = 64.5| nbaug = 57.3| nbsep = 56.3| nbokt = 44.2| nbnov = 46.4| nbdez = 50.5<br />
<!-- durchschnittliche Regentage für den jeweiligen Monat in d --><br />
| rdjan = 10.0| rdfeb = 7.9| rdmär = 9.2| rdapr = 7.8| rdmai = 7.8| rdjun = 9.8| rdjul = 8.8| rdaug = 8.5| rdsep = 9.6| rdokt = 9.4| rdnov = 10.5| rddez = 10.3<br />
}}<br />
<br />
== Geschichte ==<br />
{{Hauptartikel|Geschichte Rostocks}}<br />
[[Datei:COA Rostock (im alten Rathaus in Danzig).jpg|mini|130px|Wappen von Rostock im Plenarsaal des altstädtischen Rathauses in Danzig]]<br />
<br />
Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Werk ''Rostocks Stadtgeschichte'', hrsg. vom Direktor des Stadtarchivs, [[Karsten Schröder (Archivar)|Karsten Schröder]] (siehe [[#Literatur 2|Literatur]]). Zu Ergänzungen siehe Einzelnachweise.<br />
<br />
=== Name ===<br />
Der Name Rostock lässt sich bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen: auf ''rastokŭ'', eine slawische ([[Polabische Sprache|altpolabische]]) Bezeichnung, die etwa „Auseinanderfließen“ in Bezug auf den Fluss [[Warnow (Fluss)|Warnow]] bedeutet<ref>[[Ernst Eichler (Linguist)|Ernst Eichler]] und Werner Mühlmer: ''Die Namen der Städte in Mecklenburg-Vorpommern''. Ingo-Koch-Verlag, Rostock 2002, ISBN 3-935319-23-1.</ref>. Vom 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert tauchen Varianten von ''Rozstoc'' über ''Rostoch'', ''Rotstoc'', ''Rotstoch'', ''Rozstoc'', ''Roztoc'', ''Rozstok'' und ''Rostok'' auf – und um 1366 schließlich ''Rostock''. [[Namenszusatz#Geographie|Namenszusätze]] sind seit den 1920er-Jahren bekannt: bis 1945 ''Seestadt'', ab 1990 ''[[Hansestadt]]'' und seit 2018 ''Hanse- und Universitätsstadt'' Rostock.<br />
<br />
=== Mittelalter ===<br />
[[Datei:Flug 074.jpg|mini|hochkant|[[Petrikirche (Rostock)|Petrikirche]], [[Alter Markt (Rostock)|Alter Markt]] an der [[Unterwarnow]], Keimzelle der Stadt]]<br />
[[Datei:Marienkirche in Rostock.jpg|mini|hochkant|[[Marienkirche (Rostock)|Marienkirche]]]]<br />
'''Entstehung der Stadt'''<br />
<br />
Archäologische Funde belegen für die Zeit ab dem 8.&nbsp;Jahrhundert [[Slawen|slawische]] Handwerker- und Handelsplätze rechts der Warnow (zwischen dem heutigen [[Dierkow]] und [[Gehlsdorf (Rostock)|Gehlsdorf]]).<ref>{{Literatur |Autor=Dieter Warnke |Hrsg=Manfred Gläser |Titel=Rostock – Petribleiche. Eine slawische Fürstenburg des 12.&nbsp;Jahrhunderts |Sammelwerk=Archäologie des Mittelalters und Bauforschung im Hanseraum |Reihe=Schriften des Kulturhistorischen Museums in Rostock |Verlag=Konrad Reich |Ort=Rostock |Datum=1993 |Seiten=155–160}}</ref> Spätestens im 12.&nbsp;Jahrhundert existierte eine Fürstenburg der [[Kessiner]] mit einer frühstädtischen Marktsiedlung. Als erste sichere Erwähnung Rostocks gilt die Chronik ''[[Gesta Danorum]]'' (um 1200).<ref>{{Literatur |Autor=[[Saxo Grammaticus]] |Titel=[[Gesta Danorum]]. Mythen und Legenden des berühmten mittelalterlichen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus |TitelErg=Übersetzt, nacherzählt und kommentiert von Hans-Jürgen Hube |Verlag=Marix |Ort=Wiesbaden |Datum=2004 |ISBN=3-937715-41-X}}</ref> Darin berichtet der Däne [[Saxo Grammaticus]] über die Zerstörung der slawischen Fürstenburg 1161 durch den dänischen König Waldemar&nbsp;I., die Unterwerfung des Fürsten [[Pribislaw (Mecklenburg)|Pribislaw]] und dessen [[Lehnswesen|Belehnung]] durch den Sachsenherzog [[Heinrich der Löwe|Heinrich den Löwen]] 1167. Unter den Burgen des neuen [[Vasall]]s befand sich laut Saxo auch die ''[[Urbs (Hauptort)|urbs]] Rozstoc'', die sich neben der nahegelegenen [[Burg Kessin]] allmählich zu einem zweiten Schwerpunkt des Landes [[Mecklenburg]] entwickelte.<br />
<br />
Den Ausgangspunkt der Stadtwerdung Rostocks bildete die Siedlung auf dem höher gelegenen linken Ufer, dicht bei der Mündung des Flusses in die [[Unterwarnow]]. Hier ließen sich im 12.&nbsp;Jahrhundert Handwerker und Kaufleute nieder, hier gewährte Fürst [[Nikolaus I. (Mecklenburg)|Nikolaus&nbsp;I.]] 1189 den Mönchen des [[Kloster Doberan|Klosters Doberan]] Zollfreiheit auf dem [[Alter Markt (Rostock)|Rostocker Markt]]. Es ist dies auch die erste urkundliche Erwähnung Rostocks.<br />
Die erste urkundliche Erwähnung der ''Stadt'' Rostock stammt vom 24.&nbsp;Juni 1218, als [[Heinrich Borwin&nbsp;I.]] ihr das [[Lübisches Recht|lübische Stadtrecht]] bestätigte. Schon bald dehnte sich die rasch aufblühende Stadt von der [[Petrikirche (Rostock)|Petrikirche]] ausgehend nach Süden aus und erhielt mit dem Quartier um die [[Nikolaikirche (Rostock)|Nikolaikirche]] eine weitere Pfarrei. Neue Ansiedlungen entstanden im Westen mit der [[Marienkirche (Rostock)|Marienkirche]] als Pfarrkirche und eigenem Markt sowie noch weiter nach Westen eine Neustadt, deren Mittelpunkt die [[Jakobikirche (Rostock)|Jakobikirche]] war. Zwischen 1262 und 1265 vereinigten sich die drei Siedlungen. Der mittlere Siedlungskern wurde zum Verwaltungszentrum der Stadt mit Stadtrat, Gericht und neuem [[Rostocker Rathaus|Rathaus]]. Zum Schutz wurde eine ringförmige [[Rostocker Stadtbefestigung|Stadtmauer]] errichtet. Von ihr sind bis heute das [[Steintor (Rostock)|Steintor]], das [[Kröpeliner Tor]], das [[Mönchentor]] und das [[Kuhtor (Rostock)|Kuhtor]] erhalten.<br />
<br />
Den raschen Aufstieg Rostocks zur bedeutendsten Stadt Mecklenburgs konnten selbst die Stadtbrände 1250 und 1265 nicht aufhalten. Stärkung erfuhr das Zentrum der [[Herrschaft Rostock]] durch Handelsprivilegien und Rechte wie das Fischereirecht auf der Unterwarnow. 1252 konnte der Stadtforst [[Rostocker Heide]], 1264 der Seehafen bei [[Warnemünde]] ([[Hohe Düne]]), 1278 die [[Hundsburg (Schmarl)|Hundsburg]] bei [[Schmarl]] und 1286 die ''Wendische Wyk'' rechts der Warnow erworben werden. Damit war u.&nbsp;a. der angestrebte freie Zugang zur zwölf Kilometer entfernten offenen [[Ostsee]] gesichert.<br />
<br />
'''Hansestadt'''<br />
<br />
Bereits 1259 hatte Rostock ein Bündnis mit den Ratsherren der Hafenstädte [[Lübeck]], [[Stralsund]], [[Wismar]] und [[Kiel]] geschlossen. Dieser [[Wendischer Städtebund|Wendische Städtebund]] gilt als Keimzelle der [[Hanse|Deutschen Hanse]]; eine Verstärkung durch weitere Städte erfolgte 1283 im ''[[Rostocker Landfrieden]]'' genannten Vertrag. Bis zum letzten [[Hansetag]] 1669 nahm Rostock – in steter Konkurrenz mit Stralsund um die Rolle der nach Lübeck bedeutendsten Hansestadt an der Ostsee – eine führende Rolle im Städtebund ein. Bedeutend dafür waren Kaufleute, die Handelsbeziehungen zu den Städten [[Riga]] (Rigafahrer) und [[Visby]] auf der Insel [[Gotland]] unterhielten, sowie der [[Atlantischer Hering|Heringshandel]] der [[Schonenfahrer]] auf der [[Schonische Messe|Schonischen Messe]]. Hinsichtlich des Handels mit Norwegen konzentrierten sich die Rostocker [[Viken (Landschaft)|Wiekfahrer]] auf die Kontrolle der [[Faktorei]]en in [[Oslo]] und [[Tønsberg]] am [[Oslofjord]] (siehe auch [[Bergenfahrer]]). Das einzige eigene Produkt, das Rostock in nennenswertem Umfang ausführte, war [[Bier]].<br />
<br />
'''Blütezeit und Universitätsgründung'''<br />
<br />
Als die territoriale [[Herrschaft Rostock]] 1323 endete, hatte der [[Stadtrat]] bereits mehrere Aufstände der Handwerker- und Bürgerschaft überstanden. Das 14. Jahrhundert gilt im Allgemeinen als eine Zeit des Aufblühens der Stadt: 1323 konnte das strategisch wichtige Fischerdorf Warnemünde erworben werden, 1325 erhielt die Stadt das [[Münzrecht]], 1358 die [[Hohe Gerichtsbarkeit|volle Gerichtsbarkeit]]. Die im 13. Jahrhundert begonnenen Bauten, insbesondere die vier Pfarrkirchen (s.&nbsp;o.) und einige Klöster, wurden vollendet, das Rathaus durch neue Ecktürme, spitzbogige Blenden und Kreisrosetten architektonisch aufgewertet.<ref>{{Internetquelle |autor=Bodo Keipke |url=https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/4984/AK6_Br-Rathaus.pdf |titel=Das Rostocker Rathaus – Ein Überblick zur Kunst- und Baugeschichte |hrsg=Hansestadt Rostock, Presse- und Informationsstelle |format=PDF |abruf=2021-06-02}}</ref> Die [[Hansestadt]] war am Gipfel ihrer Autonomie angekommen. Mit gut 14.000 Einwohnern zählte sie um 1410 zu den größten Städten in Norddeutschland.<ref>''Rostock''. In: [[Helge Bei der Wieden]], [[Roderich Schmidt]] (Hrsg.): ''[[Handbuch der historischen Stätten Deutschlands]].'' Band 12: ''Mecklenburg/Pommern'' (=[[Kröners Taschenausgabe]]. Band 315). Alfred Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-31501-7, S.&nbsp;95-107, 98f.</ref><br />
<br />
Ein weiteres sichtbares Zeichen der Bedeutung Rostocks war die 1419 gegründete [[Liste der ältesten Universitäten|älteste Universität Nordeuropas]]. Sowohl die Landesherren als auch der Stadtrat verfolgten mit der Gründung das Ziel, ihre jeweilige Machtposition zu festigen. Trotz mehrerer [[Auszug (Universitätsgeschichte)|Auszüge]] infolge politischer Wirren sollte die [[Universität Rostock|Rostocker Hochschule]] für zwei Jahrhunderte eine führende Rolle in der [[Wissenschaft]] im norddeutschen und baltischen Raum spielen, ehe der Dreißigjährige Krieg eine lange Phase der Bedeutungslosigkeit der Universität einleitete.<br />
<br />
Auf der anderen Seite führten im Spätmittelalter soziale Konflikte zu neuen Machtkämpfen zwischen den [[Patrizier]]familien und der übrigen Stadtbevölkerung. Mit der [[Rostocker Domfehde]], bei der sich die Bürgerschaft dem Landesherrn geschlagen geben musste, endete 1491 ein Jahrhundert zahlreicher Unruhen und Aufstände. Der Stadt sollte nur eine kurze Ruhe vergönnt sein; schon drei Jahrzehnte später sah sie sich neuen Auseinandersetzungen ausgesetzt.<br />
<br />
=== Frühe Neuzeit ===<br />
[[Datei:Petrikirche mit Stadtmauer-3.jpg|mini|hochkant|Von der [[Petrikirche (Rostock)|Petrikirche]] und ihrem Kaplan [[Joachim Slüter]] ging in Rostock 1523 die Reformation aus.]]<br />
[[Datei:Steintor-Rostock.jpg|mini|hochkant|[[Steintor (Rostock)|Steintor]]]]<br />
[[Datei:Schorler-rolle.jpg|mini|Rostocker Baubestand im 16.&nbsp;Jahrhundert. Detail der 19&nbsp;Meter langen [[Vicke-Schorler-Rolle]] mit Rathaus und Marienkirche, Federzeichnung, 1578–1586]]<br />
<br />
'''Reformation'''<br />
<br />
Acht Jahre hatte der Widerstand gegen die [[Reformation|reformatorischen]] Predigten [[Joachim Slüter]]s gewährt, bevor der Stadtrat ihn im April 1531 überraschend aufgab und die Lehren [[Martin Luther]]s in allen vier Hauptkirchen für verbindlich erklärte. Die Universität sowie die Klöster [[Kloster zum Heiligen Kreuz (Rostock)|Zum Heiligen Kreuz]], [[Johanniskloster (Rostock)|St. Johannis]] und die [[Kartäuserkloster Marienehe|Kartause in Marienehe]] blieben der alten Lehre hingegen treu. Erst Herzog [[Johann Albrecht I. (Mecklenburg)|Johann Albrecht I.]] setzte 1549 das lutherische Bekenntnis für alle Landstände durch und löste 1552 fast sämtliche mecklenburgischen Klöster auf. In Rostock war damit das Schicksal des Kartäuserklosters Marienehe besiegelt. Das Nonnenkloster zum Heiligen Kreuz widersetzte sich bis 1584, dem Zeitpunkt seiner Umwandlung in ein [[Damenstift]] der stadtbürgerlichen Oberschicht.<br />
<br />
'''Kämpfe gegen den Rat und neuer Wohlstand'''<br />
<br />
Der Rat kam 1534 nicht umhin, den im Rahmen der dänischen [[Grafenfehde]] eingerichteten Bürgerausschuss aus 64&nbsp;Kaufleuten und Handwerkern anzuerkennen. Zwar konnte er nach der Niederlage Lübecks 1535 die alten Verhältnisse wiederherstellen, doch sollte er sich auch in Zukunft in allen strittigen Fällen einer Opposition gegenübersehen. Dem Landesherren war bereits die [[Union der Landstände]] 1523 selbstbewusst gegenübergetreten, nun, 1565, verweigerte die Stadt dem mit dem Rat verbündeten Fürsten Johann Albrecht I. den formalen [[Huldigung]]seid. Die Folge war dessen bewaffneter Einzug, die Auflösung des Sechzigerrats, die Vernichtung des [[Bürgerbrief]]es, das Einreißen der südlichen Mauer inklusive des Steintors und die Errichtung einer herzoglichen Festung.<br />
<br />
Der schwelende Konflikt zwischen Stadt und Landesherrn wurde erst mit den [[Rostocker Erbvertrag|Rostocker Erbverträgen]] von 1573 und 1584 beigelegt. Rostock erkannte die landesherrliche Oberhoheit insbesondere hinsichtlich der Gerichtsbarkeit und der Steuerzahlung an. Die Bemühungen um die [[Reichsunmittelbarkeit]] waren damit endgültig gescheitert, die verhasste Festung konnte jedoch geschleift und das Steintor wieder aufgebaut werden. Neben den weiterhin von ratsfähigen Patriziern gestellten Rat trat 1583/84 ein neuer [[Bürgerausschuss]], das [[Hundertmänner-Kollegium]]. Es setzte sich aus 40&nbsp;Handwerkern, 40&nbsp;Brauherren und 20&nbsp;weiteren Kaufleuten zusammen. Nach mehreren Jahrhunderten voller Unruhen war damit erstmals langfristig eine innere Befriedung der Stadt erreicht. Anders als bei früheren Bürgerausschüssen gelang es den Landesherren kaum noch, den Rat und das Kollegium gegeneinander auszuspielen, wenngleich die Zusammenarbeit beider Gremien nicht immer spannungsfrei verlief.<br />
<br />
[[Datei:Hollar-Rostock.jpg|mini|Rostocker Stadtplan, Ansicht von Norden, Radierung von [[Wenzel Hollar]], 1624/25]]<br />
Der neue Wohlstand übertraf selbst die mittelalterliche Blütezeit. Die Hansestadt, deren Wirtschaft vom Seehandel und dem Brauwesen bestimmt war, zog zahlreiche Zuzügler aus ganz Norddeutschland an. Besonders angesehen waren die Universitätsprofessoren und der [[Syndikus|Stadtsyndikus]], der sich neben dem [[Bürgermeister]] behauptete. Man wohnte bevorzugt in Marktplatznähe und am liebsten in der Mittelstadt.<br />
<br />
'''Kriege, Stadtbrand und Ansprüche der Herzöge Mecklenburgs'''<br />
<br />
Der [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährige Krieg]] (1618–1648) führte unwiderruflich das Ende der Hanse herbei. Zunächst war Mecklenburg kaum betroffen, doch mit dem Kriegseintritt Dänemarks griffen die Auseinandersetzungen auf Norddeutschland und 1627 auf das Herzogtum über. Der neue Lehnsherr [[Wallenstein]] zwang die Stadt Rostock durch das bewährte Mittel einer [[Blockade (Militär)|Blockade]] Warnemündes in die Knie und baute sie zur [[Garnison]]sstadt aus. Um den Hafen behaupten zu können, wurde eine [[Schanze (Festungsbau)|Schanze]] angelegt. Das Jahr 1631 markiert das Ende der kaiserlichen Besatzung und den Beginn der „Schwedenzeit“. Für Rostock hatte auch dieser Machtwechsel kaum Folgen; so erlebte etwa die Universität trotz der unruhigen Zeiten zunächst eine Blüte. Waren das Land und die Dörfer Mecklenburgs Gewalt und Plünderungen der [[Soldateska]] wehrlos ausgesetzt, boten die Rostocker Stadtmauern vielen Flüchtlingen Schutz. Der Seehandel ging allerdings drastisch zurück. Am schwersten traf die Stadt der Schwedenzoll vor Warnemünde.<br />
<br />
[[Datei:Rostock Burning 1677.jpg|mini|450px|[[Rostocker Stadtbrand von 1677]], Kupferstich von Amadeus von Fridleben, 1678]]<br />
Zugleich verlor der Bund der Städte in der Hanse an Bedeutung. Die wachsenden Interessenunterschiede der Städte führten zu schleichenden Auflösung der des Bundes. Damit verlor Rostock den hansischen Rückhalt und musste alleine gegen die politischen Kräfte der Umgebung bestehen. In diese Phase der Stagnation brach über Nacht die Katastrophe herein: Ein verheerender [[Rostocker Stadtbrand von 1677|Stadtbrand]] vernichtete 1677 fast die gesamte Altstadt und einen beträchtlichen Teil der nördlichen Mittelstadt – insgesamt etwa 700&nbsp;Häuser und [[Bude]]n, ein Drittel aller Gebäude der Stadt. Besonders schwer wog die Zerstörung des Zentrums des Rostocker Brauwesens. Die Zahl der Brauhäuser sank von knapp 200 auf unter 100, die Einwohnerzahl, die Ende des 16.&nbsp;Jahrhunderts 14.000 betragen hatte, ging auf 5.000 zurück.<ref>''Rostock''. In: [[Helge Bei der Wieden]], [[Roderich Schmidt]] (Hrsg.): ''[[Handbuch der historischen Stätten Deutschlands]].'' Band 12: ''Mecklenburg/Pommern'' (= ''[[Kröners Taschenausgabe]].'' Band 315). Alfred Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-31501-7, S.&nbsp;95-107, 102.</ref> Rostock versank im Dämmerschlaf; auch die Universität verlor ihre überregionale Bedeutung.<br />
<br />
Das Wiedererwachen bewirkten die absolutistischen Absichten der Schweriner Herzöge. Die Effekte waren positiv und negativ: Einerseits versprach die Erhebung zur herzoglichen Residenz 1702 die Förderung der Wirtschaft, andererseits drohte ein Verlust der politischen Selbständigkeit. Zudem wurde die Stadt nun zum Magneten für Plünderungen durch dänische und schwedische Truppen im [[Großer Nordischer Krieg|Großen Nordischen Krieg]] (1700–1721). Doch es sollte noch schlimmer kommen: Herzog [[Karl Leopold (Mecklenburg)|Karl Leopold]] ließ 1715 Rat und Hundertmännerkollegium festsetzen und das städtische Eigentum beschlagnahmen; 1760 ging das herzogliche Professorenkollegium nach [[Universität Bützow|Bützow]] und gründete eine Art Gegenuniversität, die mehrere Jahre bestand; 1788 erkannte ein erneuerter [[Rostocker Erbvertrag|Erbvertrag]] mit dem mecklenburgischen Herzog dessen Gewalt an.<ref name="HRO-Jb">{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/media/rostock_01.a.4984.de/datei/2020%20Statistisches%20Jahrbuch.pdf |titel=Hanse- und Universitätsstadt Rostock. Statistisches Jahrbuch 2020. Geschichte im Überblick |seiten=10 |format=PDF |abruf=2021-06-26}}</ref> Damit war Rostock endgültig zu einer [[Landstadt#Mecklenburg| mecklenburgischen Landstadt]] geworden. Der Rat behielt jedoch weitgehende Privilegien und Rechte, insbesondere bezüglich Stadtregiment, Gesetzgebung, Gerichtsbarkeit und Finanzhoheit. Ende des 18.&nbsp;Jahrhunderts strebte die Seeschifffahrt Rostocks einer neuen Blüte zu. Statt Malz und Bier wurde nun vorrangig Getreide transportiert.<br />
<br />
=== Langes 19. Jahrhundert ===<br />
Der Ausdruck ''[[Langes 19. Jahrhundert]]'' bezeichnet die Zeitspanne von 1789 bis 1914.<br />
<br />
'''Franzosenzeit und Industrialisierung'''<br />
<br />
Der Seehandel blieb die wirtschaftliche Triebfeder der Stadt. Während der [[Franzosenzeit]] (1806–13) konnte das Leben in Rostock allerdings nicht in den gewohnten Bahnen verlaufen. Vor allem zwischen Oktober 1806 und Frühjahr 1809 traf die [[Kontinentalsperre]] den Handel und die Schifffahrt empfindlich. Der in Rostock geborene preußische Generalfeldmarschall [[Gebhard Leberecht von Blücher|Blücher]] gehörte zu den herausragenden Persönlichkeiten der anschließenden [[Befreiungskriege]] (1813–1815).<br />
<br />
Ab etwa 1820 machte der Rat den Bedürfnissen von Schiffbau und Schifffahrt Platz: Teile der Stadtmauer wurden geschleift, Stadttore verschwanden, feste Brücken ersetzten die Zugbrücken. Auch die Umgestaltung des [[Universitätsplatz (Rostock)|Hopfenmarkts]] schritt voran. Zu den Barockbauten, die bereits an die Stelle der hansischen Häuser getretenen waren, gesellten sich bald klassizistische Bauwerke. Straßen wurden gepflastert, Überlandverbindungen angelegt. Hauptprofiteure waren Händler und die Post. Die Schiffe für die größte Handelsflotte im Ostseeraum wurden überwiegend in Rostocker Werften gebaut. 1850 erfolgte der Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz.<br />
<br />
Die [[Industrialisierung]] hatte nicht nur positive Seiten: In den unteren Schichten der Gesellschaft führten neben Missernten im Land auch Verelendung und Arbeitslosigkeit zu einer unruhigen Stimmung. Im Zuge der [[Märzrevolution]] wurden liberale Forderungen nach einer [[Demokratisierung]] des bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systems laut. Mit nur kurzem Erfolg: Bereits 30 Monate nach der Reformierung des alten Ratssystems 1849 setzte der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin das alte Hundertmännergremium wieder ein.<br />
<br />
'''Norddeutscher Bund und Gründerzeit'''<br />
[[Datei:Meyers Universum Band 16 29.jpg|mini|Blick auf Rostock in den 1850er Jahren]]<br />
[[Datei:Rostocker Hafen mit Jacobikirche.jpg|mini|[[Rostocker Stadthafen|Rostocker Hafen]] und [[Jakobikirche (Rostock)|Jakobikirche]] um 1900]]<br />
<br />
Mitte des 19. Jahrhunderts zählte Rostock etwa 30.000 Einwohner.<ref name="HRO-Jb" /> Die Wirtschaft profitierte von einigen Reformen im [[Norddeutscher Bund|Norddeutschen Bund]]: Das ''Gesetz über die Freizügigkeit''<ref>[[s:Gesetz über die Freizügigkeit|''Gesetz über die Freizügigkeit'']], auf: [[s:Hauptseite|''Wikisource'']], abgerufen am 5. Juli 2021.</ref> gewährte ab 1868 jedem Bundesangehörigen die Niederlassungsfreiheit. Die ''Gewerbeordnung''<ref>[[s:Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund|''Gewerbeordnung'']], auf: [[s:Hauptseite|''Wikisource'']], abgerufen am 5. Juli 2021.</ref> beendete 1869 den [[Zunft]]zwang durch die Einräumung der [[Gewerbefreiheit]]. 1890 wurde die 1850 gegründete „Schiffswerft und Maschinenfabrik“ Tischbein & Zeltz als [[Neptun Werft|„Neptun“-Werft]] zum ersten industriellen Großbetrieb Mecklenburgs. Andere wachsende Wirtschaftszweige waren die chemische Industrie, der Landmaschinenbau sowie das Bauwesen und der Dienstleistungssektor. [[Warnemünde]] hatte sich seit der Aufnahme des Badebetriebs 1821 zu einem der bedeutendsten [[Seebad|Seekurorte]] in Deutschland entwickelt.<br />
<br />
Nachdem die Zuständigkeit für die Rostocker Universität 1827 durch einen Vertrag mit der Stadt vollständig auf das [[Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin]] übergegangen war, wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts durch einen großzügigen Ausbau und innere Reformen wieder der Anschluss an die übrigen deutschen Universitäten erreicht. Großherzog [[Friedrich Franz II. (Mecklenburg)|Friedrich Franz II.]] ließ mehrere neue Lehrstühle und Institute einrichten und bemühte sich systematisch um die Gewinnung bedeutender Gelehrter. Das [[Hauptgebäude der Universität Rostock|Hauptgebäude]] wurde 1866 bis 1870 vom Schweriner Hofbaurat [[Hermann Willebrand]] im Stil der [[Neorenaissance]] erbaut.<br />
<br />
Mit der [[Reichsgründung]] 1871 begann auch in Rostock der dynamische Entwicklungsprozess der [[Gründerzeit]]. Die rasante Wirtschafts- und Einwohnerentwicklung zwang in allen Bereichen zur umfassenden Modernisierung der Infrastruktur. Die Stadt wurde in westlicher Richtung um das Arbeiterviertel [[Kröpeliner-Tor-Vorstadt]] und südlich um das Villenviertel [[Steintor-Vorstadt]] erweitert. Vereine waren schnell auf nahezu allen Feldern des öffentlichen Lebens aktiv. Politisch blieb die Wahl des Rates auf eine relativ kleine Gruppe von Bürgern beschränkt.<br />
<br />
=== Kurzes 20.&nbsp;Jahrhundert ===<br />
[[Kurzes 20. Jahrhundert]] bezeichnet die Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis 1989.<br />
<br />
'''Erster Weltkrieg und Weimarer Republik'''<br />
<br />
Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] gingen Rohstoffe und Lebensmittel zu einem großen Teil an die Front. Die zunehmende Not entlud sich ab 1917 in Unruhen, Streiks und der Gründung von Ortsgruppen rechts- und linksorientierter Parteien. Auslöser der [[Novemberrevolution]] und infolgedessen des Sturzes der [[Monarchie]] war der [[Kieler Matrosenaufstand]], in dem Marineeinheiten Kriegsschiffe in ihre Gewalt brachten und das Ende des Krieges forderten. Der Funke sprang auf die Bevölkerung über – nach Warnemünde auch in Rostock.<br />
[[Datei:1930 - Standort der Ernst Heinkel Betriebsstätte Bleicherstraße in Rostock.jpg|mini|Betriebsstätte der Heinkel-Werke (ca. 1930)]]<br />
Die Zeit der [[Weimarer Republik]] war geprägt von der Machtlosigkeit der Politik gegenüber wirtschaftlichen und sozialen Krisen. Die [[Inflation]] warf 1923 die gerade sich erholende Wirtschaft wieder zurück, gleichermaßen die [[Weltwirtschaftskrise]] 1929. In den guten Jahren gab der Flugzeugbau in Warnemünde mit den beiden neugegründeten Unternehmen [[Ernst Heinkel Flugzeugwerke|Heinkel]] und [[Arado Flugzeugwerke|Arado]] neue Impulse. Die Neptun-Werft dagegen entwickelte sich Mitte der 1920er-Jahre zum Problemfall. Eine wichtige Rolle spielte der [[Tourismus|Fremdenverkehr]]: Hotels, Pensionen, Gaststätten und Einzelhandel profitierten von der steigenden Zahl der Badegäste in Warnemünde.<br />
<br />
'''Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg'''<br />
<br />
Mit der [[Gleichschaltung]] der Länder wurden sämtliche KPD-Mandate aufgehoben und die Stadtverordnetenversammlung auf der Grundlage der [[Reichstagswahl März 1933|Reichstagswahl vom März 1933]] neu zusammengesetzt. In Rostock war die [[Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei|NSDAP]] stärkste Partei und erhielt zudem die Mandate der [[Deutsche Volkspartei|DVP]] und des [[Christlich-Sozialer Volksdienst|Christlich-Sozialen Volksdiensts]]. Folglich setzte sich der neue Stadtrat aus 15&nbsp;Abgeordneten der NSDAP, 12 der [[Sozialdemokratische Partei Deutschlands|SPD]] und 8 der [[Kampffront Schwarz-Weiß-Rot]] zusammen. Bereits im Juni 1933, kurz nach dem [[Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933]], dem [[Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums|Berufsbeamtengesetz]] und dem reichsweiten Verbot der SPD, waren die Nationalsozialisten im Stadtrat unter sich. Ihren Abschluss fand die Machtübernahme der NSDAP in Rostock mit der Umsetzung der [[Deutsche Gemeindeordnung|Deutschen Gemeindeordnung]] im Herbst 1935. Die Universität galt bereits seit Sommer 1933 als „[[Arisierung|arisiert]]“. Jüdische Unternehmen wie die ''EMSA-Werke'' von [[Max Samuel]] wurden bis Mitte 1939 systematisch verdrängt. Beim [[Novemberpogrom 1938]] wurde auch die Rostocker [[Jüdische Gemeinde Rostock|Synagoge]] angezündet. Das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft überlebten in der Stadt nur 14 jüdische Bürger. An die Opfer erinnern seit 2000 in den Boden eingelassene ''[[Liste der Denk- und Stolpersteine in Rostock|Denk- und Stolpersteine]]''.<br />
<br />
Die [[Aufrüstung der Wehrmacht]] brachte Rostock einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Gewinner waren die Unternehmen Heinkel, Arado und Neptun. 1935 erreichte die Einwohnerzahl die 100.000er-Marke. Die Stadterweiterung erfolgte in erster Linie Richtung Westen. Außerhalb entstanden die Siedlungen [[Dierkow]] und [[Reutershagen]].<br />
<br />
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] kam man dem akuten Arbeitskräftebedarf in der Rüstungsindustrie mit Dienstverpflichtungen sowie dem Einsatz ausländischer [[Kriegsgefangene]]r, [[Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus|Zwangsarbeiter]] und Häftlingen aus dem Frauen-[[Konzentrationslager Ravensbrück]] nach. Als Zentrum der Rüstungsindustrie des [[Drittes Reich|Dritten Reichs]] wurde Rostock bereits [[Luftangriffe auf Rostock|ab Juni 1940 bombardiert]]. Am Ende des Krieges waren fast 25 % der Wohnhäuser vollständig zerstört, weitere ca. 60 % beschädigt. Ebenso zerbombt waren das Stadttheater, das Post- und Telegrafenamt, das Oberlandes- und das Amtsgericht, das Landratsamt, zwei Kliniken, drei Schulen und zahlreiche kulturhistorische Bauten. Am 1. Mai 1945 zog die [[Rote Armee]] nahezu kampflos in die Stadt ein.<br />
<br />
{{Mehrere Bilder<br />
| align = right<br />
| Richtung = vertical<br />
| Kopfzeile = Östliche Altstadt<br />
| Breite = 218<br />
| center = 1<br />
| Bild1 = Bundesarchiv Bild 183-1985-0306-032, Rostock, zerstörte Krämerstrasse.jpg<br />
| Untertitel1 = Zerstörung (1942)<br />
| Bild2 = Bundesarchiv Bild 183-38770-0007, Rostock, Altstadt, Petrikirche.jpg<br />
| Untertitel2 = Wiederaufbau (1956)<br />
}}<br />
'''DDR-Zeit'''<br />
<br />
Mecklenburg wurde eines von fünf Ländern der [[Sowjetische Besatzungszone|Sowjetischen Besatzungszone]]. In Rostock lebten nur noch 69.000 Menschen, große Teile der Stadt waren zerstört. Die Besatzungsmacht begann, einen Teil der existierenden Betriebe zu [[Deutsche Reparationen nach dem Zweiten Weltkrieg|demontieren]]. In der [[Nachkriegszeit in Deutschland|Nachkriegszeit]] galt es v.&nbsp;a., die Häuser und die Wirtschaft wieder aufzubauen. Ein erstes Zeichen setzte 1946 die Industrieausstellung „Rostock baut auf“. Bis 1950 war die Bevölkerung durch Heimkehrer, Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und weiterer Zuwanderer wieder auf Vorkriegsniveau angewachsen.<br />
<br />
Am 7. Oktober 1949 wurde die SBZ zum Staatsgebiet der neu gegründeten [[Deutsche Demokratische Republik|Deutschen Demokratischen Republik]]. Bei der ersten freien Wahl zur Rostocker Stadtverordnetenversammlung 1946 hatte die aus SPD und KPD vereinigte [[Sozialistische Einheitspartei Deutschlands|SED]] gegenüber den bürgerlichen Parteien [[Liberal-Demokratische Partei Deutschlands|LDPD]] und [[Christlich-Demokratische Union Deutschlands (DDR)|CDU]] nur durch das Mandat des Frauenausschusses die Mehrheit erreicht. Der trotz seiner Kritik an der [[Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED|Zwangsvereinigung]] zum Oberbürgermeister eingesetzte [[Albert Schulz (Politiker)|Albert Schulz]] war im Sommer 1949 zurückgetreten und in den Westen geflohen. Von seinen Nachfolgern ging kein Widerstand aus. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufgrund des Mangels an Unterkünften und der schlechten Versorgung mit Konsumgütern, der Enteignungswelle unter dem Decknamen [[Aktion Rose]] etc. mündete in den [[Aufstand vom 17. Juni 1953]]. Zur Beruhigung lenkte man ein: Stromsperren wurden aufgehoben, einige Geschäfte an ihre Besitzer zurückgegeben und die Renten und Löhne erhöht.<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 183-1083-0621-300, Rostock, Überseehafen, Verladearbeiten, Nacht.jpg|mini|Der Überseehafen im Jahr 1983]]<br />
Durch die Verwaltungsreform 1952 zur [[Bezirk Rostock|Bezirksstadt]] erhoben, erfuhr Rostock alsbald eine systematische Aufwertung. In den Folgejahren entwickelte sich die Stadt zum Schiffbau- und Schifffahrtszentrum des Landes. Neben den Werften waren 1949 das [[Dieselmotorenwerk Rostock|Dieselmotorenwerk]] (DMR), 1950 das spätere [[Fischkombinat Rostock|Fischkombinat]] und 1952 die [[Deutsche Seereederei]] entstanden.<ref>Dokumentar- und Spielfilme zu Fischkombinat und Deutsche Seereederei siehe [[#Filme|Filme]]</ref> Zwischen 1957 und 1960 folgte der [[Hafen Rostock|Überseehafen Rostock]]. Seit 1955 wurde in Rostock die [[Ostseewoche]] ausgerichtet, nach der [[Leipziger Messe]] die wichtigste Großveranstaltung der DDR mit internationalem Akzent.<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 183-D0604-0021-003, Rostock, Lange Straße.jpg|mini|Lange Straße (1965)]]<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 183-Z0514-026, Rostock, Schmarl, Neubaugebiet, Wohnblocks.jpg|mini|Siedlung Rostock-Schmarl (1981)]]<br />
<br />
Im Gegensatz zu Industrieanlagen wurden Wohnungen zunächst jedoch nur schleppend neu errichtet. Einen raschen Wiederaufbau erfuhr lediglich die stark zerstörte [[Östliche Altstadt (Rostock)|Östliche Altstadt]]. Schwerpunkt des Städtebaus war ab 1953 der Ausbau der [[Lange Straße (Rostock)|Langen Straße]] zur sozialistischen Achse. Das Entstehen neuer Sportstätten und öffentlicher Gebäude wäre ohne die unentgeltlich geleistete [[Nationales Aufbauwerk|Wiederaufbauarbeit]] kaum möglich gewesen. Ebenso halfen die Mitglieder von [[Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft]] im Wohnungsbau mit. 1953 bzw. 1958 begann der Bau zweier großer Neubaugebiete in [[Reutershagen]]. 1960 zählte Rostock über 158.000 Einwohner.<ref>{{Internetquelle |url=https://digi.bib.uni-mannheim.de/urn/urn:nbn:de:bsz:180-digsj-1378 |titel=Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik |titelerg=Band 1960/61 |werk=Universitätsbibliothek Mannheim |seiten=28 |datum=1961 |sprache=de |abruf=2021-08-11}}</ref><br />
<br />
Rostock wuchs in den 1960er und 1970er Jahren weiter. 1971 wurde die 200.000er-, 1987 die 250.000er-Marke überschritten. Die [[Plattenbau|industrielle Plattenbauweise]] ermöglichte ein rasantes Bautempo. In dreieinhalb Jahrzehnten entstanden neun [[Großwohnsiedlung]]en mit rund 54.000 Wohnungen, in denen mehr als die Hälfte aller Rostocker wohnte. Große Teile der Altbausubstanz wurden dagegen dem Verfall preisgegeben. Anfang der 1980er-Jahre riss man die nach dem Krieg nur dürftig reparierte [[Nördliche Altstadt (Rostock)|Nördliche Altstadt]] nahezu komplett ab. Die Wohnbauten wurden ersetzt durch weitgehend an das historische Stadtbild angepasste Plattenbauten. Den Höhepunkt der baulichen Umgestaltung bildete das ''Fünf-Giebel-Haus'' am Universitätsplatz (1984–86).<br />
<br />
=== Ab 1989/90 ===<br />
Während der [[Wende und friedliche Revolution in der DDR|Umbruchszeit 1989]] waren die Rostocker Kirchen Anlaufstellen oppositioneller Kräfte, die sich in der Marienkirche zu Mahngottesdiensten unter der Leitung von [[Pastor]] [[Joachim Gauck]] versammelten. Die erste [[Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR|Donnerstagsdemonstration]] fand am 19.&nbsp;Oktober statt. Ende November wurde in Rostock ein [[Runder Tisch]] gebildet, um aktiv den politischen Umbruch mitzugestalten.<br />
<br />
Nach der [[Deutsche Wiedervereinigung|deutschen Wiedervereinigung]] 1990 hatte die Stadt mit enormen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen und erlebte einen starken Bevölkerungsrückgang um ungefähr 50.000&nbsp;Einwohner, der erst nach 2000 zum Stillstand kam. Als ein Tiefpunkt dieser Zeit müssen die ausländerfeindlichen [[Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen|Ausschreitungen von Lichtenhagen]] im August 1992 gewertet werden, an denen sich mehrere hundert teilweise extremistische Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer beteiligten, und die als die massivsten rassistisch motivierten Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte gelten.<br />
<br />
Rostock richtete die [[Internationale Gartenbauausstellung 2003]] (IGA) aus und unterhält auf dem Gelände seither auch eine Kongress- und Messehalle (''HanseMesse''). Eine gemeinsame Bewerbung mit [[Leipzig]] um die Austragung der [[Olympische Sommerspiele 2012|Olympischen Sommerspiele 2012]] misslang 2004 schon in der internationalen Vorauswahl durch das [[Internationales Olympisches Komitee|IOC]]. Der [[G8-Gipfel in Heiligendamm 2007|G8-Gipfel 2007]] fand im 22&nbsp;km entfernten Seebad [[Heiligendamm]] statt. Im September 2012 wurde mit dem [[Darwineum]] eine Evolutionsausstellung im [[Zoo Rostock|Rostocker Zoo]] eröffnet. 2018 feierte die Stadt das Doppeljubiläum ''800 Jahre Rostock'' und ''600 Jahre Universität''.<ref>[https://www.rostock800600.de/ rostock800600.de]</ref> Anlässlich dieses Jubiläums gab die [[Deutsche Post AG]] eine Sonderbriefmarke im Nennwert von 70 [[Eurocent]] heraus. Heute hat Rostock wieder etwa 210.000 Einwohner und zählte 2023 laut einer Erhebung der [[Europäische Union|EU]] zu den zehn lebenswertesten Städten Europas.<ref>[https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Rostock-unter-den-Top-Ten-in-Sachen-Lebenszufriedenheit,rostockmv100.html Rostock unter den Top 10 in Sachen Lebenszufriedenheit]</ref><br />
<br />
== Bevölkerung ==<br />
[[Datei:Einwohnerentwicklung von Rostock - ab 1871.svg|mini|400px|Einwohnerentwicklung 1871 bis 2018]]<br />
{{Hauptartikel|Demografie Rostocks}}<br />
<br />
Da Rostock lange Zeit nicht über seine Grenzen hinauswuchs, blieb die Einwohnerzahl vom Mittelalter bis in das 19.&nbsp;Jahrhundert konstant bei maximal 11.000 bis 14.000 Personen. Erst mit der [[Industrialisierung]] begann diese schnell zu wachsen und überschritt 1935 die Grenze von 100.000, wodurch Rostock zur [[Großstadt]] wurde. Bis 1940 stieg die Bevölkerungszahl dann auf 129.500. Auf Grund des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] sank diese bis Mai 1945 um etwa die Hälfte auf 68.928, stieg dann aber mit der Zuwanderung deutscher [[Heimatvertriebene|Vertriebener]] aus den Ostprovinzen schnell an.<br />
<br />
1971 wurde die Zahl von 200.000 Einwohnern überschritten. 1988 erreichte die Bevölkerungszahl der Stadt mit rund 254.000 ihren Höchststand. Nach der Wende in der DDR verlor die Stadt wegen hoher Arbeitslosigkeit, des Wegzugs vieler Einwohner in das Umland und des Geburtenrückgangs mit 55.000 Personen 22&nbsp;Prozent ihrer Bewohner. 2007&nbsp;stieg die Bevölkerung Rostocks wieder auf über 200.000 Personen an, zum Jahresende lebten 200.413 Menschen in der Stadt. Bis Ende 2022 stieg die Einwohnerzahl auf 209.920.<br />
<br />
Im Zuge des Bevölkerungswachstums nahm in den letzten Jahren die Bedeutung des Immobilienmarktes und im Speziellen des Wohnungsmarktes in Rostock und seiner [[Regiopolregion]] zu, die Miet- und Eigentumspreise stiegen in attraktiven [[Wohnlage]]n wie in urbanen [[Blockrandbebauung|Blockrandvierteln]] und [[Villenkolonie]]n konstant. Zudem entstanden an einigen Stellen im Stadtgebiet Neubauviertel.<ref>{{Webarchiv |url=http://immobilien-kompass.capital.de/wohnen |text=Immobilien-Kompass |wayback=20141103211257}}, [[Capital (Deutschland)|Capital]], abgerufen am 3. November 2014.</ref><ref>[https://www.rostock-heute.de/rostock-einwohnerzahlen-statistik-2011-2012/49200 Rostock wächst weiter], Rostock Heute, abgerufen am 4. November 2014.</ref><br />
<br />
== Politik ==<br />
[[Datei:Rostock asv2018-05 img37 NeuerMarkt.jpg|mini|Das [[Rathaus Rostock|Rostocker Rathaus]]]]<br />
<br />
=== Bürgermeister ===<br />
An der Spitze der Stadt stand seit dem 13. Jahrhundert der Rat mit zunächst 10, später 24 Ratsherren. Den Vorsitz hatte der Proconsules beziehungsweise [[Bürgermeister]]. Im&nbsp;19.&nbsp;Jahrhundert gab es sogar drei Bürgermeister. Seit&nbsp;1925 trägt der Bürgermeister den Titel [[Oberbürgermeister]]. Dieser wurde über Jahrhunderte vom Rat der Stadt gewählt. Seit 2002 wird er direkt vom Volk gewählt. Die [[Amtszeit]] beträgt zurzeit sieben Jahre.<ref>„Die Oberbürgermeisterin oder der Oberbürgermeister wird für sieben Jahre gewählt.“ Quelle: {{Webarchiv |url=http://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/974/1_01.pdf |text=Hauptsatzung der Hansestadt Rostock (vom 7. Juni 2005): §&nbsp;7, Abs.&nbsp;1 |wayback=20140102200140}} (PDF; 69&nbsp;kB).</ref><br />
<br />
Bei der ersten direkten Wahl des Oberbürgermeisters 2002 setzte sich [[Arno Pöker]] ([[Sozialdemokratische Partei Deutschlands|SPD]]) in der Stichwahl gegen den Konkurrenten der CDU durch. Pöker hatte das Amt bereits seit 1995 inne. Am 31. Oktober 2004 trat Pöker vom Amt des Oberbürgermeisters zurück. Der Grund für den Rücktritt war die breite Kritik an seinem Führungsstil und an der Finanzierung der [[Internationale Gartenbauausstellung 2003|Internationalen Gartenbauausstellung 2003]]. Bis zur Amtsübernahme des direkt gewählten Nachfolgers übernahm [[Ida Schillen]] (PDS) das Amt kommissarisch und war damit die erste Frau in diesem Amt.<br />
<br />
Zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock wurde am 27. Februar 2005 [[Roland Methling]] (parteilos) im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt, bei der Wahl am 5.&nbsp;Februar 2012 wurde er erneut im ersten Wahlgang gewählt.<ref>{{Internetquelle |url=https://heinrichpedersen.blogspot.com/2012/02/methling-weiter-am-ruder-in-rostock.html |titel=Heinrich Pedersen schrievt un vertellt!: Methling weiter am Ruder in Rostock |werk=heinrichpedersen.blogspot.com |datum=2012-02-06 |abruf=2023-11-12}}</ref><br />
<br />
Die folgende [[Oberbürgermeisterwahlen in Rostock|Bürgermeisterwahl in Rostock]] fand am 26. Mai 2019 statt. Der bisherige OB Roland Methling trat aus Altersgründen nicht erneut an. Die meisten Stimmen erhielt der von FDP und CDU unterstützte parteilose Kandidat [[Claus Ruhe Madsen]] (34,6 %), gefolgt von [[Steffen Bockhahn]] ([[Die Linke Mecklenburg-Vorpommern|Linke]], 18,9 %) und [[Chris Müller-von Wrycz Rekowski]] ([[SPD Mecklenburg-Vorpommern|SPD]], 13,2 %). Sieger der Stichwahl zwischen Madsen und Bockhahn am 16. Juni 2019 wurde Claus Ruhe Madsen mit 57,1 %.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/daene-claus-ruhe-madsen-wird-erster-oberbuergermeister-ohne-deutschen-pass-16240003.html |titel=Däne Claus Ruhe Madsen wird erster Oberbürgermeister ohne deutschen Pass |werk=FAZ.net |datum=2019-06-16 |abruf=2019-06-17}}</ref> Er trat sein Amt im September 2019 an und schied im Juni 2022 aus, als er Wirtschaftsminister der [[Landesregierung von Schleswig-Holstein]] im [[Kabinett Günther II]] wurde.<ref>{{Internetquelle |url=https://ksd.rostock.de/bi/vo020?VOLFDNR=1022782&refresh=false |titel=Hansestadt Rostock - Informationsvorlage - 2022/IV/3368 |abruf=2022-08-01}}</ref> Kommissarischer Oberbürgermeister war seitdem [[Chris von Wrycz Rekowski]] (SPD).<br />
<br />
Die erste Runde der daraufhin notwendig gewordenen Oberbürgermeisterwahl fand am 13. November 2022 statt. Dabei errang die Kandidatin der Linken, [[Eva-Maria Kröger]], mit 25,3 % die relative Mehrheit der abgegebenen Stimmen, gefolgt von [[Michael Ebert (Polizist)|Michael Ebert]], der von CDU, FDP und UFR unterstützt wurde und 23,6 % der Stimmen erreichte und der Leiterin des Staatlichen Bau- und Liegenschaftsamts in Rostock, Carmen-Alina Botezatu, die für die SPD antrat und 16,5 % der Stimmen gewann. Damit wurde eine Stichwahl zwischen Kröger und Ebert nötig, welche am 27. November 2022 stattfand und in der sich Kröger mit 58,4 % gegen Ebert durchsetzte.<ref>{{Internetquelle |url=https://wahlen.sv.rostock.de/obw2022Stich/oberbuergermeisterstichwahl_gemeinde_13003000.html |titel=Stichwahl der Oberbürgermeisterin/des Oberbürgermeisters 2022 |werk=Wahlen Rostock |hrsg=Rathaus Rostock |datum=2022-11-27 |sprache=de |offline=1 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20221127190849/https://wahlen.sv.rostock.de/obw2022Stich/oberbuergermeisterstichwahl_gemeinde_13003000.html |archiv-datum=2022-11-27 |archiv-bot=2024-04-29 06:50:28 InternetArchiveBot |abruf=2022-11-27}}</ref> Kröger ist seit der Amtsübernahme am 1.&nbsp;Februar 2023 Oberbürgermeisterin Rostocks. Damit änderte die Stadt den Behördennamen der Stadtverwaltung in „Hanse- und Universitätsstadt Rostock, Die Oberbürgermeisterin“.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/eva_maria_kroeger_uebernimmt_das_amt_der_oberbuergermeisterin_zum_1_februar_2023/332689 |titel=Rostock - Eva-Maria Kröger übernimmt das Amt der Oberbürgermeisterin zum 1. Februar 2023 |abruf=2023-01-14}}</ref><br />
<br />
{{Siehe auch|Liste der Rostocker Bürgermeister}}<br />
<br />
=== Bürgerschaft ===<br />
{{Wahldiagramm<br />
| LAND = DE<br />
| DIFF2 = ja<br />
| PROZENT = nein<br />
| TITEL = Bürgerschaftswahl 2024<br />
| TITEL2 = in Prozent<br />
| JAHRALT = 2019<br />
| PARTEI1 = AfD<br />
| ERGEBNIS1 = 17.5<br />
| ERGEBNISALT1 = 9.6<br />
| PARTEI2 = CDU<br />
| ERGEBNIS2 = 16.3<br />
| ERGEBNISALT2 = 14.5<br />
| PARTEI3 = Linke<br />
| ERGEBNIS3 = 14.4<br />
| ERGEBNISALT3 = 19.9<br />
| PARTEI4 = SPD<br />
| ERGEBNIS4 = 14.1<br />
| ERGEBNISALT4 = 14.4<br />
| PARTEI5 = Grüne<br />
| ERGEBNIS5 = 11.2<br />
| ERGEBNISALT5 = 19.0<br />
| PARTEI6 = BSW<br />
| ERGEBNIS6 = 9.4<br />
| ERGEBNISALT6 = 0.0<br />
| PARTEI7 = FDP<br />
| ERGEBNIS7 = 3.6<br />
| ERGEBNISALT7 = 3.3<br />
| PARTEI8 = RB<br />
| ERGEBNIS8 = 3.1<br />
| ERGEBNISALT8 = 4.1<br />
| FARBE8 = 58629A<br />
| PARTEI9 = UFR<br />
| ERGEBNIS9 = 2.6<br />
| ERGEBNISALT9 = 7.3<br />
| FARBE9 = 8746DC<br />
| PARTEI10 = PARTEI<br />
| ERGEBNIS10 = 2.2<br />
| ERGEBNISALT10= 2.5<br />
| PARTEI11 = Volt<br />
| ERGEBNIS11 = 1.7<br />
| ERGEBNISALT11= 0.0<br />
| PARTEI12 = FW(BV)<br />
| ERGEBNIS12 = 1.4<br />
| ERGEBNISALT12= 1.3<br />
}}<br />
{{Sitzverteilung<br />
| Überschrift = Sitzverteilung<br /><small>(seit 29. April 2025)</small><br />
| Land = DE<br />
| float = right<br />
|BSW|LINKE|SPD|GRÜNE|Volt|FW(BV)|RB|PARTEI|UFR|FDP|CDU|AfD<br />
| LINKE = 10<br />
| GRÜNE = 6<br />
| SPD = 8<br />
| FW(BV) = 1<br />
| RB = 2<br />
| RB Link = [[Wählergruppe|Rostocker Bund]]<br />
| RB Farbe = 58629A<br />
| UFR = 1<br />
| UFR Link = [[Wählergruppe|UFR]]<br />
| UFR Farbe = 8746DC<br />
| PARTEI = 1<br />
| FDP = 2<br />
| CDU = 9<br />
| AfD = 9<br />
| Volt = 1<br />
| BSW = 3<br />
}}<br />
Die [[Gemeinderat (Deutschland)|Stadtvertretung]] trägt in hanseatischer Tradition die Bezeichnung [[Bürgerschaft (Vertretungsorgan)|Bürgerschaft]] und wird auf 5&nbsp;Jahre gewählt. Die Bürgerschaft besteht seit 1994 aus 53&nbsp;Abgeordneten. Bei der ersten Wahl nach der politischen Wende 1989/1990 waren es 130&nbsp;Sitze.<ref>[https://rathaus.rostock.de/de/kommunalwahlen/255547 rathaus.rostock.de, Kommunalwahlen, Wahl der Bürgerschaft]</ref><br />
<br />
Die Wahl zur 8. Bürgerschaft fand am 9. Juni 2024 im Rahmen der [[Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern 2024|Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern]] statt. Die [[Alternative für Deutschland|AfD]] wurde erstmals stärkste Partei und erhielt ebenso wie die [[Christlich Demokratische Union Deutschlands|CDU]] neun Sitze in der Bürgerschaft. Dicht dahinter folgen [[Die Linke]] und [[Sozialdemokratische Partei Deutschlands|SPD]] mit jeweils acht Sitzen. [[Bündnis 90/Die Grünen]] sind mit sechs Sitzen vertreten, das [[Bündnis Sahra Wagenknecht]] wurde bei ihrer ersten Wahl mit fünf Mandaten in die Bürgerschaft gewählt. Darüber hinaus sind mehrere Kleinparteien vertreten.<br />
<br />
Am 17. Juli trat die neue Bürgerschaft erstmals zusammen. Die Grünen bilden eine gemeinsame Fraktion mit [[Volt Deutschland|Volt]]. Eine weitere parteiübergreifende Fraktion bildete sich aus den Mandatsträgern der [[Freie Demokratische Partei|FDP]], der UFR und des Vertreters der [[Die PARTEI|PARTEI]].<br />
<br />
Die Bürgerschaft wählt ein Mitglied zum Präsidenten / zur Präsidentin. Dieses repräsentative Amt wurde 1990 durch die damalige [[Volkskammer]] der [[Deutsche Demokratische Republik|DDR]] eingeführt (Gesetz über die Selbstverwaltung der Gemeinden und Landkreise in der DDR). Zunächst hauptamtlich wahrgenommen, wird es seit der Änderung der Kommunalverfassung 1994 ehrenamtlich ausgeführt. Der Präsident der Bürgerschaft leitet die Sitzungen, bereitet diese vor und vertritt die Bürgerschaft nach außen. Als Beschwerdekommission ist das Präsidium der Bürgerschaft zudem zuständig für die Behandlung von Angelegenheiten der Einwohner, denen in der DDR-Vergangenheit Unrecht zugefügt wurde, sowie für Beschwerden allgemeiner Art.<ref name="faltblatt" /> Seit dem 17. Juli 2024 ist [[Heinrich Prophet]] (CDU) Präsident der Bürgerschaft. Zu seinen Stellvertreterinnen wurden [[Jutta Reinders]] (Die Linke) sowie [[Anke Knitter]] (SPD) gewählt. Dem Präsidium gehören außerdem [[Anja Eggert]] (Grüne), [[Lajos Orban]] (BSW) und [[Rainer Bauer]] (UFR) an.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/dr_heinrich_prophet_ist_praesident_der_8_buergerschaft/356316 |titel=Dr. Heinrich Prophet ist Präsident der 8. Bürgerschaft |werk=rathaus.rostock.de |datum=2024-07-17 |abruf=2024-07-17}}</ref><br />
<br />
{{Siehe auch|Ergebnisse der Kommunalwahlen in Rostock}}<br />
<br />
=== Verwaltung ===<br />
Rostock ist neben Schwerin eine von zwei [[Kreisfreie Stadt|kreisfreien Städten]] in Mecklenburg-Vorpommern. Als solche nimmt Rostock neben den Aufgaben als [[Gemeinde (Deutschland)|Gemeinde]] zusätzlich die eines [[Landkreis]]es wahr.<br />
<br />
Die Verwaltung ist in den Bereich des Oberbürgermeisters und drei [[Senat]]sbereiche gegliedert. Beim Oberbürgermeister sind die Bereiche Zukunft, Wirtschaft, Grundsatz angesiedelt, drei Senatoren bearbeiten die Gebiete Finanzen, Verwaltung und Ordnung, Bau und Umwelt sowie Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport.<br />
<br />
Die Ortsteile der Stadt sind zu insgesamt 19 Ortsteilvertretungen zusammengefasst. Diese Gremien heißen [[Ortsbeirat|Ortsbeiräte]] und werden von der Bürgerschaft der Stadt Rostock nach jeder Kommunalwahl durch die Bürgerschaft neu bestimmt. Die Sitzverteilung erfolgt dabei auf Basis des Kommunalwahlergebnisses in den jeweiligen Ortsbereichen.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/politik_wahlen/ortsbeiraete/250819 |titel=Ortsbeiräte |werk=Rathaus Rostock |abruf=2022-11-16}}</ref> Ihre Mitgliederzahl schwankt je nach Größe ihres Zuständigkeitsbereichs zwischen 9 und 13. Die Ortsbeiräte sind zu wichtigen Angelegenheiten in ihren Ortsteilen zu hören und sind vor allem beratend tätig. Eine endgültige Entscheidungskompetenz hat jedoch nur die Bürgerschaft der Gesamtstadt.<br />
<br />
{| cellpadding="2" cellspacing="1" style="empty-cells:show; margin-bottom:0.5em; background:#CCCCCC;"<br />
|-<br />
! colspan="4"| Präsidium<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/gremien_der_buergerschaft/255511 |titel=Bürgerschaft – Präsidium |werk=Rathaus Rostock |abruf=2022-11-24}}</ref><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
! Funktion<br />
! Amtsinhaber<br />
! Partei/Wählergruppe<br />
! Bild<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| Bürgerschaftspräsident ||Heinrich Prophet || CDU ||<br />
|-<br />
! colspan="4"| Senatoren<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/rostock_01.a.4604.de/datei/2024-12-03_Verwaltungsgliederungsplan.pdf |titel=Organigramm |werk=Rathaus Rostock |format=PDF |abruf=2024-12-16}}</ref><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
! Senatsbereich<br />
! Amtsinhaber<br />
! Partei/Wählergruppe<br />
! Bild<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| Grundsatz, Wirtschaft, Ehrenamt und Kultur<br /><small>Oberbürgermeisterin</small> ||[[Eva-Maria Kröger]]<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/senatsbereich_der_oberbuergermeisterin_zukunft_wirtschaft_grundsatz/255235 |titel=Senatsbereich der Oberbürgermeisterin: Zukunft, Wirtschaft, Grundsatz |abruf=2023-02-01}}</ref> || Die Linke || [[Datei:18-05-2017-Eva-Maria Kröger-JonasR.jpg|90x90px]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| Finanzen, Digitalisierung und Ordnung<br /><small>Erster Vertreter der Oberbürgermeisterin</small> || [[Chris von Wrycz Rekowski]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.rostock-heute.de/buergerschaft-wahl-finanzsenator/69787 |titel=Neuer Finanzsenator für Rostock gewählt |werk=Rostock-Heute.de |datum=2013-12-04 |abruf=2019-06-03}}</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/Zu-langer-Name-Rostocks-Vize-OB-Chris-Mueller-von-Wrycz-Rekowski-benennt-sich-um |titel=Der Müller ist weg: Wie Rostocks Finanzsenator ab sofort heißt |werk=Ostsee-Zeitung |abruf=2021-12-21}}</ref> || SPD || [[Datei:Chris von Wrycz Rekowski.jpg|90x90px]]<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| Stadtplanung, Bau, Klimaschutz und Mobilität || Ute Fischer-Gäde<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/senatorin_dr_ute_fischer_gaede_erhielt_ernennungsurkunde/332131 |titel=Senatorin Dr. Ute Fischer-Gäde erhielt Ernennungsurkunde |werk=Rathaus Rostock |datum=2022-11-23 |abruf=2022-11-24}}</ref> || Bündnis 90/Die Grünen ||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| Jugend und Soziales, Gesundheit, Schule und Sport<br /><small>Zweiter Stellvertreter der Oberbürgermeisterin</small>||[[Steffen Bockhahn]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.rostock-heute.de/steffen-bockhahn-wahl-senator-senator-soziales/71617 |titel=Steffen Bockhahn (Linke) zum Sozialsenator gewählt |werk=Rostock-Heute.de |datum=2014-03-05 |abruf=2019-06-03}}</ref> || parteilos<br /><small>(bis: 22. Februar 2023: Die Linke)<ref>{{Internetquelle |url=https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Rostock-Sozialsenator-Bockhahn-tritt-aus-der-Partei-Die-Linke-aus,bockhahn156.html |titel=Sozialsenator Bockhahn tritt aus der Partei Die Linke aus |werk=ndr.de |datum=2023-02-22 |abruf=2023-02-22}}</ref></small> || [[Datei:Steffen Bockhahn.jpg|60px]]<br />
|-<br />
|}<br />
<br />
=== Wappen ===<br />
{{Hauptartikel|Rostocker Wappen}}<br />
<br />
{{Wappenbeschreibung<br />
|Titel = <br />
|Wappenbild = DEU Rostock COA.svg<br />
|Größe = 150<br />
|Kurzdarstellung = Wappen der Hansestadt Rostock<br />
|Blasonierung = Geteilt; oben in Blau ein schreitender goldener Greif mit aufgeworfenem Schweif und ausgeschlagener roter Zunge; unten geteilt von Silber über Rot.<br />
|Zusatz = Das Wappen wurde am 10.&nbsp;April 1858 durch [[Friedrich Franz II. (Mecklenburg)|Friedrich Franz II.]], Großherzog von Mecklenburg-Schwerin festgelegt und unter der Nr.&nbsp;9 der Wappenrolle des Landes Mecklenburg-Vorpommern registriert.<br />
|Quelle = {{Literatur |Autor=Hans-Heinz Schütt |Hrsg=produktionsbüro TINUS; Schwerin |Titel=Auf Schild und Flagge - Die Wappen und Flaggen des Landes Mecklenburg-Vorpommern und seiner Kommunen |Datum=2011 |ISBN=978-3-9814380-0-0 |Seiten=218–220}}<br />
|ref = Wappenbuch<br />
|Begründung = Rostock führte in seiner Geschichte verschiedene [[Siegel]] mit unterschiedlichen Siegelbildern. Das sogenannte ''Sigillum'' war seit 1257 das Stadtsiegel Rostocks und zeigt einen gekrönten [[Stier (Wappentier)#Stierkopf|Stierkopf]], der später das [[Mecklenburg#Wappen|Mecklenburger Wappen]] wurde. Das aufgrund seiner sicheren Aufbewahrung als ''Secretum'' bezeichnete Siegel, das nur einen [[Greif (Wappentier)|Greifen]] zeigt, ist erstmals 1307 belegt. Der Greif war das herrschaftliche Zeichen der Rostocker Fürsten. Das heutige Wappen ist in Anlehnung an das ''SIGNVM DE ROZSTOK'' – als Abdruck aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts überliefert – gestaltet worden. In dem neu gezeichneten Wappen soll der schreitende Greif die Herren zu Rostock als Stadtherren symbolisieren und die Farben Silber über Rot Rostock als eine im engen Bündnis mit dem [[Hanse|hansischen]] Vorort Lübeck stehende Seestadt kennzeichnen.<br />
}}<br />
<br />
=== Flagge ===<br />
{{Hauptartikel|Rostocker Flaggen}}<br />
[[Datei:Flagge der Hansestadt Rostock.svg|mini|links|hochkant|[[Datei:FIAV 100000.svg|20px]] Flagge der Hansestadt Rostock]]<br />
<br />
Im Laufe der Geschichte hat sich die [[Rostocker Flaggen|Stadtflagge]] mehrmals verändert. Eine Rostocker [[Hanseflaggen|Hanseflagge]] ist erstmals 1418 belegt. In der heutigen Form wurde sie zuletzt in der Hauptsatzung von 1991 vom Rat der Stadt festgelegt.<br />
<br />
Die Flagge der Hansestadt Rostock ist waagerecht gestreift von Blau – Weiß – Rot (2:1:1). Der blaue Streifen ist mit der Figur des Stadtwappens belegt: mit einem zum [[Liek]] gewendeten, schreitenden gelben Greifen mit aufgeworfenem Schweif und ausgeschlagener roter Zunge.<ref name="HRO" /> Die Figur nimmt fast die Höhe des blauen Streifens ein. Die Höhe des Flaggentuchs verhält sich zur Länge wie 3:5.<br />
{{Absatz|links}}<br />
<br />
=== Dienstsiegel ===<br />
Das Dienstsiegel zeigt das Wappen der Stadt mit der Umschrift {{Inschrift|Text=HANSE- UND UNIVERSITÄTSSTADT ROSTOCK}}.<ref>[https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/rostock_01.a.1107.de/datei/1_01_mit_siebenter_Aenderung%28P002149903%29%28P002326719%29.pdf Hauptsatzung § 1 Abs. 5]</ref><br />
<br />
=== Logo ===<br />
Das Logo der Hansestadt Rostock zeigt den Rostocker [[Greif]] mit zwei segelartigen Formen, die die Stadtfarben Blau, Weiß und Rot bilden. Unter der Abbildung steht „Hanse- und Universitätsstadt Rostock“.<br />
<br />
Es wurde im Rahmen eines Wettbewerbes im Juli 1993 von der Werbeagentur FAB Kommunikation entwickelt. Es soll als Erkennungsfaktor dienen und ein optisches Zeichen sein, dass in der Öffentlichkeit automatisch mit der Hansestadt Rostock verbunden werden soll.<ref name="HRO">{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/wappen_logo/250815 |titel=Rostock – Wappen & Logo |abruf=2021-06-28}}</ref><br />
<br />
=== Städtepartnerschaften ===<br />
Rostock unterhält seit 1987 eine deutsch-deutsche [[Städtepartnerschaft]]en mit [[Bremen]], in deren Rahmen nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Aufbauhilfe von Bremen für Rostock geleistet wurde, die aber seitdem in gegenseitigem Einverständnis ruht und lediglich bei besonderen Anlässen durch Besuche und aktive Beteiligung beider Seiten gewürdigt wird.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus-bremen.de/sixcms/media.php/13/Staedtepartnerschaften%20von%20Bremen-Tischvorlage.pdf |titel=Tisch-Vorlage für die Sitzung des Senats am 07.05.2019 „Städtepartnerschaften von Bremen“ - Anfrage für die Fragestunde der Stadtbürgerschaft |werk=Rathaus Bremen |hrsg=Senatskanzlei |datum=2019-05-03 |format=PDF |sprache=de |abruf=2022-11-06}}</ref> Rostock unterhält zudem innerhalb der Europäischen Union Städtepartnerschaften mit [[Stettin]] in Polen seit 1957, [[Turku]] in Finnland seit 1959, [[Dünkirchen]] in Frankreich seit 1960, [[Riga]] in Lettland seit 1961, [[Antwerpen]] in Belgien seit 1963, [[Aarhus]] in Dänemark seit 1964, [[Göteborg]] in Schweden seit 1965, [[Rijeka]] in Kroatien und [[Warna]] in Bulgarien seit 1966. 2014 wurde anlässlich des 25.&nbsp;Jahrestags der Maueröffnung eine Städtepartnerschaft mit dem dänischen [[Guldborgsund Kommune|Guldborgsund]] geschlossen.<ref>{{Webarchiv |url=http://rz48.rostock.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=7062109 |text=Beschluss der Bürgerschaft |wayback=20151216231930}}</ref><br />
<br />
Außerhalb der Europäischen Union gibt es Städtepartnerschaften mit [[Bergen (Norwegen)|Bergen]] in Norwegen seit 1965, [[Dalian]] in der Volksrepublik China seit 1988 und [[Raleigh (North Carolina)]] in den USA seit 2001.<ref name="Twins">{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/international/internationale_verbindungen/partnerstaedte/279903 |titel=Rostock - Partnerstädte |hrsg=Hanse- und Universitätsstadt Rostock |sprache=de |abruf=2023-12-09}}</ref><br />
<br />
Rostock ist Teil der internationalen Städtegemeinschaft [[Neue Hanse]] und Mitglied im [[Konvent der Bürgermeister]].<br />
<br />
== Kultur und Sehenswürdigkeiten ==<br />
=== Stadtbild, Baudenkmale und Sehenswürdigkeiten ===<br />
{{Hauptartikel|Liste der Baudenkmale in Rostock}}<br />
<br />
[[Datei:Petrikirche mit Stadtmauer-3.jpg|mini|links|hochkant|[[Petrikirche (Rostock)|Petrikirche]] und Teile der [[Rostocker Stadtbefestigung|Stadtmauer]] in der [[Östliche Altstadt (Rostock)|östlichen Altstadt]]]]<br />
[[Datei:Rostock IGA2003 1.jpg|mini|[[IGA 2003|IGA-Park]] in Rostock-Schmarl]]<br />
[[Datei:Warnemünder Mole.jpg|mini|Molenfeuer in Warnemünde, an der Einfahrt zu den Rostocker Häfen]]<br />
<br />
Trotz aller Zerstörungen, die vor allem der [[Rostocker Stadtbrand von 1677|Stadtbrand von 1677]] und die [[Bombardierung]]en des Zweiten Weltkriegs, aber auch die Stadtplanung infolge des Wachstums im 19.&nbsp;Jahrhundert und zur Zeit der DDR verursachten, verfügt Rostock über einen reichen Altbaubestand und einen relativ geschlossenen [[Historischer Stadtkern|historischen Stadtkern]]. Besonders hervorzuheben sind Gebäude im Stil der [[Backsteingotik]] aus der Zeit der [[Hanse]].<br />
<br />
Die größte Kirche ist [[Marienkirche (Rostock)|St. Marien]] im Stadtzentrum, ein [[Hauptwerke der Backsteingotik|Hauptwerk der norddeutschen Backsteingotik]], geprägt von einem mächtigen [[Westbau]] mit Turmmassiv. Der Bau der [[Kirchenschiff|dreischiffigen]] [[Basilika (Bautyp)|Basilika]], die aber den Charakter eines [[Zentralbau]]s hat, begann um 1290 und war um die Mitte des 15.&nbsp;Jahrhunderts abgeschlossen.<ref>[[Georg Dehio]], Gerd Baier: ''Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Mecklenburg-Vorpommern''. Neubearbeitung durch Hans-Christian Feldmann. München/Berlin 2000, S.&nbsp;467.</ref> St.&nbsp;Marien weist eine besonders reiche Ausstattung auf. Eine frühgotische Vorgängerkirche wurde erstmals 1232 urkundlich erwähnt.<ref>Gerd Baier: ''Die Marienkirche zu Rostock.'' Berlin <sup>3</sup>1988, S. 2.</ref> In der [[Östliche Altstadt (Rostock)|Östlichen Altstadt]] stehen die [[Petrikirche (Rostock)|St.-Petri-Kirche]] am [[Alter Markt (Rostock)|Alten Markt]], deren Umgebung die Keimzelle Rostocks darstellt, sowie die frühgotische [[Nikolaikirche (Rostock)|Nikolaikirche]]. Die Kirche des [[Kloster zum Heiligen Kreuz (Rostock)|Klosters zum Heiligen Kreuz]] liegt im westlichen Stadtzentrum. Außerhalb der Stadtmauern befinden sich die [[Heiligen-Geist-Kirche (Rostock)|Heiligen-Geist-Kirche]] in der [[Kröpeliner-Tor-Vorstadt]] und die [[Kirche Warnemünde]], die beide im [[Neugotik|neogotischen Stil]] des 19. und frühen 20.&nbsp;Jahrhunderts errichtet wurden.<br />
<br />
Dem gotischen [[Rostocker Rathaus|Rathaus]] aus dem 13. und 14. Jahrhundert wurde 1727 eine [[barock]]e Fassade vorgesetzt. Beispiele prachtvoller gotischer Kaufmannshäuser sind das [[Hausbaumhaus]], das [[Kerkhoffhaus]], das [[Kröpeliner Straße#Gebäude|Ratschow-Haus]] oder das Krahnstöverhaus in der [[Große Wasserstraße|Großen Wasserstraße]]. Zahlreiche im Kern mittelalterliche Bürgerhäuser wurden später barock oder klassizistisch überformt, vor allem in repräsentativen Lagen wie am [[Neuer Markt (Rostock)|Neuen Markt]], in der heutigen [[Kröpeliner Straße]] oder am heutigen [[Universitätsplatz (Rostock)|Universitätsplatz]] (früher Hopfenmarkt).<br />
<br />
Von der [[Rostocker Stadtbefestigung]] sind heute noch drei mittelalterliche [[Stadttor]]e aus Backstein ([[Steintor (Rostock)|Steintor]], [[Kuhtor (Rostock)|Kuhtor]], [[Kröpeliner Tor]]) und eines aus [[Klassizismus|klassizistischer]] Zeit ([[Mönchentor]]), ein [[Wehrturm]] ([[Lagebuschturm]]), größere Teile der Stadtmauer auf einer Länge von insgesamt etwa 1300&nbsp;Metern, teilweise mit [[Wiekhaus|Wieckhäusern]], sowie Teile des Festungswalls erhalten.<br />
<br />
Markante Bauten des 19. Jahrhunderts sind unter anderem das neugotische [[Oberlandesgericht Rostock|Ständehaus]], das [[Hauptgebäude der Universität Rostock|Hauptgebäude der Universität]] am [[Universitätsplatz (Rostock)|Universitätsplatz]] im Stil der [[Neorenaissance]]. Im frühen 20.&nbsp;Jahrhundert wurde die Stadt stark erweitert, dabei entstanden unter anderem ein Villenviertel in der Bahnhofsvorstadt (mit der [[Zeecksche Villa|Zeeckschen Villa]] als einem wegweisenden Bauwerk dieser Zeit) und das Arbeiterquartier [[Kröpeliner-Tor-Vorstadt]]. Zu den zahlreichen Bauten aus der Zeit der Industrialisierung zählt der [[Wasserturm Rostock|Wasserturm von 1903]].<br />
<br />
Eine Reihe von stadtbildprägenden Bauten wurde im Krieg zerstört, einige weitere in den 1950er und 1960er Jahren abgerissen. Mit der [[Lange Straße (Rostock)|Langen Straße]] entstand in den 1950er Jahren eine repräsentative Magistrale im Stil des [[Sozialistischer Klassizismus|Sozialistischen Klassizismus]] unter Einbeziehung von Elementen der Backsteinarchitektur. Größere Wohngebiete entstanden in den 1960er und 1970er Jahren im Süden und vor allem im Nordwesten der Stadt. Weitere Plattenbaugebiete folgten in den 1980er Jahren im Nordosten Rostocks.<br />
[[Datei:Warnemuende-strand-leuchtturm-teepott-2013.jpg|mini|Warnemünde mit Sandstrand und den Wahrzeichen [[Leuchtturm Warnemünde|Leuchtturm]] und [[Teepott Warnemünde|Teepott]]]]<br />
<br />
Mehrere von [[Ulrich Müther]] entworfene [[Hyparschale]]n-Bauten wurden um 1970 in Rostock gebaut. Dazu zählen die Ostseemessehalle, die Gaststätte „Kosmos“ in der Südstadt, der „[[Teepott Warnemünde|Teepott]]“ in Warnemünde oder die [[Christuskirche (Rostock)|Christuskirche]] südwestlich der Innenstadt, die als Ersatz für die 1971 abgerissene katholische Kirche am Schröderplatz diente. Ende der 1990er Jahre entstand unter Leitung von [[Gerkan, Marg und Partner]] hinter der [[Gründerzeit]]fassade des ehemaligen Hotels „Rostocker Hof“ eine der innerstädtischen [[Einkaufspassage]]n in Rostock. Dasselbe Architekturbüro zeichnete auch für das städtebauliche Konzept und die Bauten der [[IGA&nbsp;2003]] verantwortlich. Das Büro des dänischen Architekten [[Henning Larsen]] entwarf die [[Neue Sachlichkeit (Architektur)|sachlich-modernen]] Gebäude des [[Max-Planck-Institut für demografische Forschung|Max-Planck-Instituts]] am [[Rostocker Stadthafen|Stadthafen]], das 2001 fertiggestellt wurde, und der [[Universitätsbibliothek Rostock|Universitätsbibliothek]] in der Südstadt (2004). 2005&nbsp;entstand im Stadtzentrum der [[postmoderne]] Bau der Deutschen Med vom deutsch-amerikanischen Architekten [[Helmut Jahn (Architekt)|Helmut Jahn]].<br />
<br />
Weitere Sehenswürdigkeiten sind der [[Botanischer Garten (Rostock)|Botanische Garten]], der Park der ehemaligen [[Internationale Gartenschau|IGA]], die [[Rostocker Heide]] mit dem „Gespensterwald“ und der [[Zoo Rostock|Rostocker Zoo]] im Naherholungsgebiet [[Barnstorfer Wald (Rostock)|Barnstorfer Wald]], seit 2012 mit dem ''[[Darwineum]]'' als Attraktion. Der [[Neuer Friedhof (Rostock)|Neue Friedhof]] – als [[Denkmalschutz|Flächendenkmal]] unter Schutz stehende Parkfriedhofsanlage – weist einen wertvollen Baumbestand auf.<br />
<br />
Im maritim geprägten [[Warnemünde]] sind der Alte Strom mit einer Reihe kleiner Fischerhäuser und der [[Leuchtturm Warnemünde|Leuchtturm]] von 1898 Wahrzeichen dieses Stadtteils. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden als bedeutende Einzelbauwerke des [[Neues Bauen|Neuen Bauens]] das [[Kurhaus Warnemünde]]. Am ''Teepott'' beginnt die Seepromenade. Der Strand ist über drei Kilometer lang, steinfrei und wird in Richtung [[Steilküste]] [[Stoltera]] immer schmaler.<br />
<br />
=== Musik ===<br />
[[Datei:Norddeutsche Philharmonie Rostock 2009.jpg|mini|Norddeutsche Philharmonie]]<br />
<br />
Rostock bietet, vor allem durch die [[Hochschule für Musik und Theater Rostock|Hochschule für Musik und Theater]] (HMT, [[#Hochschule für Musik und Theater|siehe unten]]) und durch das A-Orchester [[Norddeutsche Philharmonie Rostock|''Norddeutsche Philharmonie'']] am [[Volkstheater Rostock]], eine reiche Musikszene auf hohem Niveau.<br />
<br />
Das wichtigste Orchester ist dabei die ''Norddeutsche Philharmonie'' am Volkstheater, der größte Klangkörper des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Neben der Mitwirkung an den Oper-, Operetten-, Musical- und Ballettaufführungen werden auch regelmäßig Philharmonischen Konzerte gestaltet, die nicht nur im Großen Haus, sondern auch im Barocksaal und der Nikolaikirche stattfinden. Am Volkstheater ist auch die ''Rostocker Singakademie'' tätig, eine aus Berufssängern und Laien bestehende Chorvereinigung.<br />
<br />
Tragende Säulen der Aufführungen von klassischer Musik in Rostock sind die Kantoreien der [[Rostocker Motettenchor|St.-Johannis-Kirche]], der [[Marienkirche (Rostock)|Marienkirche]] und der [[Kirche Warnemünde]]. Die verschiedenen Chöre dieser Kantoreien bestreiten neben der musikalischen Begleitung der Gottesdienste eine rege Konzerttätigkeit mit Aufführungen von [[Kantate]]n, [[Motette]]n und [[Oratorium|Oratorien]] teilweise in Begleitung international namhafter Solisten und Orchester.<br />
<br />
Seit 1991 finden im ganzen Land jährlich im Sommer die [[Festspiele Mecklenburg-Vorpommern]] als ein [[Festival]] klassischer Musik statt. Zu den Spielorten in Rostock gehört während des Sommers auch eine alte Schiffbauhalle der [[Neptun Werft]].<br />
<br />
Mit der [[Pasternack Big Band]] ist in Rostock eine der wenigen noch existierenden [[Big Band]]s in Norddeutschland beheimatet. Es gibt weiterhin kleinere aktive und ambitionierte Jazz-Ensembles und Bands, wie ''Swing for Fun'', ''The Marching Saints'', die ''Breitling-Stompers'', ''Ipanema'' und ''Fritzings Dixie Crew'', die unterschiedliche Genres und Stilistiken bedienen. Die Reihe ''Jazzdiskurs'' stellt regelmäßig bekannte und unbekannte Formationen und Solisten aus allen Stilrichtungen des Jazz vor, im ''Bogarts Jazz Club'' (ansässig in der Kneipe und Kleinkunstbühne „Ursprung“) gibt es [[Blues]] und Rock, [[Dixieland]], [[Bebop]] oder [[Modern Jazz]]. Der ''Jazzclub Rostock e.&nbsp;V.'' wirkt auf eine Entwicklung der Jazzmusik in Rostock und Umgebung hin. Jährlich findet in Rostock ein fünftägiger Jazz-Workshop für traditionellen Jazz, Mainstream, modernen Jazz, zeitgenössischen Jazz und Blues statt.<br />
<br />
Überregional bekannt und aktiv ist der [[Shantychor]] ''Die Blowboys''.<ref>[http://dieblowboys.de/ Webauftritt des Chors]</ref><br />
<br />
=== Theater ===<br />
[[Datei:Stadttheater Rostock2.jpg|mini|links|[[Rostocker Stadttheater (1895–1942)|Rostocker Stadttheater von 1895–1942]]]]<br />
<br />
Bis in das 19. Jahrhundert hinein traten wandernde Schauspielgruppen in Rostock auf den Marktplätzen, in angemieteten Sälen oder Gasthöfen auf. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts diente das Ballhaus am Johannisplatz als Aufführungsstätte, ehe 1786 das ''Städtische Komödienhaus'' entstand, das 1880 durch einen Brand zerstört wurde. Das [[Rostocker Stadttheater (1895–1942)|Stadttheater]] südöstlich des [[Steintor (Rostock)|Steintors]] wurde 1895 eingeweiht und im April 1942 durch britische Luftangriffe zerstört.<br />
<br />
Das [[Volkstheater Rostock|Rostocker Volkstheater]] entwickelte sich ab 1952 zu einer der profiliertesten Bühnen der DDR. Ambitionierte Pläne für einen Neubau wurden ab den 1970er Jahren diskutiert, aber nicht verwirklicht. Stattdessen wurden das in den 1940er Jahren als provisorische Spielstätte eingerichtete Große Haus an der Doberaner Straße allmählich ausgebaut und erweitert. Heute verfügt das Volkstheater über die drei Spielstätten Großes Haus, Theater im Stadthafen sowie Kleine Komödie. Es deckt die Sparten [[Schauspiel]], [[Musiktheater]]/[[Oper]], [[Ballett]] und [[Philharmonie]] ab. Für Kinder und Jugendliche gibt es ein Kindertheater und einen Theaterjugendclub. Die äußerst angespannte Haushaltslage Rostocks führt zu ständig größer werdenden Einsparungsforderungen an das Theater, die seine Existenz als vollwertiges [[Mehrspartentheater|Vier-Sparten-Theater]] in Frage stellen. Dennoch wurde 2024 mit der Errichtung eines Neubaus an der Langen Straße begonnen, der ab 2028 das Große Haus beherbergen soll.<br />
<br />
Neben dem städtischen Volkstheater bereichert auch die 1991 gegründete freie ''[[Compagnie de Comédie Rostock|Compagnie de Comédie]]'' in der Bühne&nbsp;602 die Rostocker Theaterlandschaft mit Musical, Schauspiel, Komödie, Konzerten und Märchen. Seit fast 90&nbsp;Jahren gibt es die [[Niederdeutsche Bühne Rostock]], die in der Bühne&nbsp;602 und im Theater im Stadthafen mit regelmäßig zwei Premieren pro Spielzeit auftritt. Das [[Judentum|jüdische]] Theater ''[[Mechaje]]'' ist seit 1997/1998 Bestandteil des Rostocker Theaterlebens.<ref>Das Kulturjahr 2020 beinhaltete „Drei Jubiläen der Rostocker Theatergeschichte“. Seraphin Feuchte, Historiker und Wissenschaftliche Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Rostock, veröffentlichte als Mitglied von „Freunde und Förderer Volkstheater Rostock e.&nbsp;V.“ einen historischen Rückblick u.&nbsp;a. mit Namen von bedeutenden Personen und verdienstvollen Mitarbeitern im Zusammenhang mit der Theatergeschichte von Rostock. ([https://theaterfoerderverein-rostock.de/2020/05/drei-jubilaeen-der-rostocker-theatergeschichte-in-diesem-jahr/ Theaterförderverein – Rostock])</ref><br />
<br />
=== Kinos ===<br />
[[Datei:Lichtspieltheater Wundervoll Rostock.jpg|mini|Lichtspieltheater Wundervoll Metropol]]<br />
{{Hauptartikel|Rostocker Kinos}}<br />
<br />
Die ersten Rostocker [[Kino]]s gingen bereits während der [[Stummfilm]]-Zeit an den Start. In der Anfangszeit wurden dafür bekannte Lokalitäten zu Kinosälen umfunktioniert. Von insgesamt neun Lichtspieltheatern in Rostock und Warnemünde überstanden nur sechs den Zweiten Weltkrieg: ''Capitol'', ''Hansa-Theater'', ''Metropol'', ''Palast-Theater'' (ab 1953 ''Theater des Friedens''), ''Union-Theater'' (nach einem Umbau ''Kino Café Camera'') und ''Park-Lichtspiele'' in Warnemünde wurden auch in der DDR betrieben. Bis heute überlebt haben nur zwei dieser Kinos.<br />
<br />
Als [[Programmkino]] zeigt das ''Lichtspieltheater Wundervoll'' (Li.Wu.) seit 1993 künstlerisch und politisch ambitionierte Filme.<ref>[https://foerderverein-liwu.de/ Förderverein des li.wu. – Über uns]</ref> Die beiden Spielstätten in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt sind das 2012 wieder eröffnete ''Metropol'' und die 2014 errichtete ''Frieda23''.<ref>[https://www.liwu.de/infos#kinos Lichtspieltheater Wundervoll – Unsere Kinos]</ref> Die ''Frieda23'' ist außerdem zentrale Spielstätte Rostocker Filmfestivals.<br />
<br />
Das ''[[Cinestar]] Capitol'' wartet mit 4&nbsp;Kinosälen und 1089&nbsp;Sitzplätzen auf.<ref>[https://www.cinestar.de/kino-rostock-capitol/info CineStar Capitol – Übersicht]</ref> Für die Vorführung kommerziell geprägter [[Blockbuster]] wurde 1996 im Ortsteil [[Lütten Klein]] das erste ''CineStar'' [[Multiplex-Kino]] Mecklenburg-Vorpommerns errichtet: mit 7&nbsp;Leinwänden und 1996&nbsp;Sitzplätzen.<br />
<br />
=== Zoo ===<br />
[[Datei:Löwen im Zoo Rostock.jpg|mini|Rostocker Zoo]]<br />
<br />
Der [[Zoo Rostock]] wurde 1899 gegründet und erstreckt sich auf einer Fläche von 56&nbsp;Hektar im [[Barnstorfer Wald (Rostock)|Barnstorfer Wald]]. Mit rund 4500 Tieren und 450 verschiedenen Tierarten ist er der größte Zoo an der deutschen Ostseeküste. Dazu zählen [[Eisbären]], [[Großkatzen]] ([[Löwen]], [[Schneeleopard]]en, [[Jaguare]]), [[Erdmännchen]], [[Faultiere]], [[Pinguine]], [[Seebären]], [[Gorillas]], [[Orang-Utans]] und viele andere. Im September 2012 wurden mit dem [[Darwineum]] des Zoos eine Evolutionsausstellung und eine neue Bleibe vor allem für die Primaten eröffnet, 2018 wurde mit dem Polarium eine neue moderne Anlage zur Beheimatung unter anderem der Eisbären und Pinguine errichtet. Eine Anlage für Giraffen und Elefanten ist in Planung.<br />
<br />
=== Museen ===<br />
[[Datei:Kunsthalle Rostock.jpg|mini|[[Kunsthalle Rostock]] im Stadtteil [[Reutershagen]]]]<br />
<br />
Die von einem Verein privat betriebene [[Kunsthalle Rostock|Kunsthalle]] ist das größte Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst in Mecklenburg-Vorpommern. Sie war der erste und einzige Neubau eines Kunstmuseums in der DDR. In der Sammlung sind vor allem bedeutende Kunstwerke aus den Regionen [[Mecklenburg]] und [[Vorpommern]], sowie Werke des [[Expressionismus|Spätexpressionismus]] und der [[Neue Sachlichkeit (Kunst)|Neuen Sachlichkeit]] vertreten.<br />
<br />
Das [[Kulturhistorisches Museum Rostock|Kulturhistorische Museum]] im [[Kloster zum Heiligen Kreuz (Rostock)|Kloster zum Heiligen Kreuz]], ist eines der größten und bedeutendsten Museen in [[Mecklenburg-Vorpommern]]. Das Museum beherbergt u.&nbsp;a. eine Sammlung von rund 70 Gemälden niederländischer Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts, die zu den wichtigsten in Norddeutschland zählt.<br />
Eine Dauerausstellung zur Rostocker Stadtbefestigung im [[Kröpeliner Tor]] sowie die ''Societät Rostock maritim'' (ehemals ''Schiffbaumuseum'' samt [[Traditionsschiff Typ Frieden]]) zeigen (kultur-)historische Exponate. Das [[Kempowski-Archiv]] ist als [[Literaturmuseum]] dem Leben und Werk [[Walter Kempowski]]s gewidmet.<br />
<br />
Die [[Dokumentations- und Gedenkstätte des BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi in Rostock|Dokumentations- und Gedenkstätte des BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi]] setzt sich mit der Geschichte des [[Ministerium für Staatssicherheit|Ministeriums für Staatssicherheit]] (MfS) auseinander und erinnert an die Opfer. Sie ist eine der am besten erhaltenen Untersuchungshaftanstalten des MfS.<br />
<br />
Außerhalb des Stadtzentrums gibt es das [[Heimatmuseum Warnemünde]], das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum auf dem Traditionsschiff Typ Frieden in Rostock-Schmarl und den [[Forst- und Köhlerhof Wiethagen]].<br />
<br />
{{Siehe auch|Liste der Museen in Mecklenburg-Vorpommern}}<br />
<br />
=== Literatur ===<br />
Das [[Literaturhaus Rostock]] im [[Haus der Freundschaft (Rostock)|Peter-Weiss-Haus]] widmet sich schwerpunktmäßig der Förderung von Autoren und der Stärkung der [[Leseförderung|Lesekompetenz]] bei Kindern und Jugendlichen. Regelmäßig finden Lesungen, Workshops, Schreibwerkstätten und Ausstellungen statt. Das Haus richtet jährlich die [[Peter Weiss|Peter-Weiss]]-Woche aus. 2010&nbsp;wurde in Rostock auf Initiative zahlreicher Wissenschaftler der Johnson-Forschung mit Unterstützung der Universität und der Stadt Rostock die [[Uwe Johnson-Gesellschaft]] gegründet.<br />
<br />
=== Veranstaltungen ===<br />
[[Datei:Hanse Sail 2005 2.jpg|mini|[[Hanse Sail]]]]<br />
<br />
Die größte regelmäßige Veranstaltung in Rostock ist die [[Hanse Sail]]. Sie steht in der Tradition der [[Ostseewoche|Internationalen Ostseewoche]], deren Hauptveranstalter Rostock von 1958 bis 1975 war. Sie findet jährlich im August statt und zieht bis zu einer Million Besucher an.<br />
<br />
Der [[Weihnachtsmarkt#Rostock|Weihnachtsmarkt]] ist der größte Norddeutschlands. Zu [[Pfingsten]] findet seit 1390 der ''Rostocker Pfingstmarkt'' statt. Er entwickelte sich von einer frühneuzeitlichen Handels- und Warenmesse zu einem Volksfest. Bis in die 1930er Jahre war der Pfingstmarkt die größte Veranstaltung seiner Art in Rostock. Erst in den 1960er Jahren wurden der Weihnachtsmarkt und andere Veranstaltungen wichtiger.<br />
[[Datei:Steintor während der Rostocker Lichtwoche im November 2020.jpg|mini|hochkant|Das [[Steintor (Rostock)|Steintor]] während der [[Rostocker Lichtwoche|Lichtwoche]]]]<br />
Am Jahresbeginn findet der Kabarettistenwettbewerb [[Der Rostocker Koggenzieher]] statt, ab Ende März bis in den Juni der Bücherfrühling an der Warnow, der viele Lesungen und Ausstellungen bietet, seit April 2004 außerdem die halbjährlich stattfindende Literaturshow [[Literaturhaus Rostock|Prosanova]], im April und Oktober ist [[Rostocker Kulturwoche]]. Im Mai feiert die Kröpeliner-Tor-Vorstadt das Stadtteilfest ''Blaumachen''. Ebenfalls im Mai findet das [[Kurzfilmfestival]] ''[[FiSH Filmfestival Rostock]]'' statt. Im Juni ist ''Ostseejazz-Festival'', im Juli dann der ''Rostocker Sommer'' mit Musik, Folklore, Literatur und am Strand die Veranstaltungsreihe ''Sommer der Kulturen'', darüber hinaus auch ''[[Warnemünder Woche]]'' und der Rostocker ''[[Christopher Street Day]]''. Im September finden schließlich das ''Boulevardfest'' und das ''Rostocker Hafenfest'' statt, gefolgt von der ''Rostocker Lichtwoche'' Anfang November, bevor das Veranstaltungsjahr mit dem ''Rostocker Weihnachtsmarkt'' im November/Dezember und den großen ''Silvesterfeuerwerken'' im Stadthafen und Warnemünde endet.<br />
<br />
Alle zwei Jahre wird für kulturelles Engagement und für Leistungen, die das Geistes- und Kulturleben der Hansestadt Rostock wesentlich bereichern, der [[Kulturpreis der Hansestadt Rostock]] verliehen.<br />
<br />
2018 feiert die Hansestadt Rostock ihr 800-jähriges Stadtjubiläum und richtete zudem das Landesfest [[Mecklenburg-Vorpommern-Tag]] aus.<ref>{{Webarchiv |url=http://rz48.rostock.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1011440 |text=800-Jahr-Feier Rostocks: Bürgerinformationssystem |wayback=20160711154851}}, abgerufen am 11. Juli 2016</ref> Rostock erhielt den Zuschlag, die [[Bundesgartenschau 2025]] auszurichten.<br />
<br />
== Wirtschaft ==<br />
Im Jahr 2016 erbrachte Rostock innerhalb der Stadtgrenzen ein [[Bruttoinlandsprodukt]] (BIP) von 7,218 Milliarden € und belegte damit Platz 52 innerhalb der [[Liste der deutschen Städte nach Bruttoinlandsprodukt|Rangliste]]. Das BIP pro Kopf lag im selben Jahr bei 34.910 € (Mecklenburg-Vorpommern: 25.454 €, Deutschland 38.180 €). Das BIP je Erwerbsperson beträgt 62.689 €. 2016 wuchs das BIP der Stadt nominell um 0,9 %, im Vorjahr betrug das Wachstum 1,1 %. In der Stadt sind 2017 ca. 115.100 Erwerbstätige beschäftigt.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.statistik-bw.de/VGRdL/tbls/index.jsp?lang=#tab03 |titel=Aktuelle Ergebnisse – VGR dL |offline=1 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20190213033332/https://www.statistik-bw.de/VGRdL/tbls/index.jsp?lang=#tab03 |archiv-datum=2019-02-13 |abruf=2019-01-07}}</ref> Die Gesamtverschuldung der Stadt lag Ende 2023 bei ca. 1,53 Mrd. Euro (7.293 €/Kopf).<ref>{{Internetquelle |url=https://www.statistikportal.de/de/veroeffentlichungen/integrierte-schulden-der-gemeinden-und-gemeindeverbaende |titel=Integrierte Schulden der Gemeinden und Gemeindeverbände {{!}} Statistikportal.de |datum=2024-11-27 |sprache=de |abruf=2024-12-19}}</ref> Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2018 bei 7,3 % und damit unter dem Durchschnitt von Mecklenburg-Vorpommern von 7,6 % (im benachbarten Landkreis Rostock betrug sie 5,6 %).<ref>{{Internetquelle |url=https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Regionen/Politische-Gebietsstruktur/Mecklenburg-Vorpommern-ab-09-2011-Nav.html |titel=Bundesland Mecklenburg-Vorpommern |hrsg=Bundesagentur für Arbeit |offline=1 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20190109204929/https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistik-nach-Regionen/Politische-Gebietsstruktur/Mecklenburg-Vorpommern-ab-09-2011-Nav.html |archiv-datum=2019-01-09 |abruf=2019-01-07}}</ref><br />
<br />
Im [[Prognos|Zukunftsatlas 2019]] wird Rostock auf Rang 224 von 401 kreisfreien Städten und Landkreisen geführt. Damit belegt die Stadt den Spitzenplatz innerhalb Mecklenburg-Vorpommerns.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/zukunftsatlas-2019/ |titel=PROGNOS Zukunftsatlas 2019 |werk=[[Handelsblatt]] |sprache=de |offline=1 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20190708181336/https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/zukunftsatlas-2019/ |archiv-datum=2019-07-08 |abruf=2022-05-24}}</ref><br />
<br />
=== Wirtschaftsgeschichte ===<br />
Die Rostocker Wirtschaft erlebte immer wieder Strukturwandel. Die [[Hanse]] und der damit verbundene [[Freihandel]] in Europa bescherten der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufstieg. Ihre Kirchtürme gehörten zu dieser Zeit zu den höchsten Gebäuden der Welt. Dieser Aufstieg versiegte erst, als der Atlantikhandel an Bedeutung zunahm: Der Hansebund war einer enormen Konkurrenz ausgesetzt und konnte sich nicht länger gegen die Fürsten behaupten. Machtkämpfe während des Dreißigjährigen Krieges ließen die Stadt wirtschaftlich ausbluten und mündeten in einem großen Stadtbrand, von dem sich Rostock lange nicht erholte.<br />
Erst die Industrialisierung schuf neue Infrastruktur in der Stadt. Im Zweiten Weltkrieg wurden aber wirtschaftliche Strukturen zerstört und Industrien wie der Flugzeugbau zunächst nicht wieder etabliert. Nach dem Krieg hatte die Stadt als größter Ostseehafen mit dem wichtigsten Werftenstandort des neuen DDR-Staates eine besondere Bedeutung. Mit der Wiedervereinigung stand die Stadt dann vor der Herausforderung, die vorhandene Infrastruktur den veränderten ökonomischen Bedingungen anzupassen. Während dieses Prozesses verloren zunächst zahlreiche Beschäftigte ihre Arbeit. Im 21.&nbsp;Jahrhundert hat sich Rostock wirtschaftlich erholt und beherbergt einige Wachstumsbranchen im Stadtgebiet, auch im Bereich der [[Spitzentechnologie]]n.<br />
<br />
=== Bedeutende Wirtschaftszweige und Unternehmen ===<br />
[[Datei:Rostock 2010-by-RaBoe-121.jpg|mini|[[Kraftwerk Rostock]]]]<br />
[[Datei:OSA Sampson in Rostock.JPG|mini|Arbeiten bei [[Liebherr-MCCtec Rostock|Liebherr]] im Rostocker Hafen]]<br />
<br />
Rostock ist heute das wirtschaftliche Zentrum Mecklenburg-Vorpommerns und eines von vier [[Liste der Ober- und Mittelzentren in Mecklenburg-Vorpommern|Oberzentren des Landes]]. Der größte öffentliche Arbeitgeber der Stadt ist gegenwärtig die [[Universität Rostock|Rostocker Universität]]. Der Dienstleistungssektor gewinnt immer mehr an Bedeutung, so siedeln sich Unternehmen der [[Informationstechnologie]], [[Callcenter]], touristische und kreative bzw. online agierende Dienstleister an.<br />
<br />
Ein wichtiger Wirtschaftszweig für Rostock ist die [[Maritime Wirtschaft]], auch wenn die Fischverarbeitung ([[Fischkombinat Rostock]]) nach der Wiedervereinigung stark an Bedeutung verlor und der Schiffbau ([[Neptun Werft]], [[Warnow-Werft]]) sich neu finden musste. Die Rostocker [[Werft]]en blieben aber erhalten, das Unternehmen [[MV Werften]] meldete am 10. Januar 2022 Insolvenz an.<br />
Heute (2013) sind im Dienstleistungsbereich die [[Reederei]]en [[Scandlines]], [[AIDA Cruises]], [[Scandferries]], [[Deutsche Seereederei]] und [[F.&nbsp;Laeisz]] von Bedeutung, im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe unter anderem [[Schiffselektronik Rostock]], [[Tamsen Maritim]], [[Liebherr-MCCtec Rostock]], sowie die Warnemünder Werften [[Marinearsenal Warnowwerft|Nordic Yards]] (ehemals Warnowwerft) und Neptun-Werft. Das Kreuzfahrtunternehmen AIDA Cruises im [[Rostocker Stadthafen]] hatte 2012 als größter Arbeitgeber rund 6000&nbsp;Beschäftigte.<ref>{{Webarchiv |url=https://www.nordlb.de/fileadmin/redaktion/analysen_prognosen/regionalanalysen/mecklenburg-vorpommern/MV_Monitor_Dez_2013.pdf |text=Die 100 größten Arbeitgeber Mecklenburg-Vorpommerns 2012 |wayback=20140228045152}}, NordLB, abgerufen am 22. Februar 2014.</ref> In Rostock sind mehrere [[Frosttrawler]] deutscher Tochtergesellschaften des niederländischen Fischereikonzerns [[Parlevliet & Van der Plas#Fischerei|Parlevliet & Van der Plas]] beheimatet, darunter mit ''[[Maartje Theadora]]'' der größte Trawler Europas.<br />
<br />
Der börsennotierte [[Windenergieanlage]]nhersteller [[Nordex SE|Nordex]] war 2009 das umsatzstärkste Unternehmen des Landes Mecklenburg-Vorpommern.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.ostsee-zeitung.de/nachrichten/mv/index_artikel_komplett.phtml?param=news&id=2993721 |text=''Aida Cruises größter Arbeitgeber im Land'' |wayback=20120307104730}}. ostsee-zeitung.de (22. Dezember 2010)</ref> 2007&nbsp;wurde die Aktie in den (Mitte 2021 eingestellten) [[ÖkoDAX]] aufgenommen. Nordex ist (Stand März 2022) im Technologiewerteindex [[TecDAX]] gelistet.<br />
<br />
Ein überregional bekanntes Unternehmen ist die [[Hanseatische Brauerei Rostock]] GmbH, die unter anderem das mit mehreren [[Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft|DLG]]-Goldmedaillen ausgezeichnete Bier ''Rostocker Pils'' braut und im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern vermarktet. Mit der Wiedereinführung der Marke ''Mahn & Ohlerich'' Ende 2011 wird an Georg Mahn und Friedrich Ohlerich erinnert, die die Brauerei 1878 gründeten.<br />
<br />
Die ''Gesellschaft für Wirtschafts- und Technologieförderung Rostock mbH – Rostock Business'' lenkt<!--??--> seit ihrer Gründung im Jahr 2003 die [[Wirtschaftsförderung]] in Rostock. Mit der Stadt wurde dazu ein [[Geschäftsbesorgungsvertrag]] geschlossen. Gesellschafter sind das Wohnungsunternehmen [[WIRO Wohnen in Rostock|WIRO]], die Hafenentwicklungsgesellschaft HERO ''Rostock Port'' und die [[Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding|Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding GmbH]] (RVV). Ziele der Gesellschaft sind die Erhöhung der Wahrnehmbarkeit der Region durch Stadt- und Standortmarketing, allgemeine Aufgaben der Wirtschaftsförderung für die Hansestadt Rostock, Investorenansprache und Akquisition von Unternehmen, Betreuung der ortsansässigen Unternehmen und Existenzberatungsleistungen, sowie Unterstützung und Koordinierung der Technologieförderung.<ref>[http://www.rostock-business.com/presse/download/geschaeftsbericht-rostock-business-2012.pdf Geschäftsbericht 2012] (PDF; 5,8&nbsp;MB)</ref><br />
Die Versorgung der Hansestadt Rostock wird mittels der ''Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding GmbH'' (RVV) gestaltet<!--??-->. Dafür haben sich die RVV als [[Organträger]], die ''Stadtwerke Rostock'' und die ''[[Rostocker Straßenbahn AG]]'' (RSAG) zu einem [[Verbund (Kooperation)|Querverbund]] zusammengeschlossen.<br />
<br />
=== Luft- und Raumfahrt ===<br />
[[Datei:Flughafen Rostock-Laage1.JPG|mini|Replik der [[Heinkel He&nbsp;178]] im [[Flughafen Rostock-Laage]]. Das erste [[Strahlflugzeug|Düsenflugzeug]] der Welt erlebte seinen Erstflug am 27.&nbsp;August 1939 über [[Marienehe|Rostock-Marienehe]].]]<br />
<br />
Rostock hat eine bedeutende Geschichte als Standort der [[Luft- und Raumfahrttechnik|Luft- und Raumfahrtindustrie]]. Schon der renommierte Astronom [[Tycho Brahe]] studierte im 16.&nbsp;Jahrhundert an der Universität Rostock. Der Standort Rostock war zu Vorkriegszeiten eine der [[Innovation|innovativsten]] Produktionsstätten für Luftfahrzeuge weltweit. Im Stadtteil Warnemünde entstand mit den [[Ernst Heinkel Flugzeugwerke]]n 1922 einer der größten [[Flugzeugbau]]er der ersten Hälfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts. Die Firma brachte der Stadt in der ersten Hälfte des 20.&nbsp;Jahrhunderts den endgültigen Durchbruch in Sachen [[Industrialisierung]], Rostock wurde moderne Großstadt und Technologie-Standort. Die [[Heinkel He&nbsp;178]] war das weltweit erste [[Strahlflugzeug|Düsenflugzeug]]<ref>[http://www.fliegerweb.com/geschichte/flugzeuge/lexikon.php?show=lexikon-656 Heinkel He 178], fliegerweb.com, abgerufen am 10. November 2014.</ref> und hatte ihren Jungfernflug am 27.&nbsp;August 1939 über [[Marienehe|Rostock-Marienehe]]. Seit 1921 gab es in Warnemünde zudem die [[Arado Flugzeugwerke]]. Ebenfalls zunächst in Warnemünde und ab 1934 in [[Ribnitz]] war der [[Walther-Bachmann-Flugzeugbau]] ansässig. Für die Aufrüstungspolitik ab 1933 wurden die meisten Firmen teilenteignet bzw. mussten auf Militärfertigung umstellen. Zu DDR-Zeiten wurden ab 1961 alle verbleibenden Unternehmen der Branche [[Enteignung#DDR|enteignet]] und z.&nbsp;B. auf landwirtschaftliche Produktion umgerüstet, oder vollständig [[Liquidation|liquidiert]].<br />
<br />
Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 konnte sich die Branche im [[Regiopolregion|Großraum]] Rostock wieder etablieren. Mehrere [[Airbus Group|Airbus]]-[[Zulieferer]] mit insgesamt rund tausend Mitarbeitern<ref>{{Webarchiv |url=http://www.regierung-mv.de/cms2/Regierungsportal_prod/Regierungsportal/de/wm/Themen/Wirtschaft/Wachstumsbranchen/Wachstumsbranche_Luft-_und_Raumfahrt-Zulieferindustrie/index.jsp |text=Wachstumsbranche Luft- und Raumfahrt-Zulieferindustrie |wayback=20130608053722}}, Wirtschaftsministerium MV, abgerufen am 12. November 2014.</ref> haben sich rund um Rostock angesiedelt, wie die ''RST Rostock-System-Technik GmbH'', die sich am 2007 eröffneten ''Zentrum für Luft- und Raumfahrt'' des Technologieparks Warnemünde<ref>[http://www.airliners.de/forschungszentrum-fuer-luft--und-raumfahrt-in-warnemuende-eroeffnet/13632 Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt in Warnemünde eröffnet], airliners.de, 16. November 2007, abgerufen am 12. November 2014.</ref> befindet. Dort wird gemeinsam mit dem [[Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt|Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt]] (DLR) auch an der Entwicklung der europäischen Satellitennavigation [[Galileo (Satellitennavigation)|Galileo]] gearbeitet, mit dem Projekt „Sea Gate“ für Schiffssteuerung.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.rst-rostock.de/de/wichtige-seiten/unser-unternehmen/ |text=Airbus/RST Rostock-System-Technik GmbH |wayback=20141112173540}}</ref><ref>{{Webarchiv |url=http://www.dlr.de/rd/desktopdefault.aspx/tabid-5962/9711_read-12795/ |text=Sea Gate: Galileo-Testgebiet für maritime Anwendungen |wayback=20141112183335 |archiv-bot=2024-04-29 06:50:28 InternetArchiveBot}}, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), abgerufen am 12. November 2014.</ref> Auch [[Edag]], die ''luratec AG'', [[Assystem#Assystem Deutschland Holding GmbH|Assystem]], [[Ferchau Engineering]] und [[Diehl Aerospace]] sind am Standort Rostock.<ref name="HroBiz">{{Webarchiv |url=http://www.rostock-business.com/technologiezentrum-rostock/luftfahrt-raumfahrt/unternehmen.php |text=Unternehmen der Luftfahrt und Raumfahrt im Raum Rostock |wayback=20141110214248}}, Rostock Business, abgerufen am 10. November 2014.</ref><br />
<br />
Der [[Bundesverband der Deutschen Industrie|BDI]] schlug 2019 vor, im Raum von Rostock einen [[Weltraumbahnhof]] zu errichten, der dann in der Lage ist, kleinere Satelliten von Deutschland aus starten zu lassen. Dieser Vorschlag wurde unter anderem vom [[Bundesministerium für Wirtschaft und Energie|Bundeswirtschaftsminister]] [[Peter Altmaier]] unterstützt und geprüft.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.zdf.de/uri/9c2f7468-8036-4c81-b613-dbaa45df1bfc |titel=Pläne des BDI: Wie sinnvoll ist ein deutscher Weltraumbahnhof? |sprache=de |abruf=2021-06-13}}</ref><br />
<br />
{{Siehe auch|Mecklenburg-Vorpommern#Luft- und Raumfahrt}}<br />
<br />
=== Tourismus ===<br />
Der [[Tourismus]] ist für Rostock von großer Bedeutung. 2011 übernachteten gut 1,5&nbsp;Millionen Gäste in der Stadt, davon fast 900.000 in [[Warnemünde]].<ref name="Tourismus-Statistik 2011">[https://rathaus.rostock.de/sixcms/detail.php?id=208&_sid1=rostock_01.c.261.de&_sid2=rostock_01.c.388.de&_sid3=rostock_01.c.412.de&_sid4=&_sid5= Statistische Angaben auf rostock.de], abgerufen am 15. Dezember 2012.</ref> Der Anteil ausländischer Gäste machte sowohl in absoluten Zahlen als auch hinsichtlich der Übernachtungen deutlich unter zehn Prozent aus.<ref name="Tourismus-Statistik 2011" /><br />
{{Siehe auch|Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern}}<br />
<br />
[[Datei:AIDA Cruises Headquarter Rostock Stadthafen Germany 2011-03-06.jpg|mini|Sitz der [[AIDA Cruises]] im Rostocker Stadthafen]]<br />
Für Rostock und die Region sind die [[Kreuzfahrt]]en von Bedeutung. 2017 wurden bei 190 Anläufen von 36 verschiedenen [[Kreuzfahrtschiff]]en 892.000 Passagiere abgefertigt.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.rostock-port.de/kreuzschifffahrt/anlaeufe/statistiken.html |text=Statistiken: Kreuzfahrtschiffanläufe & Passagiere |wayback=20170106175113}}, Rostock Port Authority, abgerufen am 29. Dezember 2016</ref><ref>Eckhard-Herbert Arndt: ''Luxusliner: Lokale Wirtschaft profitiert''. In: ''[[Täglicher Hafenbericht]]'' vom 12. Oktober 2017, S. 15</ref> Begünstigt wird die Situation durch den [[Flughafen Rostock-Laage]], den guten Anschluss an Berlin, Hamburg und Skandinavien als Touristenziele und das 2005 eröffnete Kreuzfahrtterminal.<ref>{{Literatur |Titel=Flughafen Rostock-Laage mit neuem Passagierrekord 2017 |Sammelwerk=Rostock-Heute.de |Online=https://www.rostock-heute.de/flughafen-rostock-laage-bilanz-passagiere-2017/97451 |Abruf=2018-02-05}}</ref><br />
<!--- für historischen Zahlensalat muss anderswo Platz gefunden werden:<br />
2012&nbsp;gab es 181&nbsp;Anläufe, 2013 waren es 198&nbsp;Anläufe von 41&nbsp;Kreuzfahrtschiffen<ref>Eckhard-Herbert Arndt: ''Dritter Rekord in Folge für Hafen Rostock''. In: ''[[Täglicher Hafenbericht]]'' vom 23.&nbsp;Oktober 2013, S.&nbsp;4.</ref> mit rund 365.000&nbsp;Passagieren. In der Saison 2014 gab es 182&nbsp;Schiffsanläufe mit 378.000&nbsp;Passagieren auf 36 Schiffen, davon 170 Anläufe in Warnemünde und zwölf im Überseehafen.<ref>Eckhard-Herbert Arndt: ''Rostock: Neuer Rekord bei Cruise-Gästen''. In: ''[[Täglicher Hafenbericht]]'' vom 16.&nbsp;Oktober 2014, S.&nbsp;1/3.</ref> Während der Saison 2015 fanden 175&nbsp;Anläufe von 39&nbsp;Kreuzfahrtschiffen mit 354.000&nbsp;Passagieren statt, zwölf davon wieder im Überseehafen. Über 700.000 Passagiere (2014:&nbsp;756.000) gingen an bzw. von Bord, wobei es sich dabei zum großen Teil um die gleichen Personen handelte. Es gab 132.000 einschiffende (2014:&nbsp;131.000) und 131.000 ausschiffende (2014:&nbsp;132.000) Passagiere, die Zahl der Transit-Passagiere lag bei 222.000 (2014:&nbsp;239.000), sodass Rostock auf insgesamt rund 485.000&nbsp;Kreuzfahrtpassagiere (2014:&nbsp;509.000) kommt.<ref>http://www.rostock-port.de/kreuzschifffahrt/anlaeufe.html</ref> ---><br />
<br />
Seit mehreren Jahren nutzt die deutsche Reederei [[AIDA Cruises]] Warnemünde als Basishafen für Ostseekreuzfahrten. Auch die spanische [[Pullmantur]] nutzt Rostock inzwischen als Basis für ihre Ostseekreuzfahrten. [[Costa Crociere]] und [[MSC Kreuzfahrten]] nutzen seit 2010 bzw. 2014 Warnemünde neben [[Kopenhagen]] als Basishafen für Nordeuropa-Kreuzfahrten. Die [[Norwegian Cruise Line]] und die amerikanische Reederei [[Princess Cruises]] ermöglichen auf Ostseekreuzfahrten den Zustieg in Warnemünde. <!--Seit 2016 geht auch [[TUI Cruises]] mit dem neuen ''[[Mein&nbsp;Schiff&nbsp;5]]'' von Warnemünde aus auf Kreuzfahrt.<ref>{{Webarchiv|url=http://tuicruises.com/kreuzfahrt-hafen/warnemunde/ |wayback=20150319035214 |text=Kreuzfahrt-Hafen Warnemünde Deutschland |archiv-bot=2019-04-23 10:36:37 InternetArchiveBot }} auf der Interseite von TUI Cruises; abgerufen am 15.&nbsp;März 2015.</ref> ---><br />
<br />
Durch zahlreiche Kreuzfahrt-Schiffsanläufe steigt im Raum Warnemünde in der Kreuzfahrtsaison die Belastung durch [[Rußpartikel]]. So wurden 2013 nach einer [[NABU]]-Studie 300.000&nbsp;[[Feinstaub|Feinstpartikel]] pro cm³ gemessen. Damit werde die übliche Verschmutzung in urbanen Räumen um das 60-fache überschritten.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.nabu.de/themen/verkehr/schifffahrt/mirstinkts/16399.html |titel=Extreme Luftverschmutzung an Kreuzfahrtterminals: Gesundheitsgefährdende Schiffsabgase in Hamburg, Rostock, Venedig und New York |werk=NABU.de |datum=2013-12-03 |offline=1 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20141109220242/http://www.nabu.de/themen/verkehr/schifffahrt/mirstinkts/16399.html |archiv-datum=2014-11-09 |abruf=2014-02-24}}</ref> Gemessen an der Anzahl der Personen, die sich auf einem Schiff befinden, ist der Ausstoß im Vergleich zum Beispiel zu Automobilen allerdings gering.<ref>Holger Watter: {{Webarchiv |url=http://www.fh-flensburg.de/mz/AIDA-Emissionen.mp4 |text=Bewertung der AIDA-Emissionen |wayback=20130329235908}} auf fh-flensburg.de</ref> Die Reedereien vermelden, dass es kontinuierliche Verbesserungen und klare Ausstiegsszenarien gibt. Seit 2015 wird durch die seitdem in Nord- und Ostsee geltenden [[Sulphur Emission Control Area|SECA]]-Auflagen der weniger belastende [[Dieselkraftstoff]] statt des [[Schweröl]]s eingesetzt. [[Rußpartikelfilter]] seien allerdings noch nicht serienreif und neue Motoren würden erst in neuen Schiffsgenerationen verbaut.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.aida.de/aida-cruises/nachhaltigkeit/aida-cares-2013/aktuelles/newsdetail.26165/article/clia-europe-zur-nabu-kampagne-nabu-zielt-auf-emotion-statt-sachlicher-information.html |titel=CLIA Europe zur NABU-Kampagne: „NABU zielt auf Emotion statt sachlicher Information“ |werk=AIDA.de |datum=2012-12-18 |abruf=2014-02-24}}</ref><br />
<br />
=== Medien ===<br />
[[Datei:Rostock Ostsee-Zeitung.jpg|mini|Verlagsgebäude der Ostsee-Zeitung vor dem [[Steintor (Rostock)|Steintor]]]]<br />
<br />
Das erste periodisch erscheinende Nachrichtenblatt in Rostock, der ''Auszug der Neuesten Zeitungen'' erschien ab 1711. 1846&nbsp;wurde daraus die ''[[Rostocker Zeitung]]'', die Zeitung des liberalen Bürgertums der Stadt. Lange auflagenstärkste Zeitung des Landes war der 1881 gegründete ''Rostocker Anzeiger''.<br />
<br />
Im 20. Jahrhundert spiegelten die Zeitungen vorwiegend die politischen Gruppen wider. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts finden sich im linken politischen Spektrum die sozialdemokratische ''[[Mecklenburgische Volks-Zeitung]]'' und die kommunistische ''Volkswacht'', im rechten die völkische ''Mecklenburger Warte'' und der nationalsozialistische ''Niederdeutsche Beobachter''. Zur Zeit der DDR wurde die Medienlandschaft vom Staat bestimmt und so erschien als Organ der [[Sozialistische Einheitspartei Deutschlands|SED]] die ''Volkszeitung'', die ab 1946 ''Landeszeitung'' und dann 1953 ''[[Ostsee-Zeitung]]'' heißen sollte. Für die [[Christlich-Demokratische Union Deutschlands (DDR)|CDU]] erschien der ''[[Der Demokrat|Demokrat]]'', für die [[Liberal-Demokratische Partei Deutschlands|LDPD]] die ''[[Norddeutsche Zeitung (DDR)|Norddeutsche Zeitung]]'', und für die [[National-Demokratische Partei Deutschlands|NDPD]] die ''[[Norddeutsche Neueste Nachrichten|Norddeutschen Neuesten Nachrichten]]''. Nach der Wende wurde ''Der Demokrat'' an den Verlag der [[Frankfurter Allgemeine Zeitung|Frankfurter Allgemeinen Zeitung]] verkauft und wie die Norddeutsche Zeitung 1991 eingestellt.<br />
<br />
Überlebt haben dagegen die ''Ostsee-Zeitung'' (OZ) und die ''Norddeutschen Neuesten Nachrichten'' (NNN), die heute als regionale Tageszeitungen in Rostock erscheinen. Daneben gibt das Boulevardblatt ''[[Bild (Zeitung)|Bild]]'' eine Regionalausgabe für Mecklenburg-Vorpommern heraus. Es gibt mehrere Online-Stadtmagazine wie ''Rostock Heute'' und das ''Rostocker Journal'', außerdem regelmäßig erscheinende kostenlose Anzeigenmagazine. Als Monatspublikationen kommen regelmäßig das ''0381-Stadt & Kulturmagazin'', das ''Stadtmagazin Piste Rostock'' und ''HRO&nbsp;Live'' heraus. Das 1994 gegründete Magazin ''Stadtgespräche'' erscheint quartalsweise.<br />
<br />
Die Stadt ist Sitz eines Regionalstudios des [[NDR]], das Beiträge für den Hörfunk und das Fernsehprogramm produziert. Zwei regionale Fernsehsender berichten aus Rostock, der Privatsender ''[[tv.rostock]]'' und der Bürgerfernsehsender ''[[rok-tv]]'' (Rostocker [[Offener Kanal]]). Ebenfalls in Rostock ansässig ist der seit 2012 sendende landesweite Privatfernsehsender [[MV1]]. Im Sommer 2005 ging ''[[LOHRO|Radio Lohro]]'', ein nicht kommerzielles Stadtradio für die Region Rostock, auf Sendung. Ebenfalls aus der Hansestadt senden die landesweiten Privatsender ''[[Ostseewelle]]'' und ''[[80s80s MV]]'', zuvor ''[[Antenne MV]]''.<br />
<br />
Mit einer Rostocker Zweigstelle ist die [[Deutsche Presse-Agentur]] (dpa) vertreten.<br />
<br />
=== Schutzgebiete ===<br />
Im Stadtgebiet befinden sich [[Liste der Naturschutzgebiete in der Stadt Rostock|fünf]] ausgewiesene [[Naturschutzgebiet (Deutschland)|Naturschutzgebiete]] (Stand Februar 2017).<br />
<br />
== Verkehr ==<br />
=== Häfen ===<br />
[[Datei:Warnemünder Mole.jpg|mini|Molenfeuer in Warnemünde, an der Einfahrt zu den Rostocker Häfen]]<br />
<br />
{{Hauptartikel|Hafen Rostock|Rostocker Fischereihafen}}<br />
<br />
Nach Kriegsende wurde der stark zerstörte [[Rostocker Stadthafen|Stadthafen]], der jahrhundertelang der Haupthafen Rostocks war, in mehrjähriger Arbeit wieder instand gesetzt. Das Wirtschaftswachstum der DDR und der Aufbau einer großen staatlichen Handelsflotte erforderten jedoch den Bau eines neuen, leistungsfähigen Hochseehafens, der 1960 außerhalb der bebauten Stadt am Breitling in Betrieb genommen wurde. Dazu wurde in Warnemünde ein neuer Zugang zur Ostsee gebaggert. Um an die Bedürfnisse der DDR- und Ostblock-Wirtschaft angepasst zu sein, wurde der Überseehafen ständig aus- und umgebaut und erreichte 1989 mit über zwanzig Millionen Tonnen Umschlag –&nbsp;überwiegend Massenschüttgütern&nbsp;– sein bis dahin bestes Ergebnis.<br />
<br />
Mit der deutschen Einheit begann der mühevolle Weg, den ausschließlich auf DDR-Bedürfnisse ausgelegten Hafen so umzugestalten, dass er einen akzeptablen Platz im Ensemble der deutschen Häfen finden konnte. In den vergangenen 15&nbsp;Jahren hat der Überseehafen sein Erscheinungsbild und sein Leistungsangebot deshalb stark verändert. Aufgrund des modernen Ölhafens, der Anlagen für den Getreide-, Kohle-, Düngemittel- und Zementumschlag und des Terminals für den Export von Zucker, Holz, Schrott und Stückgütern ist er nach wie vor ein universaler Umschlagplatz.<br />
<br />
Der Überseehafen ist – gemessen am jährlichen Güterumschlag – der zweitgrößte deutsche Ostseehafen nach dem in [[Lübeck]] und nach [[Puttgarden]] ist er derjenige mit der zweithöchsten Zahl an Reisenden (ca. 2&nbsp;Mio. Passagiere). Passagierfähren verkehren nach [[Fährverbindung Rostock–Gedser|Gedser]] ([[Dänemark]]) und [[Fährverbindung Rostock–Trelleborg|Trelleborg]] ([[Schweden]]). Seit dem 30. August 2021 gibt es eine weitere Fährverbindung für den Passagier und Frachtverkehr von Rostock nach [[Nynäshamn]] (Schweden). Einmal pro Woche soll bei dieser Verbindung die Fähre einen Zwischenstopp in Visby auf Gotland (Schweden) einlegen.<br />
<br />
Eigentümer der Hafeninfrastruktur ist die ''Hafen-Entwicklungsgesellschaft Rostock mbH'' (HERO), ein Gemeinschaftsunternehmen des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Hansestadt Rostock. Der Hafenbetrieb wird durch die ''Seehafen Rostock Umschlagsgesellschaft mbH'', die sich in privatem Besitz befindet, und weitere Unternehmen durchgeführt.<br />
<br />
2013 wurden über die Rostocker Hafenanlagen insgesamt 23,2&nbsp;Millionen Tonnen Güter umgeschlagen (2012: 22,7&nbsp;Mio.&nbsp;t<ref>''Unterschiedliche Entwicklung der Umschlagzahlen. Bilanz 2012''. In: ''[[Schiff & Hafen]]'', Heft 5/2013, S.&nbsp;16/18, Seehafen-Verlag, Hamburg 2013, {{ISSN|0938-1643}}</ref>, 2011: 24&nbsp;Mio.&nbsp;t), davon 21,4&nbsp;Mio.&nbsp;t im Rostocker Überseehafen.<ref>''Leichtes Umschlagwachstum in Rostock und Kiel''. In: ''[[Schiff & Hafen]]'', Heft&nbsp;3/2014, S.&nbsp;68–70.</ref> Auf der Adria-Baltikum-Achse gibt es dazu Güterzugsverbindungen zwischen dem Hafen Rostock und dem Endpunkt der maritimen [[Seidenstraße]] um den Knotenpunkt [[Triest]].<ref>Vgl. „Hafen Triest auf Wachstumskurs: Neue Bahnverbindung nach Rostock“ in Der Trend vom 17. Oktober 2018.</ref><br />
<br />
Rostock gehört neben Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven zu den Städten, die im Gespräch für ein [[Flüssigerdgasterminal]] sind,<ref>[https://www.heise.de/tp/features/Weltpolitik-in-Norddeutschland-4205562.html Malte Daniljuk: „Weltpolitik in Norddeutschland“ Telepolis vom 29. Oktober 2018]</ref><ref>[https://www.wiwo.de/my/politik/deutschland/gas-importe-aus-den-usa-der-ueberfluessige-fluessiggas-hafen/22942326.html Angela Hennersdorf: „Der überflüssige Flüssiggas-Hafen“ Wirtschaftswoche vom 31. August 2018]</ref> 50 Umweltverbände und Bürgerinitiativen sprechen sich dagegen aus.<ref>[https://berliner-wassertisch.info/20181206-lng-terminal-brunsbuettel/ „LNG Terminal in Stade (oder Wilhelmshaven) torpediert Energiewende- und Klimaschutzverpflichtungen und generiert Investitionsruine“ Offener Brief vom 6. Dezember 2018]</ref><br />
<br />
=== Öffentlicher Personennahverkehr ===<br />
{{Hauptartikel|Verkehrsverbund Warnow|Straßenbahn Rostock|S-Bahn Rostock}}<br />
[[Datei:Straßenbahn Holbeinplatz.jpg|mini|Die Rostocker Straßenbahn]]<br />
[[Datei:Liniennetz Rostock und Umgebung.png|mini|Liniennetz des öffentlichen Nahverkehrs in Rostock und Umgebung]]<br />
<br />
1881 ging die erste [[Pferdebahn]] mit Waggons auf Schienen in Betrieb. Bereits zu Anfang gab es drei verschiedene Strecken. 1904&nbsp;nahm die erste elektrische [[Straßenbahn]] der ''Rostocker Straßenbahn AG'' ihren Betrieb auf. 1944&nbsp;wurde die RSAG nach Ablauf der Konzession zur ''Städtischen Straßenbahn Rostock'', aus der 1951 der ''[[Volkseigener Betrieb|VEB]] Nahverkehr Rostock'' hervorging. 39&nbsp;Jahre später erfolgte die Wiedergründung der ''[[Rostocker Straßenbahn AG]]'' (RSAG).<br />
<br />
Der [[ÖPNV|öffentliche Personennahverkehr]] wird durch die S-Bahn Rostock der [[DB Regio|Deutschen Bahn (Regio Nordost)]], durch Straßenbahnen und [[Rostocker Straßenbahn AG#Buslinien|Omnibuslinien der RSAG]] bedient. Es gibt sechs Straßenbahn-, 22&nbsp;[[Stadtbus]]- und zwei [[Nachtverkehr|Nachtbus]]-Linien. Zwei [[Fähre#Binnenfähren|Fährlinien]] verkehren über die [[Unterwarnow|Warnow]]: eine Personenfähre zwischen dem Stadtzentrum und Gehlsdorf sowie eine Autofähre zwischen Warnemünde und Hohe Düne. [[Regionalbusverkehr|Regionalbuslinien]] erschließen das Umland. Sie werden von [[rebus Regionalbus Rostock]] GmbH und weiteren Unternehmen innerhalb des [[Verkehrsverbund Warnow|Verkehrsverbundes Warnow]] (VVW) betrieben, der 1997 gegründet wurde.<br />
<br />
Ab 2006 gab es Planungen, durch eine [[Verknüpfung zwischen Straßenbahn und Eisenbahn|Verknüpfung von Schienenstrecken]] der Straßenbahn, Regionalbahn und S-Bahn ein [[Stadtbahn]]system herzustellen. Diese Überlegungen wurden auch aus wirtschaftlichen Gründen verworfen.<br />
[[Datei:S-Bahn Rostock 642.jpg|mini|Ein Triebwagen der Rostocker S-Bahn]]<br />
<br />
=== Eisenbahn ===<br />
[[Datei:Rostock Hauptbahnhof - Hauptzugang von Norden (6513111233).jpg|mini|Hauptbahnhof, Nordempfangsgebäude von 1913]]<br />
<br />
Der größte und wichtigste Personenbahnhof der Stadt ist der [[Rostock Hauptbahnhof|Rostocker Hauptbahnhof]], ein überregionaler Eisenbahnknoten. Im Fernverkehr verbinden [[Intercity-Express|ICE]] und [[Intercity (Deutschland)|Intercity]]-Züge Rostock u.&nbsp;a. mit [[Hamburg]], dem [[Ruhrgebiet]], [[Stuttgart]], [[Stralsund]], [[Berlin]], [[München]], [[Dresden]] und [[Leipzig]]. Einzelne Fernverkehrszüge bedienen darüber hinaus den [[Bahnhof Warnemünde]].<br />
<br />
Rostock verfügt über ein [[S-Bahn Rostock|eigenes S-Bahn-Netz]]. Dessen Hauptachse verbindet die Innenstadt mit den nördlichen [[Großwohnsiedlung]]en wie [[Lütten Klein]] und [[Warnemünde]]. Die [[S-Bahn]]-Züge verkehren in den [[Verkehrszeiten#Hauptverkehrszeit|Spitzenzeiten]] alle 7½ Minuten. S-Bahn-Züge über [[Schwaan]] oder [[Laage]] nach Güstrow fahren stündlich, samstags, sonn- und feiertags alle 2 Stunden.<br />
<br />
=== Straßen ===<br />
Rostock liegt an den Autobahnen [[Bundesautobahn 19|A 19]] (Rostock–Autobahndreieck Wittstock (Dosse)–Berlin) und [[Bundesautobahn 20|A 20]] (Stettin–Stralsund–Rostock–Lübeck), die im [[Autobahnkreuz Rostock]] miteinander verknüpft sind, und an den Bundesstraßen [[Bundesstraße 103|B&nbsp;103]], [[Bundesstraße 105|B&nbsp;105]] und [[Bundesstraße 110|B&nbsp;110]]. Die Autobahnen und die Bundesstraßen&nbsp;103 und 105 bilden zusammen mit dem [[Warnowtunnel]] einen Schnellstraßenring in und um Rostock.<br />
<br />
Der Warnowtunnel wurde 2003 als Verbindung der westlich und östlich der [[Unterwarnow]] gelegenen Stadtteile zwischen [[Schmarl]] und Oldendorf eröffnet. An seinem östlichen Ende beginnt die A&nbsp;19, das Westende ist mit der Schnellstraße vom Rostocker Zentrum nach Warnemünde verbunden. Der Tunnel ist der erste privat finanzierte und [[maut]]pflichtige Straßentunnel Deutschlands. Ging man in den Planungen zunächst von 22.000 Durchfahrten pro Tag aus, hat sich die Verkehrsbelegung heute bei rund 12.000 Durchfahrten eingependelt. Damit konnten sich die Erwartungen bisher bei weitem nicht erfüllen. Als Konsequenz daraus wurde das Finanzierungsmodell nachträglich angepasst.<br />
<br />
Von 1998 bis 2007 wurde auch das innerstädtische Straßennetz mit dem Neu- und Ausbau der Arnold-Bernhard-Straße und der August-Bebel-Straße sowie der Verbindung vom Schröderplatz zum Warnowufer grundlegend neu gestaltet. Parallel dazu wurden die früher verkehrsreichen Plätze Neuer Markt und Doberaner Platz für den Kfz-Durchgangsverkehr gesperrt.<br />
<br />
=== Fahrradverkehr ===<br />
Rostock ist an zahlreiche nationale und internationale [[Radwanderweg|Radfernwege]] angeschlossen: unter anderem an den [[Ostseeküsten-Route (EV10)|Ostseeküsten-Radweg]] (verläuft als [[EuroVelo]] Route 10 einmal um die Ostsee zu Städten wie Kiel, Stralsund und Danzig),<ref>{{Internetquelle |url=https://www.auf-nach-mv.de/ostseekuesten-radfernweg |titel=Ostseeküsten-Radweg |werk=Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.&nbsp;V. |abruf=2023-01-21}} / {{Internetquelle |url=https://de.eurovelo.com/ev10 |titel=EuroVelo 10: Ostseeküsten-Route |werk=EuroVelo – the european cycle route network |abruf=2023-01-21}}</ref> an den [[Radweg Berlin–Kopenhagen]] (u.&nbsp;a. über Güstrow und Gedser)<ref>{{Internetquelle |url=http://www.bike-berlin-copenhagen.com/de |titel=Radfernweg Berlin – Kopenhagen |werk=Bike Berlin–Kopenhagen |abruf=2023-01-21}}</ref> und an den [[Iron Curtain Trail (EV13)|Iron Curtain Trail]] (verläuft durch 14 Länder entlang des ehemaligen ''Eisernen Vorhangs'' von Norwegen bis ans Schwarze Meer)<ref>{{Internetquelle |url=https://de.eurovelo.com/ev13 |titel=EuroVelo 13: Iron Curtain Trail |werk=EuroVelo – the european cycle route network |abruf=2023-01-21}}</ref><ref>{{Webarchiv |url=http://www.ironcurtaintrail.eu/die_etappen/index.html |text=''Iron-Curtain-Trail. Am ehemaligen Eisernen Vorhang quer durch Europa'' |wayback=20170420045845}}, abgerufen am 21. Jan. 2023</ref>.<br />
<br />
Im Mai 2019 erfolgte am Südstadt-Campus der erste Spatenstich für ein insgesamt 28 Kilometer langes [[Radschnellweg]]enetz zwischen [[Rostock Hauptbahnhof|Hauptbahnhof]] und [[Warnemünde]] sowie von [[Evershagen]] nach [[Dierkow]]. 2024 sollen wesentliche Abschnitte verfügbar sein. Das erste Teilstück bis zur Erich-Schlesinger-Straße wurde ein Jahr später freigegeben.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.rostock-heute.de/baubeginn-radschnellweg-rostock/106832 |titel=Erster Spatenstich für Rostocks Radschnellwegenetz |werk=Rostock-Heute |datum=2019-05-09 |abruf=2023-01-20}} / {{Internetquelle |url=https://www.rostock-heute.de/radschnellweg-rostock-suedstadt-campus/112331 |titel=Erster Radschnellweg in Rostock eröffnet |werk=Rostock-Heute |datum=2020-05-08 |abruf=2023-01-20}}</ref> Die Initiative ''Corona-sichere Rad- und Gehwege'' führte auch in Rostock zur Einrichtung eines [[Pop-up-Radweg]]s: Im Mai 2020 hatten die Fahrradfahrer knapp 150 Meter einer Autospur am Mühlendamm etwa drei Stunden lang für sich.<br />
<br />
Für das darüber hinaus erklärte Ziel, mehr [[Radverkehrsanlage|Radwege]] in der Innenstadt einzurichten, kämpft der im Sommer 2018 gegründete ''[[Initiative Volksentscheid Fahrrad|Radentscheid Rostock]]''. Am 6. November 2021, zwei Jahre nach dem Auftrag der Bürgerschaft an den Oberbürgermeister, die zehn Ziele des Radentscheids möglichst weitgehend umzusetzen, musste die Initiative jedoch feststellen, die Menschen sähen „keine wahrnehmbaren Veränderungen“. Immerhin würde die „Fastlane [[Fahrradstadt]]“ im Dezember endlich ihre Arbeit aufnehmen.<ref>{{Internetquelle |url=https://radentscheid-rostock.de/2021/11/06/zwei-jahre-buergerschaftsbeschluss-zum-radentscheid-rostock-radverkehr-nicht-haengen-lassen/ |titel=Zwei Jahre Bürgerschaftsbeschluss zum Radentscheid Rostock: „Radverkehr nicht hängen lassen!” |werk=Website Radentscheid Rostock |datum=2021-11-06 |abruf=2023-01-21}}</ref> Als „Modellprojekt zur [[Verkehrswende]] und Fahrradstadt Rostock“ wurde die [[Fahrradstraße]] [[Lange Straße (Rostock)|Lange Straße]] trotz Kritik des Radentscheids am 1.&nbsp;Mai 2022 für ein Jahr umgesetzt. Den Gegenvorschlag, eine Auftrennung in Radweg und Kfz-Straße, lehnte die Stadt aus verkehrstechnischen Gründen ab.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/media/4984/20220127_FF%20-%20Vorstellung%20Lange%20Stra%C3%9Fe%20%282%20Folien%29.pdf.pdf |titel=Planung Lange Straße – Fahrradstraße |werk=Rathaus Rostock. Media |datum=2022-01-27 |format=PDF |abruf=2023-01-21}}</ref><br />
<br />
=== Flugverkehr ===<br />
[[Datei:Laage Flughafen Eingang.jpg|mini|Terminal am [[Flughafen Rostock-Laage]]]]<br />
{{Hauptartikel|Flughafen Rostock-Laage}}<br />
<br />
Etwa 25 Kilometer südöstlich von Rostock befindet sich in Nähe des [[Laage]]r Ortsteils [[Weitendorf (Laage)|Weitendorf]] der Flughafen ''Rostock Airport''. 1993 wurde der zivile Flugverkehr auf dem früher ausschließlich militärisch genutzten Flughafen aufgenommen. Über die ''Rostocker Versorgungs- und Verkehrsholding GmbH'' (RVV) ist die Hansestadt mit 54,1 % als Gesellschafter am Betrieb des Flughafens beteiligt.<ref>[http://www.rostock-airport.de/de/unternehmen/die-flughafen-gmbh/ rostock-airport.de:Die Flughafen GmbH], abgerufen am 15. Dezember 2012.</ref><br />
<br />
Lange Zeit verband die [[Lufthansa]] Rostock mit dem Drehkreuz [[Flughafen München|München]], doch diese Linie wurde mittlerweile eingestellt. Bis 2019 bediente zudem [[Germanwings]] die Strecken [[Flughafen Köln/Bonn|Köln/Bonn]]–Rostock und [[Flughafen Stuttgart|Stuttgart]]-Rostock. Im Sommerflugplan 2014 verband außerdem [[Germania Fluggesellschaft|Germania]] Rostock zeitweilig mit [[Flughafen Hurghada|Hurghada]], [[Flughafen Warna|Warna]] und [[Flughafen Palma|Palma de Mallorca]]. Die türkische Ferienmetropole [[Flughafen Antalya|Antalya]] wurde sowohl von Germania als auch von [[Tailwind Airlines]] bedient. 2014&nbsp;wurden 169.946&nbsp;Passagiere abgefertigt.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.rostock-airport.de/de/unternehmen/verkehrsdaten/ |text=rostock-airport.de: Verkehrsdaten |wayback=20151118055831}}, abgerufen am 13. November 2015.</ref> Im Zivilbereich gewann der Flughafen u.&nbsp;a. als Zubringer für den [[Kreuzfahrt]]tourismus an Bedeutung, ferner für weitere Urlaubsflüge.<ref>[https://www.rostock-heute.de/flughafen-rostock-laage-kreuzfahrtschiff-passagiere-costa/80535 Kreuzfahrtpassagiere beleben Flughafen Rostock-Laage], Rostock Heute, 5. Juni 2015</ref><br />
<br />
Mit der Einstellung der Linienflüge nach Köln/Bonn und Stuttgart im Jahr 2019 brachen die Passagierzahlen jedoch ein, und insbesondere die weltweite [[COVID-19-Pandemie]] sorgte ab 2020 für einen massiven Rückgang der Passagierzahlen, von dem sich Rostock-Laage bislang nicht erholen konnte.<ref>[https://www.airliners.de/rostock-laage-zukunft-linienverkehr/67465 Rostock-Laage sieht keine Zukunft im Linienverkehr], Airliners.de, 17. Januar 2023</ref> Aktuell gibt es von Rostock regelmäßige Linienflüge nach Antalya und [[Iraklio]], hinzu kommen Charterflüge.<br />
<br />
Rostock ist durch den [[Liste der Intercity-Linien (Deutschland)|IC 17]] direkt an den [[Flughafen Berlin Brandenburg]] angebunden, die Fahrt dauert etwa zweieinhalb Stunden.<br />
<br />
== Bildung und Öffentliche Einrichtungen ==<br />
=== Bundes- und Landeseinrichtungen ===<br />
* Gerichte: [[Landgericht Rostock]], [[Oberlandesgericht Rostock]], [[Arbeitsgericht Rostock]], [[Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern]], [[Sozialgericht Rostock]]<br />
* Bundeseinrichtungen: [[Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie]] (BSH), [[Johann Heinrich von Thünen-Institut]] sowie eine Filiale der [[Deutsche Bundesbank|Bundesbank]]<br />
* Landeseinrichtungen: Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern, Landesamt für Straßenbau und Verkehr Mecklenburg-Vorpommern, Landesgesundheitsamt Mecklenburg-Vorpommern, Landesinstitut für Schule und Ausbildung Mecklenburg-Vorpommern, Landesprüfungsamt für Bautechnik Mecklenburg-Vorpommern, Landesversorgungsamt Mecklenburg-Vorpommern, Lehrerprüfungsamt Mecklenburg-Vorpommern, Staatliches Amt für Umwelt und Natur Rostock, Staatliches Schulamt Rostock, Amt für Raumordnung und Landesplanung Mittleres Mecklenburg<br />
* Dienststelle des Deutschen Wetterdienstes<br />
* Weitere Einrichtungen: Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, [[Handwerkskammer]] Ostmecklenburg-Vorpommern, [[Deutsche Industrie- und Handelskammer|IHK]] Rostock<br />
<br />
=== Maritime Einrichtungen ===<br />
* [[Bundesforschungsanstalt für Fischerei]]<br />
* Einer der zwei Hauptsitze des [[Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie|BSH]]<br />
* Wetterstation des [[Deutscher Wetterdienst|DWD]]<br />
* [[Wasserschutzpolizei]]direktion Mecklenburg-Vorpommern<br />
* [[Bundespolizei (Deutschland)|Bundespolizeiamt]] Rostock<br />
<br />
=== Bildung ===<br />
* 18 [[Grundschule]]n<br />
* vier [[regionale Schule]]n<br />
* elf [[Gesamtschule]]n<br />
* sechs [[Gymnasium|Gymnasien]]<br />
* [[Waldorfschule]]<br />
* neun [[Förderschule (Deutschland)|Förderschulen]]<br />
* zwölf [[Berufsschule]]n<br />
* eine [[Volkshochschule]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.vhs-hro.de/ |titel=VHS Rostock: Startseite |abruf=2019-06-03}}</ref><br />
* zwei [[Musikschule]]n<ref>[http://rathaus.rostock.de/sixcms/detail.php?template=uebersicht_bildung_de&_sid1=rostock_01.c.261.de&_sid2=rostock_01.c.388.de&_sid3=rostock_01.c.415.de Rostock in Zahlen, Bildung], rostock.de.</ref><br />
* sieben sonstige Schulen und Nebenstellen, mit unter anderem der Kunstschule, der [[Sternwarte]] und der Zooschule<br />
* Das [[Musikgymnasium Käthe Kollwitz Rostock|Musikgymnasium Käthe Kollwitz]] ist ein allgemeinbildendes [[Gymnasium]] mit einem Musikförderzweig.<br />
* Für die außerschulische musikalische Ausbildung gibt es das [[Konservatorium Rostock|Konservatorium]] und die ''Welt-Musik-Schule „Carl Orff“''. Daneben existieren weitere private Musikschulen.<br />
{{Siehe auch|Liste der Schulen in Mecklenburg-Vorpommern#Kreisfreie Stadt Rostock|titel1=Liste der Schulen in Rostock}}<br />
<br />
=== Hochschule und Forschung ===<br />
==== Universität Rostock ====<br />
[[Datei:Rostock asv2018-05 img29 University.jpg|mini|Das Hauptgebäude der [[Universität Rostock]]]]<br />
{{Hauptartikel|Universität Rostock}}<br />
<br />
2019 feierte die Universität Rostock ihr 600-jähriges Bestehen. Die 1419 gegründete Einrichtung ist die drittälteste [[Liste der Hochschulen in Deutschland|Universität Deutschlands]] und die älteste und traditionsreichste Hochschule im Ostseeraum.<ref name="Fakten">[https://www.uni-rostock.de/universitaet/uni-gestern-und-heute/zahlen-und-fakten/ ''Universität Rostock – Zahlen und Fakten''] (abgerufen am 19. April 2021)</ref> Als klassische Universität umfasste sie von Anfang an die juristische, die philosophische und die medizinische [[Fakultät (Hochschule)|Fakultät]], 1432 erfolgte die Erweiterung um den Fachbereich [[Theologie]]. Das anfangs hohe Ansehen verlieh der Einrichtung bereits nach kurzer Zeit den Beinamen „Leuchte des Nordens“. Nach einem Niedergang im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Hochschule seit 1860 einen Aufschwung und konnte wieder Anschluss an die übrigen deutschen Universitäten gewinnen. In der DDR erfuhren Forschung und Unterricht dann eine Veränderung zulasten der klassischen und zugunsten der technischen Fächer. 1976 wurde die Universität zu Ehren des 1960 verstorbenen Politikers [[Wilhelm Pieck]] umbenannt und behielt diesen Namen bis zum Ende der DDR.<br />
<br />
Nach der Rückbenennung im Jahr 1990 wurden bis 2004 mehrere Neustrukturierungen vorgenommen, durch die die Hochschule wieder zur [[Volluniversität]] wurde. Heute gliedert sich die Uni in neun Fakultäten (in der Reihenfolge der Zahl der Studierenden): [[Philosophische Fakultät]], [[Universitätsmedizin Rostock]], Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Fakultät für Informatik und Elektrotechnik, [[Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik Rostock|Fakultät für Maschinenbau und Schiffstechnik]], Agrar- und Umweltwissenschaftliche Fakultät, [[Theologische Fakultät]], Juristische Fakultät. Eine Besonderheit ist die zusätzliche Interdisziplinäre Fakultät: Sie verbindet Forschende und Studierende aller Fachrichtungen in vier Departments: „Leben, Licht und Materie“, „Maritime Systeme“, „Altern des Individuums und der Gesellschaft“ sowie „Wissen – Kultur – Transformation“. Mit über 150 [[Studiengang|Studiengängen]] und Teilstudiengängen gehört die Universität zu den Hochschulen Deutschlands mit dem breitesten Fächerspektrum.<ref>[https://www.uni-rostock.de/storages/uni-rostock/UniHome/Verwaltung/Intranet/Dezernat_2/Referat_2.5/Zahlen_und_Fakten/2019/Flyer_Uni_Zahlen_2020_deutsch_final.pdf ''Die Universität in Zahlen, Ausgabe 2020''] (abgerufen am 19. April 2021)</ref> Die Zahl der Universitätsbeschäftigten beträgt ca. 2.300, darunter etwa 280 Professoren.<ref>[https://www.uni-rostock.de/universitaet/organisation/verwaltung/dezernat-personal-und-personalentwicklung-d4/ ''Dezernat Personal und Personalentwicklung''] (abgerufen am 19. April 2021)</ref> Im Wintersemester 2019/20 waren an der Universität Rostock 13.004 Studierende immatrikuliert.<ref name="Fakten" /><br />
<br />
==== Hochschule für Musik und Theater ====<br />
[[Datei:Rostock HMT1.jpg|mini|Hochschule für Musik und Theater]]<br />
{{Hauptartikel|Hochschule für Musik und Theater Rostock}}<br />
<br />
1947 wurde eine Hochschule für Musik, Theater und Tanz gegründet, die später als Außenstelle der Berliner [[Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin|Hochschule „Hanns Eisler“]] Studenten der Musik ausbildete. Aus dieser Tradition heraus wurde 1994 die [[Hochschule für Musik und Theater Rostock]] (HMT) geschaffen. 2001&nbsp;erhielt sie einen beachtenswerten Neubau auf den Ruinen des vormaligen [[Katharinenkloster (Rostock)|Katharinenstifts]]. An der Hochschule studieren etwa 600&nbsp;Studenten.<br />
<br />
Die Hochschule ist eine der jüngsten ihrer Art in Deutschland. Sie fühlt sich stark mit entsprechenden Einrichtungen in [[Vilnius]], [[Riga]] und [[Tallinn]] verbunden und kooperiert auch mit den Hochschulen in [[Krakau]], [[Danzig]] und [[Posen]].<br />
<br />
==== Hochschule Wismar ====<br />
{{Hauptartikel|Hochschule Wismar}}<br />
<br />
Der Bereich Seefahrt der Hochschule Wismar mit dem [[Maritimes Simulationszentrum Warnemünde|maritimen Simulationszentrum]] ist in Warnemünde ansässig.<br />
<br />
==== Fachhochschule des Mittelstands ====<br />
Die [[Fachhochschule des Mittelstands]] (FHM) wurde im Jahr 2000 in privater Trägerschaft gegründet und bietet speziell auf den Mittelstand ausgerichtete, staatlich anerkannte Studiengänge aus den Bereichen Medien, Journalismus, Marketing, Informatik und Wirtschaft an. Die FHM hat ihren Verwaltungssitz in [[Bielefeld]] mit Niederlassungen in [[Bamberg]], [[Düren]], [[Hannover]], [[Köln]], [[Frechen]], [[Berlin]], [[Waldshut-Tiengen]] und in Rostock.<br />
<br />
==== Sonstige Forschungseinrichtungen ====<br />
* ''[[Max-Planck-Institut für demografische Forschung]]''<br />
* ''[[Leibniz-Institut für Ostseeforschung]]'', 1992 hervorgegangen aus dem Institut für Meereskunde Warnemünde<br />
* ''[[Leibniz-Institut für Katalyse]]'', 2006 hervorgegangen aus dem Zusammenschluss der Institute für ''Organische Katalyseforschung'' und für ''Angewandte Chemie Berlin-Adlershof''.<br />
* Institute der [[Fraunhofer-Gesellschaft]]: das ''[[Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung|Institut für Graphische Datenverarbeitung]]'', das [[Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik|Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.igp.fraunhofer.de/de/Im_Profil.html |titel=Das Institut |sprache=de |abruf=2022-07-26}}</ref> und das [[Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie]]<br />
* ''[[Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen]]'' (DZNE), bildet mit [[Greifswald]] einen gemeinsamen Standort<br />
* ''Institut für Ostseefischerei'', Fachinstitut des ''[[Johann Heinrich von Thünen-Institut]]s''<br />
<br />
=== Bibliotheken und Archive ===<br />
[[Datei:UB Rostock 2013.jpg|mini|[[Universitätsbibliothek Rostock]]<br />Bibliotheksneubau von 2004 in der Rostocker Südstadt]]<br />
<br />
* Die [[Universitätsbibliothek Rostock]] wurde 1569 gegründet und verfügt über einen Bestand von ca. 2,2 Mio. Bänden.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.ub.uni-rostock.de/ub/xAboutUs/statistic_xde.shtml |titel=Universitätsbibliothek Rostock in Zahlen |hrsg=[[Universitätsbibliothek Rostock]] |datum=2013-06-24 |abruf=2014-02-24}}</ref> Sie ist verantwortlich für die universitäre Versorgung von Forschung, Lehre und Studium und dient als große [[wissenschaftliche Bibliothek]] in Mecklenburg-Vorpommern auch der regionalen und überregionalen Literaturversorgung.<br />
* Die ''Stadtbibliothek Rostock'' ist mit einem Gesamtbestand von ca. 150.000 Medien, verteilt auf mehrere Stadtteilbibliotheken, die zweitgrößte Bibliothek der Stadt.<br />
* Von Bedeutung sind Bibliothek und Nachlass der Schriftsteller [[Walter Kempowski]] und [[Uwe Johnson]]. Während das Kempowski-Archiv durch den Verein ''Kempowski-Archiv Rostock – Ein bürgerliches Haus'' verwaltet wird, werden Bibliothek und Nachlass von Uwe Johnson durch die Uwe Johnson-Forschungsstelle der [[Universität Rostock]] und die Universitätsbibliothek Rostock erschlossen und für die wissenschaftliche Nutzung bereitgestellt.<ref name="UJA">{{Internetquelle |url=http://www.ub.uni-rostock.de/ub/xGeneral/a-z_xde.shtml#UJA |titel=Uwe Johnson-Archiv |hrsg=Universitätsbibliothek Rostock |abruf=2014-02-24}}</ref><ref>{{Internetquelle |url=http://www.ujfs.uni-rostock.de/ |titel=Johnson-Forschungsstelle |hrsg=Johnson Forschungsstelle der Universität Rostock |abruf=2014-02-24}}</ref><br />
* Im [[Stadtarchiv Rostock]] finden sich Dokumente zur Geschichte der Stadt und deren Umland.<br />
* Die [[Liste von Bibliotheken und Archiven in der Region Rostock]] gibt eine Übersicht über öffentlich zugängliche Bibliotheken, Archive und Spezialsammlungen der Stadt und der Region Rostock.<ref>[http://biro.ub.uni-rostock.de/ Bibliotheken Region Rostock]</ref><br />
<br />
== Militär in Rostock ==<br />
Rostock war Garnisonsstadt für die [[Großherzoglich Mecklenburgisches Füsilier-Regiment „Kaiser Wilhelm“ Nr. 90|preußische Armee]], [[5. (Preußisches) Infanterie-Regiment (Reichswehr)|Reichswehr]], [[12. Infanterie-Division (Wehrmacht)|Wehrmacht]] und die [[Nationale Volksarmee]] der DDR. Aktuell sind das [[Marinekommando]] und weitere Einrichtungen [[Deutsche Marine|Deutschen Marine]] der Stadt angesiedelt.<br />
<br />
Aus der Zeit der Monarchie stammte die Infanteriekaserne an der ''Ulmenstraße'' (DDR-Bezeichnung: ''Fiete-Schulze-Kaserne''/[[6.&nbsp;Grenzbrigade Küste]], heute [[Universität Rostock]]). Bei der [[Aufrüstung der Wehrmacht]] entstanden zwei Kasernenneubauten an der heutigen ''Kopernikusstraße''/''Tschaikowskistraße''. (DDR-Bezeichnung für die vom [[8. motorisierte Schützendivision#Organisation|Motorisierten Schützenregiment (MSR) 28 und vom Artillerieregiment 8]] genutzten Areale: westlich ''Erich-Mühsam-Kaserne'', heute aufgelassen; östlich ''Wilhelm-Florin-Kaserne'', heute [[Hanse-Kaserne]] der [[Bundeswehr]]).<br />
<br />
Die Hanse-Kaserne ist heute Sitz des Marinekommandos der Bundeswehr. Auf dem Kasernengelände ist seit Oktober 2024 der [[Commander Task Force Baltic]], CTF Baltic untergebracht.<br />
<br />
Weitere militärische Einrichtungen in der Stadt sind der [[Marinestützpunkt Hohe Düne]] im Ortsteil [[Hohe Düne]] mit dem [[1. Korvettengeschwader]], einer Außenstelle der [[Militärischer Abschirmdienst|MAD]]-Stelle&nbsp;1 und der [[Sportfördergruppe der Bundeswehr|Sportfördergruppe]] der Deutschen Marine.<br />
<br />
In Warnemünde befindet sich das [[Marinearsenal Warnowwerft]], ein Teil des [[Marinearsenal (Deutschland)|Marinearsenals]].<br />
<br />
== Religionen ==<br />
[[Datei:Rostock St. Marien Kirche 5.jpg|mini|Marienkirche: größtes Gotteshaus der Stadt]]<br />
[[Datei:Rostock asv2018-05 img51 Michaeliskloster.jpg|mini|[[Michaeliskloster (Rostock)|Michaeliskloster]]: heute auch weltlich genutzt]]<br />
<br />
=== Konfessionsstatistik ===<br />
November 2024 waren von den Einwohnern 17.956 evangelisch und 6.191 katholisch.<ref>[https://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/immer-mehr-menschen-im-nordosten-treten-aus-kirche-aus-110269660.html Immer mehr Menschen im Nordosten treten aus Kirche aus]</ref><br />
Die große Mehrheit der Rostocker ist [[konfessionslos]]. Ende Dezember 2023 waren 8,7 % (18.485) der Einwohner der Stadt [[Evangelische Kirche in Deutschland|evangelisch]], 3,0 % oder 6.303 [[Römisch-katholische Kirche in Deutschland|römisch-katholisch]] und 88,3 % waren [[Konfessionslosigkeit|konfessionslos]] oder gehörten einer sonstigen [[Glaubensgemeinschaft]] an.<ref>[https://rathaus.rostock.de/media/rostock_01.a.4984.de/datei/2024%20Statistisches%20Jahrbuch.462887.pdf Rostock Statistisches Jahrbuch 2024] (PDF; 18&nbsp;MB), abgerufen am 6. Januar 2025</ref><ref>[https://fowid.de/meldung/81-grossstaedte-kirchenmitglieder-ende-2023 Großstädte: Kirchenmitglieder Ende 2023, Tabelle 1, Auswertungen von Carsten Frerk und Eberhard Funk FOWID], abgerufen am 30. Juli 2024.</ref><br />
Mit Stand Dezember 2022 waren von den 210.802 Einwohnern 9,0 % (18.922) [[evangelisch]], 3,1 % (6.441) [[römisch-katholische Kirche|katholisch]] und 88,0 % (185.439) hatten eine sonstige oder keine Konfession.<ref>[https://rathaus.rostock.de/media/rostock_01.a.4984.de/datei/2023%20Statistisches%20Jahrbuch.pdf 2023 Statistisches Jahrbuch] (PDF; 18&nbsp;MB), abgerufen am 9. Januar 2024</ref> Im Dezember 2020 waren von den 209.755 Einwohnern 9,6 % (20.091) evangelisch und 3,2 % (6.795) [[römisch-katholische Kirche|katholisch]]. 87,2 % (182.483) hatten eine sonstige oder keine Konfession.<ref>[https://rathaus.rostock.de/media/rostock_01.a.4984.de/datei/2021%20Statistisches%20Jahrbuch.pdf Stadt Rostock: ''Statistisches Jahrbuch 2020. Bevölkerung nach Religionszugehörigkeit und Stadtbereichen 2019'', Seite 62], abgerufen am 6. April 2022</ref><ref>[https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/rostock_01.a.4984.de/datei/HRO_Jahrbuch%202018.pdf Statistisches Jahrbuch HANSE- UND UNIVERSITÄTSSTADT ROSTOCK 2018 223 Bevölkerung nach Religionszugehörigkeit und Stadtbereichen 1992 und 2017 Seite 56]{{Toter Link |url=https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/rostock_01.a.4984.de/datei/HRO_Jahrbuch%202018.pdf |date=2024-04 |archivebot=2024-04-29 06:50:28 InternetArchiveBot}}, abgerufen am 24. November 2019</ref><br />
<br />
=== Christentum ===<br />
Als Anhänger der [[Slawische Mythologie|slawischen Mythologie]] setzten sich die Wenden lange gegen die gewaltsame [[Christianisierung]] zur Wehr. Spätestens jedoch mit [[Pribislaw (Mecklenburg)|Fürst Pribislaw]] wurde das [[Christentum]] in [[Mecklenburg]] eingeführt. Zeugen dieses neuen Glaubens waren im 13.&nbsp;Jahrhundert vier Hauptkirchen: [[Petrikirche (Rostock)|Petrikirche]], [[Nikolaikirche (Rostock)|Nikolaikirche]], [[Marienkirche (Rostock)|Marienkirche]] und [[Jakobikirche (Rostock)|Jakobikirche]]. 1432&nbsp;wurde an der [[Universität Rostock|Universität]] die Theologische Fakultät eingerichtet. Die verstärkte Laienfrömmigkeit gegen Ende des Mittelalters führte zur Gründung zahlreicher Beginenhäuser und Konvente. Das [[Hospital St. Georg (Rostock)|Hospital St.&nbsp;Georg]] bestand vom 13. bis zum 19.&nbsp;Jahrhundert.<br />
<br />
'''Reformation'''<br />
<br />
Nachdem der Kaplan der Petrikirche, [[Joachim Slüter]], 1525 ein niederdeutsches Gesangbuch mit lutherischen Liedern herausgegeben hatte, begann in Rostock die [[Reformation]]. Slüter setzte sie bis 1531 durch, sein Nachfolger [[Johann Oldendorp]] führte den Prozess ab 1532 fort. Gleichzeitig entwickelten sich auch die anderen Hansestädte zu bürgerlichen Zentren dieser Konfession. Mit der einhergehenden Unterdrückung des Katholizismus wurden die Katholiken als „[[Papist]]en“ beschimpft. Rostock bekam einen eigenen [[Superintendent]]en und ein eigenes [[Geistliches Ministerium]]. Seitdem ist der evangelische Glaube die vorherrschende Religion. Die evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden der Stadt gehören zur [[Propstei (Kirche)|Propstei]] Rostock im [[Kirchenkreis]] Mecklenburg der [[Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland|Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland]] ''(Nordkirche)''.<br />
<br />
'''Katholizismus'''<br />
<br />
1872 begründeten [[Römisch-katholische Kirche|Katholiken]] die erste katholische Pfarrgemeinde seit der Reformation und errichteten 1909 die [[Christuskirche (Rostock)|Christuskirche]] am Schröderplatz. Die Gemeinde gehörte –&nbsp;wie ganz Mecklenburg&nbsp;– zunächst zum [[Apostolisches Vikariat des Nordens|Apostolischen Vikariat der Nordischen Missionen]], dessen Jurisdiktion dauernd mit dem Bischofsstuhl zu Osnabrück verbunden war. 1930 wurde das Gebiet offiziell Teil des [[Bistum Osnabrück|Bistums Osnabrück]]. Die Aufteilung des Dekanats Mecklenburg in einen westlichen, einen mittleren und einen östlichen Konferenzbezirk erfolgte 1941. Die Grenzziehung nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] erschwerte dem Osnabrücker Bischof die Wahrnehmung seiner Amtsgeschäfte in Mecklenburg. So entstand 1946 das Bischöfliche Kommissariat Schwerin, aus dem 1973 das [[Bischöfliches Amt Schwerin|Bischöfliche Amt Schwerin]] mit einem [[Weihbischof]] als „residierendem Bischof“ hervorging. Als Ersatz für die 1971 gesprengte Christuskirche wurde ein Neubau im Häktweg errichtet. Seit 1995 gehören die Rostocker Katholiken zum neugegründeten [[Erzbistum Hamburg]]. Die Pfarrgemeinden der Stadt Rostock sind Teil des Dekanats Rostock des [[Erzbischöfliches Amt Schwerin|Erzbischöflichen Amtes Schwerin]] innerhalb des Erzbistums.<br />
<br />
'''Freikirchen'''<br />
<br />
Zu den [[Freikirche]]n zählen zwei [[Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden|Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden]] ([[Baptisten]] und [[Brüderbewegung|Brüdergemeinde]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.efgrostock.de/ |titel=Internetauftritt der Brüdergemeinde |sprache=de-DE |abruf=2021-02-02}}</ref>), eine [[Stiftung Freie evangelische Gemeinde in Norddeutschland|Freie evangelische Gemeinde]]<ref>{{Internetquelle |url=https://rostock.feg.de/ |titel=Internetauftritt der FeG Rostock |sprache=de-DE |abruf=2021-02-06}}</ref>, die [[Evangelisch-methodistische Kirche|Evangelisch-methodistische]] [[Michaeliskloster (Rostock)|Kirche St.&nbsp;Michaelis]], eine [[Siebenten-Tags-Adventisten|Adventgemeinde]], das „Christliche Zentrum“ ([[Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden]]) und das [[Neocharismatische Bewegung|charismatische]] „Gospelzentrum“. Ferner gibt es die [[Landeskirchliche Gemeinschaft]], eine [[Pietismus|pietistische]] Gemeinschaftsbewegung innerhalb der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Die [[Neuapostolische Kirche]] ist mit zwei Gemeinden vertreten. Die Gemeinde mit der größeren Mitgliederzahl befindet sich seit 2013 im [[Hansaviertel (Rostock)|Hansaviertel]] an der Einmündung Parkstraße/Voßstraße. Die andere Gemeinde befindet sich in [[Warnemünde]] im Wiesenweg. Die [[Russisch-Orthodoxe Kirche]] ist mit der ''Kirchengemeinde der Seligen Xenia von St.&nbsp;Petersburg'' vertreten. Die Gemeinde der [[Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche|Berliner Diözese]] befindet sich seit 2000 in der Stadt, seit 2006 in der Thünenstraße&nbsp;9. Auch die [[Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage]] (auch Mormonen genannt) ist mit einer Gemeinde vertreten, sowie die [[Die Christengemeinschaft|Christengemeinschaft]], die auf der [[Anthroposophie]] von [[Rudolf Steiner]] basiert und sich in der [[Pauluskirche (Rostock)|Pauluskirche]] versammelt. Zwei deutsch- und eine russischsprachige Gemeinden der [[Zeugen Jehovas]] nutzen gemeinsam einen [[Königreichssaal]] (Gemeindesaal) in der Schweriner Straße. Eine [[Katholisch-apostolische Gemeinden|katholisch-apostolische Gemeinde]] besteht seit Ende des 19.&nbsp;Jahrhunderts in der Paulstraße.<br />
<br />
'''Ökumenische Gemeinschaftstreffen'''<br />
<br />
Ende 2022 fand in Rostock das [[Europäisches Jugendtreffen|Europäische Jugendtreffen]] der ökumenischen Gemeinschaft von [[Communauté de Taizé|Taizé]] statt. 5000&nbsp;Jugendliche nahmen an diesem 45.&nbsp;Treffen teil. Die Bruderschaft von Taizé, die ihren Sitz im französischen Burgund hat, lädt seit 1978 zur Jahreswende zu Europäischen Jugendtreffen ein. Im Mittelpunkt der Treffen stehen Gesänge, Meditationen, Workshops und Gottesdienste.<ref>https://taizerostock.de/das-treffen/</ref><br />
<br />
=== Judentum ===<br />
{{Hauptartikel|Jüdische Gemeinde Rostock}}<br />
<br />
Seit 1868, nach dem Beitritt Mecklenburg-Schwerins zum [[Norddeutscher Bund|Norddeutschen Bund]], durften sich wieder [[Juden in Deutschland|Juden]] in der Stadt niederlassen. Schnell bildete sich die [[Jüdische Gemeinde Rostock|Israelitische Gemeinde Rostock]], die sich 1870 den [[Jüdischer Friedhof (Rostock)|Alten Jüdischen Friedhof]] am Rande des ''Alten Friedhofs'', dem heutigen ''Lindenpark'', einrichtete, wo sie bis 1942 ihre Mitglieder bestattete. Die Weihe der in der Augustenstraße errichteten [[Synagoge]] hatte 1902 stattgefunden. Sie wurde in der [[Reichspogromnacht]] vom 9. zum 10.&nbsp;November 1938 von [[Nationalsozialismus|Nationalsozialisten]] niedergebrannt. Schon vorher waren unter dem Druck viele Juden ausgewandert, einige hatten sich das Leben genommen. Jüdischer Besitz wurde „[[Arisierung|arisiert]]“. Zur „[[Endlösung der Judenfrage]]“ wurden die in Rostock verbliebenen 70&nbsp;Gemeindemitglieder von 1942 bis 1944 in [[Konzentrationslager]] deportiert, fast alle kamen dort ums Leben. An Opfer des [[Holocaust]] aus Rostock erinnern in den Boden vor ihren Wohnhäusern oder Wirkungsstätten eingelassene Gedenkplatten, die der ''Verein der Freunde und Förderer des [[Max-Samuel-Haus]]es e.&nbsp;V.'' seit 2001 in Kooperation mit der Stadt setzen lässt.<br />
<br />
Die heutige [[Jüdische Gemeinde Rostock]] unter Vorsitz von Juri Rosov zählt 540 Mitglieder<ref>[https://www.zentralratderjuden.de/vor-ort/gemeinden/projekt/juedische-gemeinde-rostock-kdoer/ Zentralrat der Juden in Deutschland: ''Jüdische Gemeinde Rostock''. Abgerufen am 11. November 2021]</ref> und hat ein Gemeindezentrum mit [[Synagoge]]. 1996&nbsp;richtete sie auf einem Abschnitt des 1977 eröffneten Westfriedhofs Rostocks den [[Jüdischer Friedhof (Rostock)|Neuen Jüdischen Friedhof]] ein.<br />
<br />
{{Siehe auch|Liste der Denk- und Stolpersteine in Rostock}}<br />
<br />
=== Islam ===<br />
2019 lebten in der Stadt rund 2000 [[Muslim]]e<ref>''[https://www.ostsee-zeitung.de/mecklenburg-vorpommern/rostocks-muslime-haben-das-recht-auf-ein-zuhause-YS7KRWZKF3U37FXKQMOOP7YCHQ.html Rostocks Muslime haben das Recht auf ein Zuhause]'', in: [[Ostsee-Zeitung]], 17. Januar 2019.</ref>. Es gibt eine [[Moschee]] in der Erich-Schlesinger-Straße, deren Trägerverein der ''Islamische Bund in Rostock e.&nbsp;V.'' ist. Bereits im Jahr 2016 gab es Bedenken, dass diese Moschee sich radikalisieren würde.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.nnn.de/lokales/rostock/radikale-in-rostocker-moschee-id13849841.html |titel=Extremismus in MV: Radikale in Rostocker Moschee {{!}} nnn.de |werk=Norddeutsche Neueste Nachrichten |datum=2016-05-31 |abruf=2019-03-22}}</ref> Im Jahr 2019 wurde bekannt, dass sich die Stadt Rostock und der Islamische Bund auf eine neue Moschee am Holbeinplatz geeinigt hatten.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/Rostock-plant-Moschee-nahe-des-Ostseestadions |titel=Rostock plant Moschee nahe dem Ostseestadion |werk=Ostsee Zeitung |datum=2019-01-17 |sprache=de |abruf=2019-03-22}}</ref> Gegen diesen Bau gab es massive Bedenken und Proteste von Anwohnern aus dem Viertel, kritisiert wurde auch, dass es keine Information über die bereits lange laufenden Gespräche mit der islamischen Gemeinde gab.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.ostsee-zeitung.de/Mecklenburg/Rostock/Rostocker-Moschee-Plaene-gestoppt |titel=Rostock: Neubaupläne für Moschee gestoppt |datum=2019-03-19 |sprache=de |abruf=2019-03-22}}</ref> Unter anderem hatte die AfD zum Protest gegen den Moscheebau aufgerufen. An der Demonstration nahmen 250 Personen teil, auch der islamfeindliche Extremist [[Michael Stürzenberger]]. An dem Protest gegen die AfD nahmen 1000 Personen teil.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.ostsee-zeitung.de/lokales/rostock/afd-demo-in-rostock-1000-gegner-duerfen-in-sichtweite-protestieren-OX64ISYFZPE53PYSSVXC7QAEHE.html |titel=AfD-Demo in Rostock: 1000 Gegner dürfen in Sichtweite protestieren |sprache=de |abruf=2022-09-20}}</ref> Im Vorfeld kam es zu mehreren beleidigenden muslimfeindlichen Aussagen des AfD Landeschefs Dennis Augustins. Er hatte Muslime pauschal als „Halbaffen“ und „Krebsgeschwür“ bezeichnet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.endstation-rechts.de/news/schwerin-und-rostock-afd-macht-gegen-moscheebauten-mobil |titel=Schwerin und Rostock: AfD macht gegen Moscheebauten mobil |sprache=de-DE |abruf=2022-09-20}}</ref> In einer Nacht vor den Protesten wurde ein Schweinekopf auf dem geplanten Moschee-Gelände abgelegt.<ref>{{Internetquelle |autor=Stefan Tretropp, dpa |url=https://www.nordkurier.de/mecklenburg-vorpommern/schweinekopf-auf-zukuenftigem-moschee-gelaende-abgelegt-2034618502.html |titel=Polizei Rostock: Schweinekopf auf zukünftigem Moschee-Gelände abgelegt {{!}} Nordkurier.de |datum=2019-02-20 |sprache=de |abruf=2022-09-20}}</ref> Im Nachgang haben sich die Fraktionen von CDU, UFR/FDP, Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und SPD gegen religiösen und politischen Extremismus positioniert und einen „Trialog der Religionen“ auf „neutralem Boden“ gefordert.<ref>{{Internetquelle |url=https://rathaus.rostock.de/de/rathaus/aktuelles_medien/gemeinsame_erklaerung_der_fraktionen_spd_die_linke_cdu_buendnis_90_die_gruenen_rostocker_bund_graue_aufbruch_09_und_ufr_fdp/273612 |titel=Rostock - Gemeinsame Erklärung der Fraktionen SPD, Die LINKE., CDU, Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09 und UFR/FDP |abruf=2022-09-20}}</ref><br />
<br />
== Sport ==<br />
=== Wichtige Sportvereine ===<br />
{| class="wikitable sortable" style="empty-cells:show; margin-bottom:0.5em; background:#000000;"<br />
|- style="background:#CCCCCC"<br />
|<br />
|| <span style="color:#000000">'''Verein'''</span> ||<!--Achtung: von Hand korrigieren: --><span style="color:#000000">'''Erfolgreichste<br />Sportart'''<br />(Spielklasse 2025/26)</span> || <span style="color:#000000">'''Gründung'''</span> || <span style="color:#000000">'''Heimspielstätte'''</span> || <span style="color:#000000">'''Mitglieder'''</span><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
|[[Datei:F.C. Hansa Rostock Logo.svg|50px|alt=]]||'''[[Hansa Rostock]]''' || [[Fußball]]<br />([[3. Fußball-Liga|3. Liga]]) || 1965 || [[Ostseestadion]] || 29.563 <small>(Stand 9.9.2025)</small><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[Rostock Seawolves]]'''|| [[Basketball]]<br />([[Basketball-Bundesliga]]) || 1994 || [[Stadthalle Rostock]]||4.315 <small>(Stand 1.1.2025)</small><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[SV Warnemünde]]'''|| [[Volleyball]]<br />([[Deutsche Volleyball-Bundesliga (Männer)|Volleyball-Bundesliga]]) || 1991 || [[Arena Tschaikowskistraße]]|| 1193<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[HC Empor Rostock|Empor Rostock]]'''|| [[Handball]]<br />([[3. Liga (Handball)|3. Liga]]) || 1946 || [[Arena Tschaikowskistraße]]<br />
Sporthalle Marienehe<br />
| 530<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| [[Datei:RHC-Logo-Wiki.gif|50px]] || '''[[Rostocker HC]]''' || [[Handball]]<br />([[2. Handball-Bundesliga (Frauen)|2. Handball-Bundesliga Frauen]]) || 2007 || Sporthalle Marienehe ||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[Rostocker EC|Piranhas]]'''<br /><small>(Rostocker Eishockey Club)</small> || [[Eishockey]]<br />([[Eishockey-Oberliga|Oberliga Nord]]) || 1990 || [[Eishalle Rostock]] ||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[Rostocker Robben]]'''|| [[Beachsoccer]]<br />(Deutsche Beachsoccer Liga) || 2010 || [[AOK Active Beach]]|| 100<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[HSG Warnemünde]]''' || [[Wasserball]]<br />([[2. Wasserball-Liga Nord]]) || 1971 || [[Neptun-Schwimmhalle]] || 70<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| [[Datei:HSG Uni Rostock Hockey.png|50px]] || '''[[HSG Uni Rostock]]''' || [[Hockey]] (Damen und Herren)<br />(jeweils [[Oberliga]]) || 1949 || [[Sportanlage Danziger Straße]]<br />[[Sporthalle Bertha-von-Suttner-Ring]]||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| [[Datei:UWR Team Rostock 071.jpg|50px]] || '''[[UWR 071 Rostock|UWR Rostock 071]]''' || [[Unterwasser-Rugby]]<br />([[Unterwasser-Rugby in Deutschland#Spielbetrieb Nord|1. Bundesliga Nord]]) || 1999 || [[Neptun-Schwimmhalle]] ||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || '''[[Rostocker Nasenbären]]'''|| [[Inline-Skaterhockey]]<br />([[Inline-Skaterhockey Regionalliga Ost|Regionalliga Ost]]) || 2005 || Lupcom-Arena||<br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
|[[Datei:Logo PSv.jpg|rahmenlos|links|50px]]|| [[Polizei SV Rostock|PSV Rostock]]|| Breitensportverein || 1992 || Arena Tschaikowskistraße || 3.502 <small>(Stand 1.1.2025)</small><br />
|- class="hintergrundfarbe-basis"<br />
| || 1. LAV Rostock || Leichtathletik || 1998|| Leichtathletikstadion||<br />
|}<br />
<br />
=== Fußball ===<br />
[[Datei:Flug 073.jpg|mini|[[Ostseestadion]] und Leichtathletikstadion]]<br />
<br />
1905 wurden der [[Rostocker FC]] 1895, FC&nbsp;Alemannia 1903 und FC&nbsp;Germania 1901 in den [[Mecklenburgischer Fußball-Bund|Mecklenburgischen Fußball-Bund]] aufgenommen. Seit 1899 gab es zudem den [[Internationaler FC Rostock|Internationalen FC]]. Besondere Erfolge konnte jedoch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg kein Rostocker Fußballverein erringen.<br />
<br />
Während der [[DDR-Fußball-Oberliga 1954/55|Saison 1954/55]] beschloss die DDR-Sportführung, die Mannschaft der sächsischen [[BSG Empor Lauter]] noch während der Saison nach Rostock zu delegieren. 1965&nbsp;wurde die Fußballabteilung als [[Fußballclub (DDR)|F.C.]] [[Hansa Rostock]] aus dem [[SC Empor Rostock]] ausgegliedert. 32&nbsp;Jahre lang spielte Hansa in der [[DDR-Oberliga (Fußball)|DDR-Oberliga]]. In der [[DDR-Fußball-Oberliga 1990/91|Saison 1990/91]] wurde Hansa letzter Meister sowie [[FDGB-Pokal]]-Sieger der DDR und qualifizierte sich für die [[Fußball-Bundesliga]] und für den [[Europapokal der Landesmeister 1991/92|Europapokal der Landesmeister]]. Hansa gehörte seitdem insgesamt zwölf Jahre lang der 1. und elf Jahre lang der [[2. Fußball-Bundesliga|2.&nbsp;Bundesliga]] an. 2010&nbsp;stieg der Verein erstmals in die [[3. Fußball-Liga|3.&nbsp;Liga]] ab, 2021 gelang die Rückkehr in die 2. Bundesliga, aus der man 2024 erneut abstieg. Hansa trägt seine Spiele im [[Ostseestadion]] aus.<br />
<br />
Die zweite Mannschaft von Hansa Rostock spielt in der viertklassigen [[Fußball-Regionalliga Nordost (2012)|Fußball-Regionalliga Nordost]]. Eine Liga darunter in der [[Fußball-Oberliga Nordost|Oberliga Nordost]] spielt der [[Rostocker FC]]. In der [[Verbandsliga Mecklenburg-Vorpommern]], treten der [[SV Warnemünde Fußball|SV Warnemünde]] und der FC Förderkader René Schneider an. Der [[SV Hafen Rostock 61]] ist inzwischen der einzige Rostocker Verein in der [[Landesliga]], während ehemals erfolgreiche Vereine wie der [[Polizei SV Rostock|PSV Rostock]] nur noch in unterklassigen Ligen wie der [[Landesklasse]] spielen. Zu DDR-Zeiten hatten die ''BSG Schifffahrt/Hafen Rostock'' (heute ''SV Hafen Rostock 61'') und die ''TSG Bau Rostock'' (heute ''Rostocker FC'') 17 bzw. 13&nbsp;Jahre lang in der zweitklassigen [[DDR-Liga]] gespielt, die ''BSG Motor Warnowwerft Warnemünde'' (SV Warnemünde) trat sechs, der ''SG Dynamo Rostock'' (Polizei-SV Rostock) zwei Jahre in der Liga an.<br />
<br />
Im Jugendbereich gehört die [[A-Jugend]] von Hansa Rostock der [[A-Junioren-Bundesliga (Fußball)|A-Junioren-Bundesliga]] seit deren Gründung 2003 an und wurde [[A-Junioren-Bundesliga 2009/10|2010]] Deutscher Meister. Die [[B-Jugend]] spielte von der Gründung der [[B-Junioren-Bundesliga]] 2007 vier Jahre lang ebenfalls in der höchsten Liga, stieg aber 2011 in die [[Fußball-Regionalliga (Jugend)|Regionalliga]] ab.<br />
<br />
Die [[BSG Post Rostock (Frauenfußball)|BSG Post Rostock]] war in den 1970er und 1980er Jahren einer der erfolgreichsten [[Frauenfußball]]vereine der DDR und wurde 1990 letzter [[Frauenfußball in der DDR|Meister und Pokalsieger der DDR]]. [[Fußball-Bundesliga 1995/96 (Frauen)|1995/96]] spielte das inzwischen zum ''Polizei-SV Rostock'' gewechselte Team eine Saison lang in der [[Frauen-Bundesliga]], stieg aber unmittelbar wieder ab. Mittlerweile spielt die Mannschaft als Abteilung dem ''SV Hafen Rostock 61'' in der Verbandsliga. Ebenfalls in der Verbandsliga tritt der ''Rostocker FC'' an.<br />
<br />
Als Abwandlung des Fußballs gibt es mit den ''Rostocker Robben'' auch eine [[Beachsoccer]]-Mannschaft.<ref>[https://www.beachsoccerdeutschland.de/ German Beach Soccer League | Seite des DFB]</ref> Diese wurde mit dem Sieg in der [[German Beach Soccer League]] 2013 erster Deutscher Meister im Zuständigkeitsbereich des [[DFB]]<ref>[https://beachkick.weebly.com/saison-20132.html German Beach Soccer League 2013]</ref> und konnte sich im selben Jahr für die folgende Spielzeit des ''Euro Winners Cup'' qualifizieren. Bis 2017 folgten drei weitere Deutsche Meistertitel. Als Sponsor werden sie außerdem durch den Rapper [[Marteria]] unterstützt.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.hiphop.de/magazin/news/detail/2013/7/18/marteria-sponsert-beach-soccer-team-rostocker-robben-66558/ |text=hiphop.de: Marteria sponsert Beach-Soccer-Team Rostocker Robben |wayback=20131010081212 |archiv-bot=2024-04-29 06:50:28 InternetArchiveBot}}</ref><br />
<br />
=== Handball ===<br />
Die Männermannschaft des [[Handball]]-Clubs [[HC Empor Rostock]] wurde zehnmal [[Deutsche Handballmeister|DDR-Meister]] und 1982 [[Europapokal der Pokalsieger (Handball)|Europapokalsieger der Pokalsieger]] sowie [[EHF Champions Trophy|Vereins-Europameister]]. 1979&nbsp;stand ''Empor'' im Finale des [[EHF Champions League|Europapokals der Landesmeister]]. Von 1991 bis 1993 spielte Empor in der [[Handball-Bundesliga]]. Heute spielt die Männer-Mannschaft in der [[3. Liga (Handball)|3. Liga]].<br />
<br />
Das Frauenteam wurde dreimal DDR-Meister im Hallenhandball. Das Team des [[Rostocker HC]] spielte bis 2010 in der [[2. Handball-Bundesliga (Frauen)|2.&nbsp;Handball-Bundesliga Nord]] und seitdem in der [[3. Liga Frauen (Handball) 2012/13|3.&nbsp;Liga]].<br />
<br />
=== Wassersport ===<br />
[[Datei:Wassersportler Warnemünde.jpg|mini|Kitesurfer am Strand von Rostock-Warnemünde im Sommer 2023]]<br />
<br />
Rostock ist ein Zentrum für Schwimmer und Wasserspringer. Neben den klassischen Sportarten bietet sich Rostock wegen seiner exponierten Lage auch für das Segeln oder Rudern an und gilt als gutes Segelrevier an der deutschen Ostseeküste. Die Hochleistungssportler im Schwimmen, Wasserspringen und im Kanurennsport starten oder starteten in der Regel für den ''SC&nbsp;Empor'', die Ruderer für den 1990 aufgelösten [[ASK Vorwärts Rostock]]. Viele der erfolgreichen Sportler sind heute bei Empor als Trainer aktiv.<br />
<br />
Bei den Schwimmern konnten vor allem im [[Freiwasserschwimmen|Langstreckenbereich]] bereits zahlreiche Erfolge erschwommen werden, wie zuletzt von [[Britta Kamrau-Corestein]], die zwischen 2002 und 2007 viermal Weltmeisterin auf der 10-km- und der 25-km-Distanz wurde. [[Peggy Büchse]] wurde 2000 und 2001 zweimal Weltmeisterin über 5 bzw. 10&nbsp;km.<br />
<br />
[[Nils Rudolph]] war Anfang der 1990er Jahre einer der weltweit schnellsten Sprinter über die 50-m-Distanz und feierte seinen größten sportlichen Erfolg bei den Europameisterschaften 1991 in Athen mit dem Gewinn der Goldmedaille.<br />
<br />
Im [[Wasserspringen]] war [[Christa Köhler]] 1973 Weltmeisterin und holte 1976 die olympische Silbermedaille. 1970&nbsp;wurde [[Heidi Becker]] Europameisterin im Kunstspringen vom Drei-Meter-Brett. 1996&nbsp;gewann [[Annika Walter]] die Silbermedaille vom 10-Meter-Turm, [[Dörte Lindner]] gewann bei den Olympischen Spielen 2000 die Bronzemedaille. [[Martina Proeber]] war 1980 Olympiazweite im Kunstspringen.<br />
<br />
Die [[Kanurennsport]]lerin [[Ramona Portwich]] gewann unter anderem Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988, 1992 und 1996. Ebenfalls olympisches Gold gewann 1992 [[Anke von Seck]]. Zwischen 1978 und 1981 gewann [[Roswitha Eberl]] sechs Weltmeistertitel.<br />
<br />
Der [[Rudern|Ruderer]] [[Stephan Krüger]] startet für den [[Olympischer Ruderclub Rostock von 1956|Olympischen Ruderclub Rostock von 1956]] und wurde 2009 Weltmeister im Doppelzweier. [[Ulrich Karnatz]] startete für den ASK Vorwärts Rostock und wurde 1976 und 1980 Olympiasieger sowie 1977, 1978 und 1979 Weltmeister im Achter. [[Klaus Kröppelien]] gelang 1980 der Olympiasieg im Doppelzweier.<br />
<br />
Die Unterwasserrugbymannschaft [[UWR 071 Rostock]] spielt seit 2000 im Ligabetrieb mit und erreichte in der Saison 2012/2013 den Aufstieg in die höchste Spielklasse, der 1.&nbsp;Bundesliga Nord.<br />
<br />
Die [[Wasserball]]er der [[HSG Warnemünde]] spielen in der drittklassigen Oberliga Schleswig-Holstein/Mecklenburg-Vorpommern.<br />
<br />
=== Leichtathletik ===<br />
Der 1. LAV Rostock ist der bedeutendste Leichtathletikverein der Stadt und einer der wichtigsten in Norddeutschland. Zahlreiche erfolgreiche Sportler waren oder sind beim 1.&nbsp;LAV aktiv, zum Beispiel die Marathon-Europameisterin 2006 [[Ulrike Maisch]]. Der Profi-[[Triathlet]] [[Andreas Raelert]] ist amtierender Triathlon-Europameister auf der Mitteldistanz sowie Vize-Weltmeister auf der Ironman-Distanz. Sein Bruder [[Michael Raelert]] ist jeweils zweifacher Welt- (2009 und 2010) und Europameister (2010, 2012) auf der Mitteldistanz.<br />
<br />
[[Christian Schenk (Leichtathlet)|Christian Schenk]] erzielte seinen größten Erfolg mit dem Olympiasieg 1988 im Zehnkampf. 1980&nbsp;in Moskau wurde [[Marita Koch]] Olympiasiegerin über 400 Meter und 1983 in Helsinki dreifache Weltmeisterin, dazu kamen sechs Titel bei Europameisterschaften zwischen 1978 und 1986. Die Sprinterin [[Silke Möller]] war unter anderem Doppelweltmeisterin 1987. [[Hansjörg Kunze]]s größter Erfolg war die Bronzemedaille im 5000-Meter-Lauf bei den Olympischen Sommerspielen 1988. Die Speerwerferin [[Steffi Nerius]] startete bis 1991 für Empor Rostock und gewann 2004 die olympische Silbermedaille sowie 2009 den Weltmeistertitel.<br />
<br />
=== Weitere Sportarten ===<br />
Die [[Basketball]]-Herren der [[Rostock Seawolves]] stiegen 2022 erstmals in die [[Basketball-Bundesliga]] auf.<ref>Matthias Heidrich: [https://www.sportschau.de/regional/ndr/ndr-bundesliga-aufstieg-rostock-seawolves-jubeln-in-jena-story-sp-100.html ''Fans der Rostock Seawolves feiern ihre Aufstiegshelden''] auf sportschau.de. 13. Mai 2022, abgerufen am 20. Februar 2024.</ref><br />
<br />
Die [[Rostocker Nasenbären]] spielten von 2008 bis 2010 und 2013 in der [[Inline-Skaterhockey-Bundesliga]]. Seit 2014 spielen sie in der [[2. Inline-Skaterhockey-Bundesliga 2011|2.&nbsp;Inline-Skaterhockey-Bundesliga Nord]].<br />
<br />
Die Mannschaft [[Rostock Griffins]] spielt [[American Football]] derzeit in der GFL 2 Nord (2. Bundesliga).<br />
<br />
Jeweils in der [[Dritte Liga (Volleyball, Frauen)|3. Liga der Frauen]] und [[Dritte Liga (Volleyball, Männer)|der Männer]] spielen die [[Volleyball]]er des [[SV Warnemünde]].<br />
<br />
Drittklassig sind auch die [[Rostock Piranhas]] (offiziell: ''Rostocker Eishockey Club''), die in der [[Eishockey-Oberliga|Oberliga Nord]] spielen.<br />
<br />
Der [[Radrennfahrer]] [[Jan Ullrich]] war zweimal Weltmeister im Einzelzeitfahren sowie Sieger im olympischen Straßenrennen 2000 und gewann als erster und bisher einziger Deutscher 1997 die [[Tour de France]]. Aufgrund seiner Verwicklung in den [[Dopingskandal Fuentes]] wurde er jedoch 2012 vom [[Internationaler Sportgerichtshof|Internationalen Sportgerichtshof]] (CAS) rechtskräftig des Dopings schuldig gesprochen, und alle Erfolge Ullrichs seit dem 1.&nbsp;Mai 2005 wurden annulliert.<br />
<br />
1968 wurden die beiden Ringer [[Lothar Metz (Ringer)|Lothar Metz]] und [[Rudolf Vesper]] vom ''ASK Vorwärts Rostock'' Olympiasieger. Der Ringer [[Heinz-Helmut Wehling]] wurde 1970 Europameister und 1977 Weltmeister.<br />
<br />
Rugby: Im Oktober 1993 entstanden am späteren Albert-Schweitzer-Gymnasium in Dierkow die ''Dierkower Elche''. Sie gehören als Sparte zum ''SV Dynamo Rostock''. Die Männermannschaft spielt in der Saison 2015/2016 in einer Spielgemeinschaft mit der Uni Greifswald und dem Freibeuter RC&nbsp;Wismar in der Verbandsliga Nord.<br />
Die ''Dierkower Elche'' haben Ende der 1990er Jahre mit Sabine Juchelka und Manuela Jost zwei Nationalspielerinnen hervorgebracht.<br />
<br />
Im [[Judo]] war der [[VfK Bau Rostock]] zwölf Mal bei nationalen Meisterschaften unter den Besten.<br />
<br />
Der Schachverein [[SSC Rostock 07]] spielte in der [[Schachbundesliga 2014/15|Saison 2014/15]] in der [[Schachbundesliga (Deutschland)|Schachbundesliga]].<br />
<br />
=== Nachwuchsförderung und Trainingszentren ===<br />
Die [[CJD Jugenddorf-Christophorusschule Rostock]] hat einen Förderzweig für Leistungssportler. Sie führt damit die Tradition der [[Kinder- und Jugendsportschule]] Rostock fort. Die Christophorusschule hat sowohl den Rang einer [[Eliteschule des Sports]] als auch einer [[Eliteschule des Fußballs]]. Die Sportlerklassen werden von Schülern besucht, die in den Jugendabteilungen der Rostocker Leistungssportvereine aktiv sind, vor allem von [[Shorttrack]]ern des ''ESV Turbine Rostock'', Jugendspielern des ''HC Empor Rostock'', Leichtathleten des 1.&nbsp;LAV Rostock, Fußballspielern des ''FC Hansa Rostock'', Ruderern, Schwimmern und Turmspringern.<br />
<br />
Im [[Olympiastützpunkt]] Mecklenburg-Vorpommern in Rostock trainieren Sportler vor allem in den Schwerpunktsportarten Rudern, Short Track und Wasserspringen. Weitere Sportarten sind Flossenschwimmen, Fußball, Handball, Leichtathletik, Segeln, Schwimmen, Triathlon.<br />
<br />
=== Special Olympics ===<br />
2021 bewarb sich die Stadt als [[Special Olympics World Summer Games 2023#Host Town Program|Host Town]] für die Gestaltung eines viertägigen Programms für eine internationale Delegation der [[Special Olympics World Summer Games 2023]] in Berlin. 2022 wurde sie als Gastgeberin für [[Special Olympics Dominikanische Republik]] ausgewählt.<ref name="Host">{{Internetquelle |url=<br />
https://assets.berlin2023.org/55/e4/a0f44d7c4f55a31e659a85db2a11/230306-zuteilung-delegationen-webseite.pdf |titel=Host Town Program |format=PDF |sprache=de |abruf=2023-04-12}}</ref> Damit wurde sie Teil des größten kommunalen Inklusionsprojekts in der Geschichte der Bundesrepublik mit mehr als 200 Host Towns.<ref name="Host" /><br />
<br />
== Persönlichkeiten ==<br />
{{Galerie<br />
|Name= Berühmte Rostocker<br />
|1=Datei:2011 Joachim Gauck.jpg|2=[[Joachim Gauck]]<br />Der elfte Bundespräsident, ehemaliger Pastor und Beauftragter für Stasiunterlagen, wurde 1940 in Rostock geboren und ist Ehrenbürger der Stadt.<br />
|3=Datei:Walter Kempowski Barocksaal Rostock.jpg|4=[[Walter Kempowski]]<br />Der Schriftsteller war gebürtiger Rostocker und Ehrenbürger. Er setzte der Stadt literarische Denkmäler. Nach ihm ist das Kempowski-Ufer am Stadthafen benannt.<br />
|5=Datei:Jan Ullrich.jpg|6=[[Jan Ullrich]]<br />Der gebürtige Rostocker war 1997 Sieger der [[Tour de France]].<br />
|7=Datei:Blücher (nach Gebauer).jpg|8=[[Gebhard Leberecht von Blücher]]<br />Der preußische Generalfeldmarschall wurde in Rostock geboren und wurde Ehrenbürger der Stadt. Am Universitätsplatz steht ein [[Blücherdenkmal (Rostock)|Denkmal für den Feldherrn]].<br />
|15=Datei:Marteria sonnenrot festival 2011 eching germany 4.jpg|16=[[Marteria]]<br />Der in Rostock aufgewachsene Marten Laciny gehört zu den erfolgreichsten deutschen Rappern.<br />
}}<br />
<br />
=== Ehrungen ===<br />
Die Hansestadt vergibt an Persönlichkeiten, die sich um die Stadt verdient gemacht haben, seit 1990 folgende Ehrungen:<ref>Die Listen der geehrten Persönlichkeiten befinden sich auf der {{Webarchiv |url=http://rathaus.rostock.de/sixcms/detail.php?id=11802&_sid1=rostock_01.c.260.de&_sid2=rostock_01.c.271.de&_sid3=rostock_01.c.284.de&_sid4=&_sid5= |text=Webseite der Hansestadt Rostock |wayback=20110719082522}}</ref><br />
* die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes ''([[Liste der Ehrenbürger von Rostock]])''<br />
* die Eintragung in das Ehrenbuch der Hansestadt Rostock<br />
* den [[Kulturpreis der Hansestadt Rostock]] (existierte als ''Kulturpreis der Stadt Rostock'' bereits in der DDR)<br />
* den Unternehmerpreis der Hansestadt Rostock<br />
* den Umweltpreis der Hansestadt Rostock „Joe Duty“<ref>{{Webarchiv |url=http://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/144/Flyer%20Duty%20neu%202009.pdf |text=Flyer ''Umweltpreis »Joe Duty« der Hansestadt Rostock'' |wayback=20110719082439}}</ref><br />
* den Sozialpreis der Hansestadt Rostock<br />
<br />
=== Weitere Persönlichkeiten ===<br />
{{Hauptartikel|Liste von Söhnen und Töchtern Rostocks|Liste von Persönlichkeiten der Stadt Rostock}}<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
{{Portal|Rostock}}<br />
{{Portal|Mecklenburg-Vorpommern}}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* ''Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock''<br />
** Bd. 1 (1895) bis 22 (1941). Hrsg. v. Verein für Rostocks Altertümer<br />
** ''Neue Folge'', Heft 1 (1981) bis 9 (1989). Hrsg. v. Stadtarchiv Rostock und dem Kulturhistorischen Museum der Stadt Rostock.<br />
** Bd. 23 (1999) bis [zuletzt erschienen] 31 (2011). Hrsg. v. Verein für Rostocker Geschichte e.&nbsp;V.<br />
* [[Karl-Friedrich Olechnowitz]]: ''Rostock. Von der Stadtrechtsbestätigung im Jahre 1218 bis zur bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49''. Hinstorff, Rostock 1968.<br />
* Klaus Armbröster: ''Rostock – Warnemünde. Stadtführer''. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, ISBN 978-3-95462-246-7.<br />
* [[Hans Bernitt]]: ''Zur Geschichte der Stadt Rostock''. Rostock 1956, Neuauflage: BS-Verlag, Rostock 2001, ISBN 978-3-935171-40-3.<br />
* Dörte Bluhm: ''Rostock – meine Stadt. Vom slawischen Handelsplatz zur Ostseemetropole. 800 Jahre Baugeschichte an der Warnow.'' WIRO, Rostock 2005.<br />
* [[Walter Ohle]]: ''Rostock''. ([[Kunstgeschichtliche Städtebücher]]), Leipzig 1970.<br />
* {{Literatur<br />
|Hrsg=Karsten Schröder<br />
|Titel=Rostocks Stadtgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart<br />
|Verlag=Hinstorff<br />
|Ort=Rostock<br />
|Datum=2013<br />
|ISBN=978-3-356-01570-6}}<br />
* Klaus Armbröster, Joachim Lehmnann, Thomas Cardinal von Widdern (Hrsg.): ''800 Jahre Rostock. Elf historische Rundgänge zum Stadtjubiläum.'' Hinstorff, Rostock 2018, ISBN 978-3-356-02195-0.<br />
<br />
== Filme ==<br />
* ''[https://www.archive.org/details/1936-Die-Stadt-der-sieben-Tuerme Die Stadt der sieben Türme].'' Deutschland 1936.<br />
* ''[https://www.youtube.com/watch?v=yhrelkpuiNE Die Seestadt Rostock.]'' Aufnahmen: Agnes Heyn.<br />
* ''Vom Alex zum Eismeer.'' Mit dem Trawler ROS 206 „Guben“ unterwegs von der Ostsee in die Barents-See. DEFA Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme – Progress Film-Vertrieb, 1954, Regie: [[Karl Gass]].<ref>[https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/vom-alex-zum-eismeer/ ''Vom Alex zum Eismeer.''] Filmdatenbank – DEFA-Stiftung.</ref><ref>{{YouTube |id=2IKyOT64njI |titel=Vom Alex zum Eismeer. |abruf=2022-04-25 |upload=2022-03-30}}</ref><br />
* ''Wir bauen unser Tor zur Welt.'' DEFA, DDR 1958. Buch/Regie: Heinz Reusch, Musik: [[Eberhard Schmidt (Komponist)|Eberhard Schmidt]].<ref>[https://www.defa-stiftung.de/filme/filme-suchen/wir-bauen-unser-tor-zur-welt/ ''Wir bauen unser Tor zur Welt.''] Filmdatenbank – DEFA-Stiftung.</ref><br />
* ''Jubiläum einer Stadt – 750 Jahre Rostock.'' Kurz-Dokumentarfilm. DDR 1968. Regie: [[Winfried Junge]], Musik: [[Günter Kochan]].<br />
* ''[[Zur See]].'' – Neunteilige Fernsehserie, im Auftrag des [[Deutscher Fernsehfunk|Fernsehens der DDR]] von 1974 bis 1976 unter anderem auf dem Lehr- und Frachtschiff ''[[J. G. Fichte (Schiff)|J. G. Fichte]]'' der [[Deutsche Seereederei Rostock|Deutschen Seereederei]] produziert.<br />
* ''Mit DDR-Fischern im Atlantik.'' Teil 1. ''Fisch ist unser Leben.'' Teil 2. ''Rolling Home.'' Dokumentarfilm zum [[Fischkombinat Rostock]]. DDR-Fernsehen, 1988 (Mit ROS 313 „Willi Bredel“, ROS 337 „Ludwig Renn“ u.&nbsp;a. im USA-Schelf).<br />
* ''[https://vimeo.com/18244720 Rostock von ganz unten.]'' NDR, 1993.<br />
* ''DDR ahoi!'' Teil 1. ''Kleines Land auf großer Fahrt.'' (mdr-Ausstrahlung per 15. März 2011 / 25. Mai 2010) / Teil 2. ''Unterwegs auf allen Meeren'' (mdr-Ausstrahlung per 22. März 2011 / 1. Juni 2010). NDR TV-Mitschnitte zur Seefahrernation DDR mit den Hafenstädten Rostock, Stralsund und Wismar.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commons|audio=1|video=0}}<br />
{{Wikivoyage|Rostock}}<br />
{{Wikisource}}<br />
{{Wikiquote}}<br />
{{Wikinews|Portal:Rostock}}<br />
* {{DNB-Portal|4050610-1}}<br />
* {{LBMV SWW|Rostock}}<br />
* [https://www.rostock.de/ Offizielles Stadtportal der Hanse- und Universitätsstadt Rostock]<br />
* [https://rathaus.rostock.de/ Webpräsenz der Stadtverwaltung der Hansestadt Rostock]<br />
* [https://www.stadtpanoramen.de/rostock/ Rostock] auf stadtpanoramen.de<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.alt-rostock.de/ |text=Historische Fotografien von verschiedenen Fotografen |wayback=20160428175058}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references responsive><br />
<ref name="faltblatt"><br />
{{Internetquelle<br />
|url=https://rathaus.rostock.de/media/rostock_01.a.4984.de/datei/bs_Faltblatt.PDF<br />
|titel=Die Bürgerschaft stellt sich vor. Faltblatt der Hansestadt Rostock<br />
|format=PDF<br />
|abruf=2021-04-26}} vgl. [[Ergebnisse der Kommunalwahlen in Rostock]]<br />
</ref><br />
</references><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Landkreise und kreisfreie Städte in Mecklenburg-Vorpommern<br />
|Navigationsleiste Deutsche Großstädte<br />
}}<br />
<br />
{{Exzellent|27. August 2006|20701892}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=g|GND=4050610-1|LCCN=n81018417|VIAF=141899369}}<br />
<br />
[[Kategorie:Rostock| ]]<br />
[[Kategorie:Regiopolregion]]<br />
[[Kategorie:Ort in Mecklenburg-Vorpommern]]<br />
[[Kategorie:Hansestadt]]<br />
[[Kategorie:Ort mit Seehafen]]<br />
[[Kategorie:Kreisfreie Stadt in Mecklenburg-Vorpommern]]<br />
[[Kategorie:Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern]]<br />
[[Kategorie:Deutsche Universitätsstadt]]<br />
[[Kategorie:Masterplan-Kommune]]<br />
[[Kategorie:Ehemalige Kreisstadt in Mecklenburg-Vorpommern]]<br />
[[Kategorie:Ort in Rostock| ]]<br />
[[Kategorie:Ersterwähnung 1189]]<br />
[[Kategorie:Deutscher Ortsname slawischer Herkunft]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Christopher_Degelmann&diff=264706667Christopher Degelmann2026-02-25T14:06:40Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>'''Christopher Degelmann''' (* [[1985]]) ist ein deutscher [[Althistoriker]]. <br />
<br />
== Leben und akademischer Werdegang ==<br />
Christopher Degelmann studierte Geschichte, Religions- und Literaturwissenschaft und ist derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der [[Humboldt-Universität zu Berlin]] tätig. Zuvor forschte er an der [[Georg-August-Universität Göttingen]] und am [[Max-Weber-Kolleg]] für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien.<br />
<br />
Seit 2021 ist Degelmann Mitglied der [[Junge Akademie|Jungen Akademie]] an der [[Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften|Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften]] und der Leopoldina. Im Jahr 2024 wurde er mit dem [[Heinz-Maier-Leibnitz-Preis]] der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet, der als einer der bedeutendsten Preise für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland gilt.<br />
<br />
== Forschungsschwerpunkte ==<br />
Degelmanns Forschung konzentriert sich auf die politische Kultur des klassischen Athens, der [[Römische Republik|römischen Republik]] und der [[Frühe Kaiserzeit|frühen Kaiserzeit]]. Seine Arbeiten verbinden klassische [[Altertumswissenschaft]]en mit modernen kultur- und sozialwissenschaftlichen Theorien, um neue Perspektiven auf die [[Antike]] zu eröffnen.<ref name="DFG2024">{{Internetquelle |url=https://www.dfg.de/de/gefoerderte-projekte/preistraeger-innen/leibnitz-preis/2024/degelmann |titel=Dr. Christopher Degelmann – Heinz Maier-Leibnitz-Preisträger 2024 |hrsg=[[Deutsche Forschungsgemeinschaft]] |datum=2024-06-04 |abruf=2025-05-16}}</ref> Ein besonderes Interesse gilt der historischen Gerüchteforschung, der Körper- und Geschlechtergeschichte sowie der Religionsgeschichte im antiken Mittelmeerraum. Er integriert postmoderne Theorien in die Altertumswissenschaften, um die Bedeutung des antiken Erbes für das heutige Selbstverständnis zu beleuchten. In seiner Arbeit untersucht er beispielsweise, wie soziale Mechanismen wie [[Fake News]], Gerüchte, Kleidung und Rasuren, Schmähungen gegen Politiker oder soziale Typen wie der „[[Hipster (21. Jahrhundert)|Hipster]]“ bereits in der Antike eine Rolle spielten. Durch diese Analysen schafft er Verbindungen zwischen historischen und gegenwärtigen Fragestellungen.<br />
<br />
== Engagement und Lehre ==<br />
Neben seiner Forschung ist Degelmann als [[Gastprofessor]] für [[Alte Geschichte]] mit dem Schwerpunkt Medialität und Digitalität an der [[Humboldt-Universität zu Berlin]] tätig. Er engagiert sich in verschiedenen Projekten, darunter die Diskussionsreihe „Please Irritate Me!“ und das Kinderbuchprojekt „Young Scientists“.<br />
<br />
== Auszeichnungen ==<br />
* [[Heinz-Maier-Leibnitz-Preis]] (2024)<ref name="DFG2024" /><br />
* Gewinner des 5. Antiquity Slam der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (2021)<br />
<br />
== Publikationen (Auswahl) ==<br />
;Als Verfasser<br />
* ''Squalor. Symbolisches Trauern in der politischen Kommunikation der römischen Republik und frühen Kaiserzeit'' (= ''Potsdamer altertumswissenschaftliche Beiträge''. Band 61). Steiner, Stuttgart 2018. ISBN 978-3-515-11784-5 (zugleich: Dissertation u.&nbsp;d.&nbsp;T. ''In squalore esse. Trauerszenen im republikanischen und frühkaiserzeitlichen Rom''. Universität Erfurt, 2016).<br />
** Rezensionen: Christian Reitzenstein-Ronning in: ''[[Latomus (Zeitschrift)|Latomus]]''. Band 78, Nr. 3, 2019, S. 822–825, {{JSTOR|48763467}}; Oliver Bräckel in: ''Arctos. Acta Philologica Fennica''. Band 53, 2019, S. 300–302, [[doi:10.71390/arctos.96077]]; Simon Lentzsch in: ''[[Historische Zeitschrift]]''. Band 310, Nr. 1, 2020, S. 148–150, [[doi:10.1515/hzhz-2020-1020]]; Alexandra Eckert in: ''[[The Journal of Roman Studies]]''. Band 111, 2021, S. 314 f., {{JSTOR|27128909}}.<br />
* Mitautor von Religion in the making: the Lived Ancient Religion approach (2018)<br />
* ''Politik der Gerüchte und Gerüchte der Politik: Hörensagen, Ruf und öffentliche Meinung in der attischen Demokratie'', [[INDES – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft]], 1/2023<br />
* ''Übergehen und übergangen werden – Die Politik der »[[Toga|toga virilis]]« in der frühen Kaiserzeit''. In: [[Jan B. Meister]], Seraina Ruprecht (Hrsg.): ''Weiblichkeit – Macht – Männlichkeit. Perspektiven für eine Geschlechtergeschichte der Antike''. Campus, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-593-51661-5, S. 279 ff.<br />
* ''Die geistesgelehrten sind ein herzlich unbedeutendes element - eine handschriftliche widmung manfred fuhrmanns fur alfred HeuB'', in: [[Museum Helveticum]], 2020-12, Vol.77 (2), p.229-250<br />
<br />
;Als Herausgeber<br />
* mit [[Jörg Rüpke]]: ''Narratives as a Lens into Lived Ancient Religion, Individual Agency and Collective Identity'' (= ''Religion in the Roman Empire''. Band 1, Nr. 3). Mohr Siebeck, Tübingen 2015, {{OCLC|934167713}}.<br />
* mit Lucia Cecchet, Maik Patzelt: ''The Ancient War’s Impact on the Home Front''. Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2019, ISBN 978-1-5275-3776-7.<br />
* mit Jan-Markus Kötter: ''Zwischen Tradition und Innovation. Zum ambivalenten Umgang mit Kontingenzen in der mittleren römischen Republik''. J. B. Metzler, Berlin 2024, ISBN 978-3-662-67238-9.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* [https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/alte-geschichte/personen/degelmann Profil an der Humboldt-Universität zu Berlin]<br />
* [https://www.diejungeakademie.de/en/persons/christopher-degelmann Mitgliedsprofil bei der Jungen Akademie]<br />
* [https://hu-berlin.academia.edu/ChristopherDegelmann Publikationen auf Academia.edu]<br />
* [https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Christopher-Degelmann-2206409594 Publikationen auf ResearchGate]<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=1080406492|LCCN=nb2018014362|VIAF=73145066417166590192}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Degelmann, Christopher}}<br />
[[Kategorie:Althistoriker]]<br />
[[Kategorie:Hochschullehrer (Humboldt-Universität zu Berlin)]]<br />
[[Kategorie:Absolvent der Universität Erfurt]]<br />
[[Kategorie:Deutscher]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1985]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Degelmann, Christopher<br />
|ALTERNATIVNAMEN=<br />
|KURZBESCHREIBUNG=deutscher Althistoriker<br />
|GEBURTSDATUM=1985<br />
|GEBURTSORT=<br />
|STERBEDATUM=<br />
|STERBEORT=<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Raimund_Schulz&diff=264671961Raimund Schulz2026-02-24T16:15:34Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>'''Raimund Schulz''' (* [[26. Januar]] [[1962]] in [[Hildesheim]]) ist ein deutscher [[Alte Geschichte|Althistoriker]], der seit 2008 als Professor an der [[Universität Bielefeld]] lehrt.<br />
<br />
== Laufbahn ==<br />
Nach dem Ersten Staatsexamen an der [[Georg-August-Universität Göttingen|Universität Göttingen]] 1988 war Schulz wissenschaftlicher Mitarbeiter an der [[Technische Universität Berlin|Technischen Universität Berlin]], wo er 1991 mit einer Arbeit über das [[Spätantike|spätrömische]] Völkerrecht [[Promotion (Doktor)|promoviert]] wurde. Von 1993 bis 1999 war er an der TU Berlin wissenschaftlicher Assistent von [[Werner Dahlheim]] und [[Habilitation|habilitierte]] sich dort 1996 mit einer Arbeit über römische Provinzialherrschaft in der Republik. 2001 legte er das Zweite Staatsexamen ab und war ab 2004 am Gymnasium [[Himmelsthür]] als Lehrer tätig. Zugleich war Schulz Lehrbeauftragter an den [[Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover|Universitäten Hannover]] (2001 bis 2003) und [[Stiftung Universität Hildesheim|Hildesheim]] (2004/2005) sowie ab 2003 [[außerplanmäßiger Professor]] an der TU Berlin. 2008 nahm er den Ruf auf eine Professur für Alte Geschichte an die [[Universität Bielefeld]] an. Einen Ruf auf eine fachdidaktische Professur an der [[Pädagogische Hochschule Ludwigsburg|PH Ludwigsburg]] lehnte er ab.<br />
<br />
== Forschung ==<br />
<br />
Schon vor seiner Berufung entfaltete Schulz eine rege Publikationstätigkeit, die inzwischen rund 100 Aufsätze sowie einige mehrfach aufgelegte Monographien zur römischen und griechischen Geschichte umfasst. Mit der Übernahme der Bielefelder Professur intensivierte er diese Publikationstätigkeit noch einmal und griff nun auch Themen auf, welche die gesamte [[Antike]] umfassten (etwa „Feldherren, Krieger und Strategen“ zum Krieg in der Antike). 2017 erhielt Schulz für sein Buch „Abenteurer der Ferne. Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike“ den Forschungspreis Geographie und Geschichte der [[Frithjof Voss|Frithjof-Voss-Stiftung]]; das Werk fand nicht nur in Fachkreisen größere Aufmerksamkeit.<ref>{{Internetquelle |url=https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/personalien_aus_der_universit%C3%A4t_bielefeld1 |titel=uni.aktuell: Personalnachrichten aus der Universität Bielefeld |zugriff=2017-10-24}} Es erschien 2022 in polnischer, 2023 in italienischer und 2024 in englischer Übersetzung, wurde mit mehreren nationalen und internationalen Preisen bedacht und breit rezipiert.</ref> Positiv aufgenommen wurde auch das 2025 publizierte Werk „Welten im Aufbruch. Eine Globalgeschichte der Antike“, das die Geschichte Eurasiens von ca. 1500 v. bis 400 n. Chr. als einen Raum interagierender, sich vernetzender und gegenseitig beeinflussender Zivilisationen beschreibt und auch die früher als bloße „Randkulturen“ disqualifizierten Ethnien (insbesondere Nomaden) als eigenständige Akteure würdigt. Es bildet in gewissem Sinne die Summe seiner bisherigen Forschungen und wird inzwischen in mehrere Fremdsprachen (u.&nbsp;a. Englisch, Italienisch, Spanisch, Chinesisch, Koreanisch) übersetzt.<br />
<br />
Fachhistorische Arbeitsschwerpunkte von Schulz sind Seefahrt, Krieg, Herrschaft sowie Weltgeschichte der Antike. Neben seinen genuin althistorischen Interessen beschäftigt sich Schulz spätestens seit seiner fünfjährigen Tätigkeit als Gymnasiallehrer und Fachseminarleiter immer wieder mit fachdidaktischen Problemen und Fragestellungen, und er hat auch hierzu eine große Zahl Aufsätze in Fachzeitschriften und Sammelbänden publiziert. Zudem lieferte er Kapitel zu Schulbüchern der Sek-1 (''Geschichte und Geschehen'') und verfasste (zusammen mit Werner Dahlheim) für die Sek-2 (Oberstufe) einen eigenständigen Band zur griechisch-römischen Antike in der „Historisch-Politische Weltkunde“ (2006). Für den akademischen Unterricht erarbeitete er das inzwischen viel benutzte Buch „Die Perserkriege“ (De Gruyter 2017) sowie (zusammen mit [[Uwe Walter]]) eine zweibändige Darstellung der griechischen Geschichte in Archaik und Klassik.<br />
<br />
== Schriften ==<br />
* ''Die Entwicklung des römischen Völkerrechts im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr.'' (= ''[[Hermes (Zeitschrift)|Hermes]] Einzelschriften.'' Heft 61). Franz Steiner, Stuttgart 1993, ISBN 3-515-06265-3.<br />
* ''Herrschaft und Regierung. Roms Regiment in den Provinzen in der Zeit der Republik''. Schöningh, Paderborn 1997, ISBN 3-506-78207-X.<br />
* ''Athen und Sparta''. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15493-2; 2. Auflage 2005, ISBN 3-534-15493-2; 3. Auflage 2008, ISBN 978-3-534-15493-7; 4. Auflage 2011, ISBN 978-3-534-24258-0; 5. Auflage 2015, ISBN 978-3-534-26678-4.<br />
* ''Die Antike und das Meer''. Primus-Verlag, Darmstadt 2005, ISBN 3-89678-261-4.<br />
* ''Kleine Geschichte des antiken Griechenland.'' Reclam, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-15-010679-2; Neuausgabe 2010, ISBN 978-3-15-018777-7; 3. Auflage 2023, ISBN 978-3-15-014255-4.<br />
* ''[[Feldherren, Krieger und Strategen. Krieg in der Antike von Achill bis Attila]]''. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-608-94768-7; 3. Auflage 2018, ISBN 978-3-608-96349-6.<br />
* ''Die Römische Republik'' (''Kompaktwissen Geschichte''). Reclam, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-15-017080-9.<br />
* ''Abenteurer der Ferne. Die großen Entdeckungsfahrten und das Weltwissen der Antike''. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-608-94846-2.<br />
** Polnische Übersetzung: ''Łowcy przygód w dalekich krainach. Wielkie pionierskie podróże i wiedza antyku o świecie.'' Państwowy Instytut Wydawniczy, Warschau 2020, ISBN 978-83-8196-162-2.<br />
** Italienische Übersetzung: ''Avventurieri in terre lontane. I grandi viaggi esplorativi e la comprensione del mondo nell'antichità.'' Keller, Rovereto 2022, ISBN 979-12-5952-006-7.<br />
** Englische Übersetzung: ''To the Ends of the Earth. How Ancient Conquerors, Explorers, Scientists, and Traders connected the World.'' Oxford University Press, Oxford 2024, ISBN 978-0-19-766802-3.<br />
* ''Die Perserkriege.'' De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-044259-5.<br />
* ''Als Odysseus staunte. Die griechische Sicht des Fremden und das ethnographische Vergleichen von Homer bis Herodot'' (= ''Studien zur alten Geschichte.'' Band 29). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-946317-68-5.<br />
* mit [[Uwe Walter]]: ''Griechische Geschichte ca. 800–322 v. Chr.'' 2 Bände. De Gruyter, Berlin/Boston 2022, ISBN 978-3-11-078272-1.<br />
* ''Die Antike und das Meer. Von Händlern, Söldnern und Piraten.'' WBG Theiss, Freiburg 2024, ISBN 978-3-534-61014-3.<br />
* ''Welten im Aufbruch. Eine Globalgeschichte der Antike.'' Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-608-98803-1.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* ''Kürschners deutscher Gelehrten-Kalender 2007''. Saur, München, 2007. Band 3, S. 3370.<br />
* ''Vademekum der Geschichtswissenschaften''. 8. Ausgabe 2008/2009. Steiner, Stuttgart 2008, S. 593.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* {{DNB-Portal|128795026}}<br />
* [https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=8432745 Raimund Schulz auf der Internetseite der Universität Bielefeld]<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Navigationsleiste Alte Geschichte in Bielefeld}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=128795026|LCCN=n93062032|VIAF=121895662}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Schulz, Raimund}}<br />
[[Kategorie:Althistoriker]]<br />
[[Kategorie:Hochschullehrer (Technische Universität Berlin)]]<br />
[[Kategorie:Hochschullehrer (Universität Bielefeld)]]<br />
[[Kategorie:Deutscher]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1962]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Schulz, Raimund<br />
|ALTERNATIVNAMEN=<br />
|KURZBESCHREIBUNG=deutscher Althistoriker<br />
|GEBURTSDATUM=26. Januar 1962<br />
|GEBURTSORT=[[Hildesheim]]<br />
|STERBEDATUM=<br />
|STERBEORT=<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Perserkriege&diff=264671657Perserkriege2026-02-24T16:02:28Z<p>Procopius: /* Literatur */</p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|beschäftigt sich mit den Perserkriegen im Griechenland der Klassischen Epoche. Zu dem Jahrhunderte andauernden Konflikt des römischen bzw. frühbyzantinischen Reichs mit den Sassaniden siehe [[Römisch-Persische Kriege]].}}<br />
{{Linkbox Perserkriege}}<br />
[[Datei:Perserkriege.jpg|mini|Die Ägäis während der Perserkriege]]<br />
<br />
Der moderne Begriff der '''Perserkriege''' oder '''Persischen Kriege''' bezeichnet im weiteren Sinne die Auseinandersetzungen zwischen den „Hellenen und Barbaren“ in der Zeit zwischen dem [[Ionischer Aufstand|Ionischen Aufstand]] (500–494 v. Chr.) und der Mitte des 5. Jhd. v. Chr. Im engeren Sinne verweist der Begriff auf die Feldzüge der [[Achämenidenreich|Achämeniden]] unter den Großkönigen [[Dareios I.]] und [[Xerxes I.]] auf Griechenland, die in den [[Schlacht bei Marathon|Schlachten bei Marathon]] im Jahr 490 v. Chr. sowie bei [[Schlacht von Salamis|Salamis]] und [[Schlacht von Plataiai|Plataiai]] im Jahr 480/479 v. Chr. abgewehrt wurden. Keine Anwendung findet der Begriff der „Perserkriege“ auf spätere militärische Konflikte des „Abendlandes“ mit den Persern, wie etwa den [[Peloponnesischer Krieg|Peloponnesischen Krieg]], in den auch die Perser involviert waren, oder die Kriege zwischen [[Römisches Reich|Rom]] und den [[Partherkriege|Parthern]] oder den [[Römisch-Persische Kriege|Sassaniden]].<br />
<br />
Unsere heutige Kenntnis der Perserkriege beruht überwiegend auf den Historien des [[Herodot]]. Aus der Perspektive der Hellenen markierten die Perserkriege den Höhepunkt einer langen Reihe von Versuchen, die seit der Herrschaft von Dareios I. (522 v. Chr.) unternommen wurden, um [[Griechenland]] zu unterwerfen. Diese Bemühungen reichten demnach von der Erkundung der Lage in Griechenland über die Eroberung von Inseln in der [[Ägäisches Meer|Ägäis]] bis hin zum Feldzug gegen die Skythen in Europa, der zur Einrichtung der persischen Satrapie Thrakien im Jahr 513 v. Chr. führte, sowie die Vorbereitung der Eroberung Griechenlands durch den Feldzug von [[Mardonios]] im Jahr 492 v. Chr. bis nach Thrakien und Makedonien, der gelegentlich als „erster Perserkrieg“ bezeichnet wird. Die persische Sicht auf die Perserkriege bleibt unbekannt. Häufig wird angenommen, dass die Feldzüge unter Dareios eher als begrenzte Strafaktionen betrachtet werden müssen, um einerseits die seit Kambyses aufgebaute Seeherrschaft über Teile der Ägäis zu sichern und andererseits [[Eretria]] und [[Athen]] ihre Unterstützung des Ionischen Aufstandes zu vergelten. Aus dieser Sicht ist erst mit dem Zug des Xerxes ein ernsthafter Versuch der Perser unternommen worden, die westliche Grenze ihres Einflussgebiets von der Ägäis bis zur Adria zu erweitern und Griechenland entweder als weitere [[Satrap]]ie in das Perserreich zu integrieren oder es nach makedonischem Vorbild als Vasallenstaat zu gestalten.<br />
<br />
Mindestens Athen betrachtete bereits den von Dareios I. veranlassten Vorstoß des [[Datis]] und das [[Artaphernes (Sohn des Artaphernes)|Artaphernes]] als Versuch, ganz Hellas zum Sklaven zu machen. Spätestens nach dem Xerxeszug, als sich rund 30 Poleis unter der Führung von Athen und Sparta zum Widerstand gegen das Perserheer entschlossen, wurde die opferreiche Verteidigung des Vaterlandes gegen eine Übermacht von – will man Erzählungen Glauben schenken, denen bereits Herodot mit Skepsis begegnete – „hunderttausenden Kämpfern“, die von Xerxes zum Zwecke der Versklavung ganz Griechenlands herangeschafft worden waren, zum politischen Mythos erhoben. Dieser Mythos manifestierte sich etwa in Theaterstücken wie ''[[Die Perser]]'' von [[Aischylos]] und überdauerte bis ins 21. Jahrhundert. Häufig wurden die Perserkriege als Verteidigung der Freiheit des Abendlandes gegen „orientalische Despotie und Gewaltherrschaft“ interpretiert, wenngleich schon Herodot zu einer differenzierteren Betrachtungsweise neigte.<br />
<br />
== Ausgangssituation ==<br />
Die originäre historische Darstellung Herodots, des von [[Marcus Tullius Cicero|Cicero]] so bezeichneten „Vaters der Geschichtsschreibung“, setzt um 550 v. Chr. ein. Beidseitig geschildert werden in den [[Historien des Herodot|Historien]] Vorlauf und Zustandekommens der Konfrontation von Griechen und Persern. Erst annähernd in der Mitte seines Werkes begann Herodot die eigentliche Darstellung der Perserkriege; für den Zeitraum davor entfaltete er gleichsam „eine Universalgeschichte des östlichen Mittelmeerraums und des Alten Vorderen Orients“ unter Einbeziehung der Perser.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 19.</ref> Auch wenn Herodots Aufzeichnungen besondere Sympathien für die Athener erkennen lassen, berichtete der selbst Weitgereiste über die Verhältnisse bei den orientalischen Völkern der damaligen Welt eingehend und ließ gegenüber den Persern kaum Vorurteile erkennen.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 22 f.</ref><br />
<br />
=== Persien im 6. Jahrhundert v. Chr. ===<br />
[[Datei:Perserreich 500 v.Chr.jpg|mini|300px|Das Perserreich um 500 v.&nbsp;Chr.]]<br />
<br />
Aus relativ unbedeutenden Anfängen wurde das Perserreich während der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. – bei Thronbesteigung des Reichsgründers [[Kyros II.]] im Jahr 559 v. Chr. umfasste der Machtbereich lediglich [[Persis|Parsa]], ein ehedem mit dem Reich [[Elam (Altertum)|Elam]] verbundenes Kleinkönigtum im südlichen [[Zagros-Gebirge]] – zur weit ausgreifenden Großmacht östlich des Mittelmeers.<ref>Die Quellen für die Anfänge des Perserreichs und den nachfolgenden Expansionsvorgang sind wenig ergiebig, da von den Persern selbst schriftliche Geschichtsaufzeichnungen nicht überliefert sind, sodass der Grieche Herodot in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts dafür die wichtigsten Hinweise gegeben hat. ([[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 18)</ref> Um 550 v. Chr. kam es zum Krieg gegen das benachbarte iranische [[Meder (Volk)|Mederreich]] unter [[Astyages]], dessen Herrschaftsbereich Kyros sich unterwerfen konnte. Ein Jahrzehnt später gelang es ihm nach andauernder kriegerischer Auseinandersetzung mit dem [[Lydien|Lyderreich]] unter [[Krösus|Kroisos]], durch einen Überraschungsangriff auf dessen Hauptstadt [[Sardes]] die Hegemonie über ganz [[Kleinasien]] bis zur Küste des [[Ägäisches Meer|Ägäischen Meeres]] zu erringen. Hier kamen daraufhin um 540 v. Chr. zum ersten Mal an der Westküste Kleinasiens siedelnde Griechen unter persische Oberhoheit. Bald darauf wandte sich Kyros auch gegen das [[Neubabylonisches Reich|Neubabylonische Reich]], welches sich über [[Mesopotamien]] und die [[Levante]] erstreckte. Im Jahr 539 v. Chr. zog Kyros siegreich in [[Babylon]] ein. Als er 530 v. Chr. starb, hatte er zudem die Eroberung des iranischen Hochplateaus begonnen und bis ins heutige Afghanistan, Pakistan und Turkmenistan ausgegriffen. Sein Sohn [[Kambyses II.]] setzte den Expansionskurs fort und konnte nach der [[Schlacht bei Pelusium]] um 525 v. Chr. [[Altes Ägypten|Ägypten]] erobern.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 26 f.</ref><br />
<br />
Den Schilderungen Herodots zufolge verlor Kambyses II. seinen Verstand, während er sich in Ägypten aufhielt.<ref>Herodot III, 61–66. Diese Darstellung wird von der neueren Wissenschaft als übernommene Propaganda von unzufriedenen persischen Adligen und der ägyptischen Priesterschaft gewertet, deren Machtbefugnisse Kambyses II. eingeschränkt hatte.({{EIr|cambyses-opers|Autor=[[Muchammad Abdulkadyrowitsch Dandamajew|Muchammad Dandamajew]]|Datum=1990-12-15|Abruf=2022-05-20}})</ref> Als dieser gegen seinen an der Spitze der Erhebung stehenden Bruder [[Bardiya]] in den Kampf zu ziehen unterwegs war, ereilte ihn der Tod, und es wurde deutlich, dass auch die Opposition gegen ihn gespalten war. Denn gegen Bardiya erhob sich eine Verschwörergruppe um [[Dareios I.]] und tötete jenen unter dem Rechtfertigungsvorwand, Bardiya sei gar kein wirklicher Bruder des Kambyses. Zu Beginn seiner Herrschaft war Dareios folglich vor allem damit beschäftigt, das Perserreich im Inneren zu konsolidieren.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 27 f.</ref> Er erreichte dies durch zahlreiche Reformen, wie die verwaltungs- und steuerrechtliche Aufteilung des Reichs in [[Satrap]]ien, den Ausbau des Verkehrsnetzes oder die Schaffung neuer Residenzen in [[Susa (Persien)|Susa]] und [[Persepolis]]. Zu seinen kriegerischen Unternehmungen gehörten die Eroberung von Teilen Indiens und [[Thrakien (Landschaft)|Thrakiens]]. Letztere stand in Zusammenhang mit dem dauerhaften Kampf der Perser mit den Nomaden Zentralasiens und Südrusslands. Dareios überquerte 513/512 v.&nbsp;Chr. mit einer [[Schiffbrücke über den Bosporus|Schiffbrücke]] den [[Bosporus]] nach Europa, um gegen die [[Skythen]] nördlich der Donau vorzugehen. Auf dem Weg nach Norden gliederte er Thrakien in den persischen Reichsverband ein und machte das Königreich [[Makedonien]] tributpflichtig. Der Kampf gegen die Nomaden blieb zwar erfolglos, doch hatte Dareios dem Perserreich mit seinem Feldzug zu seiner größten Ausdehnung verholfen und es zu einem direkten Nachbarn der europäischen Griechen gemacht.<br />
<br />
=== Griechenland im 6. Jahrhundert v. Chr. ===<br />
[[Datei:Location greek ancient.svg|mini|300px|Griechisches Siedlungsgebiet Mitte des 6. Jahrhunderts v.&nbsp;Chr.]]<br />
<br />
Um die Wende zum 6. Jahrhundert v.&nbsp;Chr. kamen die griechischen Poleis Kleinasiens unter die Oberherrschaft des [[Lydien|Lyderreiches]], während unter den unabhängigen Poleis des europäischen Griechenlands Sparta und Athen erst allmählich zu einer besonderen Machtstellung gelangten. Sparta hatte sich bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts v.&nbsp;Chr. in zahlreichen Kriegen zur flächenmäßig größten griechischen Polis entwickelt und den größten Teil der Halbinsel [[Peloponnes]] entweder unterworfen oder in ein Bündnissystem, den sogenannten [[Peloponnesischer Bund|Peloponnesischen Bund]], gezwungen.<br />
<br />
In Athen konnte der Adlige [[Peisistratos]] in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v.&nbsp;Chr., wie es ähnlich schon in anderen griechischen Städten geschehen war, eine [[Tyrannis]] errichten und diese sogar an seine Söhne [[Hippias (Tyrann von Athen)|Hippias]] und [[Hipparchos (Tyrann von Athen)|Hipparch]] weitervererben. Im Jahr 510 v.&nbsp;Chr. wurde die Tyrannenherrschaft durch den athenischen Aristokraten [[Kleisthenes von Athen|Kleisthenes]] aus der Familie der [[Alkmaioniden]] mit Hilfe des spartanischen Königs [[Kleomenes I.]] abgeschafft. Nachdem Kleomenes versucht hatte, mit [[Isagoras]] einen pro-spartanischen Politiker als [[Archon (Athen)|Archon]] in Athen zu installieren, wurde dieser von Kleisthenes und seinen Anhängern gestürzt. Mit den [[Kleisthenische Reformen|Kleisthenischen Reformen]] wurde die Grundlage für die nachmalige [[Attische Demokratie|Demokratie]] geschaffen. Die neue politische Ordnung war stark genug, eine spartanische Invasion, die Isagoras wieder an die Macht bringen sollte, genauso abzuwehren wie Angriffe aus [[Boiotien]], [[Ägina]] und [[Chalkis]]. Wie Sparta und Athen waren auch die anderen griechischen Poleis des Mutterlandes in ständige Konflikte miteinander verwickelt und schienen kaum zu gemeinsamem politischen Handeln fähig. Die Zerrissenheit der griechischen Welt ging sogar so weit, dass sich innerhalb der einzelnen Poleis verschiedene Gruppierungen um die Macht stritten.<br />
<br />
== Ionischer Aufstand ==<br />
{{Hauptartikel|Ionischer Aufstand}}<br />
<br />
Die [[Ionier]] bildeten eine der großen griechischen Sprachgruppen. Im Zuge der Völkerverschiebungen, die Griechenland während der [[Dunkle Jahrhunderte (Antike)|Dunklen Jahrhunderte]] erlebte, hatten sie sich in [[Attika (Landschaft)|Attika]] und über zahlreiche Inseln und Küstengebiete der Ägäis verbreitet. Unter anderem hatten sie sich auch am zentralen Teil der westkleinasiatischen Küste (in etwa vom heutigen [[Izmir]] im Norden bis nördlich von [[Halikarnassos]] im Süden) festgesetzt. Dieses Gebiet war seitdem unter dem Namen [[Ionien]] bekannt. Die hier entstandenen Städte bildeten Anfang des 8. Jahrhunderts v.&nbsp;Chr. den [[Ionischer Bund|Ionischen Bund]]. Durch die Eroberungen des Kyros waren auch die ionischen Griechen in Kleinasien unter persische Oberherrschaft geraten. Die Perser gewährten den Unterworfenen zwar eine gewisse innere Autonomie, doch versuchten sie ihre Herrschaft auch dadurch zu sichern, dass sie in den kleinasiatischen Poleis ihnen treu ergebene Tyrannenregime installierten.<br />
<br />
Der in der großen ionischen Metropole [[Milet]] herrschende Tyrann [[Aristagoras]] wurde an der Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. zum Auslöser jenes Aufstandes, dessen Langzeitfolgen in die persischen Kriege mündeten. Ein [[Stasis (Polis)|Bürgerzwist]] auf Naxos hatte zur Verbannung aristokratischer Familien geführt, die nun in Milet Unterstützung suchten. Anscheinend sah Aristagoras die Möglichkeit, sich der wohlhabenden Insel zu bemächtigen, und startete mit Unterstützung des persischen Statthalters [[Artaphernes]], der dafür wiederum die Rückendeckung von König [[Dareios I.]] eingeholt hatte, eine Flottenexpedition zur Eroberung von [[Naxos]], die jedoch scheiterte. Als Aristagoras daraufhin die Absetzung drohte, vollzog er eine von seinem als Berater am persischen Hof weilenden Schwiegervater [[Histiaios]] mitgetragene Kehrtwendung, indem er den Aufstand gegen die Perser organisierte. Dazu trat er als Tyrann in Milet zurück und sorgte auch in anderen ionischen Poleis für eine auf [[Isonomie]] gerichtete Neuordnung der Verhältnisse mit breiterer Bürgerbasis für politische Entscheidungen.<ref>Herodot V, 30–37; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 36 f. Als weitere mögliche Motive des ionischen Aufstands nennt Will 1. Repressalien der persischen Satrapen gegen Machtzuwächse in den ionischen Poleis; 2. eine Verschlechterung der Herrschaftsbeziehungen nach dem Wechsel von den Lydern zu den Persern, die von den Poleis die Bereitstellung von Truppen verlangten – auf die [[Krösus|Kroisos]] verzichtet hatte – und die vielleicht die geforderten [[Tribut]]e erhöht hatten; 3. schwer zu fassende wirtschaftliche Gründe. (Ebenda, S. 38)</ref> Zudem suchte Aristagoras im griechischen Mutterland Unterstützung für das Aufbegehren gegen die persische Vorherrschaft – mit mäßigem Erfolg. Bei [[Kleomenes I.]] in Sparta konnte er gar nichts ausrichten; die Athener konnte er zur Entsendung von 20 Kriegsschiffen bewegen; [[Eretria]] auf [[Euböa]] stellte deren fünf. Angesichts des schließlich 553 Schiffe umfassenden ionischen Flottenaufgebots gegen die Perser (100 aus [[Chios]], 60 aus [[Samos]], 70 aus [[Lesbos]] und 80 aus Milet selbst) handelte es sich um eine vergleichsweise geringe athenische Beteiligung mit allerdings weitreichenden Folgen.<ref>Herodot V, 38, 49 f., 97 (Herodot erklärte die 20 attischen Schiffe zur Ursache des Langzeitkonflikts zwischen Griechen Und Persern) und VI, 8; Will, 2., aktualisierte Auflage. München 2019, S. 40 und 44.</ref><br />
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Der Aufstand, dem sich im Laufe der Zeit eine größere Anzahl Küstenpoleis sowie [[Karien|Karer]] und Griechenstädte auf [[Zypern|Kypros]] anschlossen, konnte Anfangserfolge verzeichnen. 499 v. Chr. gelang den Aufständischen der gegen den Artaphernes gerichtete Vorstoß auf die Residenzstadt [[Sardes]], die eingenommen und in Brand gesetzt wurde, allerdings ohne Eroberung der Akropolisfestung. Schon der Anmarsch persischer Streitkräfte löste danach einen fluchtartigen Rückzug der Aufständischen aus, die durch nachstoßende Perser bei [[Ephesos]] eine schwere Niederlage erlitten. Hiernach kehrte das athenische Geschwader bereits heim. Das Ende des ionischen Aufstands war jedoch noch nicht gekommen. Zwar eroberten die Perser 497 v. Chr. Kypros zurück und machten dem Vordringen der Aufständischen am [[Dardanellen|Hellespont]] ein Ende, blieben in Karien jedoch zunächst erfolglos. Gleichwohl setzte sich Aristagoras, der die eigenen Ziele neuerlich als nicht realisierbar erfuhr, von seinen Mitstreitern nach [[Thrakien (Landschaft)|Thrakien]] ab und fiel dort im Kampf mit Einheimischen.<ref>Herodot V, 99–103; 119–121 und 124–126; [[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, 174 f.</ref><br />
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Das Ende des ionischen Aufstands kam, als das gemeinsame Flottenaufgebot der Griechen den persischen Streitkräften in der [[Schlacht von Lade|Seeschlacht von Lade]] unterlag, wohl auch wegen mangelnder Geschlossenheit der beteiligten griechischen Poleis, die einander im Nachgang laut Herodot wechselseitig Feigheit vorwarfen. Milet, Ausgangspunkt und Zentrum des Aufstands, wurde danach von den Persern sowohl von der Land- wie von der Seeseite her eingeschlossen und fiel sechs Jahre nach dem Beginn der Erhebung der persischen Vergeltung anheim. Die Mauern der Polis wurden geschleift und der nahegelegene [[Didyma#Apollontempel|Apollon-Tempel von Didyma]] geplündert und eingeäschert. Das Ausmaß der angerichteten Zerstörungen ist nicht näher bestimmbar; allerdings erwähnt Herodot die Erschlagung der meisten Männer und den Verkauf von Frauen und Kindern in die Sklaverei. Außerdem kam es zu Deportationen Gefangener von Milet nach Susa und zu ihrer Ansiedlung am unteren [[Tigris]].<ref>Herodot VI, 14–20; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 44 f.</ref> Der Tragödiendichter [[Phrynichos (Tragiker)|Phrynichos]] schockierte die Athener bei der Uraufführung seines Dramas „Die Zerstörung Milets“ und rührte sie so zu Tränen, dass das Stück verboten wurde und man den Urheber zu einer hohen Geldstrafe verurteilte.<ref>Herodot VI, 21; [[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, 175.</ref><br />
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Auf Lesbos und Chios unternahmen die Perser laut Herodot systematische Menschenjagden. Andere ionische Poleis kamen glimpflicher davon. Sie wurden von Artaphernes vorgeladen und untereinander vertraglich zur Einhaltung des Friedens verpflichtet sowie auf der Grundlage von Landvermessungen einer Besteuerung unterzogen, die auf lange Zeit stabil blieb. Neuerliche Tyrannenregime unterbanden die Perser in Ionien und begünstigten dort in der Folge womöglich an der [[Isonomie]] orientierte politische Ordnungen, sodass Herodot insgesamt eine Befriedung der Region feststellte.<ref>Herodot VI, 31 und 42; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 45 f.</ref><br />
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== Scheitern des ersten persischen Vorstoßes bei Marathon ==<br />
=== Motive von Dareios I. beim Ausgreifen auf Griechenland ===<br />
Während Herodot als absolut vorherrschenden Beweggrund des persischen Vorgehens gegen die Festlandgriechen die Revanche für Athens Beteiligung an der vorübergehenden Eroberung von Sardes im Zuge des Ionischen Aufstands herausstellte<ref>Herodot V, 105 und VI, 94.</ref>, setzt die neuere diesbezügliche Forschung dafür einen weiter gefassten Rahmen an. Dabei rücken auch Selbstbild bzw. Herrscherideologie des Dareios in den Blickpunkt, wie sie aus Inschriften und Bildschmuck seiner Grabanlage bei Persepolis herzuleiten sind. Demnach habe der Schöpfergott [[Ahura Mazda]] Dareios zum König gemacht. Dieser erhob inschriftlich den Anspruch, „König der Könige, König der Länder mit allen Stämmen, König auf dieser Erde weithin“ zu sein. In einem Reliefbild erscheint der König auf einem von Untertanenvölkern getragenen Podest, eine geflügelte Figur grüßend – Sinnbild für die Teilhabe an der göttlichen Gnade. Den universalen Herrschaftsanspruch versinnbildlichte zudem ein monumentaler Reliefzyklus an der Treppenanlage zum Thronsaal des Palastes in Persepolis, wo lange Reihen von Untertanenvölkern in ihren jeweiligen Trachten, darunter auch Griechen, dem König Gaben darbrachten. Der Behauptung und Einlösung des weltumspannenden Herrschaftsanspruchs konnte demnach auch Dareios Ausgreifen nach Griechenland seit Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. gelten.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 29–32.</ref><br />
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Im Zusammenhang damit hatte seitens verschiedener griechischer Poleis, darunter auch Athen, bereits in der Zeit vor dem Ionischen Aufstand zum Zeichen der Unterwerfung unter die persische Oberhoheit eine Übergabe von Erde und Wasser stattgefunden. Somit konnte die Beteiligung der Athener an der Eroberung von Sardes auch als zu ahndende Rebellion betrachtet werden, wie von Herodot hervorgehoben.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 46.</ref><br />
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=== Militärische Operationen des Mardonios sowie von Datis und Artaphernes ===<br />
Im Frühjahr 492 v. Chr. brach der persische Feldherr [[Mardonios]], ein Schwiegersohn des Dareios, mit einem aus Land- und Seestreitkräften bestehenden Heer von [[Kappadokien]] und [[Kilikien]] entlang der Süd- und Westküste Kleinasiens nach Thrakien und Makedonien auf, um die persische Herrschaft auch in diesem Gebiet nach dem Ionischen Aufstand zu restaurieren. Nach diesem Unternehmen, das auch die Eroberung von [[Thasos]] einschloss, wurde die persische Flotte nahe dem [[Athos]]gebirge durch einen Sturm zerstört; mit den verbliebenen Streitkräften machte Mardonios sich auf den Rückweg.<ref>Laut Herodot hatte Mardonios bereits im Rahmen dieses Unternehmens zur Bestrafung Athens und Eretrias anrücken sollen, woran nach der verunglückten Flotte nicht mehr zu denken war. (Herodot VI, 43–45) Demgegenüber argumentiert Will, die Schiffskatastrophe müsse sich im Spätherbst zu einem Zeitpunkt ereignet haben, zu dem die Fortsetzung des Mardonios-Feldzugs nach Südwesten ohnehin nicht mehr in Betracht gekommen sei. (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 47–49)</ref><br />
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Die zu Strafzwecken speziell gegen Eretria und Athen gerichtete militärische Folgeexpedition startete im Frühjahr 490 v. Chr. vom Sammelpunkt des Heeres und der Flotte bei [[Tarsos]]. Als Feldherren für die Führung dieses Unternehmens bestellte Dareios diesmal seinen Neffen [[Artaphernes]] sowie [[Datis]]. Wieder fuhr die persische Flotte zunächst entlang der kleinasiatischen Küste in nördlicher Richtung, bog auf der Höhe von [[Samos]] jedoch nach Westen ab, unterwarf [[Naxos]],<ref>Herodot VI, 95 f.</ref> das sich im Ionischen Aufstand noch hatte behaupten können, und nahm nach einer Unterwerfungsrundfahrt<ref>Herodot VI, 99.</ref> durch die ägäische Inselwelt der [[Kykladen]] – mit Zwischenstopp unter anderem auf [[Delos]], das man verschonte und wo [[Apollon]] und [[Artemis]] seitens der Perser sogar geopfert wurde<ref>Herodot VI, 97.</ref> – dann Kurs auf [[Eretria]], dem Athen nicht den erbetenen Beistand leistete. Nach einwöchigem Widerstand fiel die Stadt, wurde geplündert und die Einwohnerschaft laut Herodot zur Verbringung nach Persien versklavt, wie es Dareios laut Herodot auch für die Athener befohlen hatte.<ref>Herodot VI, 94 und 100 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 56–58.</ref><br />
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Möglicherweise um Eretria und Athen zu isolieren, hatte Dareios im Vorfeld des Feldzugs von 490 v. Chr. Herodot zufolge von diversen griechischen Festland-Poleis neuerlich die Unterwerfung durch den symbolischen Akt der Übergabe von Erde und Wasser an seine Gesandten gefordert – vielerorts mit Erfolg, nicht jedoch in Athen und Sparta.<ref>Herodot VI, 48 f.</ref> Nach der vollzogenen Strafaktion gegen Eretria traf die persische Flotte wohl Anfang September vor Marathon ein, geführt von dem die persischen Streitkräfte begleitenden und an der Planung des Vorgehens mitwirkenden [[Hippias (Tyrann von Athen)|Hippias]], dem aus Athen vertriebenen früheren Tyrannen, der nun hoffen durfte, nach der Unterwerfung Athens dort als Tyrann von Dareios Gnaden wieder herrschen zu können.<ref>Herodot VI, 101 und 107; Wolfgang Will sieht darin, und nicht in der Zerstörung Athens, das Ziel der persischen Landung bei Marathon, weil eine von Dareios installierte Tyrannis in Athen den persischen Einfluss in ganz Griechenland hätte sichern und die Militärmacht Sparta hätte isolieren können: „In jedem Fall ist es der Versuch gewesen, Athen entweder kampflos zum Einlenken zu bringen oder zumindest die athenische Streitmacht aus der Stadt herauszulocken. Eine von Truppen entblößte Stadt hätte den Tyrannenfreunden möglicherweise Gelegenheit zu einem Umsturz geboten. […] Dafür nahmen Datis und Artaphernes sogar in Kauf, dass Athen sich noch rechtzeitig durch Kontingente aus Sparta verstärken konnte.“ (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 55 f. und 58 f.)</ref><br />
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=== Marathon als Wendepunkt ===<br />
[[Datei:NAMA Aristion warrior by Aristokles funerary relief stele 520BC Athens Museum.JPG|mini|Attische Grabstele mit der Darstellung eines griechischen Hopliten, spätes 6. Jahrhundert v.&nbsp;Chr.]]<br />
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Die Ankunft der persischen Flotte in Attika dürfte für die Athener nach der ausgedehnten Unterwerfungstour in ihrem Inselvorfeld nicht überraschend gekommen sein, sodass entsprechende Reaktionen unmittelbar erfolgten. Während die persische Führung vielleicht noch auf die Wirkung der eigenen Drohkulisse setzte und eine kampflose Übergabe der Stadt abwartete, fasste eine durch die [[Kleisthenische Reformen|Kleisthenischen Reformen]] in ihrem Anspruch auf Selbstbestimmung gegen die Ambitionen von Tyrannen gestärkte Mehrheit in der Volksversammlung den Beschluss zum militärischen Widerstand, statt einen Ausgleich mit dem persischen Vormachtanspruch zu suchen.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 49.</ref> Zudem wurde die Freilassung von Sklaven beschlossen, um die Hoplitenphalanx zu verstärken. Noch bevor die 10 [[Strategos|Strategen]] mit ihren Hoplitenkontingenten aus den jeweiligen attischen Phylen nach Marathon abrückten, wurde [[Pheidippides]] als Eilbote nach Sparta geschickt, um militärische Unterstützung zu erbitten. Doch ließen sich die Spartiaten mit Hinweis auf das verpflichtend zu begehende [[Karneia]]-Fest mit ihrer Hilfsexpedition bis zum Eintreten des Vollmonds Zeit.<ref>Herodot VI, 105 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 60. und 63.</ref><br />
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Treibende Kraft sowohl bei der Organisation des antipersischen Widerstands in der Volksversammlung als auch bei der militärischen Vorbereitung der [[Schlacht bei Marathon]] war [[Miltiades der Jüngere|Miltiades]], der bis zum Ionischen Aufstand selbst als Satrap der Perser auf der thrakischen [[Halbinsel Gelibolu|Chersones]] agiert hatte, bevor er als ihr Feind nach Athen zurückgekehrt war. Laut Herodot gewann er vor der Schlacht die ausschlaggebende Stimme des [[Archon polemarchos|Polemarchen]] für den Kampf gegen das zahlenmäßig überlegene persische Heer. Mit der Schlacht selbst habe man abgewartet, bis Miltiades an der Reihe war, den Oberbefehl zu übernehmen.<ref>Herodot VI, 103 f. und 109 f.</ref> Da die Spartaner vorerst ausblieben und andere Poleis sich den Persern nicht widersetzen mochten, standen den Athenern in der Schlacht 490 v.&nbsp;Chr. nur die Truppen des ihnen bereits länger eng verbündeten [[Plataiai]] zur Seite.<ref>Herodot VI, 108; Will hält eine Nebenüberlieferung für plausibel, in der es von Herodot abweichend heißt, Miltiades habe den Angriffszeitpunkt für die Schlacht aufgrund einer Nachricht gewählt, dass die Perser ihre Reiterei bereits für die Erstürmung Athens auf die Schiffe verladen hatten, sodass sie bei Marathon gar nicht zum Einsatz hätten kommen können. (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 63)</ref><br />
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Nach einigen Tagen des Abwartens also formierten sich die Athener laut Herodot zur Schlacht, wobei insbesondere der rechte Flügel unter dem Kommando des Polemarchen und der linke Flügel, auf dem die Plataier standen, stark besetzt waren, während das in der Mitte unüblicherweise im Laufschritt voranstürmende Hoplitenaufgebot nicht sonderlich tief gestaffelt war und den persischen Pfeilbogenschützen kaum standhalten konnte. In der lange andauernden Schlacht brachen die Perser dort schließlich durch und verfolgten die zurückweichenden Athener, während die Griechen auf beiden Flügeln die Oberhand behielten und dann auch die in der Mitte zunächst erfolgreichen Perser besiegten. Sehr verlustreich verliefen die Kämpfe auf dem Weg zu den persischen Schiffen, auf die sich die überlebenden Perser flüchteten, wodurch sie ihre Flotte bis auf sieben Schiffe zu retten vermochten. Die Anzahl der Gefallenen auf persischer Seite soll 6400 Mann betragen haben, bei den Athenern 192, darunter der Polemarch [[Kallimachos (Athen)|Kallimachos]] sowie [[Kynaigeiros]] ein Bruder des Tragödiendichters [[Aischylos]]. Zu den Verlusten der Plataier ist nichts überliefert.<ref>Herodot VI, 111–117; [[Christian Meier]]: ''Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte''. München 1995, S. 252 f. Die Zahlenangabe der persischen Gefallenen, der gegenüber die gefallenen Athener demnach genau drei Prozent ausmachten, wird als mathematisch kalkuliert angezweifelt.</ref><br />
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Die weiterhin einsatzfähige persische Flotte umschiffte [[Kap Sounion]], um sich nun vom Athener Hafen [[Phaleron]] her der Stadt zu bemächtigen. Doch hatte das Athener Hoplitenheer eilends den Rückmarsch vollzogen und in [[Kynosargous]] beim Heiligtum des Herakles Quartier genommen, von wo aus die Kontrolle über die Stadt einschließlich des Hafens ausgeübt werden konnte. Daraufhin machte sich die verbliebene persische Streitmacht unter Datis unverrichteter Dinge auf den Heimweg. Die danach zur Unterstützung verspätet eintreffenden Spartaner konnten sich von den Athenern nur noch das Schlachtfeld von Marathon zeigen lassen und ihre Anerkennung bezeugen. Hier hatte sich gezeigt, dass griechische Poleis der persischen Großmacht widerstehen konnten.<ref>Herodot VI, 116; [[Christian Meier]]: ''Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte''. München 1995, S. 254.</ref><br />
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== Zwischen den Kriegen ==<br />
Den vorläufigen Rückzug der Perser nutzten die Athener auf Initiative des Marathon-Siegers Miltiades für den Versuch, Macht und Einfluss über die Kykladen-Inselwelt zu erlangen, wohl auch um den Persern damit einen neuerlichen Vorstoß auf der Ägäis-Route zu erschweren. Miltiades stellte seinen Mitbürgern zudem reichlich materiellen Gewinn in Aussicht und bekam für die Unternehmung 70 Schiffe gestellt. Doch der Angriff auf Paros, das den Persern für die Strafaktion gegen Athen Schiffe gestellt hatte, scheiterte nach 26 Tagen Belagerung. Der am Bein verwundete Miltiades wurde nach seiner Rückkehr vor Gericht gestellt und zu einer Geldstrafe von 50 [[Talent (Einheit)|Talenten]] verurteilt, die nach seinem baldigen Tod sein Sohn [[Kimon]] beglich.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 67–69; Herodot VI, 132–136.</ref> Innenpolitisch trafen die Athener nach dem Sieg von Marathon, der ihnen auch die Rückkehr des Tyrannen Hippias erspart hatte, weitere vorbeugende Maßnahmen gegen individuelles Machtstreben, indem sie über die Verteilung der hohen [[Archon (Athen)|Archontenämter]] das Los entscheiden ließen und das [[Scherbengericht]] einführten. Als richtungweisend sowohl für die innere wie für die äußere künftige Entwicklung Athens sollte es sich erweisen, dass man sich von [[Themistokles]] überzeugen ließ, Überschusseinnahmen aus dem Silberabbau in [[Lavrio|Laurion]] von 483 v.&nbsp;Chr. an nicht unter die Bürger zu verteilen, sondern in den Schiffsbau zu investieren und damit die eigene Seemacht zu stärken. Was zunächst gegen den benachbarten Inselrivalen [[Ägina]] gerichtet war, trug hernach Früchte in der zweiten großen Auseinandersetzung mit den Persern und wurde zur Basis für die entwickelte [[attische Demokratie]] und das [[Attischer Seebund|attische Seereich]].<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 74–76; Herodot VII, 144.</ref><br />
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Dareios I. hatte als Reaktion auf die Nachricht von der Niederlage der Perser bei Marathon laut Herodot mit einer umfassenden neuen Mobilisierung gegen Griechenland begonnen: „Sogleich schickte er Boten aus, um ein Heer zu sammeln; alle Provinzen und Städte mussten weit mehr Truppen stellen als früher, außerdem Kriegsschiffe, Pferde, Getreide und Lastschiffe. Nun war ganz Asien drei Jahre lang in Bewegung, und alle Tapferen sammelten und rüsteten sich gegen Hellas.“<ref>Herodot VII, 1, übersetzt von A. Horneffer.</ref> Ein Aufstand in Ägypten lenkte von diesen Vorbereitungen ab, indem dessen Niederschlagung Priorität erlangte. Als Dareios in dieser Lage 486 v. Chr. starb, folgte ihm sein Sohn [[Xerxes I.]] auf dem Thron und warf zunächst die ägyptische Erhebung nieder, bevor er die Feldzugspläne gegen Griechenland wieder aufnahm und weitere vier Jahre mit der Mobilisierung seiner Streitmacht verbrachte. Deren tatsächliche Größe ist trotz der von Herodot angelegten umfangreichen Kataloge für Heer, Reiterei und Schiffe laut Will schwer einzuschätzen, weil teils stark übertrieben.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 82–86. Ganz und gar utopisch seien die überlieferten Zahlen für die Fußtruppen, die in Herodots Heeresschau bei Doriskos mit 1,7 Millionen beziffert werden (Herodot, VII, 60). Selbst 100.000 Mann, so Will, hätten noch beträchtliche Versorgungsprobleme verursacht und wären für griechische Verhältnisse – das von [[Alexander der Große|Alexander dem Großen]] im 3. Jahrhundert v. Chr. bei seinem Feldzug gegen Persien aufgebotene Heer wird mit 35.000 Mann inklusive Reiterei taxiert –eine furchteinflößende Streitmacht gewesen. (Ebenda, S. 85 f.)</ref><br />
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Die Festlandsgriechen dürften über die Vorbereitungen der persischen Invasion während der zweiten Hälfte der 480er Jahre v. Chr. orientiert gewesen sein, waren hinsichtlich deren Einschätzung aber uneins. Bemühungen um Geschlossenheit in der Abwehr der aufziehenden Gefahr, die nicht überall als solche betrachtet wurde, setzten erst ein, als die persischen Herolde bereits wieder bei den griechischen Poleis unterwegs waren, um teils mit Erfolg Zeichen der Unterwerfungsbereitschaft einzufordern. So war es nur eine Minderheit von etwa 30 griechischen Poleis, die im Herbst 481 v. Chr. auf dem [[Isthmus von Korinth]] zusammenkam, um ein Verteidigungsbündnis zu schließen, den [[Hellenenbund]], dem als bedeutendste Mächte die Spartaner, Athener und Korinther angehörten. Herodot hob in diesem Zusammenhang ausdrücklich seine Ansicht hervor, dass die Erfolgsaussichten des griechischen Abwehrkampfes allein an dem Entschluss der zur Seemacht gewordenen Athener hing, sich den Persern zu widersetzen. Ohne sie wären demnach auch alle eventuell befestigten Verteidigungslinien der Spartaner hinfällig geworden, indem die persische Flotte sie umfahren hätte.<ref>Herodot VII, 138 und 139; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 90 und 93 f.</ref><br />
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Erschwert worden war die Bildung der Verteidigungsgemeinschaft durch die jeweils in Delphi eingeholten [[Orakel von Delphi|Orakelsprüche]], die einen Widerstand gegen die persische Übermacht eher zwecklos erscheinen ließen.<ref>Die Athener Gesandten waren laut Herodot von dem ihnen zuteil gewordenen ersten Orakelspruch so geschockt, dass sie um einen zweiten baten, der von Themistokles dann so interpretiert wurde, dass man hinter den hölzernen Mauern der eigenen Schiffsflotte doch Zuflucht und Siegeszuversicht finden könne. (Herodot VII, 140–143; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 94 f.)</ref> Die Mitglieder des Hellenenbundes beschlossen und gelobten einander, alle internen Fehden und Feindschaften zu beenden, so auch die zwischen Athen und Aigina. Außerdem wurden Gesandtschaften nach [[Argos (Stadt)|Argos]] und zu bedeutenderen Inselpoleis wie auf [[Kreta]], [[Korfu|Kerkyra]] und [[Sizilien]] ausgeschickt, die um Unterstützung für den Kampf gegen die Perser werben sollten. Insbesondere der mächtige Tyrann [[Gelon von Syrakus]] hätte eine bedeutende Verstärkung darstellen können, war aber zeitgleich mit einer Invasion der [[Karthago|Karthager]] auf Sizilien befasst und zudem nicht bereit, den spartanischen Oberbefehl über mögliche eigene Streitkräfte zu akzeptieren. Auch die anderen Anfragen stießen entweder auf Ablehnung oder gaben Anlass zu hinhaltenden Reaktionen.<ref>Herodot VII, 145, 148 f., 157–162 und 168 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 91–93.</ref><br />
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== Invasion des Xerxes ==<br />
Anders als Dareios I., der die Feldherren seines Vertrauens zur militärischen Strafaktion nach Griechenland ausgeschickt hatte, nahm Xerxes I. selbst am Zug des Heeres und der Flotte gegen die Festlandgriechen zu Beginn des Jahres 480 v. Chr. teil. Anscheinend war er mit der umfassenden Streitkräftemobilisierung und mit der spektakulären Inszenierung des Heeresvorstoßes von vornherein auf größtmögliche Einschüchterung der verbleibenden Gegner bedacht. Die von Herodot detailliert aufgeführte Zusammensetzung der persischen Streitkräfte unterstrich ihrerseits die enorme Dimension des Unternehmens und mündete, die Gesamtgröße des Aufgebots betreffend, wie gezeigt in unwahrscheinlichen Größenordnungen.<ref>Die neuere Forschungsliteratur kann auch nur Schätzungen vorlegen, ist aber darin einig, dass Herodot in seiner Gesamtrechnung mit 1,7 Millionen Mann weit überzogen hat. Karl-Wilhelm Welwei geht beispielsweise in ''Das klassische Athen'' (S. 52) von knapp 100.000 Kombattanten aus Asien sowie einigen Hilfstruppen aus dem europäischen Reichsteil aus. Charles Hignett hält eine Truppenstärke von 180.000 Soldaten für wahrscheinlich. siehe: ''Xerxes’ invasion of Greece'' S. 345–355. Burn geht aus logistischen Gründen von einer Höchstzahl von 200.000 Mann aus (''Persia and the Greeks'', S. 326 ff.). Der Militärhistoriker [[Hans Delbrück]], dessen Arbeiten eine methodische Grundlage für die Schätzung antiker Truppenstärken schufen, geht von nur 50.000 Kombattanten aus. (Delbrück, ''Geschichte der Kriegskunst'', 1. Teil, 1. Kapitel)</ref><br />
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=== Aufzug der persischen Streitkräfte ===<br />
[[Datei:Persepolis Apadana noerdliche Treppe Detail.jpg|mini|Persischer (rechts) und medischer Fußsoldat auf einem Relief aus Persepolis]]<br />
<br />
Die Dimensionen des persischen Heeres und die Begleiterscheinungen seines Versorgungsbedarfs in den Durchzugsgebieten haben in Herodots Darstellung auch über numerische Angaben hinaus starken Widerhall gefunden: Ganze Flüsse und Seen seien leergetrunken und weite Landstriche allein der Nahrungsmittelproduktion und -lieferung für das persische Heer unterworfen worden.<ref>Herodot VII, 43, 108 f. und 118–120; [[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 53.</ref> Die Überquerung der immerhin noch mehr als eine [[Seemeile]] breiten Meerenge zwischen Kleinasien und Griechenland am Hellespont bei [[Abydos (Kleinasien)|Abydos]] durch die persischen Streitkräfte inszenierte Xerxes als Machtdemonstration, nachdem der erste Überbrückungsversuch durch einen Sturm zerstört worden war. Als Reaktion darauf veranlasste er laut Herodot, dass das widerspenstige Meer ausgepeitscht und die Brückenwärter geköpft wurden. In einem neuen Anlauf ließ er unter eigener Beobachtung die Überführung des Heeres binnen sieben Tagen über zwei parallele, aus mehreren hundert Gliedern bestehende Schiffsketten als [[Pontonbrücke]]n ausführen.<ref>Herodot VII, 34–36 und 55 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 87–89.</ref><br />
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Im [[Thrakien (Landschaft)|thrakischen]] Küstenstreifen Oriskos angelangt, nahm Xerxes die Ordnung und Bestandserfassung seiner Streitmacht vor, für Herodot Anlass, seinerseits ausführlich auf deren Zusammensetzung einzugehen.<ref>Herodot VII, 59–100.</ref> Den Kern bildeten 10.000 medisch-persische Eliteinfanteristen, die sogenannten [[Unsterbliche (Persisches Reich)|Unsterblichen]], persische Bogenschützen sowie medische, [[Baktrien|baktrische]] und skythische Reiter. Die persische Kriegsflotte wird bei Herodot mit 1207 Schiffen beziffert, ergänzt um 3000 Lastkähne. Auch diese Zahlen werden jedoch in der neueren Forschung als deutlich überhöht angesehen.<ref>Die Anzahl von 1207 persischen Kriegsschiffen dürfte Herodot von Aischylos ([[Die Perser]]) übernommen haben, der seinerseits die in der [[Ilias]] genannte Zahl von 1186 Schiffen auf 1200 aufgerundet und die heilige Zahl Sieben hinzugefügt haben könnte. (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 84 f.)</ref> Für ein Zeichen seiner Macht und seiner Möglichkeiten hatte Xerxes auch bezüglich der Flottenverbringung vorgesorgt. Um einer neuerlichen Schiffskatastrophe bei der Umfahrung des [[Athos]] vorzubeugen, wie sie Mardonios vordem erlebt hatte, hatte Xerxes während der dreijährigen Vorbereitungszeit des Griechenlandfeldzugs eingangs der östlichen Landzunge der [[Chalkidiki|Chalkidike]] einen Kanal graben lassen in einer Breite, dass zwei Trieren samt Rudern aneinander vorbeifahren konnten. Herodot sah keine Notwendigkeit in diesem Unternehmen, da man die Schiffe relativ mühelos auch über die Landenge hätte ziehen können. Vielmehr sei es darum gegangen, dass der Herrscher mit dem [[Xerxes-Kanal]] seinem Namen ein Denkmal habe setzen wollen.<ref>Herodot VII, 22–24; [[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 53.</ref> Das zügige Vorankommen der persischen Gesamtstreitmacht im Norden Griechenlands mag die rechtzeitig fertiggestellte Schifffahrtsstraße immerhin unterstützt haben.<ref>Herodot VII, 122.</ref><br />
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=== Anfängliche Erfolge der Perser bei den Thermopylen und bei Artemision ===<br />
Denjenigen unter den griechischen Festland-Poleis, die zum Widerstand gegen die heranziehenden Perser entschlossenen waren, stellte sich bei den Beratungen auf dem [[Isthmus von Korinth|Isthmos von Korinth]] die Frage, wo sie den Persern am besten entgegentreten sollten. Die [[Thessalien|Thessaler]] schlossen sich dem Hellenbund nur unter der Bedingung an, dass die Verteidigung auch den Schutz ihres Siedlungsgebiets einschlösse und folglich die Pässe am [[Olymp]] verteidigt würden, der Verbindung zwischen dem unteren Makedonien und Thessalien. Doch kurz nachdem sich das griechische Heer unter spartanischer Führung dort eingefunden hatte, machten Schreckensnachrichten über die Größe der persischen Streitmacht die Runde und wohl auch über die Möglichkeit, dass dieser Pass umgangen werden könnte. Daraufhin zog man wieder ab und ließ es zu, dass die Thessaler ein Bündnis mit den Persern schlossen. Bei neuerlichen Beratungen auf dem Isthmos wurde beschlossen, sich weiter südlich bei den [[Thermopylen]] zwischen [[Kallidromo]]sgebirge und [[Golf von Malia|Malischem Golf]] aufzustellen, weil sich das Kampfgeschehen hier auf noch engerem Raum abspielen würde als am Olymp. Zudem konnte die persische Flotte ganz in der Nähe bei [[Kap Artemision]] zur Seeschlacht erwartet werden, sodass man sich über den Stand der Kämpfe gegebenenfalls wechselseitig unterrichtet halten konnte.<ref>Herodot VII, 172–175.</ref><br />
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Noch bevor die persische Flotte Artemision erreichte, war sie durch einen Sturm vor [[Magnesia (Thessalien)|Magnesia]] beträchtlich dezimiert worden, sodass die griechischen Schiffsverbände, die sich beim Herannahen der Perser bereits bis [[Chalkida|Chalkis]] zurückgezogen hatten, durch diese Wendung ermutigt, Artemision wieder ansteuerten.<ref>Herodot VII, 188–191; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 102 f.</ref> Unterdessen war das persische Heer mit Xerxes durch Thessalien gezogen und hatte bei [[Trachis]] Stellung bezogen, während ein relativ kleines griechisches Heereskontingent es bei den Thermopylen am weiteren Vordringen hindern wollte. Es stand unter dem Oberbefehl des spartanischen Königs [[Leonidas I.]], der mit 300 Spartiaten von insgesamt etwa 4000 Peloponnesiern, darunter Kontingente aus [[Tegea]] und [[Mantineia (Stadt)|Mantinea]], das zahlenmäßig kleinste Aufgebot stellte. Die [[Boiotien|Boioter]] waren laut Herodot mit 1100 Mann vertreten (aus [[Thespiai]] 700, aus [[Theben (Böotien)|Theben]] 400). [[Lokris|Lokrer]] und [[Phokis|Phoker]] machten ihren Verbleib in diesem Kampfverband gegen die Perser davon abhängig, dass Verstärkung nachkäme, sobald in Sparta einmal wieder das [[Karneia]]-Fest und in [[Olympia (Griechenland)|Olympia]] die [[Olympische Spiele der Antike|Wettkämpfe]] vorüber waren. Da die athenischen Hopliten ihren anderweitigen Einsatzort auf den Schiffen hatten, standen den Persern vor Beginn der [[Schlacht bei den Thermopylen (Perserkriege)|Schlacht bei den Thermopylen]] insgesamt etwa 7000 Mann gegenüber, wobei die etwa 1000 Phoker jenen Gebirgspfad zu sichern übernommen hatten, auf dem die Thermopylen umgangen werden konnten.<ref>Herodot VII, 198–204, 206 und 215–217; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 103.</ref><br />
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Mehrere Tage vergingen, ohne dass Xerxes den Angriff befahl, womöglich um den Griechen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage bewusst zu machen und sie zum kampflosen Rückzug zu bewegen. Vom fünften Tag an ließ er diverse bewährte Einzelverbände gegen die von den Griechen geordnet abgeriegelte Landenge bei den Thermopylen anrennen, die nacheinander zurückgeschlagen wurden, darunter auch die Leibgarde des Königs, die von den Griechen so genannten [[Unsterbliche (Persisches Reich)|Unsterblichen]]. Am dritten Tag nach Schlachtbeginn ließ sich Xerxes überzeugen, eine größere Streitmacht auf den Gebirgspfad zur Umgehung der Thermopylen zu schicken, von der sich die Phoker überraschen ließen; sie flüchteten im Pfeilhagel der Perser. Als die Nachricht von diesem Geschehen bei den Verteidigern der Thermopylen ankam, blieben außer den Thespiern nur die Spartiaten unter Leonidas zu weiterem Widerstand entschlossen (die Thebaner mussten als Geiseln bleiben), während die anderen griechischen Verbände abzogen, bevor sie von den über den Gebirgspfad kommenden Persern auch von hinten eingeschlossen würden. Die Schlacht endete, als die von allen Seiten eingeschlossenen Griechen überwältigt waren. Unter den Gefallenen waren der spartanische König Leonidas sowie auf persischer Seite zwei Brüder des Xerxes.<ref>Herodot VII, 210–225; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 104–106.</ref><br />
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Zeitlich parallel zum Angriff des persischen Heeres bei den Thermopylen eröffnete die griechische Flotte die [[Schlacht bei Artemision|Seeschlacht bei Kap Artemision]] – ebenfalls und ultimativ unter spartanischem Oberbefehl trotz lediglich zehn lakedaimonischen Schiffen gegenüber allein 200 athenischen – gegen die zahlenmäßig noch immer deutlich größere persische Streitmacht zur See. Während drei Tagen vermochten sich die Griechen bei wechselseitigen Verlusten zu behaupten, auch weil ein persischer Schiffsverband, der um Euböa herumnavigieren und die griechische Flotte ebenfalls hätte von hinten einschließen sollen, in einem neuerlichen Sturm vor der Ostküste Euböas unterging. Mit dem Eintreffen der Nachricht vom Ausgang der Schlacht bei den Thermopylen zogen sich die griechischen Seestreitkräfte nach Süden zurück und hinderten die Perser nicht mehr am weiteren Vorrücken zu Lande und zur See.<ref>Herodot VIII, 1–21; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 106–108.</ref><br />
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=== Selbstbehauptung bei Salamis – ein Türöffner für Athens Zukunft ===<br />
Nach der Thermopylen-Schlacht verweigerten in Mittelgriechenland nurmehr die Phoker, indem sie großteils auf die Berghänge des [[Parnass]] oder nach [[Amphissa]] flüchteten, die Unterwerfung unter bzw. das Bündnis mit den Persern. Diese verwüsteten das Land, brannten die phokischen Städte nieder und vergingen sich laut Herodot in Massenvergewaltigungen an phokischen Frauen, derer sie habhaft wurden und die dabei teils zu Tode kamen. Bei [[Panopeus]], nahe der Grenze zu Böotion teilte Xerxes das persische Heer für das weitere Vorgehen und zog mit dem größeren Teil durch Boiotien nach Athen, während eine andere Gruppierung sich mit ungeklärtem Auftrag auf den Weg nach [[Delphi]] machte, von wo sie alsbald und anscheinend ergebnislos zurückkehrte.<ref>Herodot VIII, 32–39 berichtet das Vordringen nach Delphi betreffend von einem Naturwunder, das die Perser in die Flucht geschlagen habe; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 113 f.</ref><br />
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Die Bewohner Attikas waren unterdessen wegen der bevorstehenden persischen Strafaktion auf Betreiben vor allem des [[Themistokles]] von der athenischen Flotte nach [[Troizen (Stadt)|Troizen]], [[Ägina|Aigina]] und [[Salamis (Insel)|Salamis]] evakuiert worden. Die auf der Athener [[Akropolis (Athen)|Akropolis]] verbliebenen Verteidiger wurden von den persischen Belagerungstruppen überwältigt und die Heiligtümer im aufziehenden Herbst 480 v. Chr. ebenso gebrandschatzt wie die geräumte Stadt. Verwertbares Beutegut wurde abtransportiert; zurück blieb der sogenannte [[Perserschutt]].<ref>Herodot VIII, 40 f. und 51–53; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 115 f., setzt die Verwüstung Athens Ende August/Anfang September an, Christian Meier 1995, S. 7, und Schmidt-Hofner 2016, S. 62, hingegen erst Ende September 480 v. Chr.</ref><br />
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Nach Herodots Bericht löste die Nachricht von der vollständigen Einnahme Athens durch die Perser in der hellenischen Flotte teils unmittelbare Fluchtreflexe aus. Manche Schiffsführer schickten sich an, direkt Kurs auf die eigenen Heimathäfen zu nehmen; bei den von peloponnesischen Poleis gestellten Kontingenten fasste man dagegen ins Auge, sich den Persern beim Isthmos von Korinth zur Seeschlacht zu stellen, wo das Landheer bereits mit Befestigungsarbeiten den Zugang zur Peloponnes zu blockieren begonnen hatte. Das hätte allerdings bedeutet, der persischen Flotte, die nach einer zur Stärkung der Kampfmoral eingeschobenen Besichtigung des Schlachtfeldes bei den Thermopylen ihrerseits Kurs auf den [[Saronischer Golf|Saronischen Golf]] genommen hatte, Salamis und Aigina samt den evakuierten Athenern schutzlos preiszugeben. Auch der spartanische Oberbefehlshaber [[Eurybiades]], der dem Plan einer Verlagerung der Seeschlacht an den Isthmus erst zustimmte, ließ sich schließlich von Themistokles und der Perspektive umstimmen, dass die Abfahrt auf eine Auflösung der ganzen hellenischen Flotte hinauslaufen könnte, in der die athenischen Trieren gegenüber allen anderen weit in der Überzahl waren. Denn für diesen Fall soll Themistokles in Aussicht gestellt haben, dass die Athener ihre Schiffskapazitäten zu einer Überführung der eigenen Bevölkerung nach Siris, der Hafenstadt von [[Herakleia (Basilikata)|Herakleia]] am [[Golf von Tarent]] in Unteritalien nutzen könnten.<ref>Herodot VIII, 56–63; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 116 f.</ref><br />
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Andererseits ging die griechische Flotte mit dem Warten auf das Eintreffen und Stellen der zahlenmäßig weiterhin überlegenen persischen Seestreitmacht im Saronischen Golf auch strategisch beträchtlich ins Risiko. Die bei [[Paleo Faliro|Phaleron]] sich sammelnden und bereithaltenden persischen Kontingente, die von dem nun vor Ort anwesenden Xerxes selbst ihre Instruktionen erhielten, hätten – im Falle einer Aufteilung und rückwärtigen Umfahrung von Salamis durch den einen Teil ihrer Streitmacht – die Griechen entweder von zwei Seiten einschließen und angreifen oder jeden geordneten Rückzug der Hellenen blockieren können. Womöglich setzte Xerxes auf zunehmende Uneinigkeit und Demoralisierung im griechischen Lager und schob so die Auseinandersetzung zunächst etwas auf. Als aber bei den Peloponnesiern die Stimmung neuerlich in Richtung Abfahrt kippte, soll Themistokles, wie es bei Herodot heißt, einen Boten zu Xerxes geschickt haben, um ihm den bevorstehenden Rückzug der Hellenen zu melden und ihn so zur Aktion anzutreiben.<ref>Schmidt-Hofner klingt dies nach einer späteren Legende, um den Verdienst Athens und des Themistokles an dem Sieg herauszustreichen, bzw. nach einem Tribut Herodots an die altgriechische Affinität zur Figur des listigen Helden, die einige der Legenden um Themistokles kennzeichne. (Schmidt-Hofner 2016, S. 63)</ref> Doch konnten davon unabhängig auch andere Gründe für den Entschluss zur Schlacht auf persischer Seite sprechen, etwa die Aussicht auf einen schnellen, großen Sieg und das nahende Ende der Feldzugsaison mit Blick auf ein zunehmend raueres Herbstklima und wachsende Nachschubprobleme.<ref>Herodot VIII, 74 f.; Christian Meier 1995, S. 27 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 119; Schmidt-Hofner 2016, S. 63.</ref><br />
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[[Datei:Battle of salamis de.png|mini|Verlauf der Schlacht von Salamis]]<br />
Die Annäherung der persischen Flotte an die hellenische geschah bei Vollmond in der Nacht in drei langen Reihen, ein präzise auszuführendes Manöver, bei dem unter genauer Wahrung der Abstände gefahren werden musste. Während der ganzen Nacht musste gerudert werden; am Morgen sollte der Angriff stattfinden. Man besetzte die in der geplanten Kampfzone gelegene kleine Insel [[Psyttalia|Psyttaleia]] als Stützpunkt zur Rettung eigener Schiffbrüchiger und zum Abfangen und Vernichten gegnerischer. Zu überraschen waren die rechtzeitig gewarnten Griechen von dem persischen Vorgehen aber nicht.<ref>Herodot VIII, 70 und 76; Christian Meier 1995, S. 28.</ref> Aussagen zum [[Schlacht von Salamis|Schlachtgeschehen]] selbst stammen hauptsächlich vom beteiligten Augenzeugen [[Aischylos]] in der Tragödie [[Die Perser]] und wiederum von Herodot. Es wird bekundet, die anrückende persische Flotte sei von den Griechen mit lauten, von Blasinstrumenten unterstützten Rufen empfangen worden, die die eigene Streitmacht anspornen sollten, das Vaterland für Frauen und Kinder kämpfend zu befreien und samt den Gräbern der Ahnen zurückzuerobern. Während der Schlacht konnten die Griechen mit frischen Kräften attackieren, während die Perser bereits die Nacht über auf ihren Ruderbänken hatten arbeiten müssen. Die zahlenmäßige Überlegenheit der persischen Seestreitmacht, die unter den Augen des auf einem Sitz am Berg oberhalb des Sundes postierten Xerxes kämpfte, gab jedenfalls schließlich nicht den Ausschlag. Möglicherweise behinderten sich die persischen Schiffe durch eine enge Aufstellung gegenseitig und waren dadurch den Angriffen der schwereren griechischen Trieren relativ unbeweglich ausgesetzt. In dem auf persischer Seite um sich greifenden Chaos konnten die hellenischen Hopliten nach den Entermanövern ihrerseits entschlossen vorgehen. Psyttaleia wurde von den Griechen erobert; persische Schiffe und Mannschaften in großer Zahl versanken im Wasser, unmittelbar tödlich für die Perser, die im Gegensatz zu den Griechen nicht schwimmen konnten. Unter den bei der Schlacht Umgekommenen waren ein Bruder des Xerxes und viele weitere namhafte Perser, unter den Hellenen vergleichsweise wenige. Teile der persischen Flotte, die unter dem Angriffsdruck der Athener zurückwichen, wurden von den Aigineten noch abgefangen und vernichtet.<ref>Herodot VIII, 83–86 und 89–95; Christian Meier 1995, S. 29–31.</ref><br />
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Entgegen anfänglichen Erwartungen im Lager der Griechen, die mit einem nochmaligen Angriff der Perser in den Folgetagen rechneten, zogen sich die verschont gebliebenen Kontingente der persischen Seestreitmacht auf Xerxes Anweisung alsbald in Richtung Hellespont zurück, während dieser über den Landweg durch Boiotien dahin zurückkehrte.<ref>Herodot VIII, 97 f., 113 und 115.</ref> Mit dem Seesieg bei Salamis hatten vor allem die Athener sich nicht nur militärisch behauptet, sondern mit ihren aus den Kämpfen erfolgreich hervorgehenden Schiffsbesatzungen, in denen die Ruderer eine mitentscheidende Rolle spielten, auch die Weichen in Richtung ihrer neuen politischen Ordnung der staatsbürgerlichen Ebenbürtigkeit und noch zu entwickelnden Demokratie gestellt. Die Klasse der besitzlosen [[Theten]] wurde nun ebenso zum Dienst herangezogen wie die traditionell als Hopliten kämpfenden höheren Vermögensklassen. Nicht wenige von den bislang Höhergestellten, so [[Christian Meier]], mussten nun aber ebenfalls an die Ruderriemen und auf die Sitze in den engen Schiffsbäuchen, wo sie dicht an dicht und Seite an Seite mit Theten zum Einsatz kamen. Zwar hatte der Sieg bei Salamis den Krieg noch nicht entschieden; doch das nachfolgende Scheitern der persischen Invasion „schuf die Voraussetzungen für die weitere Geschichte Griechenlands, für den Aufstieg Athens und für all das, was damit verbunden war.“<ref>Christian Meier 1995, S. 17 und 19 (Zitat).</ref><br />
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=== Endgültiger Rückzug der persischen Invasoren nach erneuter Niederlage ===<br />
{{Hauptartikel|Schlacht von Plataiai}}<br />
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Der Großteil des persischen Landheeres verblieb auf Xerxes Anordnung über den Winter 480/79 v. Chr. in Thessalien und sollte in der folgenden Feldzugsaison unter dem Oberbefehl des Mardonios die Unterwerfung ganz Griechenlands unter die Herrschaft des Großkönigs doch noch bewirken. Während die Peloponnesier ihre Befestigungsarbeiten gegen einen persischen Angriff am Isthmus fortsetzten, sandte Mardonios den mit Persern verwandten [[Alexander I. (Makedonien)|Alexander I.]] als Unterhändler in das nach wie vor ungeschützte Attika, um die Athener mit Garantien für ihre Polis und mit Zusagen für weiteres Land aus dem Hellenenbund herauszulösen. Die davon besorgt ebenfalls in Athen vorsprechenden Spartaner beschworen Athens Bürger hingegen, im Bündnis zu bleiben. Laut Herodot schickten die Athener den Alexander mit der Botschaft zurück, sie würden, „solange die Sonne ihre Bahn wandelt wie bisher“, mit Xerxes niemals Frieden machen. Die Spartaner forderten sie andererseits auf, eilig ein Heer zu ihrem Schutz zu schicken.<ref>Herodot VIII, 140–144; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 124 f.</ref><br />
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Mardonios umgehende Antwort war ein neuerlicher Zerstörungszug gegen das evakuierte Athen. Die Spartaner aber ließen sich Zeit damit, den dringlichen Bitten der Athener um Aussendung eines Heeres gegen die Truppen des Mardonios nachzukommen: Wieder einmal war mit den [[Hyakinthien]] erst noch ein Fest zu begehen und womöglich die Schutzmauer gegen die Perser am Isthmus fertigzustellen. Endlich aber machte sich doch ein spartanisches Heer auf den Weg nach Zentralgriechenland, geführt von [[Pausanias (Sparta)|Pausanias]], einem Halbbruder des bei den Thermopylen gefallenen Leonidas I.<ref>Herodot IX, 1–3 und 6–11; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 124 f.</ref> Das nach und nach gegen die Perser zusammenkommende griechische Heeresgesamtaufgebot wird auf 30.000 bis 40.000 Vollbürger geschätzt, das dem Mardonios unterstehende gegnerische auf etwa 60.000 Mann. Beide Seiten hatten es mit einer Entscheidungsschlacht nicht eilig, sondern prüften nach Vorgeplänkeln Möglichkeiten, die Gegenseite von ihrem jeweiligen Nachschub abzuschneiden und so zum kampflosen Abzug zu bringen. Der persischen Kavallerie gelang es laut Herodot tatsächlich, auf den nach [[Plataiai]] führenden Pässen des [[Kithairon]] einen peloponnesischen Lebensmitteltransport abzufangen sowie an die Quelle vorzudringen, die das griechische Heer mit Wasser versorgte, und diese zuzuschütten. Pausanias musste die eigene Streitmacht daraufhin zurückverlegen.<ref>Herodot IX, 11, 14, 20–23, 30 f., 38 f. und 49–56; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 130 f.</ref><br />
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[[Datei:Snake column Hippodrome Constantinople 2007.jpg|mini|Die von den siegreichen Griechen in Delphi geweihte Schlangensäule, heute: Istanbul, [[Hippodrom (Konstantinopel)|Hippodrom-Platz]]]]<br />
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Die persische Reiterei stieß sogleich nach, gefolgt vom Heer unter Mardonios. Vor Plataiai kam es zur Schlacht, in der die Spartaner auch wegen interner Kommunikationsmängel und Uneinigkeit im griechischen Lager letztlich allein standhalten mussten, während die Athener sich auf dem linken Rückzugsflügel der Böoter zu erwehren hatten, die auf persischer Seite standen. Beim Entscheidungskampf im Zentrum hatten zunächst die Perser Vorteile, die mit ihren Bogenschützen einen Geschosshagel auf die Spartaner niedergehen ließen. Im Nahkampf Mann gegen Mann jedoch erwiesen diese sich mit ihrer eingeübten Disziplin und Hoplitenbewaffnung den zahlenmäßig stärkeren Persern mit der Zeit überlegen. „Als aber Mardonios und seine Schar der Tapfersten gefallen war“, so Herodot, „da endlich wandten sich die anderen und wichen vor den Lakedaimoniern zurück.“ Während ein beträchtlicher Teil der persischen Reststreitkräfte sogleich in Richtung Hellespont flüchtete, wurden diejenigen, die in ihr befestigtes Lager zurückströmten, von den nachrückenden Spartanern und Athenern belagert und schließlich aufgerieben. Den Siegern fiel im persischen Lager eine üppige Beute aus goldenen und silbernen Gerätschaften, Schmuck und Waffen in die Hände. Davon wurde den Heiligtümern in Delphi, Olympia und am Isthmus je ein Zehntel gestiftet. Zum überdauernden Zeugnis dieser Weihegaben wurde die [[Schlangensäule]].<ref>Herodot IX, 57–70 (Zitat) und 80 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 132–134.</ref><br />
<br />
Nach der Bestattung ihrer Toten bei Plataiai beschlossen die Sieger, nach Theben zu ziehen, das sich auf die Seite der Perser geschlagen hatte, und die Auslieferung der diesbezüglichen Hauptfürsprecher zu fordern. Andernfalls sollte die Stadt zerstört werden. 20 Tage hielten die Thebaner der Landverwüstung und dem Ansturm auf ihre Mauern stand, ehe sie der Forderung nachkamen. Hiernach entließ Pausanias das gesamte Heer in die jeweiligen Heimatpoleis, brachte die ausgelieferten Thebaner nach Korinth und ließ sie hinrichten.<ref>Herodot IX, 86–88.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 138.</ref> Das griechische Festland war damit endgültig von der Drohung befreit, insgesamt unter persische Herrschaft zu geraten.<ref>Cawkwell, ''The Greek Wars'', S. 103, betrachtet denn auch den Sieg bei Plataiai als den entscheidenden und nicht den von Salamis.</ref><br />
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Griechische und persische Seestreitkräfte waren unterdessen auf Abstand geblieben, die Hellenen unter dem Kommando des spartanischen Königs [[Leotychidas II.]] bei [[Delos]], die persischen bei [[Samos]]. Als aber eine Delegation der Samier bei Leotychidas vorsprach, um Befreiung von den Persern bat und zugleich einen neuen Aufstand der Ionier in Kleinasien versprach, gab dieser trotz der vorangeschrittenen Jahreszeit den Befehl, gegen die Perser auszulaufen. Ohne die Unterstützung der bereits heimgekehrten phönikischen Seestreitkräfte zogen es die verblieben persischen vor, sich in den Schutz des bei der Halbinsel [[Mykale]] stationierten persischen Landheeres zu begeben und die Griechen dort zu erwarten. Diese gingen dort an Land, schlugen das persische Heereskontingent in die Flucht und brannten danach die persischen Schiffe nieder. Indem zudem Samos, [[Chios]] und weitere Inseln in den Kampfbund der Hellenen aufgenommen wurden, festigte sich die griechische Stellung in der Ägäis und am Hellespont. Die kleinasiatischen Ionier fielen tatsächlich erneut von den geschwächten Persern ab.<ref>Herodot IX, 90–92 und 96–106; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 138–140.</ref><br />
<br />
== Griechischer Gegenangriff im Zeichen wachsender athenischer Seemacht ==<br />
Mit den griechischen Siegen bei Salamis, Plataiai und Mykale war der Abwehrkampf der europäischen Griechen beendet. Kein persisches Heer setzte je wieder nach Europa über. Ein vorerst ungelöstes Problem aus griechischer Sicht blieb aber der Schutz der kleinasiatischen Ionier in ihrer neuerlichen Erhebung gegen die persische Herrschaft. Die Spartaner, die langfristige militärische Verpflichtungen jenseits der Peloponnes scheuten, schlugen einen Bevölkerungstransfer der Ionier auf das griechische Festland vor, wo man die perserfreundlichen Griechen aus ihren Poleis vertreiben könnte, um Platz für die migrierten Ionier zu schaffen. Das lehnten die Athener laut Herodot aber entschieden ab. Sie plädierten grundsätzlich gegen eine Räumung Ioniens, zumal sie die dortigen griechischen Bewohner als attische Kolonisten ansahen. Die bei Mykale siegreiche griechische Seestreitmacht fuhr anschließend zum Hellespont, wo man die ins Visier genommene persische Seebrücke des Xerxes allerdings bereits zerstört vorfand. Leotychidas und seine Spartaner sahen ihre Mission damit erfüllt und fuhren alsbald heim, während die Athener unter dem Kommando des [[Xanthippos (Athen)|Xanthippos]] sich mit der Einnahme der noch von den Persern beherrschten thrakischen Chersones (der heutigen [[Halbinsel Gelibolu]]) den Zugang zum Schwarzen Meer für ihre Handelsinteressen sicherten.<ref>Herodot IX, 106, 114 f. und 117 f.; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 140 f.</ref><br />
<br />
Als 478 v. Chr. die griechischen Operationen zur See gegen persische Stützpunkte wieder aufgenommen wurden, schalteten sich die Spartaner mit dem Sieger von Plataiai, Pausanias, als Oberkommandierendem wieder ein, schon um die Führung der hellenischen Seestreitkräfte nicht dauerhaft an die Athener zu verlieren.<ref>Christian Meier 1995, S. 296.</ref> Dass es dann dennoch so kam, könnte die Folge einer Intrige unter den Beteiligten des Kampfbundes gewesen sein, die Pausanias herrisches Gehabe und heimliches Paktieren mit den Persern vorwarfen, sodass der zur Untersuchung der Vorwürfe nach Sparta zurückbeordert wurde, während die Leitung der Operationen, die erfolgreich einerseits nach Zypern und andererseits nach [[Byzantion]] geführt hatten, unterdessen den Athenern zufiel. Einen von Sparta ausgesendeten neuen Oberbefehlshaber wies man ab, die athenische Führung nunmehr vorziehend (''[[Symmachie]]wechsel vor Byzanz'').<ref>Thukydides I, 95 f.; Schmidt-Hofner 2016, S. 91.</ref><br />
<br />
Im Jahr 478/477 v. Chr. wurde unter der [[Hegemonie]] Athens ein neues Schutzbündnis gegen die Perser vorbereitet und geschlossen, an dem sich zahlreiche kleinasiatische und ägäische Poleis beteiligten: der [[Attischer Seebund|Delisch-Attische Seebund]], benannt einerseits nach der Führungsmacht des neuen Bündnisses, andererseits nach dessen Tagungsort, der Insel [[Delos]]. Nur die größeren Bundesmitglieder entrichteten ihren Tribut an den Seebund, indem sie nicht nur Hopliten, sondern auch Schiffe stellten; alle anderen, darunter die vielen sich anschließenden kleinen Insel-Poleis, leisteten einen von dem Athener [[Aristeides von Athen|Aristeides]] festgesetzten Geldbeitrag für die auf Delos stationierte Bundeskasse.<ref>Thukydides I, 96 f.; Christian Meier 1995, S. 297–301.</ref><br />
<br />
Zu einer Verfestigung der Machtstellung des Delisch-Attischen Seebunds gegenüber den Persern kam es in der ersten Hälfte der 460er Jahre v. Chr. unter der Leitung [[Kimon]]s, der gegen eine große phönikische Flotte an der Mündung des Flusses [[Köprüçay|Eurymedon]] vorging, wo sich auch persische Landstreitkräfte gesammelt hatten. In einer großen Doppelschlacht an Land und zur See triumphierten die Griechen. Damit hatte der Seebund einen ersten Höhepunkt seiner Machtentfaltung erreicht. Nach Abschluss dieser Operation umfasste er mehr als 200 Mitglieder.<ref>Thukydides I, 100; Schmidt-Hofner 2016, S. 96; [[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, S. 237.</ref><br />
<br />
Ebenfalls den Zwecken der Machterweiterung und der Ausschaltung persischer Stützpunkte dürfte das Vorgehen 460/59 v. Chr. mit 200 Schiffen gegen Zypern gedient haben, das dem Seebund noch nicht beigetreten war. Dabei erreichte die Griechen ein Hilfegesuch [[Inaros II.]] zur Unterstützung eines Aufstands in Ägypten gegen die dortige persische Herrschaft, das sie annahmen. Sie fuhren den Nil hinauf, brachten feindliche Schiffe auf, eroberten [[Memphis (Ägypten)|Memphis]] bis auf die Zitadelle und beherrschten große Teile Unterägyptens. Das Blatt wendete sich jedoch, als die Perser 456 v. Chr. eine größere Land- und Seestreitmacht nach Ägypten aussendeten, die die Hellenen, die sich nach einer verlorenen Schlacht auf die Insel [[Prosopitis]] im Nildelta zurückzogen, nach einundeinhalbjähriger Belagerung und Trockenlegen der Wasserzuflüsse schließlich niedermachten.<ref>Thukydides I, 104 und 109; Christian Meier 1995, S. 366 und 394.</ref> Die damit verbundenen Verluste schwächten Athens Stellung allerdings nur vorübergehend; bereits 450 v. Chr. schickten die Athener mit ähnlichem Auftrag erneut eine Streitmacht von 200 Trieren unter Kimon in Richtung Zypern und Ägypten aus, die jedoch nur Teilerfolge erzielen konnte. In einer Art Pattsituation stellten 449 v. Chr. beide Seiten die Kampfhandlungen gegeneinander ein.<ref>Thukydides I, 109 f.; Schmidt-Hofner 2016, S. 97 f.</ref><br />
<br />
== Griechisch-persische Beziehungen vom Kallias-Frieden bis zu Alexander dem Großen ==<br />
Um 449/448 v. Chr. wurde mit Unterstützung des athenischen Staatsmannes [[Perikles]] der sogenannte [[Kalliasfrieden]] zwischen den Griechen und den Persern unter ihrem Großkönig [[Artaxerxes I.]] geschlossen, der 465 v. Chr. seinem ermordeten Vater Xerxes auf den Thron gefolgt war. Dieser Friede ist allerdings in der Forschung umstritten – vielleicht kam es nie zu einem regelrechten Vertrag, sondern nur zu einer auf der Basis des Status quo ausgehandelten Verständigung. Ergebnis war die vorläufige Unabhängigkeit der ionischen Griechen von Persien und die Schließung der Ägäis für persische Kriegsschiffe; umgekehrt sollten die Griechen sich von der persischen Einflusssphäre fernhalten, darunter Zypern und Ägypten.<ref>Christian Meier 1995, S. 397. Meier sieht die besagte Verständigung als Ergebnis von Verhandlungen einer attischen Gesandtschaft bei Artaxerxes in [[Susa (Persien)|Susa]]. Zur Quellenlage und fachlichen Kommentierung des Kallias-Friedens siehe [[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, S. 496, Anmerkung 123.</ref> Demzufolge hatte das fortbestehende persische Großreich mit den vorangegangenen Griechenland-Feldzügen die Herrschaft sowohl über Makedonien und Thrakien als auch über die kleinasiatischen und ägäischen Griechen verloren.<br />
<br />
In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. trat für die Griechen der hellenisch-persische Gegensatz gegenüber dem sich anbahnenden spartanisch-athenischen Konflikt zurück, der 431 v. Chr. in den [[Peloponnesischer Krieg|Peloponnesischen Krieg]] mündete. Der persische Großkönig [[Dareios II.]] unterstützte im Kriegsverlauf die Landmacht Sparta, allerdings nur finanziell und mit dem Ziel seiner erneuten Oberherrschaft über die kleinasiatischen Griechen. Nach dem endgültigen Triumph über die Athener im Jahr 404 v. Chr., der den Spartanern vorübergehend auch zur See eine Vormachtstellung in der Ägäis verschaffte, wiesen diese das persische Ansinnen jedoch einstweilen zurück.<ref>[[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, S. 334 f.</ref><br />
<br />
Im Thronfolgestreit nach dem Tod Dareios’ II. unterstützten die Spartaner 401 v. Chr. [[Kyros der Jüngere|Kyros den Jüngeren]] gegen seinen Bruder [[Artaxerxes II.]] Kyros warb griechische Söldner in großer Zahl an, unterlag und fiel jedoch in der [[Schlacht bei Kunaxa]]. Über den Rückzugsmarsch der griechischen Kontingente zum Schwarzen Meer, den sogenannten „Zug der Zehntausend“, berichtete [[Xenophon]] als Beteiligter in seiner ''[[Anabasis (Xenophon)|Anabasis]]''. Fortan verfolgte Artaxerxes II. seine Pläne einer neuerlichen Unterwerfung der ionischen Griechen energisch weiter, auch indem er Spartas Widersacher auf dem griechischen Festland unterstützte, darunter Athen. 387 v. Chr. akzeptierten die geschwächten Spartaner den sogenannten [[Königsfrieden]], der die persische Oberhoheit über Kleinasiens Griechen wiederherstellte.<ref>Schmidt-Hofner 2016, S. 227 und 230–233.</ref><br />
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[[Datei:MakedonischesReich.jpg|mini|350px|Der [[Alexanderzug]]]]<br />
Eine grundlegend neue Lage im Verhältnis von Griechen und Persern entstand erst mit dem Feldzug [[Alexander der Große|Alexanders des Großen]]. Dessen Vater [[Philipp II. (Makedonien)|Philipp II.]] hatte das Königreich Makedonien zur führenden Macht auf dem Balkan gemacht und die griechischen Poleis weitgehend zu einem Bündnis unter seiner Führung geeint. Mit Persien war es 443 v. Chr. noch zu einer Verständigung über die wechselseitigen Interessensphären gekommen. Gleichwohl verband Philipp II. in der Folge mit der machtpolitischen Expansion in Griechenland auch bereits Pläne für einen Feldzug gegen Persien und suchte dafür panhellenische Unterstützung.<ref>[[Karl-Wilhelm Welwei]]: ''Griechische Geschichte.'' Paderborn 2011, S. 422.</ref> Alexander übernahm diese Feldzugspläne nach dem Tod seines Vaters. In der [[Schlacht von Gaugamela]] 331 v.&nbsp;Chr. unterlag das Achämenidenreich endgültig dem Eroberer. Mit dem Siegeszug und der Machtstellung Alexanders des Großen in Persien sieht [[Wolfgang Will|Will]] das Zeitalter der persisch-griechischen Konflikte enden. Der Makedone wurde zum Schwiegersohn des letzten Achämenidenherrschers Dareios III.<ref>Als einen „der schönsten Treppenwitze der Weltgeschichte“ betrachtet es Will folglich, dass die Griechen am Ende ihrer [[Antikes Griechenland#Griechenland in klassischer Zeit (um 500–336/323 v. Chr.)|klassischen Zeit]] doch noch Untertanen eines persischen Herrschers geworden seien. (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 150)</ref><br />
<br />
== Quellen ==<br />
Auf persischer Seite ist die Quellenlage zu den Perserkriegen spärlich. Einzelne mesopotamische Texte zur persischen Ereignisgeschichte und Herrschaftspraxis, einige Inschriften die Reichs- und Königsideologie betreffend sowie diverse Verwaltungstexte und verstreute Zeugnisse aus dem ganzen Reich können nur als punktuelle Informationen dienen, genügen aber nicht einmal zur Rekonstruktion eines chronologischen Grundgerüsts. Desto unerlässlicher und bedeutsamer sind die griechischen Quellen im Hinblick auch auf die historischen Vorgänge im Perserreich.<ref>Schmidt-Hofner 2016, S. 18. Einen immer noch nützlichen, nur teils durch neue Funde überholten und recht detaillierten Quellenüberblick bietet etwa [[Georg Busolt]]: ''Griechische Geschichte''. Bd. 2, 2. Auflage. Gotha 1895, S. 450 ff. Knappe Überblicke bieten auch Briant 2002, Burn 1984 und Cawkwell 2005.</ref><br />
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[[Datei:AGMA Hérodote.jpg|mini|Büste des Herodot aus Athen]]<br />
Die mit Abstand wichtigste Quelle zu den Perserkriegen stellen im 5. Jahrhundert v. Chr. die um 430 v.&nbsp;Chr. veröffentlichten [[Historien des Herodot|''Historien'']] des Griechen [[Herodot]] aus Halikarnassos in Kleinasien dar (zu diesbezüglichen quellenkritischen Aspekten [[Herodot#Glaubwürdigkeit und Quellenwert|siehe hier]]). Unter Einbeziehung zahlreicher ethnologischer und historischer Exkurse wird in den ersten vier Büchern die Entstehung des persischen Weltreichs beschrieben. Ab Buch fünf befasst sich das Werk dann mit den Perserkriegen selbst, beginnend mit dem Ionischen Aufstand im Jahr 500 v. Chr. Herodots historische Darstellung endet im neunten Buch mit der Belagerung der Stadt [[Sestos]] am Hellespont durch die Athener im Jahr 479 v. Chr. An dieser Stelle setzte [[Thukydides]] mit seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg an. In dessen erstem Buch werden mit der Darstellung der Situation vor dem Kriegsausbruch zwischen Athen und Sparta auch Aspekte der Spätphase der Perserkriege und der nachfolgenden griechisch-persischen Beziehungen im 5. Jahrhundert v. Chr. angesprochen, auf die Herodot nicht mehr eingegangen ist.<br />
<br />
Neben diesen beiden zeitgenössischen Autoren sind auch eine Reihe von Werken späterer Autoren erhalten, die sich mit dem Thema befassen, unter anderem [[Ktesias von Knidos]] in seinen (nur fragmentarisch erhaltenen) ''[[Persika]]''. Ktesias wollte offenbar Herodot „korrigieren“, doch ist seine Schilderung weitgehend wertlos, wenngleich er (bedingt zuverlässige) Einblicke in die Verhältnisse am persischen Hof vermittelt. Teilweise lassen sich Informationen über die Perserkriege aus Biographien der an ihnen beteiligten Personen gewinnen. Der Römer [[Cornelius Nepos]] (1. Jahrhundert v. Chr.) lieferte beispielsweise Lebensbeschreibungen einiger berühmter griechischer Feldherren, unter anderem Miltiades, Themistokles oder Pausanias, und damit auch Beschreibungen der Schlachten, an denen diese teilnahmen. [[Diodor]] ging in seiner Universalgeschichte ebenfalls auf die Perserkriege ein. Der Grieche [[Plutarch]] (1./2. Jahrhundert n.&nbsp;Chr.) überlieferte eine Sammlung von Parallelbiographien berühmter Griechen und Römer. Der griechische Reiseschriftsteller [[Pausanias]] (2. Jahrhundert n.&nbsp;Chr.) gab in seiner Reisebeschreibung Griechenlands auch immer wieder Hinweise zu Orten oder Sehenswürdigkeiten, die mit den Perserkriegen in Verbindung stehen. Von späteren Geschichtsschreibern wurde der Konflikt mit Persien teils als Folie für [[Römisch-Persische Kriege|zeitgenössische Auseinandersetzungen]] zwischen [[Römisches Reich|Rom]] und dem neupersischen [[Sassanidenreich]] herangezogen,<ref>Vgl. Michael H. Dodgeon, Samuel N. C. Lieu (Hrsg.): ''The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars (A. D. 226–363).'' Routledge, London / New York 1991.</ref> wie im Fall des [[Publius Herennius Dexippus]].<br />
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Jenseits der antiken Überlieferung zu den Perserkriegen erwähnenswert ist die [[Suda]], ein [[Byzantinisches Reich|byzantinisches]] Lexikon aus dem 10. Jahrhundert n.&nbsp;Chr., das seine Informationen vorwiegend aus älteren, überwiegend verlorengegangenen antiken Lexika bezieht und beispielsweise Informationen zur Schlacht von Marathon liefert.<br />
<br />
== Rezeption ==<br />
Was für die [[Antikes Griechenland#Griechenland in klassischer Zeit (um 500–336/323 v. Chr.)|klassische Epoche des antiken Griechenlands]] allgemein gilt, eine von athenischen Schriftzeugnissen unter anderem zur Geschichtsschreibung und zur politischen Theorie dominierte Überlieferung und Perspektive, zeigt sich auch in der Nachbetrachtung der Perserkriege. Sowohl die antike als auch die moderne Rezeption haben den Fokus auf das Schicksal der attischen Polis als kriegsbeteiligte und vom Kriegsausgang begünstigte gespiegelt und weitgehend erhalten.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 13; Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 152.</ref><br />
<br />
=== In der Antike ===<br />
Als erfolgreicher gemeinsamer Verteidigungs- und Abwehrkampf der Griechen bewirkten die Perserkriege, dass erst Freiheit (ελευθερία) und hernach Autonomie (αὐτονομία) Vorrang im griechischen politischen Wertehorizont erlangten, auch im Sinne der Freiheit von innerer Bedrückung durch [[Tyrannis|Tyrannen]]. Begünstigt wurde so zudem die Entwicklung freiheitlicher innerer Ordnungen in klassischer Zeit und laut [[Sebastian Schmidt-Hofner]] der geistige Aufbruch mit neuen Sichtweisen auf die Welt und neuen Erkenntnismethoden. Die Perserkriege bedeuteten für die Griechen eine Zäsur in ihrer Wahrnehmung der Vergangenheit. Sie forderten und veränderten Lebenswelt und Geschichtsbild nahezu aller Hellenen und speziell der Athener, bei denen die Kriege von 490 und 480/79 v. Chr. tiefgreifende politische, soziale und kulturelle Folgen zeitigten.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 9 und 11.</ref><br />
<br />
[[Datei:Helmet of Miltiades the Younger.jpg|mini|Von Miltiades in Olympia geweihter Helm]]<br />
Vor allem der Sieg des Hoplitenheeres in der [[Schlacht bei Marathon]] 490 v. Chr., den die Athener ohne die verspätet eintreffenden Spartaner errungen hatten, wurde zu einem Markstein der Erinnerungskultur in Athen. Zum ersten Mal hatte eine griechische Armee eine persische in offener Feldschlacht besiegt. Für die gefallenen Athener wurde vor Ort ein zehn Meter hoher Grabhügel von 50 Metern Durchmesser errichtet. Für [[Miltiades der Jüngere|Miltiades]] schuf man ein Denkmal; außerdem wurde ein marmornes Siegeszeichen aufgestellt. Etwa 30 Jahre nach der Schlacht ließ Miltiades Sohn [[Kimon]] in der [[Agora (Athen)#Stoa Poikile (20)|Stoa Poikile]] am Nordrand der [[Agora (Athen)|Athener Agora]] ein großes Gemälde der Schlacht bei Marathon anbringen.<ref>[[Christian Meier]]: ''Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte.'' Erweiterte Taschenbuchausgabe, München 1995, S. 254 f.</ref> Die Erinnerungen an Marathon dürften den Athenern laut [[Wolfgang Will]] als Ausdruck des Zusammenhalts der vielfältig gegliederten und teils weit auseinanderliegenden Gruppierungen des attischen Polisverbands dauerhaft wichtig gewesen sein, indem die Bürger sich über gemeinsame Kulte, Feste und Totengedenken miteinander identifizierten und so die [[Kleisthenische Reformen|kleisthenischen Grundlagen]] der Demokratie festigten.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 152.</ref><br />
<br />
Für Spartas Nachruhm in den Perserkriegen steht hauptsächlich die [[Schlacht bei den Thermopylen (Perserkriege)|Schlacht bei den Thermopylen]] 480 v. Chr., letztlich eine Niederlage, bei der die Spartiaten in deutlicher Unterzahl aber standhielten, bis auch ihr letzter Mann gefallen war, und mit ihnen ihr König [[Leonidas I.]] Zu seinen und zu Ehren seiner Mitgefallenen wurden danach in Sparta jährlich feierliche Spiele abgehalten. Am Ort der Schlacht forderte das [[Thermopylen-Epigramm]] des [[Simonides von Keos]] die Passanten auf, in Sparta zu bezeugen, dass die hier Ruhenden ihren Auftrag erfüllt hätten:<br />
: {{lang|grc|Ὦ ξεῖν’, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.}}<br />
In der lateinischen Übertragung des Römers [[Marcus Tullius Cicero|Cicero]] war dann von heiligen Gesetzen die Rede, denen man gehorcht habe:<br />
: {{lang|la|Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur.}}<br />
Friedrich Schiller dichtete in [[Der Spaziergang (Schiller)|''Der Spaziergang'']] diesbezüglich:<br />
: ''Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest&nbsp;/ Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.''<ref>Im Gedichtkontext heißt es: ''Eurer Thaten Verdienst meldet der rührende Stein:&nbsp;/ „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest&nbsp;/ Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“&nbsp;/ Ruhet sanft ihr Geliebten! Von eurem Blute begossen&nbsp;/ Grünet der Oelbaum, es keimt lustig die köstliche Saat.'' ([[s:Der Spaziergang (Friedrich Schiller)|Der Spaziergang]])</ref><br />
<br />
Das Ereignis der Perserkriege, mit dem sich die meisten griechischen Poleis über Athen und Sparta hinaus identifizierten, war die [[Schlacht von Plataiai]]. Unabhängig von je eigenen Erinnerungsformen feierte man diesen Erfolg auch gemeinsam: So wurden alle vier Jahre Freiheitsspiele (Eleutherien) abgehalten; und alljährlich richteten die Plataier für alle auf ihrem Boden bestatteten Griechen eine Totenfeier aus.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 154.</ref> Die gemeinsame Abwehr der Persergefahr trug wesentlich bei zur Konsolidierung einer die Bürger der griechischen Poleis als ''Hellenen'' einenden Identität, die sich bis dahin hauptsächlich auf Mythen und Erzählungen vom Trojanischen Krieg sowie auf gemeinsame Kultorte wie Delphi oder Olympia gegründet hatte. Das imponierende Bild des sich der Perser siegreich erwehrenden [[Hellenenbund]]s war so wirkmächtig, dass auch Poleis, die die Schlacht von Plataiai nicht mitbestritten hatten, die eine oder andere eigene Form der Beteiligung in Umlauf brachten, um am Nachruhm der Sieger teilzuhaben.<ref>[[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' München 2016, S. 73.</ref><br />
<br />
=== In jüngerer Zeit ===<br />
Die Griechenbegeisterung des 18. Jahrhunderts, die in Deutschland die [[Neuhumanismus|neuhumanistische]] Strömung speiste, führte dazu, dass der Kultur der Alten Griechen im 19. Jahrhundert eine zeitlos verpflichtende Bedeutung zugeschrieben wurde. Damit verbunden war die Vorstellung, dass es bei den griechischen Abwehrkriegen gegen das persische Großreich auch um die geistige Zukunft Europas gegangen war. [[John Stuart Mill]] brachte das auf die griffige Formel, dass die Schlacht bei Marathon als Ereignis der englischen Geschichte wichtiger gewesen sei als die [[Schlacht bei Hastings]].<ref>[[Werner Dahlheim]]: ''Die griechisch-römische Antike''. Band 1: ''Herrschaft und Freiheit. Die Geschichte der griechischen Stadtstaaten.'' 2. Auflage, Paderborn 1994, S. 166.</ref> [[Georg Wilhelm Friedrich Hegel]] sah eine Gunst des Schicksals darin, dass Namen wie Marathon und Salamis für immer im Andenken der Menschen fortleben würden. „Es lag hier das Interesse des Weltgeistes auf der Waagschale; alle anderen Interessen, die mit irgendeinem Vaterlande zusammenhingen, sind beschränkter gewesen.“<ref>Zitiert nach [[Christian Meier]]: ''Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte''. Vom Autor durchgesehene und erweiterte Taschenbuchausgabe. München 1995, S. 219.</ref><br />
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Die Schlacht von Marathon erwies sich in der Neuzeit als ein heroisches Muster, das sich zu vielfältiger Identifikation und Verwendung anbot. Schillers in Schul- und Geschichtsbüchern präsente, eingängige Übersetzung des Thermopylen-Epigramms eignete sich dazu, aus verschiedensten Anlässen den sinnvollen Tod fürs Vaterland zu propagieren.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 157.</ref> Selbst für Angriffskriege wurde dieses Mittel agitatorisch eingesetzt. 1943 lagen die Thermopylen in [[Schlacht von Stalingrad|Stalingrad]], heißt es bei Will. Am 10. Jahrestag der NS-[[Machtergreifung]] äußerte sich [[Hermann Göring]] im [[Volksempfänger]]-Rundfunk über den „größten Heroenkampf“ der deutschen Geschichte: „Und es wird auch einmal heißen: Kommst du nach Deutschland, so berichte, du habest uns in Stalingrad liegen sehen, wie das Gesetz, das heißt, das Gesetz der Sicherheit unseres Volkes, es befohlen hat.“<ref>Zitiert nach Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 158.</ref><br />
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[[Datei:Modern greek thermopylae.jpg|mini|Jacques-Louis David: ''Leonidas an den Thermopylen'']]<br />
Die Thermopylenschlacht hat auch in den bildenden Künsten der Neuzeit gelegentlich Widerhall gefunden. In der [[Renaissance]] malte [[Perugino]] für das Collegio del Cambio in Perugia einen Freskenzyklus, in dem der bei den Thermopylen gefallene Spartanerkönig Leonidas I. als Sinnbild der Tapferkeit neben [[Perikles]], dem Vertreter der Redekunst, erscheint. [[Jacques-Louis David]], Historienmaler im Zeitalter der [[Französische Revolution|Französischen Revolution]], präsentierte den König vor der Schlacht bei den Thermopylen in seinem Gemälde ''Leonidas an den Thermopylen'' als jugendlichen Helden mit Idealkörper, nach Davids eigenem Bekunden eine Versinnbildlichung der Vaterlandsliebe. Nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] schuf [[Oskar Kokoschka]] 1954 das [[Triptychon]] [[Thermopylae (Kokoschka)|Thermopylae]]. Der linke Flügel zeigt Leonidas bei seinem Abschied in Sparta; in der Mitte wird das Schlachtgeschehen abgebildet; auf dem rechten Flügel ist die Zerstörung Athens durch die Perser zu sehen. Kokoschkas Werktitel lautet vollständig: '' Thermopylae oder Der Kampf um die Errettung des Abendlandes''.<ref>Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 156 f. und 160 f.</ref><br />
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Der Althistoriker [[Christian Meier]] legt höchstes Gewicht auf die Bedeutung der bei [[Salamis (Insel)|Salamis]] ausgetragenen [[Schlacht von Salamis|Seeschlacht]]. Selten in der Geschichte habe so viel auf dem Spiel gestanden. „Die Enge von Salamis bildete gleichsam ein Nadelöhr, durch das die Weltgeschichte hindurch mußte, wenn in ihr statt großer, monarchisch regierter Reiche jenes eigenartige, vom Osten her exotisch anmutende Volk eine entscheidende Rolle spielen sollte, das in lauter kleinen selbständigen Städten, fast überall schon ohne Monarchen und vielfach schon bei weitgehender politischer Mitsprache breiter Schichten lebte.“<ref>[[Christian Meier]]: ''Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte''. Vom Autor durchgesehene und erweiterte Taschenbuchausgabe. München 1995, S. 33.</ref> Zumindest fürs sportinteressierte Publikum im 21. Jahrhundert ist freilich der [[Marathonlauf]] und sein triumphal-tragisches Ende die bekannteste Begebenheit der Perserkriege, obwohl er aus Sicht der historischen Forschung wahrscheinlich nur Legende ist.<ref>Will weist darauf hin, dass weder Herodots anekdotengespickte, annähernd zeitgenössische Darstellung der Perserkriege den Marathonlauf erwähnt, noch die Athener Redner des 4. Jahrhunderts v. Chr. in ihren Elogen auf die Vergangenheit der Stadt einen Hinweis darauf hinterlassen haben. Die beiden erhaltenen Überlieferungen zum Marathonlauf, die einander inhaltlich teils widersprechen, datieren mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem gemeinten Ereignis: die eine stammt von [[Plutarch]], die andere von [[Lukian von Samosata]]. (Will, 2. aktualisierte Auflage. München 2019, S. 163–166)</ref><br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Jack Martin Balcer: ''The Persian conquest of the Greeks 545–450 B.&nbsp;C.'' (= ''Xenia.'' H. 38). UVK, Konstanz 1995, ISBN 3-87940-489-5.<br />
* [[Pierre Briant]]: ''From Cyrus to Alexander. A History of the Persian Empire.'' Eisenbrauns, Winona Lake IN 2002, ISBN 1-57506-031-0 (Standardwerk zum Achämenidenreich).<br />
* [[Maria Brosius]]: ''A History of Ancient Persia: The Achaemenid Empire.'' Wiley-Blackwell, Haboken 2021, ISBN 978-1-4443-5092-0 (Zusammenschau).<br />
* Andrew R. Burn: ''Persia and the Greeks. The Defence of the West, c. 546–478 B.&nbsp;C.'' 2. Auflage. Duckworth, London 1984, ISBN 0-7156-1711-7 (Standardwerk der älteren Forschung).<br />
* George Cawkwell: ''The Greek Wars. The Failure of Persia.'' Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-929983-8 (kritische Darstellung, in der teils explizit gegen die vorherrschende Forschungsmeinung argumentiert wird).<br />
* [[Werner Ekschmitt]]: ''Der Aufstieg Athens. Die Zeit der Perserkriege.'' Bertelsmann, München 1978, ISBN 3-570-02431-8.<br />
* Josef Fischer: ''Die Perserkriege.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-23973-3 ([http://www.sehepunkte.de/2013/05/22568.html kritische Fachbesprechung] bei [[sehepunkte]]).<br />
* [[Peter Funke]], György Németh, András Patay-Horváth, [[Josef Wiesehöfer]] (Hrsg.): ''Xerxes against Hellas. An Iconic Conflict from Different Perspectives''. Franz Steiner, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-515-13774-4.<br />
* Peter Green: ''The Greco-Persian wars.'' Revised edition. University of California Press, Berkeley CA u.&nbsp;a. 1996, ISBN 0-520-20573-1.<br />
* Charles Hignett: ''Xerxes' invasion of Greece.'' Clarendon Press, Oxford 1963.<br />
* John Hyland: ''Persia's Greek Campaigns.'' Oxford University Press, Oxford 2025, ISBN 978-0-19-766048-5 (aktuelle Darstellung, die den Konflikt aus persischer Sicht zu analysieren versucht).<br />
* [[Tom Holland (Schriftsteller)|Tom Holland]]: ''Persisches Feuer. Das erste Weltreich und der Kampf um den Westen.'' Klett-Cotta, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-608-94463-1 (populärwissenschaftliche und inhaltlich nicht immer zuverlässige, aber sehr gut lesbare Darstellung).<br />
* Michael Jung: ''Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken Griechenland'' (= ''Hypomnemata.'' Bd. 164) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-25263-3 (Zugleich: Münster, Univ., Diss., 2004/2005).<br />
* [[Hilmar Klinkott]]: ''Xerxes. Der Großkönig in Griechenland.'' Kohlhammer, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-17-040114-3.<br />
* Sebastian Kühne: ''Kommunikation, Konsens und Konflikt. Neuere Untersuchungen zu den persisch-griechischen Beziehungen.'' Franz Steiner, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-515-13313-5.<br />
* Dewid Laspe: ''Marathon und Salamis. Die Entscheidungsschlachten der Perserkriege.'' V & R, Göttingen 2025, ISBN 978-3-525-31165-3.<br />
* [[Robert Rollinger]]: ''Das teispidisch-archaimenidische Imperium.'' In: [[Michael Gehler]], Robert Rollinger (Hrsg.): ''Imperien und Reiche in der Weltgeschichte. Epochenübergreifende und globalhistorische Vergleiche.'' Harrassowitz, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-447-06567-2, S.&nbsp;149–192.<br />
* [[Sebastian Schmidt-Hofner]]: ''Das klassische Griechenland. Der Krieg und die Freiheit.'' C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-67915-5.<br />
* [[Raimund Schulz]]: ''Die Perserkriege.'' De Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-044259-5.<br />
* [[Josef Wiesehöfer]]: ''„Griechenland wäre unter persische Herrschaft geraten …“ Die Perserkriege als Zeitenwende?'' In: Sven Sellmer, Horst Brinkhaus (Hrsg.): ''Zeitenwenden. Historische Brüche in asiatischen und afrikanischen Gesellschaften.'' (= ''Asien und Afrika.'' Bd. 4). EB-Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-930826-64-X, S. 209–232.<br />
* Josef Wiesehöfer: ''Herodot und ein persisches Hellas.'' In: Boris Dunsch, Kai Ruffing (Hrsg.): ''Herodots Quellen – Die Quellen Herodots.'' Harrassowitz, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-447-06884-0, S.&nbsp;273–283.<br />
* [[Wolfgang Will]]: ''Die Perserkriege.'' 2. aktualisierte Auflage. C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-73610-0.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Greco–Persian Wars|Perserkriege}}<br />
* [http://www.iranchamber.com/history/articles/persian_wars1.php Perserkriege bei ''Iranchamber''] (englisch)<br />
<br />
== Anmerkungen ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4137297-9}}<br />
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[[Kategorie:Perserkriege| ]]<br />
[[Kategorie:Konflikt (5. Jahrhundert v. Chr.)]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=J%C3%BCdische_Geschichte_in_K%C3%B6ln&diff=264651788Jüdische Geschichte in Köln2026-02-24T11:19:20Z<p>Procopius: /* Antike */</p>
<hr />
<div>Die '''jüdische Geschichte in Köln''' betrifft das Leben der [[Juden]] in [[Köln]], die urkundlich erstmals im Jahr 321 bezeugt sind, und reicht damit mindestens bis in die [[Spätantike]] zurück (vgl. [[Geschichte der Stadt Köln]]). Die heutige [[Synagogen-Gemeinde Köln]] bezeichnet sich aufgrund dieser historischen Kontinuität selbst als „älteste [[Kehillah|jüdische Gemeinde]] nördlich der Alpen“.<ref>Auf der Website der Synagogen-Gemeinde Köln, {{Webarchiv|url=http://www.sgk.de/ |wayback=20081015010353 |text=Archivierte Kopie }}; abgerufen am 16. Dezember 2007.</ref><br />
<br />
== Antike ==<br />
[[Datei:CCAA-Konstantinbrücke.jpg|mini|220px|Kaiser [[Konstantin der Große|Konstantin]] verband Köln und Deutz mit einer [[Römerbrücke (Köln)|ersten festen Brücke]] (Zeichnung um 1608).]]<br />
Für die Berufung in ein städtisches Amt waren im Römischen Reich [[Grundbesitz]] und ein gewisses Ansehen der Person Voraussetzung. Juden war jedoch der Zugang zu öffentlichen Ämtern und damit eine Stellung unter den Ratsherren (Curialen) lange Zeit verwehrt: Zwar war ihre Religion als ''[[religio licita]]'' („erlaubte Religion“) anerkannt, gleichzeitig waren sie damit jedoch vom [[Kaiserkult|Kaiseropfer]] und den Opfern an die [[Römische Religion|römischen Staatsgötter]] befreit, und diese waren zugleich Grundvoraussetzung für die Bekleidung eines öffentlichen Amtes.<ref>[[Tacitus]], ''[[Historiae (Tacitus)|Historiae]]'' [http://www.thelatinlibrary.com/tacitus/tac.hist5.shtml#5 5,5,4].</ref><br />
<br />
Im Verlauf des [[3. Jahrhundert]]s wurde jedoch die Mitgliedschaft in den Stadträten von einer Ehre zu einer Belastung, da die Curialen für Mindereinnahmen bei Steuern und Abgaben persönlich hafteten und auch sonst immer mehr Pflichten übernehmen mussten. In der [[Spätantike]] versuchte die urbane Oberschicht daher zunehmend, die Beteiligung an diesen kostspieligen Ämtern zu vermeiden oder aber die Lasten zumindest auf möglichst viele Schultern zu verteilen.<ref>Vgl. Jens-Uwe Krause: ''Geschichte der Spätantike''. Tübingen 2018, S. 260.</ref> Damit verwandelte sich das Verbot, Juden in die Stadträte aufzunehmen, faktisch in ein Privileg. <br />
<br />
Diese Ausnahmestellung wurde schließlich beseitigt: Das am 11. Dezember 321<ref>[https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/geteilte-geschichte/339532/das-edikt-kaiser-konstantins-von-321/ Das Edikt Kaiser Konstantins von 321], Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de</ref> an den [[Köln]]er Stadtrat ergangene [[Dekret]] [[Konstantin der Große|Kaiser Konstantins I.]] antwortete auf eine Anfrage der Curialen und verfügte, dass fortan auch [[Judentum|Juden]] in die ''[[Curia (Versammlungsort)|curia]]'' berufen werden konnten, bzw. dass diese (mit einigen Ausnahmen) nötigenfalls auch gegen ihren Willen in die Pflicht genommen werden durften.<ref>Eck 2004. S. 325</ref> Es dient zugleich als frühester Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in der Stadt Köln (und im heutigen Deutschland insgesamt).<ref>Vgl. zur historischen Einordnung ausführlich Werner Eck: ''Der Erlass von 321 n.Chr. zur Aufnahme von Juden in den Rat des römischen Köln. Ursachen und Folgen.'' In: Archäologische Gesellschaft Köln e.&nbsp;V. (Hrsg.): ''1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland'', Köln 2021, S. 1–25.</ref> Das kaiserliche Dekret ist im ''[[Codex Theodosianus]]'' (16,8,3) überliefert und hat in der Übersetzung folgenden Wortlaut:<br />
<br />
{{Zitat| An die Ratsherren von Köln: Mit einem allgemeinen Gesetz erlauben wir allen Stadträten, auch Juden in den Rat zu berufen. Doch damit ein Rest der früheren Regelung ihnen [d. h. den Juden] zum Trost bestehen bleibe, gestehen wir mit einem immerwährenden Privileg je zweien oder dreien von ihnen zu, von keinen Nominierungen in Anspruch genommen zu werden. Gegeben am dritten Tag vor den Iden des Dezember, als die ''Caesares'' Crispus und Constantinus zum zweiten Mal Konsuln waren.<ref>''Ad decurionibus Agrippiniensibus. Cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. Verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. Dat. III id. dec. Crispo II et Constantino II cc. conss.''</ref>}}<br />
<br />
Wichtig ist, dass das Edikt von der Existenz jüdischer Bürger in Köln ausgeht; die Gemeinde muss also bereits vor 321 bestanden haben. Eine in die Mitte des 6. Jahrhunderts datierte Abschrift des 16. Buches des ''Codex Theodosianus'' aus dem [[Heiliger Stuhl|Vatikan]], die den kaiserlichen Erlass enthält, wurde ab September 2021 in einer Sonderausstellung des Museums [[Kolumba (Museum)|Kolumba]] in Köln gezeigt.<ref>Bericht des WDR [https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-alte-vatikanische-abschrift-auf-dem-weg-ins-kolumba-koeln-100.html.]</ref><br />
<br />
== Mittelalter ==<br />
[[Datei:Koeln-Altstadt-Mikwe3-Gedenktafel-P1010155.JPG|mini|Plan des jüdischen Viertels am Rathausplatz]]<br />
{{Hauptartikel|Kölner Mikwe}}<br />
Ein jüdisches Ritualbad, eine [[Mikwe]], in der [[Altstadt-Nord|Kölner Altstadt-Nord]] datiert in ihrer ersten Bauphase aus dem [[8. Jahrhundert]]. In der Folge wurde der Bau mehrfach erneuert und renoviert. Nach 1096 erfolgte der Umbau der Mikwe zu Beginn des 12. Jahrhunderts.<br />
<br />
Die jüdische Gemeinde war spätestens seit dem 11. Jahrhundert in einem Viertel nahe dem heutigen [[Rathaus Köln|Rathaus]] angesiedelt. Noch heute zeugt der Name „Judengasse“ davon. Im 12. und 13. Jahrhundert verschärfte sich die antijüdische Haltung der Stadtbewohner. Sie wurden beschuldigt, für die [[Schwarzer Tod|Pest]] verantwortlich zu sein. In der Bartholomäusnacht 1349 kam es zu einem [[Pogrom]], der als „Judenschlacht“ in die Stadtgeschichte einging. In dieser Nacht drang ein aufgebrachter Mob in das Judenviertel ein und ermordete die meisten Bewohner. 1424 wurden die Juden „auf alle Ewigkeit“ aus der Stadt verbannt. Dieses Verbot einer Ansiedlung wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts aufgehoben. Eine neue jüdische Gemeinde entstand erst wieder unter französischer Verwaltung. In der frühen Neuzeit wurde das Gelände des Judenviertels überbaut, ihre ehemaligen Bewohner gerieten in Vergessenheit. Erst nach den Zerstörungen des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieges]] kamen bei den Wiederaufbaumaßnahmen die mittelalterlichen Fundamente, darunter eine [[Mittelalterliche Synagoge Köln|Synagoge]] und die monumentale [[Kölner Mikwe]], zu Tage. Erste archäologische Untersuchungen wurden nach dem Krieg von [[Otto Doppelfeld]] in den Jahren 1953 bis 1956 durchgeführt. Aus Gründen des Geschichtsbewusstseins wurde das Gelände in der Nachkriegszeit nicht überbaut und blieb bis heute als Platz vor dem historischen Rathaus erhalten. Das Judenviertel ist Teil der „[[Archäologische Zone Köln|Archäologischen Zone Köln]]“.<br />
<br />
=== Mittelalterliche Pogrome in Köln ===<br />
[[Datei:Medieval manuscript-Jews identified by rouelle are being burned at stake.jpg|mini|hochkant|Judenverbrennung im [[Heiliges Römisches Reich|Heiligen Römischen Reich]] (mittelalterliches Manuskript, heute in der [[Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern]])]]<br />
Schon Jahrhunderte vor dem großen Pogrom vom August 1349 war im Kölner Raum das Klima gegenüber der jüdischen Bevölkerung keineswegs freundlich. 1096 kam es im Verlauf des [[Erster Kreuzzug|Ersten Kreuzzuges]] zu mehreren Pogromen. Obwohl der Kreuzzug von [[Frankreich]] ausging, kam es zuerst im [[Heiliges Römisches Reich|Heiligen Römischen Reich]] zu [[Deutscher Kreuzzug von 1096|belegten Übergriffen]]. Am 27. Mai 1096 fielen in [[Mainz]] Hunderte von Juden [[Gezerot Tatnu|Gewaltexzessen]] zum Opfer. Die Pfalz des dortigen Erzbischofs [[Ruthard (Mainz)|Ruthard]], wohin dieser die Juden zu ihrem Schutz hatte verbringen lassen, wurde von den Kreuzfahrern nach kurzer Gegenwehr gestürmt. Ähnliches geschah im Juli desselben Jahres in Köln.<ref>Schubert 2007. S. 45; Wenniger 1984 S. 17.</ref> Juden wurden zwangsgetauft. Die Erlaubnis Kaisers [[Heinrich IV. (HRR)|Heinrich IV.]], wonach zwangsgetaufte Juden wieder zu ihrem Glauben zurückkehren durften, wurde von Papst [[Wibert von Ravenna]] nicht bestätigt.<ref>Patschovsky1999. S. 330.</ref> Seit dieser Zeit kam es nicht nur im Rheinland immer wieder zu kleineren und größeren Übergriffen.<br />
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Im Jahre 1146 wurden mehrere Juden bei [[Königswinter]] von einem aufgebrachten christlichen Mob erschlagen, kurz vor Beginn des [[Zweiter Kreuzzug|Zweiten Kreuzzuges]].<ref name="Schmandt-S85">Schmandt 2002. S. 85.</ref> Auch in [[Andernach]],<ref>Germania Judaica 11,1 S. 15</ref> [[Altenahr]],<ref>GJ II,1 S. 10.</ref> [[Bonn]]<ref>GJ II,1 S. 94.</ref> und [[Lechenich]]<ref>GJ II,1 S. 475.</ref> wurden Juden getötet und ihre Häuser teils geplündert. Diese Ereignisse sind vermutlich mit einer Verfolgungswelle von 1287/88 in Verbindung zu bringen.<ref>Nur wenige Jahre später, 1298, fand besonders in Franken eine Verfolgungswelle statt, die auf den sogenannten König Rintfleisch zurückgehen soll. Siehe hierzu Lotter, F.: Die Judenverfolgung des „[[König Rintfleisch]]“ in Franken um 1298. Die endgültige Wende in den christlich – jüdischen Beziehungen im deutschen Reich des Mittelalters, in: Zeitschrift für Historische Forschung 4 (1988) S. 385–422.</ref> Tätliche Übergriffe auf Kölner Juden sind für diesen Zeitraum nicht belegt, wobei von einer bestehenden Diskriminierung ausgegangen werden muss.<br />
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Nach dem [[Viertes Laterankonzil|Vierten Laterankonzil]] im Jahr 1215 waren alle Juden dazu angehalten, sich durch ihre Kleidung deutlich als Nichtchristen auszuweisen.<ref>Schubert 2007. S. 48.</ref> Daneben war es möglich, dass der Inhaber des [[Judenregal]]s sogenannte [[Tötbrief]]e ausstellte, also beschloss, bestimmten Schuldnern – etwa bei Missernten – die Schulden bei jüdischen Geldverleihern zu erlassen oder die Zinsen zu senken.<ref>Ziwes 1995. S. 251; Schubert 2007. S. 50.</ref><br />
Des Weiteren kann man für die 1320er Jahre vermuten, dass mancher Kölner versuchte, sich den Zahlungsverpflichtungen gegenüber jüdischen Gläubigern durch die Berufung auf die kirchliche Gesetzgebung zu entziehen. Papst [[Johannes XXII.]] hatte im Jahre 1317 eine rigorose „Anti-Judenwucher-Kampagne“ gestartet und öffentlich erklärt, dass Wucherzinsen an Juden nicht entrichtet werden müssten. Der Kölner Stadtrat sah sich genötigt, gegen diese kirchlich sanktionierte Rückzahlungsverweigerung vorzugehen und stellte 1321 Klagen gegen jüdische Zinsforderungen unter Strafe. 1327 wiederholte der Rat diese Bestimmung und wandte sich damit eindeutig gegen ein päpstliches Reskript, welches speziell gegen einen [[Salman von Basel]] gewandt war.<ref>Schmandt 2002. S. 78f.</ref> Derselbe Stadtrat nahm 1334 selbst auf besagtes päpstliche Schreiben Bezug und rief Erzbischof [[Walram von Jülich]] um Unterstützung an, als ein jüdischer Finanzier namens Meyer von ihm Außenstände einforderte. Das Verfahren endete mit der Herausgabe aller städtischen [[Schuldbrief]]e und der Verurteilung Meyers zum Tode.<ref>Ennen, L. u. Eckertz, G.: Quellen zur Geschichte der Stadt Köln, Bd. IV, Köln 1872, Nr. 201, S. 220.</ref> Die Stadtväter waren ihrer Schulden bei Meyer ledig und Walram erhielt das konfiszierte Vermögen des Verurteilten. Zudem hatte der Erzbischof ebenfalls Schulden bei Meyer gehabt und konnte diese im gleichen Zuge tilgen.<ref>Janssen, W.: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter, Bonn/Köln 1973 V, Nr. 226, S. 61: ''„…item hoc anno judeus quidam ditus Meyer, id ets villicius, in Bunna pecuniis maximis Walramus per officiatos archiepiscopi Coloniensis nequiter comburitur et occiditur. Cum enim in archiepiscopus sibi obligaretur, fingunt eum falsarium et comburunt…“''</ref> Insgesamt scheinen die Juden in Köln zwischen 1096 und 1349 als „Mitbürger“<ref>Hier ist nicht der rechtliche Status gemeint, sondern der Einwohner allgemein.</ref> an Leib und Leben allerdings relativ sicher gewesen zu sein.<ref name="Schmandt-S85" /> Hinweise darauf, dass man Anstoß an ihnen genommen hat, gibt es aber zur Genüge.<ref name="Schmandt-S86">Schmandt 2002. S. 86.</ref> So ist etwa die sogenannte [[Judensau]] auf einer der Stuhlwangen des [[Kölner Dom]]chores bekannt, die vermutlich aus den 1320er Jahren stammt.<ref>Franzheim 1984. S. 82.</ref><br />
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In den Jahrzehnten vor dem Pogrom in Köln scheinen die Beziehungen zu den dort ansässigen Juden immer schlechter geworden zu sein. So wurde um 1300 mit dem Bau eines Mauerteils um das Judenviertel begonnen. Vermutlich wurde diese Baumaßnahme auf Betreiben der jüdischen Gemeinde selbst durchgeführt.<ref>Schmandt 2002. S. 26f.</ref> Ratsbeschlüsse dokumentieren die Verschlechterung des innerstädtischen Klimas zwischen Christen und Juden. So befassen sich Beschlüsse der Jahre 1252 bis 1320 mit Fragen über Rechtsstellung, Schutz und Besteuerung der Kölner Juden.<ref>Schmandt 2002. S. 36.</ref> Die Pogromwelle betraf auch andere Städte des Reiches. So ist ein Schreiben des Kölner Stadtrates an den Rat der Stadt [[Straßburg]] überliefert. Darin äußert sich der Kölner Rat am 12. Januar 1349 besorgt über die Vorgänge in Straßburg und warnt eindringlich vor einer Eskalation. Die Juden und ihre Habe seien durch Schutz- oder Trostbriefe geschützt, diese müsse man einhalten. Zudem sei der Vorwurf, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und so die Pest verursacht, in keinem einzigen Fall nachgewiesen.<ref>Graus 1988. S. 179.</ref> Im selben Schreiben stellen die Kölner Ratsherren klar, dass sie die Kölner Juden entschieden schützen würden.<ref>Schmandt 2002. S. 93.</ref> Für die Jahre nach 1320 sind allerdings zahlreiche religiös motivierte Judenfeindlichkeiten des Kölner Klerus bekannt, die sich besonders über die Privilegien der Kölner Juden ereiferten.<ref>Schmandt 2002. S. 86; So etwa die sogenannte Judensau auf einer der Stuhlwangen des Kölner Domchores die in die 1320er Jahre datiert wird. Franzheim, L.: Juden in Köln (Anm. 23) S. 82f.</ref> Der Grund hierfür kann in der Veränderung des [[Judenregal]]s gesehen werden. Der Kölner [[Klerus]] profitierte nun nicht mehr alleinig vom Geldleihgeschäft der Juden. Zunehmend verdiente der Stadtrat mit, was noch zu zusätzlichen Spannungen zwischen Erzbischof und Rat führte.<br />
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[[Datei:Köln-Erzb-Engelbert-Judenprivileg-1266.JPG|mini|hochkant|1266 lässt Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] das „[[Kölner Judenprivileg|Judenprivileg]]“ in Stein meißeln.]]<br />
Dass letzterer in der Judenverfolgung des Jahres 1349 in Köln eine wichtige Rolle spielte, geht aus den Quellen hervor. Seit 1266 hatten in Köln ausschließlich die Juden das Privileg, Geld zu verleihen. Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] hatte dieses sogenannte [[Kölner Judenprivileg]] an der Außenseite der Domschatzkammer gar in Stein meißeln lassen.<ref>Richard Kipping: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter Bd. 3, Nr. 1233, S. 280.</ref> Im Ringen um die Macht konnten die Juden in Köln also bis zu einem gewissen Grad als „Druckmittel“ eingesetzt werden. Die Schutzherren der Kölner Juden, der Erzbischof und der König, konnten ihr Judenregal weiterveräußern. Kam es nun zu Querelen zwischen der Kurie, dem König und dem Kölner Stadtrat, so konnte der Stadtrat beiden eine profitable Einnahmequelle nehmen, wenn er die Juden beseitigte. Nebenbei konnten so eigene Außenstände getilgt werden.<br />
Hinzu kam, dass in den 1340er Jahren eine Pestwelle von noch nie dagewesener Härte über Europa hereinbrach. Der „[[Schwarzer Tod|Schwarze Tod]]“ hat aber Köln und das Umland wohl nicht vor dem Dezember 1349 erreicht,<ref>Schmandt 2002. S. 89.</ref> also erst Monate nach dem schweren Pogrom vom August. Allerdings werden Nachrichten aus dem Süden über ihre verheerende Auswirkung auch am Rhein schon wesentlich früher eingetroffen sein. Möglicherweise wurden sie in der Bevölkerung noch ausgeschmückt und führten zu einer eschatologischen Unruhe.<br />
In diese Gesamtsituation fällt der verheerende Pogrom vom 23./24. August des Jahres 1349 in Köln.<br />
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==== Vorbereitung des Pogroms ====<br />
Die [[Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes|Verfolgungen im Jahre 1349]] gehörten zu den heftigsten im gesamten Mittelalter und hatten ihren Ursprung vermutlich in Süd-Westeuropa. Den größten Nachhall fanden sie allerdings im Deutschen Reich.<ref>Graus 1987. S. 156; So sind für die Zeit vor diesem Pogrom 1010 jüdische Gemeinden im Deutschen Reich nachgewiesen. Viele hören nach dem Jahr 1349 auf zu bestehen. Toch 1992 S. 30ff.</ref> Die Pogromwelle erfasste viele Städte, noch bevor die Pest diese erreichte, zum Beispiel [[Judenpogrom in Straßburg 1349|die Pogrome in Straßburg]] und [[Basler Judenpogrom|Basel]]. Besonders häufig wurden Anklagen wegen angeblicher Brunnenvergiftung erhoben. Die Pogrome scheinen sich nach dem Schneeballsystem ausgebreitet zu haben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie spontan waren und vom niederen Volk ausgingen. Viel eher lassen spätere Aufzeichnungen eine gewisse Planung erkennen, die in ihrer Prägung eher die Verwicklung der führenden, oder wenigstens Teile der führenden Schichten erkennen lassen.<ref>Graus 1988. S. 167.</ref> So weisen etwa die schon erwähnten Ereignisse in [[Straßburg]], die der Kölner Rat genau verfolgte, auf eine deutliche Planung hin. Man schloss dort mit allen, denen an der Ermordung oder Vertreibung der Juden gelegen war, im Vorfeld ein Bündnis, um sich auch gegenüber ihren Schutzherren durchsetzen zu können. Besonders König [[Karl IV. (HRR)|Karl IV.]] und die habsburgischen Vogte hatten Juden in ihren Herrschaftsgebieten angesiedelt. Der Straßburger Rat berief sich auf den Landfrieden und forderte alle Bündner auf, die Juden in ihren Gebieten zu töten.<ref>Graus 1988. S. 185.</ref> So war dieser Pogrom letztlich gegen die Habsburger gerichtet und nutzte die [[Hysterie]] im Volk lediglich aus, um eigene machtpolitische Ziele erreichen zu können.<br />
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Der Kölner Erzbischof [[Walram von Jülich|Walram]], der die Stadt gegen Ende Juni 1349 verlassen hatte, um sich nach Frankreich zu begeben, war kurz darauf in Paris verstorben. König Karl IV., hatte sich bis zum 19. Juli in Köln aufgehalten und war danach mit seinem Gefolge abgereist. Ihm war es gelungen, Köln durch Vergünstigungen im Thronstreit auf seine Seite zu ziehen.<ref>von den Brincken 1978. S. 243ff.; Schmandt 2002. S. 89.</ref> Möglicherweise verliefen die Verhandlungen aber nicht für alle Interessensgruppen erfolgreich. Die Auslöschung der jüdischen Gemeinde könnte auf die Schwächung Karls IV. und der Kurie abgezielt haben. Schon früher hatte eine Sedisvakanz des Erzbischofs zu Verfolgungen geführt. So etwa nach der [[Schlacht von Worringen]] am 8. Juni 1288, als der unterlegene Kölner Erzbischof gefangen genommen wurde. Vier Tage danach kam es zu Judenverfolgungen in der näheren Umgebung von Köln.<ref>Mentgen 1995. S. 178.</ref> Im August 1349 war nicht nur der Sitz des Kölner Erzbischofs unbesetzt, sondern auch Karl IV. war nicht in der Nähe um eingreifen zu können. So kam es zu Ausschreitungen, die am 24. August in der später sogenannten „Kölner Bartholomäusnacht“ gipfelten.<br />
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Am 23./24. August wurde auch das bis dahin für Juden einigermaßen sichere Köln zu einer Todesfalle. Nach gewalttätigen Übergriffen in der näheren Umgebung der Domstadt wurden auch in Köln selbst Juden ermordet.<ref name="Schmandt-S86" /><br />
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==== Die Bartholomäusnacht und ihre Folgen ====<br />
Über den eigentlichen Ablauf des Pogroms ist wenig bekannt. Im Verlauf der Bartholomäusnacht 1349 wurde das beim Rathaus liegende Judenviertel gestürmt, wobei es zu Morden, der Plünderung von jüdischem Besitz und zu Brandstiftung kam. Flüchtende wurden verfolgt und getötet. Der Rat ließ nicht eingreifen. Über die Feuer, die das Judenviertel damals verheerten, berichten mehrere Quellen, allerdings sind sie teils widersprüchlich. Einige berichten, dass sich die Juden selbst in ihren Häusern verbrannten, um nicht in die Hände der Plünderer zu fallen.<ref>Schmandt 2002. S. 90.</ref> Einer anderen Version zufolge hatten sich die Juden in ihrer Synagoge selbst verbrannt, was aber eher unwahrscheinlich ist. Archäologische Grabungen im Gebiet des mittelalterlichen Judenviertels deuten darauf hin, dass die Synagoge selbst die Bartholomäusnacht unbeschadet überstanden hatte, später dann aber gezielt ausgeplündert wurde.<ref>Schütte 1998. S. 206.</ref><br />
Auf der Flucht vergrub eine Familie hier ihr Hab und Gut. Der Münzschatz wurde bei Ausgrabungen 1953 entdeckt und ist im [[Kölnisches Stadtmuseum|Stadtmuseum]] ausgestellt.<ref>{{Literatur |Autor=Hendrik Mäkeler |Titel=Der Schatz des Joel ben Uri Halewi. Der Kölner „Rathausfund“ von 1953 als Zeugnis der Judenpogrome im Jahr 1349 |Hrsg=Werner Schäfke, Marcus Trier, Bettina Mosler |Sammelwerk=Mittelalter in Köln. Eine Auswahl aus den Beständen des Kölnischen Stadtmuseums |Ort=Köln |Datum=2010 |Seiten=111–117 und 356–407}}</ref><br />
Der Bericht des Chronisten [[Gilles Li Muisis]], in dem er von einer regelrechten Schlacht gegen mehr als 25.000 Juden berichtet und den Sieg der Kölner einer Kriegslist der Fleischer zuschreibt, gilt als unglaubwürdig.<ref>Graus 1988. S. 206.</ref> Gilles Li Muisis Bericht prägte den Begriff „Judenschlacht“ für die Ereignisse jener Nacht. Ebenfalls undurchsichtig ist die Beteiligung von [[Flagellanten]], die laut den Quellen 1349 in Köln gewesen sein sollen.<ref>MGH SS XVI, S. 738 … ''anno 1349 fuerunt frates cum flagellis mirabili modo. Et eodem anno obiit domnus Walramus episcopus Coloniensis in vigilia assumpcionis beate Marie, et statim post hoc in nocte Bartholomei iudei combusti per ignem in colonia…''</ref><br />
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Der Rat der Stadt Köln und der neue Erzbischof [[Wilhelm von Gennep]] verurteilten den Pogrom mit aller Schärfe. Die Namen der eigentlichen Drahtzieher und gewalttätigen Eindringlinge in das jüdische Viertel blieben unbekannt. Es kann nur festgestellt werden, dass man damals versuchte, die Schuldigen unbenannt zu lassen. In einem Schreiben des Kölner Stadtrates heißt es, dass es ein auswärtiger Mob gewesen sei, denen vereinzelte Habenichtse aus Köln gefolgt seien.<ref>Schmandt 2002. S. 92.</ref><br />
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[[Datei:Grabstein des Ra bbi Jacob B.JPG|mini|[[Grabstein des Mar Jacob|Grabstein des Rabbi Mar Jacob]] am Vorburgtor der Burg Lechenich]]<br />
Einige vertriebene Überlebende aus der Stadt suchten jenseits des Rheins Zuflucht. Etwa zehn Jahre nach der Pogromwelle des Jahres 1349 sind jüdische Ansiedlungen in Andernach und Siegburg dokumentiert. Auch der Kölner Judenfriedhof [[Judenbüchel]] war verwüstet worden. Am [[Rathaus Köln|Rathaus]] und Kaufhaus in Köln wurden Grabsteine als Baumaterial wiederverwendet, doch auch Erzbischof Wilhelm von Gennep als Schutzherr der Judengemeinde beanspruchte das Material und ließ in den Jahren danach beim Ausbau der Landesburgen [[Schloss Hülchrath|Hülchrath]] und [[Landesburg Lechenich|Lechenich]] Steine mit hebräischen Inschriften bearbeiten und vermauern.<ref>Am Rundbogenfries des Wehrgangsgeschosses des Torturms von [[Schloss Hülchrath#Wiederverwendete jüdische Grabsteine|Schloss Hülchrath]] sind mindestens 79 sichtbare Grabsteinfragmente vermauert und möglicherweise weitere 50 ohne Sichtbarkeit, alle aus den Jahrzehnten vor dem Pogrom. Auf Burg Lechenich sind lediglich zwei Steine sichtbar. ''Siehe'' Stefan Leenen: ''Jüdische Grabsteine als Baumaterial in den Burgen Hülchrath und Lechenich nach der Pest 1349/1350'', in: [[Burgen und Schlösser]] 4/2020, S. 194–213</ref><br />
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Nach Köln kamen Juden nachweislich erst 1369 zurück, obwohl schon der Erzbischof [[Boemund II. von Saarbrücken]] während seiner Ägide von 1354 bis 1361 den Zuzug von Juden zu forcieren suchte.<ref>Heinig, P.-J.: Regesta Imperii VIII, Köln-Wien 1991, Nr. 2541 – Man holte sich gar die ausdrückliche Erlaubnis des Kaisers Karl IV. zur erneuten Ansiedlung von Juden in Köln.</ref> Aber erst unter [[Engelbert III. von der Mark (Köln)|Engelbert III. von der Mark]] und besonders unter seinem Koadjutor [[Kuno II. von Falkenstein|Kuno von Falkenstein]] sollte sich das gespannte Verhältnis zwischen Erzbischof und Stadtgemeinde soweit verbessern, dass der Schutz der Juden wieder halbwegs gesichert schien. Im Jahr 1372<ref>Aus diesem Jahr stammt auch ein städtischer Schutzbrief, der den zugezogenen Juden Freiheit von allen Rechtsansprüchen bei dem Pogrom getöteter Juden zusichert. Schmandt 2002. S. 169.</ref> ist wieder eine kleinere jüdische Gemeinde in Köln nachgewiesen.<ref>Schmandt 2002. S. 96.</ref> Auf Bitten des [[Friedrich III. von Saarwerden|Erzbischofs Friedrich]] wurden sie in der Stadt aufgenommen und erhielten ein erstes befristetes Schutzprivileg für eine Dauer von 10 Jahren. An dieses knüpfte der Rat jedoch Bedingungen. So war für den Zuzug ein Aufnahmegeld zwischen 50 und 500 [[Gulden]] sowie eine jährlich neu festzulegende Summe als allgemeine Abgabe zu zahlen. Nach weiteren Verlängerungen des Bleiberechtes proklamierte der Rat 1404 eine verschärfte [[Judenordnung]]. Es wurde den Juden auferlegt, sich zum Beispiel durch den spitzen [[Judenhut]] kenntlich zu machen, auch jede Art von Luxus wurde ihnen untersagt. 1423 beschloss der Kölner Rat, ein bis Oktober 1424 befristetes Aufenthaltsrecht für die Juden nicht mehr zu verlängern.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 114, 121, 128</ref> Bemerkenswert ist allerdings, dass man scheinbar sofort wieder eine ganze Gemeinde einrichten konnte und nicht erst, wie dieses aus vielen anderen, auch großen, Städten sonst überliefert ist, nur einige wenige Juden.<ref>Schmandt 2002. S. 99.</ref><br />
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==== Emigration ====<br />
Infolge der [[mittelalter]]lichen Pogrome und der endgültigen [[Ausweisung]] 1424 entschlossen sich wohl auch viele der Kölner Juden zur Auswanderung in osteuropäische Länder wie [[Polen-Litauen]], wo sich in der Folge das [[Jiddisch]] als Umgangssprache aus dem Mittelhochdeutschen, Hebräischen und Slawischen entwickelte. Die Nachkommen dieser Emigranten kehrten Anfang des 19.&nbsp;Jahrhunderts zurück und wohnten dann hauptsächlich im Bereich der Thieboldsgasse südöstlich des [[Neumarkt (Köln)|Neumarktes]].<br />
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Nur wenige der Juden blieben in der Nähe Kölns und wurden vorwiegend im Rechtsrheinischen (Deutz, Mülheim, Zündorf) sesshaft. Später entstanden so neue kleine Gemeinden, die mit den Jahren heranwuchsen.<br />
Die erste Gemeinde in Deutz entstand im Bereich der heutigen „Mindener Straße“. Dort fühlten Juden sich unter dem Schutz des Erzbischofs [[Dietrich II. von Moers|Dietrich von Moers]] (1414–1463) in Sicherheit.<br />
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=== Kulturelles Leben im Mittelalter ===<br />
In Köln existiert eine der umfangreichsten jüdischen Bibliotheken des Mittelalters.<br />
Im Mittelalter gab es in Köln die folgenden jüdischen Gemeinden, Synagogen, [[Mikwe]]n, Schulen, Hospize und Begräbnisstätten:<br />
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==== Judenbüchel ====<br />
{{Hauptartikel|Judenbüchel}}<br />
[[Datei:Am Todten Jud.jpg|mini|Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872)]]<br />
Für das Jahr 1212 erwähnt eine Urkunde des [[Engelbert I. von Köln|Heiligen Engelbert]], zu der Zeit [[Propst]] des Stiftes [[St. Severin (Köln)|St. Severin]], „dass vor 38 Jahren Ritter Ortliv fünf [[Joch (Einheit)|Joch]] Landes auf dem Judenkirchhof, die er vom Stift St. Severin zu Lehen trug, diesem resigniert (zurückübertragen) habe; dass sie dann den Juden gegen jährlichen Zins von vier [[Pfennig|Denaren]] überlassen seien und Ortliv jetzt darauf keine Ansprüche machen könne.“<ref>Wilhelm Rosellen, S. 518 (Der Judenbüchel), Verweis auf Ficken: ''Engelbert der Heilige'' S. 281</ref> 1266 sicherte Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] im [[Kölner Judenprivileg]] den Juden gerechte Behandlung und die ungestörte Benutzung ihres Friedhofes an der [[Bonner Straße (Köln)|Bonner Straße]] zu. Es handelte sich um den vor den Mauern der Köln nach Süden abgrenzenden [[Severinstorburg]] gelegenen, sogenannten [[Judenbüchel]] oder ''Toten Juden''. Diese Bezeichnung blieb dem Gelände auch nach der Aufhebung des Friedhofes bis zum Bau des [[Großmarkt Köln|Großmarktes]] an dieser Stelle.<br />
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==== Grabsteine aus dem Jahr 1323 ====<br />
[[Datei:Köln-Grabstein-der-Rachel-1323.JPG|mini|hochkant|Grabstein der Rachel, 1323]]<br />
Bei Grabungen im Kölner Rathausbezirk wurden 1953 zwei vollständig erhaltene Grabsteine an der Nordwestecke des Rathauses in einem großen Bombentrichter gefunden. Wahrscheinlich stammen sie von diesem jüdischen Friedhof vor dem Severinstor, die als Baumaterial missbraucht worden waren.<br />
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Auch in den Jahren nach der Ausweisung aus Köln wurden verstorbene Gemeindemitglieder der Deutzer Gemeinde auf mühevolle Weise zum linksrheinisch gelegenen Friedhof gebracht.<br />
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== Neuzeit ==<br />
Geschehnisse, Gemeinden, Synagogen, Bethäuser, Mikwen, Schulen, Hospize und Begräbnisstätten im heutigen Stadtgebiet.<br />
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=== Nach der Ausweisung ===<br />
[[Datei:Joseph Clemens of Bavaria.jpg|mini|hochkant|Joseph Clemens von Bayern gewährt den Juden Privilegien.]]<br />
Die wenigen verbliebenen Juden bildeten im rechtsrheinischen [[Deutz (Köln)|Deutz]] den Anfang einer Gemeinde, deren [[Rabbiner]] sich später als „Landrabbiner von Köln“ bezeichneten. Die Anfänge der Deutzer Gemeinde waren recht bescheiden. So wird aus der Mitte des 15.&nbsp;Jahrhunderts „Rabbi Vives“ erwähnt, der neben anderen auch die Gemeinde Deutz betreute. Um 1634 waren es 17 Juden, 1659 waren 24 Häuser von Juden bewohnt, und 1764 bestand die Gemeinde aus 19 Personen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichte die Gemeinde einen Stand von 163 Mitgliedern.<ref>Johannes Ralf Beines, Seite 53</ref><br />
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Die Gemeinde wurde zu einem kleinen jüdischen „Viertel“ im Bereich Mindener- und Hallenstraße. Dort stand auch eine erste, 1426 erwähnte [[Synagoge]], welche durch den immensen [[Eisgang]] des [[Rhein]]s im Jahr 1784 zerstört wurde. Die diesem Gotteshaus zugehörige Mikwe, das wie ein Brunnen tief angelegte Ritualbad, ist möglicherweise noch heute unter der Aufschüttung der Brückenrampe (Deutzer Brücke) vorhanden.<ref>[[Paul Clemen]], 1934 Seite 245</ref> Trotzdem kamen um 1570 einige aus Antwerpen vertriebene wohlhabende [[Sephardim|Sepharden]] nach Köln und betrieben von hier ihren Fernhandel, so ''Luis Álvares Caldera'' (gest. 1576).<ref>''Kosmopolitische Lebensentwürfe: Portugiesische Juden in Deutschland.'' Portugiesisch-Hanseatische Gesellschaft e.&nbsp;V. - Associao Luso-Hanseática, 1999, abgerufen am 12. Mai 2024.</ref><br />
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Das erste im rechtsrheinischen Kölner Raum gelegene jüdische Gotteshaus ersetzte die Gemeinde durch einen kleinen Neubau am westlichen Ende der „Freiheit“, der heutigen Straße „Deutzer Freiheit“ (1786–1914).<br />
Zu dieser Zeit lebten auch die Juden der Deutzer Gemeinde wie alle anderen des [[Kurköln|Kurfürstentums Köln]] unter den rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die vom Staat seit dem Ende des 16. Jahrhunderts durch eine sogenannte „Judenordnung“ vorgegeben worden waren. Der letzte Erlass dieser [[Judengesetze]] war die von [[Joseph Clemens von Bayern|Kurfürst Joseph Clemens]] verkündete Ordnung aus dem Jahr 1700. Sie hatte Bestand bis zur neuen Gesetzgebung, als es auch im rechtsrheinischen Deutz zur Einführung des [[Code civil|französischen Zivilrechts]] kam.<ref>Barbara Becker-Jäkli, Seite 35</ref><br />
Bedingt durch den Bau der [[Deutzer Brücke|Hängebrücke]] im Jahr 1913/14, die nach dem Reichspräsidenten [[Paul von Hindenburg|Hindenburg]] benannt wurde, musste das Gebetshaus aufgegeben werden, es wurde niedergelegt.<ref>Arnold Stelzmann, Illustrierte Geschichte der Stadt Köln, S. 135 f</ref><br />
Im Dezember des Jahres 1913 wurde bei Arbeiten zur Beseitigung der „Schiffsbrückenstraßenbahnlinie“ in Deutz an der „Freiheitsstraße“ eine [[Mikwe]] unter der alten Synagoge der jüdischen Gemeinde freigelegt. Das Bad hatte eine Verbindung zum Rheingewässer.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 321</ref> Als Ersatz für die niedergelegte Synagoge wurde am Reischplatz ein neues Gebäude errichtet, das beim Novemberpogrom 1938 und im darauf folgenden Krieg stark beschädigt wurde.<ref>[http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/125-deutz-nordrhein-westfalen Deutz bei Jüdische Gemeinden]</ref> Der letzte Rabbiner, Julius Simons, wurde 1938 ins KZ deportiert, konnte aber nach Amsterdam ausreisen. Von dort wurde er 1943 während der Besatzung nach Auschwitz deportiert, wo er dann 1944 mit seiner Familie umgebracht wurde.<ref>[http://www.museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/pages/1196.aspx?s=1196&stid=1157&buchstabe=S Stolpersteine in Köln]</ref> Nach ihm ist zwischen Deutz und Poll eine Straße benannt.<ref>[http://www.k-poll.de/05_strassen/randstrassen/dr-simons-str.html Dr.-Simons-Straße]</ref> Nur ein Sohn, [[Ernst Simons]], überlebte den [[Holocaust]].<br />
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=== Friedhof Deutz ===<br />
[[Datei:Köln-Deutz-015-Stelen-und-Grablagen-Nord-Östlich.JPG|mini|hochkant|Stelen und Grablagen nordöstlich ausgerichtet]]<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof Deutz}}<br />
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Im Gegensatz zu den Bauzeugnissen der Innenstadt lässt sich die Geschichte der jüdischen Gemeinden außerhalb des Stadtkerns vor allem durch die verbliebenen jüdischen Friedhöfe aufzeigen. Es sind im rechtsrheinischen Köln die [[Jüdischer Friedhof|israelitischen Friedhöfe]] in Mülheim, „Am Springborn“, in Zündorf zwischen „Hasenkaul“ und dem „Gartenweg“ und in Deutz der Friedhof am „Judenkirchhofsweg“.<ref>Johannes Ralf Beins, Seite 55</ref> Diesen erhielten die Deutzer Juden 1695 durch den [[Joseph Clemens von Bayern|Erzbischof]] als Grundstück zur Pacht. Auf ihm fanden ab 1698 erste Bestattungen statt. Auch einige jüdische Kölner, deren Namen noch heute geläufig sind, fanden hier auf der noch heute erhaltenen [[Jüdischer Friedhof Deutz|Begräbnisstätte am Judenkirchhofsweg]] in [[Deutz (Köln)]] ihre letzte Ruhe. 1918 wurde der Friedhof geschlossen blieb aber im Besitz der Gemeinde.<br />
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=== Neuanfang ===<br />
[[Datei:Code Civil 1804.png|mini|hochkant|Erste Seite der Erstausgabe des Code civil von 1804]]<br />
Bis zur Besetzung durch das [[französische Revolution]]sheer 1794 durften sich in Köln keine Juden mehr niederlassen. Der von den Franzosen eingeführte [[Code civil]] beinhaltete die Gleichheit vor dem Gesetz, individuelle Freiheitsrechte sowie die [[Trennung von Religion und Staat|Trennung von Staat und Kirche]]. So war es 1798 „Josef Isaak“ aus Mülheim, der sich als erster Jude wieder in Köln niederlassen durfte. Ebenfalls im Jahr 1798 verlegte der erst 17-jährige [[Salomon Oppenheim junior]] seinen Geschäftsstandort von Bonn nach Köln. Er gehörte zu den Familien, die ab 1799 die erste Kölner Gemeinde der Neuzeit bildeten. Oppenheim betrieb auch Handel mit Baumwolle, Leinen, Öl, Wein und Tabak. Sein Hauptgeschäft war jedoch das Kreditwesen. Schon 1810 führte er das nach „Abraham Schaffhausen“ zweitgrößte Bankhaus Kölns. Innerhalb der neuen Kölner Judengemeinde nahm Oppenheim sowohl im sozialen wie auch im politischen Leben eine herausragende Stellung ein. Ihm unterstand die Aufsicht der Gemeindeschulen, er fungierte aber auch als Delegierter seiner Kölner Gemeinde, die ihn zu einem [[Tagung|Kongress]] jüdischer [[Notabeln]] nach [[Paris]] entsandte.<br />
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Als Gebetshaus wurde bald ein durch die [[Franzosenzeit|französischen]] Besatzer aufgehobenes [[Klarissen]]-Kloster in der [[Glockengasse]] eingerichtet. Auch wenn zu dieser Zeit eine Reihe jüdischer Geschäftsleute schon einen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg erlebten – Oppenheim jr. wurde einstimmig zum Mitglied der [[Handelskammer]] gewählt und hatte somit als erster Jude wieder ein öffentliches Amt inne – war ihr rechtlicher Status noch unsicher. Das ergangene [[Preußisches Judenedikt von 1812|preußische „Edikt“]] galt nicht überall. Es sollte noch bis zum [[Preußisches Judengesetz von 1847|Preußischen Judengesetz von 1847]] dauern und letztlich bis 1848, als mit der Verabschiedung der Verfassungsurkunde für den [[Preußen|Preußischen Staat]] der Sonderstatus der Juden endgültig aufgehoben und eine völlige Gleichstellung mit allen anderen Bürgern erreicht wurde.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 255</ref><br />
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Im Verlauf der [[Deutsche Revolution 1848/1849|Märzrevolution]] 1848/49 kam neben den süd- und ostdeutschen Regionen sowie in Städten wie [[Berlin]], [[Prag]] und [[Wien]] auch in Köln zu schweren antijüdischen Exzessen.<br />
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Die Familie [[Oppenheim (Kölner Familie)|Oppenheim]] stiftete nach dem Anwachsen der Gemeinde und dem Verfall des vorerst als Bethaus benutzten ehemaligen Klarissengebäudes den Bau einer neuen Synagoge in der Glockengasse 7. Die Anzahl der Gemeindemitglieder war nun auf etwa 1000 Personen angewachsen. Waren es in mittelalterlicher Zeit die „Viertel“, die sich nach Zugehörigkeiten der Bevölkerung in der engen Stadt gebildet hatten, änderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die räumliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung. Statt ein um die Synagoge gewachsenes Viertel wie an der Kölner „Judengasse“ zu bilden, lebten Juden nun dezentral unter der übrigen Bevölkerung. Viele zogen nach der [[Stadtmauer Köln|Stadterweiterung]] in die entstehenden neuen Vorstadtviertel.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 217, 222</ref><br />
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Dem Neubau in der Glockengasse folgte aufgrund des Anwachsens der jüdischen Bevölkerung ein weiterer Bau. Es war die orthodoxe Synagoge in der St. Apern-Straße, sie wurde am 16. Januar 1884 eingeweiht. Die liberale Synagoge in der Roonstraße wurde am 22. März 1899 eingeweiht.<br />
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Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen in Europa gründeten Juden jedoch auch Initiativen zum Aufbau eines eigenen Staates, die in Deutschland wesentlich von Köln ausgingen: In der Richmodstraße am [[Neumarkt (Köln)|Neumarkt]] war zum Ende des 19. Jahrhunderts der Sitz der [[Zionistische Vereinigung für Deutschland|Zionistischen Vereinigung für Deutschland]], vom Anwalt [[Max I. Bodenheimer|Max Bodenheimer]] gemeinsam mit dem Kaufmann [[David Wolffsohn]] gegründet. Bodenheimer war bis 1910 ihr Präsident und setzte sich in Zusammenarbeit mit [[Theodor Herzl]] für den [[Zionismus]] ein. Die unter Bodenheimer entwickelten „Kölner Thesen“ zum Zionismus wurden, mit kleinen Anpassungen, als „Basler Programm“ auf dem ersten [[Zionistenkongress]] übernommen.<ref>Werner Jung: ''Das neuzeitliche Köln: 1794–1914; von der Franzosenzeit bis zum Ersten Weltkrieg''. Bachem, Köln 2004, ISBN 3-7616-1590-6, S. 245–246</ref> Ziel der Vereinigung war, die Gründung eines eigenen Staates [[Israel]] in [[Palästina (Region)|Palästina]] für alle Juden der Welt zu erreichen.<br />
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==== Synagoge Glockengasse ====<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Glockengasse}}<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Glockengasse-049.JPG|mini|Glockengasse im 19. Jahrhundert]]<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Glockengasse-Innenraumansicht-053b.JPG|mini|hochkant|Innenraumansicht im 19. Jahrhundert]]<br />
Nach dem stetigen Anwachsen der Gemeinde war das bestehende Gebetshaus in der Glockengasse überlastet. Eine Spende des Kölner Bankiers [[Abraham Oppenheim]] in Höhe von 600.000 [[Taler]]n ermöglichte der Gemeinde den Bau eines neuen Gotteshauses. Der für die Bauplanung gewonnene Architekt und Dombaumeister [[Ernst Friedrich Zwirner]] entwarf einen Bau in [[Orientalisierende Architektur|Maurischem Stil]], der nach vierjähriger Bauzeit im August des Jahres 1861 eingeweiht werden konnte. Die neue Synagoge hatte eine mit glänzenden Kupferplatten gedeckte Kuppel und eine helle Sandsteinfassade mit roten Querstreifen. Die [[Ornament]]ik des Inneren war der [[Alhambra]] [[Granada]]s nachempfunden. Das neue Haus, das auch von den Kölnern positiv bewertet wurde, bot im Gebetsraum Sitzplätze für 226 Männer und 140 Frauen.<br />
<br />
Durch den Kölner Geistlichen [[Gustav Meinertz]] wurde 1938 die Tora-Rolle aus der brennenden Synagoge Glockengasse gerettet. In der Synagoge an der Roonstraße fand sie einen Ehrenplatz in einer [[Vitrine]].<br />
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==== Synagoge St. Apern-Straße ====<br />
[[Datei:Synagoge-Adass-Jeschurun-PC270050.jpg|mini|hochkant|Synagoge Adass-Jeschurun]]<br />
[[Datei:Köln-Adass-Jeschurun-031.jpg|mini|hochkant|Gedenktafel Helenen- und St.-Apern-Straße]]<br />
Die St.-[[Aper (Bischof)|Apern]]-Straße war schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein „gediegenes“, von wohlhabenden Bürgern geschätztes Wohn- und Geschäftsviertel. Hier dominierten exquisite [[Antiquität]]engeschäfte, in denen von meist jüdischen Inhabern erlesener Schmuck oder kostbares Mobiliar feilgeboten wurde. Diese Anwohner errichteten 1884 ein Gotteshaus – es entstand die Synagoge der orthodoxen Gemeinde [[Israelitische Religionsgesellschaft|„Adass Jeschurun“]]. Erster (unentgeltlich tätiger) Rabbiner war [[Hirsch Plato]], letzter amtierenden Rabbiner war [[Isidor Caro]], der im [[Ghetto Theresienstadt|KZ Theresienstadt]] den Tod fand.<br />
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In der der Synagoge angegliederten Schule ''[[Jawne (Schule)|Jawne]]'' wurde in der Zeit von 1919 bis 1941 unterrichtet. Sie war das erste und einzige jüdische Gymnasium im Rheinland.<br />
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==== Synagoge Roonstraße ====<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Roonstraße-Innenansicht-001.JPG|mini|Blick auf den [[Toraschrein]], das [[Ner Tamid]] und die [[Bima]] (Toralesepult)]]<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Köln}}<br />
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Seit dem Bau der Synagoge in der Glockengasse war die Jüdische Gemeinde Ende 1899 auf 9745 Mitglieder angewachsen. Schon im Jahr 1893 hatte die Gemeinde an der Roonstraße gegenüber dem damaligen [[Rathenauplatz (Köln)|Königsplatz]] ein Grundstück erworben. 1894 bewilligten die Stadtverordneten einen Baukostenzuschuss in Höhe von 40.000 Mark, sodass das Neubauprojekt in Angriff genommen werden konnte. Die Synagoge Roonstraße bot nach ihrer Fertigstellung 1899 rund 800 Männern sowie auf einer Galerie 600 Frauen Platz. Ein historisches Foto wurde für wert befunden, im Photo-Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen zu werden.<ref>{{Internetquelle |autor= |url=https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=18877&ind=0 |titel=Cöln am Rhein, Königsplatz mit der neuen Synagoge |werk=Yad Vashem Photo Collections |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
Das Bauwerk wurde während des letzten Krieges stark beschädigt, hatte aber als einziges der jüdischen Gotteshäuser die nötige noch vorhandene Substanz für einen Wiederaufbau. Am 20. September 1959 wurde die wiederhergestellte Synagoge eingeweiht.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 292</ref> Bereits 1899 fertiggestellt, prägte sie sowohl das Kölner Stadtbild als auch die innerjüdischen Entwicklungen. Gemäß den Reformen im 19. Jahrhundert stand die Bima, das erhöhte Pult zur wöchentlichen Lesung der Tora, nicht mehr in der Raummitte, sondern rückte an die Wand. Bis zur Schoah wurde in der Synagoge der jüdisch-liberale Ritus befolgt, inklusive Orgel und Chor.<br />
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==== Synagoge Reischplatz Deutz ====<br />
[[Datei:Köln-Tora-und-Innenansicht-Synagoge-Glockengasse-040.JPG|mini|hochkant|Die Tora (vermutlich 18. Jahrhundert) der Deutzer Synagoge, 1926 Ankauf der Stadt (Zeughaus)]]<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Deutz}}<br />
Als drittes und letztes Gotteshaus der Gemeinde entstand ein von der Stadt als Ersatz errichtetes Gebetshaus am Reischplatz 6. Das 1915 eingeweihte Gebäude wurde nach erlittenen Kriegsschäden in veränderter Form wieder aufgebaut und diente dann, da es die jüdische Gemeinde Deutz nicht mehr gab, anderen Zwecken. An die Deutzer Gemeinde mit ihrem letzten Gotteshaus erinnert dort heute eine Gedenktafel.<ref>Johannes Ralf Beins, Seite 62</ref><br />
<br />
==== Synagoge Mülheimer Freiheit ====<br />
Ein erstes Gotteshaus der [[Mülheim (Köln)|Mülheimer]] Gemeinde wurde bei dem Eisgang von 1784 wie auch das in Deutz zerstört. Eine neue Synagoge wurde wenige Jahre später an gleicher Stelle eingeweiht.<br />
Das dann etwa zeitgleich mit der Deutzer Synagoge an der Mülheimer Freiheit um 1788/1789 erbaute Gotteshaus entwarf der Mülheimer Baumeister Wilhelm Hellwig.<br />
Die Anordnung der Anlage begann an der Straßenfront mit einem Schulgebäude, an welches sich der mit einem vierseitig [[Walmdach|abgewalmten]] Dach versehene Synagogenbau anschloss.<br />
Das Bauwerk überlebte die Novemberpogrome von 1938, wurde aber durch Kriegseinwirkung zerstört und 1956 abgetragen.<br />
<br />
==== Zündorfer Judengemeinde ====<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Zündorf}}<br />
<br />
Vermutlich waren bereits vor 1700 Juden in Zündorf ansässig.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, S. 10</ref><br />
Bereits 1713 diente im Ortsteil [[Köln-Zündorf|Niederzündorf]] anfänglich ein Gebetssaal als Synagoge. Als dieser dem starken Anwachsen der Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr genügend Raum bot, wurde eine neue Synagoge geplant. Für das Jahr 1882 findet sich zu einem Neubau folgender Eintrag in der „Zündorfer Pfarrchronik“:<br />
<br />
„Die jüdische Synagoge ist nach vielen Anstrengungen fertig, die Feier verlief unter der Teilnahme vieler auswärtiger Juden programmgemäß ab. Die Juden erbauen sich eine Synagoge, d.&nbsp;h. ein Zimmer, ein Gelass, welches als Synagoge dienen soll. Die zu Gunsten derselben bewilligte Hauskollekte bei den Israeliten der Rheinprovinz hat angeblich einen kärglichen Betrag aufgewiesen“.<ref>{{Webarchiv|url=http://www.zuendorfer-wehrturm.de/wehrturm/Seiten/wehr_zj.html |wayback=20050924191452 |text=Die Zündorfer Judengemeinde }}, abgerufen am 17. Januar 2012.</ref><br />
<br />
Das Grundstück hatten die dortigen jüdischen Handelsleute Lazarus Meyer und Simon Salomon der Gemeinde teilweise verkauft, aber auch teilweise geschenkt.<br />
<br />
Die Synagoge wurde 1938 von der Synagogengemeinde verkauft und in ein Wohnhaus, das heute noch steht, umgewandelt. Zwischen 1938 und 1942 löste sich die Zündorfer Gemeinde infolge Umzug und Deportationen auf.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, S. 34</ref><br />
<br />
1923 wurde im nordöstlichen Teil der Gemarkung Niederzündorf, zwischen Gartenweg und Hasenkaul, ein jüdischer Friedhof angelegt. Er weist heute noch acht Grablegen mit sechs Grabsteinen auf.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, Tafel 8</ref><br />
<br />
==== Sonstige Einrichtungen und Bethäuser ====<br />
* [[Jüdisches Wohlfahrtszentrum|Israelitisches Asyl für Kranke und Altersschwache]] an der Silvanstraße (Severinsviertel), später Ottostraße, Ehrenfeld.<br />
* Gemeinde- und Bethäuser gab es vor allem in der Innenstadt, so südlich des Neumarkts in der Bayardsgasse, in der Thieboldsgasse und der Agrippastraße bis hin zur Quirinstraße hinter [[St. Pantaleon (Köln)|St. Pantaleon]]. Diese Bethäuser waren gleichermaßen auch Treffpunkte der dort lebenden aus osteuropäischen Ländern zugewanderten Juden.<br />
<br />
==== Jüdischer Friedhof auf Melaten ====<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof (Ehrenfeld)}}<br />
[[Datei:Köln-Jüdischer-Friedhof-auf-Melaten-036.JPG|mini|Jüdischer Friedhof am Melatengürtel (neben der Gerichtsmedizin)]]<br />
In welchem Jahr die Anlage eines jüdischen Friedhofes als Teilbereich des seit 1810 bestehenden Friedhofes [[Melaten-Friedhof|Melaten]] erfolgte, ist unklar. Bis zum Jahre 1829 durften hier jedoch nur Katholiken bestattet werden, während die Protestanten auf dem alten [[Geusenfriedhof]] im Weyertal begraben wurden. Die jüdische Gemeinde bestattete ihre Verstorbenen bis 1918 in Deutz und danach in Bocklemünd. Jedoch wurde im Jahre 1899 auch ein Abschnitt des Friedhofs Melaten für Juden freigegeben.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.koelnguide.net/03_tourismus-01_sehenswuerdigkeiten-10_melatenfriedhof.htm |text=Archivlink |wayback=20090829100421}} letzter Zugriff am 19. Dezember 2007</ref><br />
Um 1899 fand dort auch eine erste Bestattung statt. Das unmittelbar dem Melatenfriedhof angrenzende, von einer hohen Mauer umgebene Grundstück ist weder von der Melatener Seite noch von der Straße Melatengürtel aus einzusehen. 1928 wurde der Friedhof erstmals geschändet, 1938 die ihm zugehörige Trauerhalle zerstört.<ref>Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 106</ref><br />
<br />
==== Friedhof Deckstein ====<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof (Deckstein)}}<br />
In [[Köln-Lindenthal]], hinter dem Areal des alten kommunalen Decksteiner Friedhofs gelegen, befindet sich der um 1910 von der Gemeinde „Adass Jeschurun“ angelegte Friedhof. Die Adass Jeschurun lehnt jegliche Anpassung an christliche Gebräuche oder Rituale des Totenkultes entschieden ab. So gibt es keine Sarg- oder Urnenbestattungen. Auch Blumenschmuck oder mit Gedenkschleifen versehene Kränze sind bei den Beerdigungen nicht gebräuchlich. Die [[Mazewa|Grabsteine]] des Friedhofes sind sehr schlicht und überwiegend mit hebräischen Schriftzeichen versehen. Der Zugang ist jedoch nicht öffentlich. (Erlaubnis durch die Synagogengemeinde Köln)<ref>Ergänzt nach: Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 105</ref><br />
<br />
=== Geschäftswelt ===<br />
Die jüdische Geschäftswelt sah optimistisch in die Zukunft. 1891 eröffnete der Kaufmann [[Leonhard Tietz]] ein Warenhaus auch in Köln. Die ältesten Kölner [[Bankier]]s waren Juden, deren monopolartige Stellung um 1266 verbrieft wurde und das [[Kölner Bankwesen]] dominierten. Denn im Jahre 1266 setzte Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg]] durch, dass „Kawertschen“<ref>abwertender mittelalterlicher Ausdruck für Geldverleiher und Geldwechsler, die ursprünglich in der provenzalischen Stadt [[Cahors]] lebten</ref> und andere [[Christen]], die verzinsliche Kredite verliehen und damit die Juden störten, sich nicht in der Stadt aufhalten durften.<ref>Alfred Heit, ''Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit'', 1981, S. 132</ref> Bis in die Gründerzeit gab es im Kölner Bankwesen eine Vielzahl jüdisch geführter Bankhäuser, so etwa die [[Oppenheim (Kölner Familie)|Oppenheim-Dynastie]] (seit 1798) oder das [[Bankhaus Seligmann]] (seit 1844). Das Kaufhaus der Textilgroßhandelsfirma „Gebrüder Bing und Söhne“ eröffnete am [[Neumarkt (Köln)|Neumarkt]] ein Warenhaus. Exquisite Geschäfte jüdischer Kaufleute befanden sich in Domlage auf der [[Hohe Straße (Köln)|Hohe Straße]] und der [[Schildergasse]].<br />
<br />
=== Integration ===<br />
[[Datei:Moses-Hess.jpg|mini|hochkant|Moses Hess, Zeughaus Köln]]<br />
Köln entwickelte sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt, an dieser Entwicklung hatte auch die jüdische Bevölkerung starken Anteil.<br />
Nachdem jüdische Mitbürger in der Finanz- und der Geschäftswelt Fuß gefasst hatten und allgemein respektiert und anerkannt wurden, versuchten sie auch an der politischen Meinungsbildung mitzuwirken. Beispiele hierfür sind [[Moses Hess]] und [[Karl Marx]], die in der 1842 neu gegründeten Kölner [[Rheinische Zeitung|Rheinischen Zeitung]] schrieben. In dieser Zeitung „für Politik, Handel und Gewerbe“ gehörten sie zu den bedeutendsten Mitarbeitern. 1862 versuchte Hess in seiner Schrift ''[[Rom und Jerusalem]]'' Möglichkeiten für eine Wiederansiedlung der Juden in Palästina aufzuzeigen. Sein Werk fand jedoch wenig Anklang; die [[Juden in Deutschland]], insbesondere in Großstädten wie Köln betrachteten Deutschland als ihre Heimat und als ihr [[Vaterland]].<ref>Ergänzt nach: Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 92 ff</ref><br />
<br />
=== Erster Weltkrieg und Weimarer Zeit ===<br />
Gleich zu Beginn des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieges]] riefen jüdische Vereinigungen auch in Köln ihre Mitglieder dazu auf, sich nach allen Kräften für ihr Vaterland einzusetzen. Dennoch waren die vorhandenen, verstärkt im Offizierskorps festgestellten, [[Ressentiment]]s gegen jüdische Kriegsteilnehmer so erheblich, dass das Kriegsministerium zur Beschwichtigung eine sogenannte [[Judenzählung]] durchführen ließ.<ref>Michael Berger, Eisernes Kreuz und Davidstern</ref> Zum Ende des Krieges 1918 übernahm [[Adolf Kober]] in Köln, in einer der damals größten jüdischen Gemeinden Deutschlands, die Stelle eines Gemeinderabbiners. Kober war Mitinitiator der Darstellung der jüdischen Geschichte innerhalb der „Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande“, die 1925 auf dem Kölner Messegelände stattfand. Ebenfalls im Jahre 1918 wurde der [[Jüdischer Friedhof Bocklemünd|Jüdische Friedhof in Bocklemünd]] eröffnet.<br />
<br />
== Kölner Juden zur Zeit des Nationalsozialismus ==<br />
Mit der Übernahme der politischen Macht durch die [[Nationalsozialismus|Nationalsozialisten]] begannen erneut [[Unterdrückung|Repressionen]] gegen die jüdischen Bürger Kölns. Im Frühjahr 1933 hatte Köln laut einer stattgefundenen Volkszählung 15.000 Einwohner, die sich zum Judentum bekannten. Bis dahin existierten 6 Synagogen sowie weitere Gemeinde- und Bethäuser in Köln. Sie alle wurden am 9. November 1938, in der [[Novemberpogrome 1938|Pogromnacht]] geschändet und waren nach dem Krieg, bis auf das wiederaufbaufähige Gotteshaus in der Roonstraße, völlig zerstört.<br />
<br />
=== Antisemitismus in Köln ===<br />
Auch in Köln gab es nationalsozialistische und [[Antisemitismus (bis 1945)|antisemitische]] Einstellungen in Bevölkerung und Gesellschaft. Zwar wurde den Kölnern nach Kriegsende von Politikern wie [[Konrad Adenauer]] oder Autoren wie [[Heinrich Böll]] Widerstandsgeist<ref>„keine große Stadt ist vom Krieg so schwer getroffen wie Köln. Und dabei hatte sie von allen deutschen Großstädten es am wenigsten verdient; denn nirgendwo ist dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet worden.“; Konrad Adenauer, März 1946, zitiert nach Werner Jung: ''Das moderne Köln''. Bachem, Köln; 6. Auflage 2005, ISBN 3-7616-1861-1, S. 180.</ref> und eine Souveränität „dass kein Tyrann, kein Diktator sich in Köln wohlfühlen kann“<ref>„(…) und es ist gewiss kein Zufall, daß Hitler sich keiner Stadt so wenig wohl gefühlt hat, wie in Köln; die Souveränität der Bevölkerung liegt so sehr in der Luft, daß kein Tyrann, kein Diktator sich in Köln wohlfühlen kann“; Heinrich Böll, Werke; Hrsg. von Bernd Balzer; Kiepenheuer u. Witsch, Köln; 2. Essayistische Schriften und Reden 1: 1952–1963, ISBN 3-462-01259-2; S. 105–106.</ref> attestiert. Letztlich leisteten nur wenige Kölner offenen Widerstand gegen das Naziregime oder versteckten Juden (ein bekanntes Beispiel hierfür ist die [[Ehrenfelder Gruppe]]). Die Hetze gegen das Judentum und gegen jüdische Kölner fand dagegen auf breiter Ebene, so etwa auch in antisemitischen Stücken des [[Hänneschen-Theater]]s<ref>[http://www.zeit.de/1995/09/Auch_Tuennes_war_Nazi Herbert Hoven: „Auch Tünnes war Nazi“ in: ''Die Zeit'', 09/1995.]</ref> oder auch im [[Kölner Karneval]], in dem nur [[Karl Küpper|einzelne Karnevalisten]] ein klares Profil gegen den Nationalsozialismus zeigten, statt.<ref>Jürgen Meyer: [http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2005/02/07/a0012 ''De Nazis nit op d’r Schlips getrodde''] in: [[Die Tageszeitung|TAZ]] vom 7. Februar 2005</ref> Karnevalswagen im [[Kölner Rosenmontagszug|Rosenmontagszug]] zeigten antisemitische Motive und ein Karnevalslied spottete ''„Metz dä Jüdde es jetz Schluß, Se wandere langsam uss. (…) Mir laachen uns für Freud noch halv kapott. Der Itzig und die Sahra trecke fott“''.<ref>Übersetzung: ''„Mit den Juden ist jetzt Schluss, sie wandern langsam aus. (…) Wir lachen uns vor Freude halb kaputt. Der Itzig und die Sahra ziehen fort“'', Karnevalsschlager „Hurra, die Jüdde trecke fott“ von Jean Müller, zitiert nach Werner Jung: ''Das moderne Köln'', S. 133</ref><br />
<br />
=== „Arisierung“ ===<br />
[[Datei:Westdeutscher-Beobachter-053.JPG|mini|hochkant|Boykottberichte in der Zeitung 1933]]<br />
Die sogenannte „[[Arisierung]]“ verlief in zwei Phasen. Zunächst erfolgten ab Januar 1933 bis November 1938 „freiwillige Arisierungen“. Nach offizieller Lesart stellten sie einen „freiwilligen“ Eigentumswechsel zwischen einem jüdischen und einem nicht jüdischen Vertragspartner dar. Dies geschah, nachdem Ladenlokale oder auch Werbeinserate mit [[Opportunismus|opportunen]] Slogans versehen worden waren. Man sah handschriftliche oder gedruckte Aufschriften wie „deutsches Geschäft“, „deutsche Erzeugnisse“ oder auch „christliches Geschäft“. Es folgten auf Hauswände und Schaufenster der Juden gemalte Davidsterne oder Hetzparolen. Veröffentlichungen der örtlichen NSDAP, in denen in Listen aufgeführte Firmen zusätzlich mit dem Namen des jüdischen Inhabers versehen wurden, kamen hinzu.<br />
<br />
Am 1. April 1933, dem Tag des „[[Judenboykott]]s“, postierten sich auch in Köln uniformierte SA-Angehörige vor jüdischen Geschäften und hinderten die Kunden am Zutritt. Zu einiger Bekanntheit gelangte der jüdische Kaufmann [[Richard Stern (Unternehmer)|Richard Stern]]: Der ehemalige Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg verteilte ein Flugblatt gegen den Boykott und stellte sich demonstrativ mit seinem [[Eisernes Kreuz|Eisernen Kreuz]] neben den SA-Posten vor seinem Geschäft.<br />
<br />
Die boykottierten Geschäfte wurden von der Bevölkerung weiterhin beim Einkauf gemieden. Je länger jüdische Geschäftsleute dem so ausgeübten Druck standhielten, umso geringer fiel die Entschädigung aus, die man ihnen für ihr Eigentum anbieten musste. In der Presse häuften sich in der Folge Anzeigen über Konkurse und Übernahmen jüdischer Firmen. <br />
<br />
Unmittelbar nach der [[Reichspogromnacht]] im November 1938 wurde jüdischer Besitz an Firmen oder Immobilien „zwangsarisiert“. Die [[Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben]] hatte den Verkauf von Eigentum weit unter Wert zur Folge. Es traf zum Beispiel die Firma „Deka-Schuh, Leopold Dreyfuß“ in Ehrenfeld, den Krawattengroßhändler „Herbert Fröhlich“ in der Streitzeuggasse, die Metzgerei und Imbisskette „Katz-Rosenthal“<ref>{{Literatur|Autor=Michael Vieten|Titel=Katz-Rosenthal, Ehrenstraße 86, Köln „Ich halte Euch fest und Ihr lasst mich nicht los!“|Verlag=Hentrich & Hentrich|Ort=Berlin|Datum=2017|ISBN=978-3-95565-146-6}}</ref>, das Modehaus „Michel“ (später Jacobi) und das Bekleidungshaus „Bamberger“ (später Hansen). Besonders hart betroffen waren die zahlreichen jüdischen Geschäfte auf der Hohe Straße und der Schildergasse, dort wurde fast jedes dritte Geschäft [[Arisierung|„arisiert“]]. Mit den Geschäften und ihren den Kölnern vertrauten Namen verschwanden die dazugehörenden Menschen.<ref>Kirsten Serup-Bilfeldt, S. 138 ff.</ref> Schließlich folgte die Verfolgung und [[Deportation von Juden aus Deutschland|Deportation]] der Kölner Juden.<br />
<br />
Der Boykott war auch gegen Rechtsanwälte und Ärzte gerichtet. Er begann in Köln bereits am 31. März mit tätlichen Angriffen von SA und SS auf jüdische Rechtsanwälte im Justizgebäude am Reichensperger Platz. Richter und Anwälte wurden verhaftet, teilweise misshandelt, dann auf Müllwagen verladen und durch die Stadt gefahren.<ref>Giorgio Sacerdoti: ''Falls wir uns nicht wiedersehen…'', Prospero Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-941688-00-1, S. 56 [http://www.book2look.de/vBook.aspx?id=3yrFZAthdY&euid=&ruid=&referURL=http://www.book2look.de online]</ref><br />
<br />
=== Ehrenfeld ===<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Ehrenfeld}}<br />
[[Datei:Köln-Ehrenfeld-Synagoge-Körnerstraße-PC090016.JPG|mini|hochkant|Gedenktafel – Synagoge Körnerstraße]]<br />
Obwohl schon seit 1925 Köln „Hauptstadt“ des [[Struktur der NSDAP#Die 43 Gaue (1941) inkl. Gauleiter|NSDAP-Gaus]] Köln-Aachen war, rechneten viele nicht mit der dann einsetzenden Radikalität dieser Partei. So wurde noch 1927 die Synagoge Körnerstraße als letztes Bauwerk jüdischer Gemeinden Kölns nach einem Entwurf des Architekten Robert Stern erbaut. Sie war geweiht „der Ehre Gottes, der Wahrheit des Glaubens und dem Frieden der Menschheit“.<ref>Zitiert nach Johannes Maubach: ''Quer durch Ehrenfeld; [[Ehrenfelder Geschichtspfad]] Teil 1.'' Flock-Druck, Köln 2001, Seite 96</ref><br />
<br />
Das Gotteshaus in der Körnerstraße hatte einen kleinen Vorhof, den mit Arkaden versehene Gebäude umstanden. Der Gebetsraum bot, unter Beachtung räumlicher Trennung nach Geschlecht, für die Männer 200 und für die Frauen rund 100 Sitzplätze. Letztere befanden sich, wie vielerorts üblich, auf einer Frauengalerie. Der jüdische Bevölkerungsanteil in Ehrenfeld umfasste etwa 2000 Personen. Die Synagoge besaß auch eine Mikwe, die bei Ausschachtungsarbeiten in der Körnerstraße entdeckt wurde.<ref>Maubach, S. 96</ref><br />
Die heute in der Körnerstraße angebrachte Tafel erinnert an die zerstörte Synagoge mit der ihr angeschlossenen [[Klaus (Schule)|Religionsschule]]:<br />
<br />
: „An dieser Stelle stand die Ehrenfelder Synagoge, verbunden mit einer Religionsschule für Mädchen und Jungen, erbaut 1927 nach dem Entwurf des Architekten Robert Stern, zerstört am Tag nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938“<br />
<br />
Zur rechten des ehemaligen Synagogengrundstücks befindet sich ein 1942 erbauter [[Luftschutzbunker]], der seit 1995 unter Denkmalschutz steht.<br />
<br />
=== Deportationslager Köln-Müngersdorf ===<br />
{{Hauptartikel|Deportationslager Köln-Müngersdorf}}<br />
[[Datei:Gedenkort Deportationslager Müngersdorf Denkmal Simon Ungers.jpg|mini|Skulptur „Wall“ von [[Simon Ungers]], 2020 am ''Gedenkort Deportationslager Köln-Müngersdorf'' errichtet (Standort ehemaliges ''Fort V am äußeren Grüngürtel''), Foto von 2023]]<br />
Nach den organisierten und gelenkten im ganzen Land stattfindenden Zerstörungen von Leben, Eigentum und Einrichtungen verschärfte sich die antisemitische Politik auch in Köln noch weiter. Jüdische Kinder durften nun keine deutschen Schulen mehr besuchen. Bis zum 1.&nbsp;Januar 1939 wurden alle Juden aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und zur Zwangsarbeit genötigt. Sie wurden enteignet, Mietern wurde 1939 der Mieterschutz entzogen. Im Mai 1941 verfügte die Kölner [[Gestapo]], die jüdischen Kölner in sogenannten Judenhäusern zusammenzulegen. Ab Ende 1941 wurden viele von ihnen im [[Deportationslager Köln-Müngersdorf]] am Fort V des äußeren Festungsrings in [[Köln-Müngersdorf|Müngersdorf]] [[Ghetto in der Zeit des Nationalsozialismus|ghettoisiert]]. Nach Schätzungen wurden bis Ende 1943 3.500 Inhaftierte aus dem Lager in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa [[Deportation#Deportationen während des Nationalsozialismus|deportiert]].<br />
<br />
Im September 1941 verpflichtete die ''Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden'' alle jüdischen Personen im Deutschen Reich, vom vollendeten sechsten Lebensjahr an einen gelben [[Judenstern]] sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen.<br />
<br />
=== Deportationen ab Deutz ===<br />
[[Datei:Rheinhallen Köln - Gedenktafel KZ-Außenlager.jpg|mini|links|Gedenktafel KZ-Außenlager Deutz]]<br />
Im Oktober 1941 ging der erste Transport von Köln ab, der letzte bekannte wurde am 1. Oktober 1944 nach Theresienstadt geschickt. Unmittelbar vor den Transporten dienten die Messehallen in Köln-Deutz als Sammellager. Von der Tiefebene des [[Bahnhof Köln Messe/Deutz|Deutzer Bahnhofes]] fuhren die Transporte ab. Für die meisten Deportierten waren Lodz, Theresienstadt und andere Ghettos und Lager im Osten nur eine Durchgangsstation: Von hier aus erfolgte die Deportation in die Vernichtungslager, in den fast sicheren Tod.<br />
<br />
Außer in Müngersdorf und Deutz befanden sich auch Gefangenen- und Konzentrationslager auf einem Fabrikgelände in Porz Hochkreuz sowie im nahegelegenen Ort [[Brauweiler (Pulheim)|Brauweiler]].<br />
<br />
Als die amerikanischen Truppen am 6. März 1945 Köln besetzten, konnten sie nur noch 30 bis 40 jüdische Menschen in Köln befreien.<br />
{{Hauptartikel|Deportationen in der NS-Zeit aus Köln}}<br />
<br />
== Nachkriegssituation ==<br />
<br />
Von den ehemals 19.500 jüdischen Bürgern Kölns wurden etwa 11.000 Opfer der NS-Zeit, sie wurden ermordet.<ref>Kirsten Serup-Bilfeld, ''Zwischen Dom und Davidstern. Jüdisches Leben in Köln von den Anfängen bis heute.'' Köln 2001, Seite 193</ref><br />
Überlebende der Kölner Gemeinde fanden sich in den Trümmern des Ehrenfelder Asyls, dessen Hauptgebäude weitgehend erhalten geblieben war, zu einem Neuanfang zusammen.<br />
<br />
In der Ottostraße befand sich dann ab 1949 vorübergehend auch die Synagoge, bis die Gemeinde 1959 in das instandgesetzte neoromanische Gotteshaus an der Roonstraße umziehen konnte.<br />
<br />
In der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag 1959 wurden die Synagoge und das Kölner Mahnmal für die Opfer des Naziregimes von zwei später gefassten Mitgliedern der rechtsextremen [[Deutsche Reichspartei (1950)|Deutschen Reichspartei]] geschändet. Die Synagoge wurde mit schwarzer, weißer und roter Farbe beschmiert, wobei [[Hakenkreuz]]e und die Losung „Juden raus“ angebracht wurden.<ref>Bundesarchiv, Bild 183-69809-0002</ref><br />
<br />
=== Jüdischer Friedhof Bocklemünd ===<br />
[[Datei:2017-10-03-Jüdischer Friedhof Bocklemünd-4543.jpg|mini| Ehrenmal des [[Reichsbund jüdischer Frontsoldaten|Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten]] auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd]] <br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof Bocklemünd}}<br />
<br />
Der Jüdische Friedhof im Kölner Stadtteil [[Köln-Bocklemünd/Mengenich|Bocklemünd]] besteht als Begräbnisstätte seit dem Jahr 1918 und wird bis heute als Friedhof genutzt.<br />
<br />
Das [[Lapidarium]] des Friedhofs beherbergt 58 Fragmentsteine aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, die dem im Jahre 1695 nach der Eröffnung eines neuen Friedhofes in Deutz geschlossenen und 1936 aufgegebenen jüdischen Friedhof Judenbüchel im Stadtteil Köln-Raderberg entstammen. Die dort Bestatteten wurden nach Bocklemünd umgebettet.<br />
<br />
=== Jüdisches Zentrum Nußbaumerstraße ===<br />
[[Datei:Köln-Jüd-Gemeinde-Ehrenfeld-Gebetshaus.jpg|mini|Gemeinde-Ehrenfeld Gebetshaus]]<br />
[[Datei:Köln-Jüd-Gemeinde-Ehrenfeld-alter-Komplex-013.JPG|mini|Gemeinde-Ehrenfeld alter Komplex]]<br />
{{Hauptartikel|Jüdisches Wohlfahrtszentrum}}<br />
<br />
Das heutige Jüdische Zentrum Ehrenfelds an der Nußbaumerstraße / Ottostraße ist Nachfolger des „Jüdischen Krankenhauses Ehrenfeld“. Das Krankenhaus überstand die NS-Zeit und entging der Zerstörung durch die Bomberangriffe. In ihm sammelte sich die verbliebene Gemeinde Kölner Juden. Die auf gleichem Gelände entstandenen, heute unter dem Namen „Jüdisches Wohlfahrtszentrum“ firmierenden Einrichtungen haben ihren Ursprung, wie das teilweise erhaltene Gebäude des alten Krankenhauses (1908), in einer im 19. Jahrhundert geschaffenen karitativen jüdischen Einrichtung in der „Silvanstraße“.<ref>Barbara Becker-Jákli: ''Das jüdische Krankenhaus in Köln'', S. 152</ref><br />
<br />
=== Liberale jüdische Gemeinde ===<br />
Die ''Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V.'' in [[Köln-Riehl]] wurde 1996 gegründet und ist Mitglied in der [[Union progressiver Juden in Deutschland]].<ref>{{Internetquelle |url=https://www.jlgk.de/www.jlgk.de/ |titel=Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V. |sprache=de |abruf=2022-06-26 |offline=ja }}</ref> Ihr Name, „Gescher LaMassoret“, bedeutet „Brücke zur Tradition“. In dieser Gemeinde beten Frauen und Männer gemeinsam, und die Gleichberechtigung der Geschlechter im Gottesdienst und im Leben steht im Fokus, wie es bei allen liberalen jüdischen Gemeinden in Deutschland der Fall ist. Die sexuelle Ausrichtung der Mitglieder spielt keine Rolle, und die Gemeinde pflegt den Dialog mit anderen Religionen, insbesondere mit Christen und Muslimen. Sie hat etwa 200 Mitglieder und bietet neben regelmäßigen Gottesdiensten Unterricht für Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene an. Seit April 2024 betreut die Gemeinde Rabbiner Dr. Daniel Katz, der der [[Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland|Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland]] (ARK) angehört.<ref>{{Internetquelle |url=http://a-r-k.de/rabbiner/#NataliaVerzhbovska |titel=Die Rabbiner und Rabbinerinnen der ARK |werk=a-r-k.de |abruf=2018-07-22}}</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.jlgk.de/seite/475822/www.jlgk.de/seite/475822/rabbinerin.html |titel=Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V. - Rabbinerin |sprache=de |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
<br />
=== Gedenkstätten ===<br />
* In der Kirche [[St. Maria vom Frieden (Köln)|St. Maria vom Frieden]] des Kölner [[Karmelitinnen|Karmel]] wird durch das von dem der Kirche angeschlossenen Kloster eingerichtete kleine Archiv die Erinnerung an die am 9. August 1942 im [[KZ Auschwitz-Birkenau|Konzentrationslager Auschwitz]] ermordete Mitschwester, die zum [[Römisch-katholische Kirche|katholischen]] Glauben [[Konversion (Religion)|konvertierte]] Jüdin [[Edith Stein]], wachgehalten.<br />
<gallery><br />
Datei:Köln-Löwenbrunnen-Klibanskplatz-037.JPG|Löwenbrunnen auf dem Klibanskiplatz<br />
Datei:Köln Gedenktafel-der-Synagoge-Glockengasse-027.JPG|Gedenktafel für die Synagoge Glockengasse<br />
Datei:Köln Gedenktafel-des-alten-Polizeigebäudes-Schildergasse-030.JPG|Polizeigebäude Schildergasse, Sitz der Gestapo 1933/35<br />
Datei:Köln-Deutz-Reischplatz-.JPG| Gedenktafel am Reischplatz 6<br />
Datei:Kleinstolpersteine.jpg|Stolpersteine vor Blumenthalstraße 23 in Erinnerung an Siegmund, Helene und Walter Klein<br />
</gallery><br />
* Auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd erinnern zwei Denkmäler an die jüdischen Opfer. Ein Denkmal bewahrt den Mitgliedern der Kölner Synagogengemeinde ein ehrendes Andenken, die mit dem bis 1942 amtierenden [[Isidor Caro]] in Theresienstadt den Tod fanden. Nach dem Rabbiner Caro wurde auch eine Straße in [[Köln-Stammheim]] benannt. Eine zweite an diesem Denkmal angebrachte Tafel ehrt das Andenken aller Opfer aus der [[Synagogengemeinde Köln]]<br />
* Das Denkmal „Die Gefangenen“, 1943 von [[Ossip Zadkine]] geschaffen, steht auf der Ehrengräberanlage des Westfriedhofes, Köln-Bocklemünd<br />
* Gedenktafeln in Ehrenfeld, Körnerstraße<br />
* An die Synagoge in der Glockengasse erinnert eine am Opernhaus angebrachte Bronzetafel<br />
* Der Synagoge St. Apern-Straße gewidmet ist eine Gedenktafel in der St. Apern-Straße / Ecke Helenenstraße (Hotelseite). Vor dem Hotelbau auf dem kleinen „[[Erich Klibansky]] – Platz“, steht der Löwenbrunnen (1997)<br />
* Gedenktafel für die Opfer der Gestapo in der Krebsgasse<br />
* Gedenktafel am Reischplatz 6 in Deutz für die letzte der drei Deutzer Synagogen (Haus der Polizeistation)<br />
* Gedenktafel am Messeturm, Kennedy-Ufer<br />
* Gedenktafel im Stadtpark, Walter-Binder-Weg<br />
* [[Stolpersteine]] des Künstlers [[Gunter Demnig]] vor Häusern, in denen NS-Opfer gewohnt hatten, erinnern heute noch an diese Juden<ref>{{Internetquelle |url=http://www.msacerdoti.it/stolpersteine.html |titel=siehe z.&nbsp;B. die Stolpersteine für Siegmund, Helene und Walter Klein in Blumenthalstrasse 23, Köln |werk=msacerdoti.it |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
<br />
Die heutige [[Judengasse (Köln)|Judengasse]] in der Nähe des Rathauses erinnert an das ehemalige Judenviertel. Sie hatte 1813 für kurze Zeit den französischen Namen „Rue des Juifs“,<ref>Adam Wrede, Band I, Seite 393</ref> erhielt aber später ihre alte Bezeichnung zurück. Sie ist heute eine unbewohnte Straße ohne Wohngebäude.<br />
<br />
== Jüdisches Museum Köln ==<br />
Die Stadt Köln schuf im Rahmen der [[Regionale 2010]] eine „[[Archäologische Zone Köln|Archäologische Zone]]“, die zu einem archäologisch-historischen Museumskomplex ausgebaut wurde. Ein Teilbereich besteht aus Resten des jüdischen Viertels und der [[Kölner Mikwe]] (jüdisches Kultbad) unter dem –&nbsp;in der Nachkriegszeit unbebaut gebliebenen Kölner Rathausplatz.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.museenkoeln.de/archaeologische-zone/default.asp?s=2981 |titel=Mikwe - Jüdisches Ritualbad |werk=museenkoeln.de |abruf=2011-12-10}}</ref> Die Mikwe war bereits bei Grabungen Anfang der 1950er Jahre entdeckt, bis zur Vorbereitung der neuen archäologischen Zone jedoch nicht weiter ausgegraben worden.<ref>David Ohrndorf: ''{{Webarchiv |url=http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/judentum/glaube/ausgrabung/index.jhtml |text=Kölner Synagoge wird ausgegraben. |wayback=20101004151026}}'' Website des [[Westdeutscher Rundfunk|Westdeutschen Rundfunks]], aufgerufen am 26. Juni 2022</ref> Über den Fundamenten der ersten Synagogen und der Mikwe entstand zwischen historischem [[Rathaus Köln|Rathaus]] und [[Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud|Wallraf-Richartz-Museum]] der oberirdische Bau des Jüdischen Museums.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/home/news_archiv/2099.htm |titel=Archäologische Zone und Jüdisches Museum |datum=2008-06-17 |abruf=2022-06-26}}</ref> Er wurde vom Rat der Stadt beschlossen, war aber in Politik und Bevölkerung mit dem Argument umstritten, dass damit freier Platz vor dem historischen Rathaus verloren ginge. Das Jüdische Museum sollte ursprünglich 2010 eröffnen.<ref>{{Literatur |Autor=Marion Leske |Titel=Oberirdisch, unterirdisch Großbaustelle am Rhein : Köln erlebt ein kulturpolitisches Hindernisrennen um alte Funde und neue Museumspläne |Sammelwerk=Die Welt |Nummer=286/2007 |Datum=2007-12-07 |Kapitel=Feuilleton |Seiten=32 |Zitat=2010 soll alles fertig sein: Das jüdische Museum - gebaut von einem Stararchitekten - steht als Publikumsmagnet auf dem Rathausvorplatz.}}</ref> Im Frühjahr 2013 sammelten zwei Initiativen Unterschriften, eine gegen das Bauvorhaben<ref>{{Literatur |Autor=Pascal Beucker |Titel=Kampf um Jüdisches Museum in Köln: Sparen für Geschichtsvergessene |Sammelwerk=Die Tageszeitung: taz |Datum=2013-02-15 |ISSN=0931-9085 |Online=https://taz.de/Kampf-um-Juedisches-Museum-in-Koeln/!5073194/ |Abruf=2022-06-26}}</ref> und die andere dafür&nbsp;–&nbsp;inklusive Zusammenlegung mit dem [[Kölnisches Stadtmuseum|Kölnischen Stadtmuseum]].<ref>{{Internetquelle |url=http://archivneu.report-k.de/initiative-haus-der-koelner-geschichte-soll-geplantes-juedisches-museum-und-baufaelliges-stadtmuseum-an-einem-ort-zusammenfuehren-19002/ |titel=Initiative: „Haus der Kölner Geschichte“ soll geplantes Jüdisches Museum und Stadtmuseum an einem Ort zusammenführen |werk=Report-K |datum=2013-04-25 |abruf=2022-06-26 |offline=ja }}</ref> Seit Oktober 2013 lief ein Bürgerbegehren einer Bürgerinitiative der [[Freie Wähler Köln|Freien Wähler Köln]] für eine verkleinerte Version des Architekten [[Peter Busmann]].<ref>{{Internetquelle |autor=Andreas Damm |url=https://www.ksta.de/koeln/innenstadt/-archaeologische-zone-buergerbegehren-gestartet-909964 |titel=Archäologische Zone: Bürgerbegehren gestartet |datum=2013-10-23 |abruf=2022-06-26}}</ref> Im weiteren Verlauf übernahm der [[Landschaftsverband Rheinland]] die Trägerschaft des neuen Museums, das den Namen ''MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln'' erhielt. Der Neubau des Museums verzögerte sich aus verschiedenen Gründen mehrfach und ist (Stand 2022) noch nicht abgeschlossen.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Geschichte der Juden in Deutschland]]<br />
* [[Alte Synagogen in Nordrhein-Westfalen]]<br />
* [[Denkmäler und Erinnerungsorte zum Nationalsozialismus in Köln]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
[[Datei:Henriette Hannah Bodenheimer Zionismus 1978 Titel.jpg|mini|hochkant|[[Henriette Hannah Bodenheimer]] (1978)]]<br />
* [[Hans-Dieter Arntz]]: ''Religiöses Leben der Kölner Juden im Ghetto von Riga'', in: ''Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins e.&nbsp;V.'', Nr. 53, 1982<br />
* [[Zvi Asaria]]: ''Die Juden in Köln. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.'' Verlag J. P. Bachem, Köln 1959.<br />
* Zvi Avneri: ''Germania Judaica''. Bd. 2: ''Von 1238 bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts'', Tübingen 1968.<br />
* [[Barbara Becker-Jákli]]: ''Das jüdische Krankenhaus in Köln; die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869–1945'', 2004. ISBN 3-89705-350-0.<br />
* Barbara Becker-Jákli: ''Das Jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart. Ein Stadtführer'', Emons Verlag Köln, Köln 2012, ISBN 978-3-89705-873-6.<br />
* Johannes Ralf Beines: ''Die alte Synagoge in Deutz'', in: ''Rechtsrheinisches Köln, Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde''. Geschichts- und Heimatverein Rechtsrheinisches Köln e. V. Band 14. {{ISSN|0179-2938}}.<br />
* [[Michael Berger (Offizier)|Michael Berger]]: ''Eisernes Kreuz und Davidstern. Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen'', trafo Verlag, 2006. ISBN 3-89626-476-1.<br />
* [[Anna-Dorothee von den Brincken]]: ''Privilegien Karls IV. für die Stadt Köln.'' In: ''Blätter für deutsche Landesgeschichte.'' 114, 1978, S. 243–264.<br />
* [[Michael Brocke]]/Christiane Müller: ''Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Deutschland.'' Verlag Reclam, Leipzig 2001, ISBN 978-3-379-00777-1.<br />
* [[Carl Dietmar]]: ''Die Chronik Kölns.'' Chronik Verlag, Dortmund 1991. ISBN 3-611-00193-7.<br />
* [[Werner Eck]]: ''Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum''. (= ''Geschichte der Stadt Köln in 13 Bänden'', Bd. 1) Köln 2004, S. 325 ff. ISBN 3-7743-0357-6.<br />
* Liesel Franzheim: ''Juden in Köln von der Römerzeit bis ins 20. Jahrhundert''. Köln 1984.<br />
* Marianne Gechter, [[Sven Schütte]]: ''Ursprung und Voraussetzungen des mittelalterlichen Rathauses und seiner Umgebung.'' In: Walter Geis und Ulrich Krings (Hrsg.): ''Köln: Das gotische Rathaus und seine historische Umgebung''. Köln 2000 (Stadtspuren – Denkmäler in Köln; 26), S. 69–196.<br />
* [[František Graus]]: ''Pest – Geißler – Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit''. Göttingen 1988.<br />
* Monika Grübel, [[Peter Honnen]] (Hrsg.): ''Jiddisch im Rheinland. Auf den Spuren der Sprachen der Juden'', Publikation des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) im Klartextverlag, Essen 2014, ISBN 978-3-8375-0886-4.<br />
* Monika Grübel und Georg Mölich: ''Jüdisches Leben im Rheinland. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.'' ISBN 3-412-11205-4.<br />
* [[Alfred Haverkamp]]: ''Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.'' Stuttgart 1981.<br />
* Alfred Haverkamp: ''Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte''. in: ''Monographien zur Geschichte des Mittelalters 24''. 1981, S. 27–93.<br />
* Wilhelm Janssen: ''Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter.'' Bonn/Köln 1973.<br />
* [http://www.msacerdoti.it/kobercologne.html Adolf Kober, ''Cologne'', The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1940]<br />
* Kirsten Serup-Bilfeldt: ''Zwischen Dom und Davidstern''. Jüdisches Leben in Köln. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. ISBN 3-462-03508-8.<br />
* Gerd Mentgen: ''Die Ritualmordaffäre um den „Guten Werner“ von Oberwesel und ihre Folgen, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 21''. 1995, S. 159–198.<br />
* Klaus Militzer: ''Ursachen und Folgen der innerstädtischen Auseinandersetzungen in Köln in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts''. Köln 1980 (Veröffentlichungen des Kölner Geschichtsvereins, 36).<br />
* Sebastian Musch: ''Verflechtungen einer „Liquidationsgemeinde“ zwischen Israel und der Deutschland: Der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde zu Köln in der frühen Bundesrepublik''. In: Philipp Neumann-Thein, Daniel Schuch, Markus Wegewitz (Hrsg.): ''„Organisiertes Gedächtnis“. Kollektive Aktivitäten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik''. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8353-5161-5, S. 400–424.<br />
* Alexander Patschovsky:'' Feindbilder der Kirche: Juden und Ketzer im Vergleich (11.–13. Jahrhundert)''. in: Alfred Haverkamp (Hrsg.): ''Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge''. Sigmaringen 1999, S. 327–357.<br />
* [[Elfi Pracht-Jörns]]: ''Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil 1: Regierungsbezirk Köln.'' Köln 1997<br />
* Robert Wilhelm Rosellen: ''Geschichte der Pfarreien des Dekanates Brühl.'' J. P. Bachem, Köln 1887<br />
* Matthias Schmandt: ''Judei, cives et incole: Studien zur jüdischen Geschichte Kölns im Mittelalter.'' Forschungen zur Geschichte der Juden Bd. 11. Hanover 2002. ISBN 3-7752-5620-2.<br />
* Kurt Schubert: ''Jüdische Geschichte''. München 2007.<br />
* Sven Schütte: ''Der Almemor der Kölner Synagoge um 1270/80 – Gotische Kleinarchitektur aus der Kölner Dombauhütte. Befunde Rekonstruktion und Umfeld''. in: ''Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen in Köln XIII''. 1998, S. 188–215.<br />
* Arnold Stelzmann: ''Illustrierte Geschichte der Stadt Köln.'' Verlag Bachem, Köln 1958. Verlagsnummer 234758<br />
* M. Toch: ''Siedlungsstruktur der Juden Mitteleuropas im Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit''. in: A. Haverkamp u. Ziwes (Hrsg.): ''Juden in der christlichen Umwelt während des späten Mittelalters''. Berlin 1992, S. 29–39.<br />
* Markus J. Wenniger: ''Zum Verhältnis der Kölner Juden zu ihrer Umwelt im Mittelalter''. In: Jutta Bohnke-Kollwitz, Willehad Paul Eckert, u.&nbsp;a. (Hrsg.): ''Köln und das rheinische Judentum''. Festschrift Germania Judaica 1959–1984, Köln 1984 S. 17–34.<br />
* [[Ernst Weyden]]: ''Geschichte der Juden in Köln am Rhein von den Römerzeiten bis in die Gegenwart''. M. DuMont Schauberg, Köln 1867 [https://archive.org/stream/geschichtederjud00weyduoft#page/n5/mode/2up digitalisiert] [[Robarts Library]], [[University of Toronto]]<br />
* [[Jürgen Wilhelm (Politiker)|Jürgen Wilhelm]] (Hrsg.): ''2000 Jahre jüdische Kunst und Kultur in Köln.'' Greven-Verlag, 2007, ISBN 978-3-7743-0397-3.<br />
* [[Adam Wrede]]: ''Neuer Kölnischer Sprachschatz.'' 3 Bände A – Z, Greven Verlag, Köln, 9. Auflage 1984. ISBN 3-7743-0155-7.<br />
* Franz-Josef Ziwes: ''Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters''. Hannover 1995. ISBN 3-7752-5610-5.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Jewish history in Cologne|Jüdische Geschichte in Köln}}<br />
* {{DNB-Portal|11626375X}}<br />
* [http://www.gescherlamassoret.de/geschichte.html Geschichte der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln]<br />
* [https://www.sgk.de/index.php/geschichte.html Die Geschichte der Kölner Gemeinde von Alexander Tyurin auf der Website der Synagogen-Gemeinde Köln]<br />
* [http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17306/highlight/kaufhold Eine schier endlose Debatte] Jüdische Allgemeine, 17. Oktober 2013<br />
* [https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18740 Köln: Das Phantom-Museum] Jüdische Allgemeine, 27. März 2014<br />
* [https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19309 Kommentar: Köln braucht ein Jüdisches Museum. Lange genug wurden Planung und Finanzierung hinausgezögert. Doch bald sollte der Bau beginnen] Jüdische Allgemeine, 30. Mai 2014<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{SORTIERUNG:Judische Geschichte in Koln}}<br />
[[Kategorie:Jüdische Geschichte (Köln)| ]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Geschichte (Nordrhein-Westfalen)|Koln]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=J%C3%BCdische_Geschichte_in_K%C3%B6ln&diff=264651763Jüdische Geschichte in Köln2026-02-24T11:18:24Z<p>Procopius: /* Antike */</p>
<hr />
<div>Die '''jüdische Geschichte in Köln''' betrifft das Leben der [[Juden]] in [[Köln]], die urkundlich erstmals im Jahr 321 bezeugt sind, und reicht damit mindestens bis in die [[Spätantike]] zurück (vgl. [[Geschichte der Stadt Köln]]). Die heutige [[Synagogen-Gemeinde Köln]] bezeichnet sich aufgrund dieser historischen Kontinuität selbst als „älteste [[Kehillah|jüdische Gemeinde]] nördlich der Alpen“.<ref>Auf der Website der Synagogen-Gemeinde Köln, {{Webarchiv|url=http://www.sgk.de/ |wayback=20081015010353 |text=Archivierte Kopie }}; abgerufen am 16. Dezember 2007.</ref><br />
<br />
== Antike ==<br />
[[Datei:CCAA-Konstantinbrücke.jpg|mini|220px|Kaiser [[Konstantin der Große|Konstantin]] verband Köln und Deutz mit einer [[Römerbrücke (Köln)|ersten festen Brücke]] (Zeichnung um 1608).]]<br />
Für die Berufung in ein städtisches Amt waren im Römischen Reich [[Grundbesitz]] und ein gewisses Ansehen der Person Voraussetzung. Juden war jedoch der Zugang zu öffentlichen Ämtern und damit eine Stellung unter den Ratsherren (Curialen) lange Zeit verwehrt: Zwar war ihre Religion als ''[[religio licita]]'' („erlaubte Religion“) anerkannt, gleichzeitig waren sie damit jedoch vom [[Kaiserkult|Kaiseropfer]] und den Opfern an die [[Römische Religion|römischen Staatsgötter]] befreit, und diese waren zugleich Grundvoraussetzung für die Bekleidung eines öffentlichen Amtes.<ref>[[Tacitus]], ''[[Historiae (Tacitus)|Historiae]]'' [http://www.thelatinlibrary.com/tacitus/tac.hist5.shtml#5 5,5,4].</ref><br />
<br />
Im Verlauf des [[3. Jahrhundert]]s wurde jedoch die Mitgliedschaft in den Stadträten von einer Ehre zu einer Belastung, da die Curialen für Mindereinnahmen bei Steuern und Abgaben persönlich hafteten und auch sonst immer mehr Pflichten übernehmen mussten. In der [[Spätantike]] versuchte die urbane Oberschicht daher zunehmend, die Beteiligung an diesen kostspieligen Ämtern zu vermeiden oder aber die Lasten zumindest auf möglichst viele Schultern zu verteilen.<ref>Vgl. Jens-Uwe Krause: ''Geschichte der Spätantike''. Tübingen 2018, S. 260.</ref> Damit verwandelte sich das Verbot, Juden in die Stadträte aufzunehmen, faktisch in ein Privileg. <br />
<br />
Diese Ausnahmestellung wurde schließlich beseitigt: Das am 11. Dezember 321<ref>[https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/geteilte-geschichte/339532/das-edikt-kaiser-konstantins-von-321/ Das Edikt Kaiser Konstantins von 321], Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de</ref> an den [[Köln]]er Stadtrat ergangene [[Dekret]] [[Konstantin der Große|Kaiser Konstantins I.]] antwortete auf eine Anfrage der Curialen und verfügte, dass fortan auch [[Judentum|Juden]] in die ''[[Curia (Versammlungsort)|curia]]'' berufen werden konnten, bzw. dass diese (mit einigen Ausnahmen) nötigenfalls auch gegen ihren Willen in die Pflicht genommen werden durften.<ref>Eck 2004. S. 325</ref> Es dient zugleich als frühester Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in der Stadt Köln (und im heutigen Deutschland insgesamt).<ref>Vgl. zur historischen Einordnung ausführlich Werner Eck: ''Der Erlass von 321 n.Chr. zur Aufnahme von Juden in den Rat des römischen Köln. Ursachen und Folgen.'' In: Archäologische Gesellschaft Köln e.&nbsp;V. (Hrsg.): ''1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland'', Köln 2021, S. 1–25.</ref> Das kaiserliche Dekret ist im ''[[Codex Theodosianus]]'' (16,8,3) überliefert und hat in der Übersetzung folgenden Wortlaut:<br />
<br />
{{Zitat| An die Ratsherren von Köln: Mit einem allgemeinen Gesetz erlauben wir allen Stadträten, auch Juden in den Rat zu berufen. Doch damit ein Rest der früheren Regelung ihnen [d. h. den Juden] zum Trost bestehen bleibe, gestehen wir mit einem immerwährenden Privileg je zweien oder dreien von ihnen zu, von keinen Nominierungen in Anspruch genommen zu werden. Gegeben am dritten Tag vor den Iden des Dezember, als die ''Caesares'' Crispus und Constantius zum zweiten Mal Konsuln waren.<ref>''Ad decurionibus Agrippiniensibus. Cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. Verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. Dat. III id. dec. Crispo II et Constantino II cc. conss.''</ref>}}<br />
<br />
Wichtig ist, dass das Edikt von der Existenz jüdischer Bürger in Köln ausgeht; die Gemeinde muss also bereits vor 321 bestanden haben. Eine in die Mitte des 6. Jahrhunderts datierte Abschrift des 16. Buches des ''Codex Theodosianus'' aus dem [[Heiliger Stuhl|Vatikan]], die den kaiserlichen Erlass enthält, wurde ab September 2021 in einer Sonderausstellung des Museums [[Kolumba (Museum)|Kolumba]] in Köln gezeigt.<ref>Bericht des WDR [https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-alte-vatikanische-abschrift-auf-dem-weg-ins-kolumba-koeln-100.html.]</ref><br />
<br />
== Mittelalter ==<br />
[[Datei:Koeln-Altstadt-Mikwe3-Gedenktafel-P1010155.JPG|mini|Plan des jüdischen Viertels am Rathausplatz]]<br />
{{Hauptartikel|Kölner Mikwe}}<br />
Ein jüdisches Ritualbad, eine [[Mikwe]], in der [[Altstadt-Nord|Kölner Altstadt-Nord]] datiert in ihrer ersten Bauphase aus dem [[8. Jahrhundert]]. In der Folge wurde der Bau mehrfach erneuert und renoviert. Nach 1096 erfolgte der Umbau der Mikwe zu Beginn des 12. Jahrhunderts.<br />
<br />
Die jüdische Gemeinde war spätestens seit dem 11. Jahrhundert in einem Viertel nahe dem heutigen [[Rathaus Köln|Rathaus]] angesiedelt. Noch heute zeugt der Name „Judengasse“ davon. Im 12. und 13. Jahrhundert verschärfte sich die antijüdische Haltung der Stadtbewohner. Sie wurden beschuldigt, für die [[Schwarzer Tod|Pest]] verantwortlich zu sein. In der Bartholomäusnacht 1349 kam es zu einem [[Pogrom]], der als „Judenschlacht“ in die Stadtgeschichte einging. In dieser Nacht drang ein aufgebrachter Mob in das Judenviertel ein und ermordete die meisten Bewohner. 1424 wurden die Juden „auf alle Ewigkeit“ aus der Stadt verbannt. Dieses Verbot einer Ansiedlung wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts aufgehoben. Eine neue jüdische Gemeinde entstand erst wieder unter französischer Verwaltung. In der frühen Neuzeit wurde das Gelände des Judenviertels überbaut, ihre ehemaligen Bewohner gerieten in Vergessenheit. Erst nach den Zerstörungen des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieges]] kamen bei den Wiederaufbaumaßnahmen die mittelalterlichen Fundamente, darunter eine [[Mittelalterliche Synagoge Köln|Synagoge]] und die monumentale [[Kölner Mikwe]], zu Tage. Erste archäologische Untersuchungen wurden nach dem Krieg von [[Otto Doppelfeld]] in den Jahren 1953 bis 1956 durchgeführt. Aus Gründen des Geschichtsbewusstseins wurde das Gelände in der Nachkriegszeit nicht überbaut und blieb bis heute als Platz vor dem historischen Rathaus erhalten. Das Judenviertel ist Teil der „[[Archäologische Zone Köln|Archäologischen Zone Köln]]“.<br />
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=== Mittelalterliche Pogrome in Köln ===<br />
[[Datei:Medieval manuscript-Jews identified by rouelle are being burned at stake.jpg|mini|hochkant|Judenverbrennung im [[Heiliges Römisches Reich|Heiligen Römischen Reich]] (mittelalterliches Manuskript, heute in der [[Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern]])]]<br />
Schon Jahrhunderte vor dem großen Pogrom vom August 1349 war im Kölner Raum das Klima gegenüber der jüdischen Bevölkerung keineswegs freundlich. 1096 kam es im Verlauf des [[Erster Kreuzzug|Ersten Kreuzzuges]] zu mehreren Pogromen. Obwohl der Kreuzzug von [[Frankreich]] ausging, kam es zuerst im [[Heiliges Römisches Reich|Heiligen Römischen Reich]] zu [[Deutscher Kreuzzug von 1096|belegten Übergriffen]]. Am 27. Mai 1096 fielen in [[Mainz]] Hunderte von Juden [[Gezerot Tatnu|Gewaltexzessen]] zum Opfer. Die Pfalz des dortigen Erzbischofs [[Ruthard (Mainz)|Ruthard]], wohin dieser die Juden zu ihrem Schutz hatte verbringen lassen, wurde von den Kreuzfahrern nach kurzer Gegenwehr gestürmt. Ähnliches geschah im Juli desselben Jahres in Köln.<ref>Schubert 2007. S. 45; Wenniger 1984 S. 17.</ref> Juden wurden zwangsgetauft. Die Erlaubnis Kaisers [[Heinrich IV. (HRR)|Heinrich IV.]], wonach zwangsgetaufte Juden wieder zu ihrem Glauben zurückkehren durften, wurde von Papst [[Wibert von Ravenna]] nicht bestätigt.<ref>Patschovsky1999. S. 330.</ref> Seit dieser Zeit kam es nicht nur im Rheinland immer wieder zu kleineren und größeren Übergriffen.<br />
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Im Jahre 1146 wurden mehrere Juden bei [[Königswinter]] von einem aufgebrachten christlichen Mob erschlagen, kurz vor Beginn des [[Zweiter Kreuzzug|Zweiten Kreuzzuges]].<ref name="Schmandt-S85">Schmandt 2002. S. 85.</ref> Auch in [[Andernach]],<ref>Germania Judaica 11,1 S. 15</ref> [[Altenahr]],<ref>GJ II,1 S. 10.</ref> [[Bonn]]<ref>GJ II,1 S. 94.</ref> und [[Lechenich]]<ref>GJ II,1 S. 475.</ref> wurden Juden getötet und ihre Häuser teils geplündert. Diese Ereignisse sind vermutlich mit einer Verfolgungswelle von 1287/88 in Verbindung zu bringen.<ref>Nur wenige Jahre später, 1298, fand besonders in Franken eine Verfolgungswelle statt, die auf den sogenannten König Rintfleisch zurückgehen soll. Siehe hierzu Lotter, F.: Die Judenverfolgung des „[[König Rintfleisch]]“ in Franken um 1298. Die endgültige Wende in den christlich – jüdischen Beziehungen im deutschen Reich des Mittelalters, in: Zeitschrift für Historische Forschung 4 (1988) S. 385–422.</ref> Tätliche Übergriffe auf Kölner Juden sind für diesen Zeitraum nicht belegt, wobei von einer bestehenden Diskriminierung ausgegangen werden muss.<br />
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Nach dem [[Viertes Laterankonzil|Vierten Laterankonzil]] im Jahr 1215 waren alle Juden dazu angehalten, sich durch ihre Kleidung deutlich als Nichtchristen auszuweisen.<ref>Schubert 2007. S. 48.</ref> Daneben war es möglich, dass der Inhaber des [[Judenregal]]s sogenannte [[Tötbrief]]e ausstellte, also beschloss, bestimmten Schuldnern – etwa bei Missernten – die Schulden bei jüdischen Geldverleihern zu erlassen oder die Zinsen zu senken.<ref>Ziwes 1995. S. 251; Schubert 2007. S. 50.</ref><br />
Des Weiteren kann man für die 1320er Jahre vermuten, dass mancher Kölner versuchte, sich den Zahlungsverpflichtungen gegenüber jüdischen Gläubigern durch die Berufung auf die kirchliche Gesetzgebung zu entziehen. Papst [[Johannes XXII.]] hatte im Jahre 1317 eine rigorose „Anti-Judenwucher-Kampagne“ gestartet und öffentlich erklärt, dass Wucherzinsen an Juden nicht entrichtet werden müssten. Der Kölner Stadtrat sah sich genötigt, gegen diese kirchlich sanktionierte Rückzahlungsverweigerung vorzugehen und stellte 1321 Klagen gegen jüdische Zinsforderungen unter Strafe. 1327 wiederholte der Rat diese Bestimmung und wandte sich damit eindeutig gegen ein päpstliches Reskript, welches speziell gegen einen [[Salman von Basel]] gewandt war.<ref>Schmandt 2002. S. 78f.</ref> Derselbe Stadtrat nahm 1334 selbst auf besagtes päpstliche Schreiben Bezug und rief Erzbischof [[Walram von Jülich]] um Unterstützung an, als ein jüdischer Finanzier namens Meyer von ihm Außenstände einforderte. Das Verfahren endete mit der Herausgabe aller städtischen [[Schuldbrief]]e und der Verurteilung Meyers zum Tode.<ref>Ennen, L. u. Eckertz, G.: Quellen zur Geschichte der Stadt Köln, Bd. IV, Köln 1872, Nr. 201, S. 220.</ref> Die Stadtväter waren ihrer Schulden bei Meyer ledig und Walram erhielt das konfiszierte Vermögen des Verurteilten. Zudem hatte der Erzbischof ebenfalls Schulden bei Meyer gehabt und konnte diese im gleichen Zuge tilgen.<ref>Janssen, W.: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter, Bonn/Köln 1973 V, Nr. 226, S. 61: ''„…item hoc anno judeus quidam ditus Meyer, id ets villicius, in Bunna pecuniis maximis Walramus per officiatos archiepiscopi Coloniensis nequiter comburitur et occiditur. Cum enim in archiepiscopus sibi obligaretur, fingunt eum falsarium et comburunt…“''</ref> Insgesamt scheinen die Juden in Köln zwischen 1096 und 1349 als „Mitbürger“<ref>Hier ist nicht der rechtliche Status gemeint, sondern der Einwohner allgemein.</ref> an Leib und Leben allerdings relativ sicher gewesen zu sein.<ref name="Schmandt-S85" /> Hinweise darauf, dass man Anstoß an ihnen genommen hat, gibt es aber zur Genüge.<ref name="Schmandt-S86">Schmandt 2002. S. 86.</ref> So ist etwa die sogenannte [[Judensau]] auf einer der Stuhlwangen des [[Kölner Dom]]chores bekannt, die vermutlich aus den 1320er Jahren stammt.<ref>Franzheim 1984. S. 82.</ref><br />
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In den Jahrzehnten vor dem Pogrom in Köln scheinen die Beziehungen zu den dort ansässigen Juden immer schlechter geworden zu sein. So wurde um 1300 mit dem Bau eines Mauerteils um das Judenviertel begonnen. Vermutlich wurde diese Baumaßnahme auf Betreiben der jüdischen Gemeinde selbst durchgeführt.<ref>Schmandt 2002. S. 26f.</ref> Ratsbeschlüsse dokumentieren die Verschlechterung des innerstädtischen Klimas zwischen Christen und Juden. So befassen sich Beschlüsse der Jahre 1252 bis 1320 mit Fragen über Rechtsstellung, Schutz und Besteuerung der Kölner Juden.<ref>Schmandt 2002. S. 36.</ref> Die Pogromwelle betraf auch andere Städte des Reiches. So ist ein Schreiben des Kölner Stadtrates an den Rat der Stadt [[Straßburg]] überliefert. Darin äußert sich der Kölner Rat am 12. Januar 1349 besorgt über die Vorgänge in Straßburg und warnt eindringlich vor einer Eskalation. Die Juden und ihre Habe seien durch Schutz- oder Trostbriefe geschützt, diese müsse man einhalten. Zudem sei der Vorwurf, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und so die Pest verursacht, in keinem einzigen Fall nachgewiesen.<ref>Graus 1988. S. 179.</ref> Im selben Schreiben stellen die Kölner Ratsherren klar, dass sie die Kölner Juden entschieden schützen würden.<ref>Schmandt 2002. S. 93.</ref> Für die Jahre nach 1320 sind allerdings zahlreiche religiös motivierte Judenfeindlichkeiten des Kölner Klerus bekannt, die sich besonders über die Privilegien der Kölner Juden ereiferten.<ref>Schmandt 2002. S. 86; So etwa die sogenannte Judensau auf einer der Stuhlwangen des Kölner Domchores die in die 1320er Jahre datiert wird. Franzheim, L.: Juden in Köln (Anm. 23) S. 82f.</ref> Der Grund hierfür kann in der Veränderung des [[Judenregal]]s gesehen werden. Der Kölner [[Klerus]] profitierte nun nicht mehr alleinig vom Geldleihgeschäft der Juden. Zunehmend verdiente der Stadtrat mit, was noch zu zusätzlichen Spannungen zwischen Erzbischof und Rat führte.<br />
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[[Datei:Köln-Erzb-Engelbert-Judenprivileg-1266.JPG|mini|hochkant|1266 lässt Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] das „[[Kölner Judenprivileg|Judenprivileg]]“ in Stein meißeln.]]<br />
Dass letzterer in der Judenverfolgung des Jahres 1349 in Köln eine wichtige Rolle spielte, geht aus den Quellen hervor. Seit 1266 hatten in Köln ausschließlich die Juden das Privileg, Geld zu verleihen. Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] hatte dieses sogenannte [[Kölner Judenprivileg]] an der Außenseite der Domschatzkammer gar in Stein meißeln lassen.<ref>Richard Kipping: Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter Bd. 3, Nr. 1233, S. 280.</ref> Im Ringen um die Macht konnten die Juden in Köln also bis zu einem gewissen Grad als „Druckmittel“ eingesetzt werden. Die Schutzherren der Kölner Juden, der Erzbischof und der König, konnten ihr Judenregal weiterveräußern. Kam es nun zu Querelen zwischen der Kurie, dem König und dem Kölner Stadtrat, so konnte der Stadtrat beiden eine profitable Einnahmequelle nehmen, wenn er die Juden beseitigte. Nebenbei konnten so eigene Außenstände getilgt werden.<br />
Hinzu kam, dass in den 1340er Jahren eine Pestwelle von noch nie dagewesener Härte über Europa hereinbrach. Der „[[Schwarzer Tod|Schwarze Tod]]“ hat aber Köln und das Umland wohl nicht vor dem Dezember 1349 erreicht,<ref>Schmandt 2002. S. 89.</ref> also erst Monate nach dem schweren Pogrom vom August. Allerdings werden Nachrichten aus dem Süden über ihre verheerende Auswirkung auch am Rhein schon wesentlich früher eingetroffen sein. Möglicherweise wurden sie in der Bevölkerung noch ausgeschmückt und führten zu einer eschatologischen Unruhe.<br />
In diese Gesamtsituation fällt der verheerende Pogrom vom 23./24. August des Jahres 1349 in Köln.<br />
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==== Vorbereitung des Pogroms ====<br />
Die [[Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes|Verfolgungen im Jahre 1349]] gehörten zu den heftigsten im gesamten Mittelalter und hatten ihren Ursprung vermutlich in Süd-Westeuropa. Den größten Nachhall fanden sie allerdings im Deutschen Reich.<ref>Graus 1987. S. 156; So sind für die Zeit vor diesem Pogrom 1010 jüdische Gemeinden im Deutschen Reich nachgewiesen. Viele hören nach dem Jahr 1349 auf zu bestehen. Toch 1992 S. 30ff.</ref> Die Pogromwelle erfasste viele Städte, noch bevor die Pest diese erreichte, zum Beispiel [[Judenpogrom in Straßburg 1349|die Pogrome in Straßburg]] und [[Basler Judenpogrom|Basel]]. Besonders häufig wurden Anklagen wegen angeblicher Brunnenvergiftung erhoben. Die Pogrome scheinen sich nach dem Schneeballsystem ausgebreitet zu haben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie spontan waren und vom niederen Volk ausgingen. Viel eher lassen spätere Aufzeichnungen eine gewisse Planung erkennen, die in ihrer Prägung eher die Verwicklung der führenden, oder wenigstens Teile der führenden Schichten erkennen lassen.<ref>Graus 1988. S. 167.</ref> So weisen etwa die schon erwähnten Ereignisse in [[Straßburg]], die der Kölner Rat genau verfolgte, auf eine deutliche Planung hin. Man schloss dort mit allen, denen an der Ermordung oder Vertreibung der Juden gelegen war, im Vorfeld ein Bündnis, um sich auch gegenüber ihren Schutzherren durchsetzen zu können. Besonders König [[Karl IV. (HRR)|Karl IV.]] und die habsburgischen Vogte hatten Juden in ihren Herrschaftsgebieten angesiedelt. Der Straßburger Rat berief sich auf den Landfrieden und forderte alle Bündner auf, die Juden in ihren Gebieten zu töten.<ref>Graus 1988. S. 185.</ref> So war dieser Pogrom letztlich gegen die Habsburger gerichtet und nutzte die [[Hysterie]] im Volk lediglich aus, um eigene machtpolitische Ziele erreichen zu können.<br />
<br />
Der Kölner Erzbischof [[Walram von Jülich|Walram]], der die Stadt gegen Ende Juni 1349 verlassen hatte, um sich nach Frankreich zu begeben, war kurz darauf in Paris verstorben. König Karl IV., hatte sich bis zum 19. Juli in Köln aufgehalten und war danach mit seinem Gefolge abgereist. Ihm war es gelungen, Köln durch Vergünstigungen im Thronstreit auf seine Seite zu ziehen.<ref>von den Brincken 1978. S. 243ff.; Schmandt 2002. S. 89.</ref> Möglicherweise verliefen die Verhandlungen aber nicht für alle Interessensgruppen erfolgreich. Die Auslöschung der jüdischen Gemeinde könnte auf die Schwächung Karls IV. und der Kurie abgezielt haben. Schon früher hatte eine Sedisvakanz des Erzbischofs zu Verfolgungen geführt. So etwa nach der [[Schlacht von Worringen]] am 8. Juni 1288, als der unterlegene Kölner Erzbischof gefangen genommen wurde. Vier Tage danach kam es zu Judenverfolgungen in der näheren Umgebung von Köln.<ref>Mentgen 1995. S. 178.</ref> Im August 1349 war nicht nur der Sitz des Kölner Erzbischofs unbesetzt, sondern auch Karl IV. war nicht in der Nähe um eingreifen zu können. So kam es zu Ausschreitungen, die am 24. August in der später sogenannten „Kölner Bartholomäusnacht“ gipfelten.<br />
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Am 23./24. August wurde auch das bis dahin für Juden einigermaßen sichere Köln zu einer Todesfalle. Nach gewalttätigen Übergriffen in der näheren Umgebung der Domstadt wurden auch in Köln selbst Juden ermordet.<ref name="Schmandt-S86" /><br />
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==== Die Bartholomäusnacht und ihre Folgen ====<br />
Über den eigentlichen Ablauf des Pogroms ist wenig bekannt. Im Verlauf der Bartholomäusnacht 1349 wurde das beim Rathaus liegende Judenviertel gestürmt, wobei es zu Morden, der Plünderung von jüdischem Besitz und zu Brandstiftung kam. Flüchtende wurden verfolgt und getötet. Der Rat ließ nicht eingreifen. Über die Feuer, die das Judenviertel damals verheerten, berichten mehrere Quellen, allerdings sind sie teils widersprüchlich. Einige berichten, dass sich die Juden selbst in ihren Häusern verbrannten, um nicht in die Hände der Plünderer zu fallen.<ref>Schmandt 2002. S. 90.</ref> Einer anderen Version zufolge hatten sich die Juden in ihrer Synagoge selbst verbrannt, was aber eher unwahrscheinlich ist. Archäologische Grabungen im Gebiet des mittelalterlichen Judenviertels deuten darauf hin, dass die Synagoge selbst die Bartholomäusnacht unbeschadet überstanden hatte, später dann aber gezielt ausgeplündert wurde.<ref>Schütte 1998. S. 206.</ref><br />
Auf der Flucht vergrub eine Familie hier ihr Hab und Gut. Der Münzschatz wurde bei Ausgrabungen 1953 entdeckt und ist im [[Kölnisches Stadtmuseum|Stadtmuseum]] ausgestellt.<ref>{{Literatur |Autor=Hendrik Mäkeler |Titel=Der Schatz des Joel ben Uri Halewi. Der Kölner „Rathausfund“ von 1953 als Zeugnis der Judenpogrome im Jahr 1349 |Hrsg=Werner Schäfke, Marcus Trier, Bettina Mosler |Sammelwerk=Mittelalter in Köln. Eine Auswahl aus den Beständen des Kölnischen Stadtmuseums |Ort=Köln |Datum=2010 |Seiten=111–117 und 356–407}}</ref><br />
Der Bericht des Chronisten [[Gilles Li Muisis]], in dem er von einer regelrechten Schlacht gegen mehr als 25.000 Juden berichtet und den Sieg der Kölner einer Kriegslist der Fleischer zuschreibt, gilt als unglaubwürdig.<ref>Graus 1988. S. 206.</ref> Gilles Li Muisis Bericht prägte den Begriff „Judenschlacht“ für die Ereignisse jener Nacht. Ebenfalls undurchsichtig ist die Beteiligung von [[Flagellanten]], die laut den Quellen 1349 in Köln gewesen sein sollen.<ref>MGH SS XVI, S. 738 … ''anno 1349 fuerunt frates cum flagellis mirabili modo. Et eodem anno obiit domnus Walramus episcopus Coloniensis in vigilia assumpcionis beate Marie, et statim post hoc in nocte Bartholomei iudei combusti per ignem in colonia…''</ref><br />
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Der Rat der Stadt Köln und der neue Erzbischof [[Wilhelm von Gennep]] verurteilten den Pogrom mit aller Schärfe. Die Namen der eigentlichen Drahtzieher und gewalttätigen Eindringlinge in das jüdische Viertel blieben unbekannt. Es kann nur festgestellt werden, dass man damals versuchte, die Schuldigen unbenannt zu lassen. In einem Schreiben des Kölner Stadtrates heißt es, dass es ein auswärtiger Mob gewesen sei, denen vereinzelte Habenichtse aus Köln gefolgt seien.<ref>Schmandt 2002. S. 92.</ref><br />
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[[Datei:Grabstein des Ra bbi Jacob B.JPG|mini|[[Grabstein des Mar Jacob|Grabstein des Rabbi Mar Jacob]] am Vorburgtor der Burg Lechenich]]<br />
Einige vertriebene Überlebende aus der Stadt suchten jenseits des Rheins Zuflucht. Etwa zehn Jahre nach der Pogromwelle des Jahres 1349 sind jüdische Ansiedlungen in Andernach und Siegburg dokumentiert. Auch der Kölner Judenfriedhof [[Judenbüchel]] war verwüstet worden. Am [[Rathaus Köln|Rathaus]] und Kaufhaus in Köln wurden Grabsteine als Baumaterial wiederverwendet, doch auch Erzbischof Wilhelm von Gennep als Schutzherr der Judengemeinde beanspruchte das Material und ließ in den Jahren danach beim Ausbau der Landesburgen [[Schloss Hülchrath|Hülchrath]] und [[Landesburg Lechenich|Lechenich]] Steine mit hebräischen Inschriften bearbeiten und vermauern.<ref>Am Rundbogenfries des Wehrgangsgeschosses des Torturms von [[Schloss Hülchrath#Wiederverwendete jüdische Grabsteine|Schloss Hülchrath]] sind mindestens 79 sichtbare Grabsteinfragmente vermauert und möglicherweise weitere 50 ohne Sichtbarkeit, alle aus den Jahrzehnten vor dem Pogrom. Auf Burg Lechenich sind lediglich zwei Steine sichtbar. ''Siehe'' Stefan Leenen: ''Jüdische Grabsteine als Baumaterial in den Burgen Hülchrath und Lechenich nach der Pest 1349/1350'', in: [[Burgen und Schlösser]] 4/2020, S. 194–213</ref><br />
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Nach Köln kamen Juden nachweislich erst 1369 zurück, obwohl schon der Erzbischof [[Boemund II. von Saarbrücken]] während seiner Ägide von 1354 bis 1361 den Zuzug von Juden zu forcieren suchte.<ref>Heinig, P.-J.: Regesta Imperii VIII, Köln-Wien 1991, Nr. 2541 – Man holte sich gar die ausdrückliche Erlaubnis des Kaisers Karl IV. zur erneuten Ansiedlung von Juden in Köln.</ref> Aber erst unter [[Engelbert III. von der Mark (Köln)|Engelbert III. von der Mark]] und besonders unter seinem Koadjutor [[Kuno II. von Falkenstein|Kuno von Falkenstein]] sollte sich das gespannte Verhältnis zwischen Erzbischof und Stadtgemeinde soweit verbessern, dass der Schutz der Juden wieder halbwegs gesichert schien. Im Jahr 1372<ref>Aus diesem Jahr stammt auch ein städtischer Schutzbrief, der den zugezogenen Juden Freiheit von allen Rechtsansprüchen bei dem Pogrom getöteter Juden zusichert. Schmandt 2002. S. 169.</ref> ist wieder eine kleinere jüdische Gemeinde in Köln nachgewiesen.<ref>Schmandt 2002. S. 96.</ref> Auf Bitten des [[Friedrich III. von Saarwerden|Erzbischofs Friedrich]] wurden sie in der Stadt aufgenommen und erhielten ein erstes befristetes Schutzprivileg für eine Dauer von 10 Jahren. An dieses knüpfte der Rat jedoch Bedingungen. So war für den Zuzug ein Aufnahmegeld zwischen 50 und 500 [[Gulden]] sowie eine jährlich neu festzulegende Summe als allgemeine Abgabe zu zahlen. Nach weiteren Verlängerungen des Bleiberechtes proklamierte der Rat 1404 eine verschärfte [[Judenordnung]]. Es wurde den Juden auferlegt, sich zum Beispiel durch den spitzen [[Judenhut]] kenntlich zu machen, auch jede Art von Luxus wurde ihnen untersagt. 1423 beschloss der Kölner Rat, ein bis Oktober 1424 befristetes Aufenthaltsrecht für die Juden nicht mehr zu verlängern.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 114, 121, 128</ref> Bemerkenswert ist allerdings, dass man scheinbar sofort wieder eine ganze Gemeinde einrichten konnte und nicht erst, wie dieses aus vielen anderen, auch großen, Städten sonst überliefert ist, nur einige wenige Juden.<ref>Schmandt 2002. S. 99.</ref><br />
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==== Emigration ====<br />
Infolge der [[mittelalter]]lichen Pogrome und der endgültigen [[Ausweisung]] 1424 entschlossen sich wohl auch viele der Kölner Juden zur Auswanderung in osteuropäische Länder wie [[Polen-Litauen]], wo sich in der Folge das [[Jiddisch]] als Umgangssprache aus dem Mittelhochdeutschen, Hebräischen und Slawischen entwickelte. Die Nachkommen dieser Emigranten kehrten Anfang des 19.&nbsp;Jahrhunderts zurück und wohnten dann hauptsächlich im Bereich der Thieboldsgasse südöstlich des [[Neumarkt (Köln)|Neumarktes]].<br />
<br />
Nur wenige der Juden blieben in der Nähe Kölns und wurden vorwiegend im Rechtsrheinischen (Deutz, Mülheim, Zündorf) sesshaft. Später entstanden so neue kleine Gemeinden, die mit den Jahren heranwuchsen.<br />
Die erste Gemeinde in Deutz entstand im Bereich der heutigen „Mindener Straße“. Dort fühlten Juden sich unter dem Schutz des Erzbischofs [[Dietrich II. von Moers|Dietrich von Moers]] (1414–1463) in Sicherheit.<br />
<br />
=== Kulturelles Leben im Mittelalter ===<br />
In Köln existiert eine der umfangreichsten jüdischen Bibliotheken des Mittelalters.<br />
Im Mittelalter gab es in Köln die folgenden jüdischen Gemeinden, Synagogen, [[Mikwe]]n, Schulen, Hospize und Begräbnisstätten:<br />
<br />
==== Judenbüchel ====<br />
{{Hauptartikel|Judenbüchel}}<br />
[[Datei:Am Todten Jud.jpg|mini|Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794–1872)]]<br />
Für das Jahr 1212 erwähnt eine Urkunde des [[Engelbert I. von Köln|Heiligen Engelbert]], zu der Zeit [[Propst]] des Stiftes [[St. Severin (Köln)|St. Severin]], „dass vor 38 Jahren Ritter Ortliv fünf [[Joch (Einheit)|Joch]] Landes auf dem Judenkirchhof, die er vom Stift St. Severin zu Lehen trug, diesem resigniert (zurückübertragen) habe; dass sie dann den Juden gegen jährlichen Zins von vier [[Pfennig|Denaren]] überlassen seien und Ortliv jetzt darauf keine Ansprüche machen könne.“<ref>Wilhelm Rosellen, S. 518 (Der Judenbüchel), Verweis auf Ficken: ''Engelbert der Heilige'' S. 281</ref> 1266 sicherte Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg|Engelbert II.]] im [[Kölner Judenprivileg]] den Juden gerechte Behandlung und die ungestörte Benutzung ihres Friedhofes an der [[Bonner Straße (Köln)|Bonner Straße]] zu. Es handelte sich um den vor den Mauern der Köln nach Süden abgrenzenden [[Severinstorburg]] gelegenen, sogenannten [[Judenbüchel]] oder ''Toten Juden''. Diese Bezeichnung blieb dem Gelände auch nach der Aufhebung des Friedhofes bis zum Bau des [[Großmarkt Köln|Großmarktes]] an dieser Stelle.<br />
<br />
==== Grabsteine aus dem Jahr 1323 ====<br />
[[Datei:Köln-Grabstein-der-Rachel-1323.JPG|mini|hochkant|Grabstein der Rachel, 1323]]<br />
Bei Grabungen im Kölner Rathausbezirk wurden 1953 zwei vollständig erhaltene Grabsteine an der Nordwestecke des Rathauses in einem großen Bombentrichter gefunden. Wahrscheinlich stammen sie von diesem jüdischen Friedhof vor dem Severinstor, die als Baumaterial missbraucht worden waren.<br />
<br />
Auch in den Jahren nach der Ausweisung aus Köln wurden verstorbene Gemeindemitglieder der Deutzer Gemeinde auf mühevolle Weise zum linksrheinisch gelegenen Friedhof gebracht.<br />
<br />
== Neuzeit ==<br />
Geschehnisse, Gemeinden, Synagogen, Bethäuser, Mikwen, Schulen, Hospize und Begräbnisstätten im heutigen Stadtgebiet.<br />
<br />
=== Nach der Ausweisung ===<br />
[[Datei:Joseph Clemens of Bavaria.jpg|mini|hochkant|Joseph Clemens von Bayern gewährt den Juden Privilegien.]]<br />
Die wenigen verbliebenen Juden bildeten im rechtsrheinischen [[Deutz (Köln)|Deutz]] den Anfang einer Gemeinde, deren [[Rabbiner]] sich später als „Landrabbiner von Köln“ bezeichneten. Die Anfänge der Deutzer Gemeinde waren recht bescheiden. So wird aus der Mitte des 15.&nbsp;Jahrhunderts „Rabbi Vives“ erwähnt, der neben anderen auch die Gemeinde Deutz betreute. Um 1634 waren es 17 Juden, 1659 waren 24 Häuser von Juden bewohnt, und 1764 bestand die Gemeinde aus 19 Personen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichte die Gemeinde einen Stand von 163 Mitgliedern.<ref>Johannes Ralf Beines, Seite 53</ref><br />
<br />
Die Gemeinde wurde zu einem kleinen jüdischen „Viertel“ im Bereich Mindener- und Hallenstraße. Dort stand auch eine erste, 1426 erwähnte [[Synagoge]], welche durch den immensen [[Eisgang]] des [[Rhein]]s im Jahr 1784 zerstört wurde. Die diesem Gotteshaus zugehörige Mikwe, das wie ein Brunnen tief angelegte Ritualbad, ist möglicherweise noch heute unter der Aufschüttung der Brückenrampe (Deutzer Brücke) vorhanden.<ref>[[Paul Clemen]], 1934 Seite 245</ref> Trotzdem kamen um 1570 einige aus Antwerpen vertriebene wohlhabende [[Sephardim|Sepharden]] nach Köln und betrieben von hier ihren Fernhandel, so ''Luis Álvares Caldera'' (gest. 1576).<ref>''Kosmopolitische Lebensentwürfe: Portugiesische Juden in Deutschland.'' Portugiesisch-Hanseatische Gesellschaft e.&nbsp;V. - Associao Luso-Hanseática, 1999, abgerufen am 12. Mai 2024.</ref><br />
<br />
Das erste im rechtsrheinischen Kölner Raum gelegene jüdische Gotteshaus ersetzte die Gemeinde durch einen kleinen Neubau am westlichen Ende der „Freiheit“, der heutigen Straße „Deutzer Freiheit“ (1786–1914).<br />
Zu dieser Zeit lebten auch die Juden der Deutzer Gemeinde wie alle anderen des [[Kurköln|Kurfürstentums Köln]] unter den rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die vom Staat seit dem Ende des 16. Jahrhunderts durch eine sogenannte „Judenordnung“ vorgegeben worden waren. Der letzte Erlass dieser [[Judengesetze]] war die von [[Joseph Clemens von Bayern|Kurfürst Joseph Clemens]] verkündete Ordnung aus dem Jahr 1700. Sie hatte Bestand bis zur neuen Gesetzgebung, als es auch im rechtsrheinischen Deutz zur Einführung des [[Code civil|französischen Zivilrechts]] kam.<ref>Barbara Becker-Jäkli, Seite 35</ref><br />
Bedingt durch den Bau der [[Deutzer Brücke|Hängebrücke]] im Jahr 1913/14, die nach dem Reichspräsidenten [[Paul von Hindenburg|Hindenburg]] benannt wurde, musste das Gebetshaus aufgegeben werden, es wurde niedergelegt.<ref>Arnold Stelzmann, Illustrierte Geschichte der Stadt Köln, S. 135 f</ref><br />
Im Dezember des Jahres 1913 wurde bei Arbeiten zur Beseitigung der „Schiffsbrückenstraßenbahnlinie“ in Deutz an der „Freiheitsstraße“ eine [[Mikwe]] unter der alten Synagoge der jüdischen Gemeinde freigelegt. Das Bad hatte eine Verbindung zum Rheingewässer.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 321</ref> Als Ersatz für die niedergelegte Synagoge wurde am Reischplatz ein neues Gebäude errichtet, das beim Novemberpogrom 1938 und im darauf folgenden Krieg stark beschädigt wurde.<ref>[http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/c-d/125-deutz-nordrhein-westfalen Deutz bei Jüdische Gemeinden]</ref> Der letzte Rabbiner, Julius Simons, wurde 1938 ins KZ deportiert, konnte aber nach Amsterdam ausreisen. Von dort wurde er 1943 während der Besatzung nach Auschwitz deportiert, wo er dann 1944 mit seiner Familie umgebracht wurde.<ref>[http://www.museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum/pages/1196.aspx?s=1196&stid=1157&buchstabe=S Stolpersteine in Köln]</ref> Nach ihm ist zwischen Deutz und Poll eine Straße benannt.<ref>[http://www.k-poll.de/05_strassen/randstrassen/dr-simons-str.html Dr.-Simons-Straße]</ref> Nur ein Sohn, [[Ernst Simons]], überlebte den [[Holocaust]].<br />
<br />
=== Friedhof Deutz ===<br />
[[Datei:Köln-Deutz-015-Stelen-und-Grablagen-Nord-Östlich.JPG|mini|hochkant|Stelen und Grablagen nordöstlich ausgerichtet]]<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof Deutz}}<br />
<br />
Im Gegensatz zu den Bauzeugnissen der Innenstadt lässt sich die Geschichte der jüdischen Gemeinden außerhalb des Stadtkerns vor allem durch die verbliebenen jüdischen Friedhöfe aufzeigen. Es sind im rechtsrheinischen Köln die [[Jüdischer Friedhof|israelitischen Friedhöfe]] in Mülheim, „Am Springborn“, in Zündorf zwischen „Hasenkaul“ und dem „Gartenweg“ und in Deutz der Friedhof am „Judenkirchhofsweg“.<ref>Johannes Ralf Beins, Seite 55</ref> Diesen erhielten die Deutzer Juden 1695 durch den [[Joseph Clemens von Bayern|Erzbischof]] als Grundstück zur Pacht. Auf ihm fanden ab 1698 erste Bestattungen statt. Auch einige jüdische Kölner, deren Namen noch heute geläufig sind, fanden hier auf der noch heute erhaltenen [[Jüdischer Friedhof Deutz|Begräbnisstätte am Judenkirchhofsweg]] in [[Deutz (Köln)]] ihre letzte Ruhe. 1918 wurde der Friedhof geschlossen blieb aber im Besitz der Gemeinde.<br />
<br />
=== Neuanfang ===<br />
[[Datei:Code Civil 1804.png|mini|hochkant|Erste Seite der Erstausgabe des Code civil von 1804]]<br />
Bis zur Besetzung durch das [[französische Revolution]]sheer 1794 durften sich in Köln keine Juden mehr niederlassen. Der von den Franzosen eingeführte [[Code civil]] beinhaltete die Gleichheit vor dem Gesetz, individuelle Freiheitsrechte sowie die [[Trennung von Religion und Staat|Trennung von Staat und Kirche]]. So war es 1798 „Josef Isaak“ aus Mülheim, der sich als erster Jude wieder in Köln niederlassen durfte. Ebenfalls im Jahr 1798 verlegte der erst 17-jährige [[Salomon Oppenheim junior]] seinen Geschäftsstandort von Bonn nach Köln. Er gehörte zu den Familien, die ab 1799 die erste Kölner Gemeinde der Neuzeit bildeten. Oppenheim betrieb auch Handel mit Baumwolle, Leinen, Öl, Wein und Tabak. Sein Hauptgeschäft war jedoch das Kreditwesen. Schon 1810 führte er das nach „Abraham Schaffhausen“ zweitgrößte Bankhaus Kölns. Innerhalb der neuen Kölner Judengemeinde nahm Oppenheim sowohl im sozialen wie auch im politischen Leben eine herausragende Stellung ein. Ihm unterstand die Aufsicht der Gemeindeschulen, er fungierte aber auch als Delegierter seiner Kölner Gemeinde, die ihn zu einem [[Tagung|Kongress]] jüdischer [[Notabeln]] nach [[Paris]] entsandte.<br />
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Als Gebetshaus wurde bald ein durch die [[Franzosenzeit|französischen]] Besatzer aufgehobenes [[Klarissen]]-Kloster in der [[Glockengasse]] eingerichtet. Auch wenn zu dieser Zeit eine Reihe jüdischer Geschäftsleute schon einen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg erlebten – Oppenheim jr. wurde einstimmig zum Mitglied der [[Handelskammer]] gewählt und hatte somit als erster Jude wieder ein öffentliches Amt inne – war ihr rechtlicher Status noch unsicher. Das ergangene [[Preußisches Judenedikt von 1812|preußische „Edikt“]] galt nicht überall. Es sollte noch bis zum [[Preußisches Judengesetz von 1847|Preußischen Judengesetz von 1847]] dauern und letztlich bis 1848, als mit der Verabschiedung der Verfassungsurkunde für den [[Preußen|Preußischen Staat]] der Sonderstatus der Juden endgültig aufgehoben und eine völlige Gleichstellung mit allen anderen Bürgern erreicht wurde.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 255</ref><br />
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Im Verlauf der [[Deutsche Revolution 1848/1849|Märzrevolution]] 1848/49 kam neben den süd- und ostdeutschen Regionen sowie in Städten wie [[Berlin]], [[Prag]] und [[Wien]] auch in Köln zu schweren antijüdischen Exzessen.<br />
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Die Familie [[Oppenheim (Kölner Familie)|Oppenheim]] stiftete nach dem Anwachsen der Gemeinde und dem Verfall des vorerst als Bethaus benutzten ehemaligen Klarissengebäudes den Bau einer neuen Synagoge in der Glockengasse 7. Die Anzahl der Gemeindemitglieder war nun auf etwa 1000 Personen angewachsen. Waren es in mittelalterlicher Zeit die „Viertel“, die sich nach Zugehörigkeiten der Bevölkerung in der engen Stadt gebildet hatten, änderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die räumliche Verteilung der jüdischen Bevölkerung. Statt ein um die Synagoge gewachsenes Viertel wie an der Kölner „Judengasse“ zu bilden, lebten Juden nun dezentral unter der übrigen Bevölkerung. Viele zogen nach der [[Stadtmauer Köln|Stadterweiterung]] in die entstehenden neuen Vorstadtviertel.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 217, 222</ref><br />
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Dem Neubau in der Glockengasse folgte aufgrund des Anwachsens der jüdischen Bevölkerung ein weiterer Bau. Es war die orthodoxe Synagoge in der St. Apern-Straße, sie wurde am 16. Januar 1884 eingeweiht. Die liberale Synagoge in der Roonstraße wurde am 22. März 1899 eingeweiht.<br />
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Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen in Europa gründeten Juden jedoch auch Initiativen zum Aufbau eines eigenen Staates, die in Deutschland wesentlich von Köln ausgingen: In der Richmodstraße am [[Neumarkt (Köln)|Neumarkt]] war zum Ende des 19. Jahrhunderts der Sitz der [[Zionistische Vereinigung für Deutschland|Zionistischen Vereinigung für Deutschland]], vom Anwalt [[Max I. Bodenheimer|Max Bodenheimer]] gemeinsam mit dem Kaufmann [[David Wolffsohn]] gegründet. Bodenheimer war bis 1910 ihr Präsident und setzte sich in Zusammenarbeit mit [[Theodor Herzl]] für den [[Zionismus]] ein. Die unter Bodenheimer entwickelten „Kölner Thesen“ zum Zionismus wurden, mit kleinen Anpassungen, als „Basler Programm“ auf dem ersten [[Zionistenkongress]] übernommen.<ref>Werner Jung: ''Das neuzeitliche Köln: 1794–1914; von der Franzosenzeit bis zum Ersten Weltkrieg''. Bachem, Köln 2004, ISBN 3-7616-1590-6, S. 245–246</ref> Ziel der Vereinigung war, die Gründung eines eigenen Staates [[Israel]] in [[Palästina (Region)|Palästina]] für alle Juden der Welt zu erreichen.<br />
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==== Synagoge Glockengasse ====<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Glockengasse}}<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Glockengasse-049.JPG|mini|Glockengasse im 19. Jahrhundert]]<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Glockengasse-Innenraumansicht-053b.JPG|mini|hochkant|Innenraumansicht im 19. Jahrhundert]]<br />
Nach dem stetigen Anwachsen der Gemeinde war das bestehende Gebetshaus in der Glockengasse überlastet. Eine Spende des Kölner Bankiers [[Abraham Oppenheim]] in Höhe von 600.000 [[Taler]]n ermöglichte der Gemeinde den Bau eines neuen Gotteshauses. Der für die Bauplanung gewonnene Architekt und Dombaumeister [[Ernst Friedrich Zwirner]] entwarf einen Bau in [[Orientalisierende Architektur|Maurischem Stil]], der nach vierjähriger Bauzeit im August des Jahres 1861 eingeweiht werden konnte. Die neue Synagoge hatte eine mit glänzenden Kupferplatten gedeckte Kuppel und eine helle Sandsteinfassade mit roten Querstreifen. Die [[Ornament]]ik des Inneren war der [[Alhambra]] [[Granada]]s nachempfunden. Das neue Haus, das auch von den Kölnern positiv bewertet wurde, bot im Gebetsraum Sitzplätze für 226 Männer und 140 Frauen.<br />
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Durch den Kölner Geistlichen [[Gustav Meinertz]] wurde 1938 die Tora-Rolle aus der brennenden Synagoge Glockengasse gerettet. In der Synagoge an der Roonstraße fand sie einen Ehrenplatz in einer [[Vitrine]].<br />
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==== Synagoge St. Apern-Straße ====<br />
[[Datei:Synagoge-Adass-Jeschurun-PC270050.jpg|mini|hochkant|Synagoge Adass-Jeschurun]]<br />
[[Datei:Köln-Adass-Jeschurun-031.jpg|mini|hochkant|Gedenktafel Helenen- und St.-Apern-Straße]]<br />
Die St.-[[Aper (Bischof)|Apern]]-Straße war schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein „gediegenes“, von wohlhabenden Bürgern geschätztes Wohn- und Geschäftsviertel. Hier dominierten exquisite [[Antiquität]]engeschäfte, in denen von meist jüdischen Inhabern erlesener Schmuck oder kostbares Mobiliar feilgeboten wurde. Diese Anwohner errichteten 1884 ein Gotteshaus – es entstand die Synagoge der orthodoxen Gemeinde [[Israelitische Religionsgesellschaft|„Adass Jeschurun“]]. Erster (unentgeltlich tätiger) Rabbiner war [[Hirsch Plato]], letzter amtierenden Rabbiner war [[Isidor Caro]], der im [[Ghetto Theresienstadt|KZ Theresienstadt]] den Tod fand.<br />
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In der der Synagoge angegliederten Schule ''[[Jawne (Schule)|Jawne]]'' wurde in der Zeit von 1919 bis 1941 unterrichtet. Sie war das erste und einzige jüdische Gymnasium im Rheinland.<br />
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==== Synagoge Roonstraße ====<br />
[[Datei:Köln-Synagoge-Roonstraße-Innenansicht-001.JPG|mini|Blick auf den [[Toraschrein]], das [[Ner Tamid]] und die [[Bima]] (Toralesepult)]]<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Köln}}<br />
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Seit dem Bau der Synagoge in der Glockengasse war die Jüdische Gemeinde Ende 1899 auf 9745 Mitglieder angewachsen. Schon im Jahr 1893 hatte die Gemeinde an der Roonstraße gegenüber dem damaligen [[Rathenauplatz (Köln)|Königsplatz]] ein Grundstück erworben. 1894 bewilligten die Stadtverordneten einen Baukostenzuschuss in Höhe von 40.000 Mark, sodass das Neubauprojekt in Angriff genommen werden konnte. Die Synagoge Roonstraße bot nach ihrer Fertigstellung 1899 rund 800 Männern sowie auf einer Galerie 600 Frauen Platz. Ein historisches Foto wurde für wert befunden, im Photo-Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen zu werden.<ref>{{Internetquelle |autor= |url=https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=18877&ind=0 |titel=Cöln am Rhein, Königsplatz mit der neuen Synagoge |werk=Yad Vashem Photo Collections |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
Das Bauwerk wurde während des letzten Krieges stark beschädigt, hatte aber als einziges der jüdischen Gotteshäuser die nötige noch vorhandene Substanz für einen Wiederaufbau. Am 20. September 1959 wurde die wiederhergestellte Synagoge eingeweiht.<ref>Carl Dietmar, Die Chronik Kölns, Seite 292</ref> Bereits 1899 fertiggestellt, prägte sie sowohl das Kölner Stadtbild als auch die innerjüdischen Entwicklungen. Gemäß den Reformen im 19. Jahrhundert stand die Bima, das erhöhte Pult zur wöchentlichen Lesung der Tora, nicht mehr in der Raummitte, sondern rückte an die Wand. Bis zur Schoah wurde in der Synagoge der jüdisch-liberale Ritus befolgt, inklusive Orgel und Chor.<br />
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==== Synagoge Reischplatz Deutz ====<br />
[[Datei:Köln-Tora-und-Innenansicht-Synagoge-Glockengasse-040.JPG|mini|hochkant|Die Tora (vermutlich 18. Jahrhundert) der Deutzer Synagoge, 1926 Ankauf der Stadt (Zeughaus)]]<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Deutz}}<br />
Als drittes und letztes Gotteshaus der Gemeinde entstand ein von der Stadt als Ersatz errichtetes Gebetshaus am Reischplatz 6. Das 1915 eingeweihte Gebäude wurde nach erlittenen Kriegsschäden in veränderter Form wieder aufgebaut und diente dann, da es die jüdische Gemeinde Deutz nicht mehr gab, anderen Zwecken. An die Deutzer Gemeinde mit ihrem letzten Gotteshaus erinnert dort heute eine Gedenktafel.<ref>Johannes Ralf Beins, Seite 62</ref><br />
<br />
==== Synagoge Mülheimer Freiheit ====<br />
Ein erstes Gotteshaus der [[Mülheim (Köln)|Mülheimer]] Gemeinde wurde bei dem Eisgang von 1784 wie auch das in Deutz zerstört. Eine neue Synagoge wurde wenige Jahre später an gleicher Stelle eingeweiht.<br />
Das dann etwa zeitgleich mit der Deutzer Synagoge an der Mülheimer Freiheit um 1788/1789 erbaute Gotteshaus entwarf der Mülheimer Baumeister Wilhelm Hellwig.<br />
Die Anordnung der Anlage begann an der Straßenfront mit einem Schulgebäude, an welches sich der mit einem vierseitig [[Walmdach|abgewalmten]] Dach versehene Synagogenbau anschloss.<br />
Das Bauwerk überlebte die Novemberpogrome von 1938, wurde aber durch Kriegseinwirkung zerstört und 1956 abgetragen.<br />
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==== Zündorfer Judengemeinde ====<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Zündorf}}<br />
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Vermutlich waren bereits vor 1700 Juden in Zündorf ansässig.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, S. 10</ref><br />
Bereits 1713 diente im Ortsteil [[Köln-Zündorf|Niederzündorf]] anfänglich ein Gebetssaal als Synagoge. Als dieser dem starken Anwachsen der Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr genügend Raum bot, wurde eine neue Synagoge geplant. Für das Jahr 1882 findet sich zu einem Neubau folgender Eintrag in der „Zündorfer Pfarrchronik“:<br />
<br />
„Die jüdische Synagoge ist nach vielen Anstrengungen fertig, die Feier verlief unter der Teilnahme vieler auswärtiger Juden programmgemäß ab. Die Juden erbauen sich eine Synagoge, d.&nbsp;h. ein Zimmer, ein Gelass, welches als Synagoge dienen soll. Die zu Gunsten derselben bewilligte Hauskollekte bei den Israeliten der Rheinprovinz hat angeblich einen kärglichen Betrag aufgewiesen“.<ref>{{Webarchiv|url=http://www.zuendorfer-wehrturm.de/wehrturm/Seiten/wehr_zj.html |wayback=20050924191452 |text=Die Zündorfer Judengemeinde }}, abgerufen am 17. Januar 2012.</ref><br />
<br />
Das Grundstück hatten die dortigen jüdischen Handelsleute Lazarus Meyer und Simon Salomon der Gemeinde teilweise verkauft, aber auch teilweise geschenkt.<br />
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Die Synagoge wurde 1938 von der Synagogengemeinde verkauft und in ein Wohnhaus, das heute noch steht, umgewandelt. Zwischen 1938 und 1942 löste sich die Zündorfer Gemeinde infolge Umzug und Deportationen auf.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, S. 34</ref><br />
<br />
1923 wurde im nordöstlichen Teil der Gemarkung Niederzündorf, zwischen Gartenweg und Hasenkaul, ein jüdischer Friedhof angelegt. Er weist heute noch acht Grablegen mit sechs Grabsteinen auf.<ref>Reinhard Rieger: ''Die Zündorfer Judengemeinde.'' (Unser Porz. Beiträge zur Geschichte von Amt und Stadt Porz. Heft 12) Hrsg. Heimatverein Porz e.&nbsp;V., Porz 1970, Tafel 8</ref><br />
<br />
==== Sonstige Einrichtungen und Bethäuser ====<br />
* [[Jüdisches Wohlfahrtszentrum|Israelitisches Asyl für Kranke und Altersschwache]] an der Silvanstraße (Severinsviertel), später Ottostraße, Ehrenfeld.<br />
* Gemeinde- und Bethäuser gab es vor allem in der Innenstadt, so südlich des Neumarkts in der Bayardsgasse, in der Thieboldsgasse und der Agrippastraße bis hin zur Quirinstraße hinter [[St. Pantaleon (Köln)|St. Pantaleon]]. Diese Bethäuser waren gleichermaßen auch Treffpunkte der dort lebenden aus osteuropäischen Ländern zugewanderten Juden.<br />
<br />
==== Jüdischer Friedhof auf Melaten ====<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof (Ehrenfeld)}}<br />
[[Datei:Köln-Jüdischer-Friedhof-auf-Melaten-036.JPG|mini|Jüdischer Friedhof am Melatengürtel (neben der Gerichtsmedizin)]]<br />
In welchem Jahr die Anlage eines jüdischen Friedhofes als Teilbereich des seit 1810 bestehenden Friedhofes [[Melaten-Friedhof|Melaten]] erfolgte, ist unklar. Bis zum Jahre 1829 durften hier jedoch nur Katholiken bestattet werden, während die Protestanten auf dem alten [[Geusenfriedhof]] im Weyertal begraben wurden. Die jüdische Gemeinde bestattete ihre Verstorbenen bis 1918 in Deutz und danach in Bocklemünd. Jedoch wurde im Jahre 1899 auch ein Abschnitt des Friedhofs Melaten für Juden freigegeben.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.koelnguide.net/03_tourismus-01_sehenswuerdigkeiten-10_melatenfriedhof.htm |text=Archivlink |wayback=20090829100421}} letzter Zugriff am 19. Dezember 2007</ref><br />
Um 1899 fand dort auch eine erste Bestattung statt. Das unmittelbar dem Melatenfriedhof angrenzende, von einer hohen Mauer umgebene Grundstück ist weder von der Melatener Seite noch von der Straße Melatengürtel aus einzusehen. 1928 wurde der Friedhof erstmals geschändet, 1938 die ihm zugehörige Trauerhalle zerstört.<ref>Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 106</ref><br />
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==== Friedhof Deckstein ====<br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof (Deckstein)}}<br />
In [[Köln-Lindenthal]], hinter dem Areal des alten kommunalen Decksteiner Friedhofs gelegen, befindet sich der um 1910 von der Gemeinde „Adass Jeschurun“ angelegte Friedhof. Die Adass Jeschurun lehnt jegliche Anpassung an christliche Gebräuche oder Rituale des Totenkultes entschieden ab. So gibt es keine Sarg- oder Urnenbestattungen. Auch Blumenschmuck oder mit Gedenkschleifen versehene Kränze sind bei den Beerdigungen nicht gebräuchlich. Die [[Mazewa|Grabsteine]] des Friedhofes sind sehr schlicht und überwiegend mit hebräischen Schriftzeichen versehen. Der Zugang ist jedoch nicht öffentlich. (Erlaubnis durch die Synagogengemeinde Köln)<ref>Ergänzt nach: Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 105</ref><br />
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=== Geschäftswelt ===<br />
Die jüdische Geschäftswelt sah optimistisch in die Zukunft. 1891 eröffnete der Kaufmann [[Leonhard Tietz]] ein Warenhaus auch in Köln. Die ältesten Kölner [[Bankier]]s waren Juden, deren monopolartige Stellung um 1266 verbrieft wurde und das [[Kölner Bankwesen]] dominierten. Denn im Jahre 1266 setzte Erzbischof [[Engelbert II. von Falkenburg]] durch, dass „Kawertschen“<ref>abwertender mittelalterlicher Ausdruck für Geldverleiher und Geldwechsler, die ursprünglich in der provenzalischen Stadt [[Cahors]] lebten</ref> und andere [[Christen]], die verzinsliche Kredite verliehen und damit die Juden störten, sich nicht in der Stadt aufhalten durften.<ref>Alfred Heit, ''Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit'', 1981, S. 132</ref> Bis in die Gründerzeit gab es im Kölner Bankwesen eine Vielzahl jüdisch geführter Bankhäuser, so etwa die [[Oppenheim (Kölner Familie)|Oppenheim-Dynastie]] (seit 1798) oder das [[Bankhaus Seligmann]] (seit 1844). Das Kaufhaus der Textilgroßhandelsfirma „Gebrüder Bing und Söhne“ eröffnete am [[Neumarkt (Köln)|Neumarkt]] ein Warenhaus. Exquisite Geschäfte jüdischer Kaufleute befanden sich in Domlage auf der [[Hohe Straße (Köln)|Hohe Straße]] und der [[Schildergasse]].<br />
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=== Integration ===<br />
[[Datei:Moses-Hess.jpg|mini|hochkant|Moses Hess, Zeughaus Köln]]<br />
Köln entwickelte sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt, an dieser Entwicklung hatte auch die jüdische Bevölkerung starken Anteil.<br />
Nachdem jüdische Mitbürger in der Finanz- und der Geschäftswelt Fuß gefasst hatten und allgemein respektiert und anerkannt wurden, versuchten sie auch an der politischen Meinungsbildung mitzuwirken. Beispiele hierfür sind [[Moses Hess]] und [[Karl Marx]], die in der 1842 neu gegründeten Kölner [[Rheinische Zeitung|Rheinischen Zeitung]] schrieben. In dieser Zeitung „für Politik, Handel und Gewerbe“ gehörten sie zu den bedeutendsten Mitarbeitern. 1862 versuchte Hess in seiner Schrift ''[[Rom und Jerusalem]]'' Möglichkeiten für eine Wiederansiedlung der Juden in Palästina aufzuzeigen. Sein Werk fand jedoch wenig Anklang; die [[Juden in Deutschland]], insbesondere in Großstädten wie Köln betrachteten Deutschland als ihre Heimat und als ihr [[Vaterland]].<ref>Ergänzt nach: Kirsten Serup-Bilfeldt, Seite 92 ff</ref><br />
<br />
=== Erster Weltkrieg und Weimarer Zeit ===<br />
Gleich zu Beginn des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieges]] riefen jüdische Vereinigungen auch in Köln ihre Mitglieder dazu auf, sich nach allen Kräften für ihr Vaterland einzusetzen. Dennoch waren die vorhandenen, verstärkt im Offizierskorps festgestellten, [[Ressentiment]]s gegen jüdische Kriegsteilnehmer so erheblich, dass das Kriegsministerium zur Beschwichtigung eine sogenannte [[Judenzählung]] durchführen ließ.<ref>Michael Berger, Eisernes Kreuz und Davidstern</ref> Zum Ende des Krieges 1918 übernahm [[Adolf Kober]] in Köln, in einer der damals größten jüdischen Gemeinden Deutschlands, die Stelle eines Gemeinderabbiners. Kober war Mitinitiator der Darstellung der jüdischen Geschichte innerhalb der „Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande“, die 1925 auf dem Kölner Messegelände stattfand. Ebenfalls im Jahre 1918 wurde der [[Jüdischer Friedhof Bocklemünd|Jüdische Friedhof in Bocklemünd]] eröffnet.<br />
<br />
== Kölner Juden zur Zeit des Nationalsozialismus ==<br />
Mit der Übernahme der politischen Macht durch die [[Nationalsozialismus|Nationalsozialisten]] begannen erneut [[Unterdrückung|Repressionen]] gegen die jüdischen Bürger Kölns. Im Frühjahr 1933 hatte Köln laut einer stattgefundenen Volkszählung 15.000 Einwohner, die sich zum Judentum bekannten. Bis dahin existierten 6 Synagogen sowie weitere Gemeinde- und Bethäuser in Köln. Sie alle wurden am 9. November 1938, in der [[Novemberpogrome 1938|Pogromnacht]] geschändet und waren nach dem Krieg, bis auf das wiederaufbaufähige Gotteshaus in der Roonstraße, völlig zerstört.<br />
<br />
=== Antisemitismus in Köln ===<br />
Auch in Köln gab es nationalsozialistische und [[Antisemitismus (bis 1945)|antisemitische]] Einstellungen in Bevölkerung und Gesellschaft. Zwar wurde den Kölnern nach Kriegsende von Politikern wie [[Konrad Adenauer]] oder Autoren wie [[Heinrich Böll]] Widerstandsgeist<ref>„keine große Stadt ist vom Krieg so schwer getroffen wie Köln. Und dabei hatte sie von allen deutschen Großstädten es am wenigsten verdient; denn nirgendwo ist dem Nationalsozialismus bis 1933 so offener und seit 1933 so viel geistiger Widerstand geleistet worden.“; Konrad Adenauer, März 1946, zitiert nach Werner Jung: ''Das moderne Köln''. Bachem, Köln; 6. Auflage 2005, ISBN 3-7616-1861-1, S. 180.</ref> und eine Souveränität „dass kein Tyrann, kein Diktator sich in Köln wohlfühlen kann“<ref>„(…) und es ist gewiss kein Zufall, daß Hitler sich keiner Stadt so wenig wohl gefühlt hat, wie in Köln; die Souveränität der Bevölkerung liegt so sehr in der Luft, daß kein Tyrann, kein Diktator sich in Köln wohlfühlen kann“; Heinrich Böll, Werke; Hrsg. von Bernd Balzer; Kiepenheuer u. Witsch, Köln; 2. Essayistische Schriften und Reden 1: 1952–1963, ISBN 3-462-01259-2; S. 105–106.</ref> attestiert. Letztlich leisteten nur wenige Kölner offenen Widerstand gegen das Naziregime oder versteckten Juden (ein bekanntes Beispiel hierfür ist die [[Ehrenfelder Gruppe]]). Die Hetze gegen das Judentum und gegen jüdische Kölner fand dagegen auf breiter Ebene, so etwa auch in antisemitischen Stücken des [[Hänneschen-Theater]]s<ref>[http://www.zeit.de/1995/09/Auch_Tuennes_war_Nazi Herbert Hoven: „Auch Tünnes war Nazi“ in: ''Die Zeit'', 09/1995.]</ref> oder auch im [[Kölner Karneval]], in dem nur [[Karl Küpper|einzelne Karnevalisten]] ein klares Profil gegen den Nationalsozialismus zeigten, statt.<ref>Jürgen Meyer: [http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2005/02/07/a0012 ''De Nazis nit op d’r Schlips getrodde''] in: [[Die Tageszeitung|TAZ]] vom 7. Februar 2005</ref> Karnevalswagen im [[Kölner Rosenmontagszug|Rosenmontagszug]] zeigten antisemitische Motive und ein Karnevalslied spottete ''„Metz dä Jüdde es jetz Schluß, Se wandere langsam uss. (…) Mir laachen uns für Freud noch halv kapott. Der Itzig und die Sahra trecke fott“''.<ref>Übersetzung: ''„Mit den Juden ist jetzt Schluss, sie wandern langsam aus. (…) Wir lachen uns vor Freude halb kaputt. Der Itzig und die Sahra ziehen fort“'', Karnevalsschlager „Hurra, die Jüdde trecke fott“ von Jean Müller, zitiert nach Werner Jung: ''Das moderne Köln'', S. 133</ref><br />
<br />
=== „Arisierung“ ===<br />
[[Datei:Westdeutscher-Beobachter-053.JPG|mini|hochkant|Boykottberichte in der Zeitung 1933]]<br />
Die sogenannte „[[Arisierung]]“ verlief in zwei Phasen. Zunächst erfolgten ab Januar 1933 bis November 1938 „freiwillige Arisierungen“. Nach offizieller Lesart stellten sie einen „freiwilligen“ Eigentumswechsel zwischen einem jüdischen und einem nicht jüdischen Vertragspartner dar. Dies geschah, nachdem Ladenlokale oder auch Werbeinserate mit [[Opportunismus|opportunen]] Slogans versehen worden waren. Man sah handschriftliche oder gedruckte Aufschriften wie „deutsches Geschäft“, „deutsche Erzeugnisse“ oder auch „christliches Geschäft“. Es folgten auf Hauswände und Schaufenster der Juden gemalte Davidsterne oder Hetzparolen. Veröffentlichungen der örtlichen NSDAP, in denen in Listen aufgeführte Firmen zusätzlich mit dem Namen des jüdischen Inhabers versehen wurden, kamen hinzu.<br />
<br />
Am 1. April 1933, dem Tag des „[[Judenboykott]]s“, postierten sich auch in Köln uniformierte SA-Angehörige vor jüdischen Geschäften und hinderten die Kunden am Zutritt. Zu einiger Bekanntheit gelangte der jüdische Kaufmann [[Richard Stern (Unternehmer)|Richard Stern]]: Der ehemalige Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg verteilte ein Flugblatt gegen den Boykott und stellte sich demonstrativ mit seinem [[Eisernes Kreuz|Eisernen Kreuz]] neben den SA-Posten vor seinem Geschäft.<br />
<br />
Die boykottierten Geschäfte wurden von der Bevölkerung weiterhin beim Einkauf gemieden. Je länger jüdische Geschäftsleute dem so ausgeübten Druck standhielten, umso geringer fiel die Entschädigung aus, die man ihnen für ihr Eigentum anbieten musste. In der Presse häuften sich in der Folge Anzeigen über Konkurse und Übernahmen jüdischer Firmen. <br />
<br />
Unmittelbar nach der [[Reichspogromnacht]] im November 1938 wurde jüdischer Besitz an Firmen oder Immobilien „zwangsarisiert“. Die [[Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben]] hatte den Verkauf von Eigentum weit unter Wert zur Folge. Es traf zum Beispiel die Firma „Deka-Schuh, Leopold Dreyfuß“ in Ehrenfeld, den Krawattengroßhändler „Herbert Fröhlich“ in der Streitzeuggasse, die Metzgerei und Imbisskette „Katz-Rosenthal“<ref>{{Literatur|Autor=Michael Vieten|Titel=Katz-Rosenthal, Ehrenstraße 86, Köln „Ich halte Euch fest und Ihr lasst mich nicht los!“|Verlag=Hentrich & Hentrich|Ort=Berlin|Datum=2017|ISBN=978-3-95565-146-6}}</ref>, das Modehaus „Michel“ (später Jacobi) und das Bekleidungshaus „Bamberger“ (später Hansen). Besonders hart betroffen waren die zahlreichen jüdischen Geschäfte auf der Hohe Straße und der Schildergasse, dort wurde fast jedes dritte Geschäft [[Arisierung|„arisiert“]]. Mit den Geschäften und ihren den Kölnern vertrauten Namen verschwanden die dazugehörenden Menschen.<ref>Kirsten Serup-Bilfeldt, S. 138 ff.</ref> Schließlich folgte die Verfolgung und [[Deportation von Juden aus Deutschland|Deportation]] der Kölner Juden.<br />
<br />
Der Boykott war auch gegen Rechtsanwälte und Ärzte gerichtet. Er begann in Köln bereits am 31. März mit tätlichen Angriffen von SA und SS auf jüdische Rechtsanwälte im Justizgebäude am Reichensperger Platz. Richter und Anwälte wurden verhaftet, teilweise misshandelt, dann auf Müllwagen verladen und durch die Stadt gefahren.<ref>Giorgio Sacerdoti: ''Falls wir uns nicht wiedersehen…'', Prospero Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-941688-00-1, S. 56 [http://www.book2look.de/vBook.aspx?id=3yrFZAthdY&euid=&ruid=&referURL=http://www.book2look.de online]</ref><br />
<br />
=== Ehrenfeld ===<br />
{{Hauptartikel|Synagoge Ehrenfeld}}<br />
[[Datei:Köln-Ehrenfeld-Synagoge-Körnerstraße-PC090016.JPG|mini|hochkant|Gedenktafel – Synagoge Körnerstraße]]<br />
Obwohl schon seit 1925 Köln „Hauptstadt“ des [[Struktur der NSDAP#Die 43 Gaue (1941) inkl. Gauleiter|NSDAP-Gaus]] Köln-Aachen war, rechneten viele nicht mit der dann einsetzenden Radikalität dieser Partei. So wurde noch 1927 die Synagoge Körnerstraße als letztes Bauwerk jüdischer Gemeinden Kölns nach einem Entwurf des Architekten Robert Stern erbaut. Sie war geweiht „der Ehre Gottes, der Wahrheit des Glaubens und dem Frieden der Menschheit“.<ref>Zitiert nach Johannes Maubach: ''Quer durch Ehrenfeld; [[Ehrenfelder Geschichtspfad]] Teil 1.'' Flock-Druck, Köln 2001, Seite 96</ref><br />
<br />
Das Gotteshaus in der Körnerstraße hatte einen kleinen Vorhof, den mit Arkaden versehene Gebäude umstanden. Der Gebetsraum bot, unter Beachtung räumlicher Trennung nach Geschlecht, für die Männer 200 und für die Frauen rund 100 Sitzplätze. Letztere befanden sich, wie vielerorts üblich, auf einer Frauengalerie. Der jüdische Bevölkerungsanteil in Ehrenfeld umfasste etwa 2000 Personen. Die Synagoge besaß auch eine Mikwe, die bei Ausschachtungsarbeiten in der Körnerstraße entdeckt wurde.<ref>Maubach, S. 96</ref><br />
Die heute in der Körnerstraße angebrachte Tafel erinnert an die zerstörte Synagoge mit der ihr angeschlossenen [[Klaus (Schule)|Religionsschule]]:<br />
<br />
: „An dieser Stelle stand die Ehrenfelder Synagoge, verbunden mit einer Religionsschule für Mädchen und Jungen, erbaut 1927 nach dem Entwurf des Architekten Robert Stern, zerstört am Tag nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938“<br />
<br />
Zur rechten des ehemaligen Synagogengrundstücks befindet sich ein 1942 erbauter [[Luftschutzbunker]], der seit 1995 unter Denkmalschutz steht.<br />
<br />
=== Deportationslager Köln-Müngersdorf ===<br />
{{Hauptartikel|Deportationslager Köln-Müngersdorf}}<br />
[[Datei:Gedenkort Deportationslager Müngersdorf Denkmal Simon Ungers.jpg|mini|Skulptur „Wall“ von [[Simon Ungers]], 2020 am ''Gedenkort Deportationslager Köln-Müngersdorf'' errichtet (Standort ehemaliges ''Fort V am äußeren Grüngürtel''), Foto von 2023]]<br />
Nach den organisierten und gelenkten im ganzen Land stattfindenden Zerstörungen von Leben, Eigentum und Einrichtungen verschärfte sich die antisemitische Politik auch in Köln noch weiter. Jüdische Kinder durften nun keine deutschen Schulen mehr besuchen. Bis zum 1.&nbsp;Januar 1939 wurden alle Juden aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und zur Zwangsarbeit genötigt. Sie wurden enteignet, Mietern wurde 1939 der Mieterschutz entzogen. Im Mai 1941 verfügte die Kölner [[Gestapo]], die jüdischen Kölner in sogenannten Judenhäusern zusammenzulegen. Ab Ende 1941 wurden viele von ihnen im [[Deportationslager Köln-Müngersdorf]] am Fort V des äußeren Festungsrings in [[Köln-Müngersdorf|Müngersdorf]] [[Ghetto in der Zeit des Nationalsozialismus|ghettoisiert]]. Nach Schätzungen wurden bis Ende 1943 3.500 Inhaftierte aus dem Lager in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa [[Deportation#Deportationen während des Nationalsozialismus|deportiert]].<br />
<br />
Im September 1941 verpflichtete die ''Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden'' alle jüdischen Personen im Deutschen Reich, vom vollendeten sechsten Lebensjahr an einen gelben [[Judenstern]] sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen.<br />
<br />
=== Deportationen ab Deutz ===<br />
[[Datei:Rheinhallen Köln - Gedenktafel KZ-Außenlager.jpg|mini|links|Gedenktafel KZ-Außenlager Deutz]]<br />
Im Oktober 1941 ging der erste Transport von Köln ab, der letzte bekannte wurde am 1. Oktober 1944 nach Theresienstadt geschickt. Unmittelbar vor den Transporten dienten die Messehallen in Köln-Deutz als Sammellager. Von der Tiefebene des [[Bahnhof Köln Messe/Deutz|Deutzer Bahnhofes]] fuhren die Transporte ab. Für die meisten Deportierten waren Lodz, Theresienstadt und andere Ghettos und Lager im Osten nur eine Durchgangsstation: Von hier aus erfolgte die Deportation in die Vernichtungslager, in den fast sicheren Tod.<br />
<br />
Außer in Müngersdorf und Deutz befanden sich auch Gefangenen- und Konzentrationslager auf einem Fabrikgelände in Porz Hochkreuz sowie im nahegelegenen Ort [[Brauweiler (Pulheim)|Brauweiler]].<br />
<br />
Als die amerikanischen Truppen am 6. März 1945 Köln besetzten, konnten sie nur noch 30 bis 40 jüdische Menschen in Köln befreien.<br />
{{Hauptartikel|Deportationen in der NS-Zeit aus Köln}}<br />
<br />
== Nachkriegssituation ==<br />
<br />
Von den ehemals 19.500 jüdischen Bürgern Kölns wurden etwa 11.000 Opfer der NS-Zeit, sie wurden ermordet.<ref>Kirsten Serup-Bilfeld, ''Zwischen Dom und Davidstern. Jüdisches Leben in Köln von den Anfängen bis heute.'' Köln 2001, Seite 193</ref><br />
Überlebende der Kölner Gemeinde fanden sich in den Trümmern des Ehrenfelder Asyls, dessen Hauptgebäude weitgehend erhalten geblieben war, zu einem Neuanfang zusammen.<br />
<br />
In der Ottostraße befand sich dann ab 1949 vorübergehend auch die Synagoge, bis die Gemeinde 1959 in das instandgesetzte neoromanische Gotteshaus an der Roonstraße umziehen konnte.<br />
<br />
In der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag 1959 wurden die Synagoge und das Kölner Mahnmal für die Opfer des Naziregimes von zwei später gefassten Mitgliedern der rechtsextremen [[Deutsche Reichspartei (1950)|Deutschen Reichspartei]] geschändet. Die Synagoge wurde mit schwarzer, weißer und roter Farbe beschmiert, wobei [[Hakenkreuz]]e und die Losung „Juden raus“ angebracht wurden.<ref>Bundesarchiv, Bild 183-69809-0002</ref><br />
<br />
=== Jüdischer Friedhof Bocklemünd ===<br />
[[Datei:2017-10-03-Jüdischer Friedhof Bocklemünd-4543.jpg|mini| Ehrenmal des [[Reichsbund jüdischer Frontsoldaten|Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten]] auf dem jüdischen Friedhof Bocklemünd]] <br />
{{Hauptartikel|Jüdischer Friedhof Bocklemünd}}<br />
<br />
Der Jüdische Friedhof im Kölner Stadtteil [[Köln-Bocklemünd/Mengenich|Bocklemünd]] besteht als Begräbnisstätte seit dem Jahr 1918 und wird bis heute als Friedhof genutzt.<br />
<br />
Das [[Lapidarium]] des Friedhofs beherbergt 58 Fragmentsteine aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, die dem im Jahre 1695 nach der Eröffnung eines neuen Friedhofes in Deutz geschlossenen und 1936 aufgegebenen jüdischen Friedhof Judenbüchel im Stadtteil Köln-Raderberg entstammen. Die dort Bestatteten wurden nach Bocklemünd umgebettet.<br />
<br />
=== Jüdisches Zentrum Nußbaumerstraße ===<br />
[[Datei:Köln-Jüd-Gemeinde-Ehrenfeld-Gebetshaus.jpg|mini|Gemeinde-Ehrenfeld Gebetshaus]]<br />
[[Datei:Köln-Jüd-Gemeinde-Ehrenfeld-alter-Komplex-013.JPG|mini|Gemeinde-Ehrenfeld alter Komplex]]<br />
{{Hauptartikel|Jüdisches Wohlfahrtszentrum}}<br />
<br />
Das heutige Jüdische Zentrum Ehrenfelds an der Nußbaumerstraße / Ottostraße ist Nachfolger des „Jüdischen Krankenhauses Ehrenfeld“. Das Krankenhaus überstand die NS-Zeit und entging der Zerstörung durch die Bomberangriffe. In ihm sammelte sich die verbliebene Gemeinde Kölner Juden. Die auf gleichem Gelände entstandenen, heute unter dem Namen „Jüdisches Wohlfahrtszentrum“ firmierenden Einrichtungen haben ihren Ursprung, wie das teilweise erhaltene Gebäude des alten Krankenhauses (1908), in einer im 19. Jahrhundert geschaffenen karitativen jüdischen Einrichtung in der „Silvanstraße“.<ref>Barbara Becker-Jákli: ''Das jüdische Krankenhaus in Köln'', S. 152</ref><br />
<br />
=== Liberale jüdische Gemeinde ===<br />
Die ''Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V.'' in [[Köln-Riehl]] wurde 1996 gegründet und ist Mitglied in der [[Union progressiver Juden in Deutschland]].<ref>{{Internetquelle |url=https://www.jlgk.de/www.jlgk.de/ |titel=Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V. |sprache=de |abruf=2022-06-26 |offline=ja }}</ref> Ihr Name, „Gescher LaMassoret“, bedeutet „Brücke zur Tradition“. In dieser Gemeinde beten Frauen und Männer gemeinsam, und die Gleichberechtigung der Geschlechter im Gottesdienst und im Leben steht im Fokus, wie es bei allen liberalen jüdischen Gemeinden in Deutschland der Fall ist. Die sexuelle Ausrichtung der Mitglieder spielt keine Rolle, und die Gemeinde pflegt den Dialog mit anderen Religionen, insbesondere mit Christen und Muslimen. Sie hat etwa 200 Mitglieder und bietet neben regelmäßigen Gottesdiensten Unterricht für Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene an. Seit April 2024 betreut die Gemeinde Rabbiner Dr. Daniel Katz, der der [[Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland|Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland]] (ARK) angehört.<ref>{{Internetquelle |url=http://a-r-k.de/rabbiner/#NataliaVerzhbovska |titel=Die Rabbiner und Rabbinerinnen der ARK |werk=a-r-k.de |abruf=2018-07-22}}</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.jlgk.de/seite/475822/www.jlgk.de/seite/475822/rabbinerin.html |titel=Jüdische Liberale Gemeinde Köln – Gescher LaMassoret e.&nbsp;V. - Rabbinerin |sprache=de |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
<br />
=== Gedenkstätten ===<br />
* In der Kirche [[St. Maria vom Frieden (Köln)|St. Maria vom Frieden]] des Kölner [[Karmelitinnen|Karmel]] wird durch das von dem der Kirche angeschlossenen Kloster eingerichtete kleine Archiv die Erinnerung an die am 9. August 1942 im [[KZ Auschwitz-Birkenau|Konzentrationslager Auschwitz]] ermordete Mitschwester, die zum [[Römisch-katholische Kirche|katholischen]] Glauben [[Konversion (Religion)|konvertierte]] Jüdin [[Edith Stein]], wachgehalten.<br />
<gallery><br />
Datei:Köln-Löwenbrunnen-Klibanskplatz-037.JPG|Löwenbrunnen auf dem Klibanskiplatz<br />
Datei:Köln Gedenktafel-der-Synagoge-Glockengasse-027.JPG|Gedenktafel für die Synagoge Glockengasse<br />
Datei:Köln Gedenktafel-des-alten-Polizeigebäudes-Schildergasse-030.JPG|Polizeigebäude Schildergasse, Sitz der Gestapo 1933/35<br />
Datei:Köln-Deutz-Reischplatz-.JPG| Gedenktafel am Reischplatz 6<br />
Datei:Kleinstolpersteine.jpg|Stolpersteine vor Blumenthalstraße 23 in Erinnerung an Siegmund, Helene und Walter Klein<br />
</gallery><br />
* Auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd erinnern zwei Denkmäler an die jüdischen Opfer. Ein Denkmal bewahrt den Mitgliedern der Kölner Synagogengemeinde ein ehrendes Andenken, die mit dem bis 1942 amtierenden [[Isidor Caro]] in Theresienstadt den Tod fanden. Nach dem Rabbiner Caro wurde auch eine Straße in [[Köln-Stammheim]] benannt. Eine zweite an diesem Denkmal angebrachte Tafel ehrt das Andenken aller Opfer aus der [[Synagogengemeinde Köln]]<br />
* Das Denkmal „Die Gefangenen“, 1943 von [[Ossip Zadkine]] geschaffen, steht auf der Ehrengräberanlage des Westfriedhofes, Köln-Bocklemünd<br />
* Gedenktafeln in Ehrenfeld, Körnerstraße<br />
* An die Synagoge in der Glockengasse erinnert eine am Opernhaus angebrachte Bronzetafel<br />
* Der Synagoge St. Apern-Straße gewidmet ist eine Gedenktafel in der St. Apern-Straße / Ecke Helenenstraße (Hotelseite). Vor dem Hotelbau auf dem kleinen „[[Erich Klibansky]] – Platz“, steht der Löwenbrunnen (1997)<br />
* Gedenktafel für die Opfer der Gestapo in der Krebsgasse<br />
* Gedenktafel am Reischplatz 6 in Deutz für die letzte der drei Deutzer Synagogen (Haus der Polizeistation)<br />
* Gedenktafel am Messeturm, Kennedy-Ufer<br />
* Gedenktafel im Stadtpark, Walter-Binder-Weg<br />
* [[Stolpersteine]] des Künstlers [[Gunter Demnig]] vor Häusern, in denen NS-Opfer gewohnt hatten, erinnern heute noch an diese Juden<ref>{{Internetquelle |url=http://www.msacerdoti.it/stolpersteine.html |titel=siehe z.&nbsp;B. die Stolpersteine für Siegmund, Helene und Walter Klein in Blumenthalstrasse 23, Köln |werk=msacerdoti.it |abruf=2022-06-26}}</ref><br />
<br />
Die heutige [[Judengasse (Köln)|Judengasse]] in der Nähe des Rathauses erinnert an das ehemalige Judenviertel. Sie hatte 1813 für kurze Zeit den französischen Namen „Rue des Juifs“,<ref>Adam Wrede, Band I, Seite 393</ref> erhielt aber später ihre alte Bezeichnung zurück. Sie ist heute eine unbewohnte Straße ohne Wohngebäude.<br />
<br />
== Jüdisches Museum Köln ==<br />
Die Stadt Köln schuf im Rahmen der [[Regionale 2010]] eine „[[Archäologische Zone Köln|Archäologische Zone]]“, die zu einem archäologisch-historischen Museumskomplex ausgebaut wurde. Ein Teilbereich besteht aus Resten des jüdischen Viertels und der [[Kölner Mikwe]] (jüdisches Kultbad) unter dem –&nbsp;in der Nachkriegszeit unbebaut gebliebenen Kölner Rathausplatz.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.museenkoeln.de/archaeologische-zone/default.asp?s=2981 |titel=Mikwe - Jüdisches Ritualbad |werk=museenkoeln.de |abruf=2011-12-10}}</ref> Die Mikwe war bereits bei Grabungen Anfang der 1950er Jahre entdeckt, bis zur Vorbereitung der neuen archäologischen Zone jedoch nicht weiter ausgegraben worden.<ref>David Ohrndorf: ''{{Webarchiv |url=http://www.wdr.de/themen/kultur/religion/judentum/glaube/ausgrabung/index.jhtml |text=Kölner Synagoge wird ausgegraben. |wayback=20101004151026}}'' Website des [[Westdeutscher Rundfunk|Westdeutschen Rundfunks]], aufgerufen am 26. Juni 2022</ref> Über den Fundamenten der ersten Synagogen und der Mikwe entstand zwischen historischem [[Rathaus Köln|Rathaus]] und [[Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud|Wallraf-Richartz-Museum]] der oberirdische Bau des Jüdischen Museums.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.koelnarchitektur.de/pages/de/home/news_archiv/2099.htm |titel=Archäologische Zone und Jüdisches Museum |datum=2008-06-17 |abruf=2022-06-26}}</ref> Er wurde vom Rat der Stadt beschlossen, war aber in Politik und Bevölkerung mit dem Argument umstritten, dass damit freier Platz vor dem historischen Rathaus verloren ginge. Das Jüdische Museum sollte ursprünglich 2010 eröffnen.<ref>{{Literatur |Autor=Marion Leske |Titel=Oberirdisch, unterirdisch Großbaustelle am Rhein : Köln erlebt ein kulturpolitisches Hindernisrennen um alte Funde und neue Museumspläne |Sammelwerk=Die Welt |Nummer=286/2007 |Datum=2007-12-07 |Kapitel=Feuilleton |Seiten=32 |Zitat=2010 soll alles fertig sein: Das jüdische Museum - gebaut von einem Stararchitekten - steht als Publikumsmagnet auf dem Rathausvorplatz.}}</ref> Im Frühjahr 2013 sammelten zwei Initiativen Unterschriften, eine gegen das Bauvorhaben<ref>{{Literatur |Autor=Pascal Beucker |Titel=Kampf um Jüdisches Museum in Köln: Sparen für Geschichtsvergessene |Sammelwerk=Die Tageszeitung: taz |Datum=2013-02-15 |ISSN=0931-9085 |Online=https://taz.de/Kampf-um-Juedisches-Museum-in-Koeln/!5073194/ |Abruf=2022-06-26}}</ref> und die andere dafür&nbsp;–&nbsp;inklusive Zusammenlegung mit dem [[Kölnisches Stadtmuseum|Kölnischen Stadtmuseum]].<ref>{{Internetquelle |url=http://archivneu.report-k.de/initiative-haus-der-koelner-geschichte-soll-geplantes-juedisches-museum-und-baufaelliges-stadtmuseum-an-einem-ort-zusammenfuehren-19002/ |titel=Initiative: „Haus der Kölner Geschichte“ soll geplantes Jüdisches Museum und Stadtmuseum an einem Ort zusammenführen |werk=Report-K |datum=2013-04-25 |abruf=2022-06-26 |offline=ja }}</ref> Seit Oktober 2013 lief ein Bürgerbegehren einer Bürgerinitiative der [[Freie Wähler Köln|Freien Wähler Köln]] für eine verkleinerte Version des Architekten [[Peter Busmann]].<ref>{{Internetquelle |autor=Andreas Damm |url=https://www.ksta.de/koeln/innenstadt/-archaeologische-zone-buergerbegehren-gestartet-909964 |titel=Archäologische Zone: Bürgerbegehren gestartet |datum=2013-10-23 |abruf=2022-06-26}}</ref> Im weiteren Verlauf übernahm der [[Landschaftsverband Rheinland]] die Trägerschaft des neuen Museums, das den Namen ''MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln'' erhielt. Der Neubau des Museums verzögerte sich aus verschiedenen Gründen mehrfach und ist (Stand 2022) noch nicht abgeschlossen.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Geschichte der Juden in Deutschland]]<br />
* [[Alte Synagogen in Nordrhein-Westfalen]]<br />
* [[Denkmäler und Erinnerungsorte zum Nationalsozialismus in Köln]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
[[Datei:Henriette Hannah Bodenheimer Zionismus 1978 Titel.jpg|mini|hochkant|[[Henriette Hannah Bodenheimer]] (1978)]]<br />
* [[Hans-Dieter Arntz]]: ''Religiöses Leben der Kölner Juden im Ghetto von Riga'', in: ''Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins e.&nbsp;V.'', Nr. 53, 1982<br />
* [[Zvi Asaria]]: ''Die Juden in Köln. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.'' Verlag J. P. Bachem, Köln 1959.<br />
* Zvi Avneri: ''Germania Judaica''. Bd. 2: ''Von 1238 bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts'', Tübingen 1968.<br />
* [[Barbara Becker-Jákli]]: ''Das jüdische Krankenhaus in Köln; die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869–1945'', 2004. ISBN 3-89705-350-0.<br />
* Barbara Becker-Jákli: ''Das Jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart. Ein Stadtführer'', Emons Verlag Köln, Köln 2012, ISBN 978-3-89705-873-6.<br />
* Johannes Ralf Beines: ''Die alte Synagoge in Deutz'', in: ''Rechtsrheinisches Köln, Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde''. Geschichts- und Heimatverein Rechtsrheinisches Köln e. V. Band 14. {{ISSN|0179-2938}}.<br />
* [[Michael Berger (Offizier)|Michael Berger]]: ''Eisernes Kreuz und Davidstern. Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen'', trafo Verlag, 2006. ISBN 3-89626-476-1.<br />
* [[Anna-Dorothee von den Brincken]]: ''Privilegien Karls IV. für die Stadt Köln.'' In: ''Blätter für deutsche Landesgeschichte.'' 114, 1978, S. 243–264.<br />
* [[Michael Brocke]]/Christiane Müller: ''Haus des Lebens. Jüdische Friedhöfe in Deutschland.'' Verlag Reclam, Leipzig 2001, ISBN 978-3-379-00777-1.<br />
* [[Carl Dietmar]]: ''Die Chronik Kölns.'' Chronik Verlag, Dortmund 1991. ISBN 3-611-00193-7.<br />
* [[Werner Eck]]: ''Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum''. (= ''Geschichte der Stadt Köln in 13 Bänden'', Bd. 1) Köln 2004, S. 325 ff. ISBN 3-7743-0357-6.<br />
* Liesel Franzheim: ''Juden in Köln von der Römerzeit bis ins 20. Jahrhundert''. Köln 1984.<br />
* Marianne Gechter, [[Sven Schütte]]: ''Ursprung und Voraussetzungen des mittelalterlichen Rathauses und seiner Umgebung.'' In: Walter Geis und Ulrich Krings (Hrsg.): ''Köln: Das gotische Rathaus und seine historische Umgebung''. Köln 2000 (Stadtspuren – Denkmäler in Köln; 26), S. 69–196.<br />
* [[František Graus]]: ''Pest – Geißler – Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit''. Göttingen 1988.<br />
* Monika Grübel, [[Peter Honnen]] (Hrsg.): ''Jiddisch im Rheinland. Auf den Spuren der Sprachen der Juden'', Publikation des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) im Klartextverlag, Essen 2014, ISBN 978-3-8375-0886-4.<br />
* Monika Grübel und Georg Mölich: ''Jüdisches Leben im Rheinland. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.'' ISBN 3-412-11205-4.<br />
* [[Alfred Haverkamp]]: ''Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.'' Stuttgart 1981.<br />
* Alfred Haverkamp: ''Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte''. in: ''Monographien zur Geschichte des Mittelalters 24''. 1981, S. 27–93.<br />
* Wilhelm Janssen: ''Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter.'' Bonn/Köln 1973.<br />
* [http://www.msacerdoti.it/kobercologne.html Adolf Kober, ''Cologne'', The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1940]<br />
* Kirsten Serup-Bilfeldt: ''Zwischen Dom und Davidstern''. Jüdisches Leben in Köln. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. ISBN 3-462-03508-8.<br />
* Gerd Mentgen: ''Die Ritualmordaffäre um den „Guten Werner“ von Oberwesel und ihre Folgen, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 21''. 1995, S. 159–198.<br />
* Klaus Militzer: ''Ursachen und Folgen der innerstädtischen Auseinandersetzungen in Köln in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts''. Köln 1980 (Veröffentlichungen des Kölner Geschichtsvereins, 36).<br />
* Sebastian Musch: ''Verflechtungen einer „Liquidationsgemeinde“ zwischen Israel und der Deutschland: Der Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde zu Köln in der frühen Bundesrepublik''. In: Philipp Neumann-Thein, Daniel Schuch, Markus Wegewitz (Hrsg.): ''„Organisiertes Gedächtnis“. Kollektive Aktivitäten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik''. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8353-5161-5, S. 400–424.<br />
* Alexander Patschovsky:'' Feindbilder der Kirche: Juden und Ketzer im Vergleich (11.–13. Jahrhundert)''. in: Alfred Haverkamp (Hrsg.): ''Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge''. Sigmaringen 1999, S. 327–357.<br />
* [[Elfi Pracht-Jörns]]: ''Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil 1: Regierungsbezirk Köln.'' Köln 1997<br />
* Robert Wilhelm Rosellen: ''Geschichte der Pfarreien des Dekanates Brühl.'' J. P. Bachem, Köln 1887<br />
* Matthias Schmandt: ''Judei, cives et incole: Studien zur jüdischen Geschichte Kölns im Mittelalter.'' Forschungen zur Geschichte der Juden Bd. 11. Hanover 2002. ISBN 3-7752-5620-2.<br />
* Kurt Schubert: ''Jüdische Geschichte''. München 2007.<br />
* Sven Schütte: ''Der Almemor der Kölner Synagoge um 1270/80 – Gotische Kleinarchitektur aus der Kölner Dombauhütte. Befunde Rekonstruktion und Umfeld''. in: ''Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen in Köln XIII''. 1998, S. 188–215.<br />
* Arnold Stelzmann: ''Illustrierte Geschichte der Stadt Köln.'' Verlag Bachem, Köln 1958. Verlagsnummer 234758<br />
* M. Toch: ''Siedlungsstruktur der Juden Mitteleuropas im Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit''. in: A. Haverkamp u. Ziwes (Hrsg.): ''Juden in der christlichen Umwelt während des späten Mittelalters''. Berlin 1992, S. 29–39.<br />
* Markus J. Wenniger: ''Zum Verhältnis der Kölner Juden zu ihrer Umwelt im Mittelalter''. In: Jutta Bohnke-Kollwitz, Willehad Paul Eckert, u.&nbsp;a. (Hrsg.): ''Köln und das rheinische Judentum''. Festschrift Germania Judaica 1959–1984, Köln 1984 S. 17–34.<br />
* [[Ernst Weyden]]: ''Geschichte der Juden in Köln am Rhein von den Römerzeiten bis in die Gegenwart''. M. DuMont Schauberg, Köln 1867 [https://archive.org/stream/geschichtederjud00weyduoft#page/n5/mode/2up digitalisiert] [[Robarts Library]], [[University of Toronto]]<br />
* [[Jürgen Wilhelm (Politiker)|Jürgen Wilhelm]] (Hrsg.): ''2000 Jahre jüdische Kunst und Kultur in Köln.'' Greven-Verlag, 2007, ISBN 978-3-7743-0397-3.<br />
* [[Adam Wrede]]: ''Neuer Kölnischer Sprachschatz.'' 3 Bände A – Z, Greven Verlag, Köln, 9. Auflage 1984. ISBN 3-7743-0155-7.<br />
* Franz-Josef Ziwes: ''Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters''. Hannover 1995. ISBN 3-7752-5610-5.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Jewish history in Cologne|Jüdische Geschichte in Köln}}<br />
* {{DNB-Portal|11626375X}}<br />
* [http://www.gescherlamassoret.de/geschichte.html Geschichte der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln]<br />
* [https://www.sgk.de/index.php/geschichte.html Die Geschichte der Kölner Gemeinde von Alexander Tyurin auf der Website der Synagogen-Gemeinde Köln]<br />
* [http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17306/highlight/kaufhold Eine schier endlose Debatte] Jüdische Allgemeine, 17. Oktober 2013<br />
* [https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18740 Köln: Das Phantom-Museum] Jüdische Allgemeine, 27. März 2014<br />
* [https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19309 Kommentar: Köln braucht ein Jüdisches Museum. Lange genug wurden Planung und Finanzierung hinausgezögert. Doch bald sollte der Bau beginnen] Jüdische Allgemeine, 30. Mai 2014<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{SORTIERUNG:Judische Geschichte in Koln}}<br />
[[Kategorie:Jüdische Geschichte (Köln)| ]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Geschichte (Nordrhein-Westfalen)|Koln]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geoffrey_B._Greatrex&diff=264633481Geoffrey B. Greatrex2026-02-23T17:50:23Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>'''Geoffrey B. Greatrex''' (* [[15. November]] [[1968]] in [[Ottawa]]) ist ein [[Kanada|kanadischer]] [[Alte Geschichte|Althistoriker]].<br />
<br />
Greatrex, der 1994 in [[University of Oxford|Oxford]] mit einer Arbeit zum Thema ''Procopius and the Persian Wars'' promoviert wurde, lehrt als ''Associate Professor'' am ''Department of Classics and Religious Studies'' an der [[University of Ottawa]] in Kanada. <br />
<br />
Greatrex ist ein ausgewiesener Kenner der [[spätantike]]n Militärgeschichte und der [[Römisches Reich|römisch]]-[[Sassanidenreich|sassanidischen]] Beziehungen (insbesondere im 5. und 6. Jahrhundert). Er hat mehrere wichtige Aufsätze und Monographien über die militärischen Auseinandersetzungen und kulturellen Kontakte dieser beiden antiken Großmächte verfasst. Außerdem hat Greatrex zusammen mit Samuel N. C. Lieu 2002 ein wichtiges Quellenbuch herausgegeben, in dem zentrale Quellenausschnitte in englischer Übersetzung gesammelt worden sind, einschließlich eines Kommentars und überleitender Erklärungen (''The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars: 363–628 AD. A narrative Sourcebook''). Er ist Mitherausgeber der Schriftenreihen ''[[Oriens et Occidens]]'' und ''Edinburgh Studies in Late Roman History''.<br />
<br />
Auch die spätantike Historiographie (und dabei insbesondere [[Prokopios von Caesarea]]) ist ein zentrales Betätigungsfeld von Greatrex. 2022 veröffentlichte er einen umfangreichen zweibändigen historischen Kommentar zu den ersten beiden Büchern von Prokopios' ''Historien''. Zudem war er von Anfang 2004 bis Ende 2005 und nochmals von Anfang 2022 bis Ende 2023 Präsident der kanadischen [[Esperanto]]-Gesellschaft. 2025 wurde er Mitglied der [[Academia Europaea]].<br />
<br />
== Publikationen (Auswahl) ==<br />
=== Monographien, Quellenübersetzungen und Kommentare ===<br />
* ''Procopius and the Persian Wars'' (Dissertation, Oxford 1994 [https://ora.ox.ac.uk/objects/uuid:2d96e232-00b1-425a-879e-72d6c1a165bd hier online])<br />
* ''Rome and Persia at war, 502–532'' (= ''Arca.'' Band 37). Cairns, Leeds 1998, ISBN 0-905205-93-6, [http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/1998/1998-11-23.html Besprechung (Bryn Mawr Classical Review)].<br />
* mit Samuel N. C. Lieu: ''The Roman Eastern Frontier and the Persian Wars.'' Part 2: ''AD 363–630. A narrative sourcebook.'' Routledge, London u. a. 2002, ISBN 0-415-14687-9, [http://www.plekos.uni-muenchen.de/2002/rgreatrex.html Besprechung (Plekos)].<br />
* ''The Chronicle of Pseudo-Zachariah Rhetor. Church and War in Late Antiquity'' (= ''Translated Texts for Historians.'' Band 55). Liverpool University Press, Liverpool 2011, ISBN 978-1-84631-494-0. <br />
* ''Procopius of Caesarea: The Persian Wars. A Historical Commentary.'' Cambridge University Press, Cambridge 2022, ISBN 978-1-1070-5322-9 ([https://www.plekos.uni-muenchen.de/2023/r-procopius.pdf ausführliche Fachbesprechung bei Plekos]).<br />
* ''Procopius of Caesarea: The Persian Wars. Translation, with Introduction and Notes.'' Cambridge University Press, Cambridge 2022, ISBN 978-1-1071-6570-0 ([https://www.sehepunkte.de/2024/03/37774.html Rezension] [[Mischa Meier]]s bei [[Sehepunkte]]).<br />
* mit [[Stephen Mitchell]]: ''A History of the Later Roman Empire. AD 284–700.'' 3. Auflage. Wiley-Blackwell, Hoboken (NJ) 2023, ISBN 978-1-119-76855-5.<br />
<br />
=== Wichtige Aufsätze ===<br />
* ''Roman identity in the sixth century''. In: Geoffrey Greatrex, Stephen Mitchell (Hrsg.): ''Ethnicity and culture in Late Antiquity'', London 2000, S. 267–292.<br />
* ''Justin I and the Arians.'' In: ''Studia Patristica.''Band 34, 2001, {{ZDB|223688-6}}, S. 73–81.<br />
* ''Lawyers and Historians in Late Antiquity.'' In: Ralph W. Mathisen (Hrsg.): ''Law, Society and Authority in Late Antiquity.'' Oxford University Press, Oxford u. a. 2001, ISBN 0-19-924032-9, S. 148–161.<br />
* ''Recent work on Procopius and the Composition Wars VIII.'' In: ''Byzantine and Modern Greek Studies.'' Band 27, 2003, S. 45–67, {{DOI|10.1179/byz.2003.27.1.45}}.<br />
* ''Khusro II and the Christians of his empire.'' In: ''Journal of the Canadian Society for Syriac Studies.'' Band 3, 2003, {{ZDB|2128652-8}}, S. 78–88.<br />
* ''Byzantium and the East in the Sixth Century.'' In: Michael Maas (Hrsg.): ''The Cambridge Companion to the Age of Justinian.'' Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2005, ISBN 0-521-81746-3, S. 477–509, [http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2006/2006-03-12.html Besprechung (Bryn Mawr Classical Review)]; [http://www.sehepunkte.historicum.net/2006/01/8472.html Besprechung (Sehepunkte)].<br />
<br />
* Mehrere Artikel für [[De Imperatoribus Romanis]]<br />
* Rezensionen für [http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/ The Bryn Mawr Classical Review] und [http://www.hti.umich.edu/t/tmr/ The Medieval Review]<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* [http://aix1.uottawa.ca/~greatrex/ Homepage von Geoffrey Greatrex (mit vielen hilfreichen Links)]<br />
* [https://uniweb.uottawa.ca/members/463 Geoffrey Greatrex auf der Website der University of Ottawa]<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=1102706582|LCCN=n/94/103038|VIAF=39515875}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Greatrex, Geoffrey B}}<br />
[[Kategorie:Althistoriker]]<br />
[[Kategorie:Hochschullehrer (Universität Ottawa)]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Academia Europaea]]<br />
[[Kategorie:Esperantist]]<br />
[[Kategorie:Kanadier]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1968]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Greatrex, Geoffrey B.<br />
|ALTERNATIVNAMEN=<br />
|KURZBESCHREIBUNG=kanadischer Althistoriker<br />
|GEBURTSDATUM=15. November 1968<br />
|GEBURTSORT=[[Ottawa]]<br />
|STERBEDATUM=<br />
|STERBEORT=<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264631535Umayyaden2026-02-23T16:43:37Z<p>Procopius: /* Herrschaft der Sufyāniden (660–683) */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Verwandtschaft des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam. <br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den ersten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er offenbar in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete. [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, hatte seine Wahl ohnehin nie akzeptiert.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Früh entwickelte sich daher ein Machtkampf zwischen den [[Aliden]], die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und Ali zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde auch er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm ergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur [[Schlacht von Siffin]], welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen ([[Charidschiten]]).<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, indem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und das [[Umayyaden-Kalifat|Kalifat der Umayyaden]] begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muʿāwiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muʿāwiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muʿāwiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muʿāwiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muʿāwiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muʿāwiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muʿāwiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muʿāwiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch das Prinzip der [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muʿāwiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muʿāwiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muʿāwiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurden viele weitere Aliden getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
{| border="0"<br />
| valign="top" |<br />
{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|661–750<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
|-<br />
| [[Muʿāwiya I.]]<br />
| 661<br />
| –<br />
| 680<br />
|-<br />
| [[Yazid I.]]<br />
| 680<br />
| –<br />
| 683<br />
|-<br />
| [[Muʿāwiya II.]]<br />
| 683<br />
| –<br />
| 684<br />
|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
|-<br />
| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
| 705<br />
|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
| 715<br />
| –<br />
| 717<br />
|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
| 717<br />
| –<br />
| 720<br />
|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
| 724<br />
|-<br />
| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
|-<br />
| [[al-Walid II.]]<br />
| 743<br />
| –<br />
| 744<br />
|-<br />
| [[Yazid III.]]<br />
| 744<br />
|<br />
|<br />
|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
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|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
|Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schlacht_von_Siffin&diff=264631434Schlacht von Siffin2026-02-23T16:42:10Z<p>Procopius: /* Folgen */</p>
<hr />
<div>{{Infobox Militärischer Konflikt<br />
|KONFLIKT=Schlacht von Siffin<br />
|TEILVON=Islamische Bürgerkriege ([[Fitna (Islam)|Erste Fitna]])<br />
|BILD=Balami - Tarikhnama - Battle of Siffin (cropped).jpg<br />
|BILDBREITE= <br />
|BESCHREIBUNG=Einheiten Alis und Muawiyas kämpfen gegeneinander (aus der ''Tarichnama'' von Balami)<br />
|DATUM=[[26. Juli|26.]]–[[28. Juli]] [[657]]<br />
|DATUMBIS=<br />
|ORT=bei Siffin, heute Abu Huraiyra, [[Syrien]]<br />
|CASUS=<br />
|GEBIETE=<br />
|AUSGANG=Unentschieden<br />
|FOLGEN=<br />
|FRIEDENSSCHLUSS=<br />
|KONTRAHENT1=[[Umayyaden]] ([[Muʿāwiya I.|Muawiya]])<br />
|KONTRAHENT2=[[Aliden]] ([[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali ibn Abi Talib]])<br />
|BEFEHLSHABER1=[[ʿAmr ibn al-ʿĀs|Amr ibn al-As]]<br />
|BEFEHLSHABER2=[[Malik al-Aschtar]]<br />
|TRUPPENSTÄRKE1=unbekannt<br />
|TRUPPENSTÄRKE2=unbekannt<br />
|VERLUSTE1=unbekannt<br />
|VERLUSTE2=unbekannt<br />
|NOTIZEN=<br />
}}<br />
<br />
Als '''Schlacht von Siffin''' ({{arS|وَقْعَة صِفّين|d=waqaʿat ṣiffīn}}) bezeichnet man eine Serie von Gefechten und Scharmützeln, die sich im Sommer [[657]] am Ufer des [[Euphrat]], nahe der Ruinen von Siffin ereigneten. Gegner waren die Truppen von [[Kalifat|Kalif]] [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali ibn Abi Talib]] und von [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], dem [[Umayyaden|umayyadischen]] Statthalter von [[Geschichte Syriens#Syrien unter der Herrschaft der Umayyaden und Abbasiden (636–945)|Syrien]].<br />
<br />
Siffin war eine frühere oströmische Siedlung am Ufer des Euphrat, in der Nähe von [[ar-Raqqa]] in [[Syrien]]. Zur Zeit der Schlacht lag Siffin schon in Ruinen. Heute heißt die Siedlung Abu Huraiyra. <br />
<br />
== Vorgeschichte ==<br />
Im Juni 656 war der Kalif [[Uthman ibn Affan]] von Rebellen ermordet und Ali zu dessen Nachfolger gewählt worden. Ali wurde von Teilen der [[Umma]] gleich Loyalität geschworen, wobei andere die Bedingung stellten, dass er erst die Mörder Uthmans suche und fasse. Muawiya, der Statthalter von Syrien seit der Zeit von [[ʿUmar ibn al-Chattāb]], und eine Gruppe der Muslime, weigerten sich Ali Loyalität zu schwören, bis er die Rebellen fasse die sich in Kufa verbargen, auch wenn Alis Vorzug von allen Seiten anerkannt wurde. Es kam zum Ersten Bürgerkrieg in der islamischen Nation (''[[Fitna (Islam)|fitna]]'').<br />
<br />
Am 9. Dezember 656 siegte Ali in der [[Kamelschlacht]] bei [[Basra]] über das gegenüberstehende Heer der Muslime, das die Witwe [[Mohammed]]s, [[Aischa bint Abi Bakr]] anführte, nachdem Rebellen den Friedenspakt beider Seiten auflösten und eine Schlacht begannen. Ali verlegte daraufhin seine Hauptstadt von [[Medina]] nach [[Kufa]], von wo er sich erhoffte, Muawiyas Vorstöße in den Irak besser eindämmen zu können. Gleichwohl sandte Ali Boten nach Syrien, die eine friedliche Beilegung des Bürgerkrieges vermitteln sollten. Muawiya ließ sich aber auf keine Verhandlungen mit Ali ein, woraufhin beide ihr Heer zum Angriff rüsteten. <br />
<br />
Ali zog mit seinem Hauptheer bis [[ar-Raqqa]], wo er von der Vorhut Muawiyas gesichtet wurde, in den folgenden Tagen aber ungehindert den Euphrat überquerte. Er stieß daraufhin flussaufwärts am Euphrat entlang vor. Muawiyas Vorhut führte wiederholt schnelle Überraschungsangriffe auf ihn aus, konnte sein Vorwärtskommen aber nicht behindern. Im Mai 657 traf Ali auf das Hauptheer Muawiyas, das in einer Ebene bei Siffin am Euphrat lagerte.<br />
<br />
Zur Truppenstärke der beiden Heere sind nur sehr ungenaue und unsichere Schätzungen überliefert. Meist werden 50.000 bis 150.000 Mann auf Seiten Alis und 80.000 bis 150.000 Mann auf Seiten Muawiyas angegeben. All diese Zahlenangaben erscheinen aus heutiger Sicht allerdings maßlos übertrieben.<br />
<br />
== Schlachtverlauf ==<br />
Muawiya entsandte einen Teil seiner Truppen unter [[Amr ibn al-As]] ans Flussufer, um Ali den Zugang zum Wasser zu versperren. Alis Truppen, angeführt von [[Al-Aschtar|Malik al-Aschtar]], lieferten sich ein heftiges Gefecht mit Amr ibn al-As, der sich schließlich zurückziehen musste. Aber anstatt den Fliehenden unverzüglich nachzusetzen und Muawiyas Hauptheer in dessen Lager anzugreifen, ließ Ali den Kampf einstellen und am Fluss ein eigenes Lager errichten. Beide Seiten betrachteten es nämlich als Unrecht, wenn ein [[Muslim]] einen anderen Muslim umbringt. Die folgenden Tage standen sich die beiden verfeindeten Heere gegenüber, ohne dass es zum Großangriff einer der beiden Seiten kam. Ali und Muawiya tauschten immer wieder Boten aus, die vergeblich versuchten, eine friedliche Beilegung des Konfliktes zu erreichen. Abwechselnd zu den Verhandlungen kam es immer wieder zu kleineren Überfällen und Scharmützeln zwischen Abteilungen der beiden Heere.<br />
<br />
Am 26. Juli kam es schließlich zu großangelegten Gefechten, die über drei Tage andauerten, wobei die Truppen Alis zunächst die Oberhand gewannen. Der Niederlage nahe, steckten die Muslime der Seite Muawiyas Blätter aus dem [[Koran]] an die Spitzen ihrer Lanzen und riefen aus, dass sie einen Friedenspakt wollen, womit sie auch der Gegenseite deutlich machten, dass sie auch Muslime seien. Alis Truppen brachen daraufhin die Schlacht ab. Ali erklärte sich bereit, einem Friedenspakt zwischen den Muslimen auf der Basis des Korans zuzustimmen. Muawiya und Ali zogen daraufhin nach Damaskus bzw. Kufa ab.<br />
<br />
== Folgen ==<br />
Ein Teil von Alis Heer und Anhängerschaft empfand das Entsenden von Schiedsrichtern für die Aushandlung eines Friedenspaktes mit Muawiya als Abfall vom Islam, mit der Begründung, dass das Richten nur Gott gebühre, diese spalteten sich als [[Charidschiten]] von Ali ab. Die Schiedsgerichtsentscheidung blieb daher ohne Wirkung. In der Folgezeit musste sich Ali vor allem der Bekämpfung der Charidschiten im Irak widmen. Muawiya herrschte weiterhin in Syrien, später auch in Ägypten, während Ali den Rest des Kalifats steuerte. Die Auseinandersetzungen fanden erst mit der Ermordung von Ali Ibn Abi Talib im Jahr 661 ein einstweiliges Ende.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Gudrun Krämer]]: ''Geschichte des Islam''. Dtv, München 2005, ISBN 978-3-423-34467-8, S. 39–41.<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg (680–692)''. Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (teilw. Habilitationsschrift, Tübingen 1977).<br />
*[[Dr. Ali M. Sallabi]]: ''Islamic History Series: Ali Ibn Abi Talib, Volume 2'' International Islamic Publishing House, ISBN 9786035012133.<br />
[[Kategorie:Schlacht (Mittelalter)|Siffin]]<br />
[[Kategorie:Arabische Geschichte|Siffin]]<br />
[[Kategorie:657]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (7. Jahrhundert)|Siffin]]<br />
[[Kategorie:Syrische Geschichte (Mittelalter)]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schlacht_von_Kerbela&diff=264630505Schlacht von Kerbela2026-02-23T16:02:43Z<p>Procopius: /* Vorgeschichte */</p>
<hr />
<div><br />
{{Infobox Militärischer Konflikt<br />
|KONFLIKT = Schlacht von Kerbela<br />
|TEILVON = Islamische Bürgerkriege ([[Fitna (Islam)|Fitna]])<br />
|BILD = Scène de la bataille de Karbalâ, par Mohammad Modabber, deuxième fondateur de l’école picturale ghahveh-khâneh.jpg<br />
|BILDBREITE = <br />
|BESCHREIBUNG = <br />
|DATUM = [[10. Oktober]] [[680]]<br />
|DATUMBIS = <br />
|ORT = [[Kerbela]]<br />
|CASUS = <br />
|GEBIETE = <br />
|AUSGANG = Entscheidender Sieg der Umayyaden<br />
|FOLGEN = <br />
|FRIEDENSSCHLUSS = <br />
|KONTRAHENT1 = [[Umayyaden]] ([[Yazid I.]])<br />
|KONTRAHENT2 = [[Aliden]] ([[al-Husain ibn ʿAlī]])<br />
|BEFEHLSHABER1 = Umar ibn Sa'ad<br />Ubayd-Allah ibn Ziyad<br />Schimr Ibn Thil-Dschawschan<br />[[Hurr ibn Yazid]] (kämpfte anschließend für Hussein ibn Ali)<br />
|BEFEHLSHABER2 = al-Husain ibn ʿAlī <br />[[al-Abbas ibn Ali]] <br />[[Habib ibn Muzahir]] <br />
[[Zuhayr ibn Qayn]]<ref>Vgl. [https://books.google.de/books?id=kQGlyZAy134C&pg=PA50&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false]</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE1 = deutliche Übermacht, vielleicht 4000<ref>Vgl. [https://www.britannica.com/event/Battle-of-Karbala Battle of Karbala] bei Encyclopædia Britannica</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE2 = angeblich 72<br />
|VERLUSTE1 = unbekannt<br />
|VERLUSTE2 = vernichtend geschlagen<br />
|NOTIZEN = <br />
}}<br />
In der '''Schlacht von Kerbela''', die am 10. Oktober 680 beim zentralirakischen [[Kerbela]] stattfand, wurde der Prophetenenkel [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain (Hussein)]] getötet.<br />
Mit dieser Schlacht war die [[Schia|schiitische]] Hoffnung, ihren dritten [[Imam]] anstelle von [[Yazid I.]] als [[Kalif]]en, als Oberhaupt der [[Umma|islamischen Gemeinde]], einzusetzen, gescheitert. In der islamischen Geschichte nach der Schia steht die Schlacht von Kerbela symbolisch für den Kampf zwischen „Gut und Böse“ – „Unterdrückte gegen Unterdrücker“ – und gilt als einer der tragischsten Vorfälle für die Schiiten.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref> Da viele Anhänger Husains zum Zeitpunkt der Schlacht von ihm abfielen – aus Angst vor der Übermacht der Truppen Yazids –, wurden Husain und sein Heer vernichtend geschlagen. Von schiitischer Seite wird berichtet, dass das Truppenverhältnis in dieser Schlacht 10.000 zu 72 zu Ungunsten Husains gewesen sei.<br />
<br />
Schiiten und [[Aleviten]] gedenken dieser Schlacht während des alljährlichen [[Aschura]]-Tages (am 10.&nbsp;Tag des Monats [[Muharram]]), bei dem sie durch [[Schiitische Passionsspiele|viele Rituale]] symbolischer Trauer den Abfall der Anhänger Husains von dessen Seite beklagen und beweinen.<br />
<br />
== Vorgeschichte ==<br />
Der frühe Islam war geprägt von Machtkämpfen zwischen den [[Aliden]] und ihren Gegnern. Nach der Tötung des dritten [[Kalifat|Kalifen]] [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman ibn Affan]] wurde [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali ibn Abi Taleb]], der Schwiegersohn des Propheten, 656 der vierte Kalif. Da er einige Privilegien für einige [[Sahāba|Gefährten von Mohammed]], welche die früheren Kalifen eingeführt hatten, wieder abschaffte und unter anderem [[Muʿāwiya I.|Muawiya]] als Gouverneur von [[Damaskus]] abgesetzt hatte, wurden innerislamische Kriege geführt ([[Erste Fitna]]). Die Prophetenwitwe [[Aischa bint Abi Bakr]] und ihre beiden Verwandten [[az-Zubair ibn al-ʿAuwām]] und Talha ibn ʿUbaid Allāh bestritten Alis Anspruch auf das Kalifat; Muawiya warf Ali vor, für die Ermordung Uthmans, mit dem Muawiya verwandt gewesen war, verantwortlich zu sein, und es kam zu militärischen Auseinandersetzungen. Nach einem Attentat auf Ali und dessen ein bis zwei Tage darauf eingetretenem Tod im Jahre 661 beanspruchte Muawiya das Kalifat und wollte es auf keinen Fall an Alis Sohn [[Al-Hasan ibn ʿAlī|Hasan ibn Ali]] abtreten. Muawiya brach mit seinen Truppen nach Mesopotamien auf, um Hasan anzugreifen. Hasan gab seinen Heerführern die Anweisung zum Aufmarsch, aber ihm schlossen sich nur wenige an, und die, die sich ihm anschlossen, hatten unterschiedliche Interessen. Gleichzeitig mobilisierte der [[Byzantinisches Reich|byzantinische]] Kaiser [[Konstans II.]] seine Truppen, weil er eine gute Gelegenheit sah, dem expandierenden Islam Einhalt zu gebieten. Hasan schloss daraufhin einen Friedensvertrag mit Muawiya, der seinerseits einen Tributfrieden mit dem Kaiser aushandelte. Muawiya bestach aber laut schiitischer Tradition etwas später Hasans Ehefrau, sodass sie ihren Ehemann vergiftet haben soll und Hasan im Jahre 670 starb. Hasans Bruder [[Al-Husain ibn ʿAlī|Husain ibn Ali]] wurde sein Nachfolger als dritter Imam der Schiiten. <br />
<br />
Im Jahr 680 starb Muawiya. Entgegen der Vereinbarung mit Hasan führte er eine Erbmonarchie ein, setzte vor seinem Tod seinen Sohn [[Yazid I.]] als Nachfolger ein und begründete damit die Dynastie der [[Umayyaden]].<ref>{{Literatur |Autor=Scheich al-Mufid |Titel=Kitab al-Irschad - Das Buch der Rechtleitung |Hrsg= |Sammelwerk= |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=M-haditec |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416029 |Seiten=248-256 |Originaltitel=كتاب الارشاد |Übersetzer=Özoguz, Fatima}}</ref><br />
<br />
Sobald Yazid Kalif geworden war, sandte er einen Brief an den damaligen Gouverneur von Medina, in dem er ihn aufforderte, einen Treueid von Husain einzufordern. Er soll dies gemacht haben, damit ihn niemand beschuldigen konnte, das Kalifat unrechtmäßig übernommen zu haben. Statt den Eid zu leisten, verließ Husain mit seinen Gefährten, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen, die Stadt in Richtung Mekka zur Pilgerfahrt, angeblich um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Er soll Yazid die Treue verweigert haben, weil dies die Billigung seiner Taten und seines Lebensstils bedeutet hätte und weil damit der Islam vernichtet worden wäre; stattdessen entschied sich Husain nach kurzem Zögern zur Revolte, um seinen eigenen Machtanspruch durchzusetzen. <br />
<br />
Die Menschen von [[Kufa]] hatten von den Geschehnissen gehört und sandten Briefe an Husain, die ihn nach Kufa einluden und ihm Treue versprachen. Husain brach mit seiner Karawane nach Kufa auf, schrieb einen Brief an die Bürger Kufas und sandte diesen seinen Vetter Muslim ibn Aqil als seinen Botschafter vorab. Muslim ibn Aqil reiste mit seinen beiden Söhnen, um seine friedliche Absichten zu unterstreichen, und wurde in Kufa mit großer Gastfreundschaft empfangen. Mehr als 18.000 Kufiten sollen vor Muslim ibn Aqil den Treueid auf Husain geschworen haben und Muslim ibn Aqil benachrichtigte Husain, dass die Mehrheit hinter ihm stehe und er nach Kufa kommen solle.<ref>{{Literatur |Autor=Rahim, Bashir. |Titel=Reise der Tränen |Hrsg=M-haditec |Auflage= |Verlag=Verlag |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416036 |Seiten=24-34}}</ref><br />
<br />
== Ablauf der Schlacht ==<br />
[[Datei:Iran Battle of Karbala 19th century.jpg|400px|miniatur|[[Tropenmuseum]] [[Amsterdam]], „Battle of Karbala“, Iranisches Gemälde, Öl auf Leinwand, 19.&nbsp;Jh.]]<br />
Im September 680 marschierte Husain (Hussein) selbst mit einem kleinen Heer von [[Mekka]] aus in Richtung Kufa, woraufhin auch Yazid in Damaskus mit einem Heer aufbrach. Husain wähnte sich dabei der Unterstützung der mesopotamischen Bevölkerung sicher; in Mekka hatten ihn Briefe und Boten aus Kufa erreicht, die ihm berichtet hatten, die Situation sei günstig und Tausende von Anhängern in Mesopotamien seien bereit, sich unter seiner Führung gegen die Umayyaden zu erheben. Daher verließ Husain Mekka, nur von seiner Familie und einer recht kleinen Schar Anhänger begleitet, und machte sich auf den Weg nach Mesopotamien. Als er dort eintraf, hatte sich die Situation allerdings gewandelt: Der umayyadische Statthalter [[Ubaid Allah Ibn Ziyad]] war in Kufa eingerückt und ließ die Anführer der Revolte, darunter Muslim ibn Aqeel, hinrichten. Der erhoffte Zustrom von Mitstreitern für das Heer Husains blieben daraufhin weitgehend aus.<br />
<br />
Zudem gelang es den umayyadischen Truppen, Husains Zug den Weg nach Kufa abzuschneiden, so dass Husaiin bei Kerbela festsaß. Verhandlungen über eine Kapitulation scheiterten, Husain und seine Leute waren durch die umayyadischen Truppen vom [[Euphrat]] abgeschnitten und litten tagelang schweren Durst. Einen Tag vor der Schlacht sagte Husain ibn Ali angeblich zu seinen übriggebliebenen Soldaten, es wäre besser, wenn sie um Mitternacht gehen würden; sie seien von ihrer Treue ihm gegenüber entbunden. Alle würden am nächsten Tag sterben, doch wenn sie heute gingen, dann würden sie noch weiter leben. Doch den Soldaten, so wird in der schiitischen Tradition berichtet, ging es nicht ums Überleben, sondern um die Treue und um den Glauben. Sie blieben daher angeblich schließlich alle bei ihm. (Dies widerspricht einer anderen Tradition, wonach Husain von den meisten seiner Soldaten verraten worden sei und mit nur 72 Getreuen kämpfen musste.) Vor Beginn der Schlacht – so die Berichte –, kam Hurr ibn Yazid, ein Anführer der umayyadischen Truppen, zu Husain und bat ihn um Verzeihung, dass er ihm den Weg abgeschnitten habe; Hussein verzieh ihm demnach.<br />
<br />
Am 10. [[Muharram]] 61 nach [[Islamischer Kalender|islamischem Kalender]] (10. Oktober 680 des [[Julianischer Kalender|Julianischen Kalenders]]) kam es zur Schlacht. In der Schlacht wurden alle Anhänger Husains getötet; die Frauen und Kinder wurden gefangen genommen und nach Damaskus gebracht. Die Toten wurden an Ort und Stelle begraben, wo heute die Schreine von Kerbela stehen. Husain stürzte sich laut schiitischer Lehre mit dem Koran in der einen und dem Schwert in der anderen Hand in eine aussichtslose Schlacht, in der er sowie alle seine Mitstreiter blutig niedergemetzelt wurden. Husains Kopf wurde, so wird berichtet, erst nach Kufa zum Kalifen gebracht, anschließend in der [[Umayyaden-Moschee]] in Damaskus bestattet. Einer anderen Überlieferung zufolge brachte man ihn später aus [[Askalon]] nach [[Kairo]] in Sicherheit.<br />
<br />
[[Abū Michnaf]] († 774), der aus Kufa stammte, war der erste, der die schiitischen mündlichen Überlieferungen über das Geschehen sammelte und aufzeichnete.<br />
<br />
== Bedeutung der Schlacht für Schiiten ==<br />
Den Hintergrund der Schlacht bildeten machtpolitische Konflikte um das Kalifat, die letztlich eine bis heute anhaltende Spaltung der [[Umma]] zur Folge hatten; aber aufgrund der nachfolgenden Verklärung der Geschehnisse hatten sie auch theologische Konsequenzen. Bis heute gilt die Schlacht den Schiiten als eines der zentralen Ereignisse in der frühen Geschichte des Islam. Die heroischen Taten und jeweils folgenden Märtyrertode jedes einzelnen Mitgliedes der kleinen Gruppe um Husain sind ebenso Gegenstand der Erzählungen über die Schlacht wie die dämonisierende Darstellung der Übermacht und Grausamkeit der Gegner und die Leiden der zu unschuldigen Opfern stilisierten Kinder und Frauen der Gruppe um Husain. Die in diesem Narrativ erinnerte Schlacht wird so nicht nur zum politisch-formativen Moment der schiitischen Glaubenslehre im Islam, sondern definiert einerseits den theologischen Ursprung des schiitischen Märtyrerethos und bietet den Gläubigen andererseits einen bis heute wirksamen Normenkatalog des Heroischen an: Der Märtyrergedanke war dem Islam zuvor fremd gewesen. Es kann daher in heutigen schiitischen Gemeinschaften vom „Kerbalaparadigma“ gesprochen werden, dem auch in der Gegenwart ein hohes politisches Potenzial zugestanden werden muss.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref><br />
[[Datei:Kerbela Hussein Moschee.jpg|miniatur|Der [[Imam-Husain-Schrein]] in [[Kerbela]], [[Irak]]]]<br />
<br />
Der aussichtslose Kampf Husains gegen einen übermächtigen Gegner hat weithin Einfluss auf die später entwickelte schiitische Ideologie genommen; Schiiten haben das Konzept des religiösen Märtyrers deutlich mehr als die Sunniten weiterentwickelt und verklärt. Aus dem Kampf Husains leiten sich heute außerdem zahlreiche [[Dschihad]]-Verständnisse schiitischer Milizen und radikaler Gruppen ab – das Martyrium, der billigen in Kauf genommene Tod im Namen der Religion im Kampf gegen einen übermächtigen Feind, wird vielerorts auch mit dem Kampf der Palästinenser/Libanesen gegen Israel oder des Iran gegen die USA gleichgesetzt. [[Ajatollah]] [[Ruhollah Chomeini|Chomeinis]] Anhänger jagten den iranischen Schah 1979 mit lautem „Yazid!“-Geschrei aus dem Land. Gleichzeitig entwickelte sich das Konzept des äußeren Dschihad zu einem politischen Begriff, der den Kampf auch gegen einen muslimischen, jedoch ungerechten Herrscher fordert. Die Internationalisierung dieser Definition, ihre Anwendung auf nicht-muslimische Feinde, wurde erst unter Denkern wie [[Abdallah Yusuf Azzam|Abdallah Azzam]] Ende des 20. Jahrhunderts vorangetrieben.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Reza Aslan: ''Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Mohammed bis zur Gegenwart.'' Übersetzt von Rita Seuß. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54487-8.<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam.'' C. H. Beck, München 2016, S. 239ff.<br />
* William L. Cleveland: ''A History of the Modern Middle East''. Westview Press, Boulder 1999, ISBN 0-8133-3489-6.<br />
* Muhammad ibn Garîr Abû Gafar al-Tabarî: ''Les Omayyades.'' In: ''La chronique. Volume 2. Histoire des prophètes et des rois''. Übersetzt von Hermann Zotenberg. Arles 2001, ISBN 2-7427-3318-3.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* {{Webarchiv | url=http://al-shia.com/html/ger/books/04.htm | wayback=20031105091150 | text=Imam Hussain ibn Ali und die Schlacht von Kerbala}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4206820-4}}<br />
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[[Kategorie:Schlacht von Kerbela| ]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (Mittelalter)|Kerbela]]<br />
[[Kategorie:680]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (7. Jahrhundert)|Kerbela]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264630361Umayyaden2026-02-23T15:58:53Z<p>Procopius: /* Politische Geschichte */</p>
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<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Verwandtschaft des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam. <br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den ersten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er offenbar in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete. [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, hatte seine Wahl ohnehin nie akzeptiert.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Früh entwickelte sich daher ein Machtkampf zwischen den [[Aliden]], die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und Ali zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde auch er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm ergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, indem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und das [[Umayyaden-Kalifat|Kalifat der Umayyaden]] begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muʿāwiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muʿāwiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muʿāwiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muʿāwiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muʿāwiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muʿāwiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muʿāwiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muʿāwiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch das Prinzip der [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muʿāwiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muʿāwiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muʿāwiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurden viele weitere Aliden getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
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| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
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| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
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| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
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| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
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|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
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}}<br />
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{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264630189Umayyaden2026-02-23T15:52:58Z<p>Procopius: /* Ursprünge der Dynastie */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Verwandtschaft des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam. <br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den ersten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er offenbar in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete. [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, hatte seine Wahl ohnehin nie akzeptiert, denn die Aliden beanspruchten das Kalifat für sich.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Früh entwickelte sich daher ein Machtkampf zwischen den Aliden, die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und Ali zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde auch er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm ergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, indem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und das [[Umayyaden-Kalifat|Kalifat der Umayyaden]] begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muʿāwiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muʿāwiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muʿāwiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muʿāwiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muʿāwiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muʿāwiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muʿāwiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muʿāwiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch das Prinzip der [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muʿāwiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muʿāwiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muʿāwiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
{| border="0"<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
|-<br />
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!<br />
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| [[Muʿāwiya I.]]<br />
| 661<br />
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| 680<br />
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| [[Yazid I.]]<br />
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| [[Muʿāwiya II.]]<br />
| 683<br />
| –<br />
| 684<br />
|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
|-<br />
| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
| 705<br />
|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
| 715<br />
| –<br />
| 717<br />
|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
| 717<br />
| –<br />
| 720<br />
|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
| 724<br />
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| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
|-<br />
| [[al-Walid II.]]<br />
| 743<br />
| –<br />
| 744<br />
|-<br />
| [[Yazid III.]]<br />
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|<br />
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|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
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| –<br />
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| [[Marwan II.]]<br />
| 745<br />
| –<br />
| 750<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: red;"|Die umayyadischen Emire von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|756–929<br />
|- style="color: white; background: red;"<br />
! Name<br />
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| [[Abd ar-Rahman I.]]<br />
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| [[Hischam I.]]<br />
| 788<br />
| –<br />
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| [[al-Hakam I.]]<br />
| 796<br />
| –<br />
| 822<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman II.]]<br />
| 822<br />
| –<br />
| 852<br />
|-<br />
| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
| 852<br />
| –<br />
| 886<br />
|-<br />
| [[al-Mundir]]<br />
| 886<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
| 888<br />
| –<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| 912<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color: white; background: navy;"|Das umayyadische Kalifat von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color:blue;"|929–1031<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
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! style="text-align:left"| bis<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
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| {{0}}961<br />
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| [[al-Hakam II.]]<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
| {{0}}976<br />
| –<br />
| 1009<br />
|-<br />
| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
| 1009<br />
|<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
| 1009<br />
| –<br />
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| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
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|<br />
|<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam II.]]<br />
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| –<br />
| 1013<br />
| erneut<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| –<br />
| 1016<br />
| erneut<br />
|-<br />
| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
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| –<br />
| 1018<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
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|<br />
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| ''[[al-Qasim al-Ma'mun]]*''<br />
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| –<br />
| 1021<br />
|-<br />
| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
| 1021<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Abd ar-Rahman V.]]<br />
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| –<br />
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|-<br />
| [[Muhammad III. (Córdoba)|Muhammad III.]]<br />
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| –<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| –<br />
| 1026<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam III.]]<br />
| 1026<br />
| –<br />
| 1031<br />
|-<br />
| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
|}<br />
|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
|Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Agri_decumates&diff=264629848Agri decumates2026-02-23T15:37:33Z<p>Procopius: /* Geschichte */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Agri decumates Karte.png|miniatur|hochkant=1.6|Das Dekumatland zwischen Limes, Donau und Rhein]]<br />
'''Agri decumates''' bzw. '''decumates agri''' (wörtlich wohl „Zehntland“), deutsch '''Dekumatland''' oder '''Dekumatenland''', ist bei [[Tacitus]] (''[[Germania (Tacitus)|Germania]]'' 29, 3) die Bezeichnung für ein Gebiet jenseits (also östlich bzw. nördlich) von [[Rhein]] und [[Donau]], das nach seiner Aussage ursprünglich von [[Kelten]] (Galliern) bewohnt, jedoch bald auch von germanischen [[Sueben]] besiedelt wurde und zum [[Römisches Reich|Römischen Reich]] gehörte.<br />
<br />
Tacitus schrieb in seinem frühestens im Jahr 98 entstandenen Werk:<br />
{{Zitat|Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die die ''agri decumates'' bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben. Die abenteuerlustigsten Gallier, die die Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war, besetzt; seitdem dann der [[Limes (Grenzwall)|Limes]] angelegt und die Grenzwachen weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen Vorposten unseres Imperiums und einen Teil der Provinz.|ref=<ref>''Non numeraverim inter Germaniae populos, quamquam trans Rhenum Danuviumque consederint, eos qui decumates agros exercent. Levissimus quisque Gallorum et inopia audax dubiae possessionis solum occupavere; mox limite acto promotisque praesidiis sinus imperii et pars provinciae habentur.'' Tacitus, ''Germania'' 29,3.</ref>}}<br />
<br />
== Geschichte ==<br />
[[Datei:Römische Expansion in Südwestdeutschland.png|thumb|Römische Expansion in Südwestdeutschland]]<br />
Unter Kaiser [[Vespasian]] hatten die Römer um 72 n. Chr. das Gebiet jenseits von Rhein und Donau, das sie bereits vorher indirekt kontrolliert hatten, mit Truppen besetzt. Sie sicherten es seit [[Domitian]] (um 85 n. Chr.) durch eine Reihe von Befestigungsanlagen, die zuletzt um 150 n. Chr. unter [[Antoninus Pius]] vorgeschoben wurden ([[Obergermanisch-Raetischer Limes]]). Das Dekumatland gehörte seit Domitian zur neu eingerichteten [[Römische Provinz|Provinz]] ''[[Germania superior]]''. Unter römischem Schutz blühte das Land auf; es profitierte von der Anwesenheit der zahlungskräftigen Grenztruppen, die versorgt werden mussten. Dies scheint, wie auch Tacitus berichtet, früh viele Zuwanderer, insbesondere aus [[Gallien]], ins Land gelockt zu haben. <br />
[[Datei:Orpheus2.jpg|mini|Das [[Orpheus]]mosaik im [[Dominikanermuseum Rottweil]] ist ein Beispiel für die Verbreitung mediterraner Kultur im Dekumatland.]]<br />
Erst während der [[Reichskrise des 3. Jahrhunderts]] wurde es durch Einfälle plündernder [[Germanen]] erheblich verheert und ging zwischen 260 und 280 (spätestens nach dem Tod des [[Probus (Kaiser)|Probus]]) endgültig an die [[Alamannen]] verloren, nachdem es von den römischen Truppen geräumt worden war (siehe ''[[Limesfall]]''). Am Ende des 3. Jahrhunderts gehörte es aus römischer Sicht zur ''Alamannia'', wenngleich das Imperium nie formal auf seine Ansprüche auf das Dekumatland verzichtete und man noch bis weit ins 4. Jahrhundert hinein Feldzüge dorthin unternahm und die dortigen Fürsten zur Unterwerfung zwang (z.&nbsp;B. [[Julian (Kaiser)|Julian]]).<br />
<br />
== Lage ==<br />
[[Bild:Neupotz grafik.png|thumb|Plünderungszug der Alamannen (orange), Juthungen (rot) und Franken (pink) 260 n. Chr. - N=Neupotz, A=Augsburg]]<br />
Das Dekumatland nahm zumindest den Südwesten des heutigen Bundeslandes [[Baden-Württemberg]] ein. Ob auch die nördlich des [[Neckar]]s gelegenen rechtsrheinischen Gebiete Roms sowie die nördlich der Donau gelegenen Teile von ''Raetia'' zu den ''agri decumates'' zählten, ist unklar; Tacitus’ knappe Notiz scheint zwar eher dagegen zu sprechen, doch gibt er nur die Verhältnisse des späten 1. Jahrhunderts wieder. Die – soweit bekannt – einzige römische Ortschaft im Dekumatland, deren Einwohner bereits vor 212 das römische Bürgerrecht besaßen, war das ''[[municipium]] [[Arae Flaviae]]'' ([[Rottweil]]), das Kaiser [[Vespasian]] gründen ließ. Weitere nennenswerte Ansiedlungen waren ''[[Aquae (Baden-Baden)|Aquae]]'' ([[Baden-Baden]]), ''[[Lopodunum]]'' ([[Ladenburg]]) und ''[[Sumelocenna-Museum|Sumelocenna]]'' ([[Rottenburg am Neckar]]).<br />
<br />
== Bevölkerung ==<br />
Im Gebiet des einstigen Dekumatlandes sind bis heute etwa 60 dörfliche Siedlungen (''vici'') und über 1300 ''[[Villa Rustica|villae rusticae]]'' nachgewiesen worden. Diese römischen Gutshöfe beherbergten im Durchschnitt etwa 50 Menschen; man schätzt allerdings, dass höchstens noch ein Viertel der einstigen Betriebe bekannt ist. Da zudem noch die Einwohner der ''vici'' und ''[[civitas|civitates]]'' hinzugerechnet werden müssen, schätzt die moderne Forschung die Bevölkerungszahl auf mindestens 250.000 Menschen. Da noch die hier stationierten römischen Soldaten hinzukamen, kann das Dekumatland als ein ungewöhnlich dicht besiedeltes und agrarisch intensiv genutztes Gebiet gelten.<ref>Vgl. [[Peter Dinzelbacher]], Werner Heinz: ''Europa in der Spätantike. 300–600. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte.'' Primus-Verlag, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-89678-624-1, S. 11.</ref><br />
<br />
== Namensherkunft ==<br />
Die Herkunft des Namens ''agri decumates'', den nur Tacitus erwähnt, ist umstritten. Oft wird er mit „Zehntland“ übersetzt, und es wäre denkbar, dass es sich um ein dem römischen Kaiser [[tribut]]pflichtiges Land handelte, das den [[zehnt]]en Teil seiner Erzeugnisse abgeben musste. Doch einige Gelehrte halten diese Erklärung für [[etymologisch]] unmöglich. Alternativ könnte die Bezeichnung von einem heute unbekannten Ort namens ''Decuma'' oder ''Decumum'' herrühren; die Forschung diskutiert weitere Möglichkeiten.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Helmut Benedikt Leibinger: ''Decumates agri. Eine Einführung in die provinzialrömische Archäologie.'' Re Di Roma-Verlag, Remscheid 2009, ISBN 978-3-86870-052-7.<br />
* {{DNP|3|354|356|Decumates agri|[[Karlheinz Dietz]]}}<br />
* {{RGA|5|271|286|Decumates agri|[[Günter Neumann (Philologe)|Günter Neumann]], [[Hans Ulrich Nuber]], [[Dieter Timpe]]}}<br />
* {{KlP|1|1416||Decumates agri|[[Walther Sontheimer]]|}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Germania superior]]<br />
[[Kategorie:Gallier]]<br />
[[Kategorie:Sueben]]<br />
[[Kategorie:Alamannen]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Dieter_Planck&diff=264629777Dieter Planck2026-02-23T15:35:21Z<p>Procopius: /* Werdegang */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Planck Dieter.jpg|mini|Dieter Planck (2003)]]<br />
'''Dieter Planck''' (* [[14. August]] [[1944]] in [[Rottenburg am Neckar]]; † [[1. Juli]] [[2025]] in [[Stuttgart]]<ref>{{Literatur |Titel=Todesanzeigen Dieter Planck |Sammelwerk=Stuttgarter Zeitung |Datum=2025-07-09}}</ref><ref name=":0">{{Internetquelle |url=https://www.trauer.swp.de/traueranzeige/dieter-planck |titel=Dieter Planck |werk=Südwest Presse Trauer |abruf=2025-07-09}}</ref><ref name=":1">Dirk Krausse, Ulrike Plate, [[Claus Wolf (Denkmalpfleger)|Claus Wolf]]: ''Nachruf Dieter Planck (* 14.8.1944, † 1.7.2025)''. In: ''[[Denkmalpflege in Baden-Württemberg]].'' Band 54, 2025, Heft 4, {{ISSN|0342-0027}} S.&nbsp;280.</ref>) war ein deutscher [[Archäologe]] mit Schwerpunkt [[Provinzialrömische Archäologie]] und [[Denkmalpflege]]r. Er war 1992 Gründungsdirektor des [[Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg|Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg]] und von 1994 bis 2009 Präsident des [[Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg|Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg]] im [[Regierungsbezirk Stuttgart|Regierungspräsidium Stuttgart]].<br />
<br />
== Werdegang ==<br />
Nach dem Abitur am [[Eugen-Bolz-Gymnasium Rottenburg|Eugen-Bolz-Gymnasium]] in [[Rottenburg am Neckar]] studierte Planck [[Ur- und Frühgeschichte|Vor- und Frühgeschichte]], [[Alte Geschichte]], [[Urgeschichte]] und [[Klassische Archäologie]] an der [[Eberhard Karls Universität Tübingen|Universität Tübingen]] und der [[Ludwig-Maximilians-Universität München|Universität München]].<br />
<br />
Nach der 1970 erfolgten [[Promotion (Doktor)|Promotion]] mit einer Dissertation über [[Arae Flaviae]] an der Universität Tübingen war Planck zunächst in der archäologischen Denkmalpflege in Tübingen tätig, ab 1972 als Referent für Bodendenkmalpflege für den [[Regierungsbezirk Nordwürttemberg]]. Von 1979 bis 1994 leitete er die archäologische Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Damals gelang ihm ein Ausbau der archäologischen [[Bodendenkmal]]pflege in Baden-Württemberg. Ab 1983 wurde die Einrichtung archäologischer Reservate in Baden-Württemberg durch eine Bezuschussung zum Grunderwerb gewährleistet, durch die einige bedeutende antike Stätten des Landes vor der modernen Zerstörung gerettet werden konnten.<ref>Dieter Planck: ''Restaurierung und Rekonstruktion römischer Bauten in Baden-Württemberg'' in: Günter Ulbert, Gerhard Weber (Hrsg.): ''Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung''. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0450-0, S. 152.</ref> Der damals verabschiedete Maßnahmenkatalog für diese kulturellen Güter wurde aber bei einer Verwaltungsreform des Landes wieder zurückgenommen.<br />
<br />
1992 wurde er zum Direktor des neu gegründeten [[Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg|Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg]] ernannt. Darüber hinaus etablierte er 1993 den [[Tag des offenen Denkmals]] in Baden-Württemberg. 1994 wurde Planck Präsident des [[Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg|Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg]], nach dessen Eingliederung in das Regierungspräsidium Stuttgart war er bis August 2009 Präsident der Abteilung 8 – Landesamt für Denkmalpflege. Damit war Planck der erste Archäologie in Deutschland, der die gesamten Denkmalpflege eines Bundeslandes leitete.<ref name=":1" /> Daneben lehrte er am Historischen Institut der [[Universität Stuttgart]] als Honorarprofessor.<br />
<br />
2009 trat Planck aus seinem Amt als Präsident des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg in den Ruhestand.<ref>{{Internetquelle |autor=Regierungspräsidium Stuttgart |url=https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/lda-baden-wuerttemberg-prof-dr-dieter-planck-im-ruhestand-1352/ |titel=LDA Baden-Württemberg: Prof. Dr. Dieter Planck im Ruhestand |datum=2009-09-05 |abruf=2021-01-01}}</ref> Sein Nachfolger wurde [[Claus Wolf (Denkmalpfleger)|Claus Wolf]].<br />
<br />
Planck starb Anfang Juli 2025 in Stuttgart im Alter von 80 Jahren und wurde am 17. Juli 2025 auf dem Sülchenfriedhof in [[Rottenburg am Neckar]] in einer Urne im Familiengrab beigesetzt.<ref name=":0" /> In einem Nachruf würdigt das Landesamt für Denkmalpflege die Verdienste von Dieter Planck um die Landesarchäologie in Baden-Württemberg, wobei er unter anderem „die Idee einer gesamtheitlichen Denkmalpflege aus Archäologie und Baudenkmalpflege nachhaltig geprägt hat.“<ref>{{Internetquelle |url=https://www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/aktuelles/nachruf-prof-dr-planck |titel=Nachruf Dieter Planck (* 14. August 1944, † 1. Juli 2025) |werk=www.denkmalpflege-bw.de |hrsg=Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart |abruf=2025-08-10}}</ref><br />
<br />
== Schwerpunkte der archäologischen Arbeit ==<br />
1971 arbeitete Planck am [[Kastell Köngen]] und dem dazugehörigen Lagerdorf. Sein Einsatz für den Erhalt des heute einzigen vor der Überbauung geretteten Kastells am [[Neckar-Odenwald-Limes|Neckarlimes]] war 1974 die Grundlage für dessen Ernennung zum [[Kulturdenkmal]]. Planck unterstützte zudem die Konzeption des [[Römisches Museum mit Archäologischem Park Köngen|Römerparks und des Museums]] in [[Köngen]].<ref>''[[Archäologie in Deutschland]]'', Ausgabe 2/2006. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart. S. 72.</ref> Im Herbst 1973 und im Frühjahr 1974 grub das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg unter Plancks Leitung das [[Limestor Dalkingen]] am [[Obergermanisch-Raetischer Limes|Obergermanisch-Rätischen Limes]] aus. 1975 wurde die Anlage der Öffentlichkeit übergeben.<ref>Dieter Planck: ''Restaurierung und Rekonstruktion römischer Bauten in Baden-Württemberg.'' In: Günter Ulbert, Gerhard Weber (Hrsg.): ''Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung''. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0450-0, S. 130–152, hier: S. 140.</ref> Die Erkenntnisse aus dieser Arbeit brachten teils gänzlich neue Aspekte für die römische Grenzforschung. Das Limestor Dalkingen wurde 2005 zusammen mit den Grenzanlagen ein [[UNESCO-Welterbe|UNESCO-Weltkulturerbe]] und ist 2006 zum Kulturdenkmal erklärt worden.<ref>{{Internetquelle |autor=Landratsamt Ostalbkreis |url=http://www.limestor-dalkingen.de/sixcms/detail.php?_topnav=38&_sub1=166&_sub2=100841&_sub3=87579&_sub4=-1&id=121573 |titel=Limestor Rainau-Dalkingen |abruf=2021-01-01 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20140207135852/http://www.limestor-dalkingen.de/sixcms/detail.php?_topnav=38&_sub1=166&_sub2=100841&_sub3=87579&_sub4=-1&id=121573 |archiv-datum=2014-02-07}}</ref> In den Jahren 1976 bis 1981 arbeitete Planck am [[Kastelle von Welzheim#Ostkastell|Ostkastell]] in [[Welzheim]], wobei sich die Grabungen auf die Wehrmauern konzentrierten, um das Lagerinnere als archäologisches Reservat zu erhalten. In den dort entdeckten antiken Brunnen konnten teils spektakuläre Funde gemacht werden. Mit [[Dietwulf Baatz]] unter anderem <!-- Ist "und anderen" gemeint? --> war er an der Rekonstruktion des Westtores der Anlage beteiligt, das 1983 der Öffentlichkeit übergeben wurde.<ref>Dieter Planck: ''Restaurierung und Rekonstruktion römischer Bauten in Baden-Württemberg.'' In: Günter Ulbert, Gerhard Weber (Hrsg.): ''Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung.'' Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0450-0, S. 130–152, hier: S. 149ff.</ref> Von 1979 bis 1989 war Dieter Planck Leiter der Ausgrabungen und der Konservierung des Stabsgebäudes ([[Principia (Stabsgebäude)|Principia]]) am [[Limesmuseum Aalen]].<br />
<br />
== Mitgliedschaften ==<br />
Seit 1964 war Planck Mitglied der Studentenverbindung [[Akademische Gesellschaft Stuttgardia Tübingen]]. Er war von 1988 bis 2003 Vorsitzender des ''[[Verband der Landesarchäologien|Verbandes der Landesarchäologen]] in der Bundesrepublik Deutschland''. Planck war seit 1975 Korrespondierendes Mitglied und seit 1981 Ordentliches Mitglied des [[Deutsches Archäologisches Institut|Deutschen Archäologischen Instituts]] und seit 1980 der [[Römisch-Germanische Kommission|Römisch-Germanischen Kommission]]. Er ist Gründungsmitglied der [[Deutsche Limeskommission|Deutschen Limeskommission]] und war von 2003 bis 2009 deren Vorsitzender. Er fungierte von 1988 bis 2014 als Vorsitzender der [[Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg|Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern]], deren Ehrenvorsitzender er bis zu seinem Tod im Jahr 2025 war.<ref>{{Internetquelle |autor=Website der Gesellschaft für Archäologie |url=https://www.gesellschaft-archaeologie.de/impressum.html |titel=Impressum |werk=www.gesellschaft-archaeologie.de |hrsg=Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg e. V. |abruf=2025-07-05}}</ref> Bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand 2009 war er als Vorsitzender der Jury des [[Archäologie-Preis Baden-Württemberg|Archäologie-Preises Baden-Württemberg]] tätig. Planck war jahrelang Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Zeitschrift [[Archäologie in Deutschland]] sowie Mitglied des Vorstandes der [[Wissenschaftliche Buchgesellschaft|Wissenschaftlichen Buchgesellschaft]], dessen kommissarischer Vorsitzender er nach dem Tod des Vorsitzenden [[Gert Haller]] im Jahr 2012 war.<ref>{{Webarchiv | url=http://www.wbg-darmstadt.de/WBGCMS/php/Proxy.php?purl=%2Fde_DE%2Fwbg%2Fsecond%2FPresse%2Fshow%2C1655.html | wayback=20120603102704 | text=Dr. Gert Haller, Vorstandsvorsitzender der WBG ist gestorben}}</ref> 2010 initiierte er die Gründung der [[Förderstiftung Archäologie in Baden-Württemberg]] und war bis November 2022 deren Vorsitzender. Als Ehrenmitglied gehörte er ebenfalls dem Kuratorium der [[Denkmalstiftung Baden-Württemberg]] an.<ref>{{Internetquelle |url=https://denkmalstiftung-baden-wuerttemberg.de/stiftung/ |titel=Mitgliederliste der Gremien – Kuratorium |werk=www.denkmalstiftung-baden-wuerttemberg.de |hrsg=Denkmalstiftung Baden-Württemberg |abruf=2021-05-15}}</ref><br />
<br />
== Auszeichnungen ==<br />
* 2006: ''Daniel-Pfisterer-Preis'' des Geschichts- und Kulturvereins Köngen für seine Verdienste um das römische Erbe der Stadt<ref>''Archäologie in Deutschland.'' Ausgabe 2/2006. Theiss, Stuttgart 2006, S. 72.</ref><br />
* 2010: ''Große Ehrenplakette in Silber'' der Stadt Aalen im Rahmen der Eröffnung einer Sonderausstellung im [[Limesmuseum Aalen]]<br />
* 2013: Ernennung zum Komtur des päpstlichen [[Silvesterorden]]s ''(Ordo Sancti Silvestri Papae)''<ref>{{Webarchiv|url=http://www.johanniter.de/fileadmin/user_upload/Bilder/Orden/Genossenschaften/B-W-Kommende/Downloads/Joh128_Dez2013_Heft_I.pdf#page=44 |wayback=20171108210204 |text=''Der Johanniterorden in Baden-Württemberg.''}} Nr. 128, Dezember 2013, S. 43.</ref><br />
* 2014: [[Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg]]<br />
* 2014: Ernennung zum Ehrenvorsitzenden der [[Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg|Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern]]<br />
* 2023: ''Ehrenmedaille in Silber'' der Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern<ref>{{Internetquelle |url=https://www.gesellschaft-archaeologie.de/vortr%C3%A4ge-einzelansicht/kein-stuttgart-ohne-cannstatt-die-roemischen-wurzeln-der-heutigen-landeshauptstadt.html |titel=Kein Stuttgart ohne Cannstatt – Die römischen Wurzeln der heutigen Landeshauptstadt |hrsg=Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern |datum=2023-02-16 |sprache=de |abruf=2023-02-26}}</ref><br />
<br />
== Veröffentlichungen (Auswahl) ==<br />
* ''Das Rottweiler Römerbad'' (= ''Kleine Schriften des Stadtarchivs Rottweil.'' Band 2). Stadtarchiv Rottweil, Rottweil 1972.<br />
* ''Arae Flaviae 1: Neue Untersuchungen zur Geschichte des römischen Rottweil'' (= ''Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg.'' Band 6). 2 Teilbände, Müller und Gräff, Stuttgart 1975, ISBN 3-87532-061-1 und ISBN 3-87532-062-X (Dissertation).<br />
* ''Neue Ausgrabungen am Limes'' (= ''Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands.'' Nummer 12). Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern/Landesmuseum, Stuttgart 1975.<br />
* mit Willi Beck: ''Der Limes in Südwestdeutschland. Limeswanderung Mainz – Rems – Wörnitz.'' Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0242-7. 2. völlig neubearbeitete Auflage, ebenda 1987, ISBN 3-8062-0496-9.<br />
* mit [[Udelgard Körber-Grohne]], [[Mostefa Kokabi]], Ulrike Piening: ''Flora und Fauna im Ostkastell von Welzheim'' (= ''Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg.'' Band 14). Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1983.<br />
* ''Das Freilichtmuseum am Rätischen Limes im Ostalbkreis'' (= ''Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg.'' Band 9). Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0223-0.<br />
* als Redakteur: ''Der Keltenfürst von Hochdorf. Methoden und Ergebnisse der Landesarchäologie.'' Theiss, Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0441-1.<br />
* ''Das römische Walheim. Ausgrabungen 1980–1988'' (= ''Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg.'' Heft 18). Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 1991, ISBN 3-927714-10-0.<br />
* mit [[Otto Braasch]], [[Judith Oexle]], [[Helmut Schlichtherle]]: ''Unterirdisches Baden-Württemberg. 250.000 Jahre Geschichte und Archäologie im Luftbild.'' Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-0497-7.<br />
* mit [[Andreas Thiel (Archäologe)|Andreas Thiel]]: ''Das Limes-Lexikon. Roms Grenzen von A bis Z.'' Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-56816-9.<br />
* ''Das Limestor bei Dalkingen'' (= ''Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg.'' Band 129). Theiss, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8062-3033-8.<br />
; Herausgeber<br />
Herausgeber zahlreicher Werke zur Archäologie Baden-Württembergs<br />
* als Herausgeber: ''Archäologie in Württemberg. Ergebnisse und Perspektiven archäologischen Forschung von der Altsteinzeit bis zur Neuzeit'', Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0542-6.<br />
* als Herausgeber: ''Archäologie in Baden-Württemberg. Das Archäologische Landesmuseum, Außenstelle Konstanz.'' Theiss, Stuttgart 1994, ISBN 3-8062-1168-X.<br />
* als Herausgeber: ''Die Römer in Baden-Württemberg: Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten.'' Konrad Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Jörg Biel]], [[Jörg Heiligmann]], [[Dirk Krausse]] (Hrsg.): ''Landesarchäologie. Festschrift für Dieter Planck'' (=&nbsp;''Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg.'' Band 100). Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2331-6. ([[Festschrift]] mit biographischer Würdigung auf S. 17–19 und Schriftenverzeichnis auf S. 25–37).<br />
* Dirk Krausse, Ulrike Plate, [[Claus Wolf (Denkmalpfleger)|Claus Wolf]]: ''Nachruf Dieter Planck (* 14.8.1944, † 1.7.2025)''. In: ''[[Denkmalpflege in Baden-Württemberg]].'' Jg. 54, 2025, Heft 4, S.&nbsp;280–281. ([https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/issue/view/7521 Digitalisat])<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|audio=0|video=0}}<br />
* {{DNB-Portal|108260062}}<br />
* {{Internetquelle |autor=Karlheinz Geppert |url=https://www.swp.de/lokales/rottenburg/nachruf-auf-dieter-blanck-leidenschaftlicher-archaeologe-engagierten-denkmalpfleger-78176219.html |titel=Nachruf auf Dieter Planck: Leidenschaftlicher Archäologe, engagierter Denkmalpfleger |werk=swp.de |datum=2025-07-10 |abruf=2025-07-12 |abruf-verborgen=ja}}<br />
<br />
== Nachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=108260062|LCCN=n83012183|VIAF=54186647}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Planck, Dieter}}<br />
[[Kategorie:Provinzialrömischer Archäologe]]<br />
[[Kategorie:Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg]]<br />
[[Kategorie:Denkmalpfleger (Deutschland)]]<br />
[[Kategorie:Hochschullehrer (Universität Stuttgart)]]<br />
[[Kategorie:Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Römisch-Germanischen Kommission]]<br />
[[Kategorie:Museumsleiter (Deutschland)]]<br />
[[Kategorie:Behördenleiter]]<br />
[[Kategorie:Träger des Verdienstordens des Landes Baden-Württemberg]]<br />
[[Kategorie:Person (Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg)]]<br />
[[Kategorie:Deutsche Limeskommission]]<br />
[[Kategorie:Person (Rottenburg am Neckar)]]<br />
[[Kategorie:Person (Limesmuseum Aalen)]]<br />
[[Kategorie:Korporierter (Studentenverbindung)]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Deutschen Limeskommission]]<br />
[[Kategorie:Deutscher]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1944]]<br />
[[Kategorie:Gestorben 2025]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Planck, Dieter<br />
|ALTERNATIVNAMEN=<br />
|KURZBESCHREIBUNG=deutscher Archäologe mit Schwerpunkt Provinzialrömische Archäologie<br />
|GEBURTSDATUM=14. August 1944<br />
|GEBURTSORT=[[Rottenburg am Neckar]]<br />
|STERBEDATUM=1. Juli 2025<br />
|STERBEORT=[[Stuttgart]]<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Legion_(D%C3%A4mon)&diff=264610490Legion (Dämon)2026-02-23T01:48:26Z<p>Procopius: /* Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine.jpg|mini|Illustration von [[Julius Schnorr von Carolsfeld]], 1860]]<br />
[[Datei:Straßburger Münster, Glasmalerei, II-12.jpg|mini|Straßburger Münster, Glasmalerei (14.&nbsp;Jahrhundert)]]<br />
'''Legion''' ({{grcS|Λεγιών}}, seltenere [[Textvariante]]: {{lang|grc|Λεγεών|Legeon}}<ref>Vergleiche BibleHub.com, {{lang|en|''Parallel Greek Texts''}}: [https://biblehub.com/texts/luke/8-30.htm Luke&nbsp;8:30] und [https://biblehub.com/texts/mark/5-9.htm Mark&nbsp;5:9].</ref>), auch der '''Dämon von Gadara''', oder übersetzt '''Viele''', bezeichnet eine im [[Neues Testament|Neuen Testament]] der [[Bibel]] erwähnte [[dämon]]ische Erscheinung. In den Evangelien nach [[Evangelium nach Markus|Markus]] und [[Evangelium nach Lukas|Lukas]] wird ein Mann beschrieben, [[Besessenheit|besessen]] von vielen Dämonen. Im Gegensatz dazu berichtet das [[Evangelium nach Matthäus]] von zwei Besessenen, außerdem wird nicht der Name „Legion“ verwendet.<br />
<br />
== Die Geschichte ==<br />
Nach der [[Biblische Erzählung|biblischen Erzählung]] über die Heilung des (bzw. der) Besessenen von Gerasa, die auch als „Schweineperikope“ oder „Schweineepisode“ bezeichnet wird,<ref>Veronika Tropper: ''Auseinandersetzung mit der Exegese nach Drewermann am Beispiel der „Schweineperikope“ Mk&nbsp;5,1–20.'' In: ''Protokolle zur Bibel'' 20 (2011), S.&nbsp;125–142 [https://www.protokollezurbibel.at/index.php/pzb/article/view/2361 (online)]; [[Gerd Häfner]]: ''Zu Mk&nbsp;5,1–20: Der Besessene von Gerasa.'' In: ''Lectio brevior'', 19.&nbsp;Juni 2011 [https://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html (online)].</ref> bereiste [[Jesus von Nazaret|Jesus]] „das Gebiet von [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]]“ (laut Matthäus, in Markus und Lukas „das Gebiet von [[Gerasa]]“, allerdings liegt nur Gadara nahe beim [[See Genezareth]]), traf dort den/die Besessenen und sprach mit den Dämonen.<br />
<br />
Im Evangelium nach Markus ist zu lesen:<br />
:Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er sprach zu ihm: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele. {{Bibel|Markus|5|9|ELB}}<br />
<br />
Ähnlich im Evangelium nach Lukas:<br />
:Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn er war von vielen Dämonen besessen. {{Bibel|Lukas|8|30|ELB}}<br />
<br />
Eine [[römische Legion]] hatte damals eine Sollstärke von etwa 5500 Soldaten. Die Dämonen identifizieren Jesus als „Sohn Gottes“ und bitten ihn, sie nicht in die bodenlose Tiefe „''[[abyssos]]''“ {{Bibel|Lukas|8|31|EU}} zu schicken. In Markus 5,10 wird hingegen das griechische Wort ''[[Chora (Philosophie)|chora]]'' verwendet, das mit ‚Gegend‘ übersetzt wird, aber auch einen leeren Raum beschreiben konnte. Tatsächlich steht in den griechischen Urtexten kein Wort für das Jenseits, wie zum Beispiel ''[[Scheol|sheol]]'', ''[[Gehinnom|Gehenna]]'', ''[[Unterwelt der griechischen Mythologie|Hades]]'' oder ''[[Tartaros]]''.<br />
<br />
Jesus trieb die Dämonen aus ([[Apopompe]]) und kam gleichzeitig ihrer Bitte nach: Er erlaubte ihnen, in eine Schweineherde einzufahren. Die 2000 [[Hausschwein|Schweine]] stürmten daraufhin in den nahen [[See Genezareth]], wo sie ertranken. Die Schweinehirten flohen und erzählten das Vorkommnis in der Stadt, woraufhin die Bürger den Geheilten und Jesus aufsuchten, „sich fürchteten“ und Jesus baten, ihr Gebiet der [[Dekapolis]] zu verlassen. Der Geheilte wollte sich Jesus anschließen, aber Jesus schickte ihn aus, diese Geschichte bekannt zu machen.<br />
<!-------hat das irgendwelche Relevanz?<br />
== Deutungen ==<br />
[[John Dominic Crossan]] glaubt, die Geschichte könne eine [[Parabel (Sprache)|Parabel]] für den Widerstand gegen die [[Römisches Reich|römische]] Herrschaft sein. Das wäre eine Erklärung, warum in den Evangelien jeweils [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], [[Gerasa]] und [[Gergesa]] als Ort der Handlung angegeben werden: Alle drei stünden synonym für [[Caesarea Maritima|Caesarea]], den Sitz des römischen Procurators und Ort des tatsächlichen Geschehens. Diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Originalität, aber sie ist alles andere als plausibel: Alle drei [[Synoptiker]] lokalisieren das Ereignis am See Genezareth, dem „Galiläischen Meer“ – Caesarea Maritima liegt aber an der Küste des Mittelmeers, und zwar in Samarien. Auch dürfte keinem griechisch Sprechenden der Fehler unterlaufen, Caesarea zu meinen und Gerasa (so bei Mk und Lk) bzw. Gadara (so bei Mt) zu schreiben.<br />
<br />
In seinem Buch ''[[Das Messias-Rätsel]]'' entwickelt Joseph Atwill eine andere Deutung. Die Geschichte könne demnach eine Darstellung von [[Vespasian|Titus Flavius Vespasianus]] (als der [[Messias]]) sein, seinen römischen Legionen im Kampf gegen die [[Zelot]]en und deren Aufstand in Caesarea Maritima (siehe auch [[Jüdischer Krieg]]).<br />
<br />
Die Schweine könnten auch eine Anspielung auf die [[Legio X Fretensis]] sein, die ab dem Jahr&nbsp;66 an vielfältigen Kampfhandlungen im Rahmen des Jüdischen Krieges beteiligt war und unter anderem einen Eber als Heeressymbol verwendete.<ref>M. Klinghardt, Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hintergrund von Mk. 5,1-20, ZNW 98 (2007), 28-48.</ref> Auch die in Mk 5,13 angegebene Zahl der Schweine („ungefähr 2000“), lässt sich als Indiz für die Plausibilität dieser These werten, da die Legio X Fretensis in der Anfangsphase des jüdischen Krieges nicht in Vollstärke involviert war, sondern nur mit einer 2000 Legionäre starken [[Vexillation]].<ref>M. Lau, Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe »ungefähr Zweitausend« (Mk 5,13), Bib. 88 (2007), 351-364</ref><br />
<br />
Der Theologe [[Dennis MacDonald]] erklärte einige erzählerische Elemente des Markusevangeliums damit, dass Homers [[Odyssee]] und [[Ilias]] zu Grunde liegen.<ref>{{Literatur |Autor=Macdonald, Dennis R. |Titel=Homeric epics and the gospel of mark. |Verlag=Yale University Press |Datum=2010 |ISBN=0-300-17261-3}}</ref><br />
-------------><br />
<br />
== Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) ==<br />
* [[William Peter Blatty]]s Romanvorlage zu ''[[Der Exorzist III]]'' trägt den Namen ''Legion''.<br />
* Seit 1997 tritt Legion häufig als Antagonist in der Videospielreihe ''[[Castlevania]]'' auf,<ref>[https://castlevania.fandom.com/wiki/Legion Legion], Castlevania Wiki ([[Fandom (Website)|Fandom]])</ref> zumeist als Bossgegner. Dabei hat Legion in der Regel die Gestalt einer schwebenden Masse aus kaum voneinander unterscheidbaren humanoiden Körpern, die an Untote erinnern.<br />
* In der Comicverfilmung ''[[Ghost Rider (Film)|Ghost Rider]]'' nennt sich der Charakter [[Figuren aus dem Marvel-Universum#Blackheart|Blackheart]] selbst Legion, nachdem er am Ende des Films 1000 Seelen absorbiert hat. Er verwendet auch die Worte „…&nbsp;denn wir sind viele.“<br />
* Der [[Endgegner]] des Videospiels ''[[Shadow Man (Computerspiel)|Shadow Man]]'' aus dem Jahr 1999 heißt Legion. Er benutzt häufig die Phrase „Denn unser sind viele“; es wird innerhalb des Spiels auch auf die Bibelstelle Markus&nbsp;5,9 verwiesen.<br />
* Die deutsche Band [[Tocotronic]] veröffentlichte 2007 auf ihrem Album ''[[Kapitulation (Album)|Kapitulation]]'' den Song ''Wir sind viele'' mit der Textzeile „Wir sind viele&nbsp;/ Unser Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Ich bin viele'' der deutschen Metal-Band [[Eisregen (Band)|Eisregen]] enthält die Zeile „Denn ich bin viele, mein Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Legion'' der schwedischen [[Power Metal|Power-Metal]]-Band [[Hammerfall]] beinhaltet die Textzeile „My name is Legion, for we are many spirits inside of one“.<br />
* Der Song ''Fürst der Finsternis'' des deutschen Musikprojekts [[E Nomine]] beinhaltet die Textzeile „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele“.<br />
* Ein Charakter in der Videospielreihe ''[[Mass Effect]]'' nennt sich selbst Legion. Er zitiert aus der Bibel: „I am Legion, for we are many“ und findet den Namen passend, da er die repräsentierende Gestalt eines Kollektivs aus tausenden [[Künstliche Intelligenz|KIs]] ist.<br />
* Das Motto des [[Anonymous (Kollektiv)|Internetphänomens Anonymous]] beginnt mit: „Wir sind Anonymous. Wir sind Legion/viele.“<br />
* In der Folge ''Auf Erden wie in der Hölle'' (S2E11) der Fernsehserie [[Salem (Fernsehserie)|Salem]] gibt sich der Dämon, von welchem Mary Sibleys Sohn John besessen ist, als „Legion“ zu erkennen.<br />
* der Film [[Legion (Film)|''Legion'']] von Scott Charles Stewart aus dem Jahr 2010 nimmt direkt Bezug auf den Namen des Dämons.<br />
* In der Serie Riverdale ist der Dämon der Hauptbösewicht der 6.&nbsp;Staffel.<br />
* Im Videospiel Command and Conquer&nbsp;3: Kanes Wrath tritt eine [[Künstliche Intelligenz|KI]] mit dem Namen ''Legion'' auf. Sie besteht aus Bruchstücken einer Alien-KI und ihrem Vorgänger ''Kabal''. Erbaut wurden beide KIs von Kane/<wbr />Kain, dem biblischen Brudermörder.<br />
* Die Textstelle aus Lukas (Kapitel 8 Verse 32–36) wurde von Dostojewski in [[Die Dämonen (Dostojewski)|Die Dämonen]] als [[Motto (Literatur)|Motto]] verwendet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.projekt-gutenberg.org/dostojew/daemone1/daemone1.html |titel=Die Dämonen. Erster Band |abruf=2024-03-30}}</ref><br />
* ''Mein Name ist Legion'' (OT: ''My Name is Legion'') ist der Titel einer [[Science-Fiction]]-[[Anthologie]] von [[Roger Zelazny]], ISBN 3-404-21133-2.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Franz Annen: ''Heil für die Heiden. Zur Bedeutung und Geschichte der Tradition vom besessenen Gerasener''. Knecht, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-7820-0351-3.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* Liste griechischer Phrasen: [[Liste griechischer Phrasen/Lambda#Λεγιὼν ὄνομά μοι.|{{lang|grc|Λεγιὼν ὄνομά μοι.}}]]&nbsp;– „Mein Name ist ''Legion''.“<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Stoffe und Motive (Neues Testament)]]<br />
[[Kategorie:Dämon (Christentum)]]<br />
[[Kategorie:Wunder Jesu]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Legion_(D%C3%A4mon)&diff=264610476Legion (Dämon)2026-02-23T01:44:54Z<p>Procopius: /* Die Geschichte */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine.jpg|mini|Illustration von [[Julius Schnorr von Carolsfeld]], 1860]]<br />
[[Datei:Straßburger Münster, Glasmalerei, II-12.jpg|mini|Straßburger Münster, Glasmalerei (14.&nbsp;Jahrhundert)]]<br />
'''Legion''' ({{grcS|Λεγιών}}, seltenere [[Textvariante]]: {{lang|grc|Λεγεών|Legeon}}<ref>Vergleiche BibleHub.com, {{lang|en|''Parallel Greek Texts''}}: [https://biblehub.com/texts/luke/8-30.htm Luke&nbsp;8:30] und [https://biblehub.com/texts/mark/5-9.htm Mark&nbsp;5:9].</ref>), auch der '''Dämon von Gadara''', oder übersetzt '''Viele''', bezeichnet eine im [[Neues Testament|Neuen Testament]] der [[Bibel]] erwähnte [[dämon]]ische Erscheinung. In den Evangelien nach [[Evangelium nach Markus|Markus]] und [[Evangelium nach Lukas|Lukas]] wird ein Mann beschrieben, [[Besessenheit|besessen]] von vielen Dämonen. Im Gegensatz dazu berichtet das [[Evangelium nach Matthäus]] von zwei Besessenen, außerdem wird nicht der Name „Legion“ verwendet.<br />
<br />
== Die Geschichte ==<br />
Nach der [[Biblische Erzählung|biblischen Erzählung]] über die Heilung des (bzw. der) Besessenen von Gerasa, die auch als „Schweineperikope“ oder „Schweineepisode“ bezeichnet wird,<ref>Veronika Tropper: ''Auseinandersetzung mit der Exegese nach Drewermann am Beispiel der „Schweineperikope“ Mk&nbsp;5,1–20.'' In: ''Protokolle zur Bibel'' 20 (2011), S.&nbsp;125–142 [https://www.protokollezurbibel.at/index.php/pzb/article/view/2361 (online)]; [[Gerd Häfner]]: ''Zu Mk&nbsp;5,1–20: Der Besessene von Gerasa.'' In: ''Lectio brevior'', 19.&nbsp;Juni 2011 [https://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html (online)].</ref> bereiste [[Jesus von Nazaret|Jesus]] „das Gebiet von [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]]“ (laut Matthäus, in Markus und Lukas „das Gebiet von [[Gerasa]]“, allerdings liegt nur Gadara nahe beim [[See Genezareth]]), traf dort den/die Besessenen und sprach mit den Dämonen.<br />
<br />
Im Evangelium nach Markus ist zu lesen:<br />
:Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er sprach zu ihm: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele. {{Bibel|Markus|5|9|ELB}}<br />
<br />
Ähnlich im Evangelium nach Lukas:<br />
:Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn er war von vielen Dämonen besessen. {{Bibel|Lukas|8|30|ELB}}<br />
<br />
Eine [[römische Legion]] hatte damals eine Sollstärke von etwa 5500 Soldaten. Die Dämonen identifizieren Jesus als „Sohn Gottes“ und bitten ihn, sie nicht in die bodenlose Tiefe „''[[abyssos]]''“ {{Bibel|Lukas|8|31|EU}} zu schicken. In Markus 5,10 wird hingegen das griechische Wort ''[[Chora (Philosophie)|chora]]'' verwendet, das mit ‚Gegend‘ übersetzt wird, aber auch einen leeren Raum beschreiben konnte. Tatsächlich steht in den griechischen Urtexten kein Wort für das Jenseits, wie zum Beispiel ''[[Scheol|sheol]]'', ''[[Gehinnom|Gehenna]]'', ''[[Unterwelt der griechischen Mythologie|Hades]]'' oder ''[[Tartaros]]''.<br />
<br />
Jesus trieb die Dämonen aus ([[Apopompe]]) und kam gleichzeitig ihrer Bitte nach: Er erlaubte ihnen, in eine Schweineherde einzufahren. Die 2000 [[Hausschwein|Schweine]] stürmten daraufhin in den nahen [[See Genezareth]], wo sie ertranken. Die Schweinehirten flohen und erzählten das Vorkommnis in der Stadt, woraufhin die Bürger den Geheilten und Jesus aufsuchten, „sich fürchteten“ und Jesus baten, ihr Gebiet der [[Dekapolis]] zu verlassen. Der Geheilte wollte sich Jesus anschließen, aber Jesus schickte ihn aus, diese Geschichte bekannt zu machen.<br />
<!-------hat das irgendwelche Relevanz?<br />
== Deutungen ==<br />
[[John Dominic Crossan]] glaubt, die Geschichte könne eine [[Parabel (Sprache)|Parabel]] für den Widerstand gegen die [[Römisches Reich|römische]] Herrschaft sein. Das wäre eine Erklärung, warum in den Evangelien jeweils [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], [[Gerasa]] und [[Gergesa]] als Ort der Handlung angegeben werden: Alle drei stünden synonym für [[Caesarea Maritima|Caesarea]], den Sitz des römischen Procurators und Ort des tatsächlichen Geschehens. Diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Originalität, aber sie ist alles andere als plausibel: Alle drei [[Synoptiker]] lokalisieren das Ereignis am See Genezareth, dem „Galiläischen Meer“ – Caesarea Maritima liegt aber an der Küste des Mittelmeers, und zwar in Samarien. Auch dürfte keinem griechisch Sprechenden der Fehler unterlaufen, Caesarea zu meinen und Gerasa (so bei Mk und Lk) bzw. Gadara (so bei Mt) zu schreiben.<br />
<br />
In seinem Buch ''[[Das Messias-Rätsel]]'' entwickelt Joseph Atwill eine andere Deutung. Die Geschichte könne demnach eine Darstellung von [[Vespasian|Titus Flavius Vespasianus]] (als der [[Messias]]) sein, seinen römischen Legionen im Kampf gegen die [[Zelot]]en und deren Aufstand in Caesarea Maritima (siehe auch [[Jüdischer Krieg]]).<br />
<br />
Die Schweine könnten auch eine Anspielung auf die [[Legio X Fretensis]] sein, die ab dem Jahr&nbsp;66 an vielfältigen Kampfhandlungen im Rahmen des Jüdischen Krieges beteiligt war und unter anderem einen Eber als Heeressymbol verwendete.<ref>M. Klinghardt, Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hintergrund von Mk. 5,1-20, ZNW 98 (2007), 28-48.</ref> Auch die in Mk 5,13 angegebene Zahl der Schweine („ungefähr 2000“), lässt sich als Indiz für die Plausibilität dieser These werten, da die Legio X Fretensis in der Anfangsphase des jüdischen Krieges nicht in Vollstärke involviert war, sondern nur mit einer 2000 Legionäre starken [[Vexillation]].<ref>M. Lau, Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe »ungefähr Zweitausend« (Mk 5,13), Bib. 88 (2007), 351-364</ref><br />
<br />
Der Theologe [[Dennis MacDonald]] erklärte einige erzählerische Elemente des Markusevangeliums damit, dass Homers [[Odyssee]] und [[Ilias]] zu Grunde liegen.<ref>{{Literatur |Autor=Macdonald, Dennis R. |Titel=Homeric epics and the gospel of mark. |Verlag=Yale University Press |Datum=2010 |ISBN=0-300-17261-3}}</ref><br />
-------------><br />
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== Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) ==<br />
* [[William Peter Blatty]]s Romanvorlage zu ''[[Der Exorzist III]]'' trägt den Namen ''Legion''.<br />
* Seit 1997 tritt Legion häufig als Antagonist in der Videospielreihe ''[[Castlevania]]'' auf,<ref>[https://castlevania.fandom.com/wiki/Legion Legion], Castlevania Wiki ([[Fandom (Website)|Fandom]])</ref> zumeist als Bossgegner. Dabei hat Legion in der Regel die Gestalt einer schwebenden Masse aus kaum voneinander unterscheidbaren humanoiden Körpern, die an Untote erinnern.<br />
* In der Comicverfilmung ''[[Ghost Rider (Film)|Ghost Rider]]'' nennt sich der Charakter [[Figuren aus dem Marvel-Universum#Blackheart|Blackheart]] selbst Legion, nachdem er am Ende des Films 1000 Seelen absorbiert hat. Er verwendet auch die Worte „…&nbsp;denn wir sind viele.“<br />
* Der [[Endgegner]] des Videospiels ''[[Shadow Man (Computerspiel)|Shadow Man]]'' aus dem Jahr 1999 heißt Legion. Er benutzt häufig die Phrase „Denn unser sind viele“; es wird innerhalb des Spiels auch auf die Bibelstelle Markus&nbsp;5,9 verwiesen.<br />
* Die deutsche Band [[Tocotronic]] veröffentlichte 2007 auf ihrem Album ''[[Kapitulation (Album)|Kapitulation]]'' den Song ''Wir sind viele'' mit der Textzeile „Wir sind viele&nbsp;/ Unser Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Ich bin viele'' der deutschen Metal-Band [[Eisregen (Band)|Eisregen]] enthält die Zeile „Denn ich bin viele, mein Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Legion'' der schwedischen [[Power Metal|Power-Metal]]-Band [[Hammerfall]] beinhaltet die Textzeile „My name is Legion, for we are many spirits inside of one“.<br />
* Der Song ''Fürst der Finsternis'' des deutschen Musikprojekts [[E Nomine]] beinhaltet die Textzeile „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele“.<br />
* Ein Charakter in der Videospielreihe ''[[Mass Effect]]'' nennt sich selbst Legion. Er zitiert aus der Bibel: „I am Legion, for we are many“ und findet den Namen passend, da er die repräsentierende Gestalt eines Kollektivs aus tausenden [[Künstliche Intelligenz|KIs]] ist.<br />
* Das Motto des [[Anonymous (Kollektiv)|Internetphänomens Anonymous]] beginnt mit: „Wir sind Anonymous. Wir sind Legion/viele.“<br />
* In der Folge ''Auf Erden wie in der Hölle'' (S2E11) der Fernsehserie [[Salem (Fernsehserie)|Salem]] gibt sich der Dämon, von welchem Mary Sibleys Sohn John besessen ist, als „Legion“ zu erkennen.<br />
* In der Serie Riverdale ist der Dämon der Hauptbösewicht der 6.&nbsp;Staffel.<br />
* Im Videospiel Command and Conquer&nbsp;3: Kanes Wrath tritt eine [[Künstliche Intelligenz|KI]] mit dem Namen ''Legion'' auf. Sie besteht aus Bruchstücken einer Alien-KI und ihrem Vorgänger ''Kabal''. Erbaut wurden beide KIs von Kane/<wbr />Kain, dem biblischen Brudermörder.<br />
* Die Textstelle aus Lukas (Kapitel 8 Verse 32–36) wurde von Dostojewski in [[Die Dämonen (Dostojewski)|Die Dämonen]] als [[Motto (Literatur)|Motto]] verwendet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.projekt-gutenberg.org/dostojew/daemone1/daemone1.html |titel=Die Dämonen. Erster Band |abruf=2024-03-30}}</ref><br />
* ''Mein Name ist Legion'' (OT: ''My Name is Legion'') ist der Titel einer [[Science-Fiction]]-[[Anthologie]] von [[Roger Zelazny]], ISBN 3-404-21133-2.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Franz Annen: ''Heil für die Heiden. Zur Bedeutung und Geschichte der Tradition vom besessenen Gerasener''. Knecht, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-7820-0351-3.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* Liste griechischer Phrasen: [[Liste griechischer Phrasen/Lambda#Λεγιὼν ὄνομά μοι.|{{lang|grc|Λεγιὼν ὄνομά μοι.}}]]&nbsp;– „Mein Name ist ''Legion''.“<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Stoffe und Motive (Neues Testament)]]<br />
[[Kategorie:Dämon (Christentum)]]<br />
[[Kategorie:Wunder Jesu]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Legion_(D%C3%A4mon)&diff=264610471Legion (Dämon)2026-02-23T01:43:57Z<p>Procopius: /* Die Geschichte */</p>
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<div>[[Datei:Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine.jpg|mini|Illustration von [[Julius Schnorr von Carolsfeld]], 1860]]<br />
[[Datei:Straßburger Münster, Glasmalerei, II-12.jpg|mini|Straßburger Münster, Glasmalerei (14.&nbsp;Jahrhundert)]]<br />
'''Legion''' ({{grcS|Λεγιών}}, seltenere [[Textvariante]]: {{lang|grc|Λεγεών|Legeon}}<ref>Vergleiche BibleHub.com, {{lang|en|''Parallel Greek Texts''}}: [https://biblehub.com/texts/luke/8-30.htm Luke&nbsp;8:30] und [https://biblehub.com/texts/mark/5-9.htm Mark&nbsp;5:9].</ref>), auch der '''Dämon von Gadara''', oder übersetzt '''Viele''', bezeichnet eine im [[Neues Testament|Neuen Testament]] der [[Bibel]] erwähnte [[dämon]]ische Erscheinung. In den Evangelien nach [[Evangelium nach Markus|Markus]] und [[Evangelium nach Lukas|Lukas]] wird ein Mann beschrieben, [[Besessenheit|besessen]] von vielen Dämonen. Im Gegensatz dazu berichtet das [[Evangelium nach Matthäus]] von zwei Besessenen, außerdem wird nicht der Name „Legion“ verwendet.<br />
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== Die Geschichte ==<br />
Nach der [[Biblische Erzählung|biblischen Erzählung]] über die Heilung des (bzw. der) Besessenen von Gerasa, die auch als „Schweineperikope“ oder „Schweineepisode“ bezeichnet wird,<ref>Veronika Tropper: ''Auseinandersetzung mit der Exegese nach Drewermann am Beispiel der „Schweineperikope“ Mk&nbsp;5,1–20.'' In: ''Protokolle zur Bibel'' 20 (2011), S.&nbsp;125–142 [https://www.protokollezurbibel.at/index.php/pzb/article/view/2361 (online)]; [[Gerd Häfner]]: ''Zu Mk&nbsp;5,1–20: Der Besessene von Gerasa.'' In: ''Lectio brevior'', 19.&nbsp;Juni 2011 [https://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html (online)].</ref> bereiste [[Jesus von Nazaret|Jesus]] „das Gebiet von [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]]“ (laut Matthäus, in Markus und Lukas „das Gebiet von [[Gerasa]]“, allerdings liegt nur Gadara nahe beim [[See Genezareth]]), traf dort den/die Besessenen und sprach mit den Dämonen.<br />
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Im Evangelium nach Markus ist zu lesen:<br />
:Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er spricht zu ihm: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele. {{Bibel|Markus|5|9|ELB}}<br />
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Ähnlich im Evangelium nach Lukas:<br />
:Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn er war von vielen Dämonen besessen. {{Bibel|Lukas|8|30|ELB}}<br />
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Eine [[römische Legion]] hatte damals eine Sollstärke von etwa 5500 Soldaten. Die Dämonen identifizieren Jesus als „Sohn Gottes“ und bitten ihn, sie nicht in die bodenlose Tiefe „''[[abyssos]]''“ {{Bibel|Lukas|8|31|EU}} zu schicken. In Markus 5,10 wird hingegen das griechische Wort ''[[Chora (Philosophie)|chora]]'' verwendet, das mit ‚Gegend‘ übersetzt wird, aber auch einen leeren Raum beschreiben konnte. Tatsächlich steht in den griechischen Urtexten kein Wort für das Jenseits, wie zum Beispiel ''[[Scheol|sheol]]'', ''[[Gehinnom|Gehenna]]'', ''[[Unterwelt der griechischen Mythologie|Hades]]'' oder ''[[Tartaros]]''.<br />
<br />
Jesus trieb die Dämonen aus ([[Apopompe]]) und kam gleichzeitig ihrer Bitte nach: Er erlaubte ihnen, in eine Schweineherde einzufahren. Die 2000 [[Hausschwein|Schweine]] stürmten daraufhin in den [[See Genezareth]], wo sie ertranken. Die Schweinehirten flohen und erzählten das Vorkommnis in der Stadt, woraufhin die Bürger den Geheilten und Jesus aufsuchten, „sich fürchteten“ und Jesus baten, ihr Gebiet der [[Dekapolis]] zu verlassen. Der Geheilte wollte sich Jesus anschließen, aber Jesus schickte ihn aus, diese Geschichte bekannt zu machen.<br />
<!-------hat das irgendwelche Relevanz?<br />
== Deutungen ==<br />
[[John Dominic Crossan]] glaubt, die Geschichte könne eine [[Parabel (Sprache)|Parabel]] für den Widerstand gegen die [[Römisches Reich|römische]] Herrschaft sein. Das wäre eine Erklärung, warum in den Evangelien jeweils [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], [[Gerasa]] und [[Gergesa]] als Ort der Handlung angegeben werden: Alle drei stünden synonym für [[Caesarea Maritima|Caesarea]], den Sitz des römischen Procurators und Ort des tatsächlichen Geschehens. Diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Originalität, aber sie ist alles andere als plausibel: Alle drei [[Synoptiker]] lokalisieren das Ereignis am See Genezareth, dem „Galiläischen Meer“ – Caesarea Maritima liegt aber an der Küste des Mittelmeers, und zwar in Samarien. Auch dürfte keinem griechisch Sprechenden der Fehler unterlaufen, Caesarea zu meinen und Gerasa (so bei Mk und Lk) bzw. Gadara (so bei Mt) zu schreiben.<br />
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In seinem Buch ''[[Das Messias-Rätsel]]'' entwickelt Joseph Atwill eine andere Deutung. Die Geschichte könne demnach eine Darstellung von [[Vespasian|Titus Flavius Vespasianus]] (als der [[Messias]]) sein, seinen römischen Legionen im Kampf gegen die [[Zelot]]en und deren Aufstand in Caesarea Maritima (siehe auch [[Jüdischer Krieg]]).<br />
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Die Schweine könnten auch eine Anspielung auf die [[Legio X Fretensis]] sein, die ab dem Jahr&nbsp;66 an vielfältigen Kampfhandlungen im Rahmen des Jüdischen Krieges beteiligt war und unter anderem einen Eber als Heeressymbol verwendete.<ref>M. Klinghardt, Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hintergrund von Mk. 5,1-20, ZNW 98 (2007), 28-48.</ref> Auch die in Mk 5,13 angegebene Zahl der Schweine („ungefähr 2000“), lässt sich als Indiz für die Plausibilität dieser These werten, da die Legio X Fretensis in der Anfangsphase des jüdischen Krieges nicht in Vollstärke involviert war, sondern nur mit einer 2000 Legionäre starken [[Vexillation]].<ref>M. Lau, Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe »ungefähr Zweitausend« (Mk 5,13), Bib. 88 (2007), 351-364</ref><br />
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Der Theologe [[Dennis MacDonald]] erklärte einige erzählerische Elemente des Markusevangeliums damit, dass Homers [[Odyssee]] und [[Ilias]] zu Grunde liegen.<ref>{{Literatur |Autor=Macdonald, Dennis R. |Titel=Homeric epics and the gospel of mark. |Verlag=Yale University Press |Datum=2010 |ISBN=0-300-17261-3}}</ref><br />
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== Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) ==<br />
* [[William Peter Blatty]]s Romanvorlage zu ''[[Der Exorzist III]]'' trägt den Namen ''Legion''.<br />
* Seit 1997 tritt Legion häufig als Antagonist in der Videospielreihe ''[[Castlevania]]'' auf,<ref>[https://castlevania.fandom.com/wiki/Legion Legion], Castlevania Wiki ([[Fandom (Website)|Fandom]])</ref> zumeist als Bossgegner. Dabei hat Legion in der Regel die Gestalt einer schwebenden Masse aus kaum voneinander unterscheidbaren humanoiden Körpern, die an Untote erinnern.<br />
* In der Comicverfilmung ''[[Ghost Rider (Film)|Ghost Rider]]'' nennt sich der Charakter [[Figuren aus dem Marvel-Universum#Blackheart|Blackheart]] selbst Legion, nachdem er am Ende des Films 1000 Seelen absorbiert hat. Er verwendet auch die Worte „…&nbsp;denn wir sind viele.“<br />
* Der [[Endgegner]] des Videospiels ''[[Shadow Man (Computerspiel)|Shadow Man]]'' aus dem Jahr 1999 heißt Legion. Er benutzt häufig die Phrase „Denn unser sind viele“; es wird innerhalb des Spiels auch auf die Bibelstelle Markus&nbsp;5,9 verwiesen.<br />
* Die deutsche Band [[Tocotronic]] veröffentlichte 2007 auf ihrem Album ''[[Kapitulation (Album)|Kapitulation]]'' den Song ''Wir sind viele'' mit der Textzeile „Wir sind viele&nbsp;/ Unser Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Ich bin viele'' der deutschen Metal-Band [[Eisregen (Band)|Eisregen]] enthält die Zeile „Denn ich bin viele, mein Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Legion'' der schwedischen [[Power Metal|Power-Metal]]-Band [[Hammerfall]] beinhaltet die Textzeile „My name is Legion, for we are many spirits inside of one“.<br />
* Der Song ''Fürst der Finsternis'' des deutschen Musikprojekts [[E Nomine]] beinhaltet die Textzeile „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele“.<br />
* Ein Charakter in der Videospielreihe ''[[Mass Effect]]'' nennt sich selbst Legion. Er zitiert aus der Bibel: „I am Legion, for we are many“ und findet den Namen passend, da er die repräsentierende Gestalt eines Kollektivs aus tausenden [[Künstliche Intelligenz|KIs]] ist.<br />
* Das Motto des [[Anonymous (Kollektiv)|Internetphänomens Anonymous]] beginnt mit: „Wir sind Anonymous. Wir sind Legion/viele.“<br />
* In der Folge ''Auf Erden wie in der Hölle'' (S2E11) der Fernsehserie [[Salem (Fernsehserie)|Salem]] gibt sich der Dämon, von welchem Mary Sibleys Sohn John besessen ist, als „Legion“ zu erkennen.<br />
* In der Serie Riverdale ist der Dämon der Hauptbösewicht der 6.&nbsp;Staffel.<br />
* Im Videospiel Command and Conquer&nbsp;3: Kanes Wrath tritt eine [[Künstliche Intelligenz|KI]] mit dem Namen ''Legion'' auf. Sie besteht aus Bruchstücken einer Alien-KI und ihrem Vorgänger ''Kabal''. Erbaut wurden beide KIs von Kane/<wbr />Kain, dem biblischen Brudermörder.<br />
* Die Textstelle aus Lukas (Kapitel 8 Verse 32–36) wurde von Dostojewski in [[Die Dämonen (Dostojewski)|Die Dämonen]] als [[Motto (Literatur)|Motto]] verwendet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.projekt-gutenberg.org/dostojew/daemone1/daemone1.html |titel=Die Dämonen. Erster Band |abruf=2024-03-30}}</ref><br />
* ''Mein Name ist Legion'' (OT: ''My Name is Legion'') ist der Titel einer [[Science-Fiction]]-[[Anthologie]] von [[Roger Zelazny]], ISBN 3-404-21133-2.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Franz Annen: ''Heil für die Heiden. Zur Bedeutung und Geschichte der Tradition vom besessenen Gerasener''. Knecht, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-7820-0351-3.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* Liste griechischer Phrasen: [[Liste griechischer Phrasen/Lambda#Λεγιὼν ὄνομά μοι.|{{lang|grc|Λεγιὼν ὄνομά μοι.}}]]&nbsp;– „Mein Name ist ''Legion''.“<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Stoffe und Motive (Neues Testament)]]<br />
[[Kategorie:Dämon (Christentum)]]<br />
[[Kategorie:Wunder Jesu]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Legion_(D%C3%A4mon)&diff=264610469Legion (Dämon)2026-02-23T01:42:56Z<p>Procopius: /* Die Geschichte */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine.jpg|mini|Illustration von [[Julius Schnorr von Carolsfeld]], 1860]]<br />
[[Datei:Straßburger Münster, Glasmalerei, II-12.jpg|mini|Straßburger Münster, Glasmalerei (14.&nbsp;Jahrhundert)]]<br />
'''Legion''' ({{grcS|Λεγιών}}, seltenere [[Textvariante]]: {{lang|grc|Λεγεών|Legeon}}<ref>Vergleiche BibleHub.com, {{lang|en|''Parallel Greek Texts''}}: [https://biblehub.com/texts/luke/8-30.htm Luke&nbsp;8:30] und [https://biblehub.com/texts/mark/5-9.htm Mark&nbsp;5:9].</ref>), auch der '''Dämon von Gadara''', oder übersetzt '''Viele''', bezeichnet eine im [[Neues Testament|Neuen Testament]] der [[Bibel]] erwähnte [[dämon]]ische Erscheinung. In den Evangelien nach [[Evangelium nach Markus|Markus]] und [[Evangelium nach Lukas|Lukas]] wird ein Mann beschrieben, [[Besessenheit|besessen]] von vielen Dämonen. Im Gegensatz dazu berichtet das [[Evangelium nach Matthäus]] von zwei Besessenen, außerdem wird nicht der Name „Legion“ verwendet.<br />
<br />
== Die Geschichte ==<br />
Nach der [[Biblische Erzählung|biblischen Erzählung]] über die Heilung des (bzw. der) Besessenen von Gerasa, die auch als „Schweineperikope“ oder „Schweineepisode“ bezeichnet wird,<ref>Veronika Tropper: ''Auseinandersetzung mit der Exegese nach Drewermann am Beispiel der „Schweineperikope“ Mk&nbsp;5,1–20.'' In: ''Protokolle zur Bibel'' 20 (2011), S.&nbsp;125–142 [https://www.protokollezurbibel.at/index.php/pzb/article/view/2361 (online)]; [[Gerd Häfner]]: ''Zu Mk&nbsp;5,1–20: Der Besessene von Gerasa.'' In: ''Lectio brevior'', 19.&nbsp;Juni 2011 [https://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html (online)].</ref> bereiste [[Jesus von Nazaret|Jesus]] „das Gebiet von [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]]“ (laut Matthäus, in Markus und Lukas „das Gebiet von [[Gerasa]]“, allerdings liegt nur Gadara nahe beim [[See Genezareth]]), traf dort den/die Besessenen und sprach mit den Dämonen.<br />
<br />
Im Evangelium nach Markus ist zu lesen:<br />
:Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er spricht zu ihm: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele. {{Bibel|Markus|5|9|ELB}}<br />
<br />
Ähnlich im Evangelium nach Lukas:<br />
:Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn er war von vielen Dämonen besessen. {{Bibel|Lukas|8|30|ELB}}<br />
<br />
Eine [[römische Legion]] hatte damals eine Sollstärke von etwa 5600 Soldaten. Die Dämonen identifizieren Jesus als „Sohn Gottes“ und bitten ihn, sie nicht in die bodenlose Tiefe „''[[abyssos]]''“ {{Bibel|Lukas|8|31|EU}} zu schicken. In Markus 5,10 wird hingegen das griechische Wort ''[[Chora (Philosophie)|chora]]'' verwendet, das mit ‚Gegend‘ übersetzt wird, aber auch einen leeren Raum beschreiben konnte. Tatsächlich steht in den griechischen Urtexten kein Wort für das Jenseits, wie zum Beispiel ''[[Scheol|sheol]]'', ''[[Gehinnom|Gehenna]]'', ''[[Unterwelt der griechischen Mythologie|Hades]]'' oder ''[[Tartaros]]''.<br />
<br />
Jesus trieb die Dämonen aus ([[Apopompe]]) und kam gleichzeitig ihrer Bitte nach: Er erlaubte ihnen, in eine Schweineherde einzufahren. Die 2000 [[Hausschwein|Schweine]] stürmten daraufhin in den [[See Genezareth]], wo sie ertranken. Die Schweinehirten flohen und erzählten das Vorkommnis in der Stadt, woraufhin die Bürger den Geheilten und Jesus aufsuchten, „sich fürchteten“ und Jesus baten, ihr Gebiet der [[Dekapolis]] zu verlassen. Der Geheilte wollte sich Jesus anschließen, aber Jesus schickte ihn aus, diese Geschichte bekannt zu machen.<br />
<!-------hat das irgendwelche Relevanz?<br />
== Deutungen ==<br />
[[John Dominic Crossan]] glaubt, die Geschichte könne eine [[Parabel (Sprache)|Parabel]] für den Widerstand gegen die [[Römisches Reich|römische]] Herrschaft sein. Das wäre eine Erklärung, warum in den Evangelien jeweils [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], [[Gerasa]] und [[Gergesa]] als Ort der Handlung angegeben werden: Alle drei stünden synonym für [[Caesarea Maritima|Caesarea]], den Sitz des römischen Procurators und Ort des tatsächlichen Geschehens. Diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Originalität, aber sie ist alles andere als plausibel: Alle drei [[Synoptiker]] lokalisieren das Ereignis am See Genezareth, dem „Galiläischen Meer“ – Caesarea Maritima liegt aber an der Küste des Mittelmeers, und zwar in Samarien. Auch dürfte keinem griechisch Sprechenden der Fehler unterlaufen, Caesarea zu meinen und Gerasa (so bei Mk und Lk) bzw. Gadara (so bei Mt) zu schreiben.<br />
<br />
In seinem Buch ''[[Das Messias-Rätsel]]'' entwickelt Joseph Atwill eine andere Deutung. Die Geschichte könne demnach eine Darstellung von [[Vespasian|Titus Flavius Vespasianus]] (als der [[Messias]]) sein, seinen römischen Legionen im Kampf gegen die [[Zelot]]en und deren Aufstand in Caesarea Maritima (siehe auch [[Jüdischer Krieg]]).<br />
<br />
Die Schweine könnten auch eine Anspielung auf die [[Legio X Fretensis]] sein, die ab dem Jahr&nbsp;66 an vielfältigen Kampfhandlungen im Rahmen des Jüdischen Krieges beteiligt war und unter anderem einen Eber als Heeressymbol verwendete.<ref>M. Klinghardt, Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hintergrund von Mk. 5,1-20, ZNW 98 (2007), 28-48.</ref> Auch die in Mk 5,13 angegebene Zahl der Schweine („ungefähr 2000“), lässt sich als Indiz für die Plausibilität dieser These werten, da die Legio X Fretensis in der Anfangsphase des jüdischen Krieges nicht in Vollstärke involviert war, sondern nur mit einer 2000 Legionäre starken [[Vexillation]].<ref>M. Lau, Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe »ungefähr Zweitausend« (Mk 5,13), Bib. 88 (2007), 351-364</ref><br />
<br />
Der Theologe [[Dennis MacDonald]] erklärte einige erzählerische Elemente des Markusevangeliums damit, dass Homers [[Odyssee]] und [[Ilias]] zu Grunde liegen.<ref>{{Literatur |Autor=Macdonald, Dennis R. |Titel=Homeric epics and the gospel of mark. |Verlag=Yale University Press |Datum=2010 |ISBN=0-300-17261-3}}</ref><br />
-------------><br />
<br />
== Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) ==<br />
* [[William Peter Blatty]]s Romanvorlage zu ''[[Der Exorzist III]]'' trägt den Namen ''Legion''.<br />
* Seit 1997 tritt Legion häufig als Antagonist in der Videospielreihe ''[[Castlevania]]'' auf,<ref>[https://castlevania.fandom.com/wiki/Legion Legion], Castlevania Wiki ([[Fandom (Website)|Fandom]])</ref> zumeist als Bossgegner. Dabei hat Legion in der Regel die Gestalt einer schwebenden Masse aus kaum voneinander unterscheidbaren humanoiden Körpern, die an Untote erinnern.<br />
* In der Comicverfilmung ''[[Ghost Rider (Film)|Ghost Rider]]'' nennt sich der Charakter [[Figuren aus dem Marvel-Universum#Blackheart|Blackheart]] selbst Legion, nachdem er am Ende des Films 1000 Seelen absorbiert hat. Er verwendet auch die Worte „…&nbsp;denn wir sind viele.“<br />
* Der [[Endgegner]] des Videospiels ''[[Shadow Man (Computerspiel)|Shadow Man]]'' aus dem Jahr 1999 heißt Legion. Er benutzt häufig die Phrase „Denn unser sind viele“; es wird innerhalb des Spiels auch auf die Bibelstelle Markus&nbsp;5,9 verwiesen.<br />
* Die deutsche Band [[Tocotronic]] veröffentlichte 2007 auf ihrem Album ''[[Kapitulation (Album)|Kapitulation]]'' den Song ''Wir sind viele'' mit der Textzeile „Wir sind viele&nbsp;/ Unser Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Ich bin viele'' der deutschen Metal-Band [[Eisregen (Band)|Eisregen]] enthält die Zeile „Denn ich bin viele, mein Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Legion'' der schwedischen [[Power Metal|Power-Metal]]-Band [[Hammerfall]] beinhaltet die Textzeile „My name is Legion, for we are many spirits inside of one“.<br />
* Der Song ''Fürst der Finsternis'' des deutschen Musikprojekts [[E Nomine]] beinhaltet die Textzeile „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele“.<br />
* Ein Charakter in der Videospielreihe ''[[Mass Effect]]'' nennt sich selbst Legion. Er zitiert aus der Bibel: „I am Legion, for we are many“ und findet den Namen passend, da er die repräsentierende Gestalt eines Kollektivs aus tausenden [[Künstliche Intelligenz|KIs]] ist.<br />
* Das Motto des [[Anonymous (Kollektiv)|Internetphänomens Anonymous]] beginnt mit: „Wir sind Anonymous. Wir sind Legion/viele.“<br />
* In der Folge ''Auf Erden wie in der Hölle'' (S2E11) der Fernsehserie [[Salem (Fernsehserie)|Salem]] gibt sich der Dämon, von welchem Mary Sibleys Sohn John besessen ist, als „Legion“ zu erkennen.<br />
* In der Serie Riverdale ist der Dämon der Hauptbösewicht der 6.&nbsp;Staffel.<br />
* Im Videospiel Command and Conquer&nbsp;3: Kanes Wrath tritt eine [[Künstliche Intelligenz|KI]] mit dem Namen ''Legion'' auf. Sie besteht aus Bruchstücken einer Alien-KI und ihrem Vorgänger ''Kabal''. Erbaut wurden beide KIs von Kane/<wbr />Kain, dem biblischen Brudermörder.<br />
* Die Textstelle aus Lukas (Kapitel 8 Verse 32–36) wurde von Dostojewski in [[Die Dämonen (Dostojewski)|Die Dämonen]] als [[Motto (Literatur)|Motto]] verwendet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.projekt-gutenberg.org/dostojew/daemone1/daemone1.html |titel=Die Dämonen. Erster Band |abruf=2024-03-30}}</ref><br />
* ''Mein Name ist Legion'' (OT: ''My Name is Legion'') ist der Titel einer [[Science-Fiction]]-[[Anthologie]] von [[Roger Zelazny]], ISBN 3-404-21133-2.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Franz Annen: ''Heil für die Heiden. Zur Bedeutung und Geschichte der Tradition vom besessenen Gerasener''. Knecht, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-7820-0351-3.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* Liste griechischer Phrasen: [[Liste griechischer Phrasen/Lambda#Λεγιὼν ὄνομά μοι.|{{lang|grc|Λεγιὼν ὄνομά μοι.}}]]&nbsp;– „Mein Name ist ''Legion''.“<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Stoffe und Motive (Neues Testament)]]<br />
[[Kategorie:Dämon (Christentum)]]<br />
[[Kategorie:Wunder Jesu]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Legion_(D%C3%A4mon)&diff=264610461Legion (Dämon)2026-02-23T01:41:23Z<p>Procopius: /* Die Geschichte */</p>
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<div>[[Datei:Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine.jpg|mini|Illustration von [[Julius Schnorr von Carolsfeld]], 1860]]<br />
[[Datei:Straßburger Münster, Glasmalerei, II-12.jpg|mini|Straßburger Münster, Glasmalerei (14.&nbsp;Jahrhundert)]]<br />
'''Legion''' ({{grcS|Λεγιών}}, seltenere [[Textvariante]]: {{lang|grc|Λεγεών|Legeon}}<ref>Vergleiche BibleHub.com, {{lang|en|''Parallel Greek Texts''}}: [https://biblehub.com/texts/luke/8-30.htm Luke&nbsp;8:30] und [https://biblehub.com/texts/mark/5-9.htm Mark&nbsp;5:9].</ref>), auch der '''Dämon von Gadara''', oder übersetzt '''Viele''', bezeichnet eine im [[Neues Testament|Neuen Testament]] der [[Bibel]] erwähnte [[dämon]]ische Erscheinung. In den Evangelien nach [[Evangelium nach Markus|Markus]] und [[Evangelium nach Lukas|Lukas]] wird ein Mann beschrieben, [[Besessenheit|besessen]] von vielen Dämonen. Im Gegensatz dazu berichtet das [[Evangelium nach Matthäus]] von zwei Besessenen, außerdem wird nicht der Name „Legion“ verwendet.<br />
<br />
== Die Geschichte ==<br />
Nach der [[Biblische Erzählung|biblischen Erzählung]] über die Heilung des (bzw. der) Besessenen von Gerasa, die auch als „Schweineperikope“ oder „Schweineepisode“ bezeichnet wird,<ref>Veronika Tropper: ''Auseinandersetzung mit der Exegese nach Drewermann am Beispiel der „Schweineperikope“ Mk&nbsp;5,1–20.'' In: ''Protokolle zur Bibel'' 20 (2011), S.&nbsp;125–142 [https://www.protokollezurbibel.at/index.php/pzb/article/view/2361 (online)]; [[Gerd Häfner]]: ''Zu Mk&nbsp;5,1–20: Der Besessene von Gerasa.'' In: ''Lectio brevior'', 19.&nbsp;Juni 2011 [https://www.lectiobrevior.de/2011/06/zu-mk-51-20-der-besessene-von-gerasa.html (online)].</ref> bereiste [[Jesus von Nazaret|Jesus]] „das Gebiet von [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]]“ (laut Matthäus, in Markus und Lukas „das Gebiet von [[Gerasa]]“, allerdings liegt nur Gadara nahe beim [[See Genezareth]]), traf dort den/die Besessenen und sprach mit den Dämonen.<br />
<br />
Im Evangelium nach Markus ist zu lesen:<br />
:Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er spricht zu ihm: Mein Name ist Legion, denn wir sind viele. {{Bibel|Markus|5|9|ELB}}<br />
<br />
Ähnlich im Evangelium nach Lukas:<br />
:Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn er war von vielen Dämonen besessen. {{Bibel|Lukas|8|30|ELB}}<br />
<br />
Eine [[römische Legion]] hatte damals eine Sollstärke von gut 6000 Soldaten. Die Dämonen identifizieren Jesus als „Sohn Gottes“ und bitten ihn, sie nicht in die bodenlose Tiefe „''[[abyssos]]''“ {{Bibel|Lukas|8|31|EU}} zu schicken. In Markus 5,10 wird hingegen das griechische Wort ''[[Chora (Philosophie)|chora]]'' verwendet, das mit ‚Gegend‘ übersetzt wird, aber auch einen leeren Raum beschreiben konnte. Tatsächlich steht in den griechischen Urtexten kein Wort für das Jenseits, wie zum Beispiel ''[[Scheol|sheol]]'', ''[[Gehinnom|Gehenna]]'', ''[[Unterwelt der griechischen Mythologie|Hades]]'' oder ''[[Tartaros]]''.<br />
<br />
Jesus trieb die Dämonen aus ([[Apopompe]]) und kam gleichzeitig ihrer Bitte nach: Er erlaubte ihnen, in eine Schweineherde einzufahren. Die 2000 [[Hausschwein|Schweine]] stürmten daraufhin in den [[See Genezareth]], wo sie ertranken. Die Schweinehirten flohen und erzählten das Vorkommnis in der Stadt, woraufhin die Bürger den Geheilten und Jesus aufsuchten, „sich fürchteten“ und Jesus baten, ihr Gebiet der [[Dekapolis]] zu verlassen. Der Geheilte wollte sich Jesus anschließen, aber Jesus schickte ihn aus, diese Geschichte bekannt zu machen.<br />
<!-------hat das irgendwelche Relevanz?<br />
== Deutungen ==<br />
[[John Dominic Crossan]] glaubt, die Geschichte könne eine [[Parabel (Sprache)|Parabel]] für den Widerstand gegen die [[Römisches Reich|römische]] Herrschaft sein. Das wäre eine Erklärung, warum in den Evangelien jeweils [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], [[Gerasa]] und [[Gergesa]] als Ort der Handlung angegeben werden: Alle drei stünden synonym für [[Caesarea Maritima|Caesarea]], den Sitz des römischen Procurators und Ort des tatsächlichen Geschehens. Diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Originalität, aber sie ist alles andere als plausibel: Alle drei [[Synoptiker]] lokalisieren das Ereignis am See Genezareth, dem „Galiläischen Meer“ – Caesarea Maritima liegt aber an der Küste des Mittelmeers, und zwar in Samarien. Auch dürfte keinem griechisch Sprechenden der Fehler unterlaufen, Caesarea zu meinen und Gerasa (so bei Mk und Lk) bzw. Gadara (so bei Mt) zu schreiben.<br />
<br />
In seinem Buch ''[[Das Messias-Rätsel]]'' entwickelt Joseph Atwill eine andere Deutung. Die Geschichte könne demnach eine Darstellung von [[Vespasian|Titus Flavius Vespasianus]] (als der [[Messias]]) sein, seinen römischen Legionen im Kampf gegen die [[Zelot]]en und deren Aufstand in Caesarea Maritima (siehe auch [[Jüdischer Krieg]]).<br />
<br />
Die Schweine könnten auch eine Anspielung auf die [[Legio X Fretensis]] sein, die ab dem Jahr&nbsp;66 an vielfältigen Kampfhandlungen im Rahmen des Jüdischen Krieges beteiligt war und unter anderem einen Eber als Heeressymbol verwendete.<ref>M. Klinghardt, Legionsschweine in Gerasa. Lokalkolorit und historischer Hintergrund von Mk. 5,1-20, ZNW 98 (2007), 28-48.</ref> Auch die in Mk 5,13 angegebene Zahl der Schweine („ungefähr 2000“), lässt sich als Indiz für die Plausibilität dieser These werten, da die Legio X Fretensis in der Anfangsphase des jüdischen Krieges nicht in Vollstärke involviert war, sondern nur mit einer 2000 Legionäre starken [[Vexillation]].<ref>M. Lau, Die Legio X Fretensis und der Besessene von Gerasa. Anmerkungen zur Zahlenangabe »ungefähr Zweitausend« (Mk 5,13), Bib. 88 (2007), 351-364</ref><br />
<br />
Der Theologe [[Dennis MacDonald]] erklärte einige erzählerische Elemente des Markusevangeliums damit, dass Homers [[Odyssee]] und [[Ilias]] zu Grunde liegen.<ref>{{Literatur |Autor=Macdonald, Dennis R. |Titel=Homeric epics and the gospel of mark. |Verlag=Yale University Press |Datum=2010 |ISBN=0-300-17261-3}}</ref><br />
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<br />
== Niederschlag in der Popkultur (Auswahl) ==<br />
* [[William Peter Blatty]]s Romanvorlage zu ''[[Der Exorzist III]]'' trägt den Namen ''Legion''.<br />
* Seit 1997 tritt Legion häufig als Antagonist in der Videospielreihe ''[[Castlevania]]'' auf,<ref>[https://castlevania.fandom.com/wiki/Legion Legion], Castlevania Wiki ([[Fandom (Website)|Fandom]])</ref> zumeist als Bossgegner. Dabei hat Legion in der Regel die Gestalt einer schwebenden Masse aus kaum voneinander unterscheidbaren humanoiden Körpern, die an Untote erinnern.<br />
* In der Comicverfilmung ''[[Ghost Rider (Film)|Ghost Rider]]'' nennt sich der Charakter [[Figuren aus dem Marvel-Universum#Blackheart|Blackheart]] selbst Legion, nachdem er am Ende des Films 1000 Seelen absorbiert hat. Er verwendet auch die Worte „…&nbsp;denn wir sind viele.“<br />
* Der [[Endgegner]] des Videospiels ''[[Shadow Man (Computerspiel)|Shadow Man]]'' aus dem Jahr 1999 heißt Legion. Er benutzt häufig die Phrase „Denn unser sind viele“; es wird innerhalb des Spiels auch auf die Bibelstelle Markus&nbsp;5,9 verwiesen.<br />
* Die deutsche Band [[Tocotronic]] veröffentlichte 2007 auf ihrem Album ''[[Kapitulation (Album)|Kapitulation]]'' den Song ''Wir sind viele'' mit der Textzeile „Wir sind viele&nbsp;/ Unser Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Ich bin viele'' der deutschen Metal-Band [[Eisregen (Band)|Eisregen]] enthält die Zeile „Denn ich bin viele, mein Name ist Legion“.<br />
* Der Song ''Legion'' der schwedischen [[Power Metal|Power-Metal]]-Band [[Hammerfall]] beinhaltet die Textzeile „My name is Legion, for we are many spirits inside of one“.<br />
* Der Song ''Fürst der Finsternis'' des deutschen Musikprojekts [[E Nomine]] beinhaltet die Textzeile „Mein Name ist Legion, denn wir sind viele“.<br />
* Ein Charakter in der Videospielreihe ''[[Mass Effect]]'' nennt sich selbst Legion. Er zitiert aus der Bibel: „I am Legion, for we are many“ und findet den Namen passend, da er die repräsentierende Gestalt eines Kollektivs aus tausenden [[Künstliche Intelligenz|KIs]] ist.<br />
* Das Motto des [[Anonymous (Kollektiv)|Internetphänomens Anonymous]] beginnt mit: „Wir sind Anonymous. Wir sind Legion/viele.“<br />
* In der Folge ''Auf Erden wie in der Hölle'' (S2E11) der Fernsehserie [[Salem (Fernsehserie)|Salem]] gibt sich der Dämon, von welchem Mary Sibleys Sohn John besessen ist, als „Legion“ zu erkennen.<br />
* In der Serie Riverdale ist der Dämon der Hauptbösewicht der 6.&nbsp;Staffel.<br />
* Im Videospiel Command and Conquer&nbsp;3: Kanes Wrath tritt eine [[Künstliche Intelligenz|KI]] mit dem Namen ''Legion'' auf. Sie besteht aus Bruchstücken einer Alien-KI und ihrem Vorgänger ''Kabal''. Erbaut wurden beide KIs von Kane/<wbr />Kain, dem biblischen Brudermörder.<br />
* Die Textstelle aus Lukas (Kapitel 8 Verse 32–36) wurde von Dostojewski in [[Die Dämonen (Dostojewski)|Die Dämonen]] als [[Motto (Literatur)|Motto]] verwendet.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.projekt-gutenberg.org/dostojew/daemone1/daemone1.html |titel=Die Dämonen. Erster Band |abruf=2024-03-30}}</ref><br />
* ''Mein Name ist Legion'' (OT: ''My Name is Legion'') ist der Titel einer [[Science-Fiction]]-[[Anthologie]] von [[Roger Zelazny]], ISBN 3-404-21133-2.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Franz Annen: ''Heil für die Heiden. Zur Bedeutung und Geschichte der Tradition vom besessenen Gerasener''. Knecht, Frankfurt am Main 1976, ISBN 978-3-7820-0351-3.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* Liste griechischer Phrasen: [[Liste griechischer Phrasen/Lambda#Λεγιὼν ὄνομά μοι.|{{lang|grc|Λεγιὼν ὄνομά μοι.}}]]&nbsp;– „Mein Name ist ''Legion''.“<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Stoffe und Motive (Neues Testament)]]<br />
[[Kategorie:Dämon (Christentum)]]<br />
[[Kategorie:Wunder Jesu]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Messias&diff=264610437Messias2026-02-23T01:36:53Z<p>Procopius: /* Überblick */</p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|behandelt den biblischen Begriff des ''Messias''; zu anderen Bedeutungen dieses Begriffes siehe [[Messias (Begriffsklärung)]].}}<br />
<br />
Der Begriff '''Messias''' ({{heS|משיח&lrm;|Maschiach}} oder {{lang|he-Latn|Moschiach}}, plural {{heS|משיחים|Meshichim}}, [[Aramäische Sprache|aramäisch]] {{arc|ܡܫܺܝܚܳܐ&lrm;}} ''Mschicho'', in griechischer [[Transkription (Schreibung)|Transkription]] {{lang|grc|Μεσσίας}}, ins [[Altgriechische Sprache|Griechische]] übersetzt {{lang|grc|Χριστός|Christós}}, [[Latinisierung|latinisiert]] ''[[Christus]]'') stammt aus der [[Judentum|jüdischen]] Bibel, dem [[Tanach]], und bedeutet „[[Salbung|Gesalbter]]“.<ref>{{Literatur |Autor=Karl Heinrich Rengstorf |Hrsg=Lothar Coenen |Titel=Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament |Auflage=9. |Verlag=R. Brockhausverlag |Ort=Wuppertal |Datum=1993 |ISBN=3-417-24800-0 |Kapitel=Χριστός |Seiten=760 |Zitat=Christus ist die lat. Form des griech. Χριστός, das seinerseits in LXX und NT das griech. Äquivalent des aram. meschīcha ist. Dieses wiederum entspricht dem hebr. māschiach und bezeichnet jemand, der feierlich zu einem Amt gesalbt worden ist.}}</ref> <br />
<br />
Im Tanach bezeichnet ''Maschiach'' unter anderem den weltlichen [[König]] der [[Juden]], dessen Thron laut {{B|Jer|33|17}} auf Ewigkeit immer von einem Nachfahren [[David]]s besetzt sein sollte (auch {{B|2 Sam|7|13}}). Daraus entstand seit dem [[Prophetie|Propheten]] [[Jesaja]] (~740 v. Chr.) und besonders seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) die Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' aus dem Haus Davids, der [[JHWH]]s Willen endgültig verwirklichen, als König alle Juden zusammenführen, von Fremdherrschaft befreien und ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde.<br />
<br />
Die [[Alte Kirche]] bezog die jüdische Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' auf die [[Person]] [[Jesus von Nazaret]] und bezeichnete ihn gemäß dem [[Griechisches Altes Testament|griechischen Alten Testament]] als den ''Christós'' (Χριστός), den „Gesalbten“. Im entstandenen [[Heidenchristentum]] wurde der [[Christologie|christologische]] Glaube ''Jesus ist der Gesalbte'' zum Namen [[Jesus Christus#Gesalbter, Christus, Messias|Jesus Christus]], zur [[Hypostase#Christliche Theologie und Religionswissenschaft|Hypostase]] und zu einem Teil der [[Trinität]] (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Es wurde [[Dogma#Alte Kirche|Dogma]], dass der nun [[Neues Testament|neutestamentarisch erzählte]] Jesus, als ''[[Apotheose|vergöttlichter]] Messias'', der Erlöser von der [[Erbsünde]] zwischen Menschen und christlichem Gott sei.<br />
<br />
== Überblick ==<br />
Im [[Tanach]] bezeichnet dieser Hoheitstitel den von [[JHWH|Gott]] erwählten und bevollmächtigten Menschen mit besonderen Aufgaben für sein Volk [[Israel]]. Nach dem Untergang des Reiches Juda (586 v. Chr.) kündigten einige biblische Propheten zudem einen Retter und Friedensbringer der [[Endzeit]] an, andere verkündeten, dass ein Nachkomme König [[David]]s eines Tages genau wie dieser als gesalbter, rechtmäßiger König über Israel und Juda herrschen und die Juden von der Fremdherrschaft erlösen werde. Beide Vorstellungen begannen sich mit der Zeit zu vermischen.<br />
<br />
Die [[Septuaginta]] übersetzt ''Maschiach'' stets mit ''Christos''. Nachdem Judäa unter römische Herrschaft gelangt war, traten dort mehrfach Personen auf, die den Anspruch erhoben, der Messias zu sein, und lösten damit Unruhen aus, von denen [[Flavius Josephus]] berichtet. Auch [[Jesus von Nazaret]] wurde in den [[Evangelium (Literaturgattung)|Evangelien]] mit dem griechischen Titel ''Christos'' bezeichnet, der später zu „der Christus“ latinisiert wurde. Mit dem schließlich zum Eigennamen gewordenen [[Glaubensbekenntnis]] „[[Jesus Christus]]“ drückten die Anhänger Jesu aus, dass Gott in diesem Menschen die prophetischen Verheißungen zu erfüllen begonnen habe. Aus diesem Grund legten seine Anhänger großen Wert darauf, dass Jesus über Josef in direkter männlicher Linie von König David abstamme ([[Matthäusevangelium|Matthäus]] 1,1-17). Dass die Bezeichnung „Messias“ zur Zeit Jesu (auch) als Anspruch auf irdische Macht gedeutet werden konnte, mag man daraus schließen, dass die Römer ihn als ''rex Iudaeorum'' hinrichteten, weil sie ihn offenbar für einen politischen Aufrührer hielten, von denen gemäß Flavius Josephus im 1. Jahrhundert ja gleich mehrere unter den Juden auftraten: Die [[Kreuzigung]] war nach römischem Recht die Strafe für Rebellen und Aufrührer.<br />
<br />
Ob allerdings ein messianischer Anspruch Jesu und/oder ein entsprechender Vorwurf seiner Gegner zu seinen Lebzeiten tatsächlich erhoben wurde, ist in der neutestamentlichen Wissenschaft umstritten. Spätestens seit [[Paulus]] verstanden die Christen unter dem Messias bzw. Christos nicht mehr den prophezeiten König der Juden, sondern den Erlöser der ganzen Menschheit. Damit verlor die behauptete Abstammung Jesu von König David an Bedeutung, die sich kaum mit der Lehre der [[Jungfrauengeburt]], nach der Josef nicht Jesu Vater war, vereinen ließ.<br />
<br />
Die Deutungen des biblischen Begriffs haben sich durch die gegenseitige Abgrenzung von Juden- und [[Christentum]] in der Folgezeit immer weiter auseinanderentwickelt. Die an eine menschliche Einzelperson geknüpfte Hoffnung auf endgültigen [[Weltfrieden]] wirkte vielfach auch auf politische [[Ideologie]]n ein (siehe dazu [[Messianismus]]).<br />
<br />
== Tanach ==<br />
Im Tanach findet man historische Personen, die politische Macht über die Juden ausübten und ''Maschiach'' (Messias) genannt werden, an die man aber keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte. Dagegen werden endzeitliche Heilserwartungen an eine Retter- und Mittlergestalt im Tanach nicht ''Maschiach'' (Messias) genannt. Der erste ''Maschiach'' war demnach [[Saul]], der erste König über Juda und Israel.<br />
<br />
=== Bevollmächtigung ===<br />
Der Ausdruck „Gesalbter“ stammt von einem altorientalischen Ritual der [[Salbung]] hoher Beamter. In der [[Bibel]] salbt jedoch kein König einen Nachfolger, Minister oder Vasallen. Vielmehr beruft Gott durch seine Propheten damit einen zuvor Unbekannten oder Oppositionellen ({{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|2|4}}; {{B|2 Kön|9|3}} u.&nbsp;a.) noch vor dessen [[Akklamation]] durch das Volk zum künftigen Herrscher. Demgemäß bezeichnet die Begriffskombination ''Gesalbter JHWHs'' die von Gott „erwählten“, rechtmäßigen Könige Israels ({{B|Ps|2|2}}; {{B|Ps|18|51}}; {{B|Ps|20|7}}; {{B|Ps|132|10.17}}).<br />
<br />
So salbt der Prophet [[Samuel (Prophet)|Samuel]] im Auftrag Gottes [[Saul]] zum Retter vor der Bedrohung durch die [[Philister]] {{Bibel|1 Sam|10|1f}}. Nach ersten militärischen Erfolgen bestätigt eine Loswahl Saul {{Bibel|1 Sam|10|21}}, nach weiteren macht eine Stämmeversammlung ihn zum König {{Bibel|1 Sam|11|15}}. In seiner Abschiedsrede übergibt Samuel ihm sein theopolitisches Führungsamt {{Bibel|1 Sam|12|3.5}}. Daher bezeichnete ''Maschiach'' wohl ursprünglich einen prophetisch berufenen politisch-militärischen Anführer, der die frühere vorstaatliche Rolle der spontan und situationsbedingt auftretenden, charismatischen „[[Buch Richter|Richter]]“, Gottes Volk vor äußeren Feinden zu retten, übernehmen und verstetigen sollte. Die Richter überkam [[Heiliger Geist|Gottes Geist]] noch unmittelbar; nun galt Geistbegabung als Folge der Salbung durch einen Propheten ({{B|1 Sam|10|1.6}}; {{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|23|1f.}}), war also Ausdruck einer mittelbaren [[Theokratie]].<br />
<br />
Im Südreich [[Juda (Reich)|Juda]], das laut Darstellung des Tanach anders als das [[Nordreich Israel]] eine stabile Königsdynastie ausbildete, erscheint die Salbung dann häufig vor oder bei einer Thronbesteigung ({{B|2 Sam|19|11}}; {{B|1 Kön|1|39}}; {{B|2 Kön|11|12}}). Sie stellte den zukünftigen König unter Gottes Schutz und machte ihn damit unantastbar ({{B|1 Sam|24|7.11}}; {{B|2 Sam|1|14ff.}}; {{B|Ps|89|21ff.}}), verpflichtete ihn so aber auch, Gottes Willen für Israel zu befolgen ({{B|1 Sam|9|16}}). Der gesalbte Führer galt damit als irdischer Diener und Vertreter Gottes, der für das Gottesvolk sorgen, es gerecht regieren, vor Fremdherrschaft bewahren und aus Unterdrückung befreien sollte. Wenn er versagte, konnte Gott ihn „verwerfen“, indem ein Prophet ihm Gottes Gericht, beispielsweise Niederlagen gegen Fremdherrscher oder Ablösung, ankündigte.<br />
<br />
''Maschiach'' bezeichnet also einen zur Leitung Israels nach Gottes Willen „Bevollmächtigten“: Der König steht biblisch immer unter Gott. Damit wurde ''Maschiach'' letztlich zur Bezeichnung des aus biblischer Sicht rechtmäßigen, legitimen Herrschers über die Juden. Deshalb konnte nach dem Untergang des Königtums vereinzelt auch ein fremder Herrscher, der Perserkönig [[Kyros II.|Kyros]], als ''Maschiach'', als Vollstrecker des Willens Gottes für Israel, bezeichnet werden {{Bibel|Jes|45|1}}.<br />
<br />
Im oder nach dem [[Babylonisches Exil|Babylonischen Exil]] wurde der verwaiste Titel auf den [[Hoherpriester|Hohepriester]] übertragen. Diese wurden zuvor zwar auch durch Salbung für ihren Tempeldienst geweiht, aber nicht als „Gesalbter“ bezeichnet ({{B|Ex|29}}; {{B|Lev|4|3ff.16}}). Sie erhielten nun aber anstelle des Königs politische Vollmachten, weshalb in den jüngsten, frühestens ab 200 v. Chr. entstandenen und spät in den Tanach aufgenommene Bücher ({{B|1 Chr|29|22}}. Vgl. später auch {{B|Sir|45|15}}; {{B|2 Makk|1|10}}) des Alten Testaments der Titel ''Maschiach'' folgerichtig ebenfalls auf sie Verwendung findet. Es gab aber auch Kritik: Die angebliche Entweihung des Tempels durch [[Antiochos IV. Epiphanes]] (um 170 v. Chr.) beendete zumindest nach Ansicht des Verfassers des Buches [[Daniel]] diese Tradition: erst im künftigen [[Reich Gottes]] werde der Tempel neu geweiht werden ({{B|Dan|9|25}}).<br />
<br />
Nur sehr selten werden in der Bibel auch Propheten gesalbt {{Bibel|1 Kön|19|16}}; [[Jesaja]] ([[Tritojesaja]]) wird im übertragenen Sinn als von Gottes Geist Gesalbter bezeichnet {{Bibel|Jes|61|1}}. Sogar die [[Erzväter]] werden in {{B|Ps|105|5}} einmal „Propheten und Gesalbte“ genannt.<br />
<br />
=== Der endzeitliche Heilsbringer ===<br />
Israels Propheten kündigten angesichts des Endes des Königtums (586 v. Chr.) nicht nur dessen künftige Erneuerung an, sondern daneben zunehmend eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer war für sie ein von Gott erwählter Mensch, sollte aber im Gegensatz zu allen früheren Führungspersonen eine radikale Wende zum [[Schalom (Hebräisch)|Schalom]] (Frieden, Heil, Wohl für alle) bringen. Seine Aufgabe sollte nicht vorübergehend, befristet und widerrufsfähig, sondern endgültig und ewig sein. Diese Heilsbringer waren nicht als politische Herrscher gedacht. Wohl deshalb vermieden es die Propheten, diese Gestalt als ''Maschiach'' zu bezeichnen.<br />
<br />
Als Weissagungen eines endzeitlichen Heilsbringers gelten:<br />
* {{B|Jes|9|1–6}} (oft sieht man den Beginn dieser Verheißung schon in {{B|Jes|8|23}})<br />
* {{B|Jes|11|1–10}}<br />
* {{B|Mi|5|1–5}}<br />
* {{B|Hos|2|2f.}}<br />
* {{B|Jer|23|5f.}}<br />
* {{B|Hes|34|23f.}}<br />
* {{B|Hes|37|22ff.}}<br />
* {{B|Hag|2|22f.}}<br />
* {{B|Sach|3|8ff.}}<br />
* {{B|Sach|6|12}}<br />
* {{B|Sach|9|9f.}}<br />
<br />
Zugleich aber wurden ältere Texte, die auf gesalbte Könige bezogen waren, im und nach dem Exil auf den zukünftigen Heilsbringer umgedeutet oder mit endzeitlichen Heilsweissagungen ergänzt, darunter:<br />
* die Zusage der ewigen Thronfolge an die Daviddynastie {{Bibel|2 Sam|7|12ff.}}<br />
* der Königspsalm {{B|Ps|2}}<br />
* die Heilsverheißung des [[Amos]] {{Bibel|Am|9|11f}}<br />
* die Verheißung eines Davidnachfolgers in der [[Bileam]]erzählung {{Bibel|Num|24|17}}<br />
* die Zusage eines künftigen Herrschers an den Stamm [[Juda (Reich)|Juda]] {{Bibel|Gen|49|10}}.<br />
<br />
Umstritten ist, ob auch<br />
* die Weissagung des [[Immanuel]] (''Gott mit uns'', {{B|Jes|7|14ff}}),<br />
* die sogenannten [[Gottesknechtslieder]] bei [[Deuterojesaja]] ({{B|Jes|42|1–4}}; {{B|Jes|49|1–6}}; {{B|Jes|50|4–9}}; {{B|Jes|52|13–53,12}}) sowie<br />
* die Vision vom Kommen des [[Menschensohn|Menschenähnlichen]] nach dem Endgericht {{Bibel|Dan|7|13f}}<br />
auf den Retter und Richter der Endzeit zu beziehen sind. Das Judentum weist Letzteres als „[[Idiosynkrasie]] christlicher Lehre“ seit jeher als seiner Ansicht nach falsch zurück.<ref name="tsinger-i53">[https://www.youtube.com/watch?v=KDKZFBJVlG8 Rabbi Tovia Singer on Isaiah 53: Who is the Suffering Servant?]</ref><ref name="tsinger-faq">{{cite web|last=Singer|first=Tovia|title=Rabbi singer answers frequently asked questions|url=https://www.outreachjudaism.org/faq|publisher=2012 Outreach Judaism|accessdate=2012-10-24 |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Levey|first=Larry|title=The Scriptural Messiah|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20120319195121/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|archivedate=2012-03-19|offline=yes |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Suffering Servant|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20121026115808/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|archivedate=2012-10-26|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
=== Jesaja ===<br />
;Jes 9,1–6: gilt als erste echte messianische Weissagung. Der [[Prophet]] [[Jesaja]] verkündet sie um 730 v. Chr. als Freudenbotschaft an das von den [[Assyrer]]n unterdrückte Volk Israel. Er prophezeit ein baldiges Ende der Unterdrückung wie am ''Tage [[Midian]]s'' ({{B|Ri|7}}), darüber hinaus von dem Ende aller Gewaltherrschaft (v.4)<br />
{{Zitat<br />
|Text=Jeder Stiefel, der mit Gedröhn einhergeht, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.}}<br />
und die Geburt eines Kindes, das Gott zum künftigen Herrscher auf Davids Thron bestimmt habe, voraus. Jesaja legt ihm Thronnamen bei, die in Israel nicht für irdische Könige üblich, sondern Gott selbst vorbehalten waren (v.5): ''der Wunderbares plant, mächtiger Gott, ewiger Vater, [[Friedensfürst|Friedefürst]].'' Seine Herrschaft werde weit reichen und ''Frieden ohne Ende'' bringen; sie werde auf ''Recht und Gerechtigkeit'' – Befolgung der [[Tora]] – gegründet sein und deshalb ''von nun an bis in Ewigkeit'' andauern (v.6). Jesaja ist für die Methode bekannt, viele seiner Botschaften durch die Benutzung prophetischer Namen zu präsentieren (Jesaja 7:3; 7:14; 8:3). In den oben genannten Versen erläutert er seine Botschaft, indem er einen prophetischen Namen für König [[Hiskija]] († 697 v. Chr.) formuliert.<ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Who is the child in Isaiah 9:5–6|url=http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20110918110001/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|archivedate=2011-09-18|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
;Jes 11,1–10: führt die auf das Gottesrecht gestützte Regentschaft des Gottgesandten aus: Er werde aus dem ''Stumpf [[Isai]]s'' hervorgehen (v.1). Da auf diesem „Spross“ Gottes Geist ruhe, werde er alle Königstugenden wie [[Weisheit]], Einsicht, Entschlusskraft, Erkenntnis und [[Gottesfurcht]] vereinen (v.2). Diese würden ihn befähigen, ohne Rücksicht auf Augenschein und Gerücht die Armen gerecht zu richten, die Gewalttäter aber zu schlagen: allein mit dem ''Stab (Zepter) seines Mundes'', also mit dem Richtspruch selbst (v.4). Diese Gerechtigkeit werde die ganze Schöpfung verwandeln und den Fluch von Gen 3 aufheben: Wölfe und Schafe, Kinder und Giftschlangen leben einträchtig zusammen (v.6ff.). Die ganze Erde werde Gott erkennen, so dass niemand mehr Unrecht tut (v.9). Der Regent werde ''als Zeichen dastehen'', das die Völker bewege, nach Gott zu fragen (v.10).<br />
<br />
Historische Herkunft und Anlass dieser Heilsverheißungen sind ungeklärt. Antike Vorbilder fehlen, da die orientalischen Großreiche gottähnliche Hoheitstitel sonst gerade zur Überhöhung und Absicherung eines bestehenden Königtums, nicht als unerwartete Zukunftshoffnung für ein ohnmächtiges, schutzloses Volk der Unterdrückten verkündeten. Auch eine Erklärung aus der Zusage ewiger Thronfolge an David ({{B|2. Sam|7|12ff.}}) greift zu kurz: Jesajas „Friedefürst“ ist weder ein neuer Eroberer und Großherrscher wie König [[David]] noch ein Gott. Denn er führt keinen Krieg mehr, sondern herrscht erst, nachdem Gott selbst die Kriegsgewalt beseitigt hat, indem er Gottes heilvolle Rechtsordnung ohne eigene Macht durchsetzt und bewahrt. Der Rückgriff auf Davids Vater Isai lässt Kritik an der Daviddynastie erkennen, die hier als abgehauener Baum erscheint, obwohl sie noch bestand.<ref>Werner H. Schmidt: ''Alttestamentlicher Glaube'', Neukirchener Verlag, 4. Auflage 1982, S. 211.</ref><br />
<br />
== Judentum ==<br />
{{Überarbeiten}}<br />
=== Außerbiblische Messiaserwartungen ===<br />
Zwischen etwa 200 v. und 100 n. Chr. wurden nur noch Personen der vorstaatlichen Heilsgeschichte und das ganze Gottesvolk Israel, aber nicht mehr Könige ''Gesalbte'' genannt: auch nicht König David, selbst dort nicht, wo seine Salbung mit „heiligem Öl“ erwähnt ist ({{B|Ps|151|4ff.}}). Dies zeigt ein Misstrauen, den Titel auf Gestalten der politisch erlebten Geschichte anzuwenden. „Als Gesalbter lässt sich zur Zeit Jesu und der Urchristen allein bezeichnen, wer Gott einzigartig und durch nichts beeinträchtigt zugehört.“<ref>Martin Karrer: ''Jesus Christus im Neuen Testament'', 1998, S. 137.</ref><br />
<br />
In 17 der [[Schriftrollen vom Toten Meer]] (entstanden 250 v. – 40 n. Chr.) ist der Maschiach-Titel belegt.<ref>M.G. Abegg, ''The Messiah at Qumran'', 1995, S. 125–144.</ref> Er wurde dort nur einmal auf einen künftigen Davidspross (4Q PB), sonst immer auf einen künftigen Hohepriester bezogen. 1QS IX,9–11 ([[Gemeinderegel]]) redet von den ''Messiassen [[Aaron (biblische Person)|Aarons]] und Israels'' im Plural: Dies knüpfte an die Verheißung [[Sacharja]]s von den beiden harmonisch regierenden ''Ölsöhnen'' {{B|Sach|4|14}} an und zeigt eine theologische Opposition gegen die damals regierenden [[Hasmonäer]]. Deren Regenten vereinten Priester- und Königsamt, ohne sich aber salben, also von Gott legitimieren zu lassen.<ref>Gerd Theißen, Annette Merz: ''Der Historische Jesus'' S. 464.</ref> Sie, die [[Herodianer]] und ihre nach jüdischer Herrschaft strebenden Gegner nannten sich nicht ''Gesalbter'', sondern ''König''. Auch die Hohepriester jener Zeit wurden nicht gesalbt.<br />
<br />
Die [[Psalmen Salomos]] 17 und 18 (großenteils in der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. entstanden) enthalten die umfassendste frühjüdische Schilderung des erwarteten Wirkens eines ''Gesalbten des Herrn'' als künftigem Heilskönig und Davidnachkommen, der die sündigen Heiden aus Palästina vertreibt, aber zugleich die Völkerwallfahrt zum [[Zion]] auslöst. Er erkennt selbst Gott als ''seinen'' König an, wird von ihm unterwiesen und setzt sein Vertrauen ausschließlich auf ihn. In seinem Wirken ist er von Gott abhängig, der ihn mit heiligem Geist stark, weise und gerecht gemacht hat (PsSal 17, 32–40).<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 65f.</ref><br />
<br />
Die apokalyptischen Bilderreden des [[Äthiopischer Henoch|Äthiopischen Henochbuchs]] (ca. 50 n. Chr.) verbinden zwei im Tanach unausgeglichen nebeneinander verheißene Mittlergestalten: den Heilsbringer auf dem Königsthron Davids (Jes 9) und den Menschenähnlichen aus dem Himmelsbereich ({{B|Dan|7}}), ohne ihn „[[Davidsohn|Davidssohn]]“ zu nennen.<br />
<br />
Im Buch [[4. Esra]] (um 100 n. Chr.)<ref>[http://www.uni-leipzig.de/~nt/asp/blaetter/esra.htm 4. Esra]</ref> ist der Messias ein Heilsbringer auf Zeit. Für die Getreuen, die endzeitliche Katastrophen überlebt haben, schafft er eine 400-jährige Friedenszeit, an deren Ende er, gemeinsam mit allen Menschen, stirbt, bevor eine neue Weltzeit erwacht (4. Esra 7,28–29).<br />
<br />
Die aramäischen Bibelhandschriften aus dem 2. Jahrhundert ([[Targum]]im) machen – wohl auch unter dem Eindruck christlicher Überlieferung – Messiasbezüge des Tanach explizit. So wird „Spross“ etwa in {{B|Sach|3|8}} mit „Messias“ übersetzt, und der Gottesknecht Deuterojesajas wird mit dem Messias identifiziert, sogar {{B|Jes|53|5}} umgeschrieben mit dem Hinweis auf einen Neubau des Tempels {{" |Und er wird das Heiligtum bauen, das durch unsere Schulden entweiht und durch unsere Sünden preisgegeben worden war.}}<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 78 f., 81 ff.</ref><br />
<br />
Im [[Syrische Baruch-Apokalypse|syrischen Baruch]] (Anfang 2. Jh. n. Chr.)<ref>[http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/06offb/nt90.htm#c Syrischer Baruch]</ref> werden dem Messias zwei Bedeutungen zugemessen. Zum einen gelangen die Gerechten nach seiner Rückkehr zu Gott zu neuem Leben in Einmütigkeit (syrBar 30,1ff.), zum andern beginnt mit seiner Thronbesteigung am Ende einer von ihm veranlassten Ära der Demütigung eine Ära harmonischer [[Sabbat]]-Ruhe (syrBar 73,1f.).<br />
<br />
=== Rabbinisches Judentum ===<br />
In den nachbiblischen jüdischen Schriften, [[Mischna]] und [[Talmud]], sowie in den Gebeten und Liturgien erhält die Messiashoffnung einen wichtigen Platz. Das [[Achtzehnbittengebet]] bittet mit der 14. Bitte um die Wiederherstellung der Tempelstadt Jerusalem und des Davidthrons. Die 15. Bitte lautet:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Den Spross deines Knechtes David lasse bald emporsprießen, sein Szepter erhöhe durch deine Befreiung, denn auf deine Befreiung hoffen wir den ganzen Tag.}}<br />
Auch im [[Kaddisch]] findet man eine ähnliche Bitte. Im Morgengebet der [[Schabbat]]-Liturgie heißt es:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Nichts ist neben dir, unser Erlöser, in den Tagen des Gesalbten, und keiner ist dir ähnlich, unser Befreier, wenn du die Toten belebst.}}<br />
<br />
Hier wird deutlich, dass die messianische Heilszeit noch in die menschliche Geschichte fällt, während die Auferstehung der Toten allein Gottes Sache bleibt. Gemäß dem 1. Gebot kann der Heilsbringer für Juden nur ein menschliches Wesen, kein Gott, Teil Gottes oder [[Halbgott]] sein. Er kann auch nach seinem Erscheinen nicht angebetet werden, da das [[Gebet]] nur dem einen, einzigen Gott gebührt.<br />
<br />
Nach negativen Erfahrungen mit vielen israelitischen Königen und dem Untergang des Königtums und des ersten Tempels verschob sich die Bedeutung des Begriffs: Der Gesalbte werde ein neuer Lehrer sein, ähnlich wie [[Mose]]s und [[Elija]]. Schon die vermutete [[Qumran]]gemeinschaft kannte einen solchen [[Lehrer der Gerechtigkeit]] mit endgültiger Weisheit und Durchsetzungskraft. Die [[Zelot]]en erwarteten einen politischen Befreier der Juden von der Fremdherrschaft der Griechen und Römer. Eventuell drückte die Bezeichnung des [[Simon Bar Kochba]] als „Sohn des Lichts“ eine solche Messiaserwartung aus. Nach dem Untergang des Zweiten Tempels 70 n. Chr. trat diese politische Messiaserwartung zurück.<br />
<br />
=== Systematisierung der Messiaserwartung ===<br />
Im Judentum wird vom Maschiach allgemein erwartet, dass er Mensch und nicht göttlich sein wird und bestimmte Kriterien und Aufgaben erfüllen wird, die die Welt für immer grundlegend verändern. Wenn ein als Maschiach auftretender oder verehrter oder vermuteter Mensch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt und stirbt, kann dieser nicht als der Maschiach anerkannt werden. Er muss nach verschiedenen biblischen Aussagen<ref name="realmessiah">{{cite web|last=Kaplan|first=Rabbi Aryeh|title=The Real Messiah|url=https://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20140413185633/http://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|archivedate=2014-04-13|offline=yes |language=en}}</ref><ref name="book-realmessiah">{{cite book|last=Kaplan|first=Aryeh|title=The real Messiah? a Jewish response to missionaries|year=1985|publisher=National Conference of Synagogue Youth|location=New York|isbn=1-879016-11-7|edition=New ed. |language=en}}</ref><br />
* Jude sein ({{B|Dtn|17|15}}; {{B|Num|24|17}})<br />
* dem Stamm [[Juda (Bibel)|Juda]] angehören {{Bibel|Gen|49|10}}<br />
* ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König [[David]] ({{B|1 Chr|17|11}}; {{B|Ps|89|29–38}}; {{B|Jer|33|17}}; {{B|2 Sam|7|12–16}}) und König [[Salomo]]n sein ({{B|1 Chr|22|10}}; {{B|2 Chr|7|18}})<br />
* das jüdische Volk aus dem Exil in Israel versammeln ({{B|Jes|11|12}}; {{B|Jes|27|12f.}})<br />
* den jüdischen [[Jerusalemer Tempel|Tempel in Jerusalem]] wieder aufbauen {{Bibel|Mi|4|1}}<br />
* den [[Weltfrieden]] bringen ({{B|Jes|2|4}}; {{B|Jes|11|6}}; {{B|Mi|4|3}})<br />
* die ganze Menschheit dazu bringen, den einzigen Gott anzuerkennen und ihm zu dienen ({{B|Jes|11|9}}; {{B|Jes|40|5}}; {{B|Zef|3|9}}).<br />
<br />
Das Buch [[Ezechiel]] bietet eine zusammenfassende Schau dieser Kriterien {{Bibel|Hes|37|24–28}}<br />
{{Zitat<br />
|Text=Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln. Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. [...] Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein. Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.}}<br />
<br />
Nach jüdischer Auffassung steht, im Unterschied zum Christentum, das Kommen des Messias noch bevor. Eine abweichende Auffassung vertreten nur die [[Messianische Juden|Messianischen Juden]].<br />
<br />
== Christentum ==<br />
=== Texte ===<br />
Im [[Neues Testament|Neuen Testament]] (NT) kommt der griechische Titel ''Christos'' 531-mal, der [[Gräzisierung|gräzisierte]] aramäisch-hebräische Begriff ''Messias'' zweimal (Joh 1,41; 4,25) vor. Er erscheint in allen NT-Schriften, fehlt aber in der hypothetischen [[Logienquelle]] und im apokryphen [[Thomasevangelium]]. Beide berichten auch nicht von Jesu Tod und [[Auferstehung]].<br />
<br />
Besonders oft erscheint der Titel in den [[Passion Jesu|Passionsberichten]] der Evangelien und in den [[Paulusbriefe]]n. Diese verbinden ihn vor allem mit Jesu Heilstod und beziehen ihn zugleich auf die biblische Heilserwartung, obwohl diese keinen leidenden Messias kannte ({{B|1 Kor|15|3}})<br />
{{Zitat<br />
|Text=Christus ist für uns gestorben nach der Schrift.}}<br />
<br />
Geburt und Kindheit Jesu<br />
* Nach dem [[Evangelium nach Matthäus|Matthäusevangelium]] wurde Jesus als [[Sohn Davids]] in [[Betlehem]] geboren, von wo nach Mi 5,1 der künftige Retter Israels kommen sollte. Nach der [[Flucht nach Ägypten]] kehrte Josef nach dem Tode des Herodes mit Maria und dem Kind wieder in das Land Israel zurück und ließ sich in Nazareth nieder ({{B|Mt|2|1–23}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.}}<br />
:Diese Verheißung gibt es jedoch im Tanach nicht. Nazaret existierte zur Zeit der Propheten eventuell noch gar nicht. Christliche [[Biblische Exegese|Exegeten]] finden hier manchmal eine Anspielung auf den „Spross (hebr. ''nezer'') Isais“ – Davids Vater – aus {{B|Jes|11|1}} (z. B. [[Einheitsübersetzung]]).<br />
<br />
* Im [[Brief des Paulus an die Römer]] ({{B|Röm|11|26}}) wird {{B|Jes|59|20}} nach der [[Septuaginta]] zitiert:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der da abwende das gottlose Wesen von Jakob.}}<br />
:Für Paulus befreite Jesus durch seinen stellvertretenden [[Sühne]]tod am [[Kreuz (Christentum)|Kreuz]] die Menschen vom drohenden Fluch der Tora, der jeden bedrohe, der sie nicht ganz erfülle ({{B|Gal|3|13}}). Es genüge daher, an Jesus zu glauben und sich zu ihm zu bekennen, um gerettet zu werden. Dem widerspricht der hebräische Wortlaut des Zitats im Tanach:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Aber für Zion wird kommen ein Erlöser, für die in Jakob, die von der Abtrünnigkeit umkehrten, spricht der Herr.}}<br />
:Der Maschiach wird nach jüdischem Glauben daher den gläubigen, observanten Juden nicht die Sünden abnehmen, sondern wenn diese sich von ihren Sünden abwenden, dann wird er kommen.<br />
<br />
* Im [[Johannesevangelium]] wird die Vorstellung des Messias als König Israels ({{B|Joh|1|49}}) als unzureichend angesehen. Dahinter steht das Geheimnis, dass Jesus in Wirklichkeit der [[Präexistenz Christi|präexistente]] [[Sohn Gottes]] sei. Irdisch-königliche Erwartungen der Garantie von Grundbedürfnissen werden abgewiesen ({{B|Joh|6|15}}), und Jesus bezeichnet sich Pilatus gegenüber als König der Wahrheit, dessen Reich nicht von dieser Welt und daher gewaltlos ist ({{B|Joh|18|36f.|ELB}}). Die Messiasvorstellung wird spiritualisiert und – ähnlich wie bei Paulus und den anderen Evangelien – mit der Vorstellung der [[Erlösung]] durch den Tod am Kreuz verbunden: Der [[Glaube (Religion)|Glaube]] an Jesus als den Christus verleiht [[ewiges Leben]] ({{B|Joh|20|31}}).<ref>Bekannte NT-Theologie und Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 62–66.</ref><br />
<br />
=== Historischer Jesus ===<br />
{{Hauptartikel|Jesus von Nazaret|Menschensohn#Exegetische Diskussion|titel2=Exegetische Diskussion}}<br />
<br />
Ob Jesus sich selbst Messias genannt hat, ist umstritten. Die Evangelien ergeben folgenden Befund<br />
* Eine Messiaserwartung wurde an Jesus herangetragen: von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] ({{B|Mt|11|3}}: ''der Kommende''), von seinen Anhängern (Mk 8,29: ''der Christus''), von Armen im Volk ({{B|Mk|10|47}}: ''[[Sohn Davids]]''; Mk 11,10: ''Herrschaft Davids'') und von Gegnern ({{B|Mk|14|61}}: ''der Christus, Sohn des Hochgelobten'').<br />
* Besonders die Verkündigung des [[Reich Gottes|Reiches Gottes]] und seiner Gegenwart in [[Wunder Jesu|Heilungen]] weckte messianische Hoffnungen (vgl. {{B|Mt|11|3–5}}). Diese müssen nicht aus einem Missverständnis entstanden sein, sondern das „Davidische Königtum der Endzeit“ wurde etwa im apokryphen Psalm Salomons 17 als Befreiung Israels von Feinden, Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gerechte Herrschaft und „irdische Stellvertretung des Königtums Gottes“ verstanden.<ref>J. Weiß: ''Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes'', Göttingen <sup>3</sup>1964, S. 9; zitiert nach Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit.'' 2010, S. 344f. „Missverständnis“ bezieht sich auf Theißen / Merz <sup>3</sup>2001, S. 402.</ref><ref name="stegemann338">W. Stegemann, 2010, S. 338–345.</ref> Ähnliche Vorstellungen zeigt nicht nur das eventuell sekundäre Messiaskonzept Lukas’, das im [[Magnificat]] konzentriert ist. Während besonders in der Tradition [[Rudolf Bultmann]]s Jesu Wirken als unpolitisch verstanden wurde, gelten seit den 1970er Jahren oft zumindest einzelne der genannten Bezüge auf ein (davidisches) Königtum als authentisch.<ref name="stegemann338" /><br />
* Die Aufrichtung des Reiches Gottes erwartete Jesus jedoch allein von Gott, nicht vom Einsatz kriegerischer Mittel (trotz {{B|Lk|22|36}}). Wird der [[Einzug in Jerusalem]] ({{B|Mk|11|1–10}}) als historisch aufgefasst, so war er nach [[Ed Parish Sanders]] vielleicht ein bewusster Anspruch Jesu auf das Königtum, ähnlich wie ihn später [[Simon bar Giora]] erhob. Anders als dieser hätte Jesus mit dem Eselritt jedoch an den machtlosen Messias der Abrüstung bei {{B|Sach|9|9f.}} erinnert.<ref name="stegemann338" /> Auch die [[Fußwaschung]] stellt einen dienenden König dar, und es gibt entsprechende Belehrungen an die Jünger ({{B|Mk|10|42ff.}}).<br />
* Nach {{B|Mk|8|29}} bekannte [[Simon Petrus]], einer der zwölf erstberufenen Jünger Jesu, ihn schon zu Lebzeiten als den Messias. Wegen der darauf folgenden Leidens- und Todesankündigung machte ihm Petrus Vorhaltungen (Mk 8,31f.). Die [[Emmaus]]jünger äußerten nach Jesu Tod Enttäuschung, dass er die erhoffte irdische Befreiung Israels nicht gebracht habe ({{B|Lk|24|21}}).<br />
* Im Mund Jesu erscheint der Titel selten und indirekt (Mk 9,41; Mt 16,20; Lk 4,41). Nach dem Markuskonzept des ''Messiasgeheimnisses'' verbot er den [[Dämon]]en, ihn als Sohn Gottes zu verkünden (Mk 1,34; 3,11f). Auch seine Jünger sollten seine Messianität bis zur Auferstehung geheim halten (Mk 8,30; 9,9). Nur in seiner Antwort auf die Messiasfrage des Hohepriesters [[Kajaphas]] im nächtlichen Verhör vor seiner [[Kreuzigung]] stellte er sich als Messias vor ({{B|Mk|14|62}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Ich bin es, und ihr werdet sehen den [[Menschensohn]] sitzend zur rechten Hand der Kraft und kommen mit den Himmelswolken.}}<br />
* Einer Frau aus Samaria gegenüber bekannte er sich offen als der Messias ({{B|Joh|4|25f}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.}}<br />
Jesus strebte nicht das davidisch-nationale Königtum an, sondern im Sinne der [[Apokalyptik]] des Buches Daniel die Vorwegnahme und Bekräftigung der Verheißung vom Kommen des Menschenähnlichen nach dem [[Endgericht]], das von aller – nicht nur römischer – Gewaltherrschaft befreie. Für einen Messiasanspruch Jesu spricht seine Hinrichtung am jüdischen [[Pessach]]fest durch Römer. [[Pontius Pilatus]] ließ laut {{B|Mk|15|26}} ein Schild mit dem Grund seines Todesurteils über Jesu Kreuz anbringen: ''der König der Juden'' (vgl. {{B|Joh|19|19}}; [[INRI]]). Den Evangelien zufolge sahen einige der ersten Jünger Jesus nach seinem Tod in neuer Gestalt als Lebenden und wurden so gewiss, dass Gott ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten erhöht habe. Unter anderem im Anschluss an den messianischen [[Psalm 110]] wurde dies als Bekräftigung der Einsetzung Jesu zum königlich-priesterlichen Richter der Endzeit verstanden.<br />
<br />
Die neutestamentliche Forschung vertrat lange eine radikal skeptische Sicht, nach der Jesus erst nach [[Ostern]] aufgrund des Auferstehungsglaubens zum Messias gemacht worden sei. Heute wird ein zumindest impliziter Messiasanspruch Jesu angenommen, der die Reaktionen auf sein Wirken – Petrusbekenntnis, Pilgerjubel beim Einzug in Jerusalem, Todesurteil des [[Sanhedrin]] und Hinrichtungsbefehl des Pilatus – erklärt. Die gesamte NT-Überlieferung stammt von Urchristen, die von Jesu Auferstehung und Messianität überzeugt waren. Auch mit der heute meist als historisch angesehenen, symbolischen [[Tempelreinigung]] kann Jesus einen impliziten Messiasanspruch erhoben haben, da apokryphe jüdische Texte vom Toten Meer (z.&nbsp;B. PsSal 17,30; 4Q flor 1,1–11) vom Messias eine künftige Reinigung und Neuerrichtung des Tempels erwarteten.<ref>Peter Stuhlmacher: ''Charakteristische Formen der Verkündigung Jesu'', in: ''Biblische Theologie des Neuen Testaments'' Band 1: ''Grundlegung: Von Jesus zu Paulus'', Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-53595-3, S. 84.</ref> Vereinzelt werden hier sogar Ansatzpunkte für die spätere Theologie eines leidenden Messias gesehen: Jesus habe die Ablehnung seines mit Tempelaktion und Tempelwort von der zukünftigen Zerstörung ({{B|Mk|13|1f.}}) verbundenen Umkehrrufs provoziert und sich so selbst an seine Hinrichtung ausgeliefert. Denn er habe geglaubt, Gottes Heilshandeln könne sich bei ausbleibender Umkehr seiner Adressaten nur durch „seinen Sühnetod als endzeitliche[n] Ersatz für den Sühnopferkult des Tempels“ durchsetzen.<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel'', S. 425–430 und 440.</ref><br />
<br />
=== Jesus Christus ===<br />
Mit der zum Eigennamen gewordenen Gleichung ''Jesus (ist der) Christus'' bekennen Christen sich zu Jesus als dem von Israel erwarteten Messias, der als Sohn Gottes vom Vater in die Welt gesandt wurde. Jesus hat den Titel Messias gelten lassen, aber seinen Sinn genauer geklärt: „Vom Himmel herabgestiegen“ ({{B|Joh|3|13}}), gekreuzigt und dann auferstanden, ist er der leidende Gottesknecht, der sein Leben hingibt „als Lösegeld für viele“ ({{B|Mt|20|28}}).<ref>KKKK, Nr. 82, KKK 436–440</ref><br />
<br />
Der im NT neben dem Messiastitel auftauchende Begriff Sohn Gottes, der im Tanach für das ganze aus Sklaverei und Wüstenzeit erwählte Volk Israel steht ({{B|Hos|11|1}}), wurde in der [[Patristik]] zu einer [[Dreifaltigkeit]]s- und [[Dreieinigkeit]]slehre weiterentwickelt. Damit war die Trennung vom Judentum endgültig vollzogen und dogmatisch fixiert. Zugleich hielt die christliche Theologie damit an der Einheit des Alten und Neuen Testaments fest: Der Gott Israels ist und bleibt als der Vater Jesu Christi der Schöpfer und Erlöser der ganzen Welt (lateinisch bezeichnet als ''[[Salvator mundi]]'').<br />
<br />
Das Christentum sieht die Verheißungen also in einem anderen Sinn erfüllt als sie nach jüdischer Auslegung im Tanach gemeint waren und hat demgemäß Inhalt und Bedeutung des Messiasbegriffs verändert. Nach Papst [[Benedikt XVI.]] ist etwa Jesus selbst die „erneuerte Tora“, der Gottes in der Tora offenbarten Willen erfüllt habe und ihr Einhalten durch die [[Gnade (Theologie)|Gnade]] ermögliche. Im Mittelpunkt steht nun die stellvertretende Rettungstat Jesu Christi, die die Menschen mit Gott versöhnt und [[Rechtfertigungslehre|Rechtfertigung]] bewirkt habe. Traditionell wurde dies von einer jüdischen Vorstellung abgehoben, nach der Heil durch Erfüllung der [[Tora#Die Tora im Christentum|Toragebote]] erreicht werde. Heute wird – nicht nur in einer [[Neue Perspektive auf Paulus|Neuen Perspektive auf Paulus]] – weitgehend anerkannt, dass auch im Judentum der [[Bund (Bibel)|Bund]] Gottes mit seinem Volk am Anfang steht. Dieser verlange dann Gehorsam dem Gesetz gegenüber, aber auch bei Übertretungen sei es durch in der Tora vorgesehene Sühnemittel möglich, im Bund zu verbleiben.<ref>Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, S. 220f., 263-266, 275f.</ref> Ein Unterschied besteht danach nicht in der ethisch-praktischen Haltung, sondern nur in deren symbolischer Begründung.<br />
<br />
Die ersten Christen rechneten in naher Zukunft mit der zweiten Ankunft, der Wiederkehr (griech. [[Parusie]]) des Messias Jesus, dem Weltende und dem [[Weltgericht]]. Diese Hoffnung drückte sich in der abschließenden Schrift des [[Neues Testament|neutestamentlichen]] Kanons, der apokalyptischen [[Offenbarung des Johannes]] aus (vgl. {{B|Mt|24}}). <!--Da die Parusie sich nach vorherrschender Meinung bis heute unerfüllt immer weiter verzögerte, wurde das noch andauernde Leid, beispielsweise das Ausbleiben des [[Weltfrieden]]s, mit dem Kreuzestod Christi in Beziehung gesetzt.--><br />
<br />
=== Jüdisch-Christlicher Dialog ===<br />
Die frühe Kirche sah sich als Erbin der Verheißungen an Israel und das Judentum als verworfene, überholte, zum Aufgehen im Christentum bestimmte Religion. Diese [[Substitutionstheologie]] ist in den Großkirchen jedoch seit dem [[Holocaust]] allmählich einem neuen Aufeinanderzugehen gewichen, bei dem christliche Theologen den jüdischen Messiasglauben als eigenständige, unabgegoltene, von Christen ebenfalls geteilte Erwartung anerkennen (so bei dem katholischen Theologen [[Johann Baptist Metz]] und dem evangelischen Theologen [[Jürgen Moltmann]]).<br />
<br />
Dabei bleibt selbst für liberale Christen das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes unaufgebbar, das sie nicht als ausschließenden Gegensatz, sondern gerade als zu Solidarität und Dialog verpflichtende Brücke zum Judentum interpretieren. Besonders deutsche jüdische Theologen wie [[Martin Buber]] oder [[Pinchas Lapide]] haben Jesus als gerechten jüdischen Lehrer der Tora, der viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht habe, anerkannt.<br />
<br />
Buber soll gegenüber Christen einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:<ref>zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): ''Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von [[Elie Wiesel]] – Herausforderung für Religion und Gesellschaft'', Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei {{Webarchiv |url=http://www.jcrelations.net/de/?item=1844 |text=Hanspeter Heinz: ''Ertrag eines Forschungsaufenthalts in den USA. Zur jüdischen Erklärung „Dabru Emet“. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum'' |wayback=20110709023640}}</ref><br />
{{Zitat<br />
|Text=Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ‚Antworte nicht‘.}}<br />
<br />
Für viele Gläubige beider Religionen bleiben die Glaubensgegensätze jedoch wechselseitig unüberbrückbar: Der biblische Maschiach war nie als jemand vorgestellt, der angebetet werden sollte. Nach {{B|Dtn|13|2–6}} ist, wer Menschen zum Glauben an Menschen als Götter verführe, dem Zorngericht Gottes verfallen. Nach {{B|Mk|16|16}} u.&nbsp;a. werde, wer nicht an Jesus Christus glaubt, bei seinem Wiederkommen im Endgericht verdammt werden. Besonders manche [[Evangelikalismus|evangelikale]] Christen machen die Wiederkunft Christi daher von einer vorherigen Bekehrung aller Menschen zu Jesus Christus, was Juden einschließt, abhängig.<br />
<br />
== Islam ==<br />
Im [[Koran]] wird Jesus von Nazaret als ''[[Isa bin Maryam]]'' (Jesus, Sohn der Maria) und als {{arF|المسيح&lrm;|DMG=al-Masīḥ}}, als „der Messias“ bzw. „Christus“ (der Gesalbte) bezeichnet ([[Sure 3]]:44–49 [4], 4:170–174 [5]). Jesus ist gemäß dem Koran jedoch weder der [[Sohn Gottes]] noch Teil einer [[Dreieinigkeit]], sondern „lediglich“ ein Prophet und ein Diener Gottes.<br />
<br />
Im [[Islam]] ist durch die Überlieferung von islamischen Gelehrten ([[Ulama|Alim]]) die Erwartung weit verbreitet, Jesus werde am Jüngsten Tag als Richter gegen die Ungerechten wiederkommen und zusammen mit dem Nachkommen Mohammeds, [[Mahdi]], den [[Antichrist]]en besiegen. Die verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam unterscheiden sich jedoch geringfügig in ihren Auffassungen.<br />
<br />
== Kunst ==<br />
In der [[Musik]] und [[Literatur]] Europas sind öfter Werke mit dem Titel und Thema des Messias geschaffen worden:<br />
* ''[[Messiah|Messias]]'', ein [[Oratorium]] von [[Georg Friedrich Händel]].<br />
* ''[[Der Messias (Klopstock)|Der Messias]]'', ein [[Epos]] von [[Friedrich Gottlieb Klopstock]], das in zwanzig Gesängen und 20.000 Versen Passion und Auferstehung Christi darstellt.<br />
* ''[[Messias (Telemann)|Der Messias]]'', ein Oratorium von [[Georg Philipp Telemann]] nach Texten von Klopstock.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Heiland]]<br />
* [[Liste jüdischer Messias-Anwärter]]<br />
* [[Messianische Juden]]<br />
* [[Messianische Bewegungen]]<br />
* [[Haile Selassie]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
;Hebräische Bibel:<br />
* ''Messias und Messianismus.'' In: ''Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie.'' Ostfildern-Ruit 29.1993. {{ISSN|0588-9804}} ({{Webarchiv |url=http://www.concilium.org/deutsch/inha931.htm |text=Inhalt |wayback=20080623005228}})<br />
* [[Roger Liebi]]: ''{{Webarchiv |url=http://clv.dyndns.info/pdf/255543.pdf |text=Der verheißene Erlöser. Messianische Prophetie – ihre Erfüllung und historische Echtheit. |wayback=20071001162058}}'' Schwengeler, Berneck 1983, Beröa, Zürich 1994 (PDF online; 542&nbsp;kB).<br />
* [[Hartmut Gese]]: ''Der Messias.'' In: ''Zur biblischen Theologie.'' Alttestamentliche Vorträge. Beiträge zur evangelischen Theologie. Bd. 78. Kaiser, München 1977, S. 128–151, Mohr, Tübingen 1983. ISBN 3-16-144700-X.<br />
* [[Werner H. Schmidt]]: ''Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte.'' Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004 (9. Aufl.), S. 207–215. ISBN 3-7887-0655-4 (''Der Messias'').<br />
* [[Ernst-Joachim Waschke]]: ''Der Gesalbte'' (= Studien zur alttestamentlichen Theologie: Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft, 306). Walter de Gruyter, 2001, ISBN 3-11-017017-5.<br />
<br />
;Neues Testament:<br />
* [[Jürgen Moltmann]]: ''Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen.'' Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1989, ISBN 3-579-01931-7.<br />
* [[Carsten P. Thiede]]: ''Der unbequeme Messias. Wer Jesus wirklich war.'' Brunnen-Verlag, Gießen 2006, ISBN 3-7655-3876-0.<br />
* [[Otfried Hofius]]: ''Ist Jesus der Messias? Thesen.'' In: ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie. Bd. 8. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4, S. 103–130.<br />
* [[Wilhelm Breuning]] (Hrsg.): ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh), Band 8, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4.<br />
<br />
;Jüdische Messiaserwartungen:<br />
* [[Henri Cazelles]]: ''Alttestamentliche Christologie. Zur Geschichte der Messiasidee.'' Einsiedeln 1983, ISBN 3-265-10262-9.<br />
* [[Nathan Peter Levinson]]: ''Der Messias.'' Kreuz, Stuttgart 1994, ISBN 3-7831-1333-4.<br />
* J. Neusner, W. Green, E. Frerichs (Hrsg.): ''Judaisms and Their Messiahs at the Turn of Christian Era.'' Cambridge 1987, ISBN 0-521-34146-9 (englisch).<br />
* Reinhold Mayer: ''War Jesus der Messias? Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden.'' Bilam, Tübingen 1998, ISBN 3-933373-01-8.<br />
* Israel Knohl: ''The Messiah Before Jesus: The Suffering Servant of the Dead Sea Scrolls.'' University of California Press, 2001, ISBN 0-520-23400-6 (englisch).<br />
* Ludwig (Lajos) Venetianer: ''Die Messiashoffnung des Judenthums.'' Metzler, Peter W., Duisburg 2010, ISBN 978-3-936283-11-2.<br />
<br />
;Jüdisch-christlicher Messiasdialog:<br />
* [[Clemens Thoma]]: ''Das Messiasprojekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung.'' Pattloch, München 1994, ISBN 3-629-00626-4.<br />
* Hans Hübner: ''Der „Messias Israels“ und der Christus des Neuen Testaments.'' in: ''Kerygma und Dogma.'' Göttingen 27/1981, S. 217–240 {{ISSN|0023-0707}}.<br />
* [[Ekkehard W. Stegemann]] (Hrsg.): ''Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen.'' Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17-012202-9.<br />
* [[Martin Karrer]]: ''Der Gesalbte. Die Grundlagen des Christustitels.'' Vandenhoeck + Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53833-2.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Wiktionary}}<br />
<br />
;Judentum:<br />
* {{JE|1=http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=510&letter=M&search=Messiah|2=Messiah|3=Joseph Jacobs, Moses Buttenwieser}}<br />
* [https://www.livius.org/articles/religion/messiah/ Jona Lendering: Messiah (historische Artikel, englisch)]<br />
<!--* {{Webarchiv | url=http://www.moshiach.com/discover/tutorials/moshiach_ben_yossef.php | wayback=20060828104515 | text=Rabbi Jacob Immanuel Schochet: Moshiach Ben Yossef}} (über die doppelte Messiastradition in rabbinischen Schriften, englisch)--><br />
* [http://www.kreuzer-siegfried.de/texte-zum-at/messias.pdf Siegfried Kreuzer: ''Messianismus/Messias''] (PDF; 2004; 74&nbsp;kB)<br />
* [http://www.judentum-projekt.de/religion/religioesegrundlagen/messias/index.html Messiaserwartung – Die messianische Erwartung im Judentum]<br />
* [http://www.synagoge-karlsruhe.de/library/howto/wizard_cdo/aid/1339137/jewish/Einfhrung.htm Der Messias im Judentum]<br />
* {{WiBiLex|27061|Messias (AT) |Autoren=Ernst-Joachim Waschke}}<br />
* Sebastian Hollstein: [https://www.spektrum.de/news/heilande-es-kann-nicht-nur-einen-geben/1556110 Heilande – es kann nicht nur einen geben], spektrum.de, 30. März 2018<br />
<br />
;Christentum:<br />
* [https://bibellexikon.com/themen_messiaserwartung_judentum_versus_christentum.php Messiaserwartung - Judentum vs. Christentum]<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/artikel/artikel/unser-christusglaube-und-die-juedische-messiashoffnung.html Hans Hermann Henrix: ''„Bist du der Kommende, oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mt 11,2). Unser Christusglaube und die jüdische Messiashoffnung'']<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/statements/statement/wir-und-die-juden-israel-und-die-kirche.html Moderamen des Reformierten Bundes: ''Wir und die Juden – Israel und die Kirche. Leitsätze in der Begegnung von Juden und Christen''] (12. Mai 1990)<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.lomdim.de/md2006/03/01.html |text=Klaus-Peter Lehmann: ''Die neue Strategie des Messias nach dem Neuen Testament: Errettung Israels von seinen Feinden durch Versöhnung der Völker im Leib Christi'' |wayback=20071209222507}}<br />
* {{WiBiLex |Referenz=51997 |Titel=Messias / Christus |Autoren=Dieter Zeller}}<br />
<br />
== Einzelbelege ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4038832-3|LCCN=sh85083988}}<br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Theologie]]<br />
[[Kategorie:Christliche Theologie]]<br />
[[Kategorie:Islamische Theologie]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Messias&diff=264610430Messias2026-02-23T01:35:27Z<p>Procopius: /* Überblick */</p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|behandelt den biblischen Begriff des ''Messias''; zu anderen Bedeutungen dieses Begriffes siehe [[Messias (Begriffsklärung)]].}}<br />
<br />
Der Begriff '''Messias''' ({{heS|משיח&lrm;|Maschiach}} oder {{lang|he-Latn|Moschiach}}, plural {{heS|משיחים|Meshichim}}, [[Aramäische Sprache|aramäisch]] {{arc|ܡܫܺܝܚܳܐ&lrm;}} ''Mschicho'', in griechischer [[Transkription (Schreibung)|Transkription]] {{lang|grc|Μεσσίας}}, ins [[Altgriechische Sprache|Griechische]] übersetzt {{lang|grc|Χριστός|Christós}}, [[Latinisierung|latinisiert]] ''[[Christus]]'') stammt aus der [[Judentum|jüdischen]] Bibel, dem [[Tanach]], und bedeutet „[[Salbung|Gesalbter]]“.<ref>{{Literatur |Autor=Karl Heinrich Rengstorf |Hrsg=Lothar Coenen |Titel=Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament |Auflage=9. |Verlag=R. Brockhausverlag |Ort=Wuppertal |Datum=1993 |ISBN=3-417-24800-0 |Kapitel=Χριστός |Seiten=760 |Zitat=Christus ist die lat. Form des griech. Χριστός, das seinerseits in LXX und NT das griech. Äquivalent des aram. meschīcha ist. Dieses wiederum entspricht dem hebr. māschiach und bezeichnet jemand, der feierlich zu einem Amt gesalbt worden ist.}}</ref> <br />
<br />
Im Tanach bezeichnet ''Maschiach'' unter anderem den weltlichen [[König]] der [[Juden]], dessen Thron laut {{B|Jer|33|17}} auf Ewigkeit immer von einem Nachfahren [[David]]s besetzt sein sollte (auch {{B|2 Sam|7|13}}). Daraus entstand seit dem [[Prophetie|Propheten]] [[Jesaja]] (~740 v. Chr.) und besonders seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) die Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' aus dem Haus Davids, der [[JHWH]]s Willen endgültig verwirklichen, als König alle Juden zusammenführen, von Fremdherrschaft befreien und ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde.<br />
<br />
Die [[Alte Kirche]] bezog die jüdische Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' auf die [[Person]] [[Jesus von Nazaret]] und bezeichnete ihn gemäß dem [[Griechisches Altes Testament|griechischen Alten Testament]] als den ''Christós'' (Χριστός), den „Gesalbten“. Im entstandenen [[Heidenchristentum]] wurde der [[Christologie|christologische]] Glaube ''Jesus ist der Gesalbte'' zum Namen [[Jesus Christus#Gesalbter, Christus, Messias|Jesus Christus]], zur [[Hypostase#Christliche Theologie und Religionswissenschaft|Hypostase]] und zu einem Teil der [[Trinität]] (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Es wurde [[Dogma#Alte Kirche|Dogma]], dass der nun [[Neues Testament|neutestamentarisch erzählte]] Jesus, als ''[[Apotheose|vergöttlichter]] Messias'', der Erlöser von der [[Erbsünde]] zwischen Menschen und christlichem Gott sei.<br />
<br />
== Überblick ==<br />
Im [[Tanach]] bezeichnet dieser Hoheitstitel den von [[JHWH|Gott]] erwählten und bevollmächtigten Menschen mit besonderen Aufgaben für sein Volk [[Israel]]. Nach dem Untergang des Reiches Juda (586 v. Chr.) kündigten einige biblische Propheten zudem einen Retter und Friedensbringer der [[Endzeit]] an, andere verkündeten, dass ein Nachkomme König [[David]]s eines Tages genau wie dieser als gesalbter, rechtmäßiger König über Israel und Juda herrschen und die Juden von der Fremdherrschaft erlösen werde. Beide Vorstellungen begannen sich mit der Zeit zu vermischen.<br />
<br />
Die [[Septuaginta]] übersetzt ''Maschiach'' stets mit ''Christos''. Nachdem Judäa unter römische Herrschaft gelangt war, traten dort mehrfach Personen auf, die den Anspruch erhoben, der Messias zu sein, und lösten damit Unruhen aus, von denen [[Flavius Josephus]] berichtet. Auch [[Jesus von Nazaret]] wurde in den [[Evangelium (Literaturgattung)|Evangelien]] mit dem griechischen Titel ''Christos'' bezeichnet, der später zu „der Christus“ latinisiert wurde. Mit dem schließlich zum Eigennamen gewordenen [[Glaubensbekenntnis]] „[[Jesus Christus]]“ drückten die Anhänger Jesu aus, dass Gott in diesem Menschen die prophetischen Verheißungen zu erfüllen begonnen habe. Aus diesem Grund legten seine Anhänger großen Wert darauf, dass Jesus über Josef in direkter männlicher Linie von König David abstamme ([[Matthäusevangelium|Matthäus]] 1,1-17). Dass die Bezeichnung „Messias“ zur Zeit Jesu (auch) als Anspruch auf irdische Macht gedeutet werden konnte, mag man daraus schließen, dass die Römer ihn als ''rex Iudaeorum'' hinrichteten, weil sie ihn offenbar für einen politischen Aufrührer hielten, von denen gemäß [[Flavius Josephus]] im 1. Jahrhundert gleich mehrere unter den Juden auftraten: Die [[Kreuzigung]] war nach römischem Recht die Strafe für Rebellen und Aufrührer.<br />
<br />
Ob allerdings ein messianischer Anspruch Jesu und/oder ein entsprechender Vorwurf seiner Gegner zu seinen Lebzeiten tatsächlich erhoben wurde, ist in der neutestamentlichen Wissenschaft umstritten. Spätestens seit [[Paulus]] verstanden die Christen unter dem Messias bzw. Christos nicht mehr den prophezeiten König der Juden, sondern den Erlöser der ganzen Menschheit. Damit verlor die behauptete Abstammung Jesu von König David an Bedeutung, die sich kaum mit der Lehre der [[Jungfrauengeburt]], nach der Josef nicht Jesu Vater war, vereinen ließ.<br />
<br />
Die Deutungen des biblischen Begriffs haben sich durch die gegenseitige Abgrenzung von Juden- und [[Christentum]] in der Folgezeit immer weiter auseinanderentwickelt. Die an eine menschliche Einzelperson geknüpfte Hoffnung auf endgültigen [[Weltfrieden]] wirkte vielfach auch auf politische [[Ideologie]]n ein (siehe dazu [[Messianismus]]).<br />
<br />
== Tanach ==<br />
Im Tanach findet man historische Personen, die politische Macht über die Juden ausübten und ''Maschiach'' (Messias) genannt werden, an die man aber keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte. Dagegen werden endzeitliche Heilserwartungen an eine Retter- und Mittlergestalt im Tanach nicht ''Maschiach'' (Messias) genannt. Der erste ''Maschiach'' war demnach [[Saul]], der erste König über Juda und Israel.<br />
<br />
=== Bevollmächtigung ===<br />
Der Ausdruck „Gesalbter“ stammt von einem altorientalischen Ritual der [[Salbung]] hoher Beamter. In der [[Bibel]] salbt jedoch kein König einen Nachfolger, Minister oder Vasallen. Vielmehr beruft Gott durch seine Propheten damit einen zuvor Unbekannten oder Oppositionellen ({{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|2|4}}; {{B|2 Kön|9|3}} u.&nbsp;a.) noch vor dessen [[Akklamation]] durch das Volk zum künftigen Herrscher. Demgemäß bezeichnet die Begriffskombination ''Gesalbter JHWHs'' die von Gott „erwählten“, rechtmäßigen Könige Israels ({{B|Ps|2|2}}; {{B|Ps|18|51}}; {{B|Ps|20|7}}; {{B|Ps|132|10.17}}).<br />
<br />
So salbt der Prophet [[Samuel (Prophet)|Samuel]] im Auftrag Gottes [[Saul]] zum Retter vor der Bedrohung durch die [[Philister]] {{Bibel|1 Sam|10|1f}}. Nach ersten militärischen Erfolgen bestätigt eine Loswahl Saul {{Bibel|1 Sam|10|21}}, nach weiteren macht eine Stämmeversammlung ihn zum König {{Bibel|1 Sam|11|15}}. In seiner Abschiedsrede übergibt Samuel ihm sein theopolitisches Führungsamt {{Bibel|1 Sam|12|3.5}}. Daher bezeichnete ''Maschiach'' wohl ursprünglich einen prophetisch berufenen politisch-militärischen Anführer, der die frühere vorstaatliche Rolle der spontan und situationsbedingt auftretenden, charismatischen „[[Buch Richter|Richter]]“, Gottes Volk vor äußeren Feinden zu retten, übernehmen und verstetigen sollte. Die Richter überkam [[Heiliger Geist|Gottes Geist]] noch unmittelbar; nun galt Geistbegabung als Folge der Salbung durch einen Propheten ({{B|1 Sam|10|1.6}}; {{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|23|1f.}}), war also Ausdruck einer mittelbaren [[Theokratie]].<br />
<br />
Im Südreich [[Juda (Reich)|Juda]], das laut Darstellung des Tanach anders als das [[Nordreich Israel]] eine stabile Königsdynastie ausbildete, erscheint die Salbung dann häufig vor oder bei einer Thronbesteigung ({{B|2 Sam|19|11}}; {{B|1 Kön|1|39}}; {{B|2 Kön|11|12}}). Sie stellte den zukünftigen König unter Gottes Schutz und machte ihn damit unantastbar ({{B|1 Sam|24|7.11}}; {{B|2 Sam|1|14ff.}}; {{B|Ps|89|21ff.}}), verpflichtete ihn so aber auch, Gottes Willen für Israel zu befolgen ({{B|1 Sam|9|16}}). Der gesalbte Führer galt damit als irdischer Diener und Vertreter Gottes, der für das Gottesvolk sorgen, es gerecht regieren, vor Fremdherrschaft bewahren und aus Unterdrückung befreien sollte. Wenn er versagte, konnte Gott ihn „verwerfen“, indem ein Prophet ihm Gottes Gericht, beispielsweise Niederlagen gegen Fremdherrscher oder Ablösung, ankündigte.<br />
<br />
''Maschiach'' bezeichnet also einen zur Leitung Israels nach Gottes Willen „Bevollmächtigten“: Der König steht biblisch immer unter Gott. Damit wurde ''Maschiach'' letztlich zur Bezeichnung des aus biblischer Sicht rechtmäßigen, legitimen Herrschers über die Juden. Deshalb konnte nach dem Untergang des Königtums vereinzelt auch ein fremder Herrscher, der Perserkönig [[Kyros II.|Kyros]], als ''Maschiach'', als Vollstrecker des Willens Gottes für Israel, bezeichnet werden {{Bibel|Jes|45|1}}.<br />
<br />
Im oder nach dem [[Babylonisches Exil|Babylonischen Exil]] wurde der verwaiste Titel auf den [[Hoherpriester|Hohepriester]] übertragen. Diese wurden zuvor zwar auch durch Salbung für ihren Tempeldienst geweiht, aber nicht als „Gesalbter“ bezeichnet ({{B|Ex|29}}; {{B|Lev|4|3ff.16}}). Sie erhielten nun aber anstelle des Königs politische Vollmachten, weshalb in den jüngsten, frühestens ab 200 v. Chr. entstandenen und spät in den Tanach aufgenommene Bücher ({{B|1 Chr|29|22}}. Vgl. später auch {{B|Sir|45|15}}; {{B|2 Makk|1|10}}) des Alten Testaments der Titel ''Maschiach'' folgerichtig ebenfalls auf sie Verwendung findet. Es gab aber auch Kritik: Die angebliche Entweihung des Tempels durch [[Antiochos IV. Epiphanes]] (um 170 v. Chr.) beendete zumindest nach Ansicht des Verfassers des Buches [[Daniel]] diese Tradition: erst im künftigen [[Reich Gottes]] werde der Tempel neu geweiht werden ({{B|Dan|9|25}}).<br />
<br />
Nur sehr selten werden in der Bibel auch Propheten gesalbt {{Bibel|1 Kön|19|16}}; [[Jesaja]] ([[Tritojesaja]]) wird im übertragenen Sinn als von Gottes Geist Gesalbter bezeichnet {{Bibel|Jes|61|1}}. Sogar die [[Erzväter]] werden in {{B|Ps|105|5}} einmal „Propheten und Gesalbte“ genannt.<br />
<br />
=== Der endzeitliche Heilsbringer ===<br />
Israels Propheten kündigten angesichts des Endes des Königtums (586 v. Chr.) nicht nur dessen künftige Erneuerung an, sondern daneben zunehmend eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer war für sie ein von Gott erwählter Mensch, sollte aber im Gegensatz zu allen früheren Führungspersonen eine radikale Wende zum [[Schalom (Hebräisch)|Schalom]] (Frieden, Heil, Wohl für alle) bringen. Seine Aufgabe sollte nicht vorübergehend, befristet und widerrufsfähig, sondern endgültig und ewig sein. Diese Heilsbringer waren nicht als politische Herrscher gedacht. Wohl deshalb vermieden es die Propheten, diese Gestalt als ''Maschiach'' zu bezeichnen.<br />
<br />
Als Weissagungen eines endzeitlichen Heilsbringers gelten:<br />
* {{B|Jes|9|1–6}} (oft sieht man den Beginn dieser Verheißung schon in {{B|Jes|8|23}})<br />
* {{B|Jes|11|1–10}}<br />
* {{B|Mi|5|1–5}}<br />
* {{B|Hos|2|2f.}}<br />
* {{B|Jer|23|5f.}}<br />
* {{B|Hes|34|23f.}}<br />
* {{B|Hes|37|22ff.}}<br />
* {{B|Hag|2|22f.}}<br />
* {{B|Sach|3|8ff.}}<br />
* {{B|Sach|6|12}}<br />
* {{B|Sach|9|9f.}}<br />
<br />
Zugleich aber wurden ältere Texte, die auf gesalbte Könige bezogen waren, im und nach dem Exil auf den zukünftigen Heilsbringer umgedeutet oder mit endzeitlichen Heilsweissagungen ergänzt, darunter:<br />
* die Zusage der ewigen Thronfolge an die Daviddynastie {{Bibel|2 Sam|7|12ff.}}<br />
* der Königspsalm {{B|Ps|2}}<br />
* die Heilsverheißung des [[Amos]] {{Bibel|Am|9|11f}}<br />
* die Verheißung eines Davidnachfolgers in der [[Bileam]]erzählung {{Bibel|Num|24|17}}<br />
* die Zusage eines künftigen Herrschers an den Stamm [[Juda (Reich)|Juda]] {{Bibel|Gen|49|10}}.<br />
<br />
Umstritten ist, ob auch<br />
* die Weissagung des [[Immanuel]] (''Gott mit uns'', {{B|Jes|7|14ff}}),<br />
* die sogenannten [[Gottesknechtslieder]] bei [[Deuterojesaja]] ({{B|Jes|42|1–4}}; {{B|Jes|49|1–6}}; {{B|Jes|50|4–9}}; {{B|Jes|52|13–53,12}}) sowie<br />
* die Vision vom Kommen des [[Menschensohn|Menschenähnlichen]] nach dem Endgericht {{Bibel|Dan|7|13f}}<br />
auf den Retter und Richter der Endzeit zu beziehen sind. Das Judentum weist Letzteres als „[[Idiosynkrasie]] christlicher Lehre“ seit jeher als seiner Ansicht nach falsch zurück.<ref name="tsinger-i53">[https://www.youtube.com/watch?v=KDKZFBJVlG8 Rabbi Tovia Singer on Isaiah 53: Who is the Suffering Servant?]</ref><ref name="tsinger-faq">{{cite web|last=Singer|first=Tovia|title=Rabbi singer answers frequently asked questions|url=https://www.outreachjudaism.org/faq|publisher=2012 Outreach Judaism|accessdate=2012-10-24 |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Levey|first=Larry|title=The Scriptural Messiah|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20120319195121/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|archivedate=2012-03-19|offline=yes |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Suffering Servant|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20121026115808/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|archivedate=2012-10-26|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
=== Jesaja ===<br />
;Jes 9,1–6: gilt als erste echte messianische Weissagung. Der [[Prophet]] [[Jesaja]] verkündet sie um 730 v. Chr. als Freudenbotschaft an das von den [[Assyrer]]n unterdrückte Volk Israel. Er prophezeit ein baldiges Ende der Unterdrückung wie am ''Tage [[Midian]]s'' ({{B|Ri|7}}), darüber hinaus von dem Ende aller Gewaltherrschaft (v.4)<br />
{{Zitat<br />
|Text=Jeder Stiefel, der mit Gedröhn einhergeht, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.}}<br />
und die Geburt eines Kindes, das Gott zum künftigen Herrscher auf Davids Thron bestimmt habe, voraus. Jesaja legt ihm Thronnamen bei, die in Israel nicht für irdische Könige üblich, sondern Gott selbst vorbehalten waren (v.5): ''der Wunderbares plant, mächtiger Gott, ewiger Vater, [[Friedensfürst|Friedefürst]].'' Seine Herrschaft werde weit reichen und ''Frieden ohne Ende'' bringen; sie werde auf ''Recht und Gerechtigkeit'' – Befolgung der [[Tora]] – gegründet sein und deshalb ''von nun an bis in Ewigkeit'' andauern (v.6). Jesaja ist für die Methode bekannt, viele seiner Botschaften durch die Benutzung prophetischer Namen zu präsentieren (Jesaja 7:3; 7:14; 8:3). In den oben genannten Versen erläutert er seine Botschaft, indem er einen prophetischen Namen für König [[Hiskija]] († 697 v. Chr.) formuliert.<ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Who is the child in Isaiah 9:5–6|url=http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20110918110001/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|archivedate=2011-09-18|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
;Jes 11,1–10: führt die auf das Gottesrecht gestützte Regentschaft des Gottgesandten aus: Er werde aus dem ''Stumpf [[Isai]]s'' hervorgehen (v.1). Da auf diesem „Spross“ Gottes Geist ruhe, werde er alle Königstugenden wie [[Weisheit]], Einsicht, Entschlusskraft, Erkenntnis und [[Gottesfurcht]] vereinen (v.2). Diese würden ihn befähigen, ohne Rücksicht auf Augenschein und Gerücht die Armen gerecht zu richten, die Gewalttäter aber zu schlagen: allein mit dem ''Stab (Zepter) seines Mundes'', also mit dem Richtspruch selbst (v.4). Diese Gerechtigkeit werde die ganze Schöpfung verwandeln und den Fluch von Gen 3 aufheben: Wölfe und Schafe, Kinder und Giftschlangen leben einträchtig zusammen (v.6ff.). Die ganze Erde werde Gott erkennen, so dass niemand mehr Unrecht tut (v.9). Der Regent werde ''als Zeichen dastehen'', das die Völker bewege, nach Gott zu fragen (v.10).<br />
<br />
Historische Herkunft und Anlass dieser Heilsverheißungen sind ungeklärt. Antike Vorbilder fehlen, da die orientalischen Großreiche gottähnliche Hoheitstitel sonst gerade zur Überhöhung und Absicherung eines bestehenden Königtums, nicht als unerwartete Zukunftshoffnung für ein ohnmächtiges, schutzloses Volk der Unterdrückten verkündeten. Auch eine Erklärung aus der Zusage ewiger Thronfolge an David ({{B|2. Sam|7|12ff.}}) greift zu kurz: Jesajas „Friedefürst“ ist weder ein neuer Eroberer und Großherrscher wie König [[David]] noch ein Gott. Denn er führt keinen Krieg mehr, sondern herrscht erst, nachdem Gott selbst die Kriegsgewalt beseitigt hat, indem er Gottes heilvolle Rechtsordnung ohne eigene Macht durchsetzt und bewahrt. Der Rückgriff auf Davids Vater Isai lässt Kritik an der Daviddynastie erkennen, die hier als abgehauener Baum erscheint, obwohl sie noch bestand.<ref>Werner H. Schmidt: ''Alttestamentlicher Glaube'', Neukirchener Verlag, 4. Auflage 1982, S. 211.</ref><br />
<br />
== Judentum ==<br />
{{Überarbeiten}}<br />
=== Außerbiblische Messiaserwartungen ===<br />
Zwischen etwa 200 v. und 100 n. Chr. wurden nur noch Personen der vorstaatlichen Heilsgeschichte und das ganze Gottesvolk Israel, aber nicht mehr Könige ''Gesalbte'' genannt: auch nicht König David, selbst dort nicht, wo seine Salbung mit „heiligem Öl“ erwähnt ist ({{B|Ps|151|4ff.}}). Dies zeigt ein Misstrauen, den Titel auf Gestalten der politisch erlebten Geschichte anzuwenden. „Als Gesalbter lässt sich zur Zeit Jesu und der Urchristen allein bezeichnen, wer Gott einzigartig und durch nichts beeinträchtigt zugehört.“<ref>Martin Karrer: ''Jesus Christus im Neuen Testament'', 1998, S. 137.</ref><br />
<br />
In 17 der [[Schriftrollen vom Toten Meer]] (entstanden 250 v. – 40 n. Chr.) ist der Maschiach-Titel belegt.<ref>M.G. Abegg, ''The Messiah at Qumran'', 1995, S. 125–144.</ref> Er wurde dort nur einmal auf einen künftigen Davidspross (4Q PB), sonst immer auf einen künftigen Hohepriester bezogen. 1QS IX,9–11 ([[Gemeinderegel]]) redet von den ''Messiassen [[Aaron (biblische Person)|Aarons]] und Israels'' im Plural: Dies knüpfte an die Verheißung [[Sacharja]]s von den beiden harmonisch regierenden ''Ölsöhnen'' {{B|Sach|4|14}} an und zeigt eine theologische Opposition gegen die damals regierenden [[Hasmonäer]]. Deren Regenten vereinten Priester- und Königsamt, ohne sich aber salben, also von Gott legitimieren zu lassen.<ref>Gerd Theißen, Annette Merz: ''Der Historische Jesus'' S. 464.</ref> Sie, die [[Herodianer]] und ihre nach jüdischer Herrschaft strebenden Gegner nannten sich nicht ''Gesalbter'', sondern ''König''. Auch die Hohepriester jener Zeit wurden nicht gesalbt.<br />
<br />
Die [[Psalmen Salomos]] 17 und 18 (großenteils in der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. entstanden) enthalten die umfassendste frühjüdische Schilderung des erwarteten Wirkens eines ''Gesalbten des Herrn'' als künftigem Heilskönig und Davidnachkommen, der die sündigen Heiden aus Palästina vertreibt, aber zugleich die Völkerwallfahrt zum [[Zion]] auslöst. Er erkennt selbst Gott als ''seinen'' König an, wird von ihm unterwiesen und setzt sein Vertrauen ausschließlich auf ihn. In seinem Wirken ist er von Gott abhängig, der ihn mit heiligem Geist stark, weise und gerecht gemacht hat (PsSal 17, 32–40).<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 65f.</ref><br />
<br />
Die apokalyptischen Bilderreden des [[Äthiopischer Henoch|Äthiopischen Henochbuchs]] (ca. 50 n. Chr.) verbinden zwei im Tanach unausgeglichen nebeneinander verheißene Mittlergestalten: den Heilsbringer auf dem Königsthron Davids (Jes 9) und den Menschenähnlichen aus dem Himmelsbereich ({{B|Dan|7}}), ohne ihn „[[Davidsohn|Davidssohn]]“ zu nennen.<br />
<br />
Im Buch [[4. Esra]] (um 100 n. Chr.)<ref>[http://www.uni-leipzig.de/~nt/asp/blaetter/esra.htm 4. Esra]</ref> ist der Messias ein Heilsbringer auf Zeit. Für die Getreuen, die endzeitliche Katastrophen überlebt haben, schafft er eine 400-jährige Friedenszeit, an deren Ende er, gemeinsam mit allen Menschen, stirbt, bevor eine neue Weltzeit erwacht (4. Esra 7,28–29).<br />
<br />
Die aramäischen Bibelhandschriften aus dem 2. Jahrhundert ([[Targum]]im) machen – wohl auch unter dem Eindruck christlicher Überlieferung – Messiasbezüge des Tanach explizit. So wird „Spross“ etwa in {{B|Sach|3|8}} mit „Messias“ übersetzt, und der Gottesknecht Deuterojesajas wird mit dem Messias identifiziert, sogar {{B|Jes|53|5}} umgeschrieben mit dem Hinweis auf einen Neubau des Tempels {{" |Und er wird das Heiligtum bauen, das durch unsere Schulden entweiht und durch unsere Sünden preisgegeben worden war.}}<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 78 f., 81 ff.</ref><br />
<br />
Im [[Syrische Baruch-Apokalypse|syrischen Baruch]] (Anfang 2. Jh. n. Chr.)<ref>[http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/06offb/nt90.htm#c Syrischer Baruch]</ref> werden dem Messias zwei Bedeutungen zugemessen. Zum einen gelangen die Gerechten nach seiner Rückkehr zu Gott zu neuem Leben in Einmütigkeit (syrBar 30,1ff.), zum andern beginnt mit seiner Thronbesteigung am Ende einer von ihm veranlassten Ära der Demütigung eine Ära harmonischer [[Sabbat]]-Ruhe (syrBar 73,1f.).<br />
<br />
=== Rabbinisches Judentum ===<br />
In den nachbiblischen jüdischen Schriften, [[Mischna]] und [[Talmud]], sowie in den Gebeten und Liturgien erhält die Messiashoffnung einen wichtigen Platz. Das [[Achtzehnbittengebet]] bittet mit der 14. Bitte um die Wiederherstellung der Tempelstadt Jerusalem und des Davidthrons. Die 15. Bitte lautet:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Den Spross deines Knechtes David lasse bald emporsprießen, sein Szepter erhöhe durch deine Befreiung, denn auf deine Befreiung hoffen wir den ganzen Tag.}}<br />
Auch im [[Kaddisch]] findet man eine ähnliche Bitte. Im Morgengebet der [[Schabbat]]-Liturgie heißt es:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Nichts ist neben dir, unser Erlöser, in den Tagen des Gesalbten, und keiner ist dir ähnlich, unser Befreier, wenn du die Toten belebst.}}<br />
<br />
Hier wird deutlich, dass die messianische Heilszeit noch in die menschliche Geschichte fällt, während die Auferstehung der Toten allein Gottes Sache bleibt. Gemäß dem 1. Gebot kann der Heilsbringer für Juden nur ein menschliches Wesen, kein Gott, Teil Gottes oder [[Halbgott]] sein. Er kann auch nach seinem Erscheinen nicht angebetet werden, da das [[Gebet]] nur dem einen, einzigen Gott gebührt.<br />
<br />
Nach negativen Erfahrungen mit vielen israelitischen Königen und dem Untergang des Königtums und des ersten Tempels verschob sich die Bedeutung des Begriffs: Der Gesalbte werde ein neuer Lehrer sein, ähnlich wie [[Mose]]s und [[Elija]]. Schon die vermutete [[Qumran]]gemeinschaft kannte einen solchen [[Lehrer der Gerechtigkeit]] mit endgültiger Weisheit und Durchsetzungskraft. Die [[Zelot]]en erwarteten einen politischen Befreier der Juden von der Fremdherrschaft der Griechen und Römer. Eventuell drückte die Bezeichnung des [[Simon Bar Kochba]] als „Sohn des Lichts“ eine solche Messiaserwartung aus. Nach dem Untergang des Zweiten Tempels 70 n. Chr. trat diese politische Messiaserwartung zurück.<br />
<br />
=== Systematisierung der Messiaserwartung ===<br />
Im Judentum wird vom Maschiach allgemein erwartet, dass er Mensch und nicht göttlich sein wird und bestimmte Kriterien und Aufgaben erfüllen wird, die die Welt für immer grundlegend verändern. Wenn ein als Maschiach auftretender oder verehrter oder vermuteter Mensch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt und stirbt, kann dieser nicht als der Maschiach anerkannt werden. Er muss nach verschiedenen biblischen Aussagen<ref name="realmessiah">{{cite web|last=Kaplan|first=Rabbi Aryeh|title=The Real Messiah|url=https://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20140413185633/http://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|archivedate=2014-04-13|offline=yes |language=en}}</ref><ref name="book-realmessiah">{{cite book|last=Kaplan|first=Aryeh|title=The real Messiah? a Jewish response to missionaries|year=1985|publisher=National Conference of Synagogue Youth|location=New York|isbn=1-879016-11-7|edition=New ed. |language=en}}</ref><br />
* Jude sein ({{B|Dtn|17|15}}; {{B|Num|24|17}})<br />
* dem Stamm [[Juda (Bibel)|Juda]] angehören {{Bibel|Gen|49|10}}<br />
* ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König [[David]] ({{B|1 Chr|17|11}}; {{B|Ps|89|29–38}}; {{B|Jer|33|17}}; {{B|2 Sam|7|12–16}}) und König [[Salomo]]n sein ({{B|1 Chr|22|10}}; {{B|2 Chr|7|18}})<br />
* das jüdische Volk aus dem Exil in Israel versammeln ({{B|Jes|11|12}}; {{B|Jes|27|12f.}})<br />
* den jüdischen [[Jerusalemer Tempel|Tempel in Jerusalem]] wieder aufbauen {{Bibel|Mi|4|1}}<br />
* den [[Weltfrieden]] bringen ({{B|Jes|2|4}}; {{B|Jes|11|6}}; {{B|Mi|4|3}})<br />
* die ganze Menschheit dazu bringen, den einzigen Gott anzuerkennen und ihm zu dienen ({{B|Jes|11|9}}; {{B|Jes|40|5}}; {{B|Zef|3|9}}).<br />
<br />
Das Buch [[Ezechiel]] bietet eine zusammenfassende Schau dieser Kriterien {{Bibel|Hes|37|24–28}}<br />
{{Zitat<br />
|Text=Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln. Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. [...] Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein. Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.}}<br />
<br />
Nach jüdischer Auffassung steht, im Unterschied zum Christentum, das Kommen des Messias noch bevor. Eine abweichende Auffassung vertreten nur die [[Messianische Juden|Messianischen Juden]].<br />
<br />
== Christentum ==<br />
=== Texte ===<br />
Im [[Neues Testament|Neuen Testament]] (NT) kommt der griechische Titel ''Christos'' 531-mal, der [[Gräzisierung|gräzisierte]] aramäisch-hebräische Begriff ''Messias'' zweimal (Joh 1,41; 4,25) vor. Er erscheint in allen NT-Schriften, fehlt aber in der hypothetischen [[Logienquelle]] und im apokryphen [[Thomasevangelium]]. Beide berichten auch nicht von Jesu Tod und [[Auferstehung]].<br />
<br />
Besonders oft erscheint der Titel in den [[Passion Jesu|Passionsberichten]] der Evangelien und in den [[Paulusbriefe]]n. Diese verbinden ihn vor allem mit Jesu Heilstod und beziehen ihn zugleich auf die biblische Heilserwartung, obwohl diese keinen leidenden Messias kannte ({{B|1 Kor|15|3}})<br />
{{Zitat<br />
|Text=Christus ist für uns gestorben nach der Schrift.}}<br />
<br />
Geburt und Kindheit Jesu<br />
* Nach dem [[Evangelium nach Matthäus|Matthäusevangelium]] wurde Jesus als [[Sohn Davids]] in [[Betlehem]] geboren, von wo nach Mi 5,1 der künftige Retter Israels kommen sollte. Nach der [[Flucht nach Ägypten]] kehrte Josef nach dem Tode des Herodes mit Maria und dem Kind wieder in das Land Israel zurück und ließ sich in Nazareth nieder ({{B|Mt|2|1–23}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.}}<br />
:Diese Verheißung gibt es jedoch im Tanach nicht. Nazaret existierte zur Zeit der Propheten eventuell noch gar nicht. Christliche [[Biblische Exegese|Exegeten]] finden hier manchmal eine Anspielung auf den „Spross (hebr. ''nezer'') Isais“ – Davids Vater – aus {{B|Jes|11|1}} (z. B. [[Einheitsübersetzung]]).<br />
<br />
* Im [[Brief des Paulus an die Römer]] ({{B|Röm|11|26}}) wird {{B|Jes|59|20}} nach der [[Septuaginta]] zitiert:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der da abwende das gottlose Wesen von Jakob.}}<br />
:Für Paulus befreite Jesus durch seinen stellvertretenden [[Sühne]]tod am [[Kreuz (Christentum)|Kreuz]] die Menschen vom drohenden Fluch der Tora, der jeden bedrohe, der sie nicht ganz erfülle ({{B|Gal|3|13}}). Es genüge daher, an Jesus zu glauben und sich zu ihm zu bekennen, um gerettet zu werden. Dem widerspricht der hebräische Wortlaut des Zitats im Tanach:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Aber für Zion wird kommen ein Erlöser, für die in Jakob, die von der Abtrünnigkeit umkehrten, spricht der Herr.}}<br />
:Der Maschiach wird nach jüdischem Glauben daher den gläubigen, observanten Juden nicht die Sünden abnehmen, sondern wenn diese sich von ihren Sünden abwenden, dann wird er kommen.<br />
<br />
* Im [[Johannesevangelium]] wird die Vorstellung des Messias als König Israels ({{B|Joh|1|49}}) als unzureichend angesehen. Dahinter steht das Geheimnis, dass Jesus in Wirklichkeit der [[Präexistenz Christi|präexistente]] [[Sohn Gottes]] sei. Irdisch-königliche Erwartungen der Garantie von Grundbedürfnissen werden abgewiesen ({{B|Joh|6|15}}), und Jesus bezeichnet sich Pilatus gegenüber als König der Wahrheit, dessen Reich nicht von dieser Welt und daher gewaltlos ist ({{B|Joh|18|36f.|ELB}}). Die Messiasvorstellung wird spiritualisiert und – ähnlich wie bei Paulus und den anderen Evangelien – mit der Vorstellung der [[Erlösung]] durch den Tod am Kreuz verbunden: Der [[Glaube (Religion)|Glaube]] an Jesus als den Christus verleiht [[ewiges Leben]] ({{B|Joh|20|31}}).<ref>Bekannte NT-Theologie und Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 62–66.</ref><br />
<br />
=== Historischer Jesus ===<br />
{{Hauptartikel|Jesus von Nazaret|Menschensohn#Exegetische Diskussion|titel2=Exegetische Diskussion}}<br />
<br />
Ob Jesus sich selbst Messias genannt hat, ist umstritten. Die Evangelien ergeben folgenden Befund<br />
* Eine Messiaserwartung wurde an Jesus herangetragen: von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] ({{B|Mt|11|3}}: ''der Kommende''), von seinen Anhängern (Mk 8,29: ''der Christus''), von Armen im Volk ({{B|Mk|10|47}}: ''[[Sohn Davids]]''; Mk 11,10: ''Herrschaft Davids'') und von Gegnern ({{B|Mk|14|61}}: ''der Christus, Sohn des Hochgelobten'').<br />
* Besonders die Verkündigung des [[Reich Gottes|Reiches Gottes]] und seiner Gegenwart in [[Wunder Jesu|Heilungen]] weckte messianische Hoffnungen (vgl. {{B|Mt|11|3–5}}). Diese müssen nicht aus einem Missverständnis entstanden sein, sondern das „Davidische Königtum der Endzeit“ wurde etwa im apokryphen Psalm Salomons 17 als Befreiung Israels von Feinden, Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gerechte Herrschaft und „irdische Stellvertretung des Königtums Gottes“ verstanden.<ref>J. Weiß: ''Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes'', Göttingen <sup>3</sup>1964, S. 9; zitiert nach Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit.'' 2010, S. 344f. „Missverständnis“ bezieht sich auf Theißen / Merz <sup>3</sup>2001, S. 402.</ref><ref name="stegemann338">W. Stegemann, 2010, S. 338–345.</ref> Ähnliche Vorstellungen zeigt nicht nur das eventuell sekundäre Messiaskonzept Lukas’, das im [[Magnificat]] konzentriert ist. Während besonders in der Tradition [[Rudolf Bultmann]]s Jesu Wirken als unpolitisch verstanden wurde, gelten seit den 1970er Jahren oft zumindest einzelne der genannten Bezüge auf ein (davidisches) Königtum als authentisch.<ref name="stegemann338" /><br />
* Die Aufrichtung des Reiches Gottes erwartete Jesus jedoch allein von Gott, nicht vom Einsatz kriegerischer Mittel (trotz {{B|Lk|22|36}}). Wird der [[Einzug in Jerusalem]] ({{B|Mk|11|1–10}}) als historisch aufgefasst, so war er nach [[Ed Parish Sanders]] vielleicht ein bewusster Anspruch Jesu auf das Königtum, ähnlich wie ihn später [[Simon bar Giora]] erhob. Anders als dieser hätte Jesus mit dem Eselritt jedoch an den machtlosen Messias der Abrüstung bei {{B|Sach|9|9f.}} erinnert.<ref name="stegemann338" /> Auch die [[Fußwaschung]] stellt einen dienenden König dar, und es gibt entsprechende Belehrungen an die Jünger ({{B|Mk|10|42ff.}}).<br />
* Nach {{B|Mk|8|29}} bekannte [[Simon Petrus]], einer der zwölf erstberufenen Jünger Jesu, ihn schon zu Lebzeiten als den Messias. Wegen der darauf folgenden Leidens- und Todesankündigung machte ihm Petrus Vorhaltungen (Mk 8,31f.). Die [[Emmaus]]jünger äußerten nach Jesu Tod Enttäuschung, dass er die erhoffte irdische Befreiung Israels nicht gebracht habe ({{B|Lk|24|21}}).<br />
* Im Mund Jesu erscheint der Titel selten und indirekt (Mk 9,41; Mt 16,20; Lk 4,41). Nach dem Markuskonzept des ''Messiasgeheimnisses'' verbot er den [[Dämon]]en, ihn als Sohn Gottes zu verkünden (Mk 1,34; 3,11f). Auch seine Jünger sollten seine Messianität bis zur Auferstehung geheim halten (Mk 8,30; 9,9). Nur in seiner Antwort auf die Messiasfrage des Hohepriesters [[Kajaphas]] im nächtlichen Verhör vor seiner [[Kreuzigung]] stellte er sich als Messias vor ({{B|Mk|14|62}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Ich bin es, und ihr werdet sehen den [[Menschensohn]] sitzend zur rechten Hand der Kraft und kommen mit den Himmelswolken.}}<br />
* Einer Frau aus Samaria gegenüber bekannte er sich offen als der Messias ({{B|Joh|4|25f}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.}}<br />
Jesus strebte nicht das davidisch-nationale Königtum an, sondern im Sinne der [[Apokalyptik]] des Buches Daniel die Vorwegnahme und Bekräftigung der Verheißung vom Kommen des Menschenähnlichen nach dem [[Endgericht]], das von aller – nicht nur römischer – Gewaltherrschaft befreie. Für einen Messiasanspruch Jesu spricht seine Hinrichtung am jüdischen [[Pessach]]fest durch Römer. [[Pontius Pilatus]] ließ laut {{B|Mk|15|26}} ein Schild mit dem Grund seines Todesurteils über Jesu Kreuz anbringen: ''der König der Juden'' (vgl. {{B|Joh|19|19}}; [[INRI]]). Den Evangelien zufolge sahen einige der ersten Jünger Jesus nach seinem Tod in neuer Gestalt als Lebenden und wurden so gewiss, dass Gott ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten erhöht habe. Unter anderem im Anschluss an den messianischen [[Psalm 110]] wurde dies als Bekräftigung der Einsetzung Jesu zum königlich-priesterlichen Richter der Endzeit verstanden.<br />
<br />
Die neutestamentliche Forschung vertrat lange eine radikal skeptische Sicht, nach der Jesus erst nach [[Ostern]] aufgrund des Auferstehungsglaubens zum Messias gemacht worden sei. Heute wird ein zumindest impliziter Messiasanspruch Jesu angenommen, der die Reaktionen auf sein Wirken – Petrusbekenntnis, Pilgerjubel beim Einzug in Jerusalem, Todesurteil des [[Sanhedrin]] und Hinrichtungsbefehl des Pilatus – erklärt. Die gesamte NT-Überlieferung stammt von Urchristen, die von Jesu Auferstehung und Messianität überzeugt waren. Auch mit der heute meist als historisch angesehenen, symbolischen [[Tempelreinigung]] kann Jesus einen impliziten Messiasanspruch erhoben haben, da apokryphe jüdische Texte vom Toten Meer (z.&nbsp;B. PsSal 17,30; 4Q flor 1,1–11) vom Messias eine künftige Reinigung und Neuerrichtung des Tempels erwarteten.<ref>Peter Stuhlmacher: ''Charakteristische Formen der Verkündigung Jesu'', in: ''Biblische Theologie des Neuen Testaments'' Band 1: ''Grundlegung: Von Jesus zu Paulus'', Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-53595-3, S. 84.</ref> Vereinzelt werden hier sogar Ansatzpunkte für die spätere Theologie eines leidenden Messias gesehen: Jesus habe die Ablehnung seines mit Tempelaktion und Tempelwort von der zukünftigen Zerstörung ({{B|Mk|13|1f.}}) verbundenen Umkehrrufs provoziert und sich so selbst an seine Hinrichtung ausgeliefert. Denn er habe geglaubt, Gottes Heilshandeln könne sich bei ausbleibender Umkehr seiner Adressaten nur durch „seinen Sühnetod als endzeitliche[n] Ersatz für den Sühnopferkult des Tempels“ durchsetzen.<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel'', S. 425–430 und 440.</ref><br />
<br />
=== Jesus Christus ===<br />
Mit der zum Eigennamen gewordenen Gleichung ''Jesus (ist der) Christus'' bekennen Christen sich zu Jesus als dem von Israel erwarteten Messias, der als Sohn Gottes vom Vater in die Welt gesandt wurde. Jesus hat den Titel Messias gelten lassen, aber seinen Sinn genauer geklärt: „Vom Himmel herabgestiegen“ ({{B|Joh|3|13}}), gekreuzigt und dann auferstanden, ist er der leidende Gottesknecht, der sein Leben hingibt „als Lösegeld für viele“ ({{B|Mt|20|28}}).<ref>KKKK, Nr. 82, KKK 436–440</ref><br />
<br />
Der im NT neben dem Messiastitel auftauchende Begriff Sohn Gottes, der im Tanach für das ganze aus Sklaverei und Wüstenzeit erwählte Volk Israel steht ({{B|Hos|11|1}}), wurde in der [[Patristik]] zu einer [[Dreifaltigkeit]]s- und [[Dreieinigkeit]]slehre weiterentwickelt. Damit war die Trennung vom Judentum endgültig vollzogen und dogmatisch fixiert. Zugleich hielt die christliche Theologie damit an der Einheit des Alten und Neuen Testaments fest: Der Gott Israels ist und bleibt als der Vater Jesu Christi der Schöpfer und Erlöser der ganzen Welt (lateinisch bezeichnet als ''[[Salvator mundi]]'').<br />
<br />
Das Christentum sieht die Verheißungen also in einem anderen Sinn erfüllt als sie nach jüdischer Auslegung im Tanach gemeint waren und hat demgemäß Inhalt und Bedeutung des Messiasbegriffs verändert. Nach Papst [[Benedikt XVI.]] ist etwa Jesus selbst die „erneuerte Tora“, der Gottes in der Tora offenbarten Willen erfüllt habe und ihr Einhalten durch die [[Gnade (Theologie)|Gnade]] ermögliche. Im Mittelpunkt steht nun die stellvertretende Rettungstat Jesu Christi, die die Menschen mit Gott versöhnt und [[Rechtfertigungslehre|Rechtfertigung]] bewirkt habe. Traditionell wurde dies von einer jüdischen Vorstellung abgehoben, nach der Heil durch Erfüllung der [[Tora#Die Tora im Christentum|Toragebote]] erreicht werde. Heute wird – nicht nur in einer [[Neue Perspektive auf Paulus|Neuen Perspektive auf Paulus]] – weitgehend anerkannt, dass auch im Judentum der [[Bund (Bibel)|Bund]] Gottes mit seinem Volk am Anfang steht. Dieser verlange dann Gehorsam dem Gesetz gegenüber, aber auch bei Übertretungen sei es durch in der Tora vorgesehene Sühnemittel möglich, im Bund zu verbleiben.<ref>Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, S. 220f., 263-266, 275f.</ref> Ein Unterschied besteht danach nicht in der ethisch-praktischen Haltung, sondern nur in deren symbolischer Begründung.<br />
<br />
Die ersten Christen rechneten in naher Zukunft mit der zweiten Ankunft, der Wiederkehr (griech. [[Parusie]]) des Messias Jesus, dem Weltende und dem [[Weltgericht]]. Diese Hoffnung drückte sich in der abschließenden Schrift des [[Neues Testament|neutestamentlichen]] Kanons, der apokalyptischen [[Offenbarung des Johannes]] aus (vgl. {{B|Mt|24}}). <!--Da die Parusie sich nach vorherrschender Meinung bis heute unerfüllt immer weiter verzögerte, wurde das noch andauernde Leid, beispielsweise das Ausbleiben des [[Weltfrieden]]s, mit dem Kreuzestod Christi in Beziehung gesetzt.--><br />
<br />
=== Jüdisch-Christlicher Dialog ===<br />
Die frühe Kirche sah sich als Erbin der Verheißungen an Israel und das Judentum als verworfene, überholte, zum Aufgehen im Christentum bestimmte Religion. Diese [[Substitutionstheologie]] ist in den Großkirchen jedoch seit dem [[Holocaust]] allmählich einem neuen Aufeinanderzugehen gewichen, bei dem christliche Theologen den jüdischen Messiasglauben als eigenständige, unabgegoltene, von Christen ebenfalls geteilte Erwartung anerkennen (so bei dem katholischen Theologen [[Johann Baptist Metz]] und dem evangelischen Theologen [[Jürgen Moltmann]]).<br />
<br />
Dabei bleibt selbst für liberale Christen das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes unaufgebbar, das sie nicht als ausschließenden Gegensatz, sondern gerade als zu Solidarität und Dialog verpflichtende Brücke zum Judentum interpretieren. Besonders deutsche jüdische Theologen wie [[Martin Buber]] oder [[Pinchas Lapide]] haben Jesus als gerechten jüdischen Lehrer der Tora, der viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht habe, anerkannt.<br />
<br />
Buber soll gegenüber Christen einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:<ref>zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): ''Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von [[Elie Wiesel]] – Herausforderung für Religion und Gesellschaft'', Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei {{Webarchiv |url=http://www.jcrelations.net/de/?item=1844 |text=Hanspeter Heinz: ''Ertrag eines Forschungsaufenthalts in den USA. Zur jüdischen Erklärung „Dabru Emet“. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum'' |wayback=20110709023640}}</ref><br />
{{Zitat<br />
|Text=Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ‚Antworte nicht‘.}}<br />
<br />
Für viele Gläubige beider Religionen bleiben die Glaubensgegensätze jedoch wechselseitig unüberbrückbar: Der biblische Maschiach war nie als jemand vorgestellt, der angebetet werden sollte. Nach {{B|Dtn|13|2–6}} ist, wer Menschen zum Glauben an Menschen als Götter verführe, dem Zorngericht Gottes verfallen. Nach {{B|Mk|16|16}} u.&nbsp;a. werde, wer nicht an Jesus Christus glaubt, bei seinem Wiederkommen im Endgericht verdammt werden. Besonders manche [[Evangelikalismus|evangelikale]] Christen machen die Wiederkunft Christi daher von einer vorherigen Bekehrung aller Menschen zu Jesus Christus, was Juden einschließt, abhängig.<br />
<br />
== Islam ==<br />
Im [[Koran]] wird Jesus von Nazaret als ''[[Isa bin Maryam]]'' (Jesus, Sohn der Maria) und als {{arF|المسيح&lrm;|DMG=al-Masīḥ}}, als „der Messias“ bzw. „Christus“ (der Gesalbte) bezeichnet ([[Sure 3]]:44–49 [4], 4:170–174 [5]). Jesus ist gemäß dem Koran jedoch weder der [[Sohn Gottes]] noch Teil einer [[Dreieinigkeit]], sondern „lediglich“ ein Prophet und ein Diener Gottes.<br />
<br />
Im [[Islam]] ist durch die Überlieferung von islamischen Gelehrten ([[Ulama|Alim]]) die Erwartung weit verbreitet, Jesus werde am Jüngsten Tag als Richter gegen die Ungerechten wiederkommen und zusammen mit dem Nachkommen Mohammeds, [[Mahdi]], den [[Antichrist]]en besiegen. Die verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam unterscheiden sich jedoch geringfügig in ihren Auffassungen.<br />
<br />
== Kunst ==<br />
In der [[Musik]] und [[Literatur]] Europas sind öfter Werke mit dem Titel und Thema des Messias geschaffen worden:<br />
* ''[[Messiah|Messias]]'', ein [[Oratorium]] von [[Georg Friedrich Händel]].<br />
* ''[[Der Messias (Klopstock)|Der Messias]]'', ein [[Epos]] von [[Friedrich Gottlieb Klopstock]], das in zwanzig Gesängen und 20.000 Versen Passion und Auferstehung Christi darstellt.<br />
* ''[[Messias (Telemann)|Der Messias]]'', ein Oratorium von [[Georg Philipp Telemann]] nach Texten von Klopstock.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Heiland]]<br />
* [[Liste jüdischer Messias-Anwärter]]<br />
* [[Messianische Juden]]<br />
* [[Messianische Bewegungen]]<br />
* [[Haile Selassie]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
;Hebräische Bibel:<br />
* ''Messias und Messianismus.'' In: ''Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie.'' Ostfildern-Ruit 29.1993. {{ISSN|0588-9804}} ({{Webarchiv |url=http://www.concilium.org/deutsch/inha931.htm |text=Inhalt |wayback=20080623005228}})<br />
* [[Roger Liebi]]: ''{{Webarchiv |url=http://clv.dyndns.info/pdf/255543.pdf |text=Der verheißene Erlöser. Messianische Prophetie – ihre Erfüllung und historische Echtheit. |wayback=20071001162058}}'' Schwengeler, Berneck 1983, Beröa, Zürich 1994 (PDF online; 542&nbsp;kB).<br />
* [[Hartmut Gese]]: ''Der Messias.'' In: ''Zur biblischen Theologie.'' Alttestamentliche Vorträge. Beiträge zur evangelischen Theologie. Bd. 78. Kaiser, München 1977, S. 128–151, Mohr, Tübingen 1983. ISBN 3-16-144700-X.<br />
* [[Werner H. Schmidt]]: ''Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte.'' Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004 (9. Aufl.), S. 207–215. ISBN 3-7887-0655-4 (''Der Messias'').<br />
* [[Ernst-Joachim Waschke]]: ''Der Gesalbte'' (= Studien zur alttestamentlichen Theologie: Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft, 306). Walter de Gruyter, 2001, ISBN 3-11-017017-5.<br />
<br />
;Neues Testament:<br />
* [[Jürgen Moltmann]]: ''Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen.'' Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1989, ISBN 3-579-01931-7.<br />
* [[Carsten P. Thiede]]: ''Der unbequeme Messias. Wer Jesus wirklich war.'' Brunnen-Verlag, Gießen 2006, ISBN 3-7655-3876-0.<br />
* [[Otfried Hofius]]: ''Ist Jesus der Messias? Thesen.'' In: ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie. Bd. 8. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4, S. 103–130.<br />
* [[Wilhelm Breuning]] (Hrsg.): ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh), Band 8, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4.<br />
<br />
;Jüdische Messiaserwartungen:<br />
* [[Henri Cazelles]]: ''Alttestamentliche Christologie. Zur Geschichte der Messiasidee.'' Einsiedeln 1983, ISBN 3-265-10262-9.<br />
* [[Nathan Peter Levinson]]: ''Der Messias.'' Kreuz, Stuttgart 1994, ISBN 3-7831-1333-4.<br />
* J. Neusner, W. Green, E. Frerichs (Hrsg.): ''Judaisms and Their Messiahs at the Turn of Christian Era.'' Cambridge 1987, ISBN 0-521-34146-9 (englisch).<br />
* Reinhold Mayer: ''War Jesus der Messias? Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden.'' Bilam, Tübingen 1998, ISBN 3-933373-01-8.<br />
* Israel Knohl: ''The Messiah Before Jesus: The Suffering Servant of the Dead Sea Scrolls.'' University of California Press, 2001, ISBN 0-520-23400-6 (englisch).<br />
* Ludwig (Lajos) Venetianer: ''Die Messiashoffnung des Judenthums.'' Metzler, Peter W., Duisburg 2010, ISBN 978-3-936283-11-2.<br />
<br />
;Jüdisch-christlicher Messiasdialog:<br />
* [[Clemens Thoma]]: ''Das Messiasprojekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung.'' Pattloch, München 1994, ISBN 3-629-00626-4.<br />
* Hans Hübner: ''Der „Messias Israels“ und der Christus des Neuen Testaments.'' in: ''Kerygma und Dogma.'' Göttingen 27/1981, S. 217–240 {{ISSN|0023-0707}}.<br />
* [[Ekkehard W. Stegemann]] (Hrsg.): ''Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen.'' Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17-012202-9.<br />
* [[Martin Karrer]]: ''Der Gesalbte. Die Grundlagen des Christustitels.'' Vandenhoeck + Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53833-2.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Wiktionary}}<br />
<br />
;Judentum:<br />
* {{JE|1=http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=510&letter=M&search=Messiah|2=Messiah|3=Joseph Jacobs, Moses Buttenwieser}}<br />
* [https://www.livius.org/articles/religion/messiah/ Jona Lendering: Messiah (historische Artikel, englisch)]<br />
<!--* {{Webarchiv | url=http://www.moshiach.com/discover/tutorials/moshiach_ben_yossef.php | wayback=20060828104515 | text=Rabbi Jacob Immanuel Schochet: Moshiach Ben Yossef}} (über die doppelte Messiastradition in rabbinischen Schriften, englisch)--><br />
* [http://www.kreuzer-siegfried.de/texte-zum-at/messias.pdf Siegfried Kreuzer: ''Messianismus/Messias''] (PDF; 2004; 74&nbsp;kB)<br />
* [http://www.judentum-projekt.de/religion/religioesegrundlagen/messias/index.html Messiaserwartung – Die messianische Erwartung im Judentum]<br />
* [http://www.synagoge-karlsruhe.de/library/howto/wizard_cdo/aid/1339137/jewish/Einfhrung.htm Der Messias im Judentum]<br />
* {{WiBiLex|27061|Messias (AT) |Autoren=Ernst-Joachim Waschke}}<br />
* Sebastian Hollstein: [https://www.spektrum.de/news/heilande-es-kann-nicht-nur-einen-geben/1556110 Heilande – es kann nicht nur einen geben], spektrum.de, 30. März 2018<br />
<br />
;Christentum:<br />
* [https://bibellexikon.com/themen_messiaserwartung_judentum_versus_christentum.php Messiaserwartung - Judentum vs. Christentum]<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/artikel/artikel/unser-christusglaube-und-die-juedische-messiashoffnung.html Hans Hermann Henrix: ''„Bist du der Kommende, oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mt 11,2). Unser Christusglaube und die jüdische Messiashoffnung'']<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/statements/statement/wir-und-die-juden-israel-und-die-kirche.html Moderamen des Reformierten Bundes: ''Wir und die Juden – Israel und die Kirche. Leitsätze in der Begegnung von Juden und Christen''] (12. Mai 1990)<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.lomdim.de/md2006/03/01.html |text=Klaus-Peter Lehmann: ''Die neue Strategie des Messias nach dem Neuen Testament: Errettung Israels von seinen Feinden durch Versöhnung der Völker im Leib Christi'' |wayback=20071209222507}}<br />
* {{WiBiLex |Referenz=51997 |Titel=Messias / Christus |Autoren=Dieter Zeller}}<br />
<br />
== Einzelbelege ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4038832-3|LCCN=sh85083988}}<br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Theologie]]<br />
[[Kategorie:Christliche Theologie]]<br />
[[Kategorie:Islamische Theologie]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Messias&diff=264610390Messias2026-02-23T01:28:29Z<p>Procopius: /* Überblick */</p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|behandelt den biblischen Begriff des ''Messias''; zu anderen Bedeutungen dieses Begriffes siehe [[Messias (Begriffsklärung)]].}}<br />
<br />
Der Begriff '''Messias''' ({{heS|משיח&lrm;|Maschiach}} oder {{lang|he-Latn|Moschiach}}, plural {{heS|משיחים|Meshichim}}, [[Aramäische Sprache|aramäisch]] {{arc|ܡܫܺܝܚܳܐ&lrm;}} ''Mschicho'', in griechischer [[Transkription (Schreibung)|Transkription]] {{lang|grc|Μεσσίας}}, ins [[Altgriechische Sprache|Griechische]] übersetzt {{lang|grc|Χριστός|Christós}}, [[Latinisierung|latinisiert]] ''[[Christus]]'') stammt aus der [[Judentum|jüdischen]] Bibel, dem [[Tanach]], und bedeutet „[[Salbung|Gesalbter]]“.<ref>{{Literatur |Autor=Karl Heinrich Rengstorf |Hrsg=Lothar Coenen |Titel=Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament |Auflage=9. |Verlag=R. Brockhausverlag |Ort=Wuppertal |Datum=1993 |ISBN=3-417-24800-0 |Kapitel=Χριστός |Seiten=760 |Zitat=Christus ist die lat. Form des griech. Χριστός, das seinerseits in LXX und NT das griech. Äquivalent des aram. meschīcha ist. Dieses wiederum entspricht dem hebr. māschiach und bezeichnet jemand, der feierlich zu einem Amt gesalbt worden ist.}}</ref> <br />
<br />
Im Tanach bezeichnet ''Maschiach'' unter anderem den weltlichen [[König]] der [[Juden]], dessen Thron laut {{B|Jer|33|17}} auf Ewigkeit immer von einem Nachfahren [[David]]s besetzt sein sollte (auch {{B|2 Sam|7|13}}). Daraus entstand seit dem [[Prophetie|Propheten]] [[Jesaja]] (~740 v. Chr.) und besonders seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) die Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' aus dem Haus Davids, der [[JHWH]]s Willen endgültig verwirklichen, als König alle Juden zusammenführen, von Fremdherrschaft befreien und ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde.<br />
<br />
Die [[Alte Kirche]] bezog die jüdische Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' auf die [[Person]] [[Jesus von Nazaret]] und bezeichnete ihn gemäß dem [[Griechisches Altes Testament|griechischen Alten Testament]] als den ''Christós'' (Χριστός), den „Gesalbten“. Im entstandenen [[Heidenchristentum]] wurde der [[Christologie|christologische]] Glaube ''Jesus ist der Gesalbte'' zum Namen [[Jesus Christus#Gesalbter, Christus, Messias|Jesus Christus]], zur [[Hypostase#Christliche Theologie und Religionswissenschaft|Hypostase]] und zu einem Teil der [[Trinität]] (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Es wurde [[Dogma#Alte Kirche|Dogma]], dass der nun [[Neues Testament|neutestamentarisch erzählte]] Jesus, als ''[[Apotheose|vergöttlichter]] Messias'', der Erlöser von der [[Erbsünde]] zwischen Menschen und christlichem Gott sei.<br />
<br />
== Überblick ==<br />
Im [[Tanach]] bezeichnet dieser Hoheitstitel den von [[JHWH|Gott]] erwählten und bevollmächtigten Menschen mit besonderen Aufgaben für sein Volk [[Israel]]. Nach dem Untergang des Reiches Juda (586 v. Chr.) kündigten einige biblische Propheten zudem einen Retter und Friedensbringer der [[Endzeit]] an, andere verkündeten, dass ein Nachkomme König [[David]]s eines Tages genau wie dieser als gesalbter, rechtmäßiger König über Israel und Juda herrschen und die Juden von der Fremdherrschaft erlösen werde. Beide Vorstellungen begannen sich mit der Zeit zu vermischen.<br />
<br />
Die [[Septuaginta]] übersetzt ''Maschiach'' stets mit ''Christos''. Nachdem Judäa unter römische Herrschaft gelangt war, traten dort mehrfach Personen auf, die den Anspruch erhoben, der Messias zu sein, und lösten damit Unruhen aus, von denen [[Flavius Josephus]] berichtet. Auch [[Jesus von Nazaret]] wurde in den [[Evangelium (Literaturgattung)|Evangelien]] mit dem griechischen Titel ''Christos'' bezeichnet, der später zu „der Christus“ latinisiert wurde. Mit dem schließlich zum Eigennamen gewordenen [[Glaubensbekenntnis]] „[[Jesus Christus]]“ drückten die Anhänger Jesu aus, dass Gott in diesem Menschen die prophetischen Verheißungen zu erfüllen begonnen habe. Aus diesem Grund legten seine Anhänger großen Wert darauf, dass Jesus über Josef in direkter männlicher Linie von König David abstamme ([[Matthäusevangelium|Matthäus]] 1,1-17). Dass die Bezeichnung „Messias“ zur Zeit Jesu (auch) als Anspruch auf irdische Macht gedeutet werden konnte, könnte man daraus schließen, dass die Römer ihn als ''Rex Iudaeorum'' hinrichteten, weil sie ihn für einen politischen Aufrührer hielten. Ob allerdings ein messianischer Anspruch Jesu und/oder ein entsprechender Vorwurf seiner Gegner zu seinen Lebzeiten tatsächlich erhoben wurde, ist in der neutestamentlichen Wissenschaft weiterhin umstritten. Spätestens seit [[Paulus]] verstanden die Christen unter dem Messias bzw. Christos nicht mehr den prophezeiten König der Juden, sondern den Erlöser der ganzen Menschheit.<br />
<br />
Die Deutungen des biblischen Begriffs haben sich durch die gegenseitige Abgrenzung von Juden- und [[Christentum]] in der Folgezeit immer weiter auseinanderentwickelt. Die an eine menschliche Einzelperson geknüpfte Hoffnung auf endgültigen [[Weltfrieden]] wirkte vielfach auch auf politische [[Ideologie]]n ein (siehe dazu [[Messianismus]]).<br />
<br />
== Tanach ==<br />
Im Tanach findet man historische Personen, die politische Macht über die Juden ausübten und ''Maschiach'' (Messias) genannt werden, an die man aber keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte. Dagegen werden endzeitliche Heilserwartungen an eine Retter- und Mittlergestalt im Tanach nicht ''Maschiach'' (Messias) genannt. Der erste ''Maschiach'' war demnach [[Saul]], der erste König über Juda und Israel.<br />
<br />
=== Bevollmächtigung ===<br />
Der Ausdruck „Gesalbter“ stammt von einem altorientalischen Ritual der [[Salbung]] hoher Beamter. In der [[Bibel]] salbt jedoch kein König einen Nachfolger, Minister oder Vasallen. Vielmehr beruft Gott durch seine Propheten damit einen zuvor Unbekannten oder Oppositionellen ({{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|2|4}}; {{B|2 Kön|9|3}} u.&nbsp;a.) noch vor dessen [[Akklamation]] durch das Volk zum künftigen Herrscher. Demgemäß bezeichnet die Begriffskombination ''Gesalbter JHWHs'' die von Gott „erwählten“, rechtmäßigen Könige Israels ({{B|Ps|2|2}}; {{B|Ps|18|51}}; {{B|Ps|20|7}}; {{B|Ps|132|10.17}}).<br />
<br />
So salbt der Prophet [[Samuel (Prophet)|Samuel]] im Auftrag Gottes [[Saul]] zum Retter vor der Bedrohung durch die [[Philister]] {{Bibel|1 Sam|10|1f}}. Nach ersten militärischen Erfolgen bestätigt eine Loswahl Saul {{Bibel|1 Sam|10|21}}, nach weiteren macht eine Stämmeversammlung ihn zum König {{Bibel|1 Sam|11|15}}. In seiner Abschiedsrede übergibt Samuel ihm sein theopolitisches Führungsamt {{Bibel|1 Sam|12|3.5}}. Daher bezeichnete ''Maschiach'' wohl ursprünglich einen prophetisch berufenen politisch-militärischen Anführer, der die frühere vorstaatliche Rolle der spontan und situationsbedingt auftretenden, charismatischen „[[Buch Richter|Richter]]“, Gottes Volk vor äußeren Feinden zu retten, übernehmen und verstetigen sollte. Die Richter überkam [[Heiliger Geist|Gottes Geist]] noch unmittelbar; nun galt Geistbegabung als Folge der Salbung durch einen Propheten ({{B|1 Sam|10|1.6}}; {{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|23|1f.}}), war also Ausdruck einer mittelbaren [[Theokratie]].<br />
<br />
Im Südreich [[Juda (Reich)|Juda]], das laut Darstellung des Tanach anders als das [[Nordreich Israel]] eine stabile Königsdynastie ausbildete, erscheint die Salbung dann häufig vor oder bei einer Thronbesteigung ({{B|2 Sam|19|11}}; {{B|1 Kön|1|39}}; {{B|2 Kön|11|12}}). Sie stellte den zukünftigen König unter Gottes Schutz und machte ihn damit unantastbar ({{B|1 Sam|24|7.11}}; {{B|2 Sam|1|14ff.}}; {{B|Ps|89|21ff.}}), verpflichtete ihn so aber auch, Gottes Willen für Israel zu befolgen ({{B|1 Sam|9|16}}). Der gesalbte Führer galt damit als irdischer Diener und Vertreter Gottes, der für das Gottesvolk sorgen, es gerecht regieren, vor Fremdherrschaft bewahren und aus Unterdrückung befreien sollte. Wenn er versagte, konnte Gott ihn „verwerfen“, indem ein Prophet ihm Gottes Gericht, beispielsweise Niederlagen gegen Fremdherrscher oder Ablösung, ankündigte.<br />
<br />
''Maschiach'' bezeichnet also einen zur Leitung Israels nach Gottes Willen „Bevollmächtigten“: Der König steht biblisch immer unter Gott. Damit wurde ''Maschiach'' letztlich zur Bezeichnung des aus biblischer Sicht rechtmäßigen, legitimen Herrschers über die Juden. Deshalb konnte nach dem Untergang des Königtums vereinzelt auch ein fremder Herrscher, der Perserkönig [[Kyros II.|Kyros]], als ''Maschiach'', als Vollstrecker des Willens Gottes für Israel, bezeichnet werden {{Bibel|Jes|45|1}}.<br />
<br />
Im oder nach dem [[Babylonisches Exil|Babylonischen Exil]] wurde der verwaiste Titel auf den [[Hoherpriester|Hohepriester]] übertragen. Diese wurden zuvor zwar auch durch Salbung für ihren Tempeldienst geweiht, aber nicht als „Gesalbter“ bezeichnet ({{B|Ex|29}}; {{B|Lev|4|3ff.16}}). Sie erhielten nun aber anstelle des Königs politische Vollmachten, weshalb in den jüngsten, frühestens ab 200 v. Chr. entstandenen und spät in den Tanach aufgenommene Bücher ({{B|1 Chr|29|22}}. Vgl. später auch {{B|Sir|45|15}}; {{B|2 Makk|1|10}}) des Alten Testaments der Titel ''Maschiach'' folgerichtig ebenfalls auf sie Verwendung findet. Es gab aber auch Kritik: Die angebliche Entweihung des Tempels durch [[Antiochos IV. Epiphanes]] (um 170 v. Chr.) beendete zumindest nach Ansicht des Verfassers des Buches [[Daniel]] diese Tradition: erst im künftigen [[Reich Gottes]] werde der Tempel neu geweiht werden ({{B|Dan|9|25}}).<br />
<br />
Nur sehr selten werden in der Bibel auch Propheten gesalbt {{Bibel|1 Kön|19|16}}; [[Jesaja]] ([[Tritojesaja]]) wird im übertragenen Sinn als von Gottes Geist Gesalbter bezeichnet {{Bibel|Jes|61|1}}. Sogar die [[Erzväter]] werden in {{B|Ps|105|5}} einmal „Propheten und Gesalbte“ genannt.<br />
<br />
=== Der endzeitliche Heilsbringer ===<br />
Israels Propheten kündigten angesichts des Endes des Königtums (586 v. Chr.) nicht nur dessen künftige Erneuerung an, sondern daneben zunehmend eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer war für sie ein von Gott erwählter Mensch, sollte aber im Gegensatz zu allen früheren Führungspersonen eine radikale Wende zum [[Schalom (Hebräisch)|Schalom]] (Frieden, Heil, Wohl für alle) bringen. Seine Aufgabe sollte nicht vorübergehend, befristet und widerrufsfähig, sondern endgültig und ewig sein. Diese Heilsbringer waren nicht als politische Herrscher gedacht. Wohl deshalb vermieden es die Propheten, diese Gestalt als ''Maschiach'' zu bezeichnen.<br />
<br />
Als Weissagungen eines endzeitlichen Heilsbringers gelten:<br />
* {{B|Jes|9|1–6}} (oft sieht man den Beginn dieser Verheißung schon in {{B|Jes|8|23}})<br />
* {{B|Jes|11|1–10}}<br />
* {{B|Mi|5|1–5}}<br />
* {{B|Hos|2|2f.}}<br />
* {{B|Jer|23|5f.}}<br />
* {{B|Hes|34|23f.}}<br />
* {{B|Hes|37|22ff.}}<br />
* {{B|Hag|2|22f.}}<br />
* {{B|Sach|3|8ff.}}<br />
* {{B|Sach|6|12}}<br />
* {{B|Sach|9|9f.}}<br />
<br />
Zugleich aber wurden ältere Texte, die auf gesalbte Könige bezogen waren, im und nach dem Exil auf den zukünftigen Heilsbringer umgedeutet oder mit endzeitlichen Heilsweissagungen ergänzt, darunter:<br />
* die Zusage der ewigen Thronfolge an die Daviddynastie {{Bibel|2 Sam|7|12ff.}}<br />
* der Königspsalm {{B|Ps|2}}<br />
* die Heilsverheißung des [[Amos]] {{Bibel|Am|9|11f}}<br />
* die Verheißung eines Davidnachfolgers in der [[Bileam]]erzählung {{Bibel|Num|24|17}}<br />
* die Zusage eines künftigen Herrschers an den Stamm [[Juda (Reich)|Juda]] {{Bibel|Gen|49|10}}.<br />
<br />
Umstritten ist, ob auch<br />
* die Weissagung des [[Immanuel]] (''Gott mit uns'', {{B|Jes|7|14ff}}),<br />
* die sogenannten [[Gottesknechtslieder]] bei [[Deuterojesaja]] ({{B|Jes|42|1–4}}; {{B|Jes|49|1–6}}; {{B|Jes|50|4–9}}; {{B|Jes|52|13–53,12}}) sowie<br />
* die Vision vom Kommen des [[Menschensohn|Menschenähnlichen]] nach dem Endgericht {{Bibel|Dan|7|13f}}<br />
auf den Retter und Richter der Endzeit zu beziehen sind. Das Judentum weist Letzteres als „[[Idiosynkrasie]] christlicher Lehre“ seit jeher als seiner Ansicht nach falsch zurück.<ref name="tsinger-i53">[https://www.youtube.com/watch?v=KDKZFBJVlG8 Rabbi Tovia Singer on Isaiah 53: Who is the Suffering Servant?]</ref><ref name="tsinger-faq">{{cite web|last=Singer|first=Tovia|title=Rabbi singer answers frequently asked questions|url=https://www.outreachjudaism.org/faq|publisher=2012 Outreach Judaism|accessdate=2012-10-24 |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Levey|first=Larry|title=The Scriptural Messiah|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20120319195121/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|archivedate=2012-03-19|offline=yes |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Suffering Servant|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20121026115808/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|archivedate=2012-10-26|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
=== Jesaja ===<br />
;Jes 9,1–6: gilt als erste echte messianische Weissagung. Der [[Prophet]] [[Jesaja]] verkündet sie um 730 v. Chr. als Freudenbotschaft an das von den [[Assyrer]]n unterdrückte Volk Israel. Er prophezeit ein baldiges Ende der Unterdrückung wie am ''Tage [[Midian]]s'' ({{B|Ri|7}}), darüber hinaus von dem Ende aller Gewaltherrschaft (v.4)<br />
{{Zitat<br />
|Text=Jeder Stiefel, der mit Gedröhn einhergeht, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.}}<br />
und die Geburt eines Kindes, das Gott zum künftigen Herrscher auf Davids Thron bestimmt habe, voraus. Jesaja legt ihm Thronnamen bei, die in Israel nicht für irdische Könige üblich, sondern Gott selbst vorbehalten waren (v.5): ''der Wunderbares plant, mächtiger Gott, ewiger Vater, [[Friedensfürst|Friedefürst]].'' Seine Herrschaft werde weit reichen und ''Frieden ohne Ende'' bringen; sie werde auf ''Recht und Gerechtigkeit'' – Befolgung der [[Tora]] – gegründet sein und deshalb ''von nun an bis in Ewigkeit'' andauern (v.6). Jesaja ist für die Methode bekannt, viele seiner Botschaften durch die Benutzung prophetischer Namen zu präsentieren (Jesaja 7:3; 7:14; 8:3). In den oben genannten Versen erläutert er seine Botschaft, indem er einen prophetischen Namen für König [[Hiskija]] († 697 v. Chr.) formuliert.<ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Who is the child in Isaiah 9:5–6|url=http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20110918110001/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|archivedate=2011-09-18|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
;Jes 11,1–10: führt die auf das Gottesrecht gestützte Regentschaft des Gottgesandten aus: Er werde aus dem ''Stumpf [[Isai]]s'' hervorgehen (v.1). Da auf diesem „Spross“ Gottes Geist ruhe, werde er alle Königstugenden wie [[Weisheit]], Einsicht, Entschlusskraft, Erkenntnis und [[Gottesfurcht]] vereinen (v.2). Diese würden ihn befähigen, ohne Rücksicht auf Augenschein und Gerücht die Armen gerecht zu richten, die Gewalttäter aber zu schlagen: allein mit dem ''Stab (Zepter) seines Mundes'', also mit dem Richtspruch selbst (v.4). Diese Gerechtigkeit werde die ganze Schöpfung verwandeln und den Fluch von Gen 3 aufheben: Wölfe und Schafe, Kinder und Giftschlangen leben einträchtig zusammen (v.6ff.). Die ganze Erde werde Gott erkennen, so dass niemand mehr Unrecht tut (v.9). Der Regent werde ''als Zeichen dastehen'', das die Völker bewege, nach Gott zu fragen (v.10).<br />
<br />
Historische Herkunft und Anlass dieser Heilsverheißungen sind ungeklärt. Antike Vorbilder fehlen, da die orientalischen Großreiche gottähnliche Hoheitstitel sonst gerade zur Überhöhung und Absicherung eines bestehenden Königtums, nicht als unerwartete Zukunftshoffnung für ein ohnmächtiges, schutzloses Volk der Unterdrückten verkündeten. Auch eine Erklärung aus der Zusage ewiger Thronfolge an David ({{B|2. Sam|7|12ff.}}) greift zu kurz: Jesajas „Friedefürst“ ist weder ein neuer Eroberer und Großherrscher wie König [[David]] noch ein Gott. Denn er führt keinen Krieg mehr, sondern herrscht erst, nachdem Gott selbst die Kriegsgewalt beseitigt hat, indem er Gottes heilvolle Rechtsordnung ohne eigene Macht durchsetzt und bewahrt. Der Rückgriff auf Davids Vater Isai lässt Kritik an der Daviddynastie erkennen, die hier als abgehauener Baum erscheint, obwohl sie noch bestand.<ref>Werner H. Schmidt: ''Alttestamentlicher Glaube'', Neukirchener Verlag, 4. Auflage 1982, S. 211.</ref><br />
<br />
== Judentum ==<br />
{{Überarbeiten}}<br />
=== Außerbiblische Messiaserwartungen ===<br />
Zwischen etwa 200 v. und 100 n. Chr. wurden nur noch Personen der vorstaatlichen Heilsgeschichte und das ganze Gottesvolk Israel, aber nicht mehr Könige ''Gesalbte'' genannt: auch nicht König David, selbst dort nicht, wo seine Salbung mit „heiligem Öl“ erwähnt ist ({{B|Ps|151|4ff.}}). Dies zeigt ein Misstrauen, den Titel auf Gestalten der politisch erlebten Geschichte anzuwenden. „Als Gesalbter lässt sich zur Zeit Jesu und der Urchristen allein bezeichnen, wer Gott einzigartig und durch nichts beeinträchtigt zugehört.“<ref>Martin Karrer: ''Jesus Christus im Neuen Testament'', 1998, S. 137.</ref><br />
<br />
In 17 der [[Schriftrollen vom Toten Meer]] (entstanden 250 v. – 40 n. Chr.) ist der Maschiach-Titel belegt.<ref>M.G. Abegg, ''The Messiah at Qumran'', 1995, S. 125–144.</ref> Er wurde dort nur einmal auf einen künftigen Davidspross (4Q PB), sonst immer auf einen künftigen Hohepriester bezogen. 1QS IX,9–11 ([[Gemeinderegel]]) redet von den ''Messiassen [[Aaron (biblische Person)|Aarons]] und Israels'' im Plural: Dies knüpfte an die Verheißung [[Sacharja]]s von den beiden harmonisch regierenden ''Ölsöhnen'' {{B|Sach|4|14}} an und zeigt eine theologische Opposition gegen die damals regierenden [[Hasmonäer]]. Deren Regenten vereinten Priester- und Königsamt, ohne sich aber salben, also von Gott legitimieren zu lassen.<ref>Gerd Theißen, Annette Merz: ''Der Historische Jesus'' S. 464.</ref> Sie, die [[Herodianer]] und ihre nach jüdischer Herrschaft strebenden Gegner nannten sich nicht ''Gesalbter'', sondern ''König''. Auch die Hohepriester jener Zeit wurden nicht gesalbt.<br />
<br />
Die [[Psalmen Salomos]] 17 und 18 (großenteils in der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. entstanden) enthalten die umfassendste frühjüdische Schilderung des erwarteten Wirkens eines ''Gesalbten des Herrn'' als künftigem Heilskönig und Davidnachkommen, der die sündigen Heiden aus Palästina vertreibt, aber zugleich die Völkerwallfahrt zum [[Zion]] auslöst. Er erkennt selbst Gott als ''seinen'' König an, wird von ihm unterwiesen und setzt sein Vertrauen ausschließlich auf ihn. In seinem Wirken ist er von Gott abhängig, der ihn mit heiligem Geist stark, weise und gerecht gemacht hat (PsSal 17, 32–40).<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 65f.</ref><br />
<br />
Die apokalyptischen Bilderreden des [[Äthiopischer Henoch|Äthiopischen Henochbuchs]] (ca. 50 n. Chr.) verbinden zwei im Tanach unausgeglichen nebeneinander verheißene Mittlergestalten: den Heilsbringer auf dem Königsthron Davids (Jes 9) und den Menschenähnlichen aus dem Himmelsbereich ({{B|Dan|7}}), ohne ihn „[[Davidsohn|Davidssohn]]“ zu nennen.<br />
<br />
Im Buch [[4. Esra]] (um 100 n. Chr.)<ref>[http://www.uni-leipzig.de/~nt/asp/blaetter/esra.htm 4. Esra]</ref> ist der Messias ein Heilsbringer auf Zeit. Für die Getreuen, die endzeitliche Katastrophen überlebt haben, schafft er eine 400-jährige Friedenszeit, an deren Ende er, gemeinsam mit allen Menschen, stirbt, bevor eine neue Weltzeit erwacht (4. Esra 7,28–29).<br />
<br />
Die aramäischen Bibelhandschriften aus dem 2. Jahrhundert ([[Targum]]im) machen – wohl auch unter dem Eindruck christlicher Überlieferung – Messiasbezüge des Tanach explizit. So wird „Spross“ etwa in {{B|Sach|3|8}} mit „Messias“ übersetzt, und der Gottesknecht Deuterojesajas wird mit dem Messias identifiziert, sogar {{B|Jes|53|5}} umgeschrieben mit dem Hinweis auf einen Neubau des Tempels {{" |Und er wird das Heiligtum bauen, das durch unsere Schulden entweiht und durch unsere Sünden preisgegeben worden war.}}<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 78 f., 81 ff.</ref><br />
<br />
Im [[Syrische Baruch-Apokalypse|syrischen Baruch]] (Anfang 2. Jh. n. Chr.)<ref>[http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/06offb/nt90.htm#c Syrischer Baruch]</ref> werden dem Messias zwei Bedeutungen zugemessen. Zum einen gelangen die Gerechten nach seiner Rückkehr zu Gott zu neuem Leben in Einmütigkeit (syrBar 30,1ff.), zum andern beginnt mit seiner Thronbesteigung am Ende einer von ihm veranlassten Ära der Demütigung eine Ära harmonischer [[Sabbat]]-Ruhe (syrBar 73,1f.).<br />
<br />
=== Rabbinisches Judentum ===<br />
In den nachbiblischen jüdischen Schriften, [[Mischna]] und [[Talmud]], sowie in den Gebeten und Liturgien erhält die Messiashoffnung einen wichtigen Platz. Das [[Achtzehnbittengebet]] bittet mit der 14. Bitte um die Wiederherstellung der Tempelstadt Jerusalem und des Davidthrons. Die 15. Bitte lautet:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Den Spross deines Knechtes David lasse bald emporsprießen, sein Szepter erhöhe durch deine Befreiung, denn auf deine Befreiung hoffen wir den ganzen Tag.}}<br />
Auch im [[Kaddisch]] findet man eine ähnliche Bitte. Im Morgengebet der [[Schabbat]]-Liturgie heißt es:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Nichts ist neben dir, unser Erlöser, in den Tagen des Gesalbten, und keiner ist dir ähnlich, unser Befreier, wenn du die Toten belebst.}}<br />
<br />
Hier wird deutlich, dass die messianische Heilszeit noch in die menschliche Geschichte fällt, während die Auferstehung der Toten allein Gottes Sache bleibt. Gemäß dem 1. Gebot kann der Heilsbringer für Juden nur ein menschliches Wesen, kein Gott, Teil Gottes oder [[Halbgott]] sein. Er kann auch nach seinem Erscheinen nicht angebetet werden, da das [[Gebet]] nur dem einen, einzigen Gott gebührt.<br />
<br />
Nach negativen Erfahrungen mit vielen israelitischen Königen und dem Untergang des Königtums und des ersten Tempels verschob sich die Bedeutung des Begriffs: Der Gesalbte werde ein neuer Lehrer sein, ähnlich wie [[Mose]]s und [[Elija]]. Schon die vermutete [[Qumran]]gemeinschaft kannte einen solchen [[Lehrer der Gerechtigkeit]] mit endgültiger Weisheit und Durchsetzungskraft. Die [[Zelot]]en erwarteten einen politischen Befreier der Juden von der Fremdherrschaft der Griechen und Römer. Eventuell drückte die Bezeichnung des [[Simon Bar Kochba]] als „Sohn des Lichts“ eine solche Messiaserwartung aus. Nach dem Untergang des Zweiten Tempels 70 n. Chr. trat diese politische Messiaserwartung zurück.<br />
<br />
=== Systematisierung der Messiaserwartung ===<br />
Im Judentum wird vom Maschiach allgemein erwartet, dass er Mensch und nicht göttlich sein wird und bestimmte Kriterien und Aufgaben erfüllen wird, die die Welt für immer grundlegend verändern. Wenn ein als Maschiach auftretender oder verehrter oder vermuteter Mensch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt und stirbt, kann dieser nicht als der Maschiach anerkannt werden. Er muss nach verschiedenen biblischen Aussagen<ref name="realmessiah">{{cite web|last=Kaplan|first=Rabbi Aryeh|title=The Real Messiah|url=https://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20140413185633/http://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|archivedate=2014-04-13|offline=yes |language=en}}</ref><ref name="book-realmessiah">{{cite book|last=Kaplan|first=Aryeh|title=The real Messiah? a Jewish response to missionaries|year=1985|publisher=National Conference of Synagogue Youth|location=New York|isbn=1-879016-11-7|edition=New ed. |language=en}}</ref><br />
* Jude sein ({{B|Dtn|17|15}}; {{B|Num|24|17}})<br />
* dem Stamm [[Juda (Bibel)|Juda]] angehören {{Bibel|Gen|49|10}}<br />
* ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König [[David]] ({{B|1 Chr|17|11}}; {{B|Ps|89|29–38}}; {{B|Jer|33|17}}; {{B|2 Sam|7|12–16}}) und König [[Salomo]]n sein ({{B|1 Chr|22|10}}; {{B|2 Chr|7|18}})<br />
* das jüdische Volk aus dem Exil in Israel versammeln ({{B|Jes|11|12}}; {{B|Jes|27|12f.}})<br />
* den jüdischen [[Jerusalemer Tempel|Tempel in Jerusalem]] wieder aufbauen {{Bibel|Mi|4|1}}<br />
* den [[Weltfrieden]] bringen ({{B|Jes|2|4}}; {{B|Jes|11|6}}; {{B|Mi|4|3}})<br />
* die ganze Menschheit dazu bringen, den einzigen Gott anzuerkennen und ihm zu dienen ({{B|Jes|11|9}}; {{B|Jes|40|5}}; {{B|Zef|3|9}}).<br />
<br />
Das Buch [[Ezechiel]] bietet eine zusammenfassende Schau dieser Kriterien {{Bibel|Hes|37|24–28}}<br />
{{Zitat<br />
|Text=Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln. Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. [...] Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein. Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.}}<br />
<br />
Nach jüdischer Auffassung steht, im Unterschied zum Christentum, das Kommen des Messias noch bevor. Eine abweichende Auffassung vertreten nur die [[Messianische Juden|Messianischen Juden]].<br />
<br />
== Christentum ==<br />
=== Texte ===<br />
Im [[Neues Testament|Neuen Testament]] (NT) kommt der griechische Titel ''Christos'' 531-mal, der [[Gräzisierung|gräzisierte]] aramäisch-hebräische Begriff ''Messias'' zweimal (Joh 1,41; 4,25) vor. Er erscheint in allen NT-Schriften, fehlt aber in der hypothetischen [[Logienquelle]] und im apokryphen [[Thomasevangelium]]. Beide berichten auch nicht von Jesu Tod und [[Auferstehung]].<br />
<br />
Besonders oft erscheint der Titel in den [[Passion Jesu|Passionsberichten]] der Evangelien und in den [[Paulusbriefe]]n. Diese verbinden ihn vor allem mit Jesu Heilstod und beziehen ihn zugleich auf die biblische Heilserwartung, obwohl diese keinen leidenden Messias kannte ({{B|1 Kor|15|3}})<br />
{{Zitat<br />
|Text=Christus ist für uns gestorben nach der Schrift.}}<br />
<br />
Geburt und Kindheit Jesu<br />
* Nach dem [[Evangelium nach Matthäus|Matthäusevangelium]] wurde Jesus als [[Sohn Davids]] in [[Betlehem]] geboren, von wo nach Mi 5,1 der künftige Retter Israels kommen sollte. Nach der [[Flucht nach Ägypten]] kehrte Josef nach dem Tode des Herodes mit Maria und dem Kind wieder in das Land Israel zurück und ließ sich in Nazareth nieder ({{B|Mt|2|1–23}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.}}<br />
:Diese Verheißung gibt es jedoch im Tanach nicht. Nazaret existierte zur Zeit der Propheten eventuell noch gar nicht. Christliche [[Biblische Exegese|Exegeten]] finden hier manchmal eine Anspielung auf den „Spross (hebr. ''nezer'') Isais“ – Davids Vater – aus {{B|Jes|11|1}} (z. B. [[Einheitsübersetzung]]).<br />
<br />
* Im [[Brief des Paulus an die Römer]] ({{B|Röm|11|26}}) wird {{B|Jes|59|20}} nach der [[Septuaginta]] zitiert:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der da abwende das gottlose Wesen von Jakob.}}<br />
:Für Paulus befreite Jesus durch seinen stellvertretenden [[Sühne]]tod am [[Kreuz (Christentum)|Kreuz]] die Menschen vom drohenden Fluch der Tora, der jeden bedrohe, der sie nicht ganz erfülle ({{B|Gal|3|13}}). Es genüge daher, an Jesus zu glauben und sich zu ihm zu bekennen, um gerettet zu werden. Dem widerspricht der hebräische Wortlaut des Zitats im Tanach:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Aber für Zion wird kommen ein Erlöser, für die in Jakob, die von der Abtrünnigkeit umkehrten, spricht der Herr.}}<br />
:Der Maschiach wird nach jüdischem Glauben daher den gläubigen, observanten Juden nicht die Sünden abnehmen, sondern wenn diese sich von ihren Sünden abwenden, dann wird er kommen.<br />
<br />
* Im [[Johannesevangelium]] wird die Vorstellung des Messias als König Israels ({{B|Joh|1|49}}) als unzureichend angesehen. Dahinter steht das Geheimnis, dass Jesus in Wirklichkeit der [[Präexistenz Christi|präexistente]] [[Sohn Gottes]] sei. Irdisch-königliche Erwartungen der Garantie von Grundbedürfnissen werden abgewiesen ({{B|Joh|6|15}}), und Jesus bezeichnet sich Pilatus gegenüber als König der Wahrheit, dessen Reich nicht von dieser Welt und daher gewaltlos ist ({{B|Joh|18|36f.|ELB}}). Die Messiasvorstellung wird spiritualisiert und – ähnlich wie bei Paulus und den anderen Evangelien – mit der Vorstellung der [[Erlösung]] durch den Tod am Kreuz verbunden: Der [[Glaube (Religion)|Glaube]] an Jesus als den Christus verleiht [[ewiges Leben]] ({{B|Joh|20|31}}).<ref>Bekannte NT-Theologie und Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 62–66.</ref><br />
<br />
=== Historischer Jesus ===<br />
{{Hauptartikel|Jesus von Nazaret|Menschensohn#Exegetische Diskussion|titel2=Exegetische Diskussion}}<br />
<br />
Ob Jesus sich selbst Messias genannt hat, ist umstritten. Die Evangelien ergeben folgenden Befund<br />
* Eine Messiaserwartung wurde an Jesus herangetragen: von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] ({{B|Mt|11|3}}: ''der Kommende''), von seinen Anhängern (Mk 8,29: ''der Christus''), von Armen im Volk ({{B|Mk|10|47}}: ''[[Sohn Davids]]''; Mk 11,10: ''Herrschaft Davids'') und von Gegnern ({{B|Mk|14|61}}: ''der Christus, Sohn des Hochgelobten'').<br />
* Besonders die Verkündigung des [[Reich Gottes|Reiches Gottes]] und seiner Gegenwart in [[Wunder Jesu|Heilungen]] weckte messianische Hoffnungen (vgl. {{B|Mt|11|3–5}}). Diese müssen nicht aus einem Missverständnis entstanden sein, sondern das „Davidische Königtum der Endzeit“ wurde etwa im apokryphen Psalm Salomons 17 als Befreiung Israels von Feinden, Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gerechte Herrschaft und „irdische Stellvertretung des Königtums Gottes“ verstanden.<ref>J. Weiß: ''Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes'', Göttingen <sup>3</sup>1964, S. 9; zitiert nach Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit.'' 2010, S. 344f. „Missverständnis“ bezieht sich auf Theißen / Merz <sup>3</sup>2001, S. 402.</ref><ref name="stegemann338">W. Stegemann, 2010, S. 338–345.</ref> Ähnliche Vorstellungen zeigt nicht nur das eventuell sekundäre Messiaskonzept Lukas’, das im [[Magnificat]] konzentriert ist. Während besonders in der Tradition [[Rudolf Bultmann]]s Jesu Wirken als unpolitisch verstanden wurde, gelten seit den 1970er Jahren oft zumindest einzelne der genannten Bezüge auf ein (davidisches) Königtum als authentisch.<ref name="stegemann338" /><br />
* Die Aufrichtung des Reiches Gottes erwartete Jesus jedoch allein von Gott, nicht vom Einsatz kriegerischer Mittel (trotz {{B|Lk|22|36}}). Wird der [[Einzug in Jerusalem]] ({{B|Mk|11|1–10}}) als historisch aufgefasst, so war er nach [[Ed Parish Sanders]] vielleicht ein bewusster Anspruch Jesu auf das Königtum, ähnlich wie ihn später [[Simon bar Giora]] erhob. Anders als dieser hätte Jesus mit dem Eselritt jedoch an den machtlosen Messias der Abrüstung bei {{B|Sach|9|9f.}} erinnert.<ref name="stegemann338" /> Auch die [[Fußwaschung]] stellt einen dienenden König dar, und es gibt entsprechende Belehrungen an die Jünger ({{B|Mk|10|42ff.}}).<br />
* Nach {{B|Mk|8|29}} bekannte [[Simon Petrus]], einer der zwölf erstberufenen Jünger Jesu, ihn schon zu Lebzeiten als den Messias. Wegen der darauf folgenden Leidens- und Todesankündigung machte ihm Petrus Vorhaltungen (Mk 8,31f.). Die [[Emmaus]]jünger äußerten nach Jesu Tod Enttäuschung, dass er die erhoffte irdische Befreiung Israels nicht gebracht habe ({{B|Lk|24|21}}).<br />
* Im Mund Jesu erscheint der Titel selten und indirekt (Mk 9,41; Mt 16,20; Lk 4,41). Nach dem Markuskonzept des ''Messiasgeheimnisses'' verbot er den [[Dämon]]en, ihn als Sohn Gottes zu verkünden (Mk 1,34; 3,11f). Auch seine Jünger sollten seine Messianität bis zur Auferstehung geheim halten (Mk 8,30; 9,9). Nur in seiner Antwort auf die Messiasfrage des Hohepriesters [[Kajaphas]] im nächtlichen Verhör vor seiner [[Kreuzigung]] stellte er sich als Messias vor ({{B|Mk|14|62}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Ich bin es, und ihr werdet sehen den [[Menschensohn]] sitzend zur rechten Hand der Kraft und kommen mit den Himmelswolken.}}<br />
* Einer Frau aus Samaria gegenüber bekannte er sich offen als der Messias ({{B|Joh|4|25f}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.}}<br />
Jesus strebte nicht das davidisch-nationale Königtum an, sondern im Sinne der [[Apokalyptik]] des Buches Daniel die Vorwegnahme und Bekräftigung der Verheißung vom Kommen des Menschenähnlichen nach dem [[Endgericht]], das von aller – nicht nur römischer – Gewaltherrschaft befreie. Für einen Messiasanspruch Jesu spricht seine Hinrichtung am jüdischen [[Pessach]]fest durch Römer. [[Pontius Pilatus]] ließ laut {{B|Mk|15|26}} ein Schild mit dem Grund seines Todesurteils über Jesu Kreuz anbringen: ''der König der Juden'' (vgl. {{B|Joh|19|19}}; [[INRI]]). Den Evangelien zufolge sahen einige der ersten Jünger Jesus nach seinem Tod in neuer Gestalt als Lebenden und wurden so gewiss, dass Gott ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten erhöht habe. Unter anderem im Anschluss an den messianischen [[Psalm 110]] wurde dies als Bekräftigung der Einsetzung Jesu zum königlich-priesterlichen Richter der Endzeit verstanden.<br />
<br />
Die neutestamentliche Forschung vertrat lange eine radikal skeptische Sicht, nach der Jesus erst nach [[Ostern]] aufgrund des Auferstehungsglaubens zum Messias gemacht worden sei. Heute wird ein zumindest impliziter Messiasanspruch Jesu angenommen, der die Reaktionen auf sein Wirken – Petrusbekenntnis, Pilgerjubel beim Einzug in Jerusalem, Todesurteil des [[Sanhedrin]] und Hinrichtungsbefehl des Pilatus – erklärt. Die gesamte NT-Überlieferung stammt von Urchristen, die von Jesu Auferstehung und Messianität überzeugt waren. Auch mit der heute meist als historisch angesehenen, symbolischen [[Tempelreinigung]] kann Jesus einen impliziten Messiasanspruch erhoben haben, da apokryphe jüdische Texte vom Toten Meer (z.&nbsp;B. PsSal 17,30; 4Q flor 1,1–11) vom Messias eine künftige Reinigung und Neuerrichtung des Tempels erwarteten.<ref>Peter Stuhlmacher: ''Charakteristische Formen der Verkündigung Jesu'', in: ''Biblische Theologie des Neuen Testaments'' Band 1: ''Grundlegung: Von Jesus zu Paulus'', Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-53595-3, S. 84.</ref> Vereinzelt werden hier sogar Ansatzpunkte für die spätere Theologie eines leidenden Messias gesehen: Jesus habe die Ablehnung seines mit Tempelaktion und Tempelwort von der zukünftigen Zerstörung ({{B|Mk|13|1f.}}) verbundenen Umkehrrufs provoziert und sich so selbst an seine Hinrichtung ausgeliefert. Denn er habe geglaubt, Gottes Heilshandeln könne sich bei ausbleibender Umkehr seiner Adressaten nur durch „seinen Sühnetod als endzeitliche[n] Ersatz für den Sühnopferkult des Tempels“ durchsetzen.<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel'', S. 425–430 und 440.</ref><br />
<br />
=== Jesus Christus ===<br />
Mit der zum Eigennamen gewordenen Gleichung ''Jesus (ist der) Christus'' bekennen Christen sich zu Jesus als dem von Israel erwarteten Messias, der als Sohn Gottes vom Vater in die Welt gesandt wurde. Jesus hat den Titel Messias gelten lassen, aber seinen Sinn genauer geklärt: „Vom Himmel herabgestiegen“ ({{B|Joh|3|13}}), gekreuzigt und dann auferstanden, ist er der leidende Gottesknecht, der sein Leben hingibt „als Lösegeld für viele“ ({{B|Mt|20|28}}).<ref>KKKK, Nr. 82, KKK 436–440</ref><br />
<br />
Der im NT neben dem Messiastitel auftauchende Begriff Sohn Gottes, der im Tanach für das ganze aus Sklaverei und Wüstenzeit erwählte Volk Israel steht ({{B|Hos|11|1}}), wurde in der [[Patristik]] zu einer [[Dreifaltigkeit]]s- und [[Dreieinigkeit]]slehre weiterentwickelt. Damit war die Trennung vom Judentum endgültig vollzogen und dogmatisch fixiert. Zugleich hielt die christliche Theologie damit an der Einheit des Alten und Neuen Testaments fest: Der Gott Israels ist und bleibt als der Vater Jesu Christi der Schöpfer und Erlöser der ganzen Welt (lateinisch bezeichnet als ''[[Salvator mundi]]'').<br />
<br />
Das Christentum sieht die Verheißungen also in einem anderen Sinn erfüllt als sie nach jüdischer Auslegung im Tanach gemeint waren und hat demgemäß Inhalt und Bedeutung des Messiasbegriffs verändert. Nach Papst [[Benedikt XVI.]] ist etwa Jesus selbst die „erneuerte Tora“, der Gottes in der Tora offenbarten Willen erfüllt habe und ihr Einhalten durch die [[Gnade (Theologie)|Gnade]] ermögliche. Im Mittelpunkt steht nun die stellvertretende Rettungstat Jesu Christi, die die Menschen mit Gott versöhnt und [[Rechtfertigungslehre|Rechtfertigung]] bewirkt habe. Traditionell wurde dies von einer jüdischen Vorstellung abgehoben, nach der Heil durch Erfüllung der [[Tora#Die Tora im Christentum|Toragebote]] erreicht werde. Heute wird – nicht nur in einer [[Neue Perspektive auf Paulus|Neuen Perspektive auf Paulus]] – weitgehend anerkannt, dass auch im Judentum der [[Bund (Bibel)|Bund]] Gottes mit seinem Volk am Anfang steht. Dieser verlange dann Gehorsam dem Gesetz gegenüber, aber auch bei Übertretungen sei es durch in der Tora vorgesehene Sühnemittel möglich, im Bund zu verbleiben.<ref>Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, S. 220f., 263-266, 275f.</ref> Ein Unterschied besteht danach nicht in der ethisch-praktischen Haltung, sondern nur in deren symbolischer Begründung.<br />
<br />
Die ersten Christen rechneten in naher Zukunft mit der zweiten Ankunft, der Wiederkehr (griech. [[Parusie]]) des Messias Jesus, dem Weltende und dem [[Weltgericht]]. Diese Hoffnung drückte sich in der abschließenden Schrift des [[Neues Testament|neutestamentlichen]] Kanons, der apokalyptischen [[Offenbarung des Johannes]] aus (vgl. {{B|Mt|24}}). <!--Da die Parusie sich nach vorherrschender Meinung bis heute unerfüllt immer weiter verzögerte, wurde das noch andauernde Leid, beispielsweise das Ausbleiben des [[Weltfrieden]]s, mit dem Kreuzestod Christi in Beziehung gesetzt.--><br />
<br />
=== Jüdisch-Christlicher Dialog ===<br />
Die frühe Kirche sah sich als Erbin der Verheißungen an Israel und das Judentum als verworfene, überholte, zum Aufgehen im Christentum bestimmte Religion. Diese [[Substitutionstheologie]] ist in den Großkirchen jedoch seit dem [[Holocaust]] allmählich einem neuen Aufeinanderzugehen gewichen, bei dem christliche Theologen den jüdischen Messiasglauben als eigenständige, unabgegoltene, von Christen ebenfalls geteilte Erwartung anerkennen (so bei dem katholischen Theologen [[Johann Baptist Metz]] und dem evangelischen Theologen [[Jürgen Moltmann]]).<br />
<br />
Dabei bleibt selbst für liberale Christen das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes unaufgebbar, das sie nicht als ausschließenden Gegensatz, sondern gerade als zu Solidarität und Dialog verpflichtende Brücke zum Judentum interpretieren. Besonders deutsche jüdische Theologen wie [[Martin Buber]] oder [[Pinchas Lapide]] haben Jesus als gerechten jüdischen Lehrer der Tora, der viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht habe, anerkannt.<br />
<br />
Buber soll gegenüber Christen einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:<ref>zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): ''Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von [[Elie Wiesel]] – Herausforderung für Religion und Gesellschaft'', Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei {{Webarchiv |url=http://www.jcrelations.net/de/?item=1844 |text=Hanspeter Heinz: ''Ertrag eines Forschungsaufenthalts in den USA. Zur jüdischen Erklärung „Dabru Emet“. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum'' |wayback=20110709023640}}</ref><br />
{{Zitat<br />
|Text=Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ‚Antworte nicht‘.}}<br />
<br />
Für viele Gläubige beider Religionen bleiben die Glaubensgegensätze jedoch wechselseitig unüberbrückbar: Der biblische Maschiach war nie als jemand vorgestellt, der angebetet werden sollte. Nach {{B|Dtn|13|2–6}} ist, wer Menschen zum Glauben an Menschen als Götter verführe, dem Zorngericht Gottes verfallen. Nach {{B|Mk|16|16}} u.&nbsp;a. werde, wer nicht an Jesus Christus glaubt, bei seinem Wiederkommen im Endgericht verdammt werden. Besonders manche [[Evangelikalismus|evangelikale]] Christen machen die Wiederkunft Christi daher von einer vorherigen Bekehrung aller Menschen zu Jesus Christus, was Juden einschließt, abhängig.<br />
<br />
== Islam ==<br />
Im [[Koran]] wird Jesus von Nazaret als ''[[Isa bin Maryam]]'' (Jesus, Sohn der Maria) und als {{arF|المسيح&lrm;|DMG=al-Masīḥ}}, als „der Messias“ bzw. „Christus“ (der Gesalbte) bezeichnet ([[Sure 3]]:44–49 [4], 4:170–174 [5]). Jesus ist gemäß dem Koran jedoch weder der [[Sohn Gottes]] noch Teil einer [[Dreieinigkeit]], sondern „lediglich“ ein Prophet und ein Diener Gottes.<br />
<br />
Im [[Islam]] ist durch die Überlieferung von islamischen Gelehrten ([[Ulama|Alim]]) die Erwartung weit verbreitet, Jesus werde am Jüngsten Tag als Richter gegen die Ungerechten wiederkommen und zusammen mit dem Nachkommen Mohammeds, [[Mahdi]], den [[Antichrist]]en besiegen. Die verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam unterscheiden sich jedoch geringfügig in ihren Auffassungen.<br />
<br />
== Kunst ==<br />
In der [[Musik]] und [[Literatur]] Europas sind öfter Werke mit dem Titel und Thema des Messias geschaffen worden:<br />
* ''[[Messiah|Messias]]'', ein [[Oratorium]] von [[Georg Friedrich Händel]].<br />
* ''[[Der Messias (Klopstock)|Der Messias]]'', ein [[Epos]] von [[Friedrich Gottlieb Klopstock]], das in zwanzig Gesängen und 20.000 Versen Passion und Auferstehung Christi darstellt.<br />
* ''[[Messias (Telemann)|Der Messias]]'', ein Oratorium von [[Georg Philipp Telemann]] nach Texten von Klopstock.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Heiland]]<br />
* [[Liste jüdischer Messias-Anwärter]]<br />
* [[Messianische Juden]]<br />
* [[Messianische Bewegungen]]<br />
* [[Haile Selassie]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
;Hebräische Bibel:<br />
* ''Messias und Messianismus.'' In: ''Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie.'' Ostfildern-Ruit 29.1993. {{ISSN|0588-9804}} ({{Webarchiv |url=http://www.concilium.org/deutsch/inha931.htm |text=Inhalt |wayback=20080623005228}})<br />
* [[Roger Liebi]]: ''{{Webarchiv |url=http://clv.dyndns.info/pdf/255543.pdf |text=Der verheißene Erlöser. Messianische Prophetie – ihre Erfüllung und historische Echtheit. |wayback=20071001162058}}'' Schwengeler, Berneck 1983, Beröa, Zürich 1994 (PDF online; 542&nbsp;kB).<br />
* [[Hartmut Gese]]: ''Der Messias.'' In: ''Zur biblischen Theologie.'' Alttestamentliche Vorträge. Beiträge zur evangelischen Theologie. Bd. 78. Kaiser, München 1977, S. 128–151, Mohr, Tübingen 1983. ISBN 3-16-144700-X.<br />
* [[Werner H. Schmidt]]: ''Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte.'' Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004 (9. Aufl.), S. 207–215. ISBN 3-7887-0655-4 (''Der Messias'').<br />
* [[Ernst-Joachim Waschke]]: ''Der Gesalbte'' (= Studien zur alttestamentlichen Theologie: Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft, 306). Walter de Gruyter, 2001, ISBN 3-11-017017-5.<br />
<br />
;Neues Testament:<br />
* [[Jürgen Moltmann]]: ''Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen.'' Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1989, ISBN 3-579-01931-7.<br />
* [[Carsten P. Thiede]]: ''Der unbequeme Messias. Wer Jesus wirklich war.'' Brunnen-Verlag, Gießen 2006, ISBN 3-7655-3876-0.<br />
* [[Otfried Hofius]]: ''Ist Jesus der Messias? Thesen.'' In: ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie. Bd. 8. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4, S. 103–130.<br />
* [[Wilhelm Breuning]] (Hrsg.): ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh), Band 8, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4.<br />
<br />
;Jüdische Messiaserwartungen:<br />
* [[Henri Cazelles]]: ''Alttestamentliche Christologie. Zur Geschichte der Messiasidee.'' Einsiedeln 1983, ISBN 3-265-10262-9.<br />
* [[Nathan Peter Levinson]]: ''Der Messias.'' Kreuz, Stuttgart 1994, ISBN 3-7831-1333-4.<br />
* J. Neusner, W. Green, E. Frerichs (Hrsg.): ''Judaisms and Their Messiahs at the Turn of Christian Era.'' Cambridge 1987, ISBN 0-521-34146-9 (englisch).<br />
* Reinhold Mayer: ''War Jesus der Messias? Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden.'' Bilam, Tübingen 1998, ISBN 3-933373-01-8.<br />
* Israel Knohl: ''The Messiah Before Jesus: The Suffering Servant of the Dead Sea Scrolls.'' University of California Press, 2001, ISBN 0-520-23400-6 (englisch).<br />
* Ludwig (Lajos) Venetianer: ''Die Messiashoffnung des Judenthums.'' Metzler, Peter W., Duisburg 2010, ISBN 978-3-936283-11-2.<br />
<br />
;Jüdisch-christlicher Messiasdialog:<br />
* [[Clemens Thoma]]: ''Das Messiasprojekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung.'' Pattloch, München 1994, ISBN 3-629-00626-4.<br />
* Hans Hübner: ''Der „Messias Israels“ und der Christus des Neuen Testaments.'' in: ''Kerygma und Dogma.'' Göttingen 27/1981, S. 217–240 {{ISSN|0023-0707}}.<br />
* [[Ekkehard W. Stegemann]] (Hrsg.): ''Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen.'' Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17-012202-9.<br />
* [[Martin Karrer]]: ''Der Gesalbte. Die Grundlagen des Christustitels.'' Vandenhoeck + Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53833-2.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Wiktionary}}<br />
<br />
;Judentum:<br />
* {{JE|1=http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=510&letter=M&search=Messiah|2=Messiah|3=Joseph Jacobs, Moses Buttenwieser}}<br />
* [https://www.livius.org/articles/religion/messiah/ Jona Lendering: Messiah (historische Artikel, englisch)]<br />
<!--* {{Webarchiv | url=http://www.moshiach.com/discover/tutorials/moshiach_ben_yossef.php | wayback=20060828104515 | text=Rabbi Jacob Immanuel Schochet: Moshiach Ben Yossef}} (über die doppelte Messiastradition in rabbinischen Schriften, englisch)--><br />
* [http://www.kreuzer-siegfried.de/texte-zum-at/messias.pdf Siegfried Kreuzer: ''Messianismus/Messias''] (PDF; 2004; 74&nbsp;kB)<br />
* [http://www.judentum-projekt.de/religion/religioesegrundlagen/messias/index.html Messiaserwartung – Die messianische Erwartung im Judentum]<br />
* [http://www.synagoge-karlsruhe.de/library/howto/wizard_cdo/aid/1339137/jewish/Einfhrung.htm Der Messias im Judentum]<br />
* {{WiBiLex|27061|Messias (AT) |Autoren=Ernst-Joachim Waschke}}<br />
* Sebastian Hollstein: [https://www.spektrum.de/news/heilande-es-kann-nicht-nur-einen-geben/1556110 Heilande – es kann nicht nur einen geben], spektrum.de, 30. März 2018<br />
<br />
;Christentum:<br />
* [https://bibellexikon.com/themen_messiaserwartung_judentum_versus_christentum.php Messiaserwartung - Judentum vs. Christentum]<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/artikel/artikel/unser-christusglaube-und-die-juedische-messiashoffnung.html Hans Hermann Henrix: ''„Bist du der Kommende, oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mt 11,2). Unser Christusglaube und die jüdische Messiashoffnung'']<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/statements/statement/wir-und-die-juden-israel-und-die-kirche.html Moderamen des Reformierten Bundes: ''Wir und die Juden – Israel und die Kirche. Leitsätze in der Begegnung von Juden und Christen''] (12. Mai 1990)<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.lomdim.de/md2006/03/01.html |text=Klaus-Peter Lehmann: ''Die neue Strategie des Messias nach dem Neuen Testament: Errettung Israels von seinen Feinden durch Versöhnung der Völker im Leib Christi'' |wayback=20071209222507}}<br />
* {{WiBiLex |Referenz=51997 |Titel=Messias / Christus |Autoren=Dieter Zeller}}<br />
<br />
== Einzelbelege ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4038832-3|LCCN=sh85083988}}<br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Theologie]]<br />
[[Kategorie:Christliche Theologie]]<br />
[[Kategorie:Islamische Theologie]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Messias&diff=264610376Messias2026-02-23T01:24:07Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|behandelt den biblischen Begriff des ''Messias''; zu anderen Bedeutungen dieses Begriffes siehe [[Messias (Begriffsklärung)]].}}<br />
<br />
Der Begriff '''Messias''' ({{heS|משיח&lrm;|Maschiach}} oder {{lang|he-Latn|Moschiach}}, plural {{heS|משיחים|Meshichim}}, [[Aramäische Sprache|aramäisch]] {{arc|ܡܫܺܝܚܳܐ&lrm;}} ''Mschicho'', in griechischer [[Transkription (Schreibung)|Transkription]] {{lang|grc|Μεσσίας}}, ins [[Altgriechische Sprache|Griechische]] übersetzt {{lang|grc|Χριστός|Christós}}, [[Latinisierung|latinisiert]] ''[[Christus]]'') stammt aus der [[Judentum|jüdischen]] Bibel, dem [[Tanach]], und bedeutet „[[Salbung|Gesalbter]]“.<ref>{{Literatur |Autor=Karl Heinrich Rengstorf |Hrsg=Lothar Coenen |Titel=Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament |Auflage=9. |Verlag=R. Brockhausverlag |Ort=Wuppertal |Datum=1993 |ISBN=3-417-24800-0 |Kapitel=Χριστός |Seiten=760 |Zitat=Christus ist die lat. Form des griech. Χριστός, das seinerseits in LXX und NT das griech. Äquivalent des aram. meschīcha ist. Dieses wiederum entspricht dem hebr. māschiach und bezeichnet jemand, der feierlich zu einem Amt gesalbt worden ist.}}</ref> <br />
<br />
Im Tanach bezeichnet ''Maschiach'' unter anderem den weltlichen [[König]] der [[Juden]], dessen Thron laut {{B|Jer|33|17}} auf Ewigkeit immer von einem Nachfahren [[David]]s besetzt sein sollte (auch {{B|2 Sam|7|13}}). Daraus entstand seit dem [[Prophetie|Propheten]] [[Jesaja]] (~740 v. Chr.) und besonders seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) die Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' aus dem Haus Davids, der [[JHWH]]s Willen endgültig verwirklichen, als König alle Juden zusammenführen, von Fremdherrschaft befreien und ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde.<br />
<br />
Die [[Alte Kirche]] bezog die jüdische Erwartung eines künftigen, weltlichen ''Maschiach'' auf die [[Person]] [[Jesus von Nazaret]] und bezeichnete ihn gemäß dem [[Griechisches Altes Testament|griechischen Alten Testament]] als den ''Christós'' (Χριστός), den „Gesalbten“. Im entstandenen [[Heidenchristentum]] wurde der [[Christologie|christologische]] Glaube ''Jesus ist der Gesalbte'' zum Namen [[Jesus Christus#Gesalbter, Christus, Messias|Jesus Christus]], zur [[Hypostase#Christliche Theologie und Religionswissenschaft|Hypostase]] und zu einem Teil der [[Trinität]] (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Es wurde [[Dogma#Alte Kirche|Dogma]], dass der nun [[Neues Testament|neutestamentarisch erzählte]] Jesus, als ''[[Apotheose|vergöttlichter]] Messias'', der Erlöser von der [[Erbsünde]] zwischen Menschen und christlichem Gott sei.<br />
<br />
== Überblick ==<br />
Im [[Tanach]] bezeichnet dieser Hoheitstitel den von [[JHWH|Gott]] erwählten und bevollmächtigten Menschen mit besonderen Aufgaben für sein Volk [[Israel]]. Nach dem Untergang des Reiches Juda (586 v. Chr.) kündigten einige biblische Propheten zudem einen Retter und Friedensbringer der [[Endzeit]] an, andere verkündeten, dass ein Nachkomme König [[David]]s eines Tages genau wie dieser als gesalbter, rechtmäßiger König über Israel und Juda herrschen und die Juden von der Fremdherrschaft erlösen werde. Beide Vorstellungen begannen sich mit der Zeit zu vermischen.<br />
<br />
Die [[Septuaginta]] übersetzt ''Maschiach'' stets mit ''Christos''. Nachdem Judäa unter römische Herrschaft gelangt war, traten dort mehrfach Personen auf, die den Anspruch erhoben, der Messias zu sein, und lösten damit Unruhen aus, von denen [[Flavius Josephus]] berichtet. Auch [[Jesus von Nazaret]] wurde in den [[Evangelium (Literaturgattung)|Evangelien]] mit dem griechischen Titel ''Christos'' bezeichnet, der später zu „der Christus“ latinisiert wurde. Mit dem schließlich zum Eigennamen gewordenen [[Glaubensbekenntnis]] „[[Jesus Christus]]“ drückten die Anhänger Jesu aus, dass Gott in diesem Menschen die prophetischen Verheißungen zu erfüllen begonnen habe. Aus diesem Grund legten seine Anhänger großen Wert darauf, dass Jesus in direkter männlicher Linie von König David abstamme. Dass die Bezeichnung „Messias“ zur Zeit Jesu (auch) als Anspruch auf irdische Macht gedeutet werden konnte, könnte man daraus schließen, dass die Römer ihn als ''Rex Iudaeorum'' hinrichteten, weil sie ihn für einen politischen Aufrührer hielten. Ob allerdings ein messianischer Anspruch Jesu und/oder ein entsprechender Vorwurf seiner Gegner zu seinen Lebzeiten tatsächlich erhoben wurde, ist in der neutestamentlichen Wissenschaft weiterhin umstritten. Spätestens seit [[Paulus]] verstanden die Christen unter dem Messias bzw. Christos nicht mehr den prophezeiten Befreier und König der Juden, sondern den Erlöser der ganzen Menschheit.<br />
<br />
Die Deutungen des biblischen Begriffs haben sich durch die gegenseitige Abgrenzung von Juden- und [[Christentum]] in der Folgezeit immer weiter auseinanderentwickelt. Die an eine menschliche Einzelperson geknüpfte Hoffnung auf endgültigen [[Weltfrieden]] wirkte vielfach auch auf politische [[Ideologie]]n ein (siehe dazu [[Messianismus]]).<br />
<br />
== Tanach ==<br />
Im Tanach findet man historische Personen, die politische Macht über die Juden ausübten und ''Maschiach'' (Messias) genannt werden, an die man aber keine endzeitlichen Heilserwartungen knüpfte. Dagegen werden endzeitliche Heilserwartungen an eine Retter- und Mittlergestalt im Tanach nicht ''Maschiach'' (Messias) genannt. Der erste ''Maschiach'' war demnach [[Saul]], der erste König über Juda und Israel.<br />
<br />
=== Bevollmächtigung ===<br />
Der Ausdruck „Gesalbter“ stammt von einem altorientalischen Ritual der [[Salbung]] hoher Beamter. In der [[Bibel]] salbt jedoch kein König einen Nachfolger, Minister oder Vasallen. Vielmehr beruft Gott durch seine Propheten damit einen zuvor Unbekannten oder Oppositionellen ({{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|2|4}}; {{B|2 Kön|9|3}} u.&nbsp;a.) noch vor dessen [[Akklamation]] durch das Volk zum künftigen Herrscher. Demgemäß bezeichnet die Begriffskombination ''Gesalbter JHWHs'' die von Gott „erwählten“, rechtmäßigen Könige Israels ({{B|Ps|2|2}}; {{B|Ps|18|51}}; {{B|Ps|20|7}}; {{B|Ps|132|10.17}}).<br />
<br />
So salbt der Prophet [[Samuel (Prophet)|Samuel]] im Auftrag Gottes [[Saul]] zum Retter vor der Bedrohung durch die [[Philister]] {{Bibel|1 Sam|10|1f}}. Nach ersten militärischen Erfolgen bestätigt eine Loswahl Saul {{Bibel|1 Sam|10|21}}, nach weiteren macht eine Stämmeversammlung ihn zum König {{Bibel|1 Sam|11|15}}. In seiner Abschiedsrede übergibt Samuel ihm sein theopolitisches Führungsamt {{Bibel|1 Sam|12|3.5}}. Daher bezeichnete ''Maschiach'' wohl ursprünglich einen prophetisch berufenen politisch-militärischen Anführer, der die frühere vorstaatliche Rolle der spontan und situationsbedingt auftretenden, charismatischen „[[Buch Richter|Richter]]“, Gottes Volk vor äußeren Feinden zu retten, übernehmen und verstetigen sollte. Die Richter überkam [[Heiliger Geist|Gottes Geist]] noch unmittelbar; nun galt Geistbegabung als Folge der Salbung durch einen Propheten ({{B|1 Sam|10|1.6}}; {{B|1 Sam|16|13}}; {{B|2 Sam|23|1f.}}), war also Ausdruck einer mittelbaren [[Theokratie]].<br />
<br />
Im Südreich [[Juda (Reich)|Juda]], das laut Darstellung des Tanach anders als das [[Nordreich Israel]] eine stabile Königsdynastie ausbildete, erscheint die Salbung dann häufig vor oder bei einer Thronbesteigung ({{B|2 Sam|19|11}}; {{B|1 Kön|1|39}}; {{B|2 Kön|11|12}}). Sie stellte den zukünftigen König unter Gottes Schutz und machte ihn damit unantastbar ({{B|1 Sam|24|7.11}}; {{B|2 Sam|1|14ff.}}; {{B|Ps|89|21ff.}}), verpflichtete ihn so aber auch, Gottes Willen für Israel zu befolgen ({{B|1 Sam|9|16}}). Der gesalbte Führer galt damit als irdischer Diener und Vertreter Gottes, der für das Gottesvolk sorgen, es gerecht regieren, vor Fremdherrschaft bewahren und aus Unterdrückung befreien sollte. Wenn er versagte, konnte Gott ihn „verwerfen“, indem ein Prophet ihm Gottes Gericht, beispielsweise Niederlagen gegen Fremdherrscher oder Ablösung, ankündigte.<br />
<br />
''Maschiach'' bezeichnet also einen zur Leitung Israels nach Gottes Willen „Bevollmächtigten“: Der König steht biblisch immer unter Gott. Damit wurde ''Maschiach'' letztlich zur Bezeichnung des aus biblischer Sicht rechtmäßigen, legitimen Herrschers über die Juden. Deshalb konnte nach dem Untergang des Königtums vereinzelt auch ein fremder Herrscher, der Perserkönig [[Kyros II.|Kyros]], als ''Maschiach'', als Vollstrecker des Willens Gottes für Israel, bezeichnet werden {{Bibel|Jes|45|1}}.<br />
<br />
Im oder nach dem [[Babylonisches Exil|Babylonischen Exil]] wurde der verwaiste Titel auf den [[Hoherpriester|Hohepriester]] übertragen. Diese wurden zuvor zwar auch durch Salbung für ihren Tempeldienst geweiht, aber nicht als „Gesalbter“ bezeichnet ({{B|Ex|29}}; {{B|Lev|4|3ff.16}}). Sie erhielten nun aber anstelle des Königs politische Vollmachten, weshalb in den jüngsten, frühestens ab 200 v. Chr. entstandenen und spät in den Tanach aufgenommene Bücher ({{B|1 Chr|29|22}}. Vgl. später auch {{B|Sir|45|15}}; {{B|2 Makk|1|10}}) des Alten Testaments der Titel ''Maschiach'' folgerichtig ebenfalls auf sie Verwendung findet. Es gab aber auch Kritik: Die angebliche Entweihung des Tempels durch [[Antiochos IV. Epiphanes]] (um 170 v. Chr.) beendete zumindest nach Ansicht des Verfassers des Buches [[Daniel]] diese Tradition: erst im künftigen [[Reich Gottes]] werde der Tempel neu geweiht werden ({{B|Dan|9|25}}).<br />
<br />
Nur sehr selten werden in der Bibel auch Propheten gesalbt {{Bibel|1 Kön|19|16}}; [[Jesaja]] ([[Tritojesaja]]) wird im übertragenen Sinn als von Gottes Geist Gesalbter bezeichnet {{Bibel|Jes|61|1}}. Sogar die [[Erzväter]] werden in {{B|Ps|105|5}} einmal „Propheten und Gesalbte“ genannt.<br />
<br />
=== Der endzeitliche Heilsbringer ===<br />
Israels Propheten kündigten angesichts des Endes des Königtums (586 v. Chr.) nicht nur dessen künftige Erneuerung an, sondern daneben zunehmend eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer war für sie ein von Gott erwählter Mensch, sollte aber im Gegensatz zu allen früheren Führungspersonen eine radikale Wende zum [[Schalom (Hebräisch)|Schalom]] (Frieden, Heil, Wohl für alle) bringen. Seine Aufgabe sollte nicht vorübergehend, befristet und widerrufsfähig, sondern endgültig und ewig sein. Diese Heilsbringer waren nicht als politische Herrscher gedacht. Wohl deshalb vermieden es die Propheten, diese Gestalt als ''Maschiach'' zu bezeichnen.<br />
<br />
Als Weissagungen eines endzeitlichen Heilsbringers gelten:<br />
* {{B|Jes|9|1–6}} (oft sieht man den Beginn dieser Verheißung schon in {{B|Jes|8|23}})<br />
* {{B|Jes|11|1–10}}<br />
* {{B|Mi|5|1–5}}<br />
* {{B|Hos|2|2f.}}<br />
* {{B|Jer|23|5f.}}<br />
* {{B|Hes|34|23f.}}<br />
* {{B|Hes|37|22ff.}}<br />
* {{B|Hag|2|22f.}}<br />
* {{B|Sach|3|8ff.}}<br />
* {{B|Sach|6|12}}<br />
* {{B|Sach|9|9f.}}<br />
<br />
Zugleich aber wurden ältere Texte, die auf gesalbte Könige bezogen waren, im und nach dem Exil auf den zukünftigen Heilsbringer umgedeutet oder mit endzeitlichen Heilsweissagungen ergänzt, darunter:<br />
* die Zusage der ewigen Thronfolge an die Daviddynastie {{Bibel|2 Sam|7|12ff.}}<br />
* der Königspsalm {{B|Ps|2}}<br />
* die Heilsverheißung des [[Amos]] {{Bibel|Am|9|11f}}<br />
* die Verheißung eines Davidnachfolgers in der [[Bileam]]erzählung {{Bibel|Num|24|17}}<br />
* die Zusage eines künftigen Herrschers an den Stamm [[Juda (Reich)|Juda]] {{Bibel|Gen|49|10}}.<br />
<br />
Umstritten ist, ob auch<br />
* die Weissagung des [[Immanuel]] (''Gott mit uns'', {{B|Jes|7|14ff}}),<br />
* die sogenannten [[Gottesknechtslieder]] bei [[Deuterojesaja]] ({{B|Jes|42|1–4}}; {{B|Jes|49|1–6}}; {{B|Jes|50|4–9}}; {{B|Jes|52|13–53,12}}) sowie<br />
* die Vision vom Kommen des [[Menschensohn|Menschenähnlichen]] nach dem Endgericht {{Bibel|Dan|7|13f}}<br />
auf den Retter und Richter der Endzeit zu beziehen sind. Das Judentum weist Letzteres als „[[Idiosynkrasie]] christlicher Lehre“ seit jeher als seiner Ansicht nach falsch zurück.<ref name="tsinger-i53">[https://www.youtube.com/watch?v=KDKZFBJVlG8 Rabbi Tovia Singer on Isaiah 53: Who is the Suffering Servant?]</ref><ref name="tsinger-faq">{{cite web|last=Singer|first=Tovia|title=Rabbi singer answers frequently asked questions|url=https://www.outreachjudaism.org/faq|publisher=2012 Outreach Judaism|accessdate=2012-10-24 |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Levey|first=Larry|title=The Scriptural Messiah|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20120319195121/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=315:the-scriptural-messiah-a-second-look&catid=72:scriptural-studies&Itemid=507|archivedate=2012-03-19|offline=yes |language=en}}</ref><ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Suffering Servant|url=https://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20121026115808/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=48&Itemid=500|archivedate=2012-10-26|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
=== Jesaja ===<br />
;Jes 9,1–6: gilt als erste echte messianische Weissagung. Der [[Prophet]] [[Jesaja]] verkündet sie um 730 v. Chr. als Freudenbotschaft an das von den [[Assyrer]]n unterdrückte Volk Israel. Er prophezeit ein baldiges Ende der Unterdrückung wie am ''Tage [[Midian]]s'' ({{B|Ri|7}}), darüber hinaus von dem Ende aller Gewaltherrschaft (v.4)<br />
{{Zitat<br />
|Text=Jeder Stiefel, der mit Gedröhn einhergeht, und jeder durch Blut geschleifte Mantel wird verbrannt und vom Feuer verzehrt werden.}}<br />
und die Geburt eines Kindes, das Gott zum künftigen Herrscher auf Davids Thron bestimmt habe, voraus. Jesaja legt ihm Thronnamen bei, die in Israel nicht für irdische Könige üblich, sondern Gott selbst vorbehalten waren (v.5): ''der Wunderbares plant, mächtiger Gott, ewiger Vater, [[Friedensfürst|Friedefürst]].'' Seine Herrschaft werde weit reichen und ''Frieden ohne Ende'' bringen; sie werde auf ''Recht und Gerechtigkeit'' – Befolgung der [[Tora]] – gegründet sein und deshalb ''von nun an bis in Ewigkeit'' andauern (v.6). Jesaja ist für die Methode bekannt, viele seiner Botschaften durch die Benutzung prophetischer Namen zu präsentieren (Jesaja 7:3; 7:14; 8:3). In den oben genannten Versen erläutert er seine Botschaft, indem er einen prophetischen Namen für König [[Hiskija]] († 697 v. Chr.) formuliert.<ref>{{cite web|last=Sigal|first=Gerald|title=Who is the child in Isaiah 9:5–6|url=http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20110918110001/http://www.jewsforjudaism.org/index.php?option=com_content&view=article&id=66:who-is-the-child-in-isaiah-95-6&catid=58:birth-of-jesus&Itemid=488|archivedate=2011-09-18|offline=yes |language=en}}</ref><br />
<br />
;Jes 11,1–10: führt die auf das Gottesrecht gestützte Regentschaft des Gottgesandten aus: Er werde aus dem ''Stumpf [[Isai]]s'' hervorgehen (v.1). Da auf diesem „Spross“ Gottes Geist ruhe, werde er alle Königstugenden wie [[Weisheit]], Einsicht, Entschlusskraft, Erkenntnis und [[Gottesfurcht]] vereinen (v.2). Diese würden ihn befähigen, ohne Rücksicht auf Augenschein und Gerücht die Armen gerecht zu richten, die Gewalttäter aber zu schlagen: allein mit dem ''Stab (Zepter) seines Mundes'', also mit dem Richtspruch selbst (v.4). Diese Gerechtigkeit werde die ganze Schöpfung verwandeln und den Fluch von Gen 3 aufheben: Wölfe und Schafe, Kinder und Giftschlangen leben einträchtig zusammen (v.6ff.). Die ganze Erde werde Gott erkennen, so dass niemand mehr Unrecht tut (v.9). Der Regent werde ''als Zeichen dastehen'', das die Völker bewege, nach Gott zu fragen (v.10).<br />
<br />
Historische Herkunft und Anlass dieser Heilsverheißungen sind ungeklärt. Antike Vorbilder fehlen, da die orientalischen Großreiche gottähnliche Hoheitstitel sonst gerade zur Überhöhung und Absicherung eines bestehenden Königtums, nicht als unerwartete Zukunftshoffnung für ein ohnmächtiges, schutzloses Volk der Unterdrückten verkündeten. Auch eine Erklärung aus der Zusage ewiger Thronfolge an David ({{B|2. Sam|7|12ff.}}) greift zu kurz: Jesajas „Friedefürst“ ist weder ein neuer Eroberer und Großherrscher wie König [[David]] noch ein Gott. Denn er führt keinen Krieg mehr, sondern herrscht erst, nachdem Gott selbst die Kriegsgewalt beseitigt hat, indem er Gottes heilvolle Rechtsordnung ohne eigene Macht durchsetzt und bewahrt. Der Rückgriff auf Davids Vater Isai lässt Kritik an der Daviddynastie erkennen, die hier als abgehauener Baum erscheint, obwohl sie noch bestand.<ref>Werner H. Schmidt: ''Alttestamentlicher Glaube'', Neukirchener Verlag, 4. Auflage 1982, S. 211.</ref><br />
<br />
== Judentum ==<br />
{{Überarbeiten}}<br />
=== Außerbiblische Messiaserwartungen ===<br />
Zwischen etwa 200 v. und 100 n. Chr. wurden nur noch Personen der vorstaatlichen Heilsgeschichte und das ganze Gottesvolk Israel, aber nicht mehr Könige ''Gesalbte'' genannt: auch nicht König David, selbst dort nicht, wo seine Salbung mit „heiligem Öl“ erwähnt ist ({{B|Ps|151|4ff.}}). Dies zeigt ein Misstrauen, den Titel auf Gestalten der politisch erlebten Geschichte anzuwenden. „Als Gesalbter lässt sich zur Zeit Jesu und der Urchristen allein bezeichnen, wer Gott einzigartig und durch nichts beeinträchtigt zugehört.“<ref>Martin Karrer: ''Jesus Christus im Neuen Testament'', 1998, S. 137.</ref><br />
<br />
In 17 der [[Schriftrollen vom Toten Meer]] (entstanden 250 v. – 40 n. Chr.) ist der Maschiach-Titel belegt.<ref>M.G. Abegg, ''The Messiah at Qumran'', 1995, S. 125–144.</ref> Er wurde dort nur einmal auf einen künftigen Davidspross (4Q PB), sonst immer auf einen künftigen Hohepriester bezogen. 1QS IX,9–11 ([[Gemeinderegel]]) redet von den ''Messiassen [[Aaron (biblische Person)|Aarons]] und Israels'' im Plural: Dies knüpfte an die Verheißung [[Sacharja]]s von den beiden harmonisch regierenden ''Ölsöhnen'' {{B|Sach|4|14}} an und zeigt eine theologische Opposition gegen die damals regierenden [[Hasmonäer]]. Deren Regenten vereinten Priester- und Königsamt, ohne sich aber salben, also von Gott legitimieren zu lassen.<ref>Gerd Theißen, Annette Merz: ''Der Historische Jesus'' S. 464.</ref> Sie, die [[Herodianer]] und ihre nach jüdischer Herrschaft strebenden Gegner nannten sich nicht ''Gesalbter'', sondern ''König''. Auch die Hohepriester jener Zeit wurden nicht gesalbt.<br />
<br />
Die [[Psalmen Salomos]] 17 und 18 (großenteils in der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. entstanden) enthalten die umfassendste frühjüdische Schilderung des erwarteten Wirkens eines ''Gesalbten des Herrn'' als künftigem Heilskönig und Davidnachkommen, der die sündigen Heiden aus Palästina vertreibt, aber zugleich die Völkerwallfahrt zum [[Zion]] auslöst. Er erkennt selbst Gott als ''seinen'' König an, wird von ihm unterwiesen und setzt sein Vertrauen ausschließlich auf ihn. In seinem Wirken ist er von Gott abhängig, der ihn mit heiligem Geist stark, weise und gerecht gemacht hat (PsSal 17, 32–40).<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 65f.</ref><br />
<br />
Die apokalyptischen Bilderreden des [[Äthiopischer Henoch|Äthiopischen Henochbuchs]] (ca. 50 n. Chr.) verbinden zwei im Tanach unausgeglichen nebeneinander verheißene Mittlergestalten: den Heilsbringer auf dem Königsthron Davids (Jes 9) und den Menschenähnlichen aus dem Himmelsbereich ({{B|Dan|7}}), ohne ihn „[[Davidsohn|Davidssohn]]“ zu nennen.<br />
<br />
Im Buch [[4. Esra]] (um 100 n. Chr.)<ref>[http://www.uni-leipzig.de/~nt/asp/blaetter/esra.htm 4. Esra]</ref> ist der Messias ein Heilsbringer auf Zeit. Für die Getreuen, die endzeitliche Katastrophen überlebt haben, schafft er eine 400-jährige Friedenszeit, an deren Ende er, gemeinsam mit allen Menschen, stirbt, bevor eine neue Weltzeit erwacht (4. Esra 7,28–29).<br />
<br />
Die aramäischen Bibelhandschriften aus dem 2. Jahrhundert ([[Targum]]im) machen – wohl auch unter dem Eindruck christlicher Überlieferung – Messiasbezüge des Tanach explizit. So wird „Spross“ etwa in {{B|Sach|3|8}} mit „Messias“ übersetzt, und der Gottesknecht Deuterojesajas wird mit dem Messias identifiziert, sogar {{B|Jes|53|5}} umgeschrieben mit dem Hinweis auf einen Neubau des Tempels {{" |Und er wird das Heiligtum bauen, das durch unsere Schulden entweiht und durch unsere Sünden preisgegeben worden war.}}<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel: Die Tempelaktion und das Tempelwort als Ausdruck seiner messianischen Sendung'' (Wissenschaftliche Untersuchungen Zum Neuen Testament 2), Mohr/Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146974-7, S. 78 f., 81 ff.</ref><br />
<br />
Im [[Syrische Baruch-Apokalypse|syrischen Baruch]] (Anfang 2. Jh. n. Chr.)<ref>[http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/06offb/nt90.htm#c Syrischer Baruch]</ref> werden dem Messias zwei Bedeutungen zugemessen. Zum einen gelangen die Gerechten nach seiner Rückkehr zu Gott zu neuem Leben in Einmütigkeit (syrBar 30,1ff.), zum andern beginnt mit seiner Thronbesteigung am Ende einer von ihm veranlassten Ära der Demütigung eine Ära harmonischer [[Sabbat]]-Ruhe (syrBar 73,1f.).<br />
<br />
=== Rabbinisches Judentum ===<br />
In den nachbiblischen jüdischen Schriften, [[Mischna]] und [[Talmud]], sowie in den Gebeten und Liturgien erhält die Messiashoffnung einen wichtigen Platz. Das [[Achtzehnbittengebet]] bittet mit der 14. Bitte um die Wiederherstellung der Tempelstadt Jerusalem und des Davidthrons. Die 15. Bitte lautet:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Den Spross deines Knechtes David lasse bald emporsprießen, sein Szepter erhöhe durch deine Befreiung, denn auf deine Befreiung hoffen wir den ganzen Tag.}}<br />
Auch im [[Kaddisch]] findet man eine ähnliche Bitte. Im Morgengebet der [[Schabbat]]-Liturgie heißt es:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Nichts ist neben dir, unser Erlöser, in den Tagen des Gesalbten, und keiner ist dir ähnlich, unser Befreier, wenn du die Toten belebst.}}<br />
<br />
Hier wird deutlich, dass die messianische Heilszeit noch in die menschliche Geschichte fällt, während die Auferstehung der Toten allein Gottes Sache bleibt. Gemäß dem 1. Gebot kann der Heilsbringer für Juden nur ein menschliches Wesen, kein Gott, Teil Gottes oder [[Halbgott]] sein. Er kann auch nach seinem Erscheinen nicht angebetet werden, da das [[Gebet]] nur dem einen, einzigen Gott gebührt.<br />
<br />
Nach negativen Erfahrungen mit vielen israelitischen Königen und dem Untergang des Königtums und des ersten Tempels verschob sich die Bedeutung des Begriffs: Der Gesalbte werde ein neuer Lehrer sein, ähnlich wie [[Mose]]s und [[Elija]]. Schon die vermutete [[Qumran]]gemeinschaft kannte einen solchen [[Lehrer der Gerechtigkeit]] mit endgültiger Weisheit und Durchsetzungskraft. Die [[Zelot]]en erwarteten einen politischen Befreier der Juden von der Fremdherrschaft der Griechen und Römer. Eventuell drückte die Bezeichnung des [[Simon Bar Kochba]] als „Sohn des Lichts“ eine solche Messiaserwartung aus. Nach dem Untergang des Zweiten Tempels 70 n. Chr. trat diese politische Messiaserwartung zurück.<br />
<br />
=== Systematisierung der Messiaserwartung ===<br />
Im Judentum wird vom Maschiach allgemein erwartet, dass er Mensch und nicht göttlich sein wird und bestimmte Kriterien und Aufgaben erfüllen wird, die die Welt für immer grundlegend verändern. Wenn ein als Maschiach auftretender oder verehrter oder vermuteter Mensch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt und stirbt, kann dieser nicht als der Maschiach anerkannt werden. Er muss nach verschiedenen biblischen Aussagen<ref name="realmessiah">{{cite web|last=Kaplan|first=Rabbi Aryeh|title=The Real Messiah|url=https://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|publisher=Jews for Judaism|accessdate=2012-10-24|archivebot=2022-03-25 22:28:13 InternetArchiveBot|archiveurl=https://web.archive.org/web/20140413185633/http://jewsforjudaism.org/index.php?option=com_remository&Itemid=474&func=download&id=17&chk=6fb40e04fd1329cfce53974932363fe7&no_html=1|archivedate=2014-04-13|offline=yes |language=en}}</ref><ref name="book-realmessiah">{{cite book|last=Kaplan|first=Aryeh|title=The real Messiah? a Jewish response to missionaries|year=1985|publisher=National Conference of Synagogue Youth|location=New York|isbn=1-879016-11-7|edition=New ed. |language=en}}</ref><br />
* Jude sein ({{B|Dtn|17|15}}; {{B|Num|24|17}})<br />
* dem Stamm [[Juda (Bibel)|Juda]] angehören {{Bibel|Gen|49|10}}<br />
* ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König [[David]] ({{B|1 Chr|17|11}}; {{B|Ps|89|29–38}}; {{B|Jer|33|17}}; {{B|2 Sam|7|12–16}}) und König [[Salomo]]n sein ({{B|1 Chr|22|10}}; {{B|2 Chr|7|18}})<br />
* das jüdische Volk aus dem Exil in Israel versammeln ({{B|Jes|11|12}}; {{B|Jes|27|12f.}})<br />
* den jüdischen [[Jerusalemer Tempel|Tempel in Jerusalem]] wieder aufbauen {{Bibel|Mi|4|1}}<br />
* den [[Weltfrieden]] bringen ({{B|Jes|2|4}}; {{B|Jes|11|6}}; {{B|Mi|4|3}})<br />
* die ganze Menschheit dazu bringen, den einzigen Gott anzuerkennen und ihm zu dienen ({{B|Jes|11|9}}; {{B|Jes|40|5}}; {{B|Zef|3|9}}).<br />
<br />
Das Buch [[Ezechiel]] bietet eine zusammenfassende Schau dieser Kriterien {{Bibel|Hes|37|24–28}}<br />
{{Zitat<br />
|Text=Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln. Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. [...] Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein. Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.}}<br />
<br />
Nach jüdischer Auffassung steht, im Unterschied zum Christentum, das Kommen des Messias noch bevor. Eine abweichende Auffassung vertreten nur die [[Messianische Juden|Messianischen Juden]].<br />
<br />
== Christentum ==<br />
=== Texte ===<br />
Im [[Neues Testament|Neuen Testament]] (NT) kommt der griechische Titel ''Christos'' 531-mal, der [[Gräzisierung|gräzisierte]] aramäisch-hebräische Begriff ''Messias'' zweimal (Joh 1,41; 4,25) vor. Er erscheint in allen NT-Schriften, fehlt aber in der hypothetischen [[Logienquelle]] und im apokryphen [[Thomasevangelium]]. Beide berichten auch nicht von Jesu Tod und [[Auferstehung]].<br />
<br />
Besonders oft erscheint der Titel in den [[Passion Jesu|Passionsberichten]] der Evangelien und in den [[Paulusbriefe]]n. Diese verbinden ihn vor allem mit Jesu Heilstod und beziehen ihn zugleich auf die biblische Heilserwartung, obwohl diese keinen leidenden Messias kannte ({{B|1 Kor|15|3}})<br />
{{Zitat<br />
|Text=Christus ist für uns gestorben nach der Schrift.}}<br />
<br />
Geburt und Kindheit Jesu<br />
* Nach dem [[Evangelium nach Matthäus|Matthäusevangelium]] wurde Jesus als [[Sohn Davids]] in [[Betlehem]] geboren, von wo nach Mi 5,1 der künftige Retter Israels kommen sollte. Nach der [[Flucht nach Ägypten]] kehrte Josef nach dem Tode des Herodes mit Maria und dem Kind wieder in das Land Israel zurück und ließ sich in Nazareth nieder ({{B|Mt|2|1–23}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.}}<br />
:Diese Verheißung gibt es jedoch im Tanach nicht. Nazaret existierte zur Zeit der Propheten eventuell noch gar nicht. Christliche [[Biblische Exegese|Exegeten]] finden hier manchmal eine Anspielung auf den „Spross (hebr. ''nezer'') Isais“ – Davids Vater – aus {{B|Jes|11|1}} (z. B. [[Einheitsübersetzung]]).<br />
<br />
* Im [[Brief des Paulus an die Römer]] ({{B|Röm|11|26}}) wird {{B|Jes|59|20}} nach der [[Septuaginta]] zitiert:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der da abwende das gottlose Wesen von Jakob.}}<br />
:Für Paulus befreite Jesus durch seinen stellvertretenden [[Sühne]]tod am [[Kreuz (Christentum)|Kreuz]] die Menschen vom drohenden Fluch der Tora, der jeden bedrohe, der sie nicht ganz erfülle ({{B|Gal|3|13}}). Es genüge daher, an Jesus zu glauben und sich zu ihm zu bekennen, um gerettet zu werden. Dem widerspricht der hebräische Wortlaut des Zitats im Tanach:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Aber für Zion wird kommen ein Erlöser, für die in Jakob, die von der Abtrünnigkeit umkehrten, spricht der Herr.}}<br />
:Der Maschiach wird nach jüdischem Glauben daher den gläubigen, observanten Juden nicht die Sünden abnehmen, sondern wenn diese sich von ihren Sünden abwenden, dann wird er kommen.<br />
<br />
* Im [[Johannesevangelium]] wird die Vorstellung des Messias als König Israels ({{B|Joh|1|49}}) als unzureichend angesehen. Dahinter steht das Geheimnis, dass Jesus in Wirklichkeit der [[Präexistenz Christi|präexistente]] [[Sohn Gottes]] sei. Irdisch-königliche Erwartungen der Garantie von Grundbedürfnissen werden abgewiesen ({{B|Joh|6|15}}), und Jesus bezeichnet sich Pilatus gegenüber als König der Wahrheit, dessen Reich nicht von dieser Welt und daher gewaltlos ist ({{B|Joh|18|36f.|ELB}}). Die Messiasvorstellung wird spiritualisiert und – ähnlich wie bei Paulus und den anderen Evangelien – mit der Vorstellung der [[Erlösung]] durch den Tod am Kreuz verbunden: Der [[Glaube (Religion)|Glaube]] an Jesus als den Christus verleiht [[ewiges Leben]] ({{B|Joh|20|31}}).<ref>Bekannte NT-Theologie und Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 62–66.</ref><br />
<br />
=== Historischer Jesus ===<br />
{{Hauptartikel|Jesus von Nazaret|Menschensohn#Exegetische Diskussion|titel2=Exegetische Diskussion}}<br />
<br />
Ob Jesus sich selbst Messias genannt hat, ist umstritten. Die Evangelien ergeben folgenden Befund<br />
* Eine Messiaserwartung wurde an Jesus herangetragen: von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] ({{B|Mt|11|3}}: ''der Kommende''), von seinen Anhängern (Mk 8,29: ''der Christus''), von Armen im Volk ({{B|Mk|10|47}}: ''[[Sohn Davids]]''; Mk 11,10: ''Herrschaft Davids'') und von Gegnern ({{B|Mk|14|61}}: ''der Christus, Sohn des Hochgelobten'').<br />
* Besonders die Verkündigung des [[Reich Gottes|Reiches Gottes]] und seiner Gegenwart in [[Wunder Jesu|Heilungen]] weckte messianische Hoffnungen (vgl. {{B|Mt|11|3–5}}). Diese müssen nicht aus einem Missverständnis entstanden sein, sondern das „Davidische Königtum der Endzeit“ wurde etwa im apokryphen Psalm Salomons 17 als Befreiung Israels von Feinden, Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gerechte Herrschaft und „irdische Stellvertretung des Königtums Gottes“ verstanden.<ref>J. Weiß: ''Die Predigt Jesu vom Reiche Gottes'', Göttingen <sup>3</sup>1964, S. 9; zitiert nach Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit.'' 2010, S. 344f. „Missverständnis“ bezieht sich auf Theißen / Merz <sup>3</sup>2001, S. 402.</ref><ref name="stegemann338">W. Stegemann, 2010, S. 338–345.</ref> Ähnliche Vorstellungen zeigt nicht nur das eventuell sekundäre Messiaskonzept Lukas’, das im [[Magnificat]] konzentriert ist. Während besonders in der Tradition [[Rudolf Bultmann]]s Jesu Wirken als unpolitisch verstanden wurde, gelten seit den 1970er Jahren oft zumindest einzelne der genannten Bezüge auf ein (davidisches) Königtum als authentisch.<ref name="stegemann338" /><br />
* Die Aufrichtung des Reiches Gottes erwartete Jesus jedoch allein von Gott, nicht vom Einsatz kriegerischer Mittel (trotz {{B|Lk|22|36}}). Wird der [[Einzug in Jerusalem]] ({{B|Mk|11|1–10}}) als historisch aufgefasst, so war er nach [[Ed Parish Sanders]] vielleicht ein bewusster Anspruch Jesu auf das Königtum, ähnlich wie ihn später [[Simon bar Giora]] erhob. Anders als dieser hätte Jesus mit dem Eselritt jedoch an den machtlosen Messias der Abrüstung bei {{B|Sach|9|9f.}} erinnert.<ref name="stegemann338" /> Auch die [[Fußwaschung]] stellt einen dienenden König dar, und es gibt entsprechende Belehrungen an die Jünger ({{B|Mk|10|42ff.}}).<br />
* Nach {{B|Mk|8|29}} bekannte [[Simon Petrus]], einer der zwölf erstberufenen Jünger Jesu, ihn schon zu Lebzeiten als den Messias. Wegen der darauf folgenden Leidens- und Todesankündigung machte ihm Petrus Vorhaltungen (Mk 8,31f.). Die [[Emmaus]]jünger äußerten nach Jesu Tod Enttäuschung, dass er die erhoffte irdische Befreiung Israels nicht gebracht habe ({{B|Lk|24|21}}).<br />
* Im Mund Jesu erscheint der Titel selten und indirekt (Mk 9,41; Mt 16,20; Lk 4,41). Nach dem Markuskonzept des ''Messiasgeheimnisses'' verbot er den [[Dämon]]en, ihn als Sohn Gottes zu verkünden (Mk 1,34; 3,11f). Auch seine Jünger sollten seine Messianität bis zur Auferstehung geheim halten (Mk 8,30; 9,9). Nur in seiner Antwort auf die Messiasfrage des Hohepriesters [[Kajaphas]] im nächtlichen Verhör vor seiner [[Kreuzigung]] stellte er sich als Messias vor ({{B|Mk|14|62}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Ich bin es, und ihr werdet sehen den [[Menschensohn]] sitzend zur rechten Hand der Kraft und kommen mit den Himmelswolken.}}<br />
* Einer Frau aus Samaria gegenüber bekannte er sich offen als der Messias ({{B|Joh|4|25f}}):<br />
{{Zitat<br />
|Text=Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir spricht.}}<br />
Jesus strebte nicht das davidisch-nationale Königtum an, sondern im Sinne der [[Apokalyptik]] des Buches Daniel die Vorwegnahme und Bekräftigung der Verheißung vom Kommen des Menschenähnlichen nach dem [[Endgericht]], das von aller – nicht nur römischer – Gewaltherrschaft befreie. Für einen Messiasanspruch Jesu spricht seine Hinrichtung am jüdischen [[Pessach]]fest durch Römer. [[Pontius Pilatus]] ließ laut {{B|Mk|15|26}} ein Schild mit dem Grund seines Todesurteils über Jesu Kreuz anbringen: ''der König der Juden'' (vgl. {{B|Joh|19|19}}; [[INRI]]). Den Evangelien zufolge sahen einige der ersten Jünger Jesus nach seinem Tod in neuer Gestalt als Lebenden und wurden so gewiss, dass Gott ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten erhöht habe. Unter anderem im Anschluss an den messianischen [[Psalm 110]] wurde dies als Bekräftigung der Einsetzung Jesu zum königlich-priesterlichen Richter der Endzeit verstanden.<br />
<br />
Die neutestamentliche Forschung vertrat lange eine radikal skeptische Sicht, nach der Jesus erst nach [[Ostern]] aufgrund des Auferstehungsglaubens zum Messias gemacht worden sei. Heute wird ein zumindest impliziter Messiasanspruch Jesu angenommen, der die Reaktionen auf sein Wirken – Petrusbekenntnis, Pilgerjubel beim Einzug in Jerusalem, Todesurteil des [[Sanhedrin]] und Hinrichtungsbefehl des Pilatus – erklärt. Die gesamte NT-Überlieferung stammt von Urchristen, die von Jesu Auferstehung und Messianität überzeugt waren. Auch mit der heute meist als historisch angesehenen, symbolischen [[Tempelreinigung]] kann Jesus einen impliziten Messiasanspruch erhoben haben, da apokryphe jüdische Texte vom Toten Meer (z.&nbsp;B. PsSal 17,30; 4Q flor 1,1–11) vom Messias eine künftige Reinigung und Neuerrichtung des Tempels erwarteten.<ref>Peter Stuhlmacher: ''Charakteristische Formen der Verkündigung Jesu'', in: ''Biblische Theologie des Neuen Testaments'' Band 1: ''Grundlegung: Von Jesus zu Paulus'', Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 3-525-53595-3, S. 84.</ref> Vereinzelt werden hier sogar Ansatzpunkte für die spätere Theologie eines leidenden Messias gesehen: Jesus habe die Ablehnung seines mit Tempelaktion und Tempelwort von der zukünftigen Zerstörung ({{B|Mk|13|1f.}}) verbundenen Umkehrrufs provoziert und sich so selbst an seine Hinrichtung ausgeliefert. Denn er habe geglaubt, Gottes Heilshandeln könne sich bei ausbleibender Umkehr seiner Adressaten nur durch „seinen Sühnetod als endzeitliche[n] Ersatz für den Sühnopferkult des Tempels“ durchsetzen.<ref>Jostein Ådna: ''Jesu Stellung zum Tempel'', S. 425–430 und 440.</ref><br />
<br />
=== Jesus Christus ===<br />
Mit der zum Eigennamen gewordenen Gleichung ''Jesus (ist der) Christus'' bekennen Christen sich zu Jesus als dem von Israel erwarteten Messias, der als Sohn Gottes vom Vater in die Welt gesandt wurde. Jesus hat den Titel Messias gelten lassen, aber seinen Sinn genauer geklärt: „Vom Himmel herabgestiegen“ ({{B|Joh|3|13}}), gekreuzigt und dann auferstanden, ist er der leidende Gottesknecht, der sein Leben hingibt „als Lösegeld für viele“ ({{B|Mt|20|28}}).<ref>KKKK, Nr. 82, KKK 436–440</ref><br />
<br />
Der im NT neben dem Messiastitel auftauchende Begriff Sohn Gottes, der im Tanach für das ganze aus Sklaverei und Wüstenzeit erwählte Volk Israel steht ({{B|Hos|11|1}}), wurde in der [[Patristik]] zu einer [[Dreifaltigkeit]]s- und [[Dreieinigkeit]]slehre weiterentwickelt. Damit war die Trennung vom Judentum endgültig vollzogen und dogmatisch fixiert. Zugleich hielt die christliche Theologie damit an der Einheit des Alten und Neuen Testaments fest: Der Gott Israels ist und bleibt als der Vater Jesu Christi der Schöpfer und Erlöser der ganzen Welt (lateinisch bezeichnet als ''[[Salvator mundi]]'').<br />
<br />
Das Christentum sieht die Verheißungen also in einem anderen Sinn erfüllt als sie nach jüdischer Auslegung im Tanach gemeint waren und hat demgemäß Inhalt und Bedeutung des Messiasbegriffs verändert. Nach Papst [[Benedikt XVI.]] ist etwa Jesus selbst die „erneuerte Tora“, der Gottes in der Tora offenbarten Willen erfüllt habe und ihr Einhalten durch die [[Gnade (Theologie)|Gnade]] ermögliche. Im Mittelpunkt steht nun die stellvertretende Rettungstat Jesu Christi, die die Menschen mit Gott versöhnt und [[Rechtfertigungslehre|Rechtfertigung]] bewirkt habe. Traditionell wurde dies von einer jüdischen Vorstellung abgehoben, nach der Heil durch Erfüllung der [[Tora#Die Tora im Christentum|Toragebote]] erreicht werde. Heute wird – nicht nur in einer [[Neue Perspektive auf Paulus|Neuen Perspektive auf Paulus]] – weitgehend anerkannt, dass auch im Judentum der [[Bund (Bibel)|Bund]] Gottes mit seinem Volk am Anfang steht. Dieser verlange dann Gehorsam dem Gesetz gegenüber, aber auch bei Übertretungen sei es durch in der Tora vorgesehene Sühnemittel möglich, im Bund zu verbleiben.<ref>Wolfgang Stegemann: ''Jesus und seine Zeit'', 2010, S. 220f., 263-266, 275f.</ref> Ein Unterschied besteht danach nicht in der ethisch-praktischen Haltung, sondern nur in deren symbolischer Begründung.<br />
<br />
Die ersten Christen rechneten in naher Zukunft mit der zweiten Ankunft, der Wiederkehr (griech. [[Parusie]]) des Messias Jesus, dem Weltende und dem [[Weltgericht]]. Diese Hoffnung drückte sich in der abschließenden Schrift des [[Neues Testament|neutestamentlichen]] Kanons, der apokalyptischen [[Offenbarung des Johannes]] aus (vgl. {{B|Mt|24}}). <!--Da die Parusie sich nach vorherrschender Meinung bis heute unerfüllt immer weiter verzögerte, wurde das noch andauernde Leid, beispielsweise das Ausbleiben des [[Weltfrieden]]s, mit dem Kreuzestod Christi in Beziehung gesetzt.--><br />
<br />
=== Jüdisch-Christlicher Dialog ===<br />
Die frühe Kirche sah sich als Erbin der Verheißungen an Israel und das Judentum als verworfene, überholte, zum Aufgehen im Christentum bestimmte Religion. Diese [[Substitutionstheologie]] ist in den Großkirchen jedoch seit dem [[Holocaust]] allmählich einem neuen Aufeinanderzugehen gewichen, bei dem christliche Theologen den jüdischen Messiasglauben als eigenständige, unabgegoltene, von Christen ebenfalls geteilte Erwartung anerkennen (so bei dem katholischen Theologen [[Johann Baptist Metz]] und dem evangelischen Theologen [[Jürgen Moltmann]]).<br />
<br />
Dabei bleibt selbst für liberale Christen das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes unaufgebbar, das sie nicht als ausschließenden Gegensatz, sondern gerade als zu Solidarität und Dialog verpflichtende Brücke zum Judentum interpretieren. Besonders deutsche jüdische Theologen wie [[Martin Buber]] oder [[Pinchas Lapide]] haben Jesus als gerechten jüdischen Lehrer der Tora, der viele Menschen aus den Völkern zum Glauben an Israels Gott gebracht habe, anerkannt.<br />
<br />
Buber soll gegenüber Christen einmal augenzwinkernd vorgeschlagen haben:<ref>zitiert nach Reinhold Boschki, Dagmar Mensink (Hrsg.): ''Kultur allein ist nicht genug. Das Werk von [[Elie Wiesel]] – Herausforderung für Religion und Gesellschaft'', Münster 1998, S. 39; Quellenangabe bei {{Webarchiv |url=http://www.jcrelations.net/de/?item=1844 |text=Hanspeter Heinz: ''Ertrag eines Forschungsaufenthalts in den USA. Zur jüdischen Erklärung „Dabru Emet“. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum'' |wayback=20110709023640}}</ref><br />
{{Zitat<br />
|Text=Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: ‚Antworte nicht‘.}}<br />
<br />
Für viele Gläubige beider Religionen bleiben die Glaubensgegensätze jedoch wechselseitig unüberbrückbar: Der biblische Maschiach war nie als jemand vorgestellt, der angebetet werden sollte. Nach {{B|Dtn|13|2–6}} ist, wer Menschen zum Glauben an Menschen als Götter verführe, dem Zorngericht Gottes verfallen. Nach {{B|Mk|16|16}} u.&nbsp;a. werde, wer nicht an Jesus Christus glaubt, bei seinem Wiederkommen im Endgericht verdammt werden. Besonders manche [[Evangelikalismus|evangelikale]] Christen machen die Wiederkunft Christi daher von einer vorherigen Bekehrung aller Menschen zu Jesus Christus, was Juden einschließt, abhängig.<br />
<br />
== Islam ==<br />
Im [[Koran]] wird Jesus von Nazaret als ''[[Isa bin Maryam]]'' (Jesus, Sohn der Maria) und als {{arF|المسيح&lrm;|DMG=al-Masīḥ}}, als „der Messias“ bzw. „Christus“ (der Gesalbte) bezeichnet ([[Sure 3]]:44–49 [4], 4:170–174 [5]). Jesus ist gemäß dem Koran jedoch weder der [[Sohn Gottes]] noch Teil einer [[Dreieinigkeit]], sondern „lediglich“ ein Prophet und ein Diener Gottes.<br />
<br />
Im [[Islam]] ist durch die Überlieferung von islamischen Gelehrten ([[Ulama|Alim]]) die Erwartung weit verbreitet, Jesus werde am Jüngsten Tag als Richter gegen die Ungerechten wiederkommen und zusammen mit dem Nachkommen Mohammeds, [[Mahdi]], den [[Antichrist]]en besiegen. Die verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam unterscheiden sich jedoch geringfügig in ihren Auffassungen.<br />
<br />
== Kunst ==<br />
In der [[Musik]] und [[Literatur]] Europas sind öfter Werke mit dem Titel und Thema des Messias geschaffen worden:<br />
* ''[[Messiah|Messias]]'', ein [[Oratorium]] von [[Georg Friedrich Händel]].<br />
* ''[[Der Messias (Klopstock)|Der Messias]]'', ein [[Epos]] von [[Friedrich Gottlieb Klopstock]], das in zwanzig Gesängen und 20.000 Versen Passion und Auferstehung Christi darstellt.<br />
* ''[[Messias (Telemann)|Der Messias]]'', ein Oratorium von [[Georg Philipp Telemann]] nach Texten von Klopstock.<br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Heiland]]<br />
* [[Liste jüdischer Messias-Anwärter]]<br />
* [[Messianische Juden]]<br />
* [[Messianische Bewegungen]]<br />
* [[Haile Selassie]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
;Hebräische Bibel:<br />
* ''Messias und Messianismus.'' In: ''Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie.'' Ostfildern-Ruit 29.1993. {{ISSN|0588-9804}} ({{Webarchiv |url=http://www.concilium.org/deutsch/inha931.htm |text=Inhalt |wayback=20080623005228}})<br />
* [[Roger Liebi]]: ''{{Webarchiv |url=http://clv.dyndns.info/pdf/255543.pdf |text=Der verheißene Erlöser. Messianische Prophetie – ihre Erfüllung und historische Echtheit. |wayback=20071001162058}}'' Schwengeler, Berneck 1983, Beröa, Zürich 1994 (PDF online; 542&nbsp;kB).<br />
* [[Hartmut Gese]]: ''Der Messias.'' In: ''Zur biblischen Theologie.'' Alttestamentliche Vorträge. Beiträge zur evangelischen Theologie. Bd. 78. Kaiser, München 1977, S. 128–151, Mohr, Tübingen 1983. ISBN 3-16-144700-X.<br />
* [[Werner H. Schmidt]]: ''Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte.'' Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004 (9. Aufl.), S. 207–215. ISBN 3-7887-0655-4 (''Der Messias'').<br />
* [[Ernst-Joachim Waschke]]: ''Der Gesalbte'' (= Studien zur alttestamentlichen Theologie: Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft, 306). Walter de Gruyter, 2001, ISBN 3-11-017017-5.<br />
<br />
;Neues Testament:<br />
* [[Jürgen Moltmann]]: ''Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen.'' Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1989, ISBN 3-579-01931-7.<br />
* [[Carsten P. Thiede]]: ''Der unbequeme Messias. Wer Jesus wirklich war.'' Brunnen-Verlag, Gießen 2006, ISBN 3-7655-3876-0.<br />
* [[Otfried Hofius]]: ''Ist Jesus der Messias? Thesen.'' In: ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie. Bd. 8. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4, S. 103–130.<br />
* [[Wilhelm Breuning]] (Hrsg.): ''Der Messias.'' Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh), Band 8, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1465-4.<br />
<br />
;Jüdische Messiaserwartungen:<br />
* [[Henri Cazelles]]: ''Alttestamentliche Christologie. Zur Geschichte der Messiasidee.'' Einsiedeln 1983, ISBN 3-265-10262-9.<br />
* [[Nathan Peter Levinson]]: ''Der Messias.'' Kreuz, Stuttgart 1994, ISBN 3-7831-1333-4.<br />
* J. Neusner, W. Green, E. Frerichs (Hrsg.): ''Judaisms and Their Messiahs at the Turn of Christian Era.'' Cambridge 1987, ISBN 0-521-34146-9 (englisch).<br />
* Reinhold Mayer: ''War Jesus der Messias? Geschichte der Messiasse Israels in drei Jahrtausenden.'' Bilam, Tübingen 1998, ISBN 3-933373-01-8.<br />
* Israel Knohl: ''The Messiah Before Jesus: The Suffering Servant of the Dead Sea Scrolls.'' University of California Press, 2001, ISBN 0-520-23400-6 (englisch).<br />
* Ludwig (Lajos) Venetianer: ''Die Messiashoffnung des Judenthums.'' Metzler, Peter W., Duisburg 2010, ISBN 978-3-936283-11-2.<br />
<br />
;Jüdisch-christlicher Messiasdialog:<br />
* [[Clemens Thoma]]: ''Das Messiasprojekt. Theologie jüdisch-christlicher Begegnung.'' Pattloch, München 1994, ISBN 3-629-00626-4.<br />
* Hans Hübner: ''Der „Messias Israels“ und der Christus des Neuen Testaments.'' in: ''Kerygma und Dogma.'' Göttingen 27/1981, S. 217–240 {{ISSN|0023-0707}}.<br />
* [[Ekkehard W. Stegemann]] (Hrsg.): ''Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen.'' Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17-012202-9.<br />
* [[Martin Karrer]]: ''Der Gesalbte. Die Grundlagen des Christustitels.'' Vandenhoeck + Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53833-2.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Wiktionary}}<br />
<br />
;Judentum:<br />
* {{JE|1=http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=510&letter=M&search=Messiah|2=Messiah|3=Joseph Jacobs, Moses Buttenwieser}}<br />
* [https://www.livius.org/articles/religion/messiah/ Jona Lendering: Messiah (historische Artikel, englisch)]<br />
<!--* {{Webarchiv | url=http://www.moshiach.com/discover/tutorials/moshiach_ben_yossef.php | wayback=20060828104515 | text=Rabbi Jacob Immanuel Schochet: Moshiach Ben Yossef}} (über die doppelte Messiastradition in rabbinischen Schriften, englisch)--><br />
* [http://www.kreuzer-siegfried.de/texte-zum-at/messias.pdf Siegfried Kreuzer: ''Messianismus/Messias''] (PDF; 2004; 74&nbsp;kB)<br />
* [http://www.judentum-projekt.de/religion/religioesegrundlagen/messias/index.html Messiaserwartung – Die messianische Erwartung im Judentum]<br />
* [http://www.synagoge-karlsruhe.de/library/howto/wizard_cdo/aid/1339137/jewish/Einfhrung.htm Der Messias im Judentum]<br />
* {{WiBiLex|27061|Messias (AT) |Autoren=Ernst-Joachim Waschke}}<br />
* Sebastian Hollstein: [https://www.spektrum.de/news/heilande-es-kann-nicht-nur-einen-geben/1556110 Heilande – es kann nicht nur einen geben], spektrum.de, 30. März 2018<br />
<br />
;Christentum:<br />
* [https://bibellexikon.com/themen_messiaserwartung_judentum_versus_christentum.php Messiaserwartung - Judentum vs. Christentum]<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/artikel/artikel/unser-christusglaube-und-die-juedische-messiashoffnung.html Hans Hermann Henrix: ''„Bist du der Kommende, oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mt 11,2). Unser Christusglaube und die jüdische Messiashoffnung'']<br />
* [https://www.jcrelations.net/de/statements/statement/wir-und-die-juden-israel-und-die-kirche.html Moderamen des Reformierten Bundes: ''Wir und die Juden – Israel und die Kirche. Leitsätze in der Begegnung von Juden und Christen''] (12. Mai 1990)<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.lomdim.de/md2006/03/01.html |text=Klaus-Peter Lehmann: ''Die neue Strategie des Messias nach dem Neuen Testament: Errettung Israels von seinen Feinden durch Versöhnung der Völker im Leib Christi'' |wayback=20071209222507}}<br />
* {{WiBiLex |Referenz=51997 |Titel=Messias / Christus |Autoren=Dieter Zeller}}<br />
<br />
== Einzelbelege ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4038832-3|LCCN=sh85083988}}<br />
<br />
[[Kategorie:Biblisches Thema]]<br />
[[Kategorie:Jüdische Theologie]]<br />
[[Kategorie:Christliche Theologie]]<br />
[[Kategorie:Islamische Theologie]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=%CA%BF%C4%AAs%C4%81_ibn_Maryam&diff=264610360ʿĪsā ibn Maryam2026-02-23T01:20:37Z<p>Procopius: /* Jesus im Koran */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Mariam and Isa.jpg|mini|hochkant|Maryam und ʿĪsā, Maria mit dem Jesuskind in der Wüste unter einer Dattelpalme. [[Persische Miniaturmalerei|Persische Miniatur]] im Stil von [[Qazvin]], um 1595. Sādiq Beg (1533–1610) zugeschrieben]]<br />
'''ʿĪsā ibn Maryam''' ({{arS|عيسى بن مريم&lrm;|d=ʿĪsā ibn Maryam|b=Jesus, Sohn Marias}}, auch ''ʿĪsā bin Maryam'') ist eine im [[Koran]] erwähnte Person, die mit [[Jesus von Nazaret]] identifiziert wird, und als Prophet und als unmittelbares Wort Gottes angesehen wird.<ref>Vgl. Sure 3:45-46: »Wie da die Engel sprachen: O Maria! Gott / Verheißet dir ein Wort von sich, / Sein Nam’ ist der Messias, Jesus, Sohn Marias, / Geehrt in dieser Welt und in der andern, / Und von den Nahgestellten. / Der redet zu den Menschen in der Wieg’ und als Erwachsner, / Und ist der Guten einer.« (Übersetzung: [[Friedrich Rückert#Werke (Auswahl)|Friedrich Rückert]], ''Der Koran'', hrsg. v. Hartmut Bobzin, Würzburg 2000), sowie Johannes 1,1.14: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. / Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.« (Übersetzung: [[Martin Luther]], ''Die Bibel'', Wien 1981).</ref><br />
<br />
Die Darstellung Jesu im [[Islam|islamischen]] Schrifttum zeigt Gemeinsamkeiten, aber auch bestimmte Unterschiede zu [[Neues Testament|neutestamentlichen]] Darstellungen und Beschreibungen [[Jesus Christus|Jesu Christi]]: Jesus wird im islamischen Schrifttum als {{ar|رسول&lrm;|d=[[Rasul|rasūl]]|b=Gesandter}}, ein [[Propheten des Islam|Prophet]] (der letzte von 24 Vorgängern [[Mohammed]]s; {{arS|w=nabī|1=نبي&lrm;|b=Prophet}}), [[Wort Gottes]] und {{ar|مسيح&lrm;|d=masīḥ|b=[[Gesalbter]]}}<ref>Grundform: {{arS|مَسَحَ||d=masaḥa|b=mit der Hand streichen; reinigen; salben}}; vgl. H. Wehr: ''Arabisches Wörterbuch'', Wiesbaden 1968, S. 808 f.</ref>, nicht aber als [[Sohn Gottes]] bezeichnet.<ref>Vgl. [[Arianismus|Theologie des Arianismus]].</ref><br />
<br />
== Namensform ==<br />
Der Koran verwendet ''ʿĪsā'' ({{ar|عيسی&lrm;}}) anstelle der Standard-aramäischen [[Jeschua]]-Form, die für andere [[Rabbi (Gelehrter)|Rabbanim]] verwendet wurde. Es wird angenommen, dass [[Mohammed]] diese Form nicht bekannt war. [[Arabische Christen]] verwenden ''Yasūʿ'' ({{ar|يسوع&lrm;}}).<br />
<br />
Die arabische Namensform ''ʿĪsā'' trägt den spezifischen semitischen [[Konsonant]]en [[ʿAin]] oder [[Ajin]], der mit '''ʿ''' [[Transliteration#Beispiele zur Transliteration und Transkription|transliteriert]] wird, am Anfang des Wortes, die [[Aramäische Sprachen |aramäisch]]-[[Hebräische Sprache|hebräische]] Form ''Yešūʿ'' hingegen am Ende. Dies ist das Ergebnis der Geschichte des Namens, die über Mittelgriechisch ''isus'' (ιησους) und Aramäisch (Syrisch) ''isôʿ'' (ܝܫܘܥ) führt. Eine andere mögliche Quelle ist die von Juden als Beleidigung intendierte Form ''Yešū'',<ref>Dazu siehe: Jane Dammen McAuliffe (Hrsg.): ''Encyclopaedia of the Qurʼān''. Georgetown University, Washington DC; Brill Academic 2003. Bd. 3 (s. n. ʿIsā): „Muhammad learned this name from them not realizing that it was an insult (see JEWS AND JUDAISM; POLEMIC AND POLEMICAL language).&nbsp;[…] the final ʿayin would have been retained in Aramaic sources which mention him. In the Talmud, however, he is called Yeshu.“</ref> die allerdings kein Ajin am Anfang enthält.<br />
<br />
== Jesus im Koran ==<br />
Im Koran ist Jesus Sohn der Maria, wie der arabische Name ʿĪsā ibn Maryam schon besagt:<br />
{{Zitat|Text=Und wir haben Jesus, dem Sohn der Maria, die klaren Beweise gegeben und ihn mit dem heiligen Geist gestärkt.|Autor=[[Sure 2]], Vers 87|Quelle=[[Koranübersetzung|Übersetzung]]: [[Rudi Paret]]}}<br />
<br />
Er ist das Ergebnis eines schöpferischen Aktes Gottes, entstanden durch das Wort „sei!“ ([[Sure 3]],47). Darin „ist er vor Gott gleich wie [[Adam und Eva|Adam]]“ (Sure 3,59). Die Geburt Jesu ohne einen biologischen Vater, seine [[jungfräuliche Geburt]], ist auch aus islamischer Sicht ein Wunder. Maria wurde durch Gottes Macht schwanger. Der [[Heiliger Geist|Heilige Geist]] (der im [[Koran]] oft als [[Gibril|Erzengel Gabriel]] erscheint) brachte Maria diese Botschaft:<br />
{{Zitat|Text=17. Da nahm sie sich einen Vorhang (oder: eine Scheidewand) (um sich) vor ihnen (zu verbergen). Und wir sandten unseren Geist zu ihr. Der stellte sich ihr dar als ein wohlgestalteter (w. ebenmäßiger) Mensch. 18 Sie sagte: ‚Ich suche beim Erbarmer Zuflucht vor dir. (Weiche von mir) wenn du gottesfürchtig bist!‘ 19 Er sagte: ‚(Du brauchst keine Angst vor mir zu haben.) Ich bin doch der Gesandte deines Herrn. (Ich bin von ihm zu dir geschickt) um dir einen lauteren Jungen zu schenken.‘ 20 Sie sagte: ‚Wie sollte ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mann (w. Mensch) berührt hat und ich keine Hure bin?‘ (oder: … berührt hat? Ich bin (doch) keine Hure!) 21 Er sagte: ‚So (ist es, wie dir verkündet wurde). Dein Herr sagt: (oder: So hat dein Herr (es an)gesagt.) Es fällt mir leicht (dies zu bewerkstelligen). Und (wir schenken ihn dir) damit wir ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen, und weil wir (den Menschen) Barmherzigkeit erweisen wollen (w. aus Barmherzigkeit von uns). Es ist eine beschlossene Sache.‘|Autor=[[Sure 19]], Vers 17–21|Quelle=Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Jesus ist der Gesandte Gottes (''rasūlu ʾllāh'': [[Sure 4]],157) und ein Prophet (''nabī'': Sure 19,30). Er hat eine eigene Schrift empfangen ([[Sure 5]],46), das Evangelium ([[Indschil]]) (Sure 57,27). Er konnte bereits in der Wiege sprechen (Sure 3,46) und Vögeln aus Ton Leben einhauchen, Blinde und Aussätzige heilen und Tote erwecken (Sure 5,110). Jesus ist das „Wort der Wahrheit“ (''qaul al-haqq'', Sure 19,34). Gott stärkte Jesus mit dem „heiligen Geist“ (''ar-rūḥ al-qudus'') und lehrte ihn die „Schrift, die Weisheit, die Thora und das [[Evangelium (Glaube)|Evangelium]]“ (Sure 5,110).<br />
<br />
Jesus ist der [[Messias]] bzw. Christus (Sure 4,172) und:<br />
{{Zitat|(Damals) als die Engel sagten: ‚Maria! Gott verkündet dir ein Wort von sich, dessen Name Jesus Christus, der Sohn der Maria, ist!‘|Sure 4, Vers 171|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Jesus ist Gottes Geist:<br />
{{Zitat|Christus Jesus, Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat und Geist von ihm (rūḥ min-hu).|Sure 4,171.|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Jesus ist aber nicht der „[[Sohn Gottes]]“:<br />
{{Zitat|Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes […] Gott ist nur ein einziger Gott. […] (Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben.|Sure 4, Vers 171|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Im Koran wird jedwede Göttlichkeit Jesu abgelehnt, dies erklärt auch den Umstand, dass der Wortlaut „Geist von Ihm“ (rūḥ min-hu) nicht ausschließlich auf Jesus begrenzt ist. In Sure 15,29 spricht Gott über Adams Entstehung und beschreibt diesen Prozess u.&nbsp;a. mit den Worten: „Und wenn ich ihn dann geformt und Geist von mir (min rūḥī) eingeblasen habe“ (Übersetzung Paret). Ferner wird in Sure 32,9, in der es um die Kreation des menschlichen Embryos geht, selbiges verwendet: „Und ihn hierauf (zu menschlicher Gestalt) geformt und ihm Geist von sich (min rūḥihi) eingeblasen hat […]“ (Übersetzung Paret). Da laut dem Koran jedes menschliche Wesen einen Teil von Gottes Geist (rūḥ) bekommt, ist obiger Zustand die Norm. Zum biblischen Hintergrund des eingehauchten Geistes siehe: [[Ruach]].<br />
<br />
Außerdem wird Jesus als „einer von denen, die (Gott) nahestehen“ (min al-muqarribīn), der „im Diesseits und Jenseits angesehen sein“ wird, beschrieben (Sure 3,45). Die [[Koranexegese]] versteht ihn somit als Propheten in dieser und als Fürsprecher in der anderen Welt.<ref name="afw216">A. J. Wensinck, J. H. Kramers: ''Handwörterbuch des Islam.'' Brill, Leiden 1941, S. 216.</ref><br />
<br />
Man versteht ihn auch als „gesegnet“ (mubārak): „Und er hat gemacht, dass mir, wo immer ich bin (die Gabe des) [[Segen]](s) verliehen ist“ (Sure 19,31), dessen Sendung ein Zeichen ([[Āya]]) und eine Barmherzigkeit (raḥma) ist, „damit wir ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen, und weil wir (den Menschen) Barmherzigkeit erweisen wollen“ (Sure 19,21).<br />
<br />
Jesus ist im Besitze von klaren Beweisen (bayyināt) und der Weisheit (ḥikma): „Und als Jesus mit den klaren Beweisen (zu den zeitgenössischen Kindern Israels) kam, sagte er: ‚Ich bin mit der Weisheit zu euch gekommen‘“ (Sure 43,63).<ref name="afw216" /><br />
<br />
== Die Kreuzigung Jesu in der islamischen Tradition ==<br />
Im Koran wird Jesu Scheiden aus dem irdischen Leben mehrfach erwähnt. So wird von Jesu „Abberufung“ berichtet:<br />
{{Zitat|Gott sagte: ‚Jesus! Ich werde dich [nunmehr] abberufen ''(innī mutawaffīka)'' und zu mir [in den Himmel] erheben und rein machen‘|Sure 3, Vers 55|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Ähnlich lässt der Koran Jesus sprechen, dass er gestorben ist:<br />
{{Zitat|Nachdem du mich abberufen hattest …|Sure 5, 117|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
=== Doketismustheorie ===<br />
Nach der Doketismustheorie wird Jesus nur ''zum Schein'' gekreuzigt. Seine Schmerzen und seine Leiden sind nur eine Illusion für die Beobachter.<ref>Andreas Maurer ''Basiswissen Islam: Wie Christen und Muslime ins Gespräch kommen'' SCM Hänssler im SCM-Verlag 2010, ISBN 978-3-7751-7012-3 Abschnitt 2.3.4</ref> Jesus selbst wird stattdessen zu Gott erhoben. Hier finden sich Parallelen zu ([[Gnosis|gnostizistischen]]) christlich-[[Doketismus|doketischen]] Vorstellungen, in denen das ''eigentliche (göttliche) Wesen'' nicht getötet werden kann, wenn auch der Körper vernichtet wird.<ref>Sören Rekel ''Jesus Christus - Die Manifestation Gottes: Das Jesusbild der Bahá'í-Religion'' Sören Rekel ISBN 978-3-7323-3001-0 Abschnitt 11</ref><br />
<br />
=== Substitutionstheorie ===<br />
Die Substitutionstheorie lehnt die Vorstellung einer [[Kreuzigung]] Jesu ab und geht davon aus, dass statt seiner eine andere, ihm optisch ähnliche Person gekreuzigt worden ist:<br />
{{Zitat|Und [weil sie] sagten: ‚Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes getötet.‘&nbsp;– Aber sie haben ihn [in Wirklichkeit] nicht getötet und [auch] nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen [ein anderer] ähnlich, [so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten]. Und diejenigen, die über ihn (oder: darüber) uneins sind, sind im Zweifel über ihn (oder: darüber). Sie haben kein Wissen über ihn (oder: darüber), gehen vielmehr Vermutungen nach. Und sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet (d.h. sie können nicht mit Gewissheit sagen, daß sie ihn getötet haben). // Nein, Gott hat ihn zu sich [in den Himmel] erhoben.|Sure 4, Vers 157–158|Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Die entscheidende Stelle im obigen Koranvers ist der Passus: „Vielmehr erschien ihnen [ein anderer] ähnlich, [so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten]“&nbsp;– im Originaltext: ''wa-lākin šubbiha lahum''. Das Verb bedeutet allgemein „ähnlich machen“ oder „als ähnlich ansehen“,<ref>R. Dozy: ''Supplément aux dictionnaires arabes''. (3. Aufl.), Brill, Leiden; G.P.Maisonneuve et Larose, Paris 1967. Bd. 1. S. 725a, Zeile 1–3: šabbahtu-ka li-fulān: ''prendre'' quelqu'un ''pour'' un autre</ref> das daraus abgeleitete Substantiv ''(tašbīh)'' heißt dann „Verähnlichung“ oder „Verwechslung“.<ref>Heribert Busse (2001), S. 161–162</ref> Diese Grundbedeutungen spielen auch in der Exegese des Verses eine zentrale Rolle. Der Koranexeget [[Ibn 'Atiya]] (†&nbsp;1151 oder 1152) aus [[Córdoba (Spanien)|Córdoba]] führt hierzu aus:<br />
{{Zitat|Über das Wie des Tötens und der Kreuzigung sowie über diejenigen, auf den die Ähnlichkeit [Jesu] geworfen wurde, gibt es viele verschiedene Meinungen, und es gibt nichts vom Gesandten Gottes, was feststeht.|Ibn 'Atiya|nach Heribert Busse|ref=<ref name="hp162">Heribert Busse (2001), S. 162</ref>}}<br />
<br />
In der Tat verzeichnen die [[Al-Kutub as-sitta|Traditionssammlungen]] keinen Prophetenspruch, in dem die fragliche Koranstelle erläutert wäre.<ref name="hp162" /> [[at-Tabari]], der in seinem Korankommentar die Auslegung dieser Koranstelle: („Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich“) auf 5 Seiten darstellt, zitiert ebenfalls keinen Prophetenspruch, sondern referiert lediglich die ältesten Koranexegeten, unter ihnen [[Mudschāhid ibn Dschabr]] († 722) und andere aus dem späten 7. und frühen 8. Jahrhundert.<br />
<br />
Die Koranexegeten waren bestrebt, die Koranstelle (Sure 3, Vers 55) und das dort erhaltene Gotteswort „mutawaffī-ka wa-rāfiʿu-ka“&nbsp;– „ich werde dich [nunmehr] abberufen und zu mir [in den Himmel] erheben“ genau zu deuten. Der Koranexeget und Theologe [[Muqātil ibn Sulaimān]] († 767 in [[Basra]])<ref>Fuat Sezgin (1967), S. 36–37</ref> bestätigt zwar, dass das entsprechende Verb zu „mutawaffī-ka“ ''(tawaffā)'' „den Tod durch Gott bewirken“ bedeutet, dies im Fall Jesu jedoch erst nach dessen Rückkehr eintreten wird. Für Muqātil liegt hier ein [[Zirkelschluss|hysteron proteron]] (arabisch ''taqdīm al-muʾaḫḫar'') vor, denn es heißt an der Stelle: „ich werde dich aus dieser Welt zu mir erheben und dich abberufen, nachdem du vom Himmel zur Zeit des [[Daddschāl]] herabgestiegen bist.“ aṭ-Ṭabarī und [[Ibn Kathir]] stellen mehrere exegetische Traditionen zusammen, in denen ebenfalls nicht vom Tod, sondern nur von einem Schlaf Jesu die Rede ist. Denn spätestens seit [[al-Hasan al-Basri]] ließ man selbst den Propheten zu den Juden sprechen: „ʿĪsā ist nicht gestorben, er wird [vielmehr] vor dem Tag der [[Auferstehung]] zu euch zurückkehren“.<ref>Gabriel Said Reynolds (2009), S. 245 und 247 mit Quellenangaben.</ref><br />
<br />
Außerhalb der [[Koranexegese]] beschäftigt sich auch eine weitere literarische Gattung des islamischen Schrifttums mit der koranischen Kreuzigungsgeschichte: die Prophetenlegenden ''(qiṣaṣ al-anbiyāʾ)''. Ihr ältester Vertreter [[Wahb ibn Munabbih]] († gegen 728–732)<ref>Fuat Sezgin: ''Geschichte des arabischen Schrifttums'', Bd. 1, Brill, Leiden 1967, S. 305–307.</ref> berichtet im Korankommentar von at-Tabari, Jesus habe unter seinen Jüngern jemanden gesucht, der für ihn sterben würde. Als ein Freiwilliger, dessen Name im Bericht unerwähnt bleibt, hervortrat, ergriffen ihn die Juden.<br />
<br />
{{Zitat|Gott hatte ihn ja in die Gestalt Jesu verwandelt. Sie ergriffen ihn und töteten und kreuzigten ihn. So wurde bewirkt, daß sie [ihn für Jesus] hielten ''(fa-min ṯamma šubbiha lahum)'' und glaubten, sie hätten Jesus getötet. Genauso glaubten die Christen, es sei Jesus. Und Gott hob Jesus am gleichen Tag empor.|Wahb ibn Munabbih|at-Tabari|ref=<ref>Heribert Busse (2001), S. 172; J. Henninger (1975), S. 272</ref>}}<br />
<br />
Wahb ibn Munabbih, der als Kenner der Schriften der Juden und Christen im islamischen Schrifttum bekannt war<ref>R.G. Khoury: ''Wahb b. Munabbih''. 1. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid. Arab 23, Leben und Werk des Dichters. (Einleitung. Wiesbaden 1972). Über seine Geschichte Davids und über die Prophetenbiographie, siehe ders.: ''Die Bedeutung der arabischen literarischen Papyri von Heidelberg für die Erforschung der klassischen Sprache und Kulturgeschichte im Frühislam.'' In: ''Heidelberger Jahrbücher'' 19 (1975), S. 24ff.</ref>, schildert in einer Überlieferungsvariante bei at-Tabari die [[Passion Jesu|Passionsgeschichte]] ausführlich und schließt seinen Bericht mit den Worten ab: „Bis sie (die Juden) ihn zu dem Holz brachten, an dem sie ihn kreuzigen wollten. Da hob Gott ihn zu sich empor, und sie kreuzigten, was ihnen [Jesus ähnlich gemacht] wurde“.<ref>Heribert Busse (2001), S. 167 mit weiteren Quellenangaben zur Übersetzung.</ref><br />
<br />
Die Kreuzigung wurde somit durch eine Veränderung verhütet, die einen anderen Jesus ''ähnlich'' gestaltete. Dabei wird aber die [[Christi Himmelfahrt|Himmelfahrt Jesu]] offenbar in einem irdischen und nicht in einem verklärten Leib angenommen.<ref>A. J. Wensinck und J. H. Kramers: ''Handwörterbuch des Islam''. Brill, Leiden 1941, S. 216.</ref><br />
<br />
Dieser alte Bericht wird in der koranexegetischen Literatur mehrfach und mit einigen Varianten überliefert. In der späteren Koranexegese, die stets auf die Berichte von Wahb ibn Munabbih zurückgreift, identifiziert man den bis dahin unbekannten Gekreuzigten mit [[Judas Iskariot]]: „Gott warf die Ähnlichkeit Jesu auf denjenigen, der sie zu Jesus geführt hatte&nbsp;– er hieß Judas&nbsp;– und sie kreuzigten ihn an seiner Statt, wobei sie glaubten, es sei Jesus.“<ref>Heribert Busse (2001), S. 168; Gabriel Said Reynolds (2009), S. 241.</ref> Diese Version wird auch im sogenannten [[Barnabasevangelium]] aufgegriffen.<br />
<br />
Erwähnenswert ist bei der islamischen Schilderung der Kreuzigungsgeschichte, dass die Exegese nicht vom ''Kreuz'' ''(ṣalīb)'' spricht, sondern vom „Holz“, oder „Baum“. In der alten, auf Wahb ibn Munabbih zurückgeführten Prophetenlegende spricht man vom „Holz“ ''(ḫašaba)''; bei späteren Exegeten ist von einem „erhöhten Holz“ oder von einem „erhöhten Ort“ die Rede. Diese Vorstellung hat in der arabischen Tradition ihren Ursprung: Einem Bericht von [[Ibn Ishaq]] zufolge<ref>A. Guillaume: ''The Life of Muhammad. A translation of Ibn Ishaq's Sirat Rasul Allah''. Oxford 1970, S. 426–433.</ref> kreuzigten die Mekkaner einen Medinenser, indem sie ihn auf ein „Holz erhoben“, fesselten und mit Lanzenwürfen töteten.<ref>Heribert Busse (2001), S. 172.</ref> Ähnliche Motive finden sich auch in der arabischen Poesie.<ref>Manfred Ullmann: ''Das Motiv der Kreuzigung in der arabischen Poesie des Mittelalters.'' Wiesbaden 1995. S. 115ff.</ref><br />
<br />
Zwar waren die [[Evangelien]] bereits im späten 8. Jahrhundert in arabischen Übersetzungen bekannt,<ref>Sidney H. Griffith: ''The Gospel in Arabic: An Inquiry into its appearance in the first Abbasid century''. In: ''Oriens Christianus'' 69 (1985), 126–167.</ref> doch ist die Argumentation gegen die Kreuzigungsgeschichte mit Hinweis auf die im Koran mehrfach erwähnte Schriftfälschung ''([[tahrif]])'' durch die Christen im islamischen Schrifttum relativ spät zu beobachten. [[Fachr ad-Din ar-Razi]] († 1209 in [[Herat]]) argumentiert in seinem Korankommentar zur Textfälschung mit der Bemerkung: „Die Überlieferung ''(tawātur)'' der Christen geht auf wenige Leute zurück, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie sich zur Lüge verabredet hatten.“ Etwa hundert Jahre später behandelt [[Ibn Taimiya]] (†&nbsp;26.&nbsp;September 1328 in [[Damaskus]]) Sure 4, Vers 157 in seinem Buch ''Die richtige Antwort auf diejenigen, die die Religion Christi abgeändert haben'' unter der Überschrift: „Verfälschungen ''(taḥrīfāt)'' in der [[Thora]] und im Evangelium“ und weist dort den Tod Jesu am Kreuz zurück.<ref>Heribert Busse (2001), S. 184.</ref><br />
<br />
== Jesus im außerkoranischen Schrifttum ==<br />
Nach Darstellung in der Prophetenbiographie von [[Ibn Ishaq]] trifft Mohammed bei seiner Himmelsreise Jesus im zweiten Himmel: „Sodann brachte er mich hinauf in den zweiten Himmel, und siehe, da waren die beiden Vettern Jesus, der Sohn der [[Maria (Mutter Jesu)|Maria]] und [[Johannes der Täufer|Johannes]], der Sohn des [[Zacharias (Vater des Johannes)|Zacharias]].“<ref>Ibn Ishaq: ''Das Leben des Propheten''. Kandern 2004, S.&nbsp;87</ref> Die [[Hadith|Traditionsliteratur]] hat es mehr als die [[Sira (Islam)|Sira]] verstanden, [[Die Nachtreise des Propheten Mohammed|Mohammeds Himmelfahrt]] mit weiteren Einzelheiten auszustatten. [[al-Buchari]] überliefert in seiner Hadithsammlung (siehe:[[al-Kutub as-sitta]]) diese Begegnung wie folgt: „Da sagte man: ‚Er sei willkommen, und wohl seiner Ankunft!‘ Da machte er auf, und als ich eintrat, waren Johannes und Jesus, die beiden Vettern, da und (Gabriel) sagte: ‚Das sind Johannes und Jesus, grüße sie.‘ Da grüßte ich sie, und sie erwiderten den Gruß und sagten darauf: ‚Willkommen sei der rechtschaffene Bruder und der rechtschaffene Prophet.‘“<ref>Joseph Schacht: ''Der Islam mit Ausschluss des Qorʾāns'' (= [[Religionsgeschichtliches Lesebuch]], 16). Mohr, Tübingen, 2. Auflage, 1931, {{DNB|575954175}}, S.&nbsp;5</ref><br />
<br />
Im außenkoranischen Schrifttum wird die [[Parusie|Wiederkehr Jesu]]&nbsp;– im Allgemeinen nuzūl al-Masīḥ: „Herabsteigen Christi“ genannt&nbsp;– mehrfach und mit legendenhaften Elementen ausgestattet dargestellt. Den Ausgangspunkt dieser Schilderungen bieten der Koran und die Auslegung des Koranverses, der unmittelbar nach dem oben genannten „Kreuzigungsvers“ steht:<br />
{{Zitat|Text=Und es gibt keinen von den Leuten der Schrift, die nicht (noch) vor seinem (d.&nbsp;h. Jesu) Tod (der erst am Ende aller Tage eintreten wird) an ihn glauben würde. Und am Tag der Auferstehung wird er über sie Zeuge sein.|Autor= Sure 4, Vers 159|Quelle= Übersetzung: Rudi Paret}}<br />
<br />
Da Jesus nach islamischer Vorstellung nicht am Kreuz gestorben ist, sondern Gott ihn lebend zu sich erhoben hat, versteht die Exegese seine Wiederkehr am Tag der [[Auferstehung Jesu Christi|Auferstehung]] in Menschengestalt, mit einer Lanze in der Hand, mit der er den Antichrist ([[Daddschāl]]) töten wird. Die [[Eschatologie|eschatologische]] Literatur liefert hierzu mehr Einzelheiten als die Koranexegese; Jesus tötet alle Christen und Juden, die an ihn nicht glauben, zerstört die Kirchen und Synagogen, tötet die Schweine und zerstört das Kreuz&nbsp;– hier das arabische Wort für Kreuz: ṣalīb und nicht Brett, Holz (ḫašaba) genannt&nbsp;– das Symbol des Christentums. Mit dem Erscheinen Jesu rechnet man, je nach Überlieferung, entweder am Osttor von [[Damaskus]], oder im [[Heiliges Land|Heiligen Land]].<ref>''The Encyclopaedia of Islam.'' New Edition, Bd. 4, S. 89–90</ref> Einigen Überlieferungen zufolge tötet Jesus den Daddschal an den Toren von [[Lod|Ludd/Lydda]]. Andere Traditionen berichten, dass Jesus den Daddschal an der Kirche des heiligen [[Georg (Heiliger)|Georg]] von Ludd töten wird. Diese Berichte der [[Islamische Eschatologie|islamischen Eschatologie]] und Prophetenlegenden gehen auf jüdische Traditionen zurück.<ref>''The Encyclopaedia of Islam.'' New Edition. Bd. 5, S. 798</ref> Diese Traditionen, die überwiegend auf Mohammed zurückgeführt werden, erscheinen in den eigens dafür angelegten Kapiteln der [[Al-Kutub as-sitta|Hadithsammlungen]] unter dem Titel ''Kitab al-fitan'' (Das Buch der Versuchungen), ''Kitab al-fitan wal-malahim'' (Das Buch der Versuchungen und Gemetzel). Das bekannteste und umfangreichste Werk, das der Eschatologie und den [[Millenarismus|chiliastischen Erwartungen]] der Muslime gewidmet ist, verfasste der [[Ashab al-hadith|Traditionarier]] [[Nu'aim ibn Hammad]], der als Gefangener während der [[Mihna]] im Jahre 844 starb.<ref>Fuat Sezgin: ''Geschichte des arabischen Schrifttums.''Brill, Leiden 1967, Bd. 1, S. 104–105; ''The Encyclopaedia of Islam.'' New Edition, Bd. 8, S. 87</ref> Einige Kapitel in seiner Sammlung stellen die Wiederkehr Jesu am [[Jüngstes Gericht|Jüngsten Tag]] in Form von angeblichen Prophetensprüchen dar. Das frühe Interesse für diese Thematik ist in der Hadithliteratur bereits in der Mitte des 8. Jahrhunderts schriftlich dokumentiert. Auf den ägyptischen Traditionarier [[Abd Allah ibn Lahi'a]] († 790) geht die Heidelberger Papyrusrolle zurück, in der eschatologische Überlieferungen erhalten sind.<ref>Raif Georges Khoury: ''ʿAbd Allāh ibn Lahīʿa (97–174/715–790): juge et grand maître de l'école égyptienne''. Codices Arabici Antiqui. Bd. IV. Wiesbaden 1985</ref><br />
<br />
Den Überlieferungen zufolge soll der Aufenthalt Jesu auf Erden vierzig Jahre dauern; nach seinem natürlichen Tod, so die islamische Tradition, wird er in [[Medina]] neben [[Prophetenmoschee|Mohammeds Grab]], zwischen den Gräbern von [[Abu Bakr]] und [[Umar ibn al-Chattab]] von Muslimen beigesetzt.<ref>''The Encyclopaedia of Islam.'' New Edition. Bd. 4, S. 90</ref><br />
<br />
== Jesus in der Ahmadiyya-Theologie ==<br />
Gemäß dem [[Ahmadiyya]]-Gründer [[Mirza Ghulam Ahmad]] († 1908) wird Jesus mit der Figur des [[Yuz Asaf]] identifiziert. Er soll nach der Kreuzigung, die er überlebte, sich auf die Suche nach den „[[Verlorene Stämme Israels|verlorenen Schafen des Hauses Israel]]“ begeben haben und bis nach [[Kaschmir]] ausgewandert sein. In Kaschmir soll er die zehn verlorenen Stämme zum wahren Glauben zurückgeführt haben. Jesus sei dann in [[Srinagar]] eines natürlichen Todes gestorben; sein angebliches Grab im [[Roza Bal]] wird dort gezeigt und noch heute verehrt.<ref>[[Mirza Ghulam Ahmad]]: ''Jesus in Indien. Eine Darstellung von Jesu Entrinnen vom Tode am Kreuz und seine Reise nach Indien''; Verlag Der Islam, Frankfurt am Main 2005; ISBN 978-3-921458-39-6</ref><br />
<br />
== Mystik ==<br />
In Teilen des [[Sufismus]] gilt Jesus als „Prophet der Liebe“ und als „Siegel der allgemeinen Heiligkeit“ (''ammah'').<ref>Stephen Hirtenstein: ''Der grenzenlos Barmherzige: das spirituelle Leben und Denken des Ibn Arabi''. Chalice Verlag, Zürich, 2008, ISBN 978-3-905272-79-6, S. 212.</ref> Er spiegle als vollkommener Mensch (''insan-i kamil'') die Eigenschaften Gottes wider und gilt als Vorbild für [[Askese|Asketen]]. Für einige Sufis steht die Kreuzigung Jesu im Zusammenhang mit dem „sterben, bevor man stirbt“ ([[Fana (Sufismus)|Fana]]). Er habe die Einheit mit Gott erreicht, nach der Sufis streben, als er wieder auferstanden sei. Dabei gibt es Parallelen zur [[Trinität]] des [[Christentum]]s, die innerhalb des Sufismus aber nur in Form der Vergöttlichung des Menschen, nicht aber in der [[Menschwerdung Gottes]], bestehen.<ref>Navid Kermani: ''Ungläubiges Staunen: Über das Christentum''. C.H.Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-69310-6, Abschnitt 9.</ref><br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Jesus außerhalb des Christentums#Islam|Jesus außerhalb des Christentums]]<br />
* [[Bibel#Bibel im Islam|Die Bibel im Islam]]<br />
<br />
== Filme ==<br />
Gérard Mordillat, Jérôme Prieur: ''Jesus und der Islam.'' Siebenteilige Fernsehdokumentation (Arte, Frankreich 2013).<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Martin Bauschke: ''Der Sohn Marias: Jesus im Koran.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-650-25190-9.<br />
* [[Heribert Busse]]: ''Jesu Errettung vom Kreuz in der islamischen Koranexegese von Sure 4:157.'' In: ''Oriens'' 36, 2001, S. 160–195.<br />
* Heribert Busse: ''Der Tod Jesu in der Darstellung des Korans und die islamische Koranexegese.'' In: ''Studia Orientalia Christiana'' 31, 1998, S. 36–76.<br />
* Todd Lawson: ''The Crucifixion and the Qur'an: A Study in the History of Muslim Thought.'' Oneworld Publications Oxford 2009<br />
* [[Joseph Henninger]]: ''Mariä Himmelfahrt im Koran.'' In: [[Rudi Paret]] (Hrsg.): ''Der Koran.'' Darmstadt 1975, S. 269–277, speziell 272–273 (= ''[[Wege der Forschung]]'', Band 326).<br />
* [[Annemarie Schimmel]]: ''Jesus und Maria in der islamischen Mystik''. Kösel, München 1996. Neuausgabe: Chalice, Xanten 2018, ISBN 978-3-942914-30-7.<br />
* [[Olaf Herbert Schumann]]: ''Der Christus der Muslime''. Böhlau Verlag Köln, Wien 1988, ISBN 3-412-06386-X.<br />
* Gabriel Said Reynolds: ''The Muslim Jesus: dead or alive?'' In: ''Bulletin of the School of Oriental and African Studies'' 72, 2009, S. 237–258.<br />
* [[Arent Jan Wensinck]], [[Johannes Hendrik Kramers]] (Hrsg.): ''Handwörterbuch des Islam.'' Brill, Leiden 1941, {{DNB|361456530}}, S. 215–217.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* {{Internetquelle |autor=Johannes Schröer |url=https://medien.domradio.de/world/52705241eab9c7bc3a50648774dcea3f/Professor_Klaus_von_Stosch_ueber_Jesus_im_Koran.mp3 |titel=Ein Interview mit Klaus von Stosch: „Der andere Prophet – Jesus im Koran“ |werk=[[Domradio]] |datum=2018-06-17 |format=mp3-Audio; 25,8&nbsp;MB; 28:15&nbsp;Minuten |abruf=2020-09-21 |abruf-verborgen=1}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Navigationsleiste Propheten des Islam}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=1253006210|LCCN=sh85070047|VIAF=529164721383202340005}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Isa ibn Maryam}}<br />
[[Kategorie:Prophet des Islam]]<br />
[[Kategorie:Jesus]]<br />
[[Kategorie:Christlich-islamische Beziehungen]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hiddenseer_Goldschmuck&diff=264607991Hiddenseer Goldschmuck2026-02-22T23:39:19Z<p>Procopius: /* Geschichte der Ausstellungsstücke */</p>
<hr />
<div>Der '''Hiddenseer Goldschmuck''', auch als '''Goldschatz von Hiddensee''' bezeichnet, ist ein aus 16 Teilen bestehendes Sammlungsstück der archäologischen Sammlung des [[Stralsund Museum]]s in der [[Stralsund|Hansestadt Stralsund]]. Der aus [[Gold]] gefertigte [[Schmuck]] wurde nach den Angaben mehrerer Finder zwischen 1872 und 1874 als Strandgut bei [[Neuendorf (Insel Hiddensee)|Neuendorf]] auf der Ostseeinsel [[Hiddensee]] gefunden und gilt als ein herausragendes Beispiel der Goldschmiedekunst der [[Wikinger]].<br />
<br />
== Beschreibung ==<br />
[[Datei:Viking gold jewellery - Hiddensee treasure - VIKING exhibition at the National Museum of Denmark - Photo The National Museum of Denmark (9066249208).jpg|mini|Hiddenseer Goldschmuck]]<br />
[[Datei:Stralsund, Kopie vom Hiddenseer Goldschmuck, by Klugschnacker in Wikipedia (2014-08-20) 3.jpg|mini|hochkant|Kopie der Scheibenfibel (2014)]]<br />
Der erhaltene Teil des Schatzes besteht aus einem 44 Zentimeter langen Halsring, einer [[Scheibenfibel]], vier kleineren und sechs größeren Hängekreuzen und vier Zwischengliedern. Das Goldgewicht beträgt 598,2 Gramm (Goldgehalt zwischen 93 und 97 Prozent).<br />
<br />
Der Halsring besteht aus vier Golddrähten, die miteinander verdrillt sind. Die Enden sind geplättet und punziert. Der Durchmesser des massiven Rings beträgt 12,5 Zentimeter, die Enden sind als Haken-Ösen-Verschluss ausgeführt.<br />
<br />
Die Hängekreuze tragen als Hauptmotiv einen Vogelkopf. Diese Dekore wurden mit [[Model (Form)|Modeln]] aufgepresst. Der Schmuck weist reiche Verzierungen mit [[Filigranarbeit|Filigranen]] und [[Granulation (Goldschmiedekunst)|Granulationen]] auf. Die Anhänger sind mit Filigranflechtband verziert. Die sechs großen Anhänger sind sehr ähnlich ausgeführt. Von den kleineren Anhängern ähneln zwei den größeren Stücken, die anderen beiden sind reich granuliert.<br />
<br />
Die Scheibenfibel ist auf ihrer Schauseite reich mit nordischen Tierornamenten verziert. Ihr Zentrum bildet eine kreuzförmige Zelle. Vier miteinander verschlungene Tiere berühren die Zwickel des Kreuzes mit ihren Schnäbeln. Die Scheibe wird von drei geperlten, filigranen Drähten eingefasst. Die blanke Rückseite weist Reste der Halterung auf.<br />
<br />
Die vier Zwischenglieder sind aus dünnem Goldblech gefertigte und granulierte Hohlkörper. Sie waren wahrscheinlich Abstandhalter zwischen den Hängekreuzen. Da die vorhandenen Stücke nicht passgenau sind, ist davon auszugehen, dass zum Schmuck ursprünglich weitere Teile gehörten.<br />
<br />
Die Kombination aus dem Material und den Schmuckformen weist diesen Schmuck als Besonderheit aus; vergleichbare Stücke wurden nur in [[Haithabu]] und [[York]] gefunden.<br />
<br />
== Geschichte ==<br />
Die Schmuckstücke wurden um 970/980 gefertigt. Den schmalen Halsring trug wahrscheinlich eine Frau oder ein Kind. Die Scheibenfibel lässt als Besitzerin eine reiche Wikingerin vermuten. Nachweise für den ursprünglichen Besitzer gibt es jedoch nicht. Der dänische König [[Harald Blauzahn]] wurde allerdings mit dem Besitz in Verbindung gebracht.<br />
<br />
== Geschichte der Ausstellungsstücke ==<br />
Wahrscheinlich war der Schmuck in einem keramischen Gefäß mit einer acht Zentimeter großen Mündung verborgen, worauf der Zustand eines Halsringes beim Fund hinweist. Er war zu diesem Zeitpunkt doppelt gebogen.<br />
<br />
Der Segelmacher Linsen ließ die Inselbehörden im Juni 1873 wissen, er habe kürzlich am Neuendorfer Strand sieben goldene Schmucksachen gefunden. Diese kaufte [[Rudolf Baier (Museumsleiter)|Rudolf Baier]], Gründer des Provinzial-Museums für Neuvorpommern und Rügen in Stralsund, für 500 Mark für das Stralsunder Museum.<ref>[[Herbert Ewe]]: ''Hiddensee.'' VEB Hinstorff Verlag, Rostock 1983, S. 136.</ref> Ebenfalls im Juni 1873 kaufte der Stralsunder Goldschmied Ahrens von einer Frau, die behauptete, die Teile im November und Dezember 1872 gefunden zu haben, ein kleines Zwischenglied des Schmucks und am 5. August 1873 ein kleines Hängekreuz für zusammen 90 Reichsmark. Nach dem Sturmhochwasser vom 18. Februar 1874 wurden weitere Stücke am Strand gefunden. Der Regierungspräsident [[Ulrich von Behr-Negendank]] schenkte dem Museum ein großes Hängestück, das eine Frau Striesow dem Goldschmied Petschler verkauft hatte.<br />
<br />
Rudolf Baier ging davon aus, dass ein Großteil des Schmucks beim katastrophalen [[Ostseesturmhochwasser 1872|Sturmhochwasser]] am 13. November 1872 am Neuendorfer Strand der Insel [[Hiddensee]] freigespült wurde. Sein Nachfolger [[Otto Gummel]] war dagegen der Meinung, der Schmuck müsse aus dem nahe der Fundstelle gestrandeten Kutter ''Klara Karl'' stammen, da die Stücke keine Beschädigungen aufwiesen; seine Theorie, dass es sich um Diebesgut handele, konnte sich jedoch nicht durchsetzen.<br />
<br />
Rudolf Baier verpflichtete die Fischer von Hiddensee, alle Stücke, die sie fänden, an das Museum abzuliefern. Er zahlte ihnen dafür 4,10 Mark je Gramm. Für fast 2257&nbsp;Mark erwarb das Museum stückweise weitere Teile. Der Goldschmuck hat heute einen Versicherungswert von über 70 Millionen Euro.<br />
<br />
In der ständigen Ausstellung des Museums wurde eine originalgetreue, nach 1990 am [[Römisch-Germanisches Museum|Römisch-Germanischen Museum]] Köln gefertigte Nachbildung gezeigt, das Original war bis 2015 im Archiv des Museums verwahrt und wurde nur zu besonderen Anlässen präsentiert. Im Rahmen einer vom [[Dänisches Nationalmuseum|Dänischen Nationalmuseum]], vom [[British Museum|Britischen Museum]] und dem [[Museum für Vor- und Frühgeschichte (Berlin)|Museum für Vor- und Frühgeschichte]] organisierten Wanderausstellung wurde der Schmuck seit Juni 2013 in [[Kopenhagen]], [[London]] und [[Berlin]] präsentiert.<br />
<br />
Nach einem Umbau der Ausstellungsbereiche ist der Schmuck seit dem 12. Dezember 2015 im Original ausgestellt<ref>[https://www.stralsund-museum.de/Sammlung/Archaeologische_Sammlung/ Archäologische Sammlung] Übersicht auf der Website des Stralsund Museums ''stralsund-museum.de''. Abgerufen am 29. März 2021.</ref>.<br />
<br />
== Rezeption ==<br />
Ein Teil des Hiddenseer Goldschmucks wurde im [[Briefmarken-Jahrgang 1976 der Deutschen Post der DDR]] in der Serie „Archäologische Funde“ geführt.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Claudia Hoffmann: ''Der Goldschmuck von Hiddensee.'' In: ''WELT-KULTUR-ERBE.'' Nr. 01/2009, {{OCLC|265909878}}.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat}}<br />
* Digitale Ausstellung über den Hiddenseer Goldschmuck und den Hoenschatz [https://vikinggold.org „Wikingergold. Schatzpolitik seit 1800“]<br />
* {{LBMV PPN|252499743}}<br />
* [https://www.stralsund-museum.de/Sammlung/Archaeologische_Sammlung/ Der Goldschmuck auf der Website des Museums]<br />
<br />
== Belege ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Museumswesen (Stralsund)]]<br />
[[Kategorie:Schmuckstück]]<br />
[[Kategorie:Archäologischer Goldfund]]<br />
[[Kategorie:Pommersche Geschichte]]<br />
[[Kategorie:Archäologischer Fund (Wikingerzeit)]]<br />
[[Kategorie:Archäologischer Fund (Mecklenburg-Vorpommern)]]<br />
[[Kategorie:Kultur (Insel Hiddensee)]]<br />
[[Kategorie:Ur- und Frühgeschichte (Mecklenburg-Vorpommern)]]<br />
[[Kategorie:Werk (10. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Kunst (Wikingerzeit)]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Lutz_Seiler&diff=264607595Lutz Seiler2026-02-22T23:10:47Z<p>Procopius: /* Leben */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Lutz Seiler 2.jpg|mini|Lutz Seiler stellt auf dem [[Erlanger Poetenfest]] 2014 seinen Roman ''Kruso'' vor]]<br />
<br />
'''Lutz Reinhard Seiler''' (* [[8. Juni]] [[1963]] in [[Gera]]) ist ein [[deutscher Schriftsteller]]. Er trat zunächst vor allem als [[Lyrik]]er hervor. Für seinen Debütroman ''[[Kruso]]'' wurde er 2014 mit dem [[Deutscher Buchpreis|Deutschen Buchpreis]] ausgezeichnet. 2020 erhielt er den [[Preis der Leipziger Buchmesse]] für seinen Roman ''[[Stern 111]]''. 2023 erhielt er den [[Georg-Büchner-Preis]].<br />
<br />
== Leben ==<br />
Lutz Seiler wuchs in [[Ostthüringen]] auf. Sein Heimatdorf [[Culmitzsch]] wurde 1968 für den [[Uranbergbau|Uranerzbergbau]] der [[Wismut (Unternehmen)|SDAG Wismut]] [[Devastierung|devastiert]]. Die Familie zog nach [[Korbußen]], bis ihr eine Neubauwohnung in Gera-[[Langenberg (Gera)|Langenberg]] zugewiesen wurde. Hier besuchte Seiler die [[Polytechnische Oberschule]] „[[Bruno Kühn]]“.<ref name="TLZ">{{Internetquelle |autor=Frank Quilitzsch |url=https://www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Buchpreistraeger-Lutz-Seiler-8222-Wollte-nicht-ueber-Hiddensee-schreiben-822-1074328928 |titel=Buchpreisträger Lutz Seiler: „Wollte nicht über Hiddensee schreiben“ |hrsg=Thüringische Landeszeitung |datum=2015-04-19 |abruf=2018-10-08}}</ref> In Gera schloss er eine [[Berufsausbildung mit Abitur]] als Baufacharbeiter ab und arbeitete als [[Zimmerer|Zimmermann]] und [[Maurer]]. Er absolvierte in [[Merseburg]] den [[Wehrdienst#Deutsche Demokratische Republik|Grundwehrdienst]] in der [[Nationale Volksarmee|Nationalen Volksarmee]] (NVA).<br />
<br />
In dieser Zeit interessierte er sich für Literatur und begann, selbst zu schreiben.<ref>{{Internetquelle |autor=Elmar Krekeler |url=https://www.welt.de/kultur/article1024766/Lutz-Seiler-ist-der-Dichter-der-Toene.html |titel=Lutz Seiler ist der Dichter der Töne |hrsg=Welt Online |datum=2007-07-15 |abruf=2018-10-08}}</ref> Im Sommer 1989 arbeitete Seiler als [[Ferienjob|Saisonkraft]] auf der Insel [[Hiddensee]]; eine Erfahrung, die er später in seinem Roman ''[[Kruso]]'' verarbeitete.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.tagesspiegel.de/kultur/buchpreis-favorit-lutz-seiler-im-interview-hiddensee-war-eine-art-jenseitserfahrung/10795374.html |titel=Buchpreis-Favorit Lutz Seiler im Interview |hrsg=Tagesspiegel |datum=2014-10-06 |abruf=2023-06-12}}</ref> Bis Anfang 1990 studierte er [[Geschichtswissenschaft|Geschichte]] und [[Germanistik]] (u.&nbsp;a bei [[Rüdiger Bernhardt]], Rüdiger Ziemann<ref>{{Literatur |Titel=„Nur der Zweifel macht dich besser“: Lutz Seiler zu seiner Gastprofessur an der Freien Universität |Sammelwerk=Der Tagesspiegel Online |ISSN=1865-2263 |Online=https://www.tagesspiegel.de/nur-der-zweifel-macht-dich-besser-lutz-seiler-im-gesprach-zu-seiner-gastprofessur-an-der-freien-universitat-berlin-10581628.html |Abruf=2023-11-21}}</ref> und [[Hans-Georg Werner]]) an der [[Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg|Martin-Luther-Universität]] in [[Halle (Saale)|Halle]]. Nach dem [[Fall der Mauer]] ging Seiler 1990 nach [[Berlin]], wo er einige Jahre als [[Kellner]] arbeitete. Von 1993 bis 1998 war er Mitherausgeber der von ihm mit begründeten [[Literaturzeitschrift]] ''[[moosbrand]]''.<ref>Lutz Seiler, ''Die Moosbrand-Geschichte''. In: ''[[Sinn und Form]]'' 2/2023, S. 149–162</ref> 1997 übernahm er die Leitung des literarischen Programms im [[Peter Huchel|Peter-Huchel]]-Haus in [[Wilhelmshorst]] bei [[Potsdam]]. <!--- Bleeg ? wie lange machte er das ? ----><br />
2004/2005 war er als [[Gastprofessor]] am [[Deutsches Literaturinstitut Leipzig|Deutschen Literaturinstitut in Leipzig]] tätig.<br />
<br />
Seiler lebt als freier Schriftsteller in Wilhelmshorst und [[Stockholm]].<ref>{{Internetquelle |url=https://www.suhrkamp.de/person/lutz-seiler-p-4533 |titel=Lutz Seiler |werk=suhrkamp.de |abruf=2024-02-22}}</ref> Er hat drei Kinder und ist seit 2009 mit einer schwedischen Germanistin verheiratet.<ref name="TLZ" /><br />
<br />
Seit 2005 ist Seiler Mitglied des [[PEN-Zentrum Deutschland|PEN-Zentrums Deutschland]], seit April 2007 Mitglied der [[Akademie der Wissenschaften und der Literatur]] Mainz<ref>Mitgliedseintrag von [https://www.adwmainz.de/mitglieder/profil/lutz-seiler.html Lutz Seiler] bei der [[Akademie der Wissenschaften und der Literatur]] Mainz, abgerufen am 6. November 2017.</ref> und seit 2010 der [[Bayerische Akademie der Schönen Künste|Bayerischen Akademie der Schönen Künste]], der [[Sächsische Akademie der Künste|Sächsischen Akademie der Künste]] sowie der [[Akademie der Künste Berlin]]. 2011 wählte ihn die [[Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung]] zum Mitglied.<br />
Seiler war Gast der [[Villa Aurora]] in [[Los Angeles]] und der [[Deutsche Akademie Rom Villa Massimo|Deutschen Akademie Rom Villa Massimo]]. 2015 übernahm er die Heidelberger Poetikdozentur unter dem Motto ''Laubsäge und Scheinbrücke. Aus der Vorgeschichte des Schreibens.''<ref>{{Internetquelle |url=https://idw-online.de/de/news631513 |titel=Heidelberger Poetikdozentur mit Lutz Seiler |hrsg=idw – Informationsdienst Wissenschaft |datum=2015-05-21 |abruf=2015-05-25}}</ref><br />
<br />
2007 wurde Lutz Seiler für die Erzählung ''Turksib'' mit dem [[Ingeborg-Bachmann-Preis 2007|Ingeborg-Bachmann-Preis]] ausgezeichnet. Sein Erzählband ''Die Zeitwaage'' war 2010 für den [[Preis der Leipziger Buchmesse]] nominiert. Für sein im September 2014 erschienenes Romandebüt ''[[Kruso]]'' erhielt er den [[Deutscher Buchpreis|Deutschen Buchpreis]]. Der Roman wurde in 22 Sprachen übersetzt, mehrfach für das Theater adaptiert und von der [[UFA]] [[Kruso (Film)|2018 verfilmt]]. Für seinen Roman ''[[Stern 111]]'' erhielt er 2020 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „[[Preis der Leipziger Buchmesse/Belletristik|Belletristik]]“.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Preistraeger/ |werk=preis-der-leipziger-buchmesse.de |datum=2020-03-12 |titel=Preisträger 2020 |abruf=2020-03-12 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20210121235702/http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/de/Preistraeger/ |archiv-datum=2021-01-21 }}</ref><br />
Für sein Gesamtwerk wurde ihm 2023 der mit 20.000 Euro dotierte [[Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung]] zuerkannt.<ref>''Frankfurter Allgemeine Zeitung'', 16. Januar 2023, Nr. 13, S. 11.</ref><br />
<br />
Lutz Seiler wurde 2023 der von der [[Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung|Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung]] ausgelobte [[Georg-Büchner-Preis]] verliehen.<ref name="faz_19041297"/> Der mit 50.000 Euro dotierte Preis zählt zu den wichtigsten in der deutschen Literaturszene. Lutz Seiler gehört damit zu den sehr wenigen Autoren, die sowohl mit dem Georg-Büchner-Preis als auch mit dem [[Preis der Leipziger Buchmesse]] ausgezeichnet wurden.<ref name="faz_19041297">{{Literatur |Autor=Andreas Platthaus |Titel=Lutz Seiler erhält Georg-Büchner-Preis: Überfällige Auszeichnung |Sammelwerk=FAZ.net |Datum=2023-07-18 |ISSN=0174-4909 |Online=https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/lutz-seiler-erhaelt-georg-buechner-preis-ueberfaellige-auszeichnung-19041297.html |Abruf=2023-07-18}}</ref><br />
<br />
Am 23. November 2024 wurde Seiler die [[Liste der Ehrenbürger von Gera|Ehrenbürgerschaft der Stadt Gera]] verliehen und er als „ein herausragender Botschafter seiner Geburtsstadt Gera“ geehrt. „Kein anderer deutscher Schriftsteller als Lutz Seiler wurde in den vergangenen 15 Jahren mit allen bedeutenden deutschsprachigen Literaturpreisen ausgezeichnet“, so Oberbürgermeister [[Kurt Dannenberg]].<ref>{{Internetquelle |autor=Sylvia Eigenrauch |url=https://www.otz.de/lokales/gera/article407748752/ein-bodenstaendiger-sohn-geras-wird-ehrenbuerger.html |titel=Ein bodenständiger Sohn Geras wird Ehrenbürger |datum=2024-11-23 |sprache=de |abruf=2024-11-24}}</ref><ref>{{Literatur |Autor=dpa |Titel=Würdigung für Schriftsteller: Gera verleiht Ehrenbürgerschaft an Autor Lutz Seiler |Sammelwerk=Die Zeit |Ort=Hamburg |Datum=2024-11-23 |ISSN=0044-2070 |Online=https://www.zeit.de/news/2024-11/23/gera-verleiht-ehrenbuergerschaft-an-autor-lutz-seiler |Abruf=2024-11-24}}</ref><ref>{{Internetquelle |autor=deutschlandfunkkultur.de |url=https://www.deutschlandfunkkultur.de/lutz-seiler-ist-ehrenbuerger-von-gera-102.html |titel=Lutz Seiler ist Ehrenbürger von Gera |datum=2024-11-24 |sprache=de |abruf=2024-11-24}}</ref><br />
<br />
== Werk ==<br />
<br />
=== Einzeltitel (Lyrik und Prosa) ===<br />
<br />
* ''berührt / geführt.'' Gedichte. [[Oberbaum Verlag]], Chemnitz 1995.<br />
* ''pech & blende.'' Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 978-3-518-12161-0.<br />
* ''Heimaten''. Mit [[Anne Duden]] und [[Farhad Showghi]]. Wallstein Verlag, Göttingen 2001, ISBN 978-3-89244-464-0.<br />
* ''Hubertusweg.'' Drei Gedichte. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2001.<br />
* ''vierzig kilometer nacht.'' Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-518-41457-6.<br />
* ''Sonntags dachte ich an Gott.'' Aufsätze. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-518-12314-0.<br />
* ''Die Anrufung.'' Essay. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2005.<br />
* ''Turksib.'' Zwei Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-41968-7.<br />
* ''Die Zeitwaage.'' Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-42115-4.<br />
* ''Aranka.'' Gedicht und Kommentar. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2010.<br />
* ''In die Mark.'' Gedichte. Mit Originalholzschnitten von Stefan Knechtel. Hrsg. von Bettina Haller. Sonnenberg-Presse, Chemnitz 2011.<br />
* ''im felderlatein.'' Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42169-7.<br />
* ''Im Kieferngewölbe. Peter Huchel und die Geschichte seines Hauses.'' Mit Peter Walther und Hendrik Röder. Lukas Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86732-142-6.<br />
* ''Im Kinobunker.'' Erzählung. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2012.<br />
* ''[[Kruso]].'' Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-42447-6.<br />
* ''Die römische Saison.'' Zwei Essays. Mit Zeichnungen von Max P. Häring. Topalian & Milani Verlag, Ulm 2016, ISBN 978-3-946423-03-4.<br />
* ''Am Kap des guten Abends.'' Acht Bildgeschichten. Insel Verlag, Berlin 2018 ([[Insel-Bücherei]] 1455), ISBN 978-3-458-19455-2.<br />
* ''[[Stern 111]].'' Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-518-42925-9.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/videos/druckfrisch-seiler-video-100.html |titel=Video: Das Buch: "Stern 111" – Druckfrisch – ARD {{!}} Das Erste |sprache=de |abruf=2023-01-09}}</ref><br />
* ''Laubsäge und Scheinbrücke. Aus der Vorgeschichte des Schreibens.'' Heidelberger Poetikvorlesungen, hrsg. von Friederike Reents. Heidelberg 2020, ISBN 978-3-8253-6980-4.<br />
* ''schrift für blinde riesen.'' Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-43000-2.<br />
* ''Am Bach Nr. 7.'' Zwei Essays. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2024<ref>{{Internetquelle |url=https://verlag-ulrich-keicher.de/neu.html |titel=Verlag Ulrich Keicher |abruf=2024-02-22}}</ref>.<br />
* ''Sabrina.'' Eine Erzählung. Siebenter Druck der Reihe »Paradiesische Dialoge«, herausgegeben von Michael Hametner für den Leipziger Bibliophilen-Abend e.&nbsp;V. im Jahr 2024.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.literaturhaus-leipzig.de/detail.php?type=v&id=2644 |titel=»Sabrina« |abruf=2024-10-30}}</ref><br />
<br />
=== Herausgeberschaft ===<br />
* ''[[moosbrand]].'' Zeitschrift für Literatur, 1993 bis 1995 als originalgraphische Hefte im Selbstverlag (Mit [[Klaus Michael]]), ab 1996 bei Gerhard Wolf Janus press Berlin (ab Heft 5 mit [[Birgit Dahlke]] und [[Peter Walther]]), Wilhelmshorst/Berlin 1993–1998.<br />
* ''[[Jahrbuch der Lyrik]] 2003.'' (Mit [[Christoph Buchwald]]). C. H. Beck Verlag, München 2002.<br />
* (Mit Peter Walther) ''Peter Huchel'' (= Edition [[Text + Kritik|Text und Kritik]], Heft 157). München 2003, ISBN 978-3-88377-727-6.<br />
* [[Christoph Meckel]]: ''Ungefähr ohne Tod im Schatten der Bäume.'' Ausgewählte Gedichte mit einem Gespräch als Nachwort. München 2003, ISBN 978-3-446-20275-7.<br />
* [[Oskar Loerke]]: ''Sämtliche Gedichte.'' Hrsg. [[Uwe Pörksen]], [[Wolfgang Menzel (Pädagoge)|Wolfgang Menzel]], mit einem Essay von Lutz Seiler. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0411-6.<br />
* Peter Huchel: ''Havelnacht.'' Mit Fotografien von [[Roger Melis]]; Gedichtauswahl und Nachwort von Lutz Seiler; Bildauswahl von [[Mathias Bertram]]. Insel Verlag, Berlin 2020 (= [[Insel-Bücherei]] 1487), ISBN 978-3-458-19487-3.<br />
* (Mit [[Henryk Gericke]]) [[Andreas Koziol]]: ''Menschenkunde. Gedichte.'' Kookbooks Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-948-33625-7.<br />
<br />
=== Hörspiele ===<br />
* ''Turksib.'' Regie: Thomas Fritz, Sprecher: Bernhard Schütz, Marina Frenk u.&nbsp;a., MDR, 2011.<br />
* ''Kruso'', Bearbeitung und Regie: [[Ulrich Gerhardt (Hörspielregisseur)|Ulrich Gerhardt]], Sprecher: Jens Harzer. Deutschlandradio Kultur/MDR, 2015.<br />
* ''Stern 111'', Regie und Bearbeitung: [[Heike Tauch]], Dramaturgie; Juliane Schmidt, u.&nbsp;a. mit [[Sandra Hüller]], [[André Kaczmarczyk]], [[Boris Aljinovic|Boris Alijinovic]], [[Felix Goeser]], [[Katrin Steinke]], [[Tanja Schleiff]], RBB Kultur, 2023<ref>{{Internetquelle |url=https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/hoerspiel/archiv/20230122_1400.html |titel=Stern 111 |datum=2023-01-22 |sprache=de |abruf=2023-06-11}}</ref>.<br />
<br />
=== Hörbücher ===<br />
* ''7 Poems by Lutz Seiler.'' 1 Mini-CD. Accompanied by Anna Homler (Percussion / Voice) and Michael Intriere (Violoncello), Los Angeles 2003.<br />
* ''vor der zeitrechnung.'' 1 Audio-CD. Gedichte und eine Erzählung, gelesen von [[Christian Brückner]] und vom Autor. Argon Hörbuch Verlag, 2006, ISBN 978-3-935125-64-2.<br />
* ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gelesen von Franz Dinda. Hörbuch Hamburg, 2014, ISBN 978-3-86909-184-6.<br />
* ''Stern 111.'' 2 mp3-CDs. Ungekürzte Autorenlesung. Audio Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7424-1434-2.<br />
<br />
=== Übersetzungen ===<br />
* Georges Castera: ''Gedichte.'' In: ''Vers Schmuggel.'' Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2003, ISBN 978-3-88423-208-8.<br />
* Ken Babstock: ''Gedichte.'' In: ''Vers Schmuggel.'' Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-88423-299-6.<br />
* Ken Babstock: ''Gedichte.'' (Aus dem kanadischen Englisch nach Interliniarversionen von Eva Bonné). In: ''[[Sprache im technischen Zeitalter]].'' Heft 202, Juli 2012, ISBN 978-3-412-22327-4.<br />
* Saihate Tahi: ''Gedichte.'' In: ''Eine raffinierte Grenze aus Licht. Japanische Dichtung der Gegenwart.'' Göttingen 2023, ISBN 978-3-8353-5432-6.<ref>{{Literatur |Titel=Eine raffinierte Grenze aus Licht: japanische Dichtung der Gegenwart |NummerReihe=Neue Folge, Band 20 |Verlag=Wallstein Verlag |Ort=Göttingen |Datum=2023 |Reihe=Mainzer Reihe |ISBN=978-3-8353-5432-6}}</ref><ref>{{Literatur |Titel=Eine raffinierte Grenze aus Licht. Japanische Dichtung der Gegenwart |Hrsg=Yoko Tawada, Marion Poschmann |Band=Band 20 |Verlag=Wallstein Verlag |Ort=Göttingen |Datum=2023-06 |ISBN=978-3-8353-5432-6}}</ref><br />
<br />
=== Beiträge in Anthologien (Auswahl) ===<br />
* ''[[Temperamente]], Blätter für junge Literatur.'' Hefte 1/1987 und 2/1988. Verlag Neues Leben, Berlin, ISBN 3-355-00503-7 und 3-355-00753-6.<br />
* Karl Otto Conrady (Hrsg.): ''[[Der Große Conrady]]. Das Buch deutscher Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.'' Düsseldorf 2008.<br />
* Christoph Buchwald (Hrsg.): ''[[Jahrbuch der Lyrik]].'' Frankfurt am Main, diverse Jahrgänge.<br />
* Christiane Collorio, [[Peter Hamm]], Harald Hartung, [[Michael Krüger (Schriftsteller)|Michael Krüger]] (Hrsg.): ''Lyrikstimmen. Die Bibliothek der Poeten.'' Hörverlag, München 2009, ISBN 978-3-86717-338-4.<br />
* Ron Winkler (Hrsg.): ''Schneegedichte.'' Frankfurt am Main 2011.<br />
* Martin Jankowski (Hrsg.): ''Nachtbus nach Mitte.'' Berlin 2016, ISBN 978-3-945256-55-8.<br />
* [[Anja Bayer]], [[Daniela Seel]] (Hrsg.): ''all dies hier, Majestät, ist deins – Lyrik im Anthropozän.'' kookbooks, Berlin 2016, ISBN 978-3-937445-80-9.<br />
<br />
=== Übersetzungen von Seilers Werken ins Englische ===<br />
* ''In the year one.'' Selected Poems. Übersetzt von Tony Frazer, Auswahl aus ''pech & blende'' und ''vierzig kilometer nacht''. Sydney 2005, ISBN 1-920882-11-1.<br />
* ''Poems.'' Übersetzt von Andrew Duncan. Duration Press, 2005.<br />
* ''Kruso.'' Übersetzt von Tess Lewis. Scribe Publications, Melbourne / London 2017, ISBN 978-1-911344-00-1.<br />
* ''in field latin.'' Poems. Übersetzt von Alexander Booth. Übersetzung von ''im felderlatein.'' Seagull Books, London/New York/Calcutta 2015, ISBN 978-0-85742-336-8.<br />
* Pitch & Glint. Poems. Übersetzt ins Englische von Stefan Tobler. And Other Stories, Sheffield-London-New York 2023.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.andotherstories.org/pitch-and-glint/ |titel=Pitch & Glint |werk=And Other Stories |sprache=en |abruf=2023-11-20}}</ref><br />
* Star 111, Roman. Übersetzt ins Englische von Tess Lewis. And Other Stories, Sheffield-London-New York 2023.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.andotherstories.org/star-111/ |titel=Star 111 |werk=And Other Stories |sprache=en |abruf=2023-11-20}}</ref><br />
* In Case of Loss, Essays, übersetzt ins Englische von Martyn Crucefix. And Other Stories, Sheffield-London-New York 2023.<ref>{{Internetquelle |url=https://www.andotherstories.org/in-case-of-loss/ |titel=In Case of Loss |werk=And Other Stories |sprache=en |abruf=2023-11-20}}</ref><br />
<br />
=== Übersetzungen von Lutz Seilers Werken ins Französische ===<br />
* 2006: « Gelobtes Land/Terre promise », übers. [[Marion Graf]], in ''[https://www.larevuedebelleslettres.ch/ Revue de Belles-Lettres]'' 1-4.<br />
* 2009: ''Le Pèse-temps'' (''Die Zeitwaage'', Titelerzählung), übers. Bernard Banoun, in ''L’Ombre du mur. Chroniques du mur de Berlin'', Paris, Éditions des Syrtes, 2009, <abbr>S.</abbr> 113-131.<br />
* 2015: ''[https://editions-verdier.fr/livre/le-poids-du-temps/ Le Poids du temps]'' (''Die Zeitwaage'') über. Uta Müller und Denis Denjean, Lagrasse, éditions Verdier, coll. [https://editions-verdier.fr/collection/litterature-etrangere/litterature-allemande/ « Der Doppelganger »], Nachwort Jean-Yves Masson, 2015.<br />
* 2018: ''[https://editions-verdier.fr/livre/kruso/ Kruso]'', übers. Uta Müller und Bernard Banoun, Lagrasse, éditions Verdier, coll. « Der Doppelganger », Nachwort Jean-Yves Masson, 2018.<br />
* 2019: „Stern 111“, in ''[[la mer gelée]]'' 9 ''Or/Gold,'' deutsch/französisch, übers. Bernard Banoun & Kai Stefan Fritsch (dieser Text ist kein Auszug aus dem gleichnamigen Roman)<br />
* 2022: ''[https://editions-verdier.fr/livre/stern-111/ Stern 111]'', über. Philippe Giraudon, Verdier, 2022.<br />
<br />
* 9 Gedichte auf Französisch auf [https://www.lyrikline.org/de/autoren/lutz-seiler lyrikline.org]<br />
<br />
== Auszeichnungen ==<br />
<div style="column-width:30em"><br />
* 1999: [[Kranichsteiner Literaturpreis]]<br />
* 2000: [[Lyrikpreis Meran]]<br />
* 2000: [[Dresdner Lyrikpreis]]<ref>[https://www.dresden.de/de/kultur/kulturfoerderung/kulturpreise/lyrikpreis-dd.php Lyrik-Preisträger seit 1996], dresden.de, abgerufen am 10. Januar 2023</ref><br />
* 2002: [[Anna-Seghers-Preis]]<br />
* 2003: [[Ernst-Meister-Preis]] für Lyrik<ref>[https://www.hagen.de/web/de/fachbereiche/fb_49kb/fb_49kb_01/fb_49kb_0110/ernst_meister_preis.html Geschichte des „Ernst-Meister-Preises“], hagen.de, abgerufen am 10. Januar 2023</ref><br />
* 2003: Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles<br />
* 2004: [[Literaturpreis der Stadt Bremen|Bremer Literaturpreis]]<br />
* 2005: [[Preis der SWR-Bestenliste]]<br />
* 2007: [[Ingeborg-Bachmann-Preis]]<br />
* 2009: [[Harald-Gerlach-Literaturstipendium|Harald-Gerlach-Literaturstipendium des Landes Thüringen]]<br />
* 2010: Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse mit ''Die Zeitwaage''<br />
* 2010: [[Deutscher Erzählerpreis (2008)|Deutscher Erzählerpreis]] (für ''Die Zeitwaage'')<ref>{{Internetquelle |url=https://www.fr.de/kultur/nachrichten-11622461.html |titel=Lutz Seiler erhält Deutschen Erzählerpreis |sprache=de |abruf=2023-01-09}}</ref><br />
* 2010: [[Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg|Fontane-Literaturpreis der Stadt Neuruppin]] (für ''Die Zeitwaage'')<br />
* 2011: Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo<br />
* 2012: [[Christian-Wagner-Preis]]<br />
* 2012: [[Rainer-Malkowski-Preis]] (geteilt)<br />
* 2014: Mainzer Poetikdozentur<br />
* 2014: [[Uwe-Johnson-Preis]] (für ''Kruso'')<ref>{{Webarchiv|url=http://www.buchmarkt.de/content/59257-lutz-seiler-erhaelt-uwe-johnson-preis.htm |wayback=20160309090246 |text=Lutz Seiler erhält Uwe-Johnson-Preis, buchmarkt.de vom 21. Juli 2014 }}</ref><br />
* 2014: [[Deutscher Buchpreis]] (für ''Kruso'')<br />
* 2015: [[Marie Luise Kaschnitz-Preis]]<ref>{{Internetquelle |url=http://lyrikzeitung.com/2014/09/24/83-kaschnitzpreis-fur-lutz-seiler/ |titel=83. Kaschnitzpreis für Lutz Seiler |hrsg=Lyrikzeitung.com |datum=2014-09-24 |abruf=2014-09-26}}</ref><br />
* 2015: Heidelberger Poetikdozentur der Ruprecht-Karls-Universität<br />
* 2017: [[Thüringer Literaturpreis]]<ref>http://www.bild.de/lifestyle/aktuelles/literatur/thueringer-literaturpreis-fuer-lutz-seiler-51647238.bild.html, abgerufen am 17. Mai 2017</ref><br />
* 2020: [[Preis der Leipziger Buchmesse]] in der Kategorie „[[Preis der Leipziger Buchmesse/Belletristik|Belletristik]]“ (für ''Stern 111'')<br />
* 2020: [[Kakehashi-Literaturpreis]] 2020 (für ''Kruso'')<br />
* 2022: Gastprofessur am Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena<br />
* 2023: Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung<ref>{{Internetquelle |url=https://www.zeit.de/news/2023-01/09/lutz-seiler-erhaelt-literaturpreis-der-adenauer-stiftung |titel=Lutz Seiler erhält Literaturpreis der Adenauer-Stiftung |werk=dpa |datum=2023-01-09 |abruf=2023-01-09}}</ref><br />
* 2023: [[Bertolt-Brecht-Literaturpreis|Bertolt-Brecht-Preis]]<ref>{{Internetquelle | autor=Direkt aus dem dpa-Newskanal | url=https://www.sueddeutsche.de/bayern/literatur-augsburg-bertolt-brecht-preis-2023-geht-an-lutz-seiler-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-230309-99-888256 | titel=Literatur – Augsburg – Bertolt-Brecht-Preis 2023 geht an Lutz Seiler | werk=[[sueddeutsche.de]] | datum=2023-03-09 |abruf=2024-01-28}}</ref><br />
* 2023: [[Berliner Literaturpreis]]<br />
* 2023: [[Bamberger Poetikprofessur]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.uni-bamberg.de/germ-lit1/aktuelles/artikel/poetikprofessur-2023-lutz-seiler/ |titel=Poetikprofessur 2023: Lutz Seiler |hrsg=Universität Bamberg |abruf=2023-06-12}}</ref><br />
* 2023: [[Georg-Büchner-Preis]]<ref>{{Internetquelle |url=https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/lutz-seiler-georg-buechner-preis-100.html|titel=Lutz Seiler erhält Georg-Büchner-Preis|abruf=2023-07-19}}</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.freiepresse.de/kultur-wissen/kultur/autor-seiler-mit-georg-buechner-preis-geehrt-artikel13115224|titel=Lutz Seiler mit Georg-Büchner-Preis geehrt|abruf=2023-11-05}}</ref><br />
* 2024: [[Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland|Bundesverdienstkreuz]] am Bande<ref>{{Internetquelle |url=https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Berichte/DE/Frank-Walter-Steinmeier/2024/10/241001-Verdienstorden-TdDE.htm |titel=Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit |werk=bundespraesident.de |abruf=2024-09-24}}</ref><br />
</div><br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Lothar Müller: ''„Der Knochenträumer“. Laudatio auf Lutz Seiler zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 2004.'' In: ''[[Sprache im technischen Zeitalter]].'' 42, 2004, 170, S. 153–159.<br />
* [[Sibylle Cramer]]: ''Die spielerische Leichtigkeit der Verknüpfung weitgespannter Stoffe, eine Sprache, die weit hinausgreift über die Semantik unserer Wörterbücher.'' Laudatio zum Christoph-Wagner-Preis 2012 für Lutz Seiler. In: ''Warmbronner Schriften'', Heft 26, hrsg. von Axel Kuhn. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2012.<br />
* Sebastian Kleinschmidt: ''Im Osten der Länder. Über Lutz Seiler.'' In: ''[[Sinn und Form]]'', Heft 6, 2014, ISBN 978-3-943297-20-1, S. 841ff.<br />
* Lothar Müller: ''Nachhut im Frühlicht.'' Laudatio auf Lutz Seiler zur Verleihung des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises 2015.<br />
* Georg Brosche: ''Narrative der Männlichkeit(en) in Lutz Seilers Roman „Kruso“.'' Universität Greifswald 2015.<br />
* Christiane Baumann: ''Transformationsprozesse I. Der Roman „Kruso“ von Lutz Seiler auf der Bühne.'' In: ''Studia Niemcoznawcze.'' Warschau 2016.<br />
* Bernard Banoun: ''[https://www.cairn.info/revue-etudes-germaniques-2020-2.htm Lutz Seiler. Inédits et études].'' In: ''Études germaniques.'' N°2/2020. Éditions Klincksieck, 2020.<br />
* Leopoldo Domínguez: ''Viernes o los limbos del Báltico en Kruso, de Lutz Seiler.'' In: Manuel Maldonado Alemán (coord.): ''Historia, espacio y memoria en la narrativa actual en lengua alemana.'' Síntesis, Madrid 2020, S. 237–248 (spanisch).<br />
* Marja Rauch: ''Lutz Seiler.'' In: ''[[Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur]].'' Stand: 1.&nbsp;Januar 2020.<br />
* Carola Hähnel-Mesnard: ''Zeiterfahrung und gesellschaftlicher Umbruch in Fiktionen der Post-DDR-Literatur: Literarische Figurationen von Zeitwahrnehmung im Werk von Lutz Seiler, Julia Schoch und Jenny Erpenbeck'' (= Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien Nr. 28). V & R Unipress, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8471-1345-4<br />
* Karl Tetzlaff: ''Die eigene Stimme und das Unsagbare. Lutz Seilers poetische Annäherungen an das Göttliche''. In: ''[[Sinn und Form]]'' 3/2024, S. 411–415.<br />
* Bernard Banoun, Carola Hähnel-Mesnard (Hrsg.): ''Lutz Seiler''. edition text + kritik, Heft 249, München 2025, ISBN 978-3-689-30122-4.<br />
* Julia Ingold, Christoph Jürgensen (Hrsg.): ''Spaziergänge im Niemandsland. Beiträge zum Werk Lutz Seilers''. Königshausen & Neumann, Würzburg 2025, ISBN 978-3-8260-9210-7.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat}}<br />
* {{DNB-Portal|120651106}}<br />
* {{Perlentaucher|lutz-seiler}}<br />
* [https://lutzseiler.de/ Website von Lutz Seiler]<br />
* [https://www.lyrikline.org/de/gedichte/fin-de-siecle-116 Gedichte von Lutz Seiler in Text und Ton] mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen auf [[Lyrikline.org|www.lyrikline.org]].<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=120651106|LCCN=nr00028282|VIAF=103616694|NDL=032691234}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Seiler, Lutz}}<br />
[[Kategorie:Autor]]<br />
[[Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutsch)]]<br />
[[Kategorie:Lyrik]]<br />
[[Kategorie:Erzählung]]<br />
[[Kategorie:Essay]]<br />
[[Kategorie:Roman, Epik]]<br />
[[Kategorie:Stipendiat der Villa Aurora]]<br />
[[Kategorie:Träger des Rompreises Villa Massimo]]<br />
[[Kategorie:Träger des Deutschen Buchpreises]]<br />
[[Kategorie:Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises]]<br />
[[Kategorie:Träger des Preises der Leipziger Buchmesse]]<br />
[[Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Akademie der Künste (Berlin)]]<br />
[[Kategorie:Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste]]<br />
[[Kategorie:Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland]]<br />
[[Kategorie:DDR-Bürger]]<br />
[[Kategorie:Deutscher]]<br />
[[Kategorie:Geboren 1963]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Seiler, Lutz<br />
|ALTERNATIVNAMEN=Seiler, Lutz Reinhard (vollständiger Name)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=deutscher Dichter und Schriftsteller<br />
|GEBURTSDATUM=8. Juni 1963<br />
|GEBURTSORT=[[Gera]]<br />
|STERBEDATUM=<br />
|STERBEORT=<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kruso&diff=264607571Kruso2026-02-22T23:07:52Z<p>Procopius: /* Sprache und Gestaltung */</p>
<hr />
<div>{{Begriffsklärungshinweis|Zum Spielfilm siehe [[Kruso (Film)]].}}<br />
Der 2014 erschienene Roman '''Kruso''' von [[Lutz Seiler]] spielt auf der Insel [[Hiddensee]] im Milieu der Saisonarbeiter und gesellschaftlichen Aussteiger zur Zeit des [[Wende und friedliche Revolution in der DDR|Zusammenbruchs der DDR]] 1989. <br />
<br />
== Details ==<br />
Der Roman erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem [[Germanistik]]-Studenten Edgar „Ed“ Bendler und dem Küchenmitarbeiter Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“, der in der Gemeinschaft der Saisonarbeiter als Autorität anerkannt ist. Beide sind vom Verlust eines ihnen nahe stehenden Menschen traumatisiert. Kruso entwickelt eine Freiheits-Utopie, in deren Sog Ed gerät. Gemeinsam kümmern sie sich um die „Schiffbrüchigen“ – all jene, die mit der DDR abgeschlossen haben oder auf verschiedene Weisen gescheitert sind. Zwischen beiden Männern wächst eine tiefe Freundschaft, die sie fast übersehen lässt, dass rings um sie der Staat zerbricht und immer mehr Gefährten das Land verlassen. Kruso wird darüber krank; Ed übernimmt seine Aufgabe.<br />
<br />
Seilers Roman zeichnet sich durch eine hohe sprachliche Genauigkeit aus und verbindet historische Konkretheit mit surrealen Zügen. Im Erscheinungsjahr erhielt der Roman den [[Uwe-Johnson-Preis]] sowie den [[Deutscher Buchpreis|Deutschen Buchpreis]].<br />
<br />
== Historischer Hintergrund ==<br />
[[Datei:Hiddensee, Bakenberg (2011-05-21) 2.JPG|mini|Mittlerer und höchster Teil des [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]] auf [[Hiddensee]]: links der [[Leuchtturm Dornbusch]], rechts im Wald die Gebäude der Gaststätte ''[[Klausner (Hiddensee)|Zum Klausner]]'']]<br />
<br />
Die Handlung spielt hauptsächlich auf dem [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]], dem nördlichen Teil der Insel [[Hiddensee]]. Diese Insel galt in der DDR als Nische für Andersdenkende und Aussteiger, die im Sommer oft in Hotels, Restaurants oder als Rettungsschwimmer arbeiteten. Auf der kleinen Insel waren sie gut zu kontrollieren, und trotz teilweise offener [[Staatssicherheit|Stasi]]-Beobachtung wurden manche Vorfälle und Treffen hingenommen. Auf Hiddensee herrschte ein intellektuelles Klima, und Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Wissenschaftler zogen sich hierhin zurück.<ref>Marion Magas: ''Hiddensee – Versteckte Insel im verschwundenen Land. DDR-Zeitzeugnisse von Inselfreunden und Lebenskünstlern''. 2. Auflage. Berlin 2010, ISBN 3-00-018132-6, S. 31–40, 57–59, 171–174.</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/09_Kruso_Schlueter_Zeitzeuge-102.html |titel=Interview mit Hiddensee-Zeitzeugen Torsten Schlüter {{!}} FilmMittwoch im Ersten |datum=2018-09-05 |zugriff=2018-09-26 |sprache=de-DE}}</ref> Diesen Schauplatz als „Sehnsuchtsort der Freiheit“ im Jahr 1989 spiegelt Lutz Seiler historisch genau wider. Hiddensee wird in seinem Roman zur Insel „außerhalb der Zeit“ und die Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] zur letzten Bastion einer idealisierten Freiheit innerhalb des Sozialismus.<br />
<br />
Reale Vorbilder, die als Anregungen für die Romanfiguren dienten, sind etwa [[Aljoscha Rompe]], der Sänger der DDR-Punkband [[Feeling B]], sowie dessen Stiefvater, der Wissenschaftler [[Robert Rompe]], aber auch der „Urklausner“ [[Alexander Ettenburg]].<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Berlin 2014, ISBN 978-3-518-42447-6, S. 47, 86.</ref> Seiler verwebt in einem Kapitel einen der real stattgefundenen Auftritte, die Rompe mit seiner Band am Strand von [[Hiddensee]] hatte, mit der fiktiven Geschichte, ohne jedoch den Namen Feeling B zu verwenden.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, eISBN 978-3-518-73936-5, Kapitel ''Das Konzert'', ab S. 218</ref> Zudem lässt Seiler zahlreiche Menschen, die auf Hiddensee als Saisonkräfte tätig waren, als Romanfiguren in seine Erzählung einfließen.<br />
<br />
Auch der Autor arbeitete im Sommer 1989 im „Klausner“ als Abwäscher.<ref name="Interview">{{Internetquelle |url=http://www.tagesspiegel.de/kultur/buchpreis-favorit-lutz-seiler-im-interview-ueber-den-buchpreis-reden-wir-jetzt-nicht-/10795374-3.html |autor=Gerrit Bartels |titel=Hiddensee war eine Art Jenseitserfahrung: Lutz Seiler im Interview |hrsg=Der Tagesspiegel |datum=2014-10-06 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Handlung ==<br />
Nach dem Verschwinden seines Katers, der ihm als Einziges von seiner tödlich verunglückten Freundin geblieben war, verlässt der 24-jährige Germanistik-Student Edgar seinen Studienort [[Halle (Saale)|Halle]] und fährt nach Hiddensee, um dort zumindest den Sommer zuzubringen. In der Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] (die bis heute existiert)<ref name="Interview" /> erhält er Arbeit als Abwäscher und lernt Alexey Krusowitsch kennen.<br />
<br />
Kruso, auch Aljoscha oder Losch genannt, ist der Sohn eines [[Rote Armee|sowjetischen Generals]] und einer verunglückten [[Zirkus]]artistin. Seit seine Schwester ihn als Kind am Strand zurückließ und nicht zurückkehrte (ob es ein Unfall oder ein [[Ungesetzlicher Grenzübertritt im DDR-Recht|Fluchtversuch]] war, lässt das Buch offen), ist Kruso [[Trauma (Psychologie)|traumatisiert]]. Er versucht, die „Esskaas“ („SKs“, Abkürzung für „Saisonkräfte“) und „Schiffbrüchigen“ – die gesellschaftlich Enttäuschten – von der Flucht abzuhalten. Kruso bietet ihnen als Alternative zur Flucht drei Tage auf der Insel. Mit einem Initiationsritual, das aus (illegaler) Beherbergung, der „heiligen Suppe“ und einer Waschung besteht, werden sie in die Gemeinschaft der Schiffbrüchigen aufgenommen. Kruso glaubt, dass sie durch das Ritual die Wurzel ihrer inneren Freiheit verspüren und so aufs Festland zurück können, bis eines Tages die [[Dialektische Grundgesetze#Umschlag von Quantität in Qualität (und umgekehrt)|„Quantität in Qualität umschlägt“]] und „das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag übersteigt“.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, S. 175</ref> Grundsätze seiner Utopie sind die Akzeptanz jedes Einzelnen sowie Solidarität und Gemeinschaftlichkeit.<ref name="spiegel">{{Internetquelle |url=http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lutz-seiler-kruso-nominiert-fuer-den-deutschen-buchpreis-2014-a-990831.html |autor=Thomas Andre |titel=Buchpreis-Favorit Lutz Seiler: Die Schiffbrüchigen des Sozialismus |hrsg=Spiegel Online |datum=2014-09-10 |zugriff=2014-11-09}}</ref><ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von Franz Dinda. Hörbuch Hamburg 2014, Begleittext.</ref> Es ist eine Art [[Urkommunismus]], den er mitten im zerbröckelnden [[Realsozialismus|„realen Sozialismus“]] beschwört.<br />
<br />
Ed wird von Kruso zunehmend einbezogen in die Rituale, die als Ausdruck einer Lebenshaltung die Crew des ''Klausners'' auf besondere Weise zusammenschweißen. Ed erlebt seine sexuelle Initiation, muss jedoch begreifen, dass dies keineswegs im Zentrum der Idee Krusos steht. Die gemeinsame Liebe zur Literatur – beide schreiben Gedichte – und der Verlust eines geliebten Menschen lassen Ed und Kruso zunehmend zu einer untrennbaren Gemeinschaft werden.<br />
<br />
Die Vorgänge im Sommer 1989, als immer mehr Menschen über [[Ungarn]] oder über die [[Deutsche Botschaft Prag|deutsche Botschaft]] in [[Prag]] versuchten, in den Westen zu gelangen, werden durch das Radio ''Viola'' in die abgeschottete Welt des Klausners gespült, von den Klausnern zunächst jedoch kaum wahrgenommen. Bei verbotenen West-Büchern, der Rezitation von Gedichten [[Georg Trakl]]s und eigenen literarischen Produkten erleben die Protagonisten „wie in einem fiebrigen Traum“ die letzten Tage der DDR. Die anarchische Freiheit erweist sich jedoch letztlich als „kollektive Selbsttäuschung“: [[Grenztruppen der DDR|Grenztruppen]] und [[Ministerium für Staatssicherheit|Staatssicherheit]] kontrollieren die Insel und stecken auch den Rahmen der Freiheits-Utopie ab, wessen sich allerdings zumindest Kruso bewusst ist.<ref>Er bezeichnet den Inselkommandanten als „Bewacher unseres Schicksals, wenn man so will. Aber auch, wenn wir nicht wollen.“ Hörbuch CD 3, Nr. 9</ref><br />
<br />
Das anfängliche Bild des Klausners als Schiff und als schützende [[Arche Noah|Arche]] wird zunehmend zur [[Metapher]] für das „sinkende Schiff“, das von der Besatzung verlassen wird. Als die Westgrenzen offen sind, bleiben von der [[Utopie|utopischen]] Gemeinschaft nur noch Ed und Kruso übrig.<ref name="spiegel" /> Zu zweit versuchen sie, das Schiff auf Kurs zu halten.<br />
<br />
Verunsicherung, Gerüchte und Vertrauensverluste unterminieren nicht nur das Fundament der Freiheitsidee Krusos, sondern auch die Freundschaft zwischen ihm und Ed. Kruso ist schwer verstört durch die Infragestellung seiner Utopie und den Zerfall der Gemeinschaft des Klausners. Nach und nach driftet er in den Wahn ab. Als er Ed körperlich attackiert, weil er sich von ihm verraten fühlt, verletzt er sich schwer. Ed pflegt ihn. Da die Ärztin der Insel in den Westen geflohen ist, informiert ein Staatssicherheits-Mann Krusos Vater, der sofort nach Hiddensee eilt und seinen Sohn auf einen sowjetischen Panzerkreuzer bringen lässt. Unter Salutschüssen, die an den Panzerkreuzer ''[[Aurora (Schiff, 1903)|Aurora]]'' und den Beginn der [[Oktoberrevolution]] erinnern, wird Kruso „heim geholt“. Edgar, nun vollkommen allein, übernimmt den Klausner und rekonstruiert den Gedichtband Krusos, der in den Wirren der letzten Wochen verloren gegangen war. Am 12. November erfährt er durch das Radio, dass die Grenzen seit Tagen offen sind.<br />
<br />
Im Epilog erzählt die Figur Ed stellvertretend von der Recherche Lutz Seilers bei dänischen Behörden nach den 174 DDR-Flüchtlingen, die seit 1961 in der Ostsee umgekommen waren. Er kann die Identität der anonymen Todesopfer jedoch nicht klären; nur die Romanfigur „Speiche“ wird eindeutig identifiziert.<ref name="mdr-figaro">{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |titel=Lutz Seiler: „Kruso“ |hrsg=MDR Figaro |datum=2014-09-09 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20140915050529/http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |archiv-datum=2014-09-15 |zugriff=2014-11-08}}</ref><br />
<br />
== Sprache und Gestaltung ==<br />
Lutz Seiler gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker.<ref>[http://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=144 litrix.de]</ref> Er schrieb auch Essays und Erzählungen; ''Kruso'' war Seilers erster Roman. <br />
<br />
Die Buchpreis-Jury urteilte: Sein „erster Roman überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit“. „Anschaulich bis zum Ekel beim Lesen sind die Szenen in der Abwaschküche, wenn Teller vorgereinigt werden oder Abflüsse verstopfen. Alles in dem Roman ist nicht nur zu lesen, sondern zu hören, zu riechen, zu schmecken.“<ref name="mdr-figaro" /> Weiter wird eine „lyrische, […] ins Magische spielende[n] Sprache“ hervorgehoben.<ref name="buchpreis">{{Internetquelle |url=http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/ |titel=Deutscher Buchpreis 2014. Kruso. Begründung der Jury |zugriff=2014-11-14}}</ref> Das Changieren zwischen einer geradezu minutiös geschilderten Realität und surrealen Gegenwelten habe Züge des [[Magischer Realismus|Magischen Realismus]].<br />
<br />
[[Roman Bucheli]] hält in seiner Rezension in der ''[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]'' fest: „Lutz Seiler schreibt mit «Kruso» einen [[Liste von Wenderomanen|Roman über die Wende]] von 1989, schafft aber das Kunststück, eine ganz andere Geschichte zu erzählen“.<ref name="NZZ">{{Internetquelle |url=http://www.nzz.ch/feuilleton/buecherherbst/das-geisterschiff-an-der-steilkueste-1.18395043 |autor=Roman Bucheli |titel=Das Geisterschiff an der Steilküste |hrsg=[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]|datum=2014-10-03 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Die Bindungen an das politische Bezugssystem seien vage und lose. „Erst daraus jedoch entsteht die poetische Provokation: Weil der Roman –&nbsp;ähnlich wie in der Diskrepanz zwischen der ausgesparten Zeitgeschichte und den erzählten individuellen Schicksalen&nbsp;– seinen [[Motivation|Impetus]] aus der Verweigerung eindeutiger Gesten schöpft“.<ref name="NZZ" /><br />
<br />
Für Christoph Schröder von der ''[[die tageszeitung|taz]]'' ist das Buch daher ein Beispiel für anhaltend unterschiedliche Tendenzen in der [[Deutschsprachige Literatur#Deutschsprachige Literatur der Gegenwart|deutschen Literatur]]: Bekennen sich westdeutsche Autoren zu einem hemmungslosen Realismus, so „führen ostdeutsche Schriftsteller im Grunde genommen die literarische Verstellung, die Undercover-Arbeit auf halbwegs sicherem Terrain, zu der die DDR sie gezwungen hat, bis heute fort“.<ref name="TAZ">{{Internetquelle |url=https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5033198&s=Kruso/ |autor=Christoph Schröder |titel=Utopia in Seepferdchenform |werk=[[die tageszeitung|taz]] |datum=2014-09-16 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
Der Roman enthält zahlreiche intertextuelle Bezüge und Anspielungen. Die Freundschaft zwischen Kruso und Ed ist nach dem Vorbild der Beziehung von [[Robinson Crusoe]] und dessen Gefährten Freitag aus [[Daniel Defoe]]s Roman ''Robinson Crusoe'' gestaltet. Des Weiteren spielen [[Georg Trakl]]s Lyrik und seine vermutlich inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, [[Uwe Johnson]]s Roman ''[[Mutmassungen über Jakob]]'',<ref>{{Internetquelle |autor=Thorsten Hinz |url=https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |titel=10.10.14 / Schiffbrüchige auf der Arche / Mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet: Lutz Seilers Roman „Kruso“ spielt 1989 auf Hiddensee |hrsg=Junge Freiheit |datum=2015-11-06 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20151106045526/https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |archiv-datum=2015-11-06 |abruf=2021-08-07}}</ref> [[Michail Bulgakow]]s ''[[Der Meister und Margarita]]'', der Selbstfindungsprozess des Edgar Wibeau aus [[Ulrich Plenzdorf]]s ''[[Die neuen Leiden des jungen&nbsp;W.]]'', die Gedichte Rimbauds und zahlreiche andere literarische Verweise eine Rolle.<br />
<br />
== Ausgaben ==<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' gebundene Buchausgabe. 5. Auflage. Suhrkamp, 2014. (eine Woche lang im Jahr 2014 auf dem [[Liste der meistverkauften Belletristikbücher in Deutschland#2011 ff.|Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste]])<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von [[Franz Dinda]]. [[NDR Kultur]], Hörbuch, Hamburg 2014.<br />
<br />
== Theater-Adaptionen ==<br />
* ''Kruso''. Stück von [[Dagmar Borrmann]] nach dem Roman von Lutz Seiler, [[Uraufführung]] am 25. September 2015 am [[Theater Magdeburg]], Regie: Cornelia Crombholz.<ref>[http://www.volksstimme.de/kultur/20150928/schauspielhaus-mysterium-der-freiheit volksstimme.de] abgerufen am 28. September 2015</ref><ref>[http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0060.html schattenblick.de]</ref> Weitere Inszenierung: [[Hans Otto Theater]] Potsdam, Premiere: 15. Januar 2016, Regie: [[Elias Perrig]].<ref>{{Webarchiv|url=http://www.maz-online.de/Nachrichten/Kultur/Vergleich-Kruso-in-Potsdam-und-Magdeburg |wayback=20160119094601 |text=maz-online.de |archiv-bot=2026-01-25 03:03:25 InternetArchiveBot }} abgerufen am 19. Januar 2016</ref><br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler, für die Bühne bearbeitet von Petra Paschinger und Caro Thum, [[Premiere]] am 6. November 2015 bei [[Theater & Philharmonie Thüringen|Theater&Philharmonie Thüringen]], Regie: Caro Thum.<ref>[http://www.focus.de/kultur/kunst/theater-bestseller-roman-kruso-kommt-auf-die-buehne_id_4634066.html focus.de]</ref><ref>[http://www.tpthueringen.de/stuecke-konzerte/veranstaltung.html?no_cache=1&tx_theatre_plays%5Bplay%5D=181&tx_theatre_plays%5Baction%5D=show&tx_theatre_plays%5Bcontroller%5D=Play&cHash=fe8e247126df8435028968e34e353a62 tpthueringen.de]</ref><br />
* ''Kruso.'' Schauspiel nach dem Roman von Lutz Seiler, in der Spielfassung von [[Hannes Hametner]] und Sascha Löschner, Premiere am 30. September 2016 am [[Theater Vorpommern]], Greifswald, Regie: Hannes Hametner<ref>{{Internetquelle |autor=Dietrich Pätzold |url=http://hanneshametner.de/downloads/kruso-ostseezeitung.pdf |titel=Tiefsinnige poetische Performance |werk=www.hanneshametner.de |hrsg=Ostseezeitung |datum=4.10.2016 |abruf=12.1.2021 |sprache=Deutsch}}</ref><br />
* ''Kruso'' nach dem Roman von Lutz Seiler für die Bühne bearbeitet von [[Armin Petras]] und Ludwig Haugk. Premiere am 1. Oktober 2016 am [[Schauspiel Leipzig]], Regie: Armin Petras<ref>{{Internetquelle |url=http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13051:kruso-armin-petras-entkernt-und-verdichtet-in-leipzig-lutz-seilers-wenderoman&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40 |titel=Die Insel der lustigen Grenzverletzer |datum=2015-10-01 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Hörspiel ==<br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler. Bearbeitung: Ulrich Gerhardt. Regie: Ulrich Gerhardt. Sprecher: [[Jens Harzer]]. Komponist: Daniel Dickmeis. Produktion: DKultur/MDR 2015. Erstsendung am 29. Juni 2015<ref>{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |titel=Erfolgsroman „Kruso“ als Hörspiel auf MDR FIGARO |datum=2015-06-25 |zugriff=2016-12-04 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20161205145728/http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |archiv-datum=2016-12-05 |offline=ja}}</ref><br />
<br />
== Verfilmung ==<br />
Die Filmrechte für den Stoff wurden 2015 an die UFA FICTION (Geschäftsführer: [[Nico Hofmann]]) vergeben, die bereits [[Uwe Tellkamp]]s Roman ''[[Der Turm (Tellkamp)|Der Turm]]'' verfilmt hat.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.suhrkamp.de/news/lutz_seilers_roman_kruso_wird_verfilmt_2356.html |titel=Lutz Seilers Roman Kruso wird verfilmt |datum=2015-03-10 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Auch hier schrieb [[Thomas Kirchner (Drehbuchautor)|Thomas Kirchner]] das Drehbuch. Regie führte [[Thomas Stuber]]. Im September und Oktober 2017 fanden die Dreharbeiten in Litauen in [[Klaipėda]] und auf der [[Kurische Nehrung|Kurischen Nehrung]] statt. Der Film ''[[Kruso (Film)|Kruso]]'' mit [[Albrecht Schuch]] in der Rolle des Kruso und [[Jonathan Berlin]] als Ed wurde am 26. September 2018 im Fernsehsender ''[[Das Erste]]'' gesendet. Ihn sahen 3,27 Millionen Zuschauer, das sind 11,2 Prozent Marktanteil.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Christiane Baumann: ''„Hidden“ oder Robinsonaden des Denkens. Eine Annäherung an den mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneten Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler''. In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego / Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LV, Warschau 2014<br />
* Christiane Baumann: ''Transformationsprozesse I: Der Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler auf der Bühne''. und ''Transformationsprozesse II: Der Autor Lutz Seiler im Gespräch über die Adaptionen zu seinem Roman ''Kruso''.'' In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego/Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LVII, Warschau 2016. S. 305–325.<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=w|GND=1164780387|VIAF=316872665}}<br />
<br />
[[Kategorie:Literarisches Werk]]<br />
[[Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutsch)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutschland)]]<br />
[[Kategorie:Roman, Epik]]<br />
[[Kategorie:Wende und friedliche Revolution in der DDR]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kruso&diff=264605932Kruso2026-02-22T23:01:57Z<p>Procopius: /* Handlung */</p>
<hr />
<div>{{Begriffsklärungshinweis|Zum Spielfilm siehe [[Kruso (Film)]].}}<br />
Der 2014 erschienene Roman '''Kruso''' von [[Lutz Seiler]] spielt auf der Insel [[Hiddensee]] im Milieu der Saisonarbeiter und gesellschaftlichen Aussteiger zur Zeit des [[Wende und friedliche Revolution in der DDR|Zusammenbruchs der DDR]] 1989. <br />
<br />
== Details ==<br />
Der Roman erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem [[Germanistik]]-Studenten Edgar „Ed“ Bendler und dem Küchenmitarbeiter Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“, der in der Gemeinschaft der Saisonarbeiter als Autorität anerkannt ist. Beide sind vom Verlust eines ihnen nahe stehenden Menschen traumatisiert. Kruso entwickelt eine Freiheits-Utopie, in deren Sog Ed gerät. Gemeinsam kümmern sie sich um die „Schiffbrüchigen“ – all jene, die mit der DDR abgeschlossen haben oder auf verschiedene Weisen gescheitert sind. Zwischen beiden Männern wächst eine tiefe Freundschaft, die sie fast übersehen lässt, dass rings um sie der Staat zerbricht und immer mehr Gefährten das Land verlassen. Kruso wird darüber krank; Ed übernimmt seine Aufgabe.<br />
<br />
Seilers Roman zeichnet sich durch eine hohe sprachliche Genauigkeit aus und verbindet historische Konkretheit mit surrealen Zügen. Im Erscheinungsjahr erhielt der Roman den [[Uwe-Johnson-Preis]] sowie den [[Deutscher Buchpreis|Deutschen Buchpreis]].<br />
<br />
== Historischer Hintergrund ==<br />
[[Datei:Hiddensee, Bakenberg (2011-05-21) 2.JPG|mini|Mittlerer und höchster Teil des [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]] auf [[Hiddensee]]: links der [[Leuchtturm Dornbusch]], rechts im Wald die Gebäude der Gaststätte ''[[Klausner (Hiddensee)|Zum Klausner]]'']]<br />
<br />
Die Handlung spielt hauptsächlich auf dem [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]], dem nördlichen Teil der Insel [[Hiddensee]]. Diese Insel galt in der DDR als Nische für Andersdenkende und Aussteiger, die im Sommer oft in Hotels, Restaurants oder als Rettungsschwimmer arbeiteten. Auf der kleinen Insel waren sie gut zu kontrollieren, und trotz teilweise offener [[Staatssicherheit|Stasi]]-Beobachtung wurden manche Vorfälle und Treffen hingenommen. Auf Hiddensee herrschte ein intellektuelles Klima, und Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Wissenschaftler zogen sich hierhin zurück.<ref>Marion Magas: ''Hiddensee – Versteckte Insel im verschwundenen Land. DDR-Zeitzeugnisse von Inselfreunden und Lebenskünstlern''. 2. Auflage. Berlin 2010, ISBN 3-00-018132-6, S. 31–40, 57–59, 171–174.</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/09_Kruso_Schlueter_Zeitzeuge-102.html |titel=Interview mit Hiddensee-Zeitzeugen Torsten Schlüter {{!}} FilmMittwoch im Ersten |datum=2018-09-05 |zugriff=2018-09-26 |sprache=de-DE}}</ref> Diesen Schauplatz als „Sehnsuchtsort der Freiheit“ im Jahr 1989 spiegelt Lutz Seiler historisch genau wider. Hiddensee wird in seinem Roman zur Insel „außerhalb der Zeit“ und die Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] zur letzten Bastion einer idealisierten Freiheit innerhalb des Sozialismus.<br />
<br />
Reale Vorbilder, die als Anregungen für die Romanfiguren dienten, sind etwa [[Aljoscha Rompe]], der Sänger der DDR-Punkband [[Feeling B]], sowie dessen Stiefvater, der Wissenschaftler [[Robert Rompe]], aber auch der „Urklausner“ [[Alexander Ettenburg]].<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Berlin 2014, ISBN 978-3-518-42447-6, S. 47, 86.</ref> Seiler verwebt in einem Kapitel einen der real stattgefundenen Auftritte, die Rompe mit seiner Band am Strand von [[Hiddensee]] hatte, mit der fiktiven Geschichte, ohne jedoch den Namen Feeling B zu verwenden.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, eISBN 978-3-518-73936-5, Kapitel ''Das Konzert'', ab S. 218</ref> Zudem lässt Seiler zahlreiche Menschen, die auf Hiddensee als Saisonkräfte tätig waren, als Romanfiguren in seine Erzählung einfließen.<br />
<br />
Auch der Autor arbeitete im Sommer 1989 im „Klausner“ als Abwäscher.<ref name="Interview">{{Internetquelle |url=http://www.tagesspiegel.de/kultur/buchpreis-favorit-lutz-seiler-im-interview-ueber-den-buchpreis-reden-wir-jetzt-nicht-/10795374-3.html |autor=Gerrit Bartels |titel=Hiddensee war eine Art Jenseitserfahrung: Lutz Seiler im Interview |hrsg=Der Tagesspiegel |datum=2014-10-06 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Handlung ==<br />
Nach dem Verschwinden seines Katers, der ihm als Einziges von seiner tödlich verunglückten Freundin geblieben war, verlässt der 24-jährige Germanistik-Student Edgar seinen Studienort [[Halle (Saale)|Halle]] und fährt nach Hiddensee, um dort zumindest den Sommer zuzubringen. In der Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] (die bis heute existiert)<ref name="Interview" /> erhält er Arbeit als Abwäscher und lernt Alexey Krusowitsch kennen.<br />
<br />
Kruso, auch Aljoscha oder Losch genannt, ist der Sohn eines [[Rote Armee|sowjetischen Generals]] und einer verunglückten [[Zirkus]]artistin. Seit seine Schwester ihn als Kind am Strand zurückließ und nicht zurückkehrte (ob es ein Unfall oder ein [[Ungesetzlicher Grenzübertritt im DDR-Recht|Fluchtversuch]] war, lässt das Buch offen), ist Kruso [[Trauma (Psychologie)|traumatisiert]]. Er versucht, die „Esskaas“ („SKs“, Abkürzung für „Saisonkräfte“) und „Schiffbrüchigen“ – die gesellschaftlich Enttäuschten – von der Flucht abzuhalten. Kruso bietet ihnen als Alternative zur Flucht drei Tage auf der Insel. Mit einem Initiationsritual, das aus (illegaler) Beherbergung, der „heiligen Suppe“ und einer Waschung besteht, werden sie in die Gemeinschaft der Schiffbrüchigen aufgenommen. Kruso glaubt, dass sie durch das Ritual die Wurzel ihrer inneren Freiheit verspüren und so aufs Festland zurück können, bis eines Tages die [[Dialektische Grundgesetze#Umschlag von Quantität in Qualität (und umgekehrt)|„Quantität in Qualität umschlägt“]] und „das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag übersteigt“.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, S. 175</ref> Grundsätze seiner Utopie sind die Akzeptanz jedes Einzelnen sowie Solidarität und Gemeinschaftlichkeit.<ref name="spiegel">{{Internetquelle |url=http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lutz-seiler-kruso-nominiert-fuer-den-deutschen-buchpreis-2014-a-990831.html |autor=Thomas Andre |titel=Buchpreis-Favorit Lutz Seiler: Die Schiffbrüchigen des Sozialismus |hrsg=Spiegel Online |datum=2014-09-10 |zugriff=2014-11-09}}</ref><ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von Franz Dinda. Hörbuch Hamburg 2014, Begleittext.</ref> Es ist eine Art [[Urkommunismus]], den er mitten im zerbröckelnden [[Realsozialismus|„realen Sozialismus“]] beschwört.<br />
<br />
Ed wird von Kruso zunehmend einbezogen in die Rituale, die als Ausdruck einer Lebenshaltung die Crew des ''Klausners'' auf besondere Weise zusammenschweißen. Ed erlebt seine sexuelle Initiation, muss jedoch begreifen, dass dies keineswegs im Zentrum der Idee Krusos steht. Die gemeinsame Liebe zur Literatur – beide schreiben Gedichte – und der Verlust eines geliebten Menschen lassen Ed und Kruso zunehmend zu einer untrennbaren Gemeinschaft werden.<br />
<br />
Die Vorgänge im Sommer 1989, als immer mehr Menschen über [[Ungarn]] oder über die [[Deutsche Botschaft Prag|deutsche Botschaft]] in [[Prag]] versuchten, in den Westen zu gelangen, werden durch das Radio ''Viola'' in die abgeschottete Welt des Klausners gespült, von den Klausnern zunächst jedoch kaum wahrgenommen. Bei verbotenen West-Büchern, der Rezitation von Gedichten [[Georg Trakl]]s und eigenen literarischen Produkten erleben die Protagonisten „wie in einem fiebrigen Traum“ die letzten Tage der DDR. Die anarchische Freiheit erweist sich jedoch letztlich als „kollektive Selbsttäuschung“: [[Grenztruppen der DDR|Grenztruppen]] und [[Ministerium für Staatssicherheit|Staatssicherheit]] kontrollieren die Insel und stecken auch den Rahmen der Freiheits-Utopie ab, wessen sich allerdings zumindest Kruso bewusst ist.<ref>Er bezeichnet den Inselkommandanten als „Bewacher unseres Schicksals, wenn man so will. Aber auch, wenn wir nicht wollen.“ Hörbuch CD 3, Nr. 9</ref><br />
<br />
Das anfängliche Bild des Klausners als Schiff und als schützende [[Arche Noah|Arche]] wird zunehmend zur [[Metapher]] für das „sinkende Schiff“, das von der Besatzung verlassen wird. Als die Westgrenzen offen sind, bleiben von der [[Utopie|utopischen]] Gemeinschaft nur noch Ed und Kruso übrig.<ref name="spiegel" /> Zu zweit versuchen sie, das Schiff auf Kurs zu halten.<br />
<br />
Verunsicherung, Gerüchte und Vertrauensverluste unterminieren nicht nur das Fundament der Freiheitsidee Krusos, sondern auch die Freundschaft zwischen ihm und Ed. Kruso ist schwer verstört durch die Infragestellung seiner Utopie und den Zerfall der Gemeinschaft des Klausners. Nach und nach driftet er in den Wahn ab. Als er Ed körperlich attackiert, weil er sich von ihm verraten fühlt, verletzt er sich schwer. Ed pflegt ihn. Da die Ärztin der Insel in den Westen geflohen ist, informiert ein Staatssicherheits-Mann Krusos Vater, der sofort nach Hiddensee eilt und seinen Sohn auf einen sowjetischen Panzerkreuzer bringen lässt. Unter Salutschüssen, die an den Panzerkreuzer ''[[Aurora (Schiff, 1903)|Aurora]]'' und den Beginn der [[Oktoberrevolution]] erinnern, wird Kruso „heim geholt“. Edgar, nun vollkommen allein, übernimmt den Klausner und rekonstruiert den Gedichtband Krusos, der in den Wirren der letzten Wochen verloren gegangen war. Am 12. November erfährt er durch das Radio, dass die Grenzen seit Tagen offen sind.<br />
<br />
Im Epilog erzählt die Figur Ed stellvertretend von der Recherche Lutz Seilers bei dänischen Behörden nach den 174 DDR-Flüchtlingen, die seit 1961 in der Ostsee umgekommen waren. Er kann die Identität der anonymen Todesopfer jedoch nicht klären; nur die Romanfigur „Speiche“ wird eindeutig identifiziert.<ref name="mdr-figaro">{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |titel=Lutz Seiler: „Kruso“ |hrsg=MDR Figaro |datum=2014-09-09 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20140915050529/http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |archiv-datum=2014-09-15 |zugriff=2014-11-08}}</ref><br />
<br />
== Sprache und Gestaltung ==<br />
Lutz Seiler gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker.<ref>[http://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=144 litrix.de]</ref> Er schrieb auch Essays und Erzählungen. ''Kruso'' ist Lutz Seilers Roman-Debüt. Die Buchpreis-Jury urteilte: Sein „erster Roman überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit“. „Anschaulich bis zum Ekel beim Lesen sind die Szenen in der Abwaschküche, wenn Teller vorgereinigt werden oder Abflüsse verstopfen. Alles in dem Roman ist nicht nur zu lesen, sondern zu hören, zu riechen, zu schmecken.“<ref name="mdr-figaro" /> Weiter wird eine „lyrische, […] ins Magische spielende[n] Sprache“ hervorgehoben.<ref name="buchpreis">{{Internetquelle |url=http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/ |titel=Deutscher Buchpreis 2014. Kruso. Begründung der Jury |zugriff=2014-11-14}}</ref> Das Changieren zwischen einer geradezu minutiös geschilderten Realität und surrealen Gegenwelten hat Züge des [[Magischer Realismus|Magischen Realismus]].<br />
<br />
[[Roman Bucheli]] hält in seiner Rezension in der ''[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]'' fest: „Lutz Seiler schreibt mit «Kruso» einen [[Liste von Wenderomanen|Roman über die Wende]] von 1989, schafft aber das Kunststück, eine ganz andere Geschichte zu erzählen“.<ref name="NZZ">{{Internetquelle |url=http://www.nzz.ch/feuilleton/buecherherbst/das-geisterschiff-an-der-steilkueste-1.18395043 |autor=Roman Bucheli |titel=Das Geisterschiff an der Steilküste |hrsg=[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]|datum=2014-10-03 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Die Bindungen an das politische Bezugssystem seien vage und lose. „Erst daraus jedoch entsteht die poetische Provokation: Weil der Roman –&nbsp;ähnlich wie in der Diskrepanz zwischen der ausgesparten Zeitgeschichte und den erzählten individuellen Schicksalen&nbsp;– seinen [[Motivation|Impetus]] aus der Verweigerung eindeutiger Gesten schöpft“.<ref name="NZZ" /><br />
<br />
Für Christoph Schröder von der ''[[die tageszeitung|taz]]'' ist das Buch daher ein Beispiel für anhaltend unterschiedliche Tendenzen in der [[Deutschsprachige Literatur#Deutschsprachige Literatur der Gegenwart|deutschen Literatur]]: Bekennen sich westdeutsche Autoren zu einem hemmungslosen Realismus, „führen ostdeutsche Schriftsteller im Grunde genommen die literarische Verstellung, die Undercover-Arbeit auf halbwegs sicherem Terrain, zu der die DDR sie gezwungen hat, bis heute fort“.<ref name="TAZ">{{Internetquelle |url=https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5033198&s=Kruso/ |autor=Christoph Schröder |titel=Utopia in Seepferdchenform |werk=[[die tageszeitung|taz]] |datum=2014-09-16 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
Der Roman enthält zahlreiche intertextuelle Bezüge und Anspielungen. Die Freundschaft zwischen Kruso und Ed ist nach dem Vorbild der Beziehung von [[Robinson Crusoe]] und dessen Gefährten Freitag aus [[Daniel Defoe]]s Roman ''Robinson Crusoe'' gestaltet. Des Weiteren spielen Georg Trakls Lyrik und seine vermutlich inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, [[Uwe Johnson]]s Roman ''[[Mutmassungen über Jakob]]'',<ref>{{Internetquelle |autor=Thorsten Hinz |url=https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |titel=10.10.14 / Schiffbrüchige auf der Arche / Mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet: Lutz Seilers Roman „Kruso“ spielt 1989 auf Hiddensee |hrsg=Junge Freiheit |datum=2015-11-06 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20151106045526/https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |archiv-datum=2015-11-06 |abruf=2021-08-07}}</ref> [[Michail Bulgakow]]s ''[[Der Meister und Margarita]]'', der Selbstfindungsprozess des Edgar Wibeau aus [[Ulrich Plenzdorf]]s ''[[Die neuen Leiden des jungen&nbsp;W.]]'', die Gedichte Rimbauds und zahlreiche andere literarische Verweise eine Rolle.<br />
<br />
== Ausgaben ==<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' gebundene Buchausgabe. 5. Auflage. Suhrkamp, 2014. (eine Woche lang im Jahr 2014 auf dem [[Liste der meistverkauften Belletristikbücher in Deutschland#2011 ff.|Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste]])<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von [[Franz Dinda]]. [[NDR Kultur]], Hörbuch, Hamburg 2014.<br />
<br />
== Theater-Adaptionen ==<br />
* ''Kruso''. Stück von [[Dagmar Borrmann]] nach dem Roman von Lutz Seiler, [[Uraufführung]] am 25. September 2015 am [[Theater Magdeburg]], Regie: Cornelia Crombholz.<ref>[http://www.volksstimme.de/kultur/20150928/schauspielhaus-mysterium-der-freiheit volksstimme.de] abgerufen am 28. September 2015</ref><ref>[http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0060.html schattenblick.de]</ref> Weitere Inszenierung: [[Hans Otto Theater]] Potsdam, Premiere: 15. Januar 2016, Regie: [[Elias Perrig]].<ref>{{Webarchiv|url=http://www.maz-online.de/Nachrichten/Kultur/Vergleich-Kruso-in-Potsdam-und-Magdeburg |wayback=20160119094601 |text=maz-online.de |archiv-bot=2026-01-25 03:03:25 InternetArchiveBot }} abgerufen am 19. Januar 2016</ref><br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler, für die Bühne bearbeitet von Petra Paschinger und Caro Thum, [[Premiere]] am 6. November 2015 bei [[Theater & Philharmonie Thüringen|Theater&Philharmonie Thüringen]], Regie: Caro Thum.<ref>[http://www.focus.de/kultur/kunst/theater-bestseller-roman-kruso-kommt-auf-die-buehne_id_4634066.html focus.de]</ref><ref>[http://www.tpthueringen.de/stuecke-konzerte/veranstaltung.html?no_cache=1&tx_theatre_plays%5Bplay%5D=181&tx_theatre_plays%5Baction%5D=show&tx_theatre_plays%5Bcontroller%5D=Play&cHash=fe8e247126df8435028968e34e353a62 tpthueringen.de]</ref><br />
* ''Kruso.'' Schauspiel nach dem Roman von Lutz Seiler, in der Spielfassung von [[Hannes Hametner]] und Sascha Löschner, Premiere am 30. September 2016 am [[Theater Vorpommern]], Greifswald, Regie: Hannes Hametner<ref>{{Internetquelle |autor=Dietrich Pätzold |url=http://hanneshametner.de/downloads/kruso-ostseezeitung.pdf |titel=Tiefsinnige poetische Performance |werk=www.hanneshametner.de |hrsg=Ostseezeitung |datum=4.10.2016 |abruf=12.1.2021 |sprache=Deutsch}}</ref><br />
* ''Kruso'' nach dem Roman von Lutz Seiler für die Bühne bearbeitet von [[Armin Petras]] und Ludwig Haugk. Premiere am 1. Oktober 2016 am [[Schauspiel Leipzig]], Regie: Armin Petras<ref>{{Internetquelle |url=http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13051:kruso-armin-petras-entkernt-und-verdichtet-in-leipzig-lutz-seilers-wenderoman&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40 |titel=Die Insel der lustigen Grenzverletzer |datum=2015-10-01 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Hörspiel ==<br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler. Bearbeitung: Ulrich Gerhardt. Regie: Ulrich Gerhardt. Sprecher: [[Jens Harzer]]. Komponist: Daniel Dickmeis. Produktion: DKultur/MDR 2015. Erstsendung am 29. Juni 2015<ref>{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |titel=Erfolgsroman „Kruso“ als Hörspiel auf MDR FIGARO |datum=2015-06-25 |zugriff=2016-12-04 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20161205145728/http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |archiv-datum=2016-12-05 |offline=ja}}</ref><br />
<br />
== Verfilmung ==<br />
Die Filmrechte für den Stoff wurden 2015 an die UFA FICTION (Geschäftsführer: [[Nico Hofmann]]) vergeben, die bereits [[Uwe Tellkamp]]s Roman ''[[Der Turm (Tellkamp)|Der Turm]]'' verfilmt hat.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.suhrkamp.de/news/lutz_seilers_roman_kruso_wird_verfilmt_2356.html |titel=Lutz Seilers Roman Kruso wird verfilmt |datum=2015-03-10 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Auch hier schrieb [[Thomas Kirchner (Drehbuchautor)|Thomas Kirchner]] das Drehbuch. Regie führte [[Thomas Stuber]]. Im September und Oktober 2017 fanden die Dreharbeiten in Litauen in [[Klaipėda]] und auf der [[Kurische Nehrung|Kurischen Nehrung]] statt. Der Film ''[[Kruso (Film)|Kruso]]'' mit [[Albrecht Schuch]] in der Rolle des Kruso und [[Jonathan Berlin]] als Ed wurde am 26. September 2018 im Fernsehsender ''[[Das Erste]]'' gesendet. Ihn sahen 3,27 Millionen Zuschauer, das sind 11,2 Prozent Marktanteil.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Christiane Baumann: ''„Hidden“ oder Robinsonaden des Denkens. Eine Annäherung an den mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneten Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler''. In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego / Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LV, Warschau 2014<br />
* Christiane Baumann: ''Transformationsprozesse I: Der Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler auf der Bühne''. und ''Transformationsprozesse II: Der Autor Lutz Seiler im Gespräch über die Adaptionen zu seinem Roman ''Kruso''.'' In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego/Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LVII, Warschau 2016. S. 305–325.<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=w|GND=1164780387|VIAF=316872665}}<br />
<br />
[[Kategorie:Literarisches Werk]]<br />
[[Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutsch)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutschland)]]<br />
[[Kategorie:Roman, Epik]]<br />
[[Kategorie:Wende und friedliche Revolution in der DDR]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kruso&diff=264605853Kruso2026-02-22T22:59:26Z<p>Procopius: /* Details */</p>
<hr />
<div>{{Begriffsklärungshinweis|Zum Spielfilm siehe [[Kruso (Film)]].}}<br />
Der 2014 erschienene Roman '''Kruso''' von [[Lutz Seiler]] spielt auf der Insel [[Hiddensee]] im Milieu der Saisonarbeiter und gesellschaftlichen Aussteiger zur Zeit des [[Wende und friedliche Revolution in der DDR|Zusammenbruchs der DDR]] 1989. <br />
<br />
== Details ==<br />
Der Roman erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen dem [[Germanistik]]-Studenten Edgar „Ed“ Bendler und dem Küchenmitarbeiter Alexander Krusowitsch, genannt „Kruso“, der in der Gemeinschaft der Saisonarbeiter als Autorität anerkannt ist. Beide sind vom Verlust eines ihnen nahe stehenden Menschen traumatisiert. Kruso entwickelt eine Freiheits-Utopie, in deren Sog Ed gerät. Gemeinsam kümmern sie sich um die „Schiffbrüchigen“ – all jene, die mit der DDR abgeschlossen haben oder auf verschiedene Weisen gescheitert sind. Zwischen beiden Männern wächst eine tiefe Freundschaft, die sie fast übersehen lässt, dass rings um sie der Staat zerbricht und immer mehr Gefährten das Land verlassen. Kruso wird darüber krank; Ed übernimmt seine Aufgabe.<br />
<br />
Seilers Roman zeichnet sich durch eine hohe sprachliche Genauigkeit aus und verbindet historische Konkretheit mit surrealen Zügen. Im Erscheinungsjahr erhielt der Roman den [[Uwe-Johnson-Preis]] sowie den [[Deutscher Buchpreis|Deutschen Buchpreis]].<br />
<br />
== Historischer Hintergrund ==<br />
[[Datei:Hiddensee, Bakenberg (2011-05-21) 2.JPG|mini|Mittlerer und höchster Teil des [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]] auf [[Hiddensee]]: links der [[Leuchtturm Dornbusch]], rechts im Wald die Gebäude der Gaststätte ''[[Klausner (Hiddensee)|Zum Klausner]]'']]<br />
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Die Handlung spielt hauptsächlich auf dem [[Dornbusch (Hiddensee)|Dornbusch]], dem nördlichen Teil der Insel [[Hiddensee]]. Diese Insel galt in der DDR als Nische für Andersdenkende und Aussteiger, die im Sommer oft in Hotels, Restaurants oder als Rettungsschwimmer arbeiteten. Auf der kleinen Insel waren sie gut zu kontrollieren, und trotz teilweise offener [[Staatssicherheit|Stasi]]-Beobachtung wurden manche Vorfälle und Treffen hingenommen. Auf Hiddensee herrschte ein intellektuelles Klima, und Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Wissenschaftler zogen sich hierhin zurück.<ref>Marion Magas: ''Hiddensee – Versteckte Insel im verschwundenen Land. DDR-Zeitzeugnisse von Inselfreunden und Lebenskünstlern''. 2. Auflage. Berlin 2010, ISBN 3-00-018132-6, S. 31–40, 57–59, 171–174.</ref><ref>{{Internetquelle |url=https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/sendung/09_Kruso_Schlueter_Zeitzeuge-102.html |titel=Interview mit Hiddensee-Zeitzeugen Torsten Schlüter {{!}} FilmMittwoch im Ersten |datum=2018-09-05 |zugriff=2018-09-26 |sprache=de-DE}}</ref> Diesen Schauplatz als „Sehnsuchtsort der Freiheit“ im Jahr 1989 spiegelt Lutz Seiler historisch genau wider. Hiddensee wird in seinem Roman zur Insel „außerhalb der Zeit“ und die Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] zur letzten Bastion einer idealisierten Freiheit innerhalb des Sozialismus.<br />
<br />
Reale Vorbilder, die als Anregungen für die Romanfiguren dienten, sind etwa [[Aljoscha Rompe]], der Sänger der DDR-Punkband [[Feeling B]], sowie dessen Stiefvater, der Wissenschaftler [[Robert Rompe]], aber auch der „Urklausner“ [[Alexander Ettenburg]].<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Berlin 2014, ISBN 978-3-518-42447-6, S. 47, 86.</ref> Seiler verwebt in einem Kapitel einen der real stattgefundenen Auftritte, die Rompe mit seiner Band am Strand von [[Hiddensee]] hatte, mit der fiktiven Geschichte, ohne jedoch den Namen Feeling B zu verwenden.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, eISBN 978-3-518-73936-5, Kapitel ''Das Konzert'', ab S. 218</ref> Zudem lässt Seiler zahlreiche Menschen, die auf Hiddensee als Saisonkräfte tätig waren, als Romanfiguren in seine Erzählung einfließen.<br />
<br />
Auch der Autor arbeitete im Sommer 1989 im „Klausner“ als Abwäscher.<ref name="Interview">{{Internetquelle |url=http://www.tagesspiegel.de/kultur/buchpreis-favorit-lutz-seiler-im-interview-ueber-den-buchpreis-reden-wir-jetzt-nicht-/10795374-3.html |autor=Gerrit Bartels |titel=Hiddensee war eine Art Jenseitserfahrung: Lutz Seiler im Interview |hrsg=Der Tagesspiegel |datum=2014-10-06 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Handlung ==<br />
Nach dem Verschwinden seines Katers, der ihm als Einziges von seiner verunglückten Freundin geblieben war, verlässt der 24-jährige Germanistik-Student Edgar seinen Studienort [[Halle (Saale)|Halle]] und fährt nach Hiddensee, um dort zumindest den Sommer zuzubringen. In der Ausflugsgaststätte [[Klausner (Hiddensee)|''Zum Klausner'']] (die bis heute existiert)<ref name="Interview" /> erhält er Arbeit als Abwäscher und lernt Alexey Krusowitsch kennen.<br />
<br />
Kruso, auch Aljoscha oder Losch genannt, ist der Sohn eines [[Rote Armee|sowjetischen Generals]] und einer verunglückten [[Zirkus]]artistin. Seit seine Schwester ihn als Kind am Strand zurückließ und nicht zurückkehrte (ob es ein Unfall oder ein [[Ungesetzlicher Grenzübertritt im DDR-Recht|Fluchtversuch]] war, lässt das Buch offen), ist Kruso [[Trauma (Psychologie)|traumatisiert]]. Er versucht, die „Esskaas“ („SKs“, Abkürzung für „Saisonkräfte“) und „Schiffbrüchigen“ – die gesellschaftlich Enttäuschten – von der Flucht abzuhalten. Kruso bietet ihnen als Alternative zur Flucht drei Tage auf der Insel. Mit einem Initiationsritual, das aus (illegaler) Beherbergung, der „heiligen Suppe“ und einer Waschung besteht, werden sie in die Gemeinschaft der Schiffbrüchigen aufgenommen. Kruso glaubt, dass sie durch das Ritual die Wurzel ihrer inneren Freiheit verspüren und so aufs Festland zurück können, bis eines Tages die [[Dialektische Grundgesetze#Umschlag von Quantität in Qualität (und umgekehrt)|„Quantität in Qualität umschlägt“]] und „das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Schlag übersteigt“.<ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, S. 175</ref> Grundsätze seiner Utopie sind die Akzeptanz jedes Einzelnen sowie Solidarität und Gemeinschaftlichkeit.<ref name="spiegel">{{Internetquelle |url=http://www.spiegel.de/kultur/literatur/lutz-seiler-kruso-nominiert-fuer-den-deutschen-buchpreis-2014-a-990831.html |autor=Thomas Andre |titel=Buchpreis-Favorit Lutz Seiler: Die Schiffbrüchigen des Sozialismus |hrsg=Spiegel Online |datum=2014-09-10 |zugriff=2014-11-09}}</ref><ref>Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von Franz Dinda. Hörbuch Hamburg 2014, Begleittext.</ref> Es ist eine Art [[Urkommunismus]], den er mitten im zerbröckelnden [[Realsozialismus|„realen Sozialismus“]] beschwört.<br />
<br />
Ed wird von Kruso zunehmend einbezogen in die Rituale, die als Ausdruck einer Lebenshaltung die Crew des ''Klausners'' auf besondere Weise zusammenschweißen. Ed erlebt seine sexuelle Initiation, muss jedoch begreifen, dass dies keineswegs im Zentrum der Idee Krusos steht. Die gemeinsame Liebe zur Literatur – beide schreiben Gedichte – und der Verlust eines geliebten Menschen lassen Ed und Kruso zunehmend zu einer untrennbaren Gemeinschaft werden.<br />
<br />
Die Vorgänge im Sommer 1989, als immer mehr Menschen über [[Ungarn]] oder über die [[Deutsche Botschaft Prag|deutsche Botschaft]] in [[Prag]] versuchten, in den Westen zu gelangen, werden durch das Radio ''Viola'' in die abgeschottete Welt des Klausners gespült, von den Klausnern zunächst jedoch kaum wahrgenommen. Bei verbotenen West-Büchern, der Rezitation von Gedichten [[Georg Trakl]]s und eigenen literarischen Produkten erleben die Protagonisten „wie in einem fiebrigen Traum“ die letzten Tage der DDR. Die anarchische Freiheit erweist sich jedoch letztlich als „kollektive Selbsttäuschung“: [[Grenztruppen der DDR|Grenztruppen]] und [[Ministerium für Staatssicherheit|Staatssicherheit]] kontrollieren die Insel und stecken auch den Rahmen der Freiheits-Utopie ab, wessen sich allerdings zumindest Kruso bewusst ist.<ref>Er bezeichnet den Inselkommandanten als „Bewacher unseres Schicksals, wenn man so will. Aber auch, wenn wir nicht wollen.“ Hörbuch CD 3, Nr. 9</ref><br />
<br />
Das anfängliche Bild des Klausners als Schiff und als schützende [[Arche Noah|Arche]] wird zunehmend zur [[Metapher]] für das „sinkende Schiff“, das von der Besatzung verlassen wird. Als die Westgrenzen offen sind, bleiben von der [[Utopie|utopischen]] Gemeinschaft nur noch Ed und Kruso übrig.<ref name="spiegel" /> Zu zweit versuchen sie, das Schiff auf Kurs zu halten.<br />
<br />
Verunsicherung, Gerüchte und Vertrauensverluste unterminieren nicht nur das Fundament der Freiheitsidee Krusos, sondern auch die Freundschaft zwischen ihm und Ed. Kruso ist schwer verstört durch die Infragestellung seiner Utopie und den Zerfall der Gemeinschaft des Klausners. Nach und nach driftet er in den Wahn ab. Als er Ed körperlich attackiert, weil er sich von ihm verraten fühlt, verletzt er sich schwer. Ed pflegt ihn. Da die Ärztin der Insel in den Westen geflohen ist, informiert ein Staatssicherheits-Mann Krusos Vater, der sofort nach Hiddensee eilt und seinen Sohn auf einen sowjetischen Panzerkreuzer bringen lässt. Unter Salutschüssen, die an den Panzerkreuzer ''[[Aurora (Schiff, 1903)|Aurora]]'' und den Beginn der [[Oktoberrevolution]] erinnern, wird Kruso „heim geholt“. Edgar, nun vollkommen allein, übernimmt den Klausner und rekonstruiert den Gedichtband Krusos, der in den Wirren der letzten Wochen verloren gegangen war. Am 12. November erfährt er durch das Radio, dass die Grenzen seit Tagen offen sind.<br />
<br />
Im Epilog erzählt die Figur Ed stellvertretend von der Recherche Lutz Seilers bei dänischen Behörden nach den 174 DDR-Flüchtlingen, die seit 1961 in der Ostsee umgekommen waren. Er kann die Identität der anonymen Todesopfer jedoch nicht klären; nur die Romanfigur „Speiche“ wird eindeutig identifiziert.<ref name="mdr-figaro">{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |titel=Lutz Seiler: „Kruso“ |hrsg=MDR Figaro |datum=2014-09-09 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20140915050529/http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/lutz-seiler-buch-der-woche100.html |archiv-datum=2014-09-15 |zugriff=2014-11-08}}</ref><br />
<br />
== Sprache und Gestaltung ==<br />
Lutz Seiler gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker.<ref>[http://www.litrix.de/de/buecher.cfm?publicationId=144 litrix.de]</ref> Er schrieb auch Essays und Erzählungen. ''Kruso'' ist Lutz Seilers Roman-Debüt. Die Buchpreis-Jury urteilte: Sein „erster Roman überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit“. „Anschaulich bis zum Ekel beim Lesen sind die Szenen in der Abwaschküche, wenn Teller vorgereinigt werden oder Abflüsse verstopfen. Alles in dem Roman ist nicht nur zu lesen, sondern zu hören, zu riechen, zu schmecken.“<ref name="mdr-figaro" /> Weiter wird eine „lyrische, […] ins Magische spielende[n] Sprache“ hervorgehoben.<ref name="buchpreis">{{Internetquelle |url=http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/ |titel=Deutscher Buchpreis 2014. Kruso. Begründung der Jury |zugriff=2014-11-14}}</ref> Das Changieren zwischen einer geradezu minutiös geschilderten Realität und surrealen Gegenwelten hat Züge des [[Magischer Realismus|Magischen Realismus]].<br />
<br />
[[Roman Bucheli]] hält in seiner Rezension in der ''[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]'' fest: „Lutz Seiler schreibt mit «Kruso» einen [[Liste von Wenderomanen|Roman über die Wende]] von 1989, schafft aber das Kunststück, eine ganz andere Geschichte zu erzählen“.<ref name="NZZ">{{Internetquelle |url=http://www.nzz.ch/feuilleton/buecherherbst/das-geisterschiff-an-der-steilkueste-1.18395043 |autor=Roman Bucheli |titel=Das Geisterschiff an der Steilküste |hrsg=[[Neue Zürcher Zeitung|NZZ]]|datum=2014-10-03 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Die Bindungen an das politische Bezugssystem seien vage und lose. „Erst daraus jedoch entsteht die poetische Provokation: Weil der Roman –&nbsp;ähnlich wie in der Diskrepanz zwischen der ausgesparten Zeitgeschichte und den erzählten individuellen Schicksalen&nbsp;– seinen [[Motivation|Impetus]] aus der Verweigerung eindeutiger Gesten schöpft“.<ref name="NZZ" /><br />
<br />
Für Christoph Schröder von der ''[[die tageszeitung|taz]]'' ist das Buch daher ein Beispiel für anhaltend unterschiedliche Tendenzen in der [[Deutschsprachige Literatur#Deutschsprachige Literatur der Gegenwart|deutschen Literatur]]: Bekennen sich westdeutsche Autoren zu einem hemmungslosen Realismus, „führen ostdeutsche Schriftsteller im Grunde genommen die literarische Verstellung, die Undercover-Arbeit auf halbwegs sicherem Terrain, zu der die DDR sie gezwungen hat, bis heute fort“.<ref name="TAZ">{{Internetquelle |url=https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5033198&s=Kruso/ |autor=Christoph Schröder |titel=Utopia in Seepferdchenform |werk=[[die tageszeitung|taz]] |datum=2014-09-16 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
Der Roman enthält zahlreiche intertextuelle Bezüge und Anspielungen. Die Freundschaft zwischen Kruso und Ed ist nach dem Vorbild der Beziehung von [[Robinson Crusoe]] und dessen Gefährten Freitag aus [[Daniel Defoe]]s Roman ''Robinson Crusoe'' gestaltet. Des Weiteren spielen Georg Trakls Lyrik und seine vermutlich inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, [[Uwe Johnson]]s Roman ''[[Mutmassungen über Jakob]]'',<ref>{{Internetquelle |autor=Thorsten Hinz |url=https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |titel=10.10.14 / Schiffbrüchige auf der Arche / Mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet: Lutz Seilers Roman „Kruso“ spielt 1989 auf Hiddensee |hrsg=Junge Freiheit |datum=2015-11-06 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20151106045526/https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201442101043.htm |archiv-datum=2015-11-06 |abruf=2021-08-07}}</ref> [[Michail Bulgakow]]s ''[[Der Meister und Margarita]]'', der Selbstfindungsprozess des Edgar Wibeau aus [[Ulrich Plenzdorf]]s ''[[Die neuen Leiden des jungen&nbsp;W.]]'', die Gedichte Rimbauds und zahlreiche andere literarische Verweise eine Rolle.<br />
<br />
== Ausgaben ==<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' gebundene Buchausgabe. 5. Auflage. Suhrkamp, 2014. (eine Woche lang im Jahr 2014 auf dem [[Liste der meistverkauften Belletristikbücher in Deutschland#2011 ff.|Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste]])<br />
* Lutz Seiler: ''Kruso.'' 9 Audio-CDs. Gekürzte Lesung von [[Franz Dinda]]. [[NDR Kultur]], Hörbuch, Hamburg 2014.<br />
<br />
== Theater-Adaptionen ==<br />
* ''Kruso''. Stück von [[Dagmar Borrmann]] nach dem Roman von Lutz Seiler, [[Uraufführung]] am 25. September 2015 am [[Theater Magdeburg]], Regie: Cornelia Crombholz.<ref>[http://www.volksstimme.de/kultur/20150928/schauspielhaus-mysterium-der-freiheit volksstimme.de] abgerufen am 28. September 2015</ref><ref>[http://www.schattenblick.de/infopool/theater/report/trpb0060.html schattenblick.de]</ref> Weitere Inszenierung: [[Hans Otto Theater]] Potsdam, Premiere: 15. Januar 2016, Regie: [[Elias Perrig]].<ref>{{Webarchiv|url=http://www.maz-online.de/Nachrichten/Kultur/Vergleich-Kruso-in-Potsdam-und-Magdeburg |wayback=20160119094601 |text=maz-online.de |archiv-bot=2026-01-25 03:03:25 InternetArchiveBot }} abgerufen am 19. Januar 2016</ref><br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler, für die Bühne bearbeitet von Petra Paschinger und Caro Thum, [[Premiere]] am 6. November 2015 bei [[Theater & Philharmonie Thüringen|Theater&Philharmonie Thüringen]], Regie: Caro Thum.<ref>[http://www.focus.de/kultur/kunst/theater-bestseller-roman-kruso-kommt-auf-die-buehne_id_4634066.html focus.de]</ref><ref>[http://www.tpthueringen.de/stuecke-konzerte/veranstaltung.html?no_cache=1&tx_theatre_plays%5Bplay%5D=181&tx_theatre_plays%5Baction%5D=show&tx_theatre_plays%5Bcontroller%5D=Play&cHash=fe8e247126df8435028968e34e353a62 tpthueringen.de]</ref><br />
* ''Kruso.'' Schauspiel nach dem Roman von Lutz Seiler, in der Spielfassung von [[Hannes Hametner]] und Sascha Löschner, Premiere am 30. September 2016 am [[Theater Vorpommern]], Greifswald, Regie: Hannes Hametner<ref>{{Internetquelle |autor=Dietrich Pätzold |url=http://hanneshametner.de/downloads/kruso-ostseezeitung.pdf |titel=Tiefsinnige poetische Performance |werk=www.hanneshametner.de |hrsg=Ostseezeitung |datum=4.10.2016 |abruf=12.1.2021 |sprache=Deutsch}}</ref><br />
* ''Kruso'' nach dem Roman von Lutz Seiler für die Bühne bearbeitet von [[Armin Petras]] und Ludwig Haugk. Premiere am 1. Oktober 2016 am [[Schauspiel Leipzig]], Regie: Armin Petras<ref>{{Internetquelle |url=http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13051:kruso-armin-petras-entkernt-und-verdichtet-in-leipzig-lutz-seilers-wenderoman&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40 |titel=Die Insel der lustigen Grenzverletzer |datum=2015-10-01 |zugriff=2016-12-04}}</ref><br />
<br />
== Hörspiel ==<br />
* ''Kruso''. Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler. Bearbeitung: Ulrich Gerhardt. Regie: Ulrich Gerhardt. Sprecher: [[Jens Harzer]]. Komponist: Daniel Dickmeis. Produktion: DKultur/MDR 2015. Erstsendung am 29. Juni 2015<ref>{{Internetquelle |url=http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |titel=Erfolgsroman „Kruso“ als Hörspiel auf MDR FIGARO |datum=2015-06-25 |zugriff=2016-12-04 |archiv-url=https://web.archive.org/web/20161205145728/http://www.mdr.de/presse/hoerfunk/presseinformation5826.html |archiv-datum=2016-12-05 |offline=ja}}</ref><br />
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== Verfilmung ==<br />
Die Filmrechte für den Stoff wurden 2015 an die UFA FICTION (Geschäftsführer: [[Nico Hofmann]]) vergeben, die bereits [[Uwe Tellkamp]]s Roman ''[[Der Turm (Tellkamp)|Der Turm]]'' verfilmt hat.<ref>{{Internetquelle |url=http://www.suhrkamp.de/news/lutz_seilers_roman_kruso_wird_verfilmt_2356.html |titel=Lutz Seilers Roman Kruso wird verfilmt |datum=2015-03-10 |zugriff=2016-12-04}}</ref> Auch hier schrieb [[Thomas Kirchner (Drehbuchautor)|Thomas Kirchner]] das Drehbuch. Regie führte [[Thomas Stuber]]. Im September und Oktober 2017 fanden die Dreharbeiten in Litauen in [[Klaipėda]] und auf der [[Kurische Nehrung|Kurischen Nehrung]] statt. Der Film ''[[Kruso (Film)|Kruso]]'' mit [[Albrecht Schuch]] in der Rolle des Kruso und [[Jonathan Berlin]] als Ed wurde am 26. September 2018 im Fernsehsender ''[[Das Erste]]'' gesendet. Ihn sahen 3,27 Millionen Zuschauer, das sind 11,2 Prozent Marktanteil.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Christiane Baumann: ''„Hidden“ oder Robinsonaden des Denkens. Eine Annäherung an den mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneten Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler''. In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego / Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LV, Warschau 2014<br />
* Christiane Baumann: ''Transformationsprozesse I: Der Roman ''Kruso'' von Lutz Seiler auf der Bühne''. und ''Transformationsprozesse II: Der Autor Lutz Seiler im Gespräch über die Adaptionen zu seinem Roman ''Kruso''.'' In: Studia Niemcoznawcze – Studien zur Deutschkunde. Czasopismo naukowe Zakładu Komparatystyki Kulturowej i Literackiej Instytutu Germanistyki Uniwersytetu Warszawskiego/Wissenschaftliche Zeitschrift der Abteilung für Kultur- und Literaturkomparatistik des Germanistischen Instituts der Universität Warschau. Tom LVII, Warschau 2016. S. 305–325.<br />
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== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
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{{Normdaten|TYP=w|GND=1164780387|VIAF=316872665}}<br />
<br />
[[Kategorie:Literarisches Werk]]<br />
[[Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutsch)]]<br />
[[Kategorie:Literatur (Deutschland)]]<br />
[[Kategorie:Roman, Epik]]<br />
[[Kategorie:Wende und friedliche Revolution in der DDR]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gadara_(Umm_Qais)&diff=264603675Gadara (Umm Qais)2026-02-22T22:00:02Z<p>Procopius: /* Bauten */</p>
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<div>[[Datei:Thedecapolis.png|mini|Gadara in der Dekapolis]]<br />
[[Datei:Gadara BW 3.JPG|mini|Westtheater]]<br />
[[Datei:Gadara BW 6.JPG|mini|Säulen der oktogonalen Kirche auf der Kirchenterrasse]]<br />
'''Gadara''' war eine [[Antikes Griechenland|griechisch]]-[[Römisches Reich|römische]] Stadt, die zu den Städten der [[Dekapolis]] gehörte. Der heutige Ruinenort in [[Jordanien]] liegt auf einem Hochplateau nahe der Kleinstadt [[Umm Qais]] östlich des [[Jordan]], etwa zehn Kilometer Luftlinie südöstlich des Südendes des [[See Genezareth|Sees Genezareth]], der von der Stadt aus sichtbar ist. Unweit der ausgedehnten antiken Ruinen fließt der [[Jarmuk]].<br />
<br />
== Lage und Name der Stadt ==<br />
Der Name Gadara leitet sich vom [[Semitische Sprachen|semitischen]] ''*gdr'' („Terrasse, Stützmauer“) her.<ref>Thomas Maria Weber: ''Gadara – Umm Qēs.'' Band 1: ''Gadara Decapolitana. Untersuchungen zur Topographie, Geschichte, Architektur und der Bildenden Kunst einer „Polis Hellenis“ im Ostjordanland.'' Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-03981-7, S. 12.</ref> Obwohl die Siedlungskontinuität gegen Ende der [[Abbasiden-Kalifat|Abbasidenzeit]] abbrach und vor Ort keinerlei inschriftliche Belege für den Namen vorhanden sind, lässt sich die antike Stadt aufgrund der Angaben literarischer Quellen und des [[Numismatik|numismatischen]] Befundes eindeutig mit den Ruinen nahe dem modernen Umm Qais identifizieren.<br />
<br />
Die Stadt befand sich am östlichen Rand des Jordangrabens und damit an strategisch günstiger Position zwischen dem griechisch-römisch beeinflussten Bereich der Mittelmeerküste und der durch die Aramäer und Araber geprägten Wüstenlandschaft. Entsprechend war sie ein bedeutender Stützpunkt des Fernhandels und von großer kultureller Vielfalt geprägt.<br />
<br />
== Geschichte ==<br />
Nach der Eroberung der Region durch [[Alexander der Große|Alexander den Großen]] im Jahr 333 v. Chr. war Gadara im 3. Jahrhundert vermutlich eine [[Ptolemäer|ptolemäische]] Festung, bis sie durch den [[Seleukidenreich|Seleukidenkönig]] [[Antiochos III.]] gegen 200 v. Chr. eingenommen wurde.<ref>[[Polybios]], Fragment 16,39.</ref> Fortan hieß der Ort Seleukeia Gadara und wurde stark befestigt. Der bedeutendste Sohn der vorwiegend von Griechen bewohnten Stadt war der Satiriker [[Menippos von Gadara|Menippos]], ferner stammte auch der Philosoph und Dichter [[Philodemos von Gadara|Philodemos]] aus Gadara. Hundert Jahre später wurde die Siedlung vom [[Hasmonäer]] [[Alexander Jannäus]] ein weiteres Mal geplündert.<ref>[[Flavius Josephus]], ''[[Jüdische Altertümer|Antiquitates Iudaicae]]'' 13,356.</ref> [[Gnaeus Pompeius Magnus|Pompeius]] eroberte die Stadt für das Römische Reich im Jahr 64 v. Chr.<ref>Flavius Josephus, ''Antiquitates Iudaicae'' 14,75.</ref> Sie wurde Teil der [[Dekapolis]]. Zeitweise unterstand Gadara [[Herodes]],<ref>Flavius Josephus, ''Antiquitates Iudaicae'' 15,217.</ref> nach seinem Tod im Jahr 4 v. Chr. wurde es Teil der römischen Provinz [[Syria]],<ref>Flavius Josephus, ''[[Jüdischer Krieg (Flavius Josephus)|De bello Iudaico]]'' 2,6,2.</ref> später der Provinz [[Arabia Petraea]]. [[Jesus von Nazaret]] soll laut dem [[Evangelium nach Matthäus]] bei einem Besuch in der Stadt einen [[Legion (Dämon)|Dämon]] ausgetrieben haben. Als römische Stadt kam Gadara zu erheblicher Bedeutung. Unter Kaiser [[Hadrian (Kaiser)|Hadrian]] wurde eine über 170&nbsp;km lange Fernwasserleitung errichtet, das [[Gadara-Aquädukt]].<br />
<br />
In der [[Spätantike]] wurde die Stadt christlich und blieb wohlhabend, bis sie nach der unweit von Gadara geschlagenen [[Schlacht am Jarmuk]] im Jahr 636 unter arabischen Einfluss geriet. Im 7. und 8. Jahrhundert wurde Gadara von schweren Erdbeben zerstört. Aufgrund von Münzfunden wird eine Besiedlung bis in das 13. Jahrhundert angenommen. Das neuzeitliche Dorf Umm Qais, das sich direkt auf dem Areal der antiken Stadt befand und dessen Wohnbauten überwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen, wurde ab Ende der 1980er Jahre durch die jordanische Regierung zum Antikengelände erklärt und die Einwohnerschaft umgesiedelt.<ref>Zum aufgegebenen „alten Dorf“ von Umm Qais siehe Olga Zenker, [[Claudia Bührig]]: ''Umm Qays, Jordanien. Das Objekt im Blick. Untersuchung und experimenteller Nachbau. Bauwerkserhaltung im ›alten‹ Dorf von Umm Qays (Jordanien). Die Arbeiten des Jahres 2021.'' In: ''e-Forschungsberichte des Deutschen Archäologischen Instituts.'' Ausgabe 2022–1, [[DOI:10.34780/ha3w-8nbw]].</ref> Die heutige Kleinstadt Umm Qais befindet sich östlich des antiken Stadtgeländes und des verlassenen neuzeitlichen Dorfes.<br />
<br />
== Bauten ==<br />
Bekannt ist die Stadt für zwei [[Theater der griechischen Antike|Theater]]. Das sogenannte Nordtheater bot Platz für 6000 Besucher; von ihm ist heute wenig Bausubstanz erhalten. Das im 2. Jahrhundert gebaute Westtheater liegt in den Westabhang der [[Akropolis]] eingebettet. Seine Sitzstufen bieten ungefähr 3000 Zuschauern Platz und bestehen – wie auch die halbkreisförmige [[Orchestra (Kunst)|Orchestra]] – vollständig aus [[Basalt]]. Der Zuschauerraum besteht aus drei Stockwerken, die jeweils in keilförmige Sitzabteilungen aufgeteilt sind. Vom ursprünglichen Bühnengebäude, das einst die Sicht auf die umliegende Landschaft verdeckte, ist nur wenig erhalten geblieben. In der Antike dienten die Theater nicht nur der Aufführung von Schauspielen, sondern auch der Veranstaltung religiöser und politischer Feste. Das Westtheater wurde im 8. Jahrhundert durch ein Erdbeben teilweise zerstört.<br />
[[Datei:Greek Muawiya inscription of Hammat Gader, 663 AD.png|mini|Eine griechische Bauinschrift auf einer Marmorplatte, die im Jahr 663 n. Chr. an die Restaurierung der römisch-byzantinischen Thermen von [[Chammat Gader|El Hammah]] bei Gadara erinnert: „In den Tagen des Gottesknechtes Maavia, des Vorstehers der Schutzgewährer, wurden die Thermen gerettet und renoviert… In der sechsten [[Indiktion]], im Jahr 726 seit der Stadtgründung, im 42. Jahr nach der [[Hidschrī-Jahreszählung|Zählung der Araber]], zur Heilung der Kranken, unter Aufsicht des Johannes, Magistrat von Gadara.“]]<br />
<br />
Das Datum einer unter dem arabischen Herrscher [[Muʿāwiya I.]] erstellten Inschrift zur Erneuerung der römischen Bäder im nördlich von Gadara gelegenen Hammat Gader (heute: el-Hammeh) aus dem Jahr 663 n. Chr. wird dort auf drei Weisen angegeben: in Bezug auf das oströmisch-byzantinische Steuerjahr ([[Indiktion]]), in Bezug auf die lokale städtische Zeitrechnung und „gemäß den Arabern“. Dabei handelt es sich um den ersten bekannten Beleg für die bis heute in der islamischen Welt verwendete [[Hidschrī-Jahreszählung]], deren Ausgangspunkt 622 sich auf diese Weise berechnen lässt.<ref>[http://www.islamic-awareness.org/History/Islam/Inscriptions/hammat.html Inschrift mit den drei Zeitangaben]. Dazu siehe [[Karl-Heinz Ohlig]]: ''Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam.'' In: ''[[Aus Politik und Zeitgeschichte]].'' Nummer 26–27, 25. Juni 2007, {{ISSN|0479-611X}}, S. 3–10, hier S. 6 f. ([http://www.bpb.de/files/GB72LS.pdf PDF; 3,23 MB]).</ref><br />
<br />
== Forschungsgeschichte ==<br />
Der deutsche Arzt und Naturforscher [[Ulrich Jasper Seetzen]] besuchte auf seiner Orientreise am 23. Februar 1806 Umm Qais, in seiner Reisebeschreibung schilderte er die dortigen Ruinen und setzte sie bereits mit dem antiken Gadara gleich. [[Johann Ludwig Burckhardt]], der als zweiter Europäer am 5. Mai 1812 die Stadt betrat, setzte sie mit [[Gamla|Gamala]] gleich, seine Ansicht konnte sich aber nicht durchsetzen.<ref>Thomas Maria Weber: ''Gadara – Umm Qēs.'' Band 1: ''Gadara Decapolitana. Untersuchungen zur Topographie, Geschichte, Architektur und der Bildenden Kunst einer „Polis Hellenis“ im Ostjordanland.'' Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-03981-7, S. 16.</ref> Nachdem zahlreiche Gelehrte die Ruinen bereist und zahlreiche heute verlorene Befunde beschrieben hatten, begann eine erste wissenschaftliche Erforschung ab 1886 durch [[Gottlieb Schumacher]] mit der topographischen Erfassung des Geländes und einer Bestandsaufnahme der noch sichtbaren Bauten.<ref>Gottlieb Schumacher: ''Northern ʼAjlûn, „within the Decapolis“.'' Alexander P. Watt, London 1890.</ref><br />
<br />
In den folgenden Jahrzehnten fanden vereinzelt [[Survey (Archäologie)|Begehungen]] und kleinere Ausgrabungen in der Stadt Gadara und den umliegenden Siedlungen statt. 1972 kaufte die jordanische Antikenabteilung das antike Stadtgelände aus privater Hand und ermöglichte damit umfangreichere Grabungen. Diese erfolgten ab 1976 durch das [[Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes|Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes]], woraus schließlich das [[Gadara Region Project]] erwuchs. Hinzu kommen verschiedene Einzeluntersuchungen anderer Forscher und Teams, unter anderem des [[Liebieghaus Skulpturensammlung|Liebieghauses]] und des [[Deutsches Archäologisches Institut|Deutschen Archäologischen Instituts]]. Eine erste zusammenfassende Darstellung des literarischen, inschriftlichen und archäologischen Quellenbefundes stellt die 2002 veröffentlichte Habilitationsschrift von [[Thomas Maria Weber]] dar.<br />
<br />
== Heutige archäologische Forschungen ==<br />
Bei Grabungen seit 1974 im Auftrag des [[Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes|Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes]] wurde eine [[Byzantinisches Reich|oströmische]] Zentralkirche freigelegt. Bald darauf begann eine bis heute andauernde fruchtbare Kooperation zwischen diesem Institut und dem [[Deutsches Archäologisches Institut|Deutschen Archäologischen Institut]] bei der Erforschung des antiken Ortes und seines Hinterlandes. Von 1987 bis 2001 leitete [[Adolf Hoffmann (Bauforscher)|Adolf Hoffmann]] die Ausgrabungen für das DAI in Gadara. Kooperationspartner waren auch die [[Staatliche Museen zu Berlin|Staatlichen Museen zu Berlin]], die von 1991 bis 2005 durch den Archäologen [[Günther Schauerte]] vertreten wurden.<ref>{{Webarchiv|text=Gadara/Umm Qais (Jordanien) |url=http://www.dainst.org/de/project/gadara |wayback=20130701165810 }} (Informationen des [[Deutsches Archäologisches Institut|Deutschen Archäologischen Instituts]]: Kooperation, Teilnehmer)</ref> 2001 übernahm [[Claudia Bührig]] vom DAI die Leitung der Feldforschungen in Gadara. Seit 2010 führt sie zudem den ''Gadara-Umm Qays-Hinterland-Survey'' durch.<br />
<br />
Seit 2001 erforscht das [[Gadara Region Project]] das Umfeld Gadaras, insbesondere die Vorgängersiedlung Gadaras und gleichzeitig deren Nachfolger als regionales Zentrum – den über 5000 Jahre besiedelten [[Tall Zira'a]].<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* {{RE|VII,1|436|437|Gadara 1|[[Immanuel Benzinger]]|RE:Gadara 1}}<br />
* Brita Jansen: ''Die hellenistische Befestigung von Seleukeia Gadara (Umm Qays)'' (= ''Orient-Archäologie''. Band 42). Verlag Marie Leidorf, Rahden 2020.<br />
* Adolf Hoffmann, Susanne Kerner (Hrsg.): ''Gadara – Gerasa und die Dekapolis''. Zabern, Mainz 2002 ([[Antike Welt]], Sonderheft; [[Zaberns Bildbände zur Archäologie]]). ISBN 3-8053-2687-4<br />
* [[Thomas Maria Weber]]: ''Gadara – Umm Qēs.'' Band 1: ''Gadara Decapolitana. Untersuchungen zur Topographie, Geschichte, Architektur und der Bildenden Kunst einer „Polis Hellenis“ im Ostjordanland'' (= ''Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins.'' Band 30). Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-03981-7.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Gadara}}<br />
* [http://www.dainst.org/de/suchen?p_p_id=3&p_p_lifecycle=0&p_p_state=maximized&p_p_mode=view&_3_struts_action=%2Fsearch%2Fsearch&_3_redirect=http%3A%2F%2Fwww.dainst.org%2Fde%2Fproject%2Fgadara&x=0&y=0&_3_keywords=gadara&_3_assetCategoryTitles=&_3_entryClassName= Suchbegriff ''Gadara.'']: Informationen des [[Deutsches Archäologisches Institut|Deutschen Archäologischen Instituts]]<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Coordinate|NS=32/39/17.50|EW=35/40/39.78|type=city|region=JO}}<br />
{{Navigationsleiste Dekapolis}}<br />
<br />
[[Kategorie:Hellenistische Stadt]]<br />
[[Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Jordanien]]<br />
[[Kategorie:Forschungsprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts]]<br />
[[Kategorie:Umm Qais]]<br />
[[Kategorie:Ort im Neuen Testament]]<br />
[[Kategorie:Welterbekandidat in Asien]]<br />
[[Kategorie:Welterbekandidat in Jordanien]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mu%CA%BF%C4%81wiya_I.&diff=264603600Muʿāwiya I.2026-02-22T21:55:44Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>[[Datei:Greek Muawiya inscription of Hammat Gader, 663 AD.png|mini|Eine in Palästina gefundene griechische Bauinschrift auf einer Marmorplatte, die im Jahr 663 n. Chr. die Restaurierung der römisch-byzantinischen Thermen von [[Chammat Gader|El Hammah]] bei [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], einer Stadt der [[Dekapolis]] etwa 110 km von Damaskus entfernt, Muʿāwiya zuschreibt. „In den Tagen des Gottesknechtes Maavia, des Vorstehers der Schutzgewährer, wurden die Thermen gerettet und renoviert… In der sechsten [[Indiktion]], im Jahr 726 seit der Stadtgründung, im 42. Jahr nach der [[Hidschrī-Jahreszählung|Zählung der Araber]], zur Heilung der Kranken, unter Aufsicht des Johannes, Magistrat von Gadara.“<ref>Übersetzung modifiziert nach [[Karl-Heinz Ohlig]]: ''Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam.'' In: ''[[Aus Politik und Zeitgeschichte]].'' Nummer 26–27, 25. Juni 2007, {{ISSN|0479-611X}}, S. 3–10, hier S. 6 f.</ref>]]<br />
'''Muʿāwiya I.''' [{{IPA|muˈʕaːwija}}] ({{arS|معاوية بن أبي سفيان|d=Muʿāwiya b. Abī Sufyān}}; syrisch-aramäischen Originalnamen Maavia; geboren um 603 in [[Mekka]]; gestorben [[18. April]] [[680]] in [[Damaskus]]) gilt in islamischer Tradition als der erste [[Kalif]] der [[Umayyaden]] (661–680) und Begründer dieser Dynastie. Er gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der arabischen Geschichte. Seine Residenzstadt war Damaskus. Die Wahl für Damaskus war möglicherweise auf das Grab von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] zurückzuführen, das das Haupt des Johannes als Reliquie beherbergen soll und heute als [[Umayyaden-Moschee]] bekannt ist.<br />
<br />
== Frühes Leben und Familie ==<br />
Sein Geburtsjahr ist unsicher; frühe islamische Quellen geben 597, 603 oder 605 an.<ref>Martin Hinds: "Muʿāwiya I b. Abī Sufyān". In Bosworth, C. E.; van Donzel, E.; Heinrichs, W. P. & Pellat, Ch. (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflagen. Band VII: Mif–Naz. Leiden: Brill. 1993. ISBN 978-90-04-09419-2. Seit 264</ref> Muʿāwiya wurde in Mekka als Mitglied der [[Umayyaden]], einer Untersippe der Sippe [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|'Abd Shams]] des Stammes der [[Quraisch]], geboren. Sein Vater [[Abū Sufyān ibn Harb]] war das Stammesoberhaupt der Quraisch, die Mekka kontrollierten. Seine Mutter war Abu Sufyans dritte Frau, [[Hind bint Utbah]], eine einflussreiche mekkanische Priesterin. Muawiya, seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Familie gehörten lange Zeit zu den größten Feinden des Propheten [[Mohammed (Prophet)|Mohammed]]: Muʿāwiya und sein Vater gelten als einer der bekanntesten Mitglieder der ''Tulaqa‘''. Dies war eine Gruppe der Feinde Mohammeds aus dem Stamm Quraisch, die nach der Eroberung Mekkas Amnestie vom Propheten erhalten hatten. Nach der Eroberung Mekkas nahmen er und seine Familie den Islam an.<ref>Ibn Hsiham. ''As-Sirah an-Nabawiyyah'' [''Life of Muhammad''] B. 2, S. 597</ref><ref>{{Literatur |Autor=Abu Ja'far Muhammad ibn Jarir al-Tabari (trans. Ismail K Poonawala) |Titel=The last years of the Prophet |Verlag=State University of New York Press |Ort=Albany |Datum=1990 |ISBN=0887066917 |Seiten=32}}</ref><ref name="Lux2">Antonius Lux (Hrsg.): ''Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild''. [[Sebastian Lux Verlag]], München 1963, S. 228.</ref><ref name="Konzelmann2">Gerhard Konzelmann: ''Die großen Kalifen'' 1990, ISBN 3-88199-745-8. Seite 89 ff.</ref><br />
<br />
== Statthalter von Syrien (639–661) ==<br />
[[Datei:Umayyad Arab-Byzantine Solidus.jpg|mini|300px|Nach der Eroberung Syriens ließ Muʿāwiya weiterhin byzantinische [[Solidus|Goldmünzen]] prägen, wobei er jedoch die Kreuze des Vorbilds (unten) durch Kugeln oder Balken (oben) ersetzen ließ.<ref>Umayyadischer arabo-byzantinscher [[Solidus]] (oben) geprägt unter Muʿāwiya (661–680) nach dem Vorbild eines Solidus des Kaisers [[Herakleios]] (610–641). Siehe auch [[Maronitische Chronik]] Quote AG 971 [660] ''… Mu'awiya prägte auch Gold und Silber, aber es wurde nicht akzeptiert weil kein Kreuz darauf war…'' </ref>]]Er nahm an der Eroberung von [[Syrien]] teil und wurde 639 vom zweiten [[Kalif]]en, [[Umar ibn al-Chattab]], zum Statthalter dieser Provinz ernannt. Als solcher organisierte er den Aufbau einer muslimischen Flotte im [[Mittelmeer]], mit der die byzantinische Flotte im Jahr 655 erstmals in der [[Schlacht von Phoinix]] besiegt werden konnte. Im Jahr 663 konnte er auch durch [[Anatolien]] bis zum [[Bosporus]] vorstoßen.<br />
<br />
Nach der Ermordung von Kalif [[ʿUthmān ibn ʿAffān]] (656) schlossen sich dessen Anhänger teilweise Muʿāwiya an. Dieser verweigerte dem neu gewählten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] (656–661) die Anerkennung und warf ihm vielmehr vor, an der Ermordung seines Vorgängers mitverantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der [[Schlacht von Siffin]]; da diese aber zu keiner Entscheidung führte, ließ sich Ali auf Verhandlungen ein. Die darauf folgende Spaltung der Partei Alis ([[Schia]]) stärkte die Position Muʿāwiyas.<br />
<br />
== Kalif (661–680) ==<br />
[[Datei:Anonymous - Muawiya with Councillors, from a manuscript of Hafiz-i Abru’s Majma’ al-tawarikh - 1983.94.4 - Yale University Art Gallery.jpg|mini|Muawiyah und seine Berater, [[Persische Miniaturmalerei]] auf einer Seite der 'Majma al-Tawarikh' (Kompendium der Geschichte) des Hofgeschichtsschreibers Ḥāfeẓ-e Abru]]<br />
<br />
Nachdem ʿAlī im Januar 661 durch den [[Charidschiten]] Ibn Muldscham ermordet worden war, rückte Muʿāwiya mit seinen Truppen gegen den Irak vor, wo [[Hasan ibn ʿAlī]] zum Kalifen erhoben worden war. Durch größere Summen Geldes, die Überlassung der Tributeinkünfte einer persischen Provinz und die Anerkennung seines Rechtes auf die Thronnachfolge konnte Muʿāwiya Ende Juli Hasan dazu bewegen, abzudanken und ihm seinerseits den [[baiʿa|Treueid]] zu leisten.<ref>Vgl. [[Leone Caetani]]: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 461f.</ref> Als Statthalter über [[Kufa]] setzte er al-Mughīra ibn Schuʿba ein, als Statthalter über [[Basra]] im Frühjahr 662 seinen Verwandten ʿAbdallāh ibn ʿĀmir.<ref>Vgl. Leone Caetani: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 462, 464.</ref> Das politische Zentrum des Reiches verlagerte sich nach [[Damaskus]], womit [[Medina]] endgültig seine politische Bedeutung verlor.<br />
<br />
=== Verwaltung ===<br />
Später reorganisierte Muʿāwiya das Reich mit Hilfe von [[ʿAmr ibn al-ʿĀs]] in [[Ägypten]] und [[Ziyād ibn Abī Sufyān]] im [[Irak]]. Ziyād, der einen eigenen Diwan einrichtete, ließ Kopien von Registern anfertigen und stellte Sekretäre an, die die Korrespondenz führten. Einige von ihnen waren Araber, andere [[Mawālī]].<br />
<br />
In der Verwaltung des Kalifenreichs waren noch lange Zeit Christen tätig, die mit der effektiven spätrömischen Verwaltungspraxis vertraut waren. Sie bekleideten auch hochrangige Posten, wie etwa der einflussreiche [[Sarjun ibn Mansur]] und sein Sohn, der später als [[Johannes von Damaskus]] bekannt wurde. Erst um 700 wurden Christen aus der Verwaltung weitgehend verdrängt.<br />
<br />
In der Finanzpolitik machte Muʿāwiya einen klaren Unterschied zwischen dem Einkommen, das durch Erhebung der Grundsteuer (''ḫarāǧ'') erzielt wurde, und den Erträgen der Staatsdomänen (''ṣawāfī''). Das durch die Grundsteuer erwirtschaftete Einkommen blieb zum größten Teil in den Provinzen, nur die Erträge der Staatsdomänen standen ihm und seiner Familie zu. Da mehrere der Staatsdomänen in der Hand von Angehörigen seiner Familie waren, war er stark von der in Syrien erhobenen Grundsteuer abhängig. Um diese Abhängigkeit zu verringern, ordnete er an, dass jede Provinz einen Anteil der Einnahmen aus der Grundsteuer an ihn zu transferieren hatte.<ref>Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: ''Conversion and the Poll Tax in Early Islam.'' Harvard Univ. Pr. u.&nbsp;a., Cambridge, Mass. u.&nbsp;a. 1950; Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi, 2000. S. 30–32.</ref><br />
<br />
=== Expansion und Landgewinnung ===<br />
Unter der Herrschaft Muʿāwiyas wurde die [[islamische Expansion]] wieder aufgenommen. So begann unter [[Uqba ibn Nafi]] die Unterwerfung des [[Maghreb]]. Auch die Eroberung des Ostiran wurde weitergeführt, wo sich teilweise Widerstand formiert hatte (→ [[Peroz von Persien]]). Der Gouverneur von [[Zypern]] schloss einen Vertrag mit dem Kalifen, der ihm gegen regelmäßige Tributzahlungen den Frieden sicherte. Allerdings scheiterte mit der erfolglosen [[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|Belagerung von Konstantinopel]]<ref>Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Bd. 17. Paris 2013, S. 237–320.</ref> die Eroberung des [[Byzantinisches Reich|Byzantinischen Reiches]], auch wenn dieses für kurze Zeit den Muslimen Tribute zu entrichten hatte.<br />
<br />
Im Jahr 661 übertrug Muʿāwiya seinem [[Mawālī|Klienten]] ʿAbdallāh ibn Darrādsch die Eintreibung der Charādsch-Steuer im Irak. Er legte durch die Anlage von Dämmen die Sümpfe (''baṭāʾiḥ'') trocken, die bei der großen Flut im Jahre 627/28 entstanden waren. Das Gebiet gehörte formal noch der früheren [[Sassaniden|sassanidischen]] Königsfamilie und war noch nicht der Charādsch-Steuer unterworfen. Muʿāwiya beauftragte Ibn Darrādsch, diese Ländereien einzuziehen und ein Inventar von ihnen anzulegen. Ibn Darrādsch führte diesen Auftrag aus und konnte auf diese Weise die Erträge Muʿāwiyas aus dem Einzugsgebiet von Kufa und dem irakischen Bewässerungsland (''sawād'') auf 50 Millionen [[Dirham]] steigern.<ref>Vgl. Dennett 29f.</ref><br />
<br />
=== Designation Yazids und Verlust der Legitimität ===<br />
Zwar agitierten die Anhänger ʿAlīs und die [[Charidschiten]] weiter gegen Muʿāwiya, doch wurde seine Herrschaft ansonsten allgemein anerkannt. Dies änderte sich jedoch, als Muʿāwiya gegen Ende seines Lebens seinen Sohn [[Yazid I.|Yazīd]] als Thronfolger designierte und damit den Vertrag brach, den er mit al-Hasan ibn ʿAlī abgeschlossen hatte. ʿAbd ar-Raḥmān, der Sohn [[Abū Bakr]]s, warf Muʿāwiya vor, eine erbliche Dynastie nach Art der Byzantiner und Sassaniden errichten zu wollen.<ref>Vgl. [[az-Ziriklī]]: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAbdallāh 53/673.</ref> Die alten Ressentiments gegen den bis zuletzt heidnisch gebliebenen Clan Umayya lebten jetzt überall wieder auf. Als der Umayyade [[Marwan I.|Marwān]] die Prophetengefährten dazu aufrief, Yazīd den Treueid zu leisten, wetterte [[Aischa bint Abi Bakr|ʿĀ'ischa]], dass der Gottesgesandte seinen Vater verflucht habe und dieser Fluch weiter an ihm hafte.<ref>Zu den Worten, die ʿĀ'ischa bei dieser Gelegenheit benutzt haben soll, vgl. Edward William Lane: ''Arabic-English Lexicon'' (1876), s.v. faḍaḍ.</ref> Viele bekannte Prophetengefährten, darunter auch [[ʿAbdallāh ibn ʿAmr]], wandten sich in dieser Zeit von Muʿāwiya ab.<ref>Vgl. az-Ziriklī: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbdallāh ibn ʿAmr 65/684.</ref> Andere zogen sich in den [[Hedschas]] zurück, um Yazīd nicht den Treueid leisten zu müssen. Auf diese Weise büßte Muʿāwiya am Ende seiner Herrschaft viel von seiner politischen [[Legitimität]] ein. Er starb am 18. April 680 in Damaskus, wo er auch bestattet wurde.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Patricia Crone]], [[Martin Hinds]]: God's Caliph: Religious Authority in the First Centuries of Islam. Cambridge: Cambridge University Press, 2003. ISBN 0-521-32185-9<br />
* {{Literatur |Autor=Ulrich Haarmann |TitelErg=Herausgegeben von [[Heinz Halm]] |Titel=Geschichte der arabischen Welt |Auflage=5., überarbeitete und erweiterte |Verlag=Verlag C. H. Beck |Ort=München |Jahr=2004 |ISBN=3-406-47486-1 |Reihe=Beck’s historische Bibliothek}}<br />
* Martin Hinds: Art. „Muʿāwiya I“. In: ''Encyclopaedia of Islam.'' Band 7. 2. Auflage. S. 263–268.<br />
* Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: ''Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d’Histoire et Civilisation de Byzance.'' Band 17. Paris 2013, S.&nbsp;237–320.<br />
* {{Literatur |Autor=Hugh Kennedy |Titel=The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh century |Auflage=2 |Verlag=Longman |Ort=Harlow u. a. |Jahr=2004 |ISBN=0-582-40525-4}}<br />
* {{Literatur |Autor=[[Gernot Rotter]] |Titel=Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg |Verlag=Franz Steiner Verlag |Ort=Wiesbaden |Jahr=1982 |ISBN=3-515-02913-3 |Reihe=Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes 45, 3}}<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Muawiyah I|Muʿāwiya I.}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references/><br />
<br />
{{Folgenleiste| AMT =Gouverneur von Syrien | ZEIT =639–661 | VORGÄNGER =[[Yazid ibn Abi Sufyan]] | NACHFOLGER =Amt eingestellt | VORGÄNGER_GESCHLECHT = | NACHFOLGER_GESCHLECHT =Im BüroVorgängerNachfolgerBeitrag eingestellt|AMT2=Kalif der [[Umayyaden]]|ZEIT2=661–680|VORGÄNGER2=[[ʿAlī ibn Abī Tālib]]|NACHFOLGER2=[[Yazid I.]]}}<br />
{{Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden}}<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=119217481|VIAF=78169073346564722812}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Muawiya 01}}<br />
[[Kategorie:Kalif (Umayyaden)]]<br />
[[Kategorie:Person (Mekka)]]<br />
[[Kategorie:Geboren 603]]<br />
[[Kategorie:Gestorben 680]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Muʿāwiya I.<br />
|ALTERNATIVNAMEN=معاوية بن أبي سفيان (arabisch)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=erster Kalif der Umayyaden und Begründer dieser Dynastie<br />
|GEBURTSDATUM=603<br />
|GEBURTSORT=[[Mekka]]<br />
|STERBEDATUM=18. April 680<br />
|STERBEORT=[[Damaskus]]<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mu%CA%BF%C4%81wiya_I.&diff=264603550Muʿāwiya I.2026-02-22T21:53:38Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>[[Datei:Greek Muawiya inscription of Hammat Gader, 663 AD.png|mini|Eine in Palästina gefundene griechische Bauinschrift auf einer Marmorplatte, die im Jahr 663 n. Chr. die Restaurierung der römisch-byzantinischen Thermen von [[Chammat Gader|El Hammah]] bei [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], einer Stadt der [[Dekapolis]] etwa 110 km von Damaskus entfernt, Muʿāwiya zuschreibt. „In den Tagen des Gottesknechtes Maavia, des Vorstehers der Schutzgewährer, wurden die Thermen gerettet und renoviert… In der sechsten [[Indiktion]], im Jahr 726 seit der Stadtgründung, im 42. Jahr nach der Zählung der Araber, zur Heilung der Kranken, unter Aufsicht des Johannes, Magistrat von Gadara.“<ref>Übersetzung modifiziert nach [[Karl-Heinz Ohlig]]: ''Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam.'' In: ''[[Aus Politik und Zeitgeschichte]].'' Nummer 26–27, 25. Juni 2007, {{ISSN|0479-611X}}, S. 3–10, hier S. 6 f.</ref>]]<br />
'''Muʿāwiya I.''' [{{IPA|muˈʕaːwija}}] ({{arS|معاوية بن أبي سفيان|d=Muʿāwiya b. Abī Sufyān}}; syrisch-aramäischen Originalnamen Maavia; geboren um 603 in [[Mekka]]; gestorben [[18. April]] [[680]] in [[Damaskus]]) gilt in islamischer Tradition als der erste [[Kalif]] der [[Umayyaden]] (661–680) und Begründer dieser Dynastie. Er gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der arabischen Geschichte. Seine Residenzstadt war Damaskus. Die Wahl für Damaskus war möglicherweise auf das Grab von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] zurückzuführen, das das Haupt des Johannes als Reliquie beherbergen soll und heute als [[Umayyaden-Moschee]] bekannt ist.<br />
<br />
== Frühes Leben und Familie ==<br />
Sein Geburtsjahr ist unsicher; frühe islamische Quellen geben 597, 603 oder 605 an.<ref>Martin Hinds: "Muʿāwiya I b. Abī Sufyān". In Bosworth, C. E.; van Donzel, E.; Heinrichs, W. P. & Pellat, Ch. (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflagen. Band VII: Mif–Naz. Leiden: Brill. 1993. ISBN 978-90-04-09419-2. Seit 264</ref> Muʿāwiya wurde in Mekka als Mitglied der [[Umayyaden]], einer Untersippe der Sippe [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|'Abd Shams]] des Stammes der [[Quraisch]], geboren. Sein Vater [[Abū Sufyān ibn Harb]] war das Stammesoberhaupt der Quraisch, die Mekka kontrollierten. Seine Mutter war Abu Sufyans dritte Frau, [[Hind bint Utbah]], eine einflussreiche mekkanische Priesterin. Muawiya, seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Familie gehörten lange Zeit zu den größten Feinden des Propheten [[Mohammed (Prophet)|Mohammed]]: Muʿāwiya und sein Vater gelten als einer der bekanntesten Mitglieder der ''Tulaqa‘''. Dies war eine Gruppe der Feinde Mohammeds aus dem Stamm Quraisch, die nach der Eroberung Mekkas Amnestie vom Propheten erhalten hatten. Nach der Eroberung Mekkas nahmen er und seine Familie den Islam an.<ref>Ibn Hsiham. ''As-Sirah an-Nabawiyyah'' [''Life of Muhammad''] B. 2, S. 597</ref><ref>{{Literatur |Autor=Abu Ja'far Muhammad ibn Jarir al-Tabari (trans. Ismail K Poonawala) |Titel=The last years of the Prophet |Verlag=State University of New York Press |Ort=Albany |Datum=1990 |ISBN=0887066917 |Seiten=32}}</ref><ref name="Lux2">Antonius Lux (Hrsg.): ''Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild''. [[Sebastian Lux Verlag]], München 1963, S. 228.</ref><ref name="Konzelmann2">Gerhard Konzelmann: ''Die großen Kalifen'' 1990, ISBN 3-88199-745-8. Seite 89 ff.</ref><br />
<br />
== Statthalter von Syrien (639–661) ==<br />
[[Datei:Umayyad Arab-Byzantine Solidus.jpg|mini|300px|Nach der Eroberung Syriens ließ Muʿāwiya weiterhin byzantinische [[Solidus|Goldmünzen]] prägen, wobei er jedoch die Kreuze des Vorbilds (unten) durch Kugeln oder Balken (oben) ersetzen ließ.<ref>Umayyadischer arabo-byzantinscher [[Solidus]] (oben) geprägt unter Muʿāwiya (661–680) nach dem Vorbild eines Solidus des Kaisers [[Herakleios]] (610–641). Siehe auch [[Maronitische Chronik]] Quote AG 971 [660] ''… Mu'awiya prägte auch Gold und Silber, aber es wurde nicht akzeptiert weil kein Kreuz darauf war…'' </ref>]]Er nahm an der Eroberung von [[Syrien]] teil und wurde 639 vom zweiten [[Kalif]]en, [[Umar ibn al-Chattab]], zum Statthalter dieser Provinz ernannt. Als solcher organisierte er den Aufbau einer muslimischen Flotte im [[Mittelmeer]], mit der die byzantinische Flotte im Jahr 655 erstmals in der [[Schlacht von Phoinix]] besiegt werden konnte. Im Jahr 663 konnte er auch durch [[Anatolien]] bis zum [[Bosporus]] vorstoßen.<br />
<br />
Nach der Ermordung von Kalif [[ʿUthmān ibn ʿAffān]] (656) schlossen sich dessen Anhänger teilweise Muʿāwiya an. Dieser verweigerte dem neu gewählten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] (656–661) die Anerkennung und warf ihm vielmehr vor, an der Ermordung seines Vorgängers mitverantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der [[Schlacht von Siffin]]; da diese aber zu keiner Entscheidung führte, ließ sich Ali auf Verhandlungen ein. Die darauf folgende Spaltung der Partei Alis ([[Schia]]) stärkte die Position Muʿāwiyas.<br />
<br />
== Kalif (661–680) ==<br />
[[Datei:Anonymous - Muawiya with Councillors, from a manuscript of Hafiz-i Abru’s Majma’ al-tawarikh - 1983.94.4 - Yale University Art Gallery.jpg|mini|Muawiyah und seine Berater, [[Persische Miniaturmalerei]] auf einer Seite der 'Majma al-Tawarikh' (Kompendium der Geschichte) des Hofgeschichtsschreibers Ḥāfeẓ-e Abru]]<br />
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Nachdem ʿAlī im Januar 661 durch den [[Charidschiten]] Ibn Muldscham ermordet worden war, rückte Muʿāwiya mit seinen Truppen gegen den Irak vor, wo [[Hasan ibn ʿAlī]] zum Kalifen erhoben worden war. Durch größere Summen Geldes, die Überlassung der Tributeinkünfte einer persischen Provinz und die Anerkennung seines Rechtes auf die Thronnachfolge konnte Muʿāwiya Ende Juli Hasan dazu bewegen, abzudanken und ihm seinerseits den [[baiʿa|Treueid]] zu leisten.<ref>Vgl. [[Leone Caetani]]: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 461f.</ref> Als Statthalter über [[Kufa]] setzte er al-Mughīra ibn Schuʿba ein, als Statthalter über [[Basra]] im Frühjahr 662 seinen Verwandten ʿAbdallāh ibn ʿĀmir.<ref>Vgl. Leone Caetani: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 462, 464.</ref> Das politische Zentrum des Reiches verlagerte sich nach [[Damaskus]], womit [[Medina]] endgültig seine politische Bedeutung verlor.<br />
<br />
=== Verwaltung ===<br />
Später reorganisierte Muʿāwiya das Reich mit Hilfe von [[ʿAmr ibn al-ʿĀs]] in [[Ägypten]] und [[Ziyād ibn Abī Sufyān]] im [[Irak]]. Ziyād, der einen eigenen Diwan einrichtete, ließ Kopien von Registern anfertigen und stellte Sekretäre an, die die Korrespondenz führten. Einige von ihnen waren Araber, andere [[Mawālī]].<br />
<br />
In der Verwaltung des Kalifenreichs waren noch lange Zeit Christen tätig, die mit der effektiven spätrömischen Verwaltungspraxis vertraut waren. Sie bekleideten auch hochrangige Posten, wie etwa der einflussreiche [[Sarjun ibn Mansur]] und sein Sohn, der später als [[Johannes von Damaskus]] bekannt wurde. Erst um 700 wurden Christen aus der Verwaltung weitgehend verdrängt.<br />
<br />
In der Finanzpolitik machte Muʿāwiya einen klaren Unterschied zwischen dem Einkommen, das durch Erhebung der Grundsteuer (''ḫarāǧ'') erzielt wurde, und den Erträgen der Staatsdomänen (''ṣawāfī''). Das durch die Grundsteuer erwirtschaftete Einkommen blieb zum größten Teil in den Provinzen, nur die Erträge der Staatsdomänen standen ihm und seiner Familie zu. Da mehrere der Staatsdomänen in der Hand von Angehörigen seiner Familie waren, war er stark von der in Syrien erhobenen Grundsteuer abhängig. Um diese Abhängigkeit zu verringern, ordnete er an, dass jede Provinz einen Anteil der Einnahmen aus der Grundsteuer an ihn zu transferieren hatte.<ref>Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: ''Conversion and the Poll Tax in Early Islam.'' Harvard Univ. Pr. u.&nbsp;a., Cambridge, Mass. u.&nbsp;a. 1950; Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi, 2000. S. 30–32.</ref><br />
<br />
=== Expansion und Landgewinnung ===<br />
Unter der Herrschaft Muʿāwiyas wurde die [[islamische Expansion]] wieder aufgenommen. So begann unter [[Uqba ibn Nafi]] die Unterwerfung des [[Maghreb]]. Auch die Eroberung des Ostiran wurde weitergeführt, wo sich teilweise Widerstand formiert hatte (→ [[Peroz von Persien]]). Der Gouverneur von [[Zypern]] schloss einen Vertrag mit dem Kalifen, der ihm gegen regelmäßige Tributzahlungen den Frieden sicherte. Allerdings scheiterte mit der erfolglosen [[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|Belagerung von Konstantinopel]]<ref>Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Bd. 17. Paris 2013, S. 237–320.</ref> die Eroberung des [[Byzantinisches Reich|Byzantinischen Reiches]], auch wenn dieses für kurze Zeit den Muslimen Tribute zu entrichten hatte.<br />
<br />
Im Jahr 661 übertrug Muʿāwiya seinem [[Mawālī|Klienten]] ʿAbdallāh ibn Darrādsch die Eintreibung der Charādsch-Steuer im Irak. Er legte durch die Anlage von Dämmen die Sümpfe (''baṭāʾiḥ'') trocken, die bei der großen Flut im Jahre 627/28 entstanden waren. Das Gebiet gehörte formal noch der früheren [[Sassaniden|sassanidischen]] Königsfamilie und war noch nicht der Charādsch-Steuer unterworfen. Muʿāwiya beauftragte Ibn Darrādsch, diese Ländereien einzuziehen und ein Inventar von ihnen anzulegen. Ibn Darrādsch führte diesen Auftrag aus und konnte auf diese Weise die Erträge Muʿāwiyas aus dem Einzugsgebiet von Kufa und dem irakischen Bewässerungsland (''sawād'') auf 50 Millionen [[Dirham]] steigern.<ref>Vgl. Dennett 29f.</ref><br />
<br />
=== Designation Yazids und Verlust der Legitimität ===<br />
Zwar agitierten die Anhänger ʿAlīs und die [[Charidschiten]] weiter gegen Muʿāwiya, doch wurde seine Herrschaft ansonsten allgemein anerkannt. Dies änderte sich jedoch, als Muʿāwiya gegen Ende seines Lebens seinen Sohn [[Yazid I.|Yazīd]] als Thronfolger designierte und damit den Vertrag brach, den er mit al-Hasan ibn ʿAlī abgeschlossen hatte. ʿAbd ar-Raḥmān, der Sohn [[Abū Bakr]]s, warf Muʿāwiya vor, eine erbliche Dynastie nach Art der Byzantiner und Sassaniden errichten zu wollen.<ref>Vgl. [[az-Ziriklī]]: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAbdallāh 53/673.</ref> Die alten Ressentiments gegen den bis zuletzt heidnisch gebliebenen Clan Umayya lebten jetzt überall wieder auf. Als der Umayyade [[Marwan I.|Marwān]] die Prophetengefährten dazu aufrief, Yazīd den Treueid zu leisten, wetterte [[Aischa bint Abi Bakr|ʿĀ'ischa]], dass der Gottesgesandte seinen Vater verflucht habe und dieser Fluch weiter an ihm hafte.<ref>Zu den Worten, die ʿĀ'ischa bei dieser Gelegenheit benutzt haben soll, vgl. Edward William Lane: ''Arabic-English Lexicon'' (1876), s.v. faḍaḍ.</ref> Viele bekannte Prophetengefährten, darunter auch [[ʿAbdallāh ibn ʿAmr]], wandten sich in dieser Zeit von Muʿāwiya ab.<ref>Vgl. az-Ziriklī: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbdallāh ibn ʿAmr 65/684.</ref> Andere zogen sich in den [[Hedschas]] zurück, um Yazīd nicht den Treueid leisten zu müssen. Auf diese Weise büßte Muʿāwiya am Ende seiner Herrschaft viel von seiner politischen [[Legitimität]] ein. Er starb am 18. April 680 in Damaskus, wo er auch bestattet wurde.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Patricia Crone]], [[Martin Hinds]]: God's Caliph: Religious Authority in the First Centuries of Islam. Cambridge: Cambridge University Press, 2003. ISBN 0-521-32185-9<br />
* {{Literatur |Autor=Ulrich Haarmann |TitelErg=Herausgegeben von [[Heinz Halm]] |Titel=Geschichte der arabischen Welt |Auflage=5., überarbeitete und erweiterte |Verlag=Verlag C. H. Beck |Ort=München |Jahr=2004 |ISBN=3-406-47486-1 |Reihe=Beck’s historische Bibliothek}}<br />
* Martin Hinds: Art. „Muʿāwiya I“. In: ''Encyclopaedia of Islam.'' Band 7. 2. Auflage. S. 263–268.<br />
* Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: ''Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d’Histoire et Civilisation de Byzance.'' Band 17. Paris 2013, S.&nbsp;237–320.<br />
* {{Literatur |Autor=Hugh Kennedy |Titel=The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh century |Auflage=2 |Verlag=Longman |Ort=Harlow u. a. |Jahr=2004 |ISBN=0-582-40525-4}}<br />
* {{Literatur |Autor=[[Gernot Rotter]] |Titel=Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg |Verlag=Franz Steiner Verlag |Ort=Wiesbaden |Jahr=1982 |ISBN=3-515-02913-3 |Reihe=Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes 45, 3}}<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Muawiyah I|Muʿāwiya I.}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references/><br />
<br />
{{Folgenleiste| AMT =Gouverneur von Syrien | ZEIT =639–661 | VORGÄNGER =[[Yazid ibn Abi Sufyan]] | NACHFOLGER =Amt eingestellt | VORGÄNGER_GESCHLECHT = | NACHFOLGER_GESCHLECHT =Im BüroVorgängerNachfolgerBeitrag eingestellt|AMT2=Kalif der [[Umayyaden]]|ZEIT2=661–680|VORGÄNGER2=[[ʿAlī ibn Abī Tālib]]|NACHFOLGER2=[[Yazid I.]]}}<br />
{{Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden}}<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=119217481|VIAF=78169073346564722812}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Muawiya 01}}<br />
[[Kategorie:Kalif (Umayyaden)]]<br />
[[Kategorie:Person (Mekka)]]<br />
[[Kategorie:Geboren 603]]<br />
[[Kategorie:Gestorben 680]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Muʿāwiya I.<br />
|ALTERNATIVNAMEN=معاوية بن أبي سفيان (arabisch)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=erster Kalif der Umayyaden und Begründer dieser Dynastie<br />
|GEBURTSDATUM=603<br />
|GEBURTSORT=[[Mekka]]<br />
|STERBEDATUM=18. April 680<br />
|STERBEORT=[[Damaskus]]<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Mu%CA%BF%C4%81wiya_I.&diff=264603498Muʿāwiya I.2026-02-22T21:51:52Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>[[Datei:Greek Muawiya inscription of Hammat Gader, 663 AD.png|mini|Eine in Palästina gefundene griechische Bauinschrift auf einer Marmorplatte, die im Jahr 663 n. Chr. die Restaurierung der römisch-byzantinischen Thermen von [[Chammat Gader|El Hammah]] bei [[Gadara (Umm Qais)|Gadara]], einer Stadt der [[Dekapolis]] etwa 110 km von Damaskus entfernt, Muʿāwiya zuschreibt. „In den Tagen des Gottesknechtes Maavia, des Vorstehers der Schutzgewährer, wurden die Thermen gerettet und renoviert… In der sechsten [[Indiktion]], im Jahr 726 seit der Stadtgründung, im 42. Jahr nach der Zählung der Araber, zur Heilung der Kranken, unter Aufsicht des Johannes, Magistrat von Gadara.“<ref>Übersetzung modifiziert nach Norbert G. Pressburg: ''Good Bye Mohammed: Das neue Bild des Islam.'' 3., überarbeitete Auflage. Books on Demand, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-5372-8. S. 80.</ref>]]<br />
'''Muʿāwiya I.''' [{{IPA|muˈʕaːwija}}] ({{arS|معاوية بن أبي سفيان|d=Muʿāwiya b. Abī Sufyān}}; syrisch-aramäischen Originalnamen Maavia; geboren um 603 in [[Mekka]]; gestorben [[18. April]] [[680]] in [[Damaskus]]) gilt in islamischer Tradition als der erste [[Kalif]] der [[Umayyaden]] (661–680) und Begründer dieser Dynastie. Er gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der arabischen Geschichte. Seine Residenzstadt war Damaskus. Die Wahl für Damaskus war möglicherweise auf das Grab von [[Johannes der Täufer|Johannes dem Täufer]] zurückzuführen, das das Haupt des Johannes als Reliquie beherbergen soll und heute als [[Umayyaden-Moschee]] bekannt ist.<br />
<br />
== Frühes Leben und Familie ==<br />
Sein Geburtsjahr ist unsicher; frühe islamische Quellen geben 597, 603 oder 605 an.<ref>Martin Hinds: "Muʿāwiya I b. Abī Sufyān". In Bosworth, C. E.; van Donzel, E.; Heinrichs, W. P. & Pellat, Ch. (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam, 2. Auflagen. Band VII: Mif–Naz. Leiden: Brill. 1993. ISBN 978-90-04-09419-2. Seit 264</ref> Muʿāwiya wurde in Mekka als Mitglied der [[Umayyaden]], einer Untersippe der Sippe [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|'Abd Shams]] des Stammes der [[Quraisch]], geboren. Sein Vater [[Abū Sufyān ibn Harb]] war das Stammesoberhaupt der Quraisch, die Mekka kontrollierten. Seine Mutter war Abu Sufyans dritte Frau, [[Hind bint Utbah]], eine einflussreiche mekkanische Priesterin. Muawiya, seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Familie gehörten lange Zeit zu den größten Feinden des Propheten [[Mohammed (Prophet)|Mohammed]]: Muʿāwiya und sein Vater gelten als einer der bekanntesten Mitglieder der ''Tulaqa‘''. Dies war eine Gruppe der Feinde Mohammeds aus dem Stamm Quraisch, die nach der Eroberung Mekkas Amnestie vom Propheten erhalten hatten. Nach der Eroberung Mekkas nahmen er und seine Familie den Islam an.<ref>Ibn Hsiham. ''As-Sirah an-Nabawiyyah'' [''Life of Muhammad''] B. 2, S. 597</ref><ref>{{Literatur |Autor=Abu Ja'far Muhammad ibn Jarir al-Tabari (trans. Ismail K Poonawala) |Titel=The last years of the Prophet |Verlag=State University of New York Press |Ort=Albany |Datum=1990 |ISBN=0887066917 |Seiten=32}}</ref><ref name="Lux2">Antonius Lux (Hrsg.): ''Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild''. [[Sebastian Lux Verlag]], München 1963, S. 228.</ref><ref name="Konzelmann2">Gerhard Konzelmann: ''Die großen Kalifen'' 1990, ISBN 3-88199-745-8. Seite 89 ff.</ref><br />
<br />
== Statthalter von Syrien (639–661) ==<br />
[[Datei:Umayyad Arab-Byzantine Solidus.jpg|mini|300px|Nach der Eroberung Syriens ließ Muʿāwiya weiterhin byzantinische [[Solidus|Goldmünzen]] prägen, wobei er jedoch die Kreuze des Vorbilds (unten) durch Kugeln oder Balken (oben) ersetzen ließ.<ref>Umayyadischer arabo-byzantinscher [[Solidus]] (oben) geprägt unter Muʿāwiya (661–680) nach dem Vorbild eines Solidus des Kaisers [[Herakleios]] (610–641). Siehe auch [[Maronitische Chronik]] Quote AG 971 [660] ''… Mu'awiya prägte auch Gold und Silber, aber es wurde nicht akzeptiert weil kein Kreuz darauf war…'' </ref>]]Er nahm an der Eroberung von [[Syrien]] teil und wurde 639 vom zweiten [[Kalif]]en, [[Umar ibn al-Chattab]], zum Statthalter dieser Provinz ernannt. Als solcher organisierte er den Aufbau einer muslimischen Flotte im [[Mittelmeer]], mit der die byzantinische Flotte im Jahr 655 erstmals in der [[Schlacht von Phoinix]] besiegt werden konnte. Im Jahr 663 konnte er auch durch [[Anatolien]] bis zum [[Bosporus]] vorstoßen.<br />
<br />
Nach der Ermordung von Kalif [[ʿUthmān ibn ʿAffān]] (656) schlossen sich dessen Anhänger teilweise Muʿāwiya an. Dieser verweigerte dem neu gewählten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] (656–661) die Anerkennung und warf ihm vielmehr vor, an der Ermordung seines Vorgängers mitverantwortlich zu sein. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der [[Schlacht von Siffin]]; da diese aber zu keiner Entscheidung führte, ließ sich Ali auf Verhandlungen ein. Die darauf folgende Spaltung der Partei Alis ([[Schia]]) stärkte die Position Muʿāwiyas.<br />
<br />
== Kalif (661–680) ==<br />
[[Datei:Anonymous - Muawiya with Councillors, from a manuscript of Hafiz-i Abru’s Majma’ al-tawarikh - 1983.94.4 - Yale University Art Gallery.jpg|mini|Muawiyah und seine Berater, [[Persische Miniaturmalerei]] auf einer Seite der 'Majma al-Tawarikh' (Kompendium der Geschichte) des Hofgeschichtsschreibers Ḥāfeẓ-e Abru]]<br />
<br />
Nachdem ʿAlī im Januar 661 durch den [[Charidschiten]] Ibn Muldscham ermordet worden war, rückte Muʿāwiya mit seinen Truppen gegen den Irak vor, wo [[Hasan ibn ʿAlī]] zum Kalifen erhoben worden war. Durch größere Summen Geldes, die Überlassung der Tributeinkünfte einer persischen Provinz und die Anerkennung seines Rechtes auf die Thronnachfolge konnte Muʿāwiya Ende Juli Hasan dazu bewegen, abzudanken und ihm seinerseits den [[baiʿa|Treueid]] zu leisten.<ref>Vgl. [[Leone Caetani]]: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 461f.</ref> Als Statthalter über [[Kufa]] setzte er al-Mughīra ibn Schuʿba ein, als Statthalter über [[Basra]] im Frühjahr 662 seinen Verwandten ʿAbdallāh ibn ʿĀmir.<ref>Vgl. Leone Caetani: ''Chronographia Islamica''. Bd. II. Paris 1912, S. 462, 464.</ref> Das politische Zentrum des Reiches verlagerte sich nach [[Damaskus]], womit [[Medina]] endgültig seine politische Bedeutung verlor.<br />
<br />
=== Verwaltung ===<br />
Später reorganisierte Muʿāwiya das Reich mit Hilfe von [[ʿAmr ibn al-ʿĀs]] in [[Ägypten]] und [[Ziyād ibn Abī Sufyān]] im [[Irak]]. Ziyād, der einen eigenen Diwan einrichtete, ließ Kopien von Registern anfertigen und stellte Sekretäre an, die die Korrespondenz führten. Einige von ihnen waren Araber, andere [[Mawālī]].<br />
<br />
In der Verwaltung des Kalifenreichs waren noch lange Zeit Christen tätig, die mit der effektiven spätrömischen Verwaltungspraxis vertraut waren. Sie bekleideten auch hochrangige Posten, wie etwa der einflussreiche [[Sarjun ibn Mansur]] und sein Sohn, der später als [[Johannes von Damaskus]] bekannt wurde. Erst um 700 wurden Christen aus der Verwaltung weitgehend verdrängt.<br />
<br />
In der Finanzpolitik machte Muʿāwiya einen klaren Unterschied zwischen dem Einkommen, das durch Erhebung der Grundsteuer (''ḫarāǧ'') erzielt wurde, und den Erträgen der Staatsdomänen (''ṣawāfī''). Das durch die Grundsteuer erwirtschaftete Einkommen blieb zum größten Teil in den Provinzen, nur die Erträge der Staatsdomänen standen ihm und seiner Familie zu. Da mehrere der Staatsdomänen in der Hand von Angehörigen seiner Familie waren, war er stark von der in Syrien erhobenen Grundsteuer abhängig. Um diese Abhängigkeit zu verringern, ordnete er an, dass jede Provinz einen Anteil der Einnahmen aus der Grundsteuer an ihn zu transferieren hatte.<ref>Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: ''Conversion and the Poll Tax in Early Islam.'' Harvard Univ. Pr. u.&nbsp;a., Cambridge, Mass. u.&nbsp;a. 1950; Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi, 2000. S. 30–32.</ref><br />
<br />
=== Expansion und Landgewinnung ===<br />
Unter der Herrschaft Muʿāwiyas wurde die [[islamische Expansion]] wieder aufgenommen. So begann unter [[Uqba ibn Nafi]] die Unterwerfung des [[Maghreb]]. Auch die Eroberung des Ostiran wurde weitergeführt, wo sich teilweise Widerstand formiert hatte (→ [[Peroz von Persien]]). Der Gouverneur von [[Zypern]] schloss einen Vertrag mit dem Kalifen, der ihm gegen regelmäßige Tributzahlungen den Frieden sicherte. Allerdings scheiterte mit der erfolglosen [[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|Belagerung von Konstantinopel]]<ref>Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d'Histoire et Civilisation de Byzance. Bd. 17. Paris 2013, S. 237–320.</ref> die Eroberung des [[Byzantinisches Reich|Byzantinischen Reiches]], auch wenn dieses für kurze Zeit den Muslimen Tribute zu entrichten hatte.<br />
<br />
Im Jahr 661 übertrug Muʿāwiya seinem [[Mawālī|Klienten]] ʿAbdallāh ibn Darrādsch die Eintreibung der Charādsch-Steuer im Irak. Er legte durch die Anlage von Dämmen die Sümpfe (''baṭāʾiḥ'') trocken, die bei der großen Flut im Jahre 627/28 entstanden waren. Das Gebiet gehörte formal noch der früheren [[Sassaniden|sassanidischen]] Königsfamilie und war noch nicht der Charādsch-Steuer unterworfen. Muʿāwiya beauftragte Ibn Darrādsch, diese Ländereien einzuziehen und ein Inventar von ihnen anzulegen. Ibn Darrādsch führte diesen Auftrag aus und konnte auf diese Weise die Erträge Muʿāwiyas aus dem Einzugsgebiet von Kufa und dem irakischen Bewässerungsland (''sawād'') auf 50 Millionen [[Dirham]] steigern.<ref>Vgl. Dennett 29f.</ref><br />
<br />
=== Designation Yazids und Verlust der Legitimität ===<br />
Zwar agitierten die Anhänger ʿAlīs und die [[Charidschiten]] weiter gegen Muʿāwiya, doch wurde seine Herrschaft ansonsten allgemein anerkannt. Dies änderte sich jedoch, als Muʿāwiya gegen Ende seines Lebens seinen Sohn [[Yazid I.|Yazīd]] als Thronfolger designierte und damit den Vertrag brach, den er mit al-Hasan ibn ʿAlī abgeschlossen hatte. ʿAbd ar-Raḥmān, der Sohn [[Abū Bakr]]s, warf Muʿāwiya vor, eine erbliche Dynastie nach Art der Byzantiner und Sassaniden errichten zu wollen.<ref>Vgl. [[az-Ziriklī]]: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAbdallāh 53/673.</ref> Die alten Ressentiments gegen den bis zuletzt heidnisch gebliebenen Clan Umayya lebten jetzt überall wieder auf. Als der Umayyade [[Marwan I.|Marwān]] die Prophetengefährten dazu aufrief, Yazīd den Treueid zu leisten, wetterte [[Aischa bint Abi Bakr|ʿĀ'ischa]], dass der Gottesgesandte seinen Vater verflucht habe und dieser Fluch weiter an ihm hafte.<ref>Zu den Worten, die ʿĀ'ischa bei dieser Gelegenheit benutzt haben soll, vgl. Edward William Lane: ''Arabic-English Lexicon'' (1876), s.v. faḍaḍ.</ref> Viele bekannte Prophetengefährten, darunter auch [[ʿAbdallāh ibn ʿAmr]], wandten sich in dieser Zeit von Muʿāwiya ab.<ref>Vgl. az-Ziriklī: ''al-Aʿlām'' s.v. ʿAbdallāh ibn ʿAmr 65/684.</ref> Andere zogen sich in den [[Hedschas]] zurück, um Yazīd nicht den Treueid leisten zu müssen. Auf diese Weise büßte Muʿāwiya am Ende seiner Herrschaft viel von seiner politischen [[Legitimität]] ein. Er starb am 18. April 680 in Damaskus, wo er auch bestattet wurde.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Patricia Crone]], [[Martin Hinds]]: God's Caliph: Religious Authority in the First Centuries of Islam. Cambridge: Cambridge University Press, 2003. ISBN 0-521-32185-9<br />
* {{Literatur |Autor=Ulrich Haarmann |TitelErg=Herausgegeben von [[Heinz Halm]] |Titel=Geschichte der arabischen Welt |Auflage=5., überarbeitete und erweiterte |Verlag=Verlag C. H. Beck |Ort=München |Jahr=2004 |ISBN=3-406-47486-1 |Reihe=Beck’s historische Bibliothek}}<br />
* Martin Hinds: Art. „Muʿāwiya I“. In: ''Encyclopaedia of Islam.'' Band 7. 2. Auflage. S. 263–268.<br />
* Marek Jankowiak: ''The first Arab siege of Constantinople.'' In: ''Travaux et Mémoires du Centre de Recherche d’Histoire et Civilisation de Byzance.'' Band 17. Paris 2013, S.&nbsp;237–320.<br />
* {{Literatur |Autor=Hugh Kennedy |Titel=The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the sixth to the eleventh century |Auflage=2 |Verlag=Longman |Ort=Harlow u. a. |Jahr=2004 |ISBN=0-582-40525-4}}<br />
* {{Literatur |Autor=[[Gernot Rotter]] |Titel=Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg |Verlag=Franz Steiner Verlag |Ort=Wiesbaden |Jahr=1982 |ISBN=3-515-02913-3 |Reihe=Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes 45, 3}}<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Muawiyah I|Muʿāwiya I.}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references/><br />
<br />
{{Folgenleiste| AMT =Gouverneur von Syrien | ZEIT =639–661 | VORGÄNGER =[[Yazid ibn Abi Sufyan]] | NACHFOLGER =Amt eingestellt | VORGÄNGER_GESCHLECHT = | NACHFOLGER_GESCHLECHT =Im BüroVorgängerNachfolgerBeitrag eingestellt|AMT2=Kalif der [[Umayyaden]]|ZEIT2=661–680|VORGÄNGER2=[[ʿAlī ibn Abī Tālib]]|NACHFOLGER2=[[Yazid I.]]}}<br />
{{Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden}}<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=119217481|VIAF=78169073346564722812}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Muawiya 01}}<br />
[[Kategorie:Kalif (Umayyaden)]]<br />
[[Kategorie:Person (Mekka)]]<br />
[[Kategorie:Geboren 603]]<br />
[[Kategorie:Gestorben 680]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=Muʿāwiya I.<br />
|ALTERNATIVNAMEN=معاوية بن أبي سفيان (arabisch)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=erster Kalif der Umayyaden und Begründer dieser Dynastie<br />
|GEBURTSDATUM=603<br />
|GEBURTSORT=[[Mekka]]<br />
|STERBEDATUM=18. April 680<br />
|STERBEORT=[[Damaskus]]<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264603206Umayyaden2026-02-22T21:37:32Z<p>Procopius: /* Politische Geschichte */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman]] eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats. Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er offenbar in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete. [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, hatte seine Wahl ohnehin nie akzeptiert.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Früh entwickelte sich daher ein Machtkampf zwischen den Aliden, die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und Ali zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde auch er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm ergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, indem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und das [[Umayyaden-Kalifat|Kalifat der Umayyaden]] begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
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Zunächst verlegte Muʿāwiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muʿāwiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muʿāwiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muʿāwiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muʿāwiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muʿāwiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muʿāwiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muʿāwiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch das Prinzip der [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muʿāwiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muʿāwiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
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Nach dem Tod Muʿāwiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
{| border="0"<br />
| valign="top" |<br />
{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|661–750<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
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| [[Muʿāwiya I.]]<br />
| 661<br />
| –<br />
| 680<br />
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| [[Yazid I.]]<br />
| 680<br />
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| 683<br />
|-<br />
| [[Muʿāwiya II.]]<br />
| 683<br />
| –<br />
| 684<br />
|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
|-<br />
| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
| 705<br />
|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
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| –<br />
| 717<br />
|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
| 717<br />
| –<br />
| 720<br />
|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
| 724<br />
|-<br />
| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
|-<br />
| [[al-Walid II.]]<br />
| 743<br />
| –<br />
| 744<br />
|-<br />
| [[Yazid III.]]<br />
| 744<br />
|<br />
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|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
| 744<br />
| –<br />
| 745<br />
|-<br />
| [[Marwan II.]]<br />
| 745<br />
| –<br />
| 750<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: red;"|Die umayyadischen Emire von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|756–929<br />
|- style="color: white; background: red;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
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! style="text-align:left"| bis<br />
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| [[Abd ar-Rahman I.]]<br />
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| [[Hischam I.]]<br />
| 788<br />
| –<br />
| 796<br />
|-<br />
| [[al-Hakam I.]]<br />
| 796<br />
| –<br />
| 822<br />
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| [[Abd ar-Rahman II.]]<br />
| 822<br />
| –<br />
| 852<br />
|-<br />
| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
| 852<br />
| –<br />
| 886<br />
|-<br />
| [[al-Mundir]]<br />
| 886<br />
| –<br />
| 888<br />
|-<br />
| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
| 888<br />
| –<br />
| 912<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| 912<br />
| –<br />
| 929<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color: white; background: navy;"|Das umayyadische Kalifat von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color:blue;"|929–1031<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| {{0}}929<br />
| –<br />
| {{0}}961<br />
|<br />
|-<br />
| [[al-Hakam II.]]<br />
| {{0}}961<br />
| –<br />
| {{0}}976<br />
|-<br />
| [[Hischam II.]]<br />
| {{0}}976<br />
| –<br />
| 1009<br />
|-<br />
| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
| 1009<br />
|<br />
|<br />
|-<br />
| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
| 1009<br />
| –<br />
| 1010<br />
|-<br />
| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
| 1010<br />
|<br />
|<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam II.]]<br />
| 1010<br />
| –<br />
| 1013<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
| 1013<br />
| –<br />
| 1016<br />
| erneut<br />
|-<br />
| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
| 1016<br />
| –<br />
| 1018<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
| 1018<br />
|<br />
|<br />
|-<br />
| ''[[al-Qasim al-Ma'mun]]*''<br />
| 1018<br />
| –<br />
| 1021<br />
|-<br />
| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
| 1021<br />
| –<br />
| 1023<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman V.]]<br />
| 1023<br />
| –<br />
| 1024<br />
|-<br />
| [[Muhammad III. (Córdoba)|Muhammad III.]]<br />
| 1024<br />
| –<br />
| 1025<br />
|-<br />
| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
| 1025<br />
| –<br />
| 1026<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam III.]]<br />
| 1026<br />
| –<br />
| 1031<br />
|-<br />
| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
|}<br />
|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
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<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
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<br />
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<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264598690Umayyaden2026-02-22T18:26:44Z<p>Procopius: /* Politische Geschichte */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman]] eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats. Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er offenbar in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Früh entwickelte sich ein Machtkampf zwischen den Aliden, die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm untergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya I. konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, in dem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und die Dynastie der Umayyaden begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muawiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muawiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muaywiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muawiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muawiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muawiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muawiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muawiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch die [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muawiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muawiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muawiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
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== Herrscher der Umayyaden ==<br />
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| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
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| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
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<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
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<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
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|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
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{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264598464Umayyaden2026-02-22T18:24:09Z<p>Procopius: /* Herrschaft der Sufyāniden (660–683) */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman]] eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats. Früh entwickelte sich ein Machtkampf zwischen den Aliden, die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch Uthmans Verwandter [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm untergebenen arabischen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya I. konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, in dem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und die Dynastie der Umayyaden begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muawiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muawiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muaywiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muawiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muawiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muawiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muawiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muawiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch die [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muawiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muawiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muawiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
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| [[Muʿāwiya I.]]<br />
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| [[Yazid I.]]<br />
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| [[Muʿāwiya II.]]<br />
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|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
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| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
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| –<br />
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|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
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|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
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| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
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| [[al-Walid II.]]<br />
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| –<br />
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| [[Yazid III.]]<br />
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|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
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| [[Marwan II.]]<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: red;"|Die umayyadischen Emire von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|756–929<br />
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| [[Abd ar-Rahman I.]]<br />
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| [[Hischam I.]]<br />
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| [[al-Hakam I.]]<br />
| 796<br />
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| [[Abd ar-Rahman II.]]<br />
| 822<br />
| –<br />
| 852<br />
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| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
| 852<br />
| –<br />
| 886<br />
|-<br />
| [[al-Mundir]]<br />
| 886<br />
| –<br />
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| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
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! colspan="5" style="color: white; background: navy;"|Das umayyadische Kalifat von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color:blue;"|929–1031<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
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| [[al-Hakam II.]]<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
| {{0}}976<br />
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| 1009<br />
|-<br />
| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
| 1009<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
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| erneut<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
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| –<br />
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| erneut<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| –<br />
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| erneut<br />
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| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
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| –<br />
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|-<br />
| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
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| ''[[al-Qasim al-Ma'mun]]*''<br />
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| 1021<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
| 1021<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Abd ar-Rahman V.]]<br />
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|-<br />
| [[Muhammad III. (Córdoba)|Muhammad III.]]<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| 1026<br />
| erneut<br />
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| [[Hischam III.]]<br />
| 1026<br />
| –<br />
| 1031<br />
|-<br />
| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
|}<br />
|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
|Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264598277Umayyaden2026-02-22T18:22:15Z<p>Procopius: /* Herrschaft der Sufyāniden (660–683) */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman]] eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats. Früh entwickelte sich ein Machtkampf zwischen den Aliden, die als nächste Blutsverwandte des Propheten das Kalifat beanspruchten, und ihren Gegnern, unter denen die Umayyaden die prominentesten waren. Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der [[Erste Fitna|ersten Fitna]] vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm untergebenen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt und die Aliden für den Mord verantwortlich gemacht habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging, und einem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass viele Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya I. konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, in dem er Alis Sohn Hasan den Verzicht auf die Herrschaft abkaufte, und die Dynastie der Umayyaden begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muawiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch zur Peripherie, der Schwerpunkt verlagerte sich in die reichen Gebiete Syrien und Ägypten, die man kurz zuvor erobert hatte. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muawiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muaywiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muawiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muawiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muawiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muawiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muawiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch die [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muawiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muawiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muawiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
{| border="0"<br />
| valign="top" |<br />
{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|661–750<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
|-<br />
| [[Muʿāwiya I.]]<br />
| 661<br />
| –<br />
| 680<br />
|-<br />
| [[Yazid I.]]<br />
| 680<br />
| –<br />
| 683<br />
|-<br />
| [[Muʿāwiya II.]]<br />
| 683<br />
| –<br />
| 684<br />
|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
|-<br />
| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
| 705<br />
|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
| 715<br />
| –<br />
| 717<br />
|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
| 717<br />
| –<br />
| 720<br />
|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
| 724<br />
|-<br />
| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
|-<br />
| [[al-Walid II.]]<br />
| 743<br />
| –<br />
| 744<br />
|-<br />
| [[Yazid III.]]<br />
| 744<br />
|<br />
|<br />
|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
| 744<br />
| –<br />
| 745<br />
|-<br />
| [[Marwan II.]]<br />
| 745<br />
| –<br />
| 750<br />
|}<br />
| valign="top" |<br />
{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: red;"|Die umayyadischen Emire von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|756–929<br />
|- style="color: white; background: red;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman I.]]<br />
| 756<br />
| –<br />
| 788<br />
|-<br />
| [[Hischam I.]]<br />
| 788<br />
| –<br />
| 796<br />
|-<br />
| [[al-Hakam I.]]<br />
| 796<br />
| –<br />
| 822<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman II.]]<br />
| 822<br />
| –<br />
| 852<br />
|-<br />
| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
| 852<br />
| –<br />
| 886<br />
|-<br />
| [[al-Mundir]]<br />
| 886<br />
| –<br />
| 888<br />
|-<br />
| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
| 888<br />
| –<br />
| 912<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| 912<br />
| –<br />
| 929<br />
|}<br />
| valign="top" |<br />
{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color: white; background: navy;"|Das umayyadische Kalifat von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color:blue;"|929–1031<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
! style="text-align:left"| von<br />
!<br />
! style="text-align:left"| bis<br />
!<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| {{0}}929<br />
| –<br />
| {{0}}961<br />
|<br />
|-<br />
| [[al-Hakam II.]]<br />
| {{0}}961<br />
| –<br />
| {{0}}976<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
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| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
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|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
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<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
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<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264597120Umayyaden2026-02-22T18:12:07Z<p>Procopius: /* Herrschaft der Sufyāniden (660–683) */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen Uthman eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats.<br />
Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und [[ʿAlī ibn Abī Tālib]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der ersten Fitna vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm untergebenen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging und dem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya I. konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, in dem er Alis Sohn Hasan die Herrschaft abkaufte, und die Dynastie der Umayyaden begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muawiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch schnell zur Peripherie, der politische Schwerpunkt verlagerte sich nach Syrien und Ägypten. Die Bedeutung für den Islam konnte Arabien nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muawiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muaywiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Oströmern (Byzantinern). Einer Gegenoffensive letzterer in Nordafrika begegnete Muawiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Plünderungszüge nach Kleinasien; Muawiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die oströmischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer,<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> und auch in Kleinasien konnten die Muslime angesichts des erbitterten Widerstands der kaiserlichen Truppen nicht Fuß fassen. Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muawiya 677 oder 678 niederschlagen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muawiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muawiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch die [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muawiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muawiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muawiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) besiegt und erschlagen, ebenso wurde seine Familie getötet. Diese Niederlage wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
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| [[Yazid II.]]<br />
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| [[al-Walid II.]]<br />
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| [[Yazid III.]]<br />
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| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
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| [[Marwan II.]]<br />
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| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
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| [[al-Mundir]]<br />
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| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
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| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
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| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
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| ''[[al-Qasim al-Ma'mun]]*''<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| [[Abd ar-Rahman V.]]<br />
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| [[Muhammad III. (Córdoba)|Muhammad III.]]<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| [[Hischam III.]]<br />
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|-<br />
| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
|}<br />
|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
|Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Umayyaden&diff=264593795Umayyaden2026-02-22T18:05:30Z<p>Procopius: </p>
<hr />
<div>[[Datei:Abbreviated Umayyad Family Tree.png|mini|Stammbaum der Umaiyaden-Familie mit den beiden Zweigen der Sufyāniden (gelb) und Marwāniden (blau)]]<br />
<br />
Die '''Umayyaden''' oder '''Omajjaden''' ({{arS|بنو أمية&lrm;|banū Umayya}} oder {{ar|الأمويون&lrm;|DMG=al-Umawiyyūn}}) – auch ''Omayyaden'', ''Omaijaden'', ''Omajaden'', ''Omejjaden'' und ''Umajjaden'' – waren ein Familienclan des arabischen Stammes der [[Quraisch]] aus [[Mekka]], des Stammes, dem auch der Religionsgründer [[Mohammed]] entstammte. Angehörige der Familie herrschten von circa 661 bis 750&nbsp;n.&nbsp;Chr. als '''[[Kalif]]en''' (Bezeichnung auch: '''[[Umayyaden-Kalifat]]''') von [[Damaskus]] aus über das damals noch junge islamische Imperium (siehe auch [[Liste der Kalifen]]) und begründeten damit die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte (siehe [[Zeittafel islamischer Dynastien]]). Zuvor herrschte aus der Familie der Umayyaden der dritte Kalif [[Uthman ibn Affan]]. Bei den Umayyaden von Damaskus wird zwischen zwei Linien unterschieden, den ''Sufyāniden'', die sich auf [[Abū Sufyān ibn Harb]] zurückführen, und den ab 685 herrschenden ''Marwāniden'', den Nachkommen von [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]].<br />
<br />
Die Ermordung des dritten Kalifen Uthman führte zum ersten Bürgerkrieg der Muslime, in welchem verschiedene Gruppierungen gegen den vierten Kalifen [[Ali ibn Abi Talib]] kämpften. Als Sieger ging aus den Auseinandersetzungen der Kalif [[Muʿāwiya I.|Muawiya]], ein Verwandter Uthmans, hervor. Dieser stabilisierte das Reich und regierte es für 20 Jahre. Unter seiner Herrschaft kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich. Muawiya designierte seinen Sohn Yazid als Nachfolger, der sich gegen Alis Sohn [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain]] durchsetzen konnte; nach dem frühen Tod von Yazids Sohn [[Muʿāwiya II.|Muawiya II.]] brach jedoch der zweite Bürgerkrieg aus, aus dem die umayyadische Nebenlinie der Marwaniden siegreich hervorging. 750 wurden die Umayyaden schließlich nach einem weiteren Bürgerkrieg durch die [[Abbasiden]] von der Macht verdrängt, konnten sich allerdings im [[Emirat von Córdoba]] noch länger behaupten.<br />
<br />
== Politische Geschichte ==<br />
=== Ursprünge der Dynastie ===<br />
Wie die [[Haschimiten|Banū Hāschim]], der Clan des Propheten Mohammed, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten [[ʿAbd Manāf ibn Qusaiy]]. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf [[Hāschim ibn ʿAbd Manāf|Haschim]] und die Umayyaden auf [[ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf|ʿAbd Schams]]. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayya (''Umayya ibn ʿAbd Scham'').<br />
<br />
Zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien [[Mekka]]s. In dieser Zeit begann Mohammed damit, seine neue Religion in der Stadt zu verkünden. Nachdem er im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach [[Medina]] auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit [[Abū Sufyān ibn Harb]] das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Mohammed geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam.<br />
<br />
Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden letztlich zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Staat eine wichtige Rolle spielten. So diente beispielsweise [[Muʿāwiya I.]], ein Sohn Abu Sufyans, einige Jahre als Mohammeds Sekretär. Nach dem Tod des Propheten nahm er an den [[Islamische Expansion|Feldzügen]] gegen das [[Byzantinisches Reich|Oströmische Reich]] teil, die das Ende der [[Spätantike]] im östlichen Mittelmeerraum einleiteten. Er wurde im Jahr 639 mit dem Posten des Statthalters von [[Syrien]] belohnt. Im Jahr 644 wurde mit [[Uthman ibn Affan]] sogar ein Mitglied des Umayyadenklans zum Kalifen gewählt. Uthman zählte im Gegensatz zum Rest seiner Familie zu den frühsten Unterstützern Mohammeds und war bereits 622 bei der Auswanderung von Mekka dabei gewesen. Bei der Vergabe einflussreicher Posten im Reich begünstigte er in hohem Maße seine eigenen Verwandten, sodass sich bald eine Opposition gegen seine Herrschaft bildete.<br />
<br />
=== Herrschaft der Sufyāniden (660–683) ===<br />
Die Dynastie der Umayyaden entstammte der weiteren Familie des Propheten Mohammed und stellte in vorislamischer Zeit eine der einflussreichsten Familien in Mekka dar. Zunächst Gegner des Propheten, wechselten sie auf die Seite der Muslime und stellten mit dem dritten Kalifen Uthman eines der Oberhäupter des sogenannten [[Schūrā|Schura]]-Kalifats.<br />
Im Jahr 656 wurde Uthman in Medina ermordet und [[ʿAlī ibn Abī Tālib]], der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, zum neuen Kalifen erhoben. Allerdings wurde er nicht von allen Muslimen anerkannt. Die Herrschaft streitig machte ihm neben weiteren Prophetengefährten auch [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya]], der sich im Jahr 660 im syrischen Damaskus ebenfalls zum Kalifen ausrufen ließ. Damit war die muslimische Gemeinschaft (die [[Umma]]) erstmals gespalten. Die Folge war die erste [[Fitna (Islam)|Fitna]], der erste Bürgerkrieg des islamischen Staates. Muʿāwiya konnte sich während der ersten Fitna vor allem auf die Loyalität der syrischen, ihm untergebenen Stämme stützen, die den Umayyaden auch in den folgenden Jahrzehnten treu blieben.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 80.</ref> Gemäß Tabari trat Muʿāwiya in Damaskus als Bluträcher Uthmans hervor, indem er dessen von Blut getränktes Oberteil öffentlich gezeigt habe. Er verbündete sich mit ‘Amr b. al-‘As, dem Statthalter Ägyptens, und zog gegen Ali. Es kam zur Schlacht bei Siffin, welche unentschieden ausging und dem anschließenden Schiedsgericht. Letzteres bewirkte, dass Anhänger von Ali abfielen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 90 f.</ref> Muʿāwiya I. konnte nach Alis Ermordung durch die [[Charidschiten]] (661) seine Herrschaft unter den Muslimen durchsetzen, in dem er Alis Sohn Hasan die Herrschaft abkaufte, und die Dynastie der Umayyaden begründen.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92.</ref><br />
<br />
Zunächst verlegte Muawiya die Hauptstadt von [[Kufa]], wo Ali sein Hauptquartier genommen hatte, nach Damaskus. Damit wurde Arabien politisch schnell zur Peripherie. Die Bedeutung für den Islam konnte es nur noch durch die Heiligen Stätten Mekka und Medina behaupten. Muawiya stütze sich bei seiner Herrschaft auf die syrischen Stämme, insbesondere den Stamm der Kalb, und Personen aus dem ehemaligen Umfeld der Ghassaniden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 92–93.</ref> Muaywiyas Herrschaft stand zu Beginn im Zeichen des wieder aufflammenden Konflikts mit den Römern. Einer Offensive letzterer gegen Nordafrika begegnete Muawiya mit der Anordnung von Kriegszügen gegen die dortigen Römer. Ebenfalls ließ er die Städte Tyros und Akko befestigen. Zur Mitte der 660er Jahre hin unternahmen die Muslime Eroberungszüge nach Kleinasien. Muawiyas Sohn Yazid erreichte 668 die Stadt Chalcedon. In den 670er Jahren unternahmen die Muslime See- und Landzüge gegen die römischen Besitzungen, die sie teils erneut wieder in die Nähe Konstantinopels führten. Eine Seekampagne scheiterte aber an der Verwendung des griechischen Feuers durch die Römer.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 96–97</ref> Einen Aufstand in Syrien, der wahrscheinlich von maronitischen Christen ausging, konnte Muawiya 677 oder 678 beenden.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97.</ref><br />
<br />
Muawiya verließ sich bei der Beherrschung der Provinzen auf mächtige Statthalterpersonen. Diese regierten teilweise lebenslang.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 97–100.</ref> Muawiya schaffte auch die Wahl des Kalifen ab und ersetzte sie durch die [[Erbfolge]], indem er seinen Sohn [[Yazid I.]] öffentlich zum Nachfolger erklärte. Yazid entstammte Muawiyas Ehe mit einer Frau aus dem Kalb-Stamm und brachte so die Unterstützung der Kalb für die Umayyaden mit. Ebenfalls schwächte Muawiya die alidische Opposition, indem er wichtige Parteigänger der Aliden verbannen oder hinrichten ließ, so z.&nbsp;B. Hudschr ibn Adi.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 101</ref><br />
<br />
Nach dem Tod Muawiyas brachen unter seinem Nachfolger [[Yazid I.]] (680–683) mehrere Aufstände gegen die Umayyaden aus. [[Husain ibn Ali|Husain]], der zweite Sohn Alis und Enkel Mohammeds, nutzte die Situation und zog gegen Yazid zu Felde. Er wurde jedoch in der [[Schlacht von Kerbela]] (680) getötet, ebenso wurde seine Familie getötet. Dieser Akt wurde Anlass für das schiitische Trauerfest [[Aschura]]. Trotz dieses umayyadischen Sieges konnte sich die Opposition vor allem im Hedschas um Mekka weiter behaupten, wo [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair|Abdallah b. az-Zubair]], der Sohn des in der [[Kamelschlacht]] getöteten Gegners Alis, ein eigenständiges Kalifat ausrief.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 102–103</ref><br />
<br />
=== Umayyadischer Existenzkampf und Thronfolgewirren (683–685) ===<br />
Im Jahr 682 vertrieb [[ʿAbdallāh ibn az-Zubair]] die Umayyaden aus dem [[Hedschas]]. Yazid sandte im Folgejahr eine Armee aus, um die verlorengegangenen Gebiete zurückzuerobern. Diese besiegte die Aufständischen und belagerte Mekka. Nach dem Tod Yazids im selbe Jahr zog sich diese Armee jedoch nach Syrien zurück. Nachdem 684 auch Yazids Sohn und Nachfolger [[Muʿāwiya II.]] gestorben war, erhielt Ibn az-Zubair unter den Muslimen immer mehr Unterstützung, auch mehrere Stammesfürsten in Syrien und Palästina stellten sich auf seine Seite, darunter Zufar ibn al-Hārith, der Führer des Stammesverband der Qais im Militärbezirk von [[Chalkis (Syrien)|Qinnasrīn]], der den dortigen umayyadischen Statthalter vertrieb.<ref>Vgl. Rotter, S. 135 f.</ref> Mehrere Umayyaden, darunter [[Marwan I.|Marwān ibn al-Hakam]], die nicht mehr daran glaubten, dass ihre Familie ihre Macht erhalten könnte, machten sich auf den Weg in den Hedschas, um ebenfalls Ibn az-Zubair zu huldigen.<ref>Vgl. Rotter, S. 140.</ref> Az-Zubayr gelang es jedoch angesichts von Auflösungserscheinungen an den Rändern des islamischen Machtbereichs nicht, seine Herrschaft vollständig zu konsolidieren.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 103–105.</ref><br />
<br />
Allein durch die Intervention des früheren umayyadischen Statthalters im Irak, ʿUbaidullāh ibn Ziyād, sowie des kalbitischen Stammesführers Hassān ibn Mālik Ibn Bahdal, der mit den Umayyaden verwandt war, wurde die Machtposition der Umayyaden gerettet. ʿUbaidullāh drängte Marwān, sich selbst um das Kalifat zu bewerben, da er als [[Sayyid]] aus der Nachkommenschaft des ʿAbd Manāf mehr Anspruch darauf habe als Ibn az-Zubair. Er kehrte daraufhin wieder um. Ibn Bahdal rief einige Wochen später in [[al-Dschābiya]] einen Kongress der syrischen Militärführer zusammen, bei dem Marwān zum neuen Kalifen ausgerufen wurde.<ref>Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh 2024, S. 108–109.</ref><br />
<br />
=== Herrschaft der Marwāniden (685–750) ===<br />
[[Datei:Umayyad750ADloc.svg|mini|hochkant=1.35|Das Reich der Umayyaden in seiner größten Ausdehnung (ca. 740)]]<br />
[[Datei:Syria, Damascus, The Umayyad Mosque.jpg|mini|Die unter [[al-Walid I.]] umgebaute Johannes-Basilika, die [[Umayyaden-Moschee]] von Damaskus]]<br />
Marwān starb schon ein Jahr nach seiner Herrschaftsübernahme an der Pest. Sein Sohn [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]] (685–705), der nach seinem Tod zum Kalifen erhoben wurde, konnte in den nächsten Jahren jedoch fast alle Gegner der Umayyaden in Syrien und im Irak beseitigen und 692 auch den Kampf mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair erfolgreich für sich entscheiden. Fast alle der nachfolgenden umayyadischen Kalifen waren Söhne bzw. Nachkommen von ʿAbd al-Malik.<br />
<br />
Unter Abd al-Maliks Sohn Walid II. wurde mit dem Bau der Umayyadenmoschee in Damaskus begonnen. Auch unterstütze er die Armen in Syrien.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Nach der Beendigung des Bürgerkriegs begann erneut eine Zeit großer Eroberungen. So wurden im Osten das [[Indus]]gebiet (711) und [[Transoxanien]] (712) besetzt. Im Westen wurde bis 709 der Widerstand der [[Berber]] gebrochen und der [[Maghreb]] unterworfen. Schon 711 wurde das [[Westgoten]]reich auf der Iberischen Halbinsel erobert und erfolgten Raubzüge in das [[Fränkisches Reich|Frankenreich]] bis nach Südfrankreich.<ref>Hugh Kennedy: The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century. Longman, London 2023, 4th ed., S. 94</ref> Die Vorstöße ins Frankenreich wurden aber 732 vom fränkischen [[Hausmeier]], dem [[Karolinger]] [[Karl Martell]], aufgehalten – was nicht zuletzt sicherlich auch an den großen Streitigkeiten bzgl. der Kalifenfrage innerhalb des muslimischen Lagers lag. In den nächsten Jahrzehnten wurden die Muslime über die [[Pyrenäen]] nach Süden abgedrängt. Auch [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte trotz mehrerer Feldzüge und den Belagerungen von [[Konstantinopel]] ([[Belagerung von Konstantinopel (674–678)|674–678]], [[Belagerung von Konstantinopel (717–718)|717–718]]) nicht entscheidend geschlagen werden. Ebenso blieben mehrere Feldzüge gegen die [[Chasaren]] nördlich des [[Kaukasus]] weitgehend erfolglos.<br />
<br />
Seit 718 hatten sich unterdessen schiitische, persische und andere muslimische Gruppen um die [[Abbasiden]] geschart, die Nachfahren von Muhammads Onkel [[al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib|Abbas]]. Diese vertraten die These, dass nur Männer aus dem Zweig dieses Onkels das Amt des Kalifen ausüben konnten. Da die Umayyaden diese verwandtschaftliche Legitimation nicht besaßen, versuchten sie die abbasidische Propaganda zu unterbinden. Dennoch gelang in den vierziger Jahren des [[8. Jahrhundert]]s die Unterwanderung des Kalifats durch die Anhänger der Abbasiden, als unter den Umayyaden heftige Machtkämpfe ausbrachen. Außerdem wurde die herrschende Dynastie zunehmend durch heftige Rivalitäten zwischen den arabischen Stammesfraktionen geschwächt. Der 747 im Ostiran ausbrechenden Aufstand des [[Abu Muslim]] konnte von den Umayyaden deshalb nicht mehr erfolgreich bekämpft werden. 750 wurden diese unter [[Marwan II.]] von den Abbasiden im Nordirak am [[Großer Zab|Großen Zab]] vernichtend geschlagen. In der Folgezeit wurden die Umayyaden im Orient von den Abbasiden endgültig besiegt.<br />
{{Siehe auch|Fränkisch-arabischer Konflikt}}<br />
<br />
=== Emirat und Kalifat von Córdoba ===<br />
Einem Umayyadenprinzen gelang die Flucht in den Maghreb und von dort weiter nach al-Andalus, wo er 756 als [[Abd ar-Rahman I.]] das [[Emirat von Córdoba]] errichtete. 929 erhob sich dort [[Abd ar-Rahman III.]] zum Kalifen. Das [[Kalifat von Córdoba]] hatte bis zum Jahr 1031 Bestand. Mit seinem Ende erlosch auch die Dynastie der Umayyaden endgültig.<br />
<br />
== Rezeptionsgeschichte ==<br />
=== Zeitgenössische Quellen und Darstellungen der Umayyadenzeit ===<br />
Wichtige Quellen für die Umayyadenzeit sind die Universalgeschichten von al-Ya'qubi, at-Tabari und Ibn al-Maqdisi. Regionale Geschichtsschreibung findet sich bei Ibn A'tham, al-Waqidi und al-Baladhuri sowie bei al-Adi Ibn Habib und Ibn abd-al-Hakam. Hinzutreten die Bücher, die die Eroberungsverträge mit unterworfenen Gruppierungen auflisten.<ref>Andreas Kaplony: Das arabisch-islamische Imperium, in: Andreas Kaplony (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2024, S. 69–70.</ref><br />
<br />
Ein Wandel des Bildes der Umayyaden und damit des Konfliktes zwischen ʿAlī und Muʿāwiya trat in der abbasidischen Zeit ein. Die Abbasiden waren daran interessiert, den Umayyaden das Recht auf Herrschaft abzusprechen, da ihre eigene Legitimationsgrundlage der Forderung entsprang, die Herrschaft gebühre alleine einem Nachfahren des Hāschim, des Urgroßvaters des Propheten. Insofern war ein Großteil der Geschichtsschreibung unter den Abbasiden an die herrschende Doktrin angepasst und begründete das negative Urteil über die Umayyaden. Ein wesentlicher Anteil kam hierbei der abbasidischen Hofgeschichtsschreibung zu, zum Beispiel dem Werke Ibn Isḥāqs. Dennoch bestanden auch unabhängige oder umayyadenfreundliche Überlieferungen teilweise fort. Letztere finden sich zum Beispiel bei al-Balādhurī (gest. Ende 9. Jahrhundert).<ref>Ende, 1977, S. 16</ref> Ṭabarī (839–923) scheint ebenfalls die Umayyaden nicht gezielt negativ zu bewerten.<br />
<br />
Bedeutend für die weitere Entwicklung wurde die Festschreibung des sunnitischen Kanons an Lehrmeinungen im Verlauf des 9. Jahrhunderts durch die Herausbildung der sunnitischen Rechtsschulen, insbesondere das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen ist hierbei relevant. Das Konzept der vier rechtgeleiteten Kalifen geht von der Unfehlbarkeit ihrer Handlungen aus. Beispielhaft lässt sich dieses Urteil an einem Zitat [[Ahmad ibn Hanbal]]s zeigen: „Der beste (khayr) nach dem Propheten ist Abuu Bakr, dann Umar dann Utman, dann Ali […] Nach diesen vier sind die Gefährten des Gesandten Gottes die besten der Menschen. Keiner darf ihre schlechten Eigenschaften erwähnen, noch irgendeinen von ihnen irgendeiner Schändlichkeit oder eines Mangels beschuldigen.“<ref>Watt, 1985, S. 292</ref> Eine solche dogmatische Festlegung der rechtgeleiteten Kalifen und ihre Unkritisierbarkeit, musste, zusammen mit dem anti-umayyadischen Trend der abbasidischen Geschichtsschreibung, ein Dogma erschaffen, das seine Wirkmächtigkeit über Jahrhunderte nicht verfehlte.<br />
Das negative Bild der Umayyaden und die Porträtierung ʿAlīs als eines der rechtgeleiteten Kalifen blieb in der Folge weitgehender Konsens im Geschichtsbild der Muslime. Einen gewissen Einschnitt hierbei stellte Ende zufolge der Fall des abbasidischen Kalifats (1258) dar.<ref>Ende, 1977</ref><br />
<br />
Im Gegensatz hierzu spiegelt [[al-Maqrīzī]]s (1364–1442) Werk über den Konflikt zwischen [[Haschimiten|Hāschimiten]] und Umayyaden die klassische [[Sunna|sunnitische]] Bewertung wider, wie sie bis in das 19. Jahrhundert allgemein verankert blieb. Al-Maqrīzī rückt auch ganz das spätere Kalifat der Abbasiden in den Vordergrund und bewertet die Kämpfe der islamischen Frühzeit als Auseinandersetzung nicht etwa der Partei ʿAlīs und der Umayyaden, sondern der größeren [[Liste der Ahnen und Familienmitglieder Mohammeds|ahl al-bayt]] des [[Prophetie#Islam|Propheten]], also der [[Haschimiten]].<br />
<br />
=== Moderne Beurteilung ===<br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Syrien und im Irak mehrfach zu Kontroversen über die historische Beurteilung der Umayyaden. Die erste Kontroverse dieser Art fand 1905 zwischen den beiden arabischen Intellektuellen [[Rafīq Bey al-ʿAzm]] (1865–1925) und [[Dschurdschī Zaidān]] (1861–1914) statt. Ausgangspunkt dieser Kontroverse, die in einem später veröffentlichten Briefwechsel ausgetragen wurde, war die Darstellung des Umayyadenreiches in Dschurdschī Zaidāns „Geschichte der islamischen Zivilisation“ als eines hauptsächlich auf tribale [[ʿAsabīya]] und arabischen [[Chauvinismus]] gegründeten Staates. Al-ʿAzm kritisierte, dass Zaidān in seinem Werk ausschließlich die üblen Seiten der Umayyaden zusammengetragen habe, und verteidigte die Dynastie damit, dass die ʿAsabīya ein Erbteil des [[Beduinen]]tums gewesen sei, das erst durch die Festigung des Islams nach der Vermischung der Araber mit anderen Völkern beseitigt werden konnte. Zaidān hielt dem entgegen, dass die [[Rechtgeleitete Kalifen|Rechtgeleiteten Kalifen]], die noch tiefer in der Kultur der Beduinen verwurzelt waren als die Umayyaden, schon vorher deren Rohheit und Ungeschliffenheit abgelegt hätten.<ref>Vgl. Ende 32–42.</ref><br />
<br />
Im Irak löste im Jahre 1927 ein Buch des libanesischen Geschichtsdozenten Anīs an-Nusūlī (1902–1957) über den syrischen Umayyadenstaat eine innenpolitische Krise aus. An-Nusūlī, der damals am Lehrerbildungsinstitut in Bagdad tätig war, hatte in seinem Buch die Umayyaden sehr positiv dargestellt und das politische Verhalten von Personen wie ʿAlī, Muʿāwiya, al-Husain ibn ʿAlī, Yazīd und [[al-Haddschādsch ibn Yūsuf]] nach Gesichtspunkten der Realpolitik und Staatsräson beurteilt. [[Schia|Schiitische]] Kreise im Irak meinten aber, dass er mit seinem Buch die politischen Fähigkeiten ʿAlīs herabgesetzt und vor allem seinen Sohn al-Husain beleidigt habe. Delegationen aus [[al-Kazimiyya]], [[Nadschaf]] und [[Kerbela]] verlangten vom König die Einziehung des Buches und die Entlassung an-Nusūlīs. Als diese erfolgte, veranstalteten Schüler verschiedener Schulen und Bildungsanstalten, die die von der irakischen Verfassung garantierte Gedankenfreiheit bedroht sahen, Demonstrationen vor dem Erziehungsministerium, bei denen es zu Zusammenstößen mit Polizei und Feuerwehr kam. Drei syrische Kollegen an-Nusūlīs, die sich an diesen Protesten beteiligt hatten, wurden daraufhin ebenfalls entlassen, die an den Demonstrationen beteiligten Schüler wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen. Da ein Großteil der Schüler diese [[Relegation|Relegierung]] als ungerecht empfand, folgten weitere Kundgebungen.<br />
<br />
Der „Fall an-Nusūlī“ beschäftigte noch mehrere Monate Regierung, Parlament und Presse im Irak. Ein schiitischer Gelehrter, Muhammad Mahdī al-Kāzimī, verfasste eine Gegenschrift zu an-Nusūlīs Buch mit dem Titel: „Das Reich des verfluchten Baumes, oder das Zeitalter der Tyrannei der Umayyaden gegen die [[Aliden]]“ (''Daulat aš-šaǧara al-malʿūna, au daur ẓulm banī Umayya ʿalā l-ʿAlawīyīn''). Bei der Wahl des Titels griff er auf ein altes schiitisches Konzept zurück, wonach der im Koran mehrfach (z.&nbsp;B. Sure 17:60) genannte „verfluchte Baum“ ein Sinnbild für die Umayyaden ist.<ref>Vgl. Ende 132–145.</ref><br />
<br />
Ein großer Bewunderer der Umayyaden war auch der syrische Gelehrte Muhammad Kurd ʿAlī (1876–1953). Er hielt im Dezember 1939 in der Syrischen Universität von Damaskus einen Vortrag, in dem er den Beitrag der Umayyaden zur zivilisatorischen Entwicklung, der Entstehung eines arabischen Nationalbewusstsein und zur Expansion der arabischen Herrschaft hervorhob.<ref>Vgl. Ende 65–75.</ref><br />
<br />
== Herrscher der Umayyaden ==<br />
{| border="0"<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: navy;"|Die umayyadischen Kalifen von Damaskus<br />
|-<br />
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| [[Muʿāwiya I.]]<br />
| 661<br />
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| [[Yazid I.]]<br />
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| [[Muʿāwiya II.]]<br />
| 683<br />
| –<br />
| 684<br />
|-<br />
| [[Marwan I.]]<br />
| 684<br />
| –<br />
| 685<br />
|-<br />
| [[Abd al-Malik (Umayyaden)|Abd al-Malik]]<br />
| 685<br />
| –<br />
| 705<br />
|-<br />
| [[al-Walid I.]]<br />
| 705<br />
| –<br />
| 715<br />
|-<br />
| [[Sulayman (Umayyaden)|Sulayman]]<br />
| 715<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Umar Ibn Abd al-Aziz]]<br />
| 717<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Yazid II.]]<br />
| 720<br />
| –<br />
| 724<br />
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| [[Hischām ibn ʿAbd al-Malik|Hischām]]<br />
| 724<br />
| –<br />
| 743<br />
|-<br />
| [[al-Walid II.]]<br />
| 743<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Yazid III.]]<br />
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|<br />
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|-<br />
| [[Ibrahim (Umayyaden)|Ibrahim]]<br />
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| –<br />
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| [[Marwan II.]]<br />
| 745<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color: white; background: red;"|Die umayyadischen Emire von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="4" style="color:blue;"|756–929<br />
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! Name<br />
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| [[Abd ar-Rahman I.]]<br />
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| [[Hischam I.]]<br />
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| [[al-Hakam I.]]<br />
| 796<br />
| –<br />
| 822<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman II.]]<br />
| 822<br />
| –<br />
| 852<br />
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| [[Muhammad I. (Córdoba)|Muhammad I.]]<br />
| 852<br />
| –<br />
| 886<br />
|-<br />
| [[al-Mundir]]<br />
| 886<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Abdallah von Córdoba|Abdallah ibn Muhammad]]<br />
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| –<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
| 912<br />
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{| border="0" cellpadding="2" cellspacing="0"<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color: white; background: navy;"|Das umayyadische Kalifat von Córdoba<br />
|-<br />
! colspan="5" style="color:blue;"|929–1031<br />
|- style="color: white; background: navy;"<br />
! Name<br />
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! style="text-align:left"| bis<br />
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| [[Abd ar-Rahman III.]]<br />
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| {{0}}961<br />
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| [[al-Hakam II.]]<br />
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| [[Hischam II.]]<br />
| {{0}}976<br />
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| 1009<br />
|-<br />
| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
| 1009<br />
|<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
| 1009<br />
| –<br />
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| [[Muhammad II. al-Mahdi]]<br />
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|<br />
|<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam II.]]<br />
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| –<br />
| 1013<br />
| erneut<br />
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| [[Sulaiman al-Mustain]]<br />
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| –<br />
| 1016<br />
| erneut<br />
|-<br />
| ''[[Ali ibn Hammud an-Nasir]]*''<br />
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| –<br />
| 1018<br />
|-<br />
| [[Abd ar-Rahman IV.]]<br />
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|<br />
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| ''[[al-Qasim al-Ma'mun]]*''<br />
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| –<br />
| 1021<br />
|-<br />
| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
| 1021<br />
| –<br />
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|-<br />
| [[Abd ar-Rahman V.]]<br />
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| –<br />
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|-<br />
| [[Muhammad III. (Córdoba)|Muhammad III.]]<br />
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| –<br />
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| ''[[Yahya al-Mutali]]*''<br />
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| –<br />
| 1026<br />
| erneut<br />
|-<br />
| [[Hischam III.]]<br />
| 1026<br />
| –<br />
| 1031<br />
|-<br />
| colspan="5" | <nowiki>*</nowiki> ''Kalifen anderer Dynastien''<br />
|}<br />
|}<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre.'' C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69693-0.<br />
* Ghazi Bisheh, Fawzi Zayadine, Mohammad Al-Assad: ''The Umayyads: The Rise of Islamic Art (Islamic Art in the Mediterranean).'' Amman u.&nbsp;a. 2000.<br />
* [[Georg Bossong]]: ''Das Maurische Spanien. Geschichte und Kultur''. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75607-8.<br />
* [[Claude Cahen]]: ''Der Islam''. Band 1: ''Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreiches''. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968 (''[[Fischer Weltgeschichte]]'' 14).<br />
* [[Werner Ende]]: ''Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts.'' Orient-Institut der [[Deutsche Morgenländische Gesellschaft|Deutschen Morgenländischen Gesellschaft]], Beirut / Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1977, ISBN 3-515-01841-7 (Habilitation)<br />
* [[G. R. Hawting|Gerald R. Hawting]]: ''The first dynasty of Islam. The Umayyad caliphate A.D. 661–750''. Croom Helm, London 1986, ISBN 978-0-415-24073-4<br />
* [[James Howard-Johnston]]: ''Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century.'' Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-920859-3.<br />
* [[Andreas Kaplony]] (Hrsg.): ''Geschichte der arabischen Welt.'' C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-82244-5.<br />
* Andreas Kaplony: ''Konstantinopel und Damaskus. Gesandtschaften und Verträge zwischen Kaisern und Kalifen 639-750.'' Schwarz, Berlin 1996 ([https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/iud/content/structure/1357909 Menadoc Bibliothek, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle]).<br />
* [[Hugh N. Kennedy|Hugh Kennedy]]: ''The Prophet and the Age of the Caliphates. The Islamic Near East from the Sixth to the Eleventh Century''. Longman, London 1986, überarbeitete Aufl. 2004, ISBN 0-582-40525-4, 3. Aufl. 2016.<br />
* Hugh Kennedy: ''Muslim Spain and Portugal. A Political History of Al-Andalus''. Longman, London/New York 1996, ISBN 978-0-582-49515-9.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early Caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1997.<br />
* Andrew Marsham (Hrsg.): ''The Umayyad World.'' Routledge, London/New York 2021, ISBN 978-0-367-56444-5.<br />
* Andrew Marsham: ''The Umayyad Empire.'' Edinburgh University Press, Edinburgh 2024.<br />
* Mohamed Meouak: ''Pouvoir souverain, administration centrale et élites politiques dans l'Espagne umayyad. (II<sup>e</sup>-IV<sup>e</sup>/VIII<sup>e</sup>-X<sup>e</sup> siècles)''. [[Finnische Akademie der Wissenschaften]], Helsinki 1999, ISBN 951-41-0851-5 (''Suomalaisen Tiedeakatemian toimituksia'' Sarja Humaniora 297).<br />
* U. Monneret de Villard: ''Introduzione allo studio dell’archeologia islamica, le origini e il periodo omayyade.'' Venedig/Rom 1968.<br />
* Eduardo Manzano Moreno: ''Der Hof des Kalifen: Córdoba als Zentrum der islamischen Hochkultur''. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-03318-6, im Original: ''La corte del califa: Cuatro años en la Córdoba de los omeyas'', aus dem Spanischen übersetzt von Dorothee Calvillo und Jens G. Fischer.<br />
* Rajaa Nadler: ''Die Umayyadenkalifen im Spiegel ihrer zeitgenössischen Dichter.'' Diss. Erlangen 1990, {{DNB|910264023}}<br />
* [[Gernot Rotter]]: ''Die Umayyaden und der Zweite Bürgerkrieg (680–692).'' Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-02913-3 (''Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes'' 45, 3).<br />
* [[John Joseph Saunders]]: ''A history of Medieval Islam.'' Routledge & Paul, London 1965 (Nachdruck: ebenda 2006, ISBN 0-415-05914-3).<br />
* [[Dieter Vieweger]]: ''Umayyadische Zeit. V Geschichte der biblischen Welt.'' Gütersloher Verlag, Gütersloh 2022, ISBN 978-3-579-07177-0.<br />
<br />
'''Ältere Literatur'''<br />
* [[Gustav Weil]]: ''Geschichte der Chalifen. Band I. Vom Tode Mohammeds bis zum Untergang der Omeijaden, mit Einschluß der Geschichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis zur Trennung vom östlichen Chalifate.'' Bassermann, Mannheim 1846 ([https://books.google.de/books?id=wLtSAAAAcAAJ Digitalisat]).<br />
* [[Julius Wellhausen]]: ''Das arabische Reich und sein Sturz.'' Reimer, Berlin 1902 (2. unveränderte Auflage, de Gruyter, Berlin 1960). Digitalisat [https://archive.org/stream/dasarabischerei00wellgoog#page/n7/mode/1up online].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umayyad dynasty|Umayyaden|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{NaviBlock<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden<br />
|Navigationsleiste Emire der Umayyaden (Córdoba)<br />
|Navigationsleiste Kalifen der Umayyaden (Córdoba)<br />
}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=11858992X|VIAF=69722088}}<br />
<br />
[[Kategorie:Umayyaden| ]]<br />
[[Kategorie:Muslimische Dynastie]]<br />
[[Kategorie:Mittelmeerraum im Mittelalter]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schlacht_bei_Charkow_(1942)&diff=264558711Schlacht bei Charkow (1942)2026-02-22T13:03:12Z<p>Procopius: /* Sowjetische Strategie und Planung */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Map of 1942 Kharkov offensive.png|mini|Karte der Schlacht bei Charkow]]<br />
{{Linkbox Deutsch-Sowjetischer Krieg}}<br />
Die '''Schlacht bei Charkow''', auch '''Zweite Schlacht um Charkow''', war eine größere Schlacht im [[Deutsch-Sowjetischer Krieg|Deutsch-Sowjetischen Krieg]] während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieges]]. Sie fand vom 12. bis 28. Mai 1942 in der Nähe von [[Charkiw|Charkow]] (heute [[Ukraine|ukrainisch]] Charkiw) statt und führte nach Anfangserfolgen der [[Rote Armee|Roten Armee]] zur Einkesselung eines großen Teils der Angriffsverbände durch einen Gegenangriff der [[Wehrmacht]].<br />
<br />
Charkow war aufgrund seiner zentralen Lage bei Vormarsch und Rückzug der deutschen Wehrmacht mehrfach umkämpft. Es fanden während des Krieges in der Region insgesamt vier [[Schlacht bei Charkow|Schlachten]] statt. Die erste ereignete sich beim [[Unternehmen Barbarossa|deutschen Vormarsch]] im Oktober 1941. Im Februar und März 1943 entbrannten erneut heftige Kämpfe um die Stadt, die als [[Schlacht bei Charkow (1943)|Dritte Schlacht um Charkow]] bekannt wurden; nach zwischenzeitlicher Rückeroberung durch die Rote Armee folgte eine erneute deutsche Einnahme. Im August 1943 wurde die Stadt im Rahmen der [[Belgorod-Charkower Operation]] von sowjetischen Truppen endgültig zurückerobert.<br />
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== Vorgeschichte ==<br />
Im Dezember 1941 kam das [[Unternehmen Barbarossa]] auf der Linie [[Sankt Petersburg|Leningrad]], [[Moskau]] und [[Rostow am Don|Rostow]] zum Erliegen. Das [[Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers|sowjetische Oberkommando]] (Stawka) brachte neue Reserven auf und lancierte ab Dezember verschiedene Gegenoffensiven entlang der ganzen Front, welche als [[Deutsch-Sowjetischer Krieg#Sowjetische_Winteroffensive|Sowjetische 1. Winteroffensive]] bekannt wurden. Im Norden versuchten die [[Leningrader Front]] und die [[Nordwestfront (Rote Armee)|Nordwestfront]] in der [[Schlacht am Wolchow]], den Belagerungsring um Leningrad zu öffnen. Die Nordwestfront und die [[Kalininer Front]] gingen mit einer Zangenbewegung Richtung [[Ostrow]] vor, was zur [[Kesselschlacht von Demjansk]] führte. Vor Moskau wurde mit Teilen der Kalininer Front und der [[Westfront (Rote Armee)|Westfront]] die [[Schlacht um Moskau]] geschlagen. Im [[Schwarzes Meer|Schwarzmeergebiet]] startete die [[Transkaukasusfront|Kaukasusfront]] einen Versuch, die [[Krim]] zurückzuerobern. Im Süden hatte die [[1. Panzerarmee (Wehrmacht)|1. Panzerarmee]] unter [[Ewald von Kleist (Generalfeldmarschall)|Ewald von Kleist]] Rostow bereits Ende November wegen starker sowjetischer Gegenangriffe aufgeben müssen. Die Front in diesem südlichen Abschnitt stabilisierte sich am [[Mius]].<br />
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[[Datei:Izium Salient in 1942.png|mini|Frontbogen von Isjum]]<br />
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Am 5. Januar 1942 war General [[Friedrich Paulus]] unter gleichzeitiger Beförderung zum [[General der Panzertruppe]] zum [[Oberbefehlshaber]] der deutschen [[6. Armee (Wehrmacht)|6. Armee]] ernannt worden. Nach dem Tod Generals [[Walter von Reichenau|von Reichenau]] hatte [[Generalfeldmarschall]] [[Fedor von Bock|von Bock]] den Oberbefehl der übergeordneten [[Heeresgruppe Süd]] übernommen.<br />
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Ab 18. Januar 1942 unternahmen die sowjetische [[Südfront (Rote Armee)|Süd-]] und [[Südwestfront (Rote Armee)|Südwestfront]] in der [[Barwenkowo-Losowajaer Operation]] südlich von Charkow einen Angriff zwischen [[Balaklija|Balakleija]] und [[Slowjansk|Slawjansk]] über den [[Siwerskyj Donez|Donez]], um in Richtung zum [[Asowsches Meer|Asowschen Meer]] durchzubrechen und damit die 1. Panzerarmee abzuschneiden und zu vernichten. Die Front zwischen den inneren Flügeln der deutschen 6. und [[17. Armee (Wehrmacht)|17. Armee]] brach innerhalb weniger Tage zusammen. Der nördliche auf [[Krasnohrad|Krasnograd]] gerichtete Vorstoß durch die sowjetische [[6. Armee (Rote Armee)|6. Armee]] (General Gorodnjanski) konnte durch Alarmverbände erst am Oriel-Abschnitt gestoppt werden. Der mittlere auf [[Dnipro|Dnepropetrowsk]] gerichtete Vorstoß durch die [[57. Armee (Rote Armee)|57. Armee]] (General [[Dmitri Iwanowitsch Rjabyschew|D. I. Rjabyschew]]) drängte die deutsche 68. und [[298. Infanterie-Division (Wehrmacht)|298. Infanterie-Division]] bis auf [[Losowaja]] zurück. Der südliche vom 5. und 1. Kavalleriekorps vorgetragene Vorstoß auf [[Donezk|Stalino]] warf den rechten Flügel des deutschen [[XXXXIV. Armeekorps (Wehrmacht)|XXXXIV. Armeekorps]] nach Südosten zurück und bedrohte dann das Hinterland der Deutschen. Am 24. Januar fiel [[Barwenkowo]] und wenige Tage später kam Losowaja in sowjetische Hände. Die Bahnlinien von Charkow nach Süden und von [[Poltawa]] nach Slawjansk waren durch den sowjetischen Durchbruch abgeschnitten. Mit Mühe führte die deutsche 6. Armee unter Einbeziehung starker rumänischer Kräfte [[Taktik (Militär)|taktische]] Gegenschläge durch, welche weitere Erfolge der Sowjets erst Ende Februar eindämmen konnten, die Lage aber nicht völlig entspannten. Der sowjetische Angriffsplan führte nicht zum vollen Erfolg, aber der gewonnene Frontbogen von [[Isjum]] brachte die nötigen Voraussetzungen für eine baldige Wiederaufnahme der Offensive.<br />
<br />
== Strategie und Planung ==<br />
=== Sowjetische Strategie und Planung ===<br />
[[Datei:Semyon Timoshenko.jpg|mini|Marschall S. K. Timoschenko]]<br />
Nach dem Ende der Winteroffensive wollten [[Josef Stalin|Stalin]] und die Stawka die Initiative nicht aus der Hand geben. Der Stawka war bewusst, dass die deutsche Wehrmacht für den Sommer eine erneute Offensive plante. Die Stoßrichtung war jedoch unbekannt. Nach den starken Bemühungen der deutschen Wehrmacht im Herbst 1941 vermutete die Stawka aber eine Fortführung der Angriffe in Stoßrichtung Moskau. Gemäß der im Jahre 1941/42 üblichen [[Strategie (Militär)|strategischen]] Denkweise der Roten Armee wollte Stalin die deutsche Vorbereitung mit mehreren Offensiven entlang der gesamten Ostfront stören, anstatt die Kräfte für eine große Offensive zu konzentrieren.<br />
<br />
Im nördlichen Sektor befahl Stalin daher am 9. April der Leningrader Front und der [[Wolchow-Front]] einen Entsatzangriff zur Befreiung der eingeschlossenen sowjetischen [[2. Stoßarmee]]. Am 22. April 1942 befahl er der Nordwestfront einen weiteren Angriff auf das seit Januar im Demjansker Kessel eingeschlossene deutsche [[II. Armeekorps (Wehrmacht)|II. Armeekorps]]. An der Westfront wurde bei [[Wjasma]] die eingeschlossene Gruppe [[Pawel Alexejewitsch Below|Below]] verstärkt, damit diese sich freikämpfen konnte. Auf der [[Krim]] erhielt die [[Krimfront]] den Befehl, den Brückenkopf auf der [[Halbinsel Kertsch]] zu erweitern, um den Belagerungsring bei [[Sewastopol]] zu brechen. Anfang Mai wurde im Norden der Leningrader Front eine Offensive gegen die finnischen Truppen befohlen.<br />
<br />
Die Offensive im Raume Charkow war dabei die größte. Sie wurde geplant und durchgeführt durch die Südwestfront mit Hilfe der [[Brjansker Front]] und der Südfront. Marschall [[Semjon Konstantinowitsch Timoschenko|Timoschenko]], Oberbefehlshaber der Südwestfront, plante zwei Offensiven, welche sich in einer Zangenbewegung westlich von Charkow vereinigen sollten: Eine südliche Offensive aus dem Frontbogen von Isjum in Richtung Nordwesten, bis westlich von Charkow, und eine nördliche Offensive aus dem kleinen Brückenkopf bei [[Staryj Saltiw|Stary Saltow]], westlich des nördlichen [[Don (Asowsches Meer)|Don]] in Richtung Charkow. Die beiden Gruppenteile sollten sich westlich von Charkow verbinden, die Stadt einnehmen und die dann eingekesselten deutschen Truppen vernichten.<br />
Marschall Timoschenkos weiterer Plan sah vor, mit den vereinigten Truppen in einer weiteren, gemeinsamen Offensive, den wichtigen Knotenpunkt [[Dnipro]]petrowsk einzunehmen. Bei einem Erfolg wären die Nachschublinien der [[Heeresgruppe Süd]] ernsthaft gefährdet gewesen. Dieser Teil des Plans wurde von der Stawka aber nicht genehmigt.<br />
<br />
=== Deutsche Strategie und Planung ===<br />
Nach den Kämpfen im Winter 1941/1942 wollte [[Adolf Hitler|Hitler]] den [[Deutsch-Sowjetischer Krieg|Russlandfeldzug]] im Jahr 1942 zu Ende bringen. Im Gegensatz zum [[Unternehmen Barbarossa]], bei welchem in drei strategischen Stoßrichtungen angegriffen wurde, konzentrierte sich das [[Oberkommando des Heeres|OKH]] aufgrund der bereits erlittenen hohen Verluste nun auf eine einzelne strategische Stoßrichtung: Die Offensive sollte im Süden weitergeführt werden, um die wirtschaftlich wichtigen Regionen im [[Donezbecken]] und im [[Kaukasus]]raum einzunehmen. Aufgrund der erwarteten wirtschaftlichen Schwächung der Sowjetunion durch diese Operationen sollte es, so die Hoffnung der deutschen Generäle, in der Folge möglich sein, mit einem Richtungswechsel der Heeresgruppe Süd nach Norden Moskau einzunehmen. Daraus entstand der Plan [[Fall Blau]].<br />
<br />
Im Vorfeld zum Fall Blau wurden zwei weitere Operationen zur Vorbereitung geplant. Die [[Operation Kreml]] war ein Ablenkungsmanöver, welches eine größere Offensive der [[Heeresgruppe Mitte]] auf Moskau vortäuschen sollte und in der Tat zur sowjetischen Fehleinschätzung der strategischen Lage beitrug. Die [[Operation Fridericus]] hatte hingegen zum Ziel, den Frontbogen von Isjum zu vernichten, denn die [[Heeresgruppe Süd]] hatte Bedenken, dass sich der sowjetische Brückenkopf negativ auf die geplante Sommeroffensive im Süden auswirken könnte. Geplant war ein Angriff der 6. Armee von Norden und von der 1. Panzerarmee von Süden Richtung Isjum. Für diesen Angriff wurden starke Verbände in Charkow und bei [[Slowjansk|Slawjansk]] zusammengezogen. Diese Vorbereitungen, welche der Stawka unbekannt blieben, hatten starken Einfluss auf den Ausgang der sowjetischen Charkow-Offensive, da die deutschen Kräfte um Charkow aus diesem Grund deutlich stärker waren, als es die Rote Armee erwartet hatte.<br />
<br />
== Aufstellung ==<br />
=== Sowjetische Aufstellung ===<br />
Der Angriff sollte durch die Südwestfront und den nördlichen Flügel der Südfront geführt werden. Marschall Timoschenko und sein Stabschef [[Hovhannes Baghramjan|Bagramjan]] setzten vier Armeen direkt zum Angriff an. Zu Beginn der Offensive konzentrierte die Stawka eine Panzergruppe mit 925 Panzern. Die Gruppe bestand aus drei Panzerkorps (21., 22. und 23.) und 9 separaten Panzerbrigaden. Das 22. Panzerkorps (Oberst Alexander Schamschin) wurde der 38. Armee unterstellt und auf die Schützendivisionen aufgeteilt. Das 21. (Generalmajor Grigori Kusmin) und 23. Panzerkorps (Generalmajor [[Jefim Grigorjewitsch Puschkin|Jefim Puschkin]]) wurde dagegen zum Durchbruch konzentriert und bildeten zusammen mit dem 6. Kavalleriekorps (General A. A. Noskow) die mobile Armeegruppe Bobkin.<br />
<br />
==== Nördlicher Sektor ====<br />
Der Nördliche Sektor befand sich östlich von Charkow.<br />
<br />
* [[21. Armee (Rote Armee)|21. Armee]] (Generalmajor [[Wassili Nikolajewitsch Gordow|W. N. Gordow]]): am rechten Frontflügel östlich von [[Belgorod]]. Auftrag: Absicherung der Flanke<br />
* [[28. Armee (Rote Armee)|28. Armee]] (Generalleutnant [[Dmitri Iwanowitsch Rjabyschew|D. I. Rjabyschew]]): nördlich von Stary Saltow. Auftrag: Angriff auf der Linie [[Petropawliwka (Kupjansk)|Petropawlowka]]–[[Russkije Tischki]] (Richtung Westen)<br />
* [[38. Armee (Rote Armee)|38. Armee]] (Generalmajor [[Kirill Moskalenko]]): südlich von Stary Saltow. Auftrag: Angriff auf der Linie [[Seredowka]]–[[Tsirkuny]] (Richtung Westen) / Sicherung der rechten Angriffsflanke bis Höhe [[Balaklija|Balakleja]]<br />
<br />
==== Südlicher Sektor ====<br />
Der Hauptangriff sollte aus dem südlichen Sektor kommen. Dieser befand sich im Norden des Frontbogen von [[Isjum]] und war dadurch stark exponiert.<br />
<br />
* [[6. Armee (Rote Armee)|6. Armee]] (Generalleutnant [[Awksenti Michailowitsch Gorodnjanski|A. M. Gorodnjanski]]): südlich von Charkow. Auftrag: Sicherung der linken südlichen Angriffsflanke. Angriff in nordwestlicher Richtung.<br />
* Armeegruppe Bobkin (Generalleutnant [[Leonid Wassiljewitsch Bobkin|L. W. Bobkin]]): Während der Planung wurde aus zwei Panzerkorps und Teilen der 6. Armee die Gruppe Bobkin gebildet. Diese wurde an der linke Flanke der 6. Armee zum Hauptangriff angesetzt. Auftrag: Angriff in nordwestlicher Richtung und Sicherung des linken Flügels der Südwestfront.<br />
<br />
Mitten im Frontbogen übernahm die Südfront die Sicherung der südlichen Frontlinien. Der Oberbefehlshaber, Generaloberst [[Rodion Jakowlewitsch Malinowski|R. I. Malinowski]], stellte in diesen Abschnitt zwei Armeen.<br />
<br />
* [[57. Armee (Rote Armee)|57. Armee]] (Generalleutnant [[Kusma Petrowitsch Podlas|K. P. Podlas]]): südwestlicher Abschnitt des Isjumer Frontbogen bis [[Barwenkowo]]. Auftrag: Sicherung der linken Flanke der Südwestfront<br />
* [[9. Armee (Rote Armee)|9. Armee]] (Generalmajor [[Fjodor Michailowitsch Charitonow|F. M. Charitonow]]): südöstlicher Abschnitt des Isjumer Frontbogen von Barwenkowo bis [[Slowjansk|Slawjansk]]. Auftrag: Sicherung der linken Flanke der Südwestfront<br />
<br />
Der 9. und 57. Armee standen zur Sicherung der 176 km langen Südgrenze des Isjumer Frontbogens nur 11 Schützendivisionen und eine Schützenbrigade zur Verfügung. Weitere Kräfte der Südfront waren vor Rostow und [[Woroschilowgrad]] für die Sicherung der restlichen Südfront gebunden. Diese Truppen sollten jedoch bei Bedarf an die linke Flanke der Südfront gebracht werden.<br />
<br />
=== Deutsche Aufstellung ===<br />
==== Raum Charkow ====<br />
Die deutsche [[6. Armee (Wehrmacht)|6. Armee]] befand sich auf der linken Flanke der Heeresgruppe Süd und besetzte das Gebiet von [[Kursk]] bis zur südwestlichen Spitze des Isjumer Frontbogens. Im Raum Charkow befanden sich zum Zeitpunkt des Angriffes:<br />
<br />
* [[XXIX. Armeekorps (Wehrmacht)|XXIX. Armeekorps]]: Bei Belgorod, nördlich von Charkow<br />
* [[XVII. Armeekorps (Wehrmacht)|XVII. Armeekorps]]: Bei [[Tscheremeschnoje]], zwischen Belgorod und Charkow<br />
* [[LI. Armeekorps (Wehrmacht)|LI. Armeekorps]]: Bei [[Tschuhujiw|Tschugujew]] östlich von Charkow bis [[Smijiw|Smijew]] südlich von Charkow<br />
* [[VIII. Armeekorps (Wehrmacht)|VIII. Armeekorps]]: Von Smijew, südwestlich von Charkow<br />
<br />
==== Südlicher Frontbogen ====<br />
Der südliche Abschnitt der Heeresgruppe Süd wurde durch die deutsche [[17. Armee (Wehrmacht)|17. Armee]] und die [[1. Panzerarmee (Wehrmacht)|1. Panzerarmee]] verteidigt. An den rechten Flügel der 6. Armee fügten sich folgende Verbände:<br />
<br />
* Rumänisches VI. Armeekorps: Besetzte den östlichen Abschnitt des Frontbogens.<br />
* [[XI. Armeekorps (Wehrmacht)|XI. Armeekorps]]: Bei [[Pawlohrad|Pawlograd]], im südwestlichen Frontbogen.<br />
* [[III. Armeekorps (Wehrmacht)|III. Armeekorps (mot.)]]: Bei [[Stepaniwka (Losowa)|Stepanowka]], vor dem südlichen Frontbogen.<br />
* [[LII. Armeekorps (Wehrmacht)|LII.]] und [[XXXXIV. Armeekorps (Wehrmacht)|XXXXIV. Armeekorps]]: Im Raum [[Slowjansk|Slawjansk]]<br />
<br />
Weitere Verbände der 17. Armee besetzten die Front bis zum [[Asowsches Meer|Asowschen Meer]].<br />
<br />
== Die Schlacht ==<br />
[[Datei:Kharkov2.jpg|mini|Sowjetische Gefangene bei Charkow (1942)]]<br />
=== Timoschenkos Offensive ===<br />
Der sowjetische Angriff, an dem rund 380.000 Soldaten teilnahmen, begann am 12. Mai 1942. Timoschenkos Großoffensive zielte jetzt mit der Hauptmacht direkt auf Charkow. Aus dem Isjumer Frontbogen traten die Truppen der Südwestfront (6., 9., Teile 38. und 57. Armee, unterstützt von fünf Panzerkorps sowie 13 separate Panzerbrigaden) nach Nordwesten und Westen gegen die deutsche 6. Armee an. Die sowjetische [[28. Amee (Rote Armee)|28. Armee]] führte nördlicher einen separaten Angriff gegen die Front des deutschen XVII. Armeekorps (General [[Karl-Adolf Hollidt|Hollidt]]) bei [[Wowtschansk|Woltschansk]], der nach geglücktem Durchbruch ins nördliche Vorfeld von Charkow gelangen sollte. Die vorderen Verteidigungsstellungen des VIII. Armeekorps (General [[Walter Heitz|Heitz]]) fielen rasch, die Rote Armee gewann schnell an Raum. Die Front der [[62. Infanterie-Division (Wehrmacht)|62. Infanterie-Division]] brach bei Lichatschewo unter dem Ansturm mehrerer Schützendivisionen und von mehr als 300 Panzern schnell zusammen. Ebenso wenig konnte die [[294. Infanterie-Division (Wehrmacht)|294. Infanterie-Division]] bei Ternowaja den Ansturm der 28. Armee (General Rjabyschew) standhalten und musste zurückweichen. Die sowjetische [[38. Armee (Rote Armee)|38. Armee]] schloss südlich davon an und hielt die Verbindung zwischen beiden Angriffsgruppen aufrecht, zudem deckte diese Armee den Donez-Abschnitt zwischen Stary Saltow und Balakeja gegenüber dem deutschen LI. Armeekorps. [[Kirill Moskalenko|Moskalenkos]] Truppen kamen 6 km voran und kämpften an der Linie Nowo Alexandrowka und Tscherwona Rogana, als ein Gegenangriff der deutschen [[3. Panzer-Division (Wehrmacht)|3. Panzer-Division]] auf Stary Saltow die dort stehenden sowjetischen Truppen zum Rückzug auf das Ostufer der Bolschaja Babka zwang. Nach Süden verzeichneten die sowjetische 9. und 57. Armee keinen Raumgewinn, weil diesen Großverbänden vorrangig die Deckung der Südflanke zufiel. Am 14. Mai brachen Truppen der sowjetischen 6. Armee den deutschen Widerstand bei Bischkin und Bereka und drangen an der Front des VIII. Armeekorps ein. Nur durch das Eingreifen des deutschen [[VIII. Fliegerkorps]] konnten die Spitzen des sowjetischen 21. (General Kusmin) und 23. Panzerkorps (General [[Jefim Grigorjewitsch Puschkin|Puschkin]]), etwa 20–25 km von Charkow entfernt, entlang des südlichen Vorfeldes der Stadt gestoppt werden. Das am weitesten nach Westen durchgebrochene sowjetische 6. Kavallerie-Korps umfasste [[Krasnohrad|Krasnograd]] bereits von Norden, Osten und Süden. Ein deutscher Gegenstoß der neu herangeführten [[305. Infanterie-Division]] in die Flanke der Armeegruppe Bobkin konnte die unmittelbare Bedrohung von [[Poltawa]] aufheben. Die von Timoschenko geplante Einkesselung des deutschen VIII., XVII. und [[LI. Armeekorps (Wehrmacht)|LI. Armeekorps]] gelang nicht. Die sowjetische Stoßkraft ließ schneller nach als erwartet, gleichzeitig erhärtete sich der deutsche Widerstand.<br />
<br />
=== Deutscher Gegenangriff ===<br />
Am 17. Mai begann die deutsche Gegenoffensive durch die Armeegruppe Kleist: Das III. Panzerkorps (General [[Leo Geyr von Schweppenburg|Geyr von Schweppenburg]]) trat als Spitze des Angriffskeiles von Süden her mit stärkeren Panzerkräften ([[14. Panzer-Division (Wehrmacht)|14.]] und [[16. Panzer-Division (Wehrmacht)|16. Panzer-Division]], [[60. Infanterie-Division (mot.) (Wehrmacht)|60. mot. Division]]) gegen das Hinterland der sowjetischen Angriffsarmeen an. Das im Raum Losowaja stehende XI. Armeekorps, das beidseitig von zahlreichen verbündeten Truppen (rumänisches VI. Armeekorps) gedeckt war, versuchte sich dem Angriff am westlichen und südwestlichen Abschnitt des Frontvorsprunges anzuschließen. Kleists Truppen stießen von [[Slowjansk|Slawjansk]] (LII. Armeekorps), [[Barwinkowe|Barwenkowo]] (III. Panzerkorps) und [[Losowaja]] (XI. Armeekorps) gemeinsam nach Norden vor. Vorsorglich hatte das Oberkommando der deutschen 6. Armee den eigenen gehaltenen Donez-Vorsprung von Andrejewka im Januar nicht aufgegeben, jetzt bot er General Paulus die Möglichkeit eines Flankenstoßes gegen die nach Charkow durchgebrochenen Sowjetarmeen. Teile der den Raum Charkow sichernden [[3. Panzer-Division (Wehrmacht)|3.]] und [[23. Panzer-Division (Wehrmacht)|23. Panzer-Division]] versuchten, von Norden her den Panzern Kleists entgegenzustoßen.<br />
Am 19. Mai erreichten Kleists Verbände, nicht zuletzt dank massiver Luftunterstützung des [[IV. Fliegerkorps]]<ref>{{Literatur|Autor=Horst Boog, Werner Rahn, Reinhard Stumpf, Bernd Wegner|Titel=Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg|TitelErg=Der globale Krieg – Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941 bis 1943|Verlag=Deutsche Verlags-Anstalt|Ort=Stuttgart|Datum=1990|ISBN=978-3-421-06233-8|Seiten=859}}</ref>, die Linie Südrand Isjum – Kamyshewaja, die Panzertruppen überschritten die Bereka bei Petrowskoje. Am Abend dieses Tages verdichtete sich vor dem VIII. Armeekorps der Eindruck, dass die sowjetische Angriffskraft in Richtung auf Charkow den Höhepunkt überschritten hatte, der drohende Durchbruch war zum Stehen gebracht.<br />
<br />
Am 20. Mai wurde der nördliche Stoßkeil des III. Panzerkorps vom sowjetischen II. Kavalleriekorps an der westlichen Flanke bei Gawrilowka heftig angegriffen. Nachgezogene Infanterie der [[1. Gebirgs-Division (Wehrmacht)|1. Gebirgs-Division]], der [[389. Infanterie-Division (Wehrmacht)|389.]] und [[384. Infanterie-Division (Wehrmacht)|384. Infanterie-Division]] übernahm den Schutz der Westflanke. Der 14. Panzer-Division gelang am 22. Mai die Einnahme von Gussarowka, damit war die Breite des westlichen sowjetischen Brückenkopfes am Donez mehr als halbiert. Die vier südlich der Stadt Charkow im Angriff stehenden sowjetischen Armeen wurden von der nun drohenden Einkesselung völlig überrascht. Beim VIII. Armeekorps begann die 305. Infanterie-Division ihren Übergang an der Berestowenka, die [[113. Infanterie-Division (Wehrmacht)|113. Infanterie-Division]] ging bei Taranowka nach Süden vor. Am Nordabschnitt bei Ternowaja konnte das XVII. Armeekorps die verlorene Verbindung mit dem Südflügel des [[XXIX. Armeekorps (Wehrmacht)|XXIX. Armeekorps]] am Murom wiederherstellen, ab 22. Mai musste die sowjetische 28. Armee in Abwehrstellung übergehen.<br />
<br />
Am 23. Mai konnte sich das von Süden wirkende III. Panzerkorps (Geyr von Schweppenburg) mit der über Andrejewka kommenden Korpsgruppe [[Hermann Breith|Breith]] (Teile 3. und 23. Panzer-Division sowie [[44. Infanterie-Division (Wehrmacht)|44. Infanterie-Division]]) vereinigen und die Einkesselung der sowjetischen Truppen damit vollenden. Am 25. Mai verübten der Befehlshaber der 57. Armee, General Podlas, und sein Stabschef Selbstmord, am 26. Mai wurde General Bobkin nahe dem Dorf Krutojarka tödlich getroffen, auch Generalleutnant [[Fjodor Jakowlewitsch Kostenko|F. J. Kostenko]] wurde getötet. Am 27. Mai fiel General Gorodnjanski, der Befehlshaber der sowjetischen 6. Armee, bei einem Ausbruchsversuch seiner Truppen. Generalmajor A. A. Noskow, Kommandeur des eingeschlossenen 6. Kavallerie-Korps, wurde gefangen genommen. Die eingeschlossenen sowjetischen Truppen versuchten noch bis zum 27. Mai vergeblich, nach Südosten auszubrechen. Rund 240.000 sowjetische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft, etwa 1250 sowjetische Panzer wurden in den Kämpfen vernichtet oder erbeutet. Die für die sowjetische Frühjahrs- und Sommeroffensive vorgesehenen Kräfte waren nicht mehr vorhanden.<br />
<br />
== Bedeutung der Schlacht ==<br />
Der Sieg bei Charkow war gleichzeitig eine der letzten siegreichen [[Kesselschlacht]]en der Wehrmacht. Durch diesen Sieg erkämpften sich die Deutschen die strategischen Voraussetzungen für die [[Sommeroffensive 1942]].<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Robert Forczyk]]: ''Kharkov 1942 - The Wehrmacht strikes back'', 2013, ISBN 978-1-78096-157-6.<br />
* [[David M. Glantz]]: ''Kharkov 1942 – Anatomy of a Military Disaster Through Soviet Eyes.'' ISBN 0-7110-2562-2.<br />
* H. Selle: ''Frühjahrsschlacht von Charkow'', aus [[Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift]] Band 121 (1955) Heft 8, S. 581–600.<br />
* [[Carl Wagener (Offizier)|Carl Wagener]]: Heeresgruppe Süd, Podzun Verlag, Bad Nauheim, S. 118–122.<br />
* [[Howhannes Bagramian|Iwan Ch. Bagramjan]]: ''So schritten wir zum Sieg'', Militär Verlag der DDR, Berlin 1984, S. [http://militera.lib.ru/memo/russian/bagramyan2/02.html 43-60].<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* https://www.you-books.com/book/K-Bykov/Poslednij-triumf-Vermahta-Harkovskij-kotel<br />
{{Commonscat|Second Battle of Kharkov|Schlacht bei Charkow (1942)}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4646790-7}}<br />
<br />
[[Kategorie:Schlacht des Zweiten Weltkriegs|Charkow, 1942]]<br />
[[Kategorie:Militärische Operation des Deutsch-Sowjetischen Krieges|Charkow, 1942]]<br />
[[Kategorie:Geschichte (Charkiw)]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1942]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Deutsch-Sowjetischer_Krieg&diff=264558628Deutsch-Sowjetischer Krieg2026-02-22T12:59:35Z<p>Procopius: /* Südoffensive: Kampf um die Ölquellen */</p>
<hr />
<div>{{Dieser Artikel|behandelt den ''Deutsch-Sowjetischen Krieg''. Den Kriegsplan selbst behandelt [[Unternehmen Barbarossa]].}}{{Linkbox Deutsch-Sowjetischer Krieg}}<br />
Der '''Deutsch-Sowjetische Krieg''' (im [[NS-Staat]] als '''Russland-''' oder '''Ostfeldzug''' bezeichnet, in der früheren [[Sowjetunion]], dem heutigen [[Russland]] und einigen anderen [[Postsowjetische Staaten|Nachfolgestaaten der Sowjetunion]] als '''Großer Vaterländischer Krieg''', {{ruS|Великая Отечественная война|Welikaja Otetschestwennaja woina}}) war Teil des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieges]]. Er begann am 22.&nbsp;Juni 1941 mit dem deutschen [[Unternehmen Barbarossa|Überfall auf die Sowjetunion]] und endete am 8.&nbsp;Mai 1945 mit der [[Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht|bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht]] in [[Berlin]]. Die '''Ostfront''' war bis Juni 1944 ([[Operation Overlord|Invasion in der Normandie]]) die alleinige Hauptlandfront der [[Alliierte#Zweiter Weltkrieg|Alliierten]] im Kampf gegen das [[Zeit des Nationalsozialismus|nationalsozialistische Deutschland]] und [[Achsenmächte|seine Verbündeten]].<br />
<br />
Ein Krieg gegen Russland zur Eroberung von „[[Lebensraum im Osten|Lebensraum]]“ für die „[[Herrenvolk und Herrenrasse|arische Herrenrasse]]“ und zur Vernichtung des „[[Jüdischer Bolschewismus|jüdischen Bolschewismus]]“ gehörte zu den grundlegenden, bereits in seiner Programmschrift ''[[Mein Kampf]]'' formulierten Zielen [[Adolf Hitler]]s. Den endgültigen Entschluss zum Angriff gab er dem [[Oberkommando der Wehrmacht]] (OKW) am 31.&nbsp;Juli 1940 bekannt und befahl am 18.&nbsp;Dezember 1940 mit der [[Weisung Nr. 21]], ihn bis Mai 1941 unter dem Decknamen „[[Unternehmen Barbarossa]]“ militärisch vorzubereiten. Dies war ein bewusster Bruch des am 24. August 1939 geschlossenen [[Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt|deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes]]. Das [[Zeit des Nationalsozialismus|NS-Regime]] plante, große Teile der sowjetischen Bevölkerung zu vertreiben, zu versklaven und zu töten. Es nahm daher den [[Hungerplan|millionenfachen Hungertod]] sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten bewusst in Kauf, ließ sowjetische Offiziere und Kommissare auf der Basis [[völkerrecht]]swidriger Befehle ermorden und nutzte diesen Krieg, der große Teile der [[Judentum|jüdischen]] Bevölkerung Europas in seine Reichweite brachte, zur so genannten „[[Endlösung der Judenfrage]]“.<ref>[[Hannes Heer]], Christian Streit: ''Vernichtungskrieg im Osten. Judenmord, Kriegsgefangene und Hungerpolitik.'' VSA Verlag, Hamburg 2020, ISBN 978-3-96488-039-0.</ref><br />
<br />
Nach anfänglichen deutschen Erfolgen leiteten sowjetische Siege in der [[Schlacht um Moskau]] Ende 1941 und vor allem in der [[Schlacht von Stalingrad]] 1942/43 Deutschlands vollständige Niederlage ein. Nachdem im Sommer 1943 das deutsche „[[Unternehmen Zitadelle]]“ gescheitert war, ging die Initiative endgültig auf die [[Rote Armee]] über. Nach dem [[Operation Bagration|Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte]] im Sommer 1944, der auf die Eröffnung der lange erwarteten „[[Zweite Front der Alliierten gegen die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg|Zweiten Front]]“ in [[Westeuropa]] ([[Operation Overlord]]) durch die westlichen Alliierten der [[Anti-Hitler-Koalition]] folgte, war die Wehrmacht militärisch geschlagen und konnte nur noch hinhaltenden Widerstand leisten. Dennoch waren auch die letzten Kriegsmonate noch von äußerst verlustreichen Kämpfen geprägt.<br />
<br />
Vor allem wegen der von Deutschen geplanten und ausgeführten Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung starben im Kriegsverlauf zwischen 24 und 40 Millionen Bewohner der Sowjetunion. Dieser Krieg gilt wegen seiner verbrecherischen Ziele, [[Kriegsführung]] und Ergebnisse allgemein als der „ungeheuerlichste [[Eroberungskrieg|Eroberungs-]], [[Sklaverei|Versklavungs]]- und [[Vernichtungskrieg]], den die moderne Geschichte kennt“.<ref>[[Ernst Nolte]]: ''Der Faschismus in seiner Epoche.'' Erstausgabe. [[Piper Verlag]], München 1963, S. 436.</ref><br />
<br />
Das Kriegsende am 8./9. Mai 1945 wird in vielen Ländern als [[Tag der Befreiung]], in Russland als [[Tag des Sieges]] begangen. In der sowjetischen und russischen Erinnerungskultur markiert der deutsche Überfall auf die Sowjetunion oftmals den Beginn des Zweiten Weltkriegs, weil sie für gewöhnlich den Zweiten Weltkrieg mit dem „Großen Vaterländischen Krieg“ gleichsetzt und frühere Kriegsereignisse, wie den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, den [[Sowjetische Besetzung Ostpolens|sowjetischen Einmarsch in Polen]], die [[Sowjetische Besetzung Lettlands 1940|Besetzung von Lettland]], Litauen, Estland und [[Sowjetische Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina|von Bessarabien]] weitgehend ausblendet oder umdeutet.<br />
<br />
== Vorgeschichte ==<br />
{{Siehe auch|Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa}}<br />
<br />
=== Nationalsozialistische Ziele ===<br />
{{Hauptartikel|Unternehmen Barbarossa#Hitlers „Ostprogramm“|titel1=Hitlers „Ostprogramm“}}<br />
[[Datei:Operation Barbarossa corrected border.png|mini|Geplante Vorstoßrichtungen im Unternehmen Barbarossa (1941)]]<br />
<br />
Der Deutsch-Sowjetische Krieg geht wesentlich auf die ideologisch-politischen Ziele des [[Nationalsozialismus]] zurück, der sich als radikalen [[Weltanschauung#Im Nationalsozialismus|weltanschaulichen]] Gegenentwurf zum [[Bolschewismus]] sah. Diesen betrachtete Hitler in ''Mein Kampf'' (1925) als eine auf Welteroberung ausgerichtete Tyrannei eines angeblichen „[[Weltjudentum]]s“. Dessen Vernichtung und die Unterwerfung der angeblich von ihm abhängigen, „rassisch minderwertigen“ [[Slawen]] seien unausweichlich, um den deutschen „[[Arier]]n“ den ihnen zustehenden „[[Lebensraum im Osten]]“ zu verschaffen. Diesen zu erobern, war ein Hauptziel der NS-Außenpolitik.<br />
<br />
Die beabsichtigte Eroberung großer Teile [[Osteuropa]]s knüpfte zwar an ältere Ziele der traditionell [[Antikommunismus|antikommunistischen]] Militäreliten des [[Deutsches Kaiserreich|Kaiserreichs]] und der [[Weimarer Republik]] an; auch die dazu notwendige Aufrüstung, der Bruch des [[Friedensvertrag von Versailles|Versailler Vertrages]] und der Austritt aus dem [[Völkerbund]] waren schon um 1930 weitgehend Konsens in der [[Reichswehr]]. Den deutschen Militärs ging es aber im Wesentlichen um eine Revision der Ergebnisse des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]]. Die auf reinem [[Rassismus]] beruhende [[Lebensraum-Politik]] der NS-Führung und deren Absicht, die Sowjetunion als Staat und zugleich ihre tatsächlichen oder vermuteten Eliten zu vernichten, gingen jedoch weit über diese früheren Ziele hinaus.<ref>Andreas Hillgruber: ''Die „Endlösung“ und das deutsche Ostimperium als Kernstück des rassenideologischen Programms des Nationalsozialismus.'' In: ''VfZ.'' Band 20, 1972, Droste, 1976, S. 133–153.</ref><br />
<br />
Hitlers Außenpolitik ab 1933 stellte sein langfristiges Eroberungsziel zunächst zurück. Schon seine Rede vor höchsten [[Reichswehr]]vertretern am 3.&nbsp;Februar 1933 deutete es aber an (siehe [[Liebmann-Aufzeichnung]]). Er betonte es später immer wieder gegenüber der Wehrmachtführung, etwa während der [[Sudetenkrise]]. Die auf Massenvernichtung und [[Germanisierung]] ausgerichteten Ziele des NS-Regimes zeigten sich beim [[Überfall auf Polen]], in dem eigens aufgestellte [[Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD|Einsatzgruppen]] zum Teil mit der Wehrmachtführung abgesprochene Massaker an Angehörigen der Führungseliten und an Juden verübten.<ref>Klaus-Michael Mallmann, Jochen Böhler, Jürgen Matthäus: ''Einsatzgruppen in Polen: Darstellung und Dokumentation.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-21353-5.</ref> Diese spezifisch nationalsozialistischen Vernichtungsziele sollten für Planung und Führung des Krieges gegen die Sowjetunion eine bestimmende, „nie gesehene Dimension“ erreichen, die ihn von allen vorherigen Kriegen auch des NS-Regimes unterschied.<ref>Manfred Messerschmidt: ''Der Krieg im Osten. Ursachen und Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion.'' In: Reinhard Kühnl, Ulrike Hörster-Philipps (Hrsg.): ''Hitlers Krieg? Zur Kontroverse um Ursachen und Charakter des Zweiten Weltkrieges.'' Pahl-Rugenstein, Köln 1989, S. 109&nbsp;ff., besonders 115.</ref><br />
<br />
Nach [[Hans-Erich Volkmann]] ging es Hitler auch um die Erringung der [[Weltherrschaft]], für die er die sowjetischen Rohstoffe für ein [[Autarkie|autarkes]] und unangreifbares Europa als Fundament brauchte.<ref>[[Hans-Erich Volkmann]]: ''Ökonomie und Expansion''. München 2003, S. 322.</ref> Am 17./18. September 1941 äußerte Hitler darüber bei einem Gespräch im [[Führerhauptquartier]]:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=Der Kampf um die Hegemonie in der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen Raumes entschieden; er macht Europa zum blockadefestesten Ort der Welt.<br />
|ref=<ref>Zit. n. Volkmann: ''Ökonomie und Expansion'', S. 322.</ref>}}<br />
<br />
=== Deutsch-sowjetische Beziehungen ab 1939 ===<br />
{{Hauptartikel|Deutsch-sowjetische Beziehungen}}<br />
Im „[[Großer Terror (Sowjetunion)|Großen Terror]]“ der Jahre 1936 bis 1938 ließ der sowjetische Diktator [[Josef Stalin]] tausende kriegserfahrene sowjetische Generäle und Offiziere ermorden und schwächte so die [[Rote Armee]] stark. Seit dem [[Münchner Abkommen]] vom Oktober 1938 war er überzeugt, dass die Westmächte dem [[NS-Staat|nationalsozialistischen Deutschland]] keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen würden und die Sowjetunion zu einem Krieg zu drängen versuchten, den sie selbst nicht führen wollten. Daraufhin vollzog er eine Wende der sowjetischen Außenpolitik und strebte einen Interessenausgleich mit dem Deutschen Reich an.<br />
<br />
Das NS-Regime gab vor, sowjetische Expansionsinteressen in Osteuropa anzuerkennen, um Großbritannien „vom Kontinent abzudrängen“, den Überfall auf Polen als „Einfrontenkrieg führen zu können“ und „Rückenfreiheit für die spätere Wendung nach Westen“ zu erhalten, „die ihrerseits als Vorschaltereignis des Lebensraumkrieges ins Auge gefasst wurde.“<ref>Manfred Messerschmidt: ''Der Krieg im Osten. Ursachen und Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion.'' In: Reinhard Kühnl, Ulrike Hörster-Philipps (Hrsg.): ''Hitlers Krieg?'' Köln 1989, S. 112.</ref><br />
<br />
[[Datei:MolotovRibbentropStalin.jpg|mini|Molotow unterzeichnet am 28. September 1939 im [[Moskauer Kreml]] den Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag]]<br />
Mit einem Kreditabkommen vom 20. August 1939 vereinbarten beide Staaten sowjetische Lebensmittel- und Rohstofflieferungen an Deutschland für deutsche Industrie- und Rüstungsgüter an die Sowjetunion. Dem folgte am 23. August 1939 der [[Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt|deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt]] („Hitler-Stalin-Pakt“) mit einem geheimen Zusatzprotokoll, in dem die Vertragspartner ihre gegenseitigen Interessensphären in Osteuropa abgrenzten. Der zentrale Punkt des Protokolls sah die [[Vierte Teilung Polens#Zweiter Weltkrieg|vierte Teilung Polens]] vor und sprach [[Estland]], [[Lettland]], [[Finnland]], [[Kresy|Ostpolen]] und das [[Königreich Rumänien|rumänische]] [[Bessarabien]] der sowjetischen Interessensphäre zu.<br />
<br />
Am 1. September 1939 löste der [[Überfall auf Polen|deutsche Überfall auf Polen]] den Zweiten Weltkrieg aus. Die Sowjetunion besetzte ihrerseits ab dem 17.&nbsp;September 1939 gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll [[Sowjetische Besetzung Ostpolens|Ostpolen]] und später [[Litauen]], für das sie Teile Polens an die deutschen Besatzer austauschte. Zudem schloss sie Ende September 1939 noch einen [[Deutsch-Sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag|Grenz- und Freundschaftsvertrag]] mit Deutschland, der ihren endgültigen Grenzverlauf regeln sollte.<br />
<br />
In den folgenden Monaten verfolgte die Sowjetunion mit Duldung und Unterstützung des Deutschen Reichs eine Expansionspolitik innerhalb der Einflusszone, die ihr der Hitler-Stalin-Pakt eingeräumt hatte. Sie übte Druck auf mehrere Nachbarstaaten aus mit dem Ziel, Gebiete zurückzugewinnen, die bis 1917/18 zum zaristischen Russland gehört hatten.<ref>[[Gerhard L. Weinberg]]: ''Eine Welt in Waffen. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.'' WBG, Darmstadt 1995, S. 116&nbsp;f.; ebenso Manfred Hildermeier: ''Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates.'' Beck, München 1998, S. 596.</ref> Finnland widersetzte sich dieser Politik im [[Winterkrieg]] (1939/40), in dessen Verlauf die Schwäche der Roten Armee sichtbar wurde, die hohe Verluste erlitt. Obwohl die Sowjetunion schließlich weite Teile [[Karelien]]s annektieren konnte, musste sie Finnlands staatliche Unabhängigkeit weiter anerkennen. Dagegen besetzte die Rote Armee Estland, Lettland und Litauen Mitte Juni 1940 kampflos. Unter dem Vorwand, die im Vorjahr geschlossenen Beistandspakte seien gefährdet, erklärte die Sowjetunion diese Länder zu [[Unionsrepublik]]en. Mit der [[Sowjetische Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina|Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina]] durch sowjetische Truppen am 28.&nbsp;Juni 1940 endete ihre Expansion vorläufig.<br />
<br />
Stalin und seine Generäle hatten ursprünglich angenommen, dass Deutschland in einen langwierigen Krieg mit den Westmächten verwickelt werde und ihnen genug Zeit bleibe, die Rote Armee auf einen möglichen Konflikt vorzubereiten. Der rasche Sieg der [[Wehrmacht]] im [[Westfeldzug]] über Frankreich (1940) hatte diese Hoffnungen jedoch zerstört. Stalin reagierte auf die neue Lage mit zwei Grundsatzentscheidungen: Zum einen wollte er das Bündnis mit Deutschland vorerst unter allen Umständen aufrechterhalten und Hitler nicht zum Krieg provozieren. Zum anderen versuchte er durch weiteren Druck auf Nachbarstaaten, die [[Strategie (Militär)|strategische]] Position der Sowjetunion zu verbessern. So besetzte die Rote Armee über die im Hitler-Stalin-Pakt zugestandenen Gebiete Bessarabiens hinaus die Nord[[bukowina]] und das [[Herza-Gebiet]]. Zudem schlug Stalin [[Königreich Bulgarien|Bulgarien]] einen Beistandspakt nach baltischem Muster vor (siehe [[Geschichte Bulgariens#Neutralitätspolitik des Zaren]]). Dadurch entstanden Spannungen mit Deutschland.<br />
<br />
Hitler war damals aber längst ohnehin zum Krieg gegen die Sowjetunion entschlossen.<ref>Gerhard L. Weinberg: ''Eine Welt in Waffen. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.'' WBG, Darmstadt 1995, S. 201&nbsp;f.</ref> Schon am 4. September 1936 erläuterte [[Hermann Göring]] Hitlers [[Denkschrift zum Vierjahresplan]] vom August dem Kabinett. Sie diene der politischen Zielsetzung, bei der unvermeidbaren militärischen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion diese mit einem Angriffskrieg zu zerschlagen.<ref>Timothy Snyder: ''Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin.'' C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62184-0, S. 123.</ref> Ein Sieg im Osten sollte Deutschland auf dem Kontinent wirtschaftlich autark und eine britische [[Seeblockade]], wie es sie im Ersten Weltkrieg gegeben hatte, künftig wirkungslos machen. Ab dem 2.&nbsp;Juni 1940 hatte Hitler Vertrauten im [[Oberkommando des Heeres]] (OKH) seine Überlegungen für einen Angriff auf die Sowjetunion mitgeteilt. Am 29.&nbsp;Juli 1940 informierte der Chef des Wehrmachtführungsstabes, [[Alfred Jodl]], seine Mitarbeiter über Hitlers Entscheidung, „[…]&nbsp;zum frühestmöglichen Zeitpunkt durch einen überraschenden Überfall auf Sowjetrussland die Gefahr des Bolschewismus ein für allemal aus der Welt zu schaffen.“<ref>Warlimont: ''Im Hauptquartier der Wehrmacht 1933–1945.'' S. 126.</ref> Am 31.&nbsp;Juli 1940 teilte Hitler dem [[Oberkommando der Wehrmacht]] (OKW) seinen Angriffsentschluss mit und befahl die [[Operation (Militär)|operative]] Kriegsvorbereitung. Er rechtfertigte den [[Zweifrontenkrieg]] ungeachtet der sowjetischen Vertragstreue nun mit der angeblichen Gefahr, dass das unbesiegte [[Vereinigtes Königreich|Großbritannien]] sich mit der Sowjetunion verbünden und diese somit als „[[Festlandsdegen]]“ gegen Deutschland verwenden könne.<ref>Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' S. 178.</ref> Er ließ die norwegisch-finnische Grenze befestigen, schloss mit Finnland ein Transitabkommen und entsandte sogenannte [[Lehrtruppen]] nach Rumänien. Außerdem garantierten Deutschland und Italien die rumänischen Grenzen. Stalin ließ im Gegenzug eine rumänische Inselgruppe in der Donaumündung und die der Ukraine vorgelagerte strategisch wichtige [[Schlangeninsel]] besetzen.<br />
<br />
Am 12. November 1940 besuchte der sowjetische Außenminister [[Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow|Molotow]] auf Einladung der deutschen Regierung Berlin, um einen eventuellen Beitritt der Sowjetunion zum [[Dreimächtepakt]] zu besprechen. Hitler befahl dem OKW am selben Tag, die Angriffsvorbereitungen unabhängig vom Ausgang der angesetzten Gespräche mit Molotow planmäßig fortzusetzen. Molotow machte den Beitritt von Zugeständnissen abhängig, etwa von einem verstärkten Einfluss der Sowjetunion in [[Königreich Ungarn (1920–1946)|Ungarn]], [[Königreich Jugoslawien|Jugoslawien]], [[Königreich Griechenland|Griechenland]] und der [[Türkei]] sowie von weiteren Konzessionen in Finnland und Rumänien. Zudem forderte die Sowjetunion in einer Note vom 25.&nbsp;November 1940, [[Japanisches Kaiserreich|Japan]] solle die Bergwerkskonzessionen auf Nord[[sachalin]] an sie abtreten. Trotz mehrerer Nachfragen beantwortete Hitler diese Note nicht. Weder wollte er das finnische Nickelgebiet und das rumänische Erdölgebiet in Reichweite der Sowjetunion sehen, noch die Japaner zur Aufgabe ihrer [[Naphtha]]- und Kohlengruben bewegen. Die [[Geschichtswissenschaft]] geht heute jedoch davon aus, dass für Hitlers Politik „das sowjetische Verhalten bestenfalls Anlässe und Vorwände für die Kehrtwende gab, sie aber nicht verursachte“.<ref>[[Manfred Hildermeier]]: ''Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates.'' Beck, München 1998, S.&nbsp;596; [[Hans-Ulrich Thamer]]: ''Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945.'' Siedler, Berlin 1986, S.&nbsp;654&nbsp;ff.; Jürgen Förster: ''Hitlers Wendung nach Osten. Die deutsche Kriegspolitik 1940–1941.'' In: Bernd Wegner (Hrsg.): ''Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum „Unternehmen Barbarossa“.'' Piper, München/Zürich 1991, S.&nbsp;122; Sergej Slutsch: ''Die Motive für die Einladung Molotovs nach Berlin.'' In: Klaus Hildebrand, Udo Wengst, Andreas Wirsching (Hrsg.): ''Geschichtswissenschaft und Zeiterkenntnis. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Festschrift zum 65. Geburtstag von Horst Möller.'' Oldenbourg, München 2008, S.&nbsp;253–276.</ref><br />
<br />
Hitler wies insbesondere Molotows weisungsgemäße Forderung nach weiteren Zugeständnissen in Bezug auf eine Neutralität Finnlands zurück. Dies deutete die Führung der Roten Armee, die damals einen zweiten Krieg zur Besetzung Finnlands plante, als Hinweis auf ein Kriegsvorhaben Hitlers. Stalin änderte seine Politik gegenüber Deutschland jedoch nicht: Im Januar 1941 schloss die Sowjetunion mit Deutschland ein Abkommen über die weitere Lieferung von Rohstoffen für Rüstungsgüter. Eine Umstellung auf [[Kriegswirtschaft]] unterblieb.<ref>Lew A. Besymenski: ''Molotows Besuch vom November 1940.'' In: Bianka Pietrow-Ennker: ''Präventivkrieg?'' 3. Auflage, Fischer TB, 2000, S.&nbsp;124&nbsp;f.</ref> Aufgrund der wirtschaftlichen und strategischen Vorteile für beide Seiten aus diesem Abkommen ging Stalin davon aus, dass auch Hitler vorerst den [[Status quo]] aufrechterhalten wollte. Seine expansive Balkanpolitik und der am 13. April 1941 geschlossene [[Japanisch-Sowjetischer Neutralitätspakt|Japanisch-Sowjetische Neutralitätspakt]] sollten der Sowjetunion, so hoffte Stalin, genug Zeit für verstärkte Aufrüstung geben.<br />
<br />
=== Deutsche Kriegsplanung ===<br />
Der Chef des [[Oberkommando des Heeres]] [[Franz Halder|Halder]] hatte nach der Niederlage Frankreichs, die von Hitler angeordnete Teildemobilisierung unterlaufen, um „Schlagkraft im Osten“ aufzubauen und eine eigenständige Offensivplanung auf Generalstabs- und Armee-Ebene angeordnet. Deshalb konnte [[Walther von Brauchitsch|Brauchitsch]] in der Besprechung mit Hitler am 21. Juli 1940 detailliert über eine Operation gegen die Sowjetunion vortragen.<ref>[[Jürgen Förster (Historiker)|Jürgen Förster]]: ''Hitlers Wendung nach Osten – Die deutsche Kriegspolitik 1940–1941.'' In: ''Zwei Wege nach Moskau.'' Hrsg.: [[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]], Piper, 1991, ISBN 3-492-11346-X. S. 117.</ref><br />
<br />
==== Weisung Nr. 21 ====<br />
Nach Hitlers Bekanntgabe seines Kriegsentschlusses am 31.&nbsp;Juli 1940 begannen OKW, [[Oberkommando des Heeres|OKH]] und [[Oberkommando der Marine|OKM]] mit der strategischen Kriegsplanung und ließen jeweils unabhängige Angriffsstudien erstellen, die ab 3.&nbsp;September zusammengeführt und Hitler am 5.&nbsp;Dezember vorgelegt wurden. Vom OKH wurde am 5. August der [[Operationsentwurf Ost]] vorgelegt. Vom OKW kam die [[Loßberg-Studie]]. Am 9. August wurde mit dem [[Otto-Programm]] der eisenbahntechnische Ausbau des Aufmarschraumes für das Ostheer angeordnet. Am 28. August wurde mit dem [[Rüstungsprogramm B]] eine Umstellung der Rüstungswirtschaft auf die Schaffung eines Heeres von 180 statt 120 Divisionen befohlen. Am 18.&nbsp;Dezember 1940 erließ Hitler als „Führer und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht“ die [[Weisung Nr. 21]] an den [[Wehrmachtführungsstab]] im [[Oberkommando der Wehrmacht]] (OKW): Damit befahl er den Oberkommandos der drei Wehrmachtteile, den Angriff auf die Sowjetunion bis zum Mai 1941 gezielt vorzubereiten, um „auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen [[Feldzug]] niederzuwerfen (Fall Barbarossa)“. Es gelte, „die im westlichen Russland stehende Masse des russischen Heeres zu vernichten“ und eine Linie zu erreichen, von der aus die [[Luftstreitkräfte der Sowjetunion]] deutsches Gebiet nicht mehr angreifen könnten. Endziel der [[Operation (Militär)|Operation]] sei die „Abschirmung gegen das asiatische Russland auf der allgemeinen Linie [[Wolga]]–[[Archangelsk]]“ (vgl. [[AA-Linie]]), also die Besetzung des Großteils der europäischen Sowjetunion.<ref>Gerhard L. Weinberg: ''Eine Welt in Waffen. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.'' WBG, Darmstadt 1995, S. 202; [[Rolf-Dieter Müller]], [[Gerd R. Ueberschär]]: ''Hitlers Krieg im Osten 1941–1945. Ein Forschungsbericht.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, S.&nbsp;1–55; insb. S.&nbsp;30; Lothar Gall, Klaus Hildebrand: ''Enzyklopädie deutscher Geschichte. Die Außenpolitik des Dritten Reiches.'' Oldenbourg, München 2006, S. 89.</ref><br />
<br />
==== Eroberungsstrategie ====<br />
Anders als beim Westfeldzug stimmten Hitler und Wehrmachtführung über die Strategie und Ziele dieses Krieges weitgehend überein. Die bis dahin erstellten operativen Angriffspläne der drei Wehrmachtteile sahen eine Kette von Umfassungsbewegungen und [[Kesselschlacht]]en mit dem Ziel vor, die Rote Armee zu vernichten. Während [[Walther von Brauchitsch]] und [[Franz Halder]] hauptsächlich direkt auf [[Moskau]] vorstoßen wollten, befahl Hitler jedoch in seiner ''Weisung Nr. 21'', dass die „Mitte der Gesamtfront nur Voraussetzungen für das Eindrehen schneller Truppen nach Leningrad und dem Donezbecken schaffen“ solle.<br />
Hitler wollte die angestrebte Linie in einem [[Blitzkrieg]] von bis zu 22 Wochen erreichen; General [[Erich Marcks (General)|Erich Marcks]] kalkulierte nur bis zu 17 Wochen. Schnelle Verbände sollten keilförmige Breschen in die Abwehrkräfte der Roten Armee schlagen, diese von rückwärtigen Verbindungen abschneiden und ihre Verbände am Ausweichen hindern; marschierende Verbände sollten sie einkesseln. Danach sollten die motorisierten Kräfte weiter nach Osten vorstoßen.<br />
<br />
Das deutsche [[Heer (Wehrmacht)|Ostheer]] gliederte sich in drei Heeresgruppen:<br />
* [[Heeresgruppe Nord]] ([[Wilhelm Ritter von Leeb|Leeb]]) mit der 16. Armee ([[Ernst Busch (Offizier)|Busch]]), Panzergruppe 4 ([[Erich Hoepner|Hoepner]]) und der 18. Armee ([[Georg von Küchler|Küchler]])<br />
* [[Heeresgruppe Mitte]] ([[Fedor von Bock|Bock]]) mit der 4. Armee ([[Günther von Kluge|Kluge]]), Panzergruppe 2 ([[Heinz Guderian|Guderian]]), Panzergruppe 3 ([[Hermann Hoth|Hoth]]), 9. Armee ([[Adolf Strauß|Strauß]]) und 2. Armee ([[Maximilian von Weichs|Weichs]])<br />
* [[Heeresgruppe Süd]] ([[Gerd von Rundstedt|Rundstedt]]) mit der 17. Armee ([[Carl-Heinrich von Stülpnagel|Stülpnagel]]), Panzergruppe 1 ([[Ewald von Kleist (Generalfeldmarschall)|Kleist]]), 6. Armee ([[Walter von Reichenau|Reichenau]]) und der 11. Armee ([[Eugen Ritter von Schobert|Schobert]])<br />
* aus dem damals bereits besetzten Nordnorwegen und aus Nordfinnland zwei Korps des [[Armeeoberkommando]]s Norwegen ([[Nikolaus von Falkenhorst|Falkenhorst]]).<br />
<br />
Die [[Luftwaffe (Wehrmacht)|Luftwaffe]] trat mit vier Luftflotten an, die jeweils im Bereich einer Heeresgruppe agierten, aber selbstständig waren:<br />
* [[Luftflotte 1]] ([[Alfred Keller|Keller]]; Bereich der Heeresgruppe Nord)<br />
* [[Luftflotte 2]] ([[Albert Kesselring|Kesselring]]; Bereich der Heeresgruppe Mitte)<br />
* [[Luftflotte 4]] ([[Alexander Löhr|Löhr]]; Bereich der Heeresgruppe Süd)<br />
* [[Luftflotte 5]] ([[Hans-Jürgen Stumpff|Stumpff]]; nur in Nordfinnland und Nordnorwegen stationierte Verbände).<br />
<br />
Auch von Norwegen aus sollten Angriffe gegen die Sowjetunion unternommen werden. Sie zielten insbesondere auf [[Murmansk]] und die dortige Eisenbahnverbindung, die [[Murmanbahn]], über die später britische und US-amerikanische Hilfslieferungen in die Sowjetunion gelangten. Mehrere Unternehmen in Richtung Murmansk („[[Unternehmen Silberfuchs]]“, „Platinfuchs“) und auf die Murmanbahn („Unternehmen Polarfuchs“) blieben erfolglos. Dies lag zum einen an den extremen klimatischen Verhältnissen, der langen [[Polarnacht]] sowie dem weglosen [[Tundra|Tundren]]-Gelände, zum anderen an den hier nur schwachen deutschen Kräften.<br />
<br />
Der sechswöchige, im April 1941 begonnene [[Balkanfeldzug (1941)|Balkanfeldzug]] verzögerte den vorgesehenen Angriffstermin um einen Monat, obwohl er nach Meinung der Militärs auch die Ausgangschancen für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion verbessern sollte. Trotz der Verzögerung plante die Wehrmachtführung, noch vor Einbruch der [[Rasputiza]], der sogenannten „Schlammzeit“, entscheidende Siege zu erzielen und den Feldzug bis zum Wintereinbruch zu beenden. Etwa 50 bis 60 Besatzungsdivisionen sollten im Land verbleiben; nur für diese wurde eine besondere dem russischen Winter angepasste Kleidung eingeplant.<br />
<br />
==== (Fehl-)Annahmen ====<br />
Nicht nur hinsichtlich Strategie und Zielsetzung stimmten Hitler und die oberste Generalität bei ihren Planungen zum [[Unternehmen Barbarossa]] weitgehend überein, sondern auch in der Unterschätzung des Gegners und dessen Möglichkeiten. Man ging davon aus, dass dieser Krieg eher ein „Kinderspiel“ sei und in einigen Wochen oder wenigen Monaten gewonnen sein würde. Der nach dem erfolgreichen Blitzkrieg gegen Frankreich in Richtung See- und Luftkrieg umgestellte Rüstungsschwerpunkt wurde erst in den letzten Monaten vor dem deutschen Überfall zögerlich korrigiert, indem z.&nbsp;B. die eingeleitete Demobilisierung von ca. 30 Heeresdivisionen gestoppt wurde. Hitler und der überwiegende Teil der Generalität waren überzeugt, mit den vorhandenen Kräften die Sowjetunion besiegen zu können. Die quantitative Überlegenheit der Roten Armee sah man als Papiertiger. Tatsächlich sei Stalins Militär nach den ganzen Säuberungen, der Ausschaltung und Ermordung zehntausender Offiziere regelrecht enthauptet und ohne Qualität. Die gravierenden Mängel in Ausbildung, Ausrüstung und Führungsqualitäten der Roten Armee hätten sich 1940 im [[Winterkrieg]] gegen das kleine Finnland gezeigt und würden fortdauern. Zu den Ausnahmen unter den Militärs, die Hitlers Auffassung, die Rote Armee sei in qualitativer Hinsicht ein „Witz“, nicht teilten, gehörten der deutsche [[Militärattaché]] in Moskau, General [[Ernst-August Köstring]], sowie teilweise die [[Fremde Heere Ost|Abteilung Fremde Heere Ost]] im Oberkommando des Heeres. So warnte Köstring davor, die soldatische Qualität der Rotarmisten zu unterschätzen.<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''Der Zweite Weltkrieg'' (=&nbsp;[[Handbuch der deutschen Geschichte]]. Band 21). Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-60021-3, S. 114–125, insbesondere S. 116f., S. 122f.; vgl. weiterhin David Stahel: ''Radicalizing Warfare: The German Command and the Failure of Operation Barbarossa.'' In [[Alex J. Kay|A. Kay]], Jeff Rutherford, David Stahel: ''Nazi Policy on the Eastern Front, 1941: Total War, Genocide, and Radicalization'' (Rochester Studies in East and Central Europe. Bd. 9), University of Rochester Press, Rochester 2012, S. 19–44.</ref><br />
<br />
In Erwartung eines schnellen Sieges wurde nur für eine Besatzungsarmee und nicht für ein großes kämpfendes Ostheer Kleidung und Ausrüstung für den Winter vorgesehen.<ref>Klaus Schüler: ''Der Ostfeldzug als Transport- und Versorgungsproblem.'' In: ''Zwei Wege nach Moskau.'' Hrsg.: [[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]], Piper, 1991, ISBN 3-492-11346-X, S. 214.</ref> Das Versorgungsproblem einer 2000 km langen Front unter geographischen, klimatischen und infrastrukturellen Bedingungen des Ostens wurde in Erwartung eines schnellen Sieges gering eingeschätzt. Einen für die weiträumige Kriegsführung östlich der Linie [[Dnepr]]-[[Düna]] unverzichtbaren leistungsfähigen Eisenbahnnachschub hoffte man mit erbeutetem sowjetischen Material und nur geringfügig beschädigter Infrastruktur kurzfristig herstellen zu können.<ref>Klaus Schüler: ''Der Ostfeldzug als Transport- und Versorgungsproblem.'' S. 206 f.</ref><br />
<br />
==== Vernichtungspläne und Mordbefehle ====<br />
Nach der strategischen Kriegsplanung der Wehrmacht trat diese im Frühjahr 1941 in ihre konkrete operative Phase. Nun wurden ihre Aufgaben mit denen der ab 1941 in Teilbereichen zu einer Parallelarmee ausgebauten [[Schutzstaffel|SS]] und verschiedenen Polizeikräften für die zu erobernden Gebiete aufeinander abgestimmt.<br />
<br />
Am 13. März 1941 erließ Hitler die ''Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Barbarossa'': Damit übertrug er [[Heinrich Himmler]], seit 1934 der „[[Reichsführer SS]]“, besondere Vollmachten für „Sonderaufgaben im Auftrag des Führers, die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben“. Dazu ließ das [[Reichssicherheitshauptamt]] vier sogenannte [[Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD|Einsatzgruppen]] aufstellen.<ref>Diemut Majer: ''„Fremdvölkische“ im Dritten Reich. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Rechtssetzung und Rechtspraxis in Verwaltung und Justiz. Unter besonderer Berücksichtigung der Ostgebiete und des Generalgouvernements.'' 1993, ISBN 3-7646-1933-3, [http://books.google.de/books?id=OC51Vq-a-uYC&pg=PA330 S. 330].</ref> Sie sollten laut Hitlers Richtlinien alle „verdächtigen“ und „sonstigen radikalen Elemente“ sowie „[[Geschichte der Juden in Russland|Juden]] in Partei- und Staatsstellungen“ ermorden. [[Reinhard Heydrich]] präzisierte diesen Mordbefehl Hitlers mit Geheimbefehlen an die Leiter der Einsatzgruppen, Pogrome der örtlichen Bevölkerung gegen Juden anzuheizen.<ref>Mark Mazower, Martin Richter: ''Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus.'' C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59271-3, [http://books.google.de/books?id=KFTrJ3XjORwC&pg=PA585 S. 585].</ref><br />
<br />
Am 30. März 1941 proklamierte Hitler vor 250 Wehrmachtsgenerälen den kommenden Krieg als „Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander“ und als „Vernichtungskampf“. Er forderte die „Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz“. Diese Absicht und Forderung floss in einige Anordnungen des OKW und OKH für den bevorstehenden Krieg ein.<ref>Felix Römer spricht in: ''Hitlers willfährige Truppe.'' (einer parallelen [https://www.spiegel.de/einestages/kriegsverbrechen-a-948061.html Online-Publikation] zu seinem Buch, spon vom 12. Dezember 2008) von 100 Anwesenden.</ref><br />
<br />
Nach dem [[Kriegsgerichtsbarkeitserlass|''Erlaß über die Ausübung der Kriegsgerichtbarkeit im Gebiet Barbarossa'']]<ref>[[Felix Römer (Historiker)|Felix Römer]]: [https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2008_1_3_roemer.pdf ''„Im alten Deutschland wäre solcher Befehl nicht möglich gewesen.“ Rezeption, Adaption und Umsetzung des Kriegsgerichtsbarkeitserlasses im Ostheer 1941/42''] [[Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte]] 2008, S. 53–99.</ref> vom 13.&nbsp;Mai 1941 mussten Straftaten von Wehrmachtangehörigen gegen Zivilisten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Der Erlass befreite die Wehrmachtsoldaten von Bindungen an Völkerrechtsnormen und leistete Willkür- und Gewaltakten gegenüber der sowjetischen Bevölkerung Vorschub. Die ''Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland'' vom 19.&nbsp;Mai 1941 forderten von der Truppe „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden“. Die [[Kommissarbefehl|''Richtlinien für die Behandlung der politischen Kommissare'']] vom 6.&nbsp;Juni 1941 befahlen der Wehrmacht, die „politischen Kommissare grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.“ Die ''Bestimmungen über das Kriegsgefangenenwesen'' von 16.&nbsp;Juni 1941 forderten „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen bei den geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit, insbesondere gegenüber bolschewistischen Hetzern“. Demgemäß wurden die ''Zehn Gebote für die Kriegführung des deutschen Soldaten'', die in die Umschläge jedes [[Soldbuch]]s eingeklebt waren und unangebrachte Grausamkeiten oder völkerrechtswidriges Verhalten untersagten, außer Kraft gesetzt.<ref>Wortlaut: [[Jörg Echternkamp]]: ''Die 101 wichtigsten Fragen – Der Zweite Weltkrieg.'' Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59314-7, [http://books.google.de/books?id=8l21tdQZmZgC&pg=PA52 S. 52 f.]; Außerkraftsetzung: [[Wigbert Benz]]: ''Der Russlandfeldzug des Dritten Reiches. Ursachen, Ziele, Wirkungen: zur Bewältigung eines Völkermords unter Berücksichtigung des Geschichtsunterrichts.'' 2. durchgesehene Auflage, Haag & Herchen, Frankfurt am Main 1988, S. 49; Thomas Kühne: ''Kameradschaft. Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges.'' Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-35154-2, S. 105 f.</ref> Die Mordbefehle wurden nach Kriegsbeginn zum Teil weiter verschärft oder ihre Anwendungsbereiche ausgedehnt. So befahl [[Reinhard Heydrich]] den „[[SS- und Polizeiführer|Höheren SS- und Polizeiführern]]“ am 2.&nbsp;Juli 1941, den Kommissarbefehl vom 6.&nbsp;Juni wie folgt umzusetzen: {{" |Zu exekutieren sind alle Funktionäre der [[Kommunistische Internationale|Komintern]] (wie überhaupt die kommunistischen Berufspolitiker schlechthin), die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre der Partei, der Zentralkomitees, der Gau- und Gebietskomitees, Volkskommissare, Juden in Partei- und Staatsstellungen.}}<br />
<br />
Mit diesen verbrecherischen Befehlen bereitete das NS-Regime den Deutsch-Sowjetischen Krieg als Vernichtungskrieg vor. OKW und OKH gaben die Befehle an untere Offiziersränge weiter; Widerspruch der Empfänger dagegen blieb aus. Damit ließ sich die Wehrmacht in Hitlers Lebensraum-Programm einbinden. Dies erklären Fachhistoriker mit der antisemitischen, rassistischen, antibolschewistischen und antislawischen Prägung des deutschen Offizierskorps, das die [[Novemberrevolution]] 1918 Juden und Kommunisten anlastete, wobei sie diese gleichsetzte, dem langjährigen [[Personenkult|Führerkult]], imperialistischen Zielen und Selbstüberschätzung nach dem Westfeldzug.<ref>Rolf-Dieter Müller, [[Hans-Erich Volkmann]]: ''Die Wehrmacht: Mythos und Realität.'' Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, [http://books.google.de/books?id=tOBQq0HA7dYC&pg=PA840 S. 840]; [[Hans Mommsen]]: ''Der Krieg gegen die Sowjetunion und die deutsche Gesellschaft.'' In: Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): ''Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.'' 2. Auflage, Fischer TB, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14497-3, S. 58.</ref> Hitlers Kriegsziele und die der Wehrmachtführung deckten sich weitgehend: So fassten einige führende Generäle das Ziel, die Sowjetunion zu zerschlagen und ihr Gebiet für wirtschaftliche „Autarkie“ Deutschlands auszubeuten, schon vor Hitlers Kriegsentschluss am 31.&nbsp;Juli 1940 ins Auge. Sie befürworteten im März 1941 daher auch die als notwendig erachtete Aufgabe, erwarteten sowjetischen Widerstand durch [[Terror]] zu brechen, um „Ruhe im Rücken der Front zu schaffen“, und betrachteten dafür aufgestellte Einsatzgruppen als Entlastung.<ref>Johannes Hürter: ''Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42.'' 2. Auflage, Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-58341-0, S. 207, 249.</ref><br />
<br />
Logistiker der Wehrmacht errechneten, dass die deutschen Einheiten nur bis zu einer Linie entlang [[Pskow]], [[Kiew]] und der [[Krim]] versorgt werden konnten. Da Hitler die Eroberung Moskaus im Rahmen eines einzigen ununterbrochenen Feldzuges verlangte, sollte die Wehrmacht durch die rücksichtslose Requirierung von Nahrungsmitteln und kriegswichtigem Material aus den zu erobernden Gebieten versorgt werden. Weil ein Bedarf von jährlich fünf Millionen Tonnen Getreide aus der UdSSR berechnet wurde, um die Nahrungsmittelversorgung des Deutschen Reiches zu sichern,<ref>Alex J. Kay: ''„Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern“. Die deutsche Wirtschaftsplanung für die besetzte Sowjetunion und ihre Umsetzung 1941–1944.'' In: ''[[Transit (Europäische Revue)|Transit. Europäische Revue]].'' Heft 38 (2009), S. 57–77, hier S. 69.</ref> während die UdSSR 1940 auf handelspolitischer Basis nur 1,5 Millionen Tonnen hatte liefern können,<ref>Rolf-Dieter Müller: ''Das „Unternehmen Barbarossa“ als wirtschaftlicher Raubkrieg.'' In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' Fischer, Frankfurt am Main 1991, S. 125–158, hier S. 152.</ref> plante Görings [[Vierjahresplan]]behörde vor dem Überfall, durch gezielte Unterversorgung der sowjetischen Bevölkerung möglichst große Mengen an Getreide, Fleisch und Kartoffeln auszubeuten. Die ganze Wehrmacht sollte ernährt werden, indem „das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird“; dabei kalkulierte man ein, dass „zweifellos zig Millionen Menschen verhungern“.<ref>''Aktennotiz über eine Besprechung der Staatssekretäre vom 2. Mai 1941.'' In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' S. 377 (Dok. 35).</ref> Das NS-Regime verband bei dieser Hungerpolitik kriegswirtschaftliche Nützlichkeitserwägungen mit rassistischen Motiven. [[Christian Gerlach (Historiker)|Christian Gerlach]] sieht darin einen [[Hungerplan]];<ref>Christian Gerlach: ''Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944.'' Hamburg 1999, S. 46 ff.</ref> andere Historiker bestreiten einen dezidierten Plan und sprechen von einem „Hungerkalkül“. Die meisten Historiker sehen aufgrund der einschlägigen Dokumente darin keinen Gegensatz.<ref>Wigbert Benz: ''Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941''. wvb, Berlin 2011, S. 44–47; siehe weiterhin Wigbert Benz: ''Kalkül und Ideologie – Das Hungervorhaben im „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' In: Klaus Kremb (Hrsg.): ''Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts.'' Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2010, S. 19–37, hier S. 21–25 ([https://wigbertbenz.wordpress.com/2010/01/23/zum-hungerplan-beim-russlandfeldzug-1941/ Textauszug]).</ref> Der Osteuropa-Historiker [[Hans-Heinrich Nolte]] schätzt sieben Millionen Hungertote unter insgesamt 26 bis 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten; er berücksichtigt dabei russische Forschungen.<ref>Hans-Heinrich Nolte: ''Kleine Geschichte Rußlands.'' Stuttgart 1998, S. 253–263.</ref> Der Yale-Historiker [[Timothy Snyder]] nennt 4,2 Millionen sowjetische Hungertote in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten.<ref>Timothy Snyder: ''Bloodlands. Europe between Hitler an Stalin.'' New York 2010, S. 411.</ref><br />
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Zudem hatte Himmler ab September 1939 umfassende Pläne zur millionenfachen [[Deportation]] („Umsiedlung“) von „[[Slawen]]“ und die folgende „Eindeutschung“ eroberter Gebiete angestoßen und in Polen umzusetzen begonnen, wobei bereits zehntausende der Deportierten starben. Diese Pläne wurden ab 1941 enorm ausgeweitet und in einen „[[Generalplan Ost]]“ integriert. Dieser sah vor, die deutsche „[[Volkstum]]grenze“ fast 1000&nbsp;km nach Osten zu verschieben, den Großteil der dort lebenden zunächst auf 30, 1942 auf bis zu 65 Millionen geschätzten Sowjetbürger hinter den [[Ural]] bzw. nach [[Sibirien]] zu vertreiben und einige Hunderttausend „slawische Untermenschen“ als Arbeitssklaven zum Bau von „Wehrsiedlungen“ für „Germanen“ bzw. „[[Volksdeutsche]]“ zu benutzen.<ref>[[Dieter Pohl (Historiker)|Dieter Pohl]]: ''Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit.'' Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-15158-5, S. 51&nbsp;f.</ref><br />
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==== Rolle und Ziele verbündeter Staaten ====<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 183-B03212, München, Staatsbesuch Ion Antonescu bei Hitler.jpg|mini|Staatsbesuch Marschall Antonescus in München am 11./12. Juni 1941]]<br />
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Das NS-Regime betrachtete [[Finnland]] und [[Königreich Rumänien|Rumänien]] wegen deren kurz zurückliegender Konflikte mit der Sowjetunion als „natürliche Verbündete“ und schloss mit diesen Staaten keine formellen Abkommen für eine Kriegskoalition. Man informierte sie vorher über den geplanten Angriff, so dass sie ihren Truppenaufmarsch vorbereiten konnten.<br />
<br />
Finnland unter [[Carl Gustaf Emil Mannerheim]] wollte die im Winterkrieg verlorenen Gebiete zurückerobern. Es schloss mit einer Armee beidseitig des [[Ladogasee]]s zur Grenze auf und gewährte deutschen Truppen Stationierungsrechte in Nordfinnland, von wo diese [[Murmansk]] angreifen konnten.<br />
<br />
Rumänien unter Marschall [[Ion Antonescu]] war zu Beginn des Feldzugs Deutschlands zahlenmäßig bedeutendster und zugleich vermutlich am stärksten für ein Zusammengehen motivierter Verbündeter. Es beteiligte sich am 22. Juni mit 325.685 Mann und 207 Flugzeugen am Ostfeldzug.<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''An der Seite der Wehrmacht''. Frankfurt am Main 2014, S. 59 f.</ref> Klares Ziel der rumänischen Führung war die Rückgewinnung der 1940 [[Sowjetische Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina|von der Sowjetunion annektierten Gebiete]], wobei darüber hinausgehende rumänische Okkupationswünsche ebenfalls eine Rolle spielten. Als einziger ausländischer Regierungschef wurde Antonescu bei einem Treffen mit Hitler in München am 11./12. Juni 1941 persönlich von dem bevorstehenden Angriff informiert. Die [[Armata a 3-a Română|3.]] und [[Armata a 4-a Română|4. rumänische Armee]] wurden an die Ostgrenze des Landes verlegt, um zusammen mit der deutschen [[11. Armee (Wehrmacht)|11. Armee]] die südliche Sowjetunion anzugreifen und das sowjetisch besetzte Bessarabien zurückzuerobern. Vom rumänischen Hoheitsgebiet aus begann die deutsche „[[Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei und des SD|Einsatzgruppe D]]“ mit der Judenvernichtung. Das [[Unternehmen München]] der verbündeten deutschen und rumänischen Armeen startete letztlich am 2. Juli 1941.<br />
<br />
[[Königreich Italien (1861–1946)|Italien]] erklärte der Sowjetunion am 23.&nbsp;Juni den Krieg, obwohl es in den Monaten zuvor noch diplomatische Annäherungsversuche zwischen den beiden Ländern gegeben hatte. Die Verhandlungen waren jedoch durch deutsche Interventionen wiederholt gestört worden, und der deutsche Angriff auf die Sowjetunion besiegelte ihr Ende.<ref>Malte König: ''„Unter deutscher Aufsicht“. Die italienisch-sowjetischen Verhandlungen im Winter 1940/41.'' In: Lutz Klinkhammer/Amedeo Osti Guerrazzi/Thomas Schlemmer (Hrsg.): ''Die „Achse“ im Krieg. Politik, Ideologie und Kriegführung, 1939–1945'', München 2010, S. 176–191; Giorgio Petracchi, ''Pinocchio, die Katze und der Fuchs: Italien zwischen Deutschland und der Sowjetunion (1939–1941).'' In: Bernd Wegner (Hrsg.): ''Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt zum „Unternehmen Barbarossa“'', München/Zürich 1991, S. 519–546.</ref> [[Benito Mussolini]] entsandte das [[Corpo di spedizione italiano in Russia]] mit 62.000 Mann, 220 Geschützen und 83 Flugzeugen.<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''An der Seite der Wehrmacht''. Frankfurt am Main 2014, S. 84.</ref> Dieses traf gegen Ende Juli an der Front ein und wurde im Bereich der [[Heeresgruppe Süd]] eingesetzt.<br />
<br />
Ungarn entsandte – nach dem [[Bombenangriff auf Kassa am 26. Juni 1941]] und anderen Zwischenfällen – auf Initiative seines [[Reichsverweser]]s [[Miklós Horthy]] zwei Korps mit 45.000 Mann, darunter ein motorisiertes mit 160 Panzern.<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''An der Seite der Wehrmacht''. Frankfurt am Main 2014, S. 41.</ref><br />
<br />
Die selbständig gewordene [[Slowakischer Staat|Slowakische Republik]] schickte ihre „schnelle Division“ und später zwei Sicherungsdivisionen. [[Unabhängiger Staat Kroatien|Kroatien]] entsandte nacheinander mehrere „[[Kroatische Legion|Legionen]]“.<br />
<br />
[[Spanien]] unter [[Francisco Franco]] schickte rund 15.000 Freiwillige an die Ostfront, die zur Wehrmachtsuniform ein blaues Tuch trugen und als ''[[Blaue Division]]'' im nördlichen Teil der Front unter Wehrmachtkommando kämpften.<br />
<br />
Aus acht Ländern und Regionen kamen 1941 insgesamt rund 43.000 „ausländische Freiwillige“, um den „europäischen Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ und die „neue rassische Ordnung“ zu unterstützen. In Frankreich, Holland und Belgien sammelten sich größere, aus skandinavischen Ländern kleinere Freiwilligenverbände. Sie wurden entweder in die Wehrmacht integriert oder trugen die Uniformen der [[Waffen-SS]] (siehe [[Ausländische Freiwillige der Waffen-SS]]).<br />
<br />
=== Sowjetische Verteidigungsvorbereitung ===<br />
Die kommunistische Führung sah die Sowjetunion von einer prinzipiell feindlich gesinnten [[Kapitalismus|kapitalistischen]] Welt umgeben und hielt einen Krieg mit ihr für unvermeidlich.<ref>[[Jürgen Förster (Historiker)|Jürgen Förster]]: ''Hitlers Entscheidung für den Krieg gegen die Sowjetunion''. In: [[Militärgeschichtliches Forschungsamt]] (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Band 4. Stuttgart 1983, S. 29.</ref> Ab dem Ende des [[Polnisch-Sowjetischer Krieg|Polnisch-Sowjetischen Krieges]] nahmen politische und militärische Führung der Sowjetunion an, ein möglicher Krieg gegen die Sowjetunion würde vor allem in [[Ostmitteleuropa]] mit Polen als Hauptfeind ausgetragen. Die ersten operativen Planungen gingen von einer zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners aus und sahen defensive Handlungen in der ersten Kriegsphase vor. Offensivere Überlegungen, die mittels eines Überraschungsangriffs auf das Territorium des Gegners dessen Aufmarsch und Kräftekonzentration zerschlagen sollten, kamen erst gegen Ende der 1920er-Jahre auf. Dabei ging es um aktive Verteidigungshandlungen an der Westgrenze der Sowjetunion, für die ein Mobilisierungsplan von 1931 den Einsatz von 110 der insgesamt 122 Schützendivisionen, des größten Teils der Luftwaffe, der strategischen Kavallerie und fast aller Panzer.<ref>[[Matthias Uhl]]: ''Vom Feldstab zum Generalstab – der Stab der Roten Armee zwischen dem Ende des russischen Bürgerkrieges und der Mitte der 1930er-Jahre''. in: ''Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege''. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 294–296.</ref><br />
<br />
Im Februar 1931 äußerte Stalin auf der Allunionskonferenz für Industriefunktionäre: {{" |Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen die Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt.}}<ref>Zit. n. [[Richard Overy]]: ''Russlands Krieg. 1941–1945''. Reinbek 2003, S. 46.</ref> Daher wurden mit den [[Fünfjahresplan#Sowjetunion|Fünfjahresplänen]] ungewöhnlich hohe Rüstungsanstrengungen unternommen. Diese wurden auf Kosten des Lebensstandards erreicht. 1935 verfügte die Rote Armee bereits über 10.180 Panzer und 6.672 Flugzeuge. Die Planungen sahen einen Bestand von 90.000 Panzern und 15.000 Flugzeugen vor.<ref>[[Richard Overy]]: ''Russlands Krieg. 1941–1945''. Reinbek 2003, S. 45 f.</ref> Die nationalsozialistische [[Machtergreifung]] ging über das Maß an Spannung, an dem die sowjetische Außenpolitik allgemein interessiert war, weit hinaus, da man wirkliche Konfliktsmöglichkeiten sah. Das Hauptorgan der [[Kommunistische Internationale|Komintern]], die [[Inprekorr|Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung]], kommentierte den [[Kampf um die Westerplatte#Affäre Westerplatte|Zwischenfall auf der Westerplatte]] vom 6. März 1933 als eine {{" |Verschärfung der Kriegsgefahr zwischen Deutschland und Polen}} und meinte, dass Danzig einmal {{" |das Signal zur Entfachung eines imperialistischen Krieges}} werden könne.<ref>[[Inprekorr|Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung]] Nr. 5 vom 18. März 1933, S. 122. Zit. n.: Thomas Weingartner: ''Stalin und der Aufstieg Hitlers''. Berlin 1970, S. 204.</ref> Am 22. März 1933 stellte die [[Prawda]] in einem Artikel „Wohin geht Deutschland?“ fest: {{" |Die Nationalsozialisten haben ein außenpolitisches Programm gegen die Existenz der UdSSR entwickelt}}, und forderte von der deutschen Regierung, klar zu sagen, wohin sie steuert.<ref>[[Lew Alexandrowitsch Besymenski]]: ''Stalin und Hitler''. Berlin 2002, S. 67.</ref> Auf dem [[XVII. Parteitag der WKP (B)|XVII. Parteitag der KPdSU]] im Jahr 1934 verlas [[Nikolai Iwanowitsch Bucharin|Nikolai Bucharin]] die Passage aus [[Mein Kampf]], bei der Hitler von der Eroberung der Sowjetunion sprach, und äußerte dazu:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=Das ist der Gegner, Genossen, mit dem wir es zu tun haben! Er wird uns in all den gewaltigen Schlachten entgegentreten, die die Geschichte uns auferlegt<br />
|ref=<ref>Besymenski, Stalin und Hitler, S. 21 f.</ref>}}<br />
<br />
Im Frühjahr 1934 formulierte der Stab der Roten Armee eine Überarbeitung der bisherigen Kriegspläne. Diese blieb weiter auf [[Vorneverteidigung|Vorwärtsverteidigung]] ausgerichtet, konzentrierte sich angesichts der nationalsozialistischen Herrschaft aber stärker als zuvor auf Deutschland als Hauptgegner. Neben dem westlichen Kriegsschauplatz wurden aber auch der [[Ferner Osten|Ferne Osten]] mit Japan als wahrscheinlichstem Kriegsgegner, der [[Naher Osten|Nahe Osten]] und [[Mittelasien]] als Kriegsschauplätze berücksichtigt. In Europa wurden Polen, Ungarn, Finnland, die Türkei, Rumänien, Bulgarien sowie die baltischen Staaten als mögliche Verbündete Deutschlands angesehen. Im Kriegsfall wurde ein Angriff Deutschlands, Polens, Estlands und Finnlands mit 137 Divisionen und 13 Brigaden erwartet. Die Rote Armee sollte noch in der Anfangsphase des Krieges mit 82 Divisionen einen Präventivschlag gegen die aufmarschierenden gegnerischen Truppen führen.<ref>[[Matthias Uhl]]: ''Vom Feldstab zum Generalstab – der Stab der Roten Armee zwischen dem Ende des russischen Bürgerkrieges und der Mitte der 1930er-Jahre''. in: ''Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege''. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 296&nbsp;f.</ref><br />
<br />
In den folgenden Jahren rechneten militärische Überlegungen und Denkschriften mit einer immer größeren gegnerischen Streitmacht, setzten der Roten Armee aber auch immer ambitioniertere Ziele. So rechnete der sowjetische [[Generalstab]] unter [[Boris Michailowitsch Schaposchnikow]] im September 1940 durchaus realistisch in etwa mit dem Verlauf der späteren zwei deutschen Angriffslinien, Umfassungsversuchen, anschließenden deutschen Vorstößen auf Moskau und Leningrad und einer mehrjährigen Kriegsdauer, die eine anhaltende und breite Mobilisierung erfordern würde.<br />
<br />
Nach dem deutschen [[Überfall auf Polen]] begann die Sowjetunion, entlang der neuen Grenze zum Deutschen Reich die [[Molotow-Linie]] zu errichten, die die etwa 300 Kilometer weiter östlich liegende [[Stalin-Linie]] als westliche Verteidigungslinie ablöste. Der auf Offensivverteidigung zugeschnittene Mobilmachungsplan, der eine Stärke von 7,85 Mio. Soldaten in den europäischen und kaukasischen Militärbezirken der UdSSR vorsah, musste nach der Besetzung Ostpolens, dem [[Winterkrieg]] gegen Finnland und dem deutschen Sieg über Frankreich revidiert werden.<br />
<br />
Ein Neuentwurf des Volkskommissars für Verteidigung [[Semjon Konstantinowitsch Timoschenko]] und des Generalstabschefs [[Kirill Afanassjewitsch Merezkow]] vom September 1940 ging von 233 Divisionen der Deutschen und ihrer Verbündeter im Westen sowie 49 der Japaner im Angriff auf die Sowjetunion aus. Stalin setzte den Plan im Oktober 1940 in Kraft, befahl jedoch eine Truppenkonzentration an der Südwestfront, um durch einen Vorstoß auf [[Lublin]], [[Krakau]] und [[Breslau]] die Rohstoffeinfuhr Deutschlands aus dem Balkan abzuschneiden. Die sowjetischen Verbände der Nordwest- und Westfront sollten den Gegner in Ostpreußen binden, um schließlich dessen Vernichtung in Raum östlich von [[Warschau]] zu ermöglichen. Das Papier sah im Westen eine eigene Stärke von 143 Schützendivisionen, sieben motorisierte Divisionen, 16 Panzerdivisionen, zehn Kavalleriedivisionen und 159 Fliegerregimentern vor.<ref>[[Matthias Uhl]]: ''Vom Feldstab zum Generalstab – der Stab der Roten Armee zwischen dem Ende des russischen Bürgerkrieges und der Mitte der 1930er-Jahre''. in: ''Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege''. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, ISBN 978-3-657-79195-8, S. 298&nbsp;f.</ref><br />
<br />
Von Februar bis Mai 1941 wurden Truppenaufstellung, Verteilung, Führungsstrukturen und Nachschublinien der westlichen Militärbezirke noch mehrfach geändert. Der neue Generalstabschef [[Georgi Konstantinowitsch Schukow|Georgi Schukow]] wollte sicherstellen, dass man die Balkanländer würde aus dem Krieg „drängen“ können, und forderte eine Konzentration der Hauptkräfte südlich des [[Prypjat (Fluss)|Prypjat]], bei der Südwestfront zu konzentrieren, um in Richtung Lublin – Radom vorstoßen zu können und anschließend Warschau und Krakau zu besetzen. Dementsprechend standen der Südwestfront acht Armeen zur Verfügung, der Nordwestfront zwei und der Westfront vier. Zu beachten bleibt jedoch, dass diese Pläne zu einem gewissen Teil auf Verbände setzte, die nur auf dem Papier existierten, für die aber im Frühjahr 1941 noch gar nicht genügend Ausrüstung, Munition, Verpflegung und Treibstoff zur Verfügung stand. Im April 1941 fehlte es an Artilleriemunition. Am Tag des deutschen Angriffs besaß nur etwas mehr als die Hälfte der sowjetischen Schützendivisionen Kriegsstärke, während den Panzer- und mechanisierten Divisionen mehr als die Hälfte der vorgesehenen Panzer fehlten. 106 von 348 Fliegerregimentern befanden sich noch in Aufstellung.<ref>Matthias Uhl: ''Vom Feldstab zum Generalstab – der Stab der Roten Armee zwischen dem Ende des russischen Bürgerkrieges und der Mitte der 1930er-Jahre''. in: ''Gehirne der Armeen? Die Generalstäbe der europäischen Mächte im Vorfeld der Weltkriege''. (= Krieg in der Geschichte. Bd. 118). Schoeningh, Paderborn u. a. 2023, S. 299–301.</ref><br />
<br />
Die bisherige Strategie einer sofortigen breiten Gegenoffensive wurde im März 1941 aufgegeben; diese sollte nun allenfalls in einigen Frontabschnitten und erst nach einer vollen Mobilmachung und erfolgreichen Abwehr feindlicher Vorstöße stattfinden. Ab Mai 1941 zog die Rote Armee zusätzliche Divisionen aus anderen Landesteilen in den westlichen Militärbezirken zusammen und verteilte sie entlang der gesamten Westgrenze. Sie folgte dabei Stalins Direktiven vom Oktober 1940 und reagierte auf den ihr bekannten deutschen Truppenaufmarsch.<ref>Nikolaj M. Romanicev: ''Militärische Pläne eines Gegenschlags der UdSSR.'' In: [[Gerd R. Ueberschär]], Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' 2., um ein Vorwort erweiterte Auflage. Sonderausgabe, Primus-Verlag, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-89678-776-7, S. 90–93.</ref><br />
<br />
Die immer wieder vorgebrachte [[Präventivkriegsthese]], Hitler sei mit seinem Angriff nur einer sowjetischen Offensive zuvorgekommen, ist daher wissenschaftlich widerlegt. Der Aufmarsch der Roten Armee reagierte vielmehr auf die deutschen Kriegsvorbereitungen im Sinne der Doktrin der Vorwärtsverteidigung. Dies war der Wehrmachtführung durchaus bekannt. Die deutsche „[[Fremde Heere Ost|Abteilung Fremde Heere Ost]]“ im OKH, die derweil die vertraglich verbotenen deutschen Aufklärungsflüge über sowjetischem Gebiet wieder aufnahm, beurteilte die sowjetische Truppenverstärkung übereinstimmend und kontinuierlich von April bis Juni 1941 als rein defensiv. NS-Propagandaminister [[Joseph Goebbels]] zufolge sahen das OKH und das NS-Regime die grenznahe sowjetische Truppenkonzentration sogar als das Beste an, „was […] überhaupt passieren kann“, weil sie den geplanten „Durchstoß“ erleichtere und „eine leichte Gefangenenbeute“ ermögliche.<ref>Zitiert bei Gerd R. Ueberschär: ''Die militärische Planung für den Angriff auf die Sowjetunion.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 29; Primärquellen in Fn. 44–48, S. 36.</ref><br />
<br />
Stalin und seine Generäle gingen davon aus, dass die Rote Armee nicht vor 1942 gegen die Wehrmacht abwehrbereit sein würde, vor allem weil die durch die „Säuberungen“ 1936 bis 1938 getöteten Generäle und Offiziere nicht schnell genug durch kompetente Männer ersetzt werden konnten.<ref>Jurij Kiršin: ''Die sowjetischen Streitkräfte am Vorabend des Großen Vaterländischen Krieges.'' In: [[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]] (Hrsg.): ''Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum „Unternehmen Barbarossa“.'' Piper, München 1991, S.&nbsp;389&nbsp;f.</ref> In der [[Stalinrede vom 5. Mai 1941 im Kreml vor den Absolventen der sowjetischen Militärakademien]] erklärte er: „Wir müssen von der Verteidigung zur Militärpolitik des offensiven Handelns übergehen. Wir müssen unsere Erziehung, unsere [[Propaganda]], [[Agitation]], unsere Presse im offensiven Geist umbauen.“<ref>Zitiert nach Lev A. Bezymenskij: ''Stalins Rede vom 5. Mai 1941.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 142.</ref> Er wollte den Offiziersnachwuchs der Roten Armee damit auf die Umsetzung der ab Oktober 1940 gültigen Offensivstrategie einschwören, auch weil er mit dem Kriegseintritt der Sowjetunion ab 1942 rechnete.<ref>Lev A. Bezymenskij: ''Stalins Rede vom 5.&nbsp;Mai 1941 – neu dokumentiert.'' Bernd Bonwetsch: ''Stalins Äußerungen zur Politik gegenüber Deutschland 1939–1941.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 142, 152.</ref><br />
<br />
Der sowjetische Militärgeheimdienst [[Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije|GRU]] hatte Stalin erstmals am 20.&nbsp;Januar 1940, dann am 8.&nbsp;April und 28.&nbsp;Juni sowie am 4., 27. und 29.&nbsp;September 1940 über mögliche deutsche Kriegsabsichten gegen die Sowjetunion, am 29.&nbsp;Dezember 1940 auch über Hitlers „Weisung Nr. 21“ informiert. Das [[Innenministerium der UdSSR|NKWD]] berichtete zudem zwischen 9.&nbsp;Juli und 6.&nbsp;November 1940 sechsmal über deutsche Truppenverschiebungen an die Ostgrenze des Reiches. 1941 häuften sich derartige Berichte. Stalin ließ sie sich alle unmittelbar und unkommentiert zustellen, hielt jedoch keine Rücksprache darüber und behielt sich so ihre Auswahl und Deutung im Sinne seiner Politik vor.<ref>Lev A. Bezymenski: ''Der sowjetische Nachrichtendienst und der Kriegsbeginn von 1941.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 106&nbsp;f.</ref> Anfang Mai 1941 berichtete der in Japan tätige Agent [[Richard Sorge]] an die Sowjetunion, der deutsche Angriff solle mit 150 Divisionen am 20.&nbsp;Juni beginnen.<ref>Heiner Timmermann, [[Sergei Alexandrowitsch Kondraschow]], Hisaya Shirai: ''Spionage, Ideologie, Mythos – der Fall Richard Sorge.'' Lit Verlag, 2005, ISBN 3-8258-7547-4, [http://books.google.de/books?id=HZFFkWD33uUC&pg=PA15 S. 15].</ref> Doch Stalin, der nicht an einen deutschen Überraschungsangriff glaubte, wollte Hitlers offenkundige Angriffsabsicht bis zum Kriegsbeginn nicht zur Kenntnis nehmen.<ref>Sergej Slutsch: ''Der Weg in die Sackgasse. Die UdSSR und der Molotov-Ribbentrop-Pakt.'' In: ''Osteuropa.'' Band 59, Nr.&nbsp;7–8, Stuttgart 2009, {{ISSN|0030-6428}}, S. 75–96, hier S. 76.</ref> Er wertete alle substanziellen Warnungen aus Kreisen des [[Widerstand gegen den Nationalsozialismus|deutschen Widerstands]] sowie der britischen und sowjetischen Geheimdienste als bewusste [[Desinformation]]en, mit denen Großbritannien ihn in den Krieg gegen Deutschland hineinzuziehen versuche. Dazu trug auch der Flug von Hitlers Stellvertreter [[Rudolf Heß]] am 10.&nbsp;Mai 1941 nach Großbritannien bei, der auf eigene Faust einen Frieden zwischen beiden Staaten zu vermitteln versuchte. Die Briten streuten ihrerseits Gerüchte, Heß könnte damit Erfolg haben, um die Sowjetunion zum Beenden ihres Bündnisses mit Deutschland oder sogar zu einem [[Präventivschlag]] zu provozieren. Stalin hielt es jedoch für ausgeschlossen, dass Hitler einen Zweifrontenkrieg beginnen würde, solange er mit Großbritannien nicht Frieden geschlossen habe. Bis dahin wollte er abwarten und sich nicht provozieren lassen.<ref>[[Rainer F. Schmidt]]: ''Der Heß-Flug und das Kabinett Churchill. Hitlers Stellvertreter im Kalkül der britischen Kriegsdiplomatie Mai–Juni 1941.'' In: ''[[Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte]]'' 41 (1994), S. 1–38 ([https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_1.pdf online] (PDF; 7,7&nbsp;MB), abgerufen am 11.&nbsp;April 2012).</ref> Diese Fehleinschätzung trug wesentlich zu den späteren Anfangserfolgen der Wehrmacht bei.<ref>[[Alexander Iwanowitsch Borosnjak|Alexander I. Boroznjak]]: ''Ein russischer Historikerstreit? Zur sowjetischen und russischen Historiographie über den deutschen Angriff auf die Sowjetunion.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 116–128, hier S. 118&nbsp;f.; siehe weiterhin Lev A. Bezymenskij: ''Der sowjetische Nachrichtendienst und der Kriegsbeginn von 1941.'' In: Gerd Ueberschär, Lev Bezymenskij: ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941.'' Darmstadt 2011, S. 103–115, hier S. 110–113.</ref><br />
<br />
Am 15. Mai 1941 überreichten der Volkskommissar für Verteidigung, Marschall der Sowjetunion [[Semjon Konstantinowitsch Timoschenko|Timoschenko]], und der Chef des Generalstabes der Roten Armee, Armeegeneral [[Georgi Konstantinowitsch Schukow|Schukow]], Stalin den Plan eines Präventivschlags gegen den deutschen Aufmarsch. Dieser lehnte den Vorschlag nach ihren übereinstimmenden Nachkriegsaussagen aber strikt ab und verbot ihnen entsprechende Maßnahmen.<ref>Aussagen Schukows im ''Interview von Viktor Anfilow 1965'': Zitiert bei Nikolaj M. Romanicev: ''Militärische Pläne eines Gegenschlags der UdSSR.'' In: Ueberschär, Bezymenski (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941.'' 2. Auflage. 2011, S. 101. Aussagen Timoschenkos: Zitiert bei Lev A. Bezymenskij: ''Stalins Rede vom 5.&nbsp;Mai 1941.'' In: Ueberschär, Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941.'' 2. Auflage. 2011, S. 142&nbsp;f.</ref> Gleichwohl verstärkte die Rote Armee ihre offensive Aufstellung; ob sie eine verdeckte Teilmobilmachung einleitete, beurteilen Militärhistoriker verschieden. Ein Befehl Stalins dazu ist nicht dokumentiert.<ref>[[Bernd Bonwetsch]]: ''Kriegsvorbereitungen der Roten Armee.'' In: Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): ''Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion.'' 2. Auflage, Fischer TB, Frankfurt am Main 2000, S. 179–183.</ref><br />
<br />
[[Datei:Linia Mołotowa.jpg|mini|[[Molotow-Linie]]]]<br />
Am 13. Juni 1941 beschloss die sowjetische Führung schließlich doch, 237 von 303 sowjetischen Divisionen mit sechs Millionen Soldaten in vier grenznahen Frontabschnitten gegen einen Angriff von Westen bereitzuhalten. Dazu sollten etwa ein Drittel des Personals und der Kraftfahrzeuge aus dem Landesinnern herangeführt werden. Zudem sollte die angenommene Unterlegenheit der Luftstreitkräfte bis Ende 1941 mit 100 neuen Fliegerregimentern ausgeglichen werden. Aufgrund des ständig reformierten Plans wurde die ursprünglich bis Ende Mai 1941 geplante volle Mobilmachung verfehlt; nach Kriegsbeginn ließ sie sich nicht mehr wie vorgesehen umsetzen. Die [[Molotow-Linie]] war noch nicht fertiggestellt; in 60 Prozent der fertigen Bunkeranlagen fehlte es an Bewaffnung und Kommunikationsmitteln. Nur 13 Prozent der vorgesehenen schweren, 7 Prozent der mittleren Panzer, 67 Prozent der Kampfflugzeuge, 65 Prozent der Flugabwehrgeschütze, 50 bis 75 Prozent der Nachrichtenmittel waren bei Kriegsbeginn einsatzbereit. Die Verteidigungsstaffeln konnten ihre Aufstellungsräume nicht schnell genug erreichen, so dass sie leicht voneinander und vom Nachschub abgeschnitten wurden. Der [[Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers|Generalstab der Roten Armee]] hatte keinen deutschen Überraschungsangriff vor Erreichen der Sollstärke ihrer Truppen eingeplant, da er von einer Früherkennung feindlicher Absichten und rechtzeitigen Aufmarschbefehlen Stalins ausging.<ref>Nikolaj M. Romanicev: ''Militärische Pläne eines Gegenschlags der UdSSR.'' In: Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): ''Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese.'' Darmstadt 2011, S. 94–100.</ref> Der Leiter des Militärrats des Militärbezirks Leningrad, [[Andrei Alexandrowitsch Schdanow]], trat am 21.&nbsp;Juni aus gesundheitlichen Gründen einen Erholungsurlaub an. Trotz vieler Warnungen durch Überläufer und Diplomaten wurde am 21.&nbsp;Juni zunächst nur die Moskauer Luftverteidigung auf 75-prozentige Kampfbereitschaft gebracht. In der Nacht vom 21. auf den 22.&nbsp;Juni ließ Stalin nach mehrstündiger Beratung mit seinen Generälen die Truppen in den Grenzbezirken in Alarmbereitschaft versetzen.<ref>Simon Sebag Montefiore: ''Stalin, am Hof des roten Zaren.'' S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-17251-9, S. 404–407.</ref> An vielen Stellen wurden die sowjetischen Einheiten vom unmittelbar darauf erfolgenden deutschen Angriff dennoch überrascht. Auch Stalin reagierte schockiert.<br />
<br />
Infolge des deutschen Überfalls ließ Stalin den „Großen Vaterländischen Krieg“ ({{ruS|Вели́кая Оте́чественная война́}}, ''Welikaja otetschestwennaja wojna'') ausrufen. Der Leitartikel der [[Prawda]] von [[Jemeljan Michailowitsch Jaroslawski]] titelte am 23.&nbsp;Juni 1941: „Der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volkes“.<ref>John Barber: ''The Image of Stalin in Soviet Propaganda and Public Opinion during World War II.'' In: John und Carol Garrad (Hrsg.): ''World War II and the Soviet People.'' Houndmills, London 1993, S. 41.</ref> Stalin selbst nannte ihn in seiner ersten Rundfunkansprache nach Kriegsbeginn am 3.&nbsp;Juli 1941<ref>[[Dimitri Wolkogonow]]: ''Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt.'' Econ, Düsseldorf/Wien 1993, S. 566; [https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0029_stj&object=context&st=&l=de Online-Fassung] mit einer Einführung von [[Bianka Pietrow-Ennker]] auf [[1000dokumente.de]].</ref> und nochmals in einer Rede am 6.&nbsp;November 1941 „vaterländisch“.<ref>Karl-Theodor Schleicher, Heinrich Walle (Hrsg.): ''Aus Feldpostbriefen junger Christen 1939–1945. Ein Beitrag zur Geschichte der Katholischen Jugend im Felde.'' Franz Steiner Verlag, 2005, ISBN 3-515-08759-1, [http://books.google.de/books?id=HgNE_4u4vg4C&pg=PA392 S. 392].</ref> Schon den [[Russlandfeldzug 1812]] hatte die russische Historiographie „Vaterländischer Krieg“ genannt.<ref>[[Frithjof Benjamin Schenk]]: ''Aleksandr Nevskij. Heiliger – Fürst – Nationalheld. Eine Erinnerungsfigur im russischen kulturellen Gedächtnis (1263–2000).'' Böhlau, Wien 2004, S. 382, Fußnote 33.</ref> Die Bezeichnung war nach 1945 auch im [[Ostblock]] üblich und wird bis heute in Russland und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion verwendet. Mit seinem 1946 in Moskau erschienenen Band ''Über den großen vaterländischen Krieg der Sowjetunion'', der Reden und Befehle Stalins enthielt, verfolgte Stalin das Ziel, die Kampfhandlungen als „[[Gerechter Krieg|gerechten]] vaterländischen Volks- und Befreiungskrieg“ darzustellen.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.stalinwerke.de/vaterlandkrieg/vk.html |text=Stalin: ''Über den großen vaterländischen Krieg der Sowjetunion'' |wayback=20050412141642}}. Moskau 1946, zitiert bei Ludmila Lutz-Auras: ''„Auf Stalin, Sieg und Vaterland!“ Politisierung der kollektiven Erinnerung''. Springer, Wiesbaden 2012, S. 128.</ref><br />
<br />
== Militärisches Kräfteverhältnis ==<br />
=== Truppen- und Waffenzahlen bei Kriegsbeginn ===<br />
Die Militärhistoriker [[David M. Glantz]]<ref>David M. Glantz: ''Stumbling Colossus. The Red Army on the Eve of World War.'' University of Kansas Press, Lawrence 1998, S. 295.</ref> und [[Michail Iwanowitsch Meltjuchow]]<ref>Мельтюхов М.И.: ''Упущенный шанс Сталина. Советский Союз и борьба за Европу, 1939–1941.'' М.: Вече, 2000, S. 479 ([http://militera.lib.ru/research/meltyukhov/12.html militera.lib.ru]).</ref> haben verschiedene Zahlen zum Verhältnis beider Streitkräfte am 22. Juni 1941 angegeben:<br />
{| border="0" cellpadding="5" cellspacing="1" style="width:100%; text-align:left; empty-cells:show; margin-bottom:0.5em; background:#F9F9F9;"<br />
! Streitkraft<br />
! style="background:#E0E0EE" colspan="2"| Achsenmächte<br />
! style="background:#FBC7C7" colspan="2"| Rote Armee<br />
|-<br />
! Autor<br />
! colspan="1"| Glantz<br />
! colspan="1"| Meltjuchow<br />
! colspan="1"| Glantz<br />
! colspan="1"| Meltjuchow<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"| Soldaten<br />
| style="background:#d1e3e7" | 3.767.000<br />
| style="background:#d1e3e7" | 4.306.800<br />
| style="background:#fddcdc" | 2.780.000<br />
| style="background:#fddcdc" | 3.289.851<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"| Panzer<br />
| style="background:#d1e3e7" | 3.612<br />
| style="background:#d1e3e7" | 4.171<br />
| style="background:#fddcdc" | 11.000<br />
| style="background:#fddcdc" | 15.687<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"| Flugzeuge<br />
| style="background:#d1e3e7" | 2.937<br />
| style="background:#d1e3e7" | 4.846<br />
| style="background:#fddcdc" | 9.917<br />
| style="background:#fddcdc" | 10.743<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"| Geschütze<br />
| style="background:#d1e3e7" | 12.686<br />
| style="background:#d1e3e7" | 42.601<br />
| style="background:#fddcdc" | 42.872<br />
| style="background:#fddcdc" | 59.787<br />
|}<br />
<br />
Die rund drei Millionen Soldaten des deutschen Ostheeres verteilten sich auf 150 Divisionen, darunter 20 Panzerdivisionen.<ref>Rolf-Dieter Müller: ''Hitlers Wehrmacht 1935–1945.'' Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2012, [http://books.google.de/books?id=OEobT6ZetjcC&pg=PA60 S. 60].</ref> Die Verbündeten stellten weitere 690.000 Soldaten. Diese Truppen waren in drei Heeresgruppen mit zusammen zehn Armee-Oberkommandos und vier Panzergruppen gegliedert. Neben den genannten Waffen verfügten sie über 600.000 Kraftfahrzeuge und 625.000 Pferde. In den westlichen Militärbezirken der Sowjetunion standen ihnen 2,9 Millionen Rotarmisten gegenüber, 145 Divisionen und 40 Brigaden, gegliedert in vier Heeresgruppen mit zehn Armee-Oberkommandos.<ref>Rolf-Dieter Müller: ''Der Feind steht im Osten: Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939.'' Ch. Links Verlag, Berlin 2011, [http://books.google.de/books?id=6y8XvCqhRb8C&pg=PA243 S. 243].</ref><br />
<br />
Nach einer Aufstellung in dem von Historikern des [[Militärgeschichtliches Forschungsamt|Militärgeschichtlichen Forschungsamtes]] erarbeiteten Werk ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]'' hatte das deutsche Heer bis zum Kriegsbeginn am 22. Juni 1941 3648 von 5694 Panzern und Sturmgeschützen seines damaligen Gesamtbestandes (≈ 64 %) an die Ostfront verlegt, darunter 3255 Panzerkampfwagen der Typen I–IV, 143 Panzerbefehlswagen sowie 250 von 377 [[Sturmgeschütz III|Sturmgeschützen III]]. Infolge von<br />
Umorganisationen seit dem [[Westfeldzug]] 1940 hatte die Wehrmacht die Zahl ihrer Panzerdivisionen, nicht aber ihrer Panzer fast verdoppelt. Demgemäß musste sie ältere oder erbeutete ausländische Modelle weiter nutzen und stattete ein Drittel der Panzerdivisionen mit 157 [[Tschechoslowakei|tschechoslowakischen]] [[LT vz. 35|Panzer 35(t)]] und 651 [[Panzerkampfwagen 38 (t)|Panzer 38(t)]] aus. Der [[Panzerkampfwagen I]] hatte 1939 fast die Hälfte aller deutschen Panzer gestellt und war danach oft zum [[Panzerjäger I]] oder anderen Zwecken umgebaut worden. Vom Originalmodell setzten die östlichen Panzerdivisionen 1941 noch 281 Stück, vom [[Panzerkampfwagen II]] 743, vom [[Panzerkampfwagen III]] 651, vom [[Panzerkampfwagen IV]] 444 Stück sowie [[Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 251]] ein. Der Panzerkampfwagen IV mit seiner kurzen 7,5-cm-Kanone (L/27) war für Durchbruchsoperationen wenig geeignet. Die 250 Exemplare vom (der Artillerie unterstellten) [[Sturmgeschütz III]] mit der ebenso kurzen Kanone sollten hauptsächlich die Infanterie unterstützen.<ref>Horst Boog und andere: ''Der Angriff auf die Sowjetunion. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg.'' Band IV, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1983, S. 185.</ref> Obwohl jede Panzerdivision über ein gepanzertes Infanterie-Bataillon verfügen sollte, waren die meisten wegen des Mangels an Fahrzeugen nur mit einer gepanzerten Schützenkompanie ausgestattet.<ref>Bruce Culver, Jim Laurier: ''SDKFZ 251 Half-Track, 1939–1945.'' ISBN 1-85532-846-1, Osprey Publishing, 1998, S. 33.</ref><br />
<br />
Bei den sowjetischen Panzern waren nach eigenen Angaben nur etwa 27 % der alten Panzertypen einsatzbereit. Am 15. Juni 1941 hatten 29 % aller Panzer eine Hauptinstandsetzung und 44 % eine mittlere Instandsetzung nötig.<ref>[[Alexander Werth (Journalist)|Alexander Werth]]: ''Rußland im Krieg 1941–1945''. München/Zürich 1965, S. 123.</ref><br />
<br />
Zur Organisation der Kräfte siehe [[Schematische Kriegsgliederung der Roten Armee am 22.&nbsp;Juni 1941]] und [[Schematische Kriegsgliederung der Wehrmacht für das Unternehmen Barbarossa]].<br />
<br />
=== Entwicklung der Waffentechnik ===<br />
[[Datei:T-34 prototypes.jpg|mini|[[BT-7]], [[T-34|A-20]], [[T-34]] Modell 1940 und T34 Modell 41 im Vergleich]]<br />
<br />
Die geheime deutsch-sowjetische militärische Zusammenarbeit bis Anfang der 1930er-Jahre hatte zu einer Modernisierung der Strategie und Bewaffnung der Roten Armee unter Marschall [[Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski|Tuchatschewski]] beigetragen, die nach Meinung von Militärhistorikern die sowjetischen Gegenoffensiven 1941 bis 1944 wesentlich ermöglicht hat.<ref name="Overy">Richard Overy: ''Russlands Krieg 1941–1945.'' Rowohlt, Hamburg 2004, ISBN 3-498-05032-X.</ref><br />
<br />
==== Bodentruppen ====<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 101I-280-1096-33, Russland, Reparatur eines Panzer V (Panther).jpg|mini|Reparatur an einem [[Panzerkampfwagen V Panther]], 1944]]<br />
<br />
Die Artilleriewaffen der Wehrmacht und der Roten Armee waren in etwa als gleichwertig anzusehen. Anders sah es bei der Panzerwaffe aus. Die deutschen Panzermodelle [[Panzerkampfwagen I|Panzer I]], [[Panzerkampfwagen II|Panzer II]], [[LT vz. 35|Panzer 35 (t)]], [[Panzerkampfwagen 38 (t)|Panzer 38 (t)]] und auch der [[Panzerkampfwagen III|Panzer III]] hatten gegenüber den schweren sowjetischen Modellen eine zu geringe Panzerung und Feuerkraft. Die Wehrmacht musste daher vielfach Flak-Artillerie einsetzen, um die schwere Panzerung der KW-1 und KW-2 zu durchbrechen. Zumindest die Panzer III und IV erwiesen sich den im Jahr 1941 z.&nbsp;T. veralteten sowjetischen Panzermodellen [[T-26]], [[T-28 (Panzer)|T-28]], [[T-35]], [[BT-5]] und [[BT-7]] aber als überlegen.<br />
<br />
Die sowjetischen schweren Panzermodelle [[KW-1]] und [[KW-2]] waren gegen die meisten deutschen Heeres-Panzerabwehrwaffen recht widerstandsfähig. Zu ihrer Bekämpfung wurde hauptsächlich die Luftwaffe herangezogen.<ref name="luedeke" /> Der moderne mittlere Panzer [[T-34]] war sehr schnell, gut bewaffnet und ausreichend gepanzert, wurde aber zu Beginn des Krieges noch nicht in großen Stückzahlen von der Roten Armee eingesetzt. Die ersten Baumuster wiesen noch Mängel im Bereich des Antriebes und der Rundumsicht auf, zudem standen zunächst kaum Funkgeräte zur Verfügung. Der T-34 wurde aber im Verlauf des Krieges kontinuierlich weiterentwickelt, insgesamt wurden über 50.000 Stück hergestellt. Er gilt daher als „Standardpanzer“ der Roten Armee. Erst der mittlere deutsche [[Panzerkampfwagen V Panther]] und der schwere [[Panzerkampfwagen VI Tiger|VI]] (Tiger) waren dem T-34 qualitativ gewachsen, sie hatten aber 1943 noch unter Entwicklungsmängeln zu leiden und konnten nicht mehr in ausreichend hoher Zahl produziert werden. Mit dem Erscheinen der schweren Panzer [[IS-1 (Panzer)|JS-1]] und [[IS-2 (Panzer)|JS-2]] hatte die Rote Armee dann schließlich die effektivsten Panzer des Krieges zur Verfügung.<ref name="luedeke" /> Um den quantitativen Anforderungen des Panzerkrieges nachzukommen, wurden von beiden Seiten so genannte [[Sturmgeschütz]]e und teils improvisiert wirkende [[Selbstfahrlafette]]n und [[Panzerhaubitze]]n eingesetzt, indem unter anderem erbeutete Geschütze auf vorhandene Panzerfahrgestelle montiert wurden.<ref name="luedeke">Alexander Lüdeke: ''Der Zweite Weltkrieg. Ursachen, Ausbruch, Verlauf, Folgen.'' Berlin 2007, ISBN 978-1-4054-8585-2.</ref> Die Waffenmodelle der Roten Armee waren alle relativ einfach, zuverlässig und robust gebaut und so für die Massenproduktion viel besser geeignet als die anspruchsvoller konstruierten und oft handgefertigten deutschen Waffenmodelle.<ref name="Richard Overy 1995">Richard Overy: ''War and Economy in the Third Reich.'' Oxford University Press, 1995, ISBN 0-19-820599-6.</ref><br />
<br />
==== Luftstreitkräfte ====<br />
[[Datei:RIAN archive 225 IL-2 attacking.jpg|mini|Sowjetische [[Iljuschin Il-2]] während der Schlacht von Kursk, Sommer 1943]]<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 101I-398-1794-18, Flugzeug Messerschmitt Me 109 G-2.jpg|mini|Deutsche [[Messerschmitt Bf 109]] in Nordrussland, 1942]]<br />
<br />
Die [[Luftstreitkräfte der Sowjetunion]] verfügten zwar bereits 1941 über kampferfahrene Piloten von den Kämpfen am [[Chalcha (Fluss)|Chalchin Gol]] gegen die Japaner und aus dem [[Winterkrieg]] gegen Finnland, diese waren aber durch starke politische Indoktrinierung oft an der Umsetzung ihrer Erfahrungen gehindert.<ref>A. W. [[Woroscheikin]]: ''Jagdflieger.'' Band 1 u. 2, Berlin 1976, [[Militärverlag der DDR]].</ref> Der Mangel an Funkgeräten machte eine effektive Führung praktisch unmöglich.<ref name="Overy299ff">Richard Overy: ''Russlands Krieg, 1941–1945.'' Rowohlt, Reinbek 2003, ISBN 3-498-05032-X, S. 299 ff.</ref><br />
<br />
Im Bereich Ausrüstung, Struktur und [[Taktik (Militär)|Taktik]] vollzog sich in den sowjetischen Luftstreitkräften ab 1942 ein deutlich bemerkbarer Wandel. Das [[Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers|Stawka]] begann, aus den Luftregimentern, die bis dahin den „[[Front (Großverband)|Fronten]]“ (Heeresgruppen) unterstellt waren, selbstständige Luftarmeen zu bilden, die diese Fronten unterstützen konnten, in ihrer Organisation aber unabhängig waren. Unter der Führung des 1942 zum Oberbefehlshaber der [[Luftstreitkräfte]] bestellten Generals [[Alexander Alexandrowitsch Nowikow (General)|Nowikow]] wurden 18 [[Luftarmee]]n gebildet, die in Größe und Struktur etwa jeweils einer [[Luftflotte]] der deutschen Luftwaffe entsprachen.<br />
<br />
Im Bereich der Jagdflugzeuge setzte die Sowjetunion bis April 1942 noch einige Flugzeugmuster aus der Zeit des [[Spanischer Bürgerkrieg|Spanischen Bürgerkriegs]] ein, gegen Jahresende waren die meisten Regimenter jedoch auf modernere Muster wie [[Mikojan-Gurewitsch MiG-3|MiG-3]], [[Lawotschkin LaGG-3|LaGG-3]] und [[Jakowlew Jak-1|Jak-1]] umgerüstet.<ref>[[Franz Kurowski]]: ''Balkenkreuz und Roter Stern: Der Luftkrieg über Russland 1941–1944.'' Dörfler 2006, ISBN 3-89555-373-5, S. 25.</ref> Die Lieferungen von Jagdflugzeugen und Funkgeräten aus den [[Vereinigte Staaten|USA]] und aus [[Vereinigtes Königreich|Großbritannien]] trugen in diesem Zeitraum wesentlich zur Modernisierung bei.<ref name="Overy299ff" /><br />
<br />
Technisch waren diese Muster den von der deutschen Luftwaffe eingesetzten [[Messerschmitt Bf 109|Bf 109]] F/G und [[Focke-Wulf Fw 190|FW-190]] noch bis zu einem gewissen Grad unterlegen, teils wegen Mängel in der Bewaffnung und Ausrüstung, der Stabilität und der Flugleistung. Die ab 1942 produzierten Muster [[Lawotschkin La-5|La-5]], [[Lawotschkin La-7|La-7]], [[Jakowlew Jak-3|Jak-3]], [[Jakowlew Jak-7|Jak-7]] und [[Jakowlew Jak-9|Jak-9]] konnten auch qualitativ in jeder Hinsicht mit den Flugzeugen der Luftwaffe gleichziehen.<ref name="why">Richard Overy: ''Die Wurzeln des Sieges; Warum die Alliierten den Krieg gewannen.'' S. 182.</ref> Bereits ab 1941 wurden im Zuge des Leih- und Pachtabkommens britische [[Hawker Hurricane]]s und [[Supermarine Spitfire]]s in die Sowjetunion geliefert, dazu kamen aus den USA zahlreiche [[Bell P-39]]- und [[Curtiss P-40]]-Jagdflugzeuge.<br />
<br />
Bereits seit dem [[Überfall auf Polen]] 1939 setzte die deutsche Wehrmacht wirkungsvoll taktische Luftwaffenverbände im Zusammenwirken mit Panzertruppen ein. Diese Taktik wurde von der Roten Armee in ihren Offensiven ab 1942 effektiv übernommen. Das Gegenstück zum 1941 schon veralteten und verwundbaren [[Sturzkampfflugzeug]] [[Junkers Ju 87|Ju 87]] war auf sowjetischer Seite die schwer gepanzerte [[Iljuschin Il-2]]. Bis heute gilt die Il-2 mit über 36.000 fertiggestellten Exemplaren neben der [[Polikarpow Po-2|Po-2]] als eines der meistgebauten Flugzeuge der Welt.<ref>Russel Miller (Hrsg.): ''Die Sowjetunion im Luftkrieg.'' Bechtermünz Verlag, Eltville am Rhein 1984, ISBN 3-86047-052-3, S. 94.</ref> Sowohl die Ju 87 als auch die Il-2 wurden im Verlauf des Konfliktes noch weiterentwickelt und auf die Panzerbekämpfung ausgerichtet.<br />
<br />
Als mittlere Bomber standen den deutschen [[Junkers Ju 88|Ju 88]] und [[Heinkel He 111|He 111]] die sowjetischen [[Petljakow Pe-2|Pe-2]], [[Iljuschin Il-4|IL-4]] und ab 1943 [[Tupolew Tu-2|Tu-2]] gegenüber, die alle eine Vielzahl von Aufgaben übernehmen konnten und in qualitativer Hinsicht Vor-&nbsp;und Nachteile gegeneinander aufwogen. Während sich auf deutscher Seite geringfügige technische Vorteile zeigten, hatten die sowjetischen Bomber mehr Erfahrung und bessere Voraussetzungen für den [[Winterkrieg]]. Über 3.000 [[Douglas A-20]] Bomber und eine relativ geringe Anzahl von rund 800 [[North American B-25]] Bombern wurden im Zuge des [[Leih- und Pachtgesetz]]es an die Sowjetunion geliefert und bis in die 1950er-Jahre eingesetzt.<ref>Hans-Joachim Mau, Hans Heiri Stapfer: ''Unter rotem Stern – Lend-Lease-Flugzeuge für die Sowjetunion 1941–1945.'' Transpress, Berlin 1991, S. 114–118.</ref> Die schweren strategischen Bomber beider Konfliktgegner hatten bis auf die Ausnahme einiger Ferneinsätze von sowjetischen [[Petljakow Pe-8|Pe-8-Bombern]] nur eine untergeordnete Bedeutung.<ref name="miller">Russel Miller (Hrsg.): ''Die Sowjetunion im Luftkrieg.'' Bechtermünz Verlag, Eltville am Rhein 1984, ISBN 3-86047-052-3, S. 88, 128–139.</ref><br />
<br />
Eine spezielle Rolle fiel den [[Transportflugzeug]]en zu. Im Winter 1941/42 wurden eingeschlossene Verbände während der [[Kesselschlacht von Demjansk]] und der [[Schlacht um Cholm]] trotz empfindlicher Verluste aus der Luft versorgt,<ref>Alexander Boyd: ''The Soviet Air Force since 1918.'' McDonald and Janes’s, London 1977, ISBN 0-356-08288-1, S. 138.</ref> die Einsätze wurden größtenteils von [[Junkers Ju 52/3m|Ju 52]] geflogen, einem militärisch adaptierten Verkehrsflugzeug von 1932. Ungeachtet des Alters konnte dieses Muster wegen seiner Robustheit die Aufgabe lösen. Der Versuch, im Winter 1943 Stalingrad aus der Luft zu versorgen, scheiterte aber unter anderem an fehlender Kapazität, dem Wetter und der sowjetischen Luftabwehr.<ref>Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): ''Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg.'' Band 6. Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 1990, ISBN 3-421-06233-1, S. 1045.</ref> Bei dieser Luftbrücke wurden auch [[Junkers Ju 90|Ju 90]], [[Heinkel He 177]] und [[Focke-Wulf Fw 200|Fw 200]] eingesetzt. Die Sowjetunion bekam die Genehmigung, die leistungsfähige US-amerikanische [[Douglas DC-3|Douglas C-47]] in Lizenz zu bauen; sie bezeichnete diese als [[Lissunow Li-2|Li-2]] und stellte eigene bis dahin produzierte Muster ein. Die Li-2 konnte so wie die Ju 52 als Transportflugzeug oder als Hilfsbomber eingesetzt und mit Bordwaffen ausgerüstet werden. Auf beiden Seiten wurden neben den erwähnten Mustern viele weitere Flugzeugtypen eingesetzt.<br />
<br />
=== Kriegsproduktion ===<br />
Die deutsche Wirtschaft wurde erst ab 1941 allmählich auf eine [[Wirtschaft im Nationalsozialismus#Kriegswirtschaft|Kriegswirtschaft]] umgestellt. Die von [[Fritz Todt]] eingeleiteten Rationalisierungsmaßnahmen zur billigen und technisch einfachen Massenproduktion kamen erst 1944 unter seinem Nachfolger [[Albert Speer]] voll zur Geltung. Bis dahin überwog die von den militärischen Beschaffungsstellen bevorzugte aufwendige Handfertigung von Präzisionswaffen, so dass die Wehrmacht eine Vielzahl verschiedener und wartungsaufwendiger Waffensysteme einsetzte. Bis 1942 wurde in den Fabriken meist noch in nur einer Schicht gearbeitet.<ref name="Richard Overy 1995" /><br />
<br />
Die industrielle Ausbeutung der Rohstoffreserven ergab relativ hohe Fördermengen. Die Rohstoffreserven der [[Achsenmächte]] waren aber insgesamt knapp und reichten kaum über einen sechs Monate dauernden Krieg hinaus.<br />
<br />
Die Sowjetunion verfügte über viel mehr Rohstoffreserven, die sie aber wegen des zunächst ungünstigen Kriegsverlaufs mit der [[Ostverlagerung sowjetischer Industriebetriebe im Zweiten Weltkrieg|Ost-Verlagerung vieler Industriebetriebe]] erst gegen Kriegsende voll ausnutzen konnte. Durch fortschrittlichere [[Rationalisierung (Ökonomie)|Rationalisierung]] und Standardisierung konnte die sowjetische Rüstungsindustrie aus weniger Rohstoffen mehr Stückzahlen an Rüstungsgütern herstellen als das Deutsche Reich.<br />
<br />
{| border="0" cellpadding="5" cellspacing="1" style="width:100%; text-align:left; empty-cells:show; margin-bottom:0.5em; background:#F9F9F9;"<br />
|+ '''Sowjetische (rot) und deutsche (blau) Kriegsproduktion'''<ref name="Overy" /><br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|'''Rüstung und Schwerindustrie''' (Auswahl)<br />
! style="background:#E0E0EE"|1941<br />
! style="background:#E0E0EE"|1942<br />
! style="background:#E0E0EE"|1943<br />
! style="background:#E0E0EE"|1944<br />
! style="background:#E0E0EE"|1945<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|Flugzeuge<br />
| style="background:#fddcdc" |15.735<br />
| style="background:#fddcdc" |25.436<br />
| style="background:#fddcdc" |34.900<br />
| style="background:#fddcdc" |40.300<br />
| style="background:#fddcdc" |20.900<br />
|-<br />
|<br />
| style="background:#d1e3e7" |11.776<br />
| style="background:#d1e3e7" |15.409<br />
| style="background:#d1e3e7" |28.807<br />
| style="background:#d1e3e7" |39.807<br />
| style="background:#d1e3e7" |7.540<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|Panzer<ref>Panzer für Deutsches Reich inkl. Selbstfahrlafetten u. StuG, ohne Panzer I o. Panzerhaubitzen: F.M. von Senger und Etterlin: ''Die deutschen Panzer 1926–1945.'' ISBN 3-7637-5988-3, S. 345. Zahlen für 1945 siehe in Richard Overy: ''Die Wurzeln des Sieges.'' ISBN 3-499-61314-X, S. 425.</ref><br />
| style="background:#fddcdc" |6.590<br />
| style="background:#fddcdc" |24.446<br />
| style="background:#fddcdc" |24.089<br />
| style="background:#fddcdc" |28.963<br />
| style="background:#fddcdc" |15.400<br />
|-<br />
|<br />
| style="background:#d1e3e7" |3.804<br />
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| style="background:#d1e3e7" |12.151<br />
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|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|Kohle (in Mio. Tonnen)<br />
| style="background:#fddcdc" |151,4<br />
| style="background:#fddcdc" |75,5<br />
| style="background:#fddcdc" |93,1<br />
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|-<br />
|<br />
| style="background:#d1e3e7" |315,5<br />
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| style="background:#d1e3e7" |340,4<br />
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| style="background:#d1e3e7" |keine Angaben<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|Stahl (in Mio. Tonnen)<br />
| style="background:#fddcdc" |17,9<br />
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|-<br />
|<br />
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| style="background:#d1e3e7" |keine Angaben<br />
|-<br />
! style="background:#E0E0EE"|Öl (in Mio. Tonnen)<br />
| style="background:#fddcdc" |33,0<br />
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|-<br />
|<br />
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|}<br />
<br />
Die begrenzte Zahl motorisierter Verbände der Wehrmacht wurde in Vorbereitung auf das [[Unternehmen Barbarossa]] teilweise mit Beutefahrzeugen aus dem Westfeldzug aufgerüstet. Dabei erhielten neue Großverbände oft Beutefahrzeuge (Lkw und Pkw), während teilweise gleichzeitig, insbesondere bei der Luftwaffe, die wesentlich besser geeigneten Fahrzeuge aus deutscher Produktion im Westen verblieben. Insgesamt erlaubte diese verbesserte Rüstungslage der Wehrmacht weiträumige, der Blitzkriegskonzeption angemessene Angriffsoperationen. Hinzu kamen 1941 650.000, 1944 bis zu zwei Millionen Pferde.<ref>Richard Overy: ''Why the Allies Won.'' Pimlico, 2006, ISBN 1-84595-065-8.</ref> Die deutsche Kraftfahrzeugindustrie war weniger leistungsfähig als die anderer Industrienationen, außer bei Motorrädern. Schon vor dem Krieg war die motorisierte Ausstattung der Zivilbevölkerung mit Motorrädern hoch. Folglich wurden [[Kradschützentruppe von Wehrmacht und Waffen-SS|Kradschützen-Verbände]] aufgestellt, die die schnellste und beweglichste Waffengattung der ''Schnellen Truppen'' waren. Sie wurden jedoch bei den durch Staub, Schlamm, Schnee und Frost stark beeinträchtigten Verkehrsverhältnissen schnell verschlissen und daher bald aufgelöst.<br />
<br />
Mit dem [[Göring-Programm]] vom 23. Juni 1941 sollte der Rüstungsschwerpunkt auf die Luftwaffe zum Kampf gegen die Westmächte verlagert werden, konnte aber nicht verwirklicht werden.<br />
<br />
Trotz der Niederlagen von 1941/42 konnte die Sowjetunion den Nachschub an Waffen und Munition aus zwei Hauptgründen allmählich sicherstellen: Ein großer Teil ihrer westlich gelegenen Industriebetriebe für die dringend benötigten Rüstungsgüter wurde rechtzeitig demontiert und östlich des Urals außerhalb der Reichweite der deutschen Luftwaffe wieder aufgebaut. Großbritannien und ab dem 2.&nbsp;August 1941 auch die [[Vereinigte Staaten|USA]] lieferten Ausrüstung, Kraftfahrzeuge, Nahrungsmittel, Rohstoffe wie z.&nbsp;B. Aluminium und Waffen (→&nbsp;[[Leih- und Pachtgesetz]]). Dies glich zeitweise Produktionseinbrüche sowjetischer Rüstungsbetriebe aus. Die USA lieferten im Kriegsverlauf 57,8 Prozent des Flugbenzins, 53 Prozent aller Sprengstoffe, fast 50 Prozent an Kupfer, Aluminium und Gummireifen, 56,6 Prozent aller im Krieg verlegten Schienen, 1900 Lokomotiven und 11.075 Güterwaggons. Dem standen 92 Lokomotiven und 1087 Waggons aus sowjetischer Produktion gegenüber. Ende 1942 stammten nur fünf Prozent der sowjetischen Militärfahrzeuge aus ausländischer Produktion, am Kriegsende über 30 Prozent. Dem Gewicht nach waren fast 50 Prozent aller US-Lieferungen Lebensmittel.<ref>Richard Overy: ''Russlands Krieg 1941–1945''. Rowohlt, Hamburg 2004. S. 302–305.</ref><br />
<br />
Nach der Umsiedlung der Industrieanlagen wuchs die sowjetische Kriegsproduktion bis 1944 rasant und übertraf in vielen Bereichen die deutsche: So verbrauchten die technisch einfachen Waffensysteme weniger Rohstoffe. Aus einer viel geringeren Menge Eisenerz als in Deutschland wurde eine gleich große Menge von Geschützen, Panzern und Flugzeugen hergestellt. Dabei kam der Sowjetunion die Zentralisierung der Wirtschaft zugute.<br />
<br />
== Verlauf 1941 ==<br />
=== Deutsche Bekanntgaben des Angriffs ===<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 146-2007- 0127, Russland, Gebirgs-Jäger beim Vormarsch.jpg|mini|Deutsche [[Gebirgstruppe der Wehrmacht|Gebirgsjäger]] beim Vormarsch nahe der deutsch-sowjetischen Interessengrenze, 22. Juni 1941]]<br />
<br />
Am 22. Juni 1941 frühmorgens um 4 Uhr [[MESZ]] überreichte der deutsche Botschafter [[Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg]] dem sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow in Moskau ein „Memorandum“: Die Sowjetunion habe den Nichtangriffspakt durch den Aufmarsch der Roten Armee an der Grenze, konspirative Tätigkeit der [[Komintern]] in Deutschland sowie die [[Annexion]] [[Ostpolen]]s und der [[Baltische Staaten|baltischen Staaten]] gebrochen und sei dem Krieg führenden Deutschland damit „in den Rücken gefallen“. Die Wehrmacht habe Befehl, „dieser Bedrohung mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entgegenzutreten“.<ref>Ingeborg Fleischhauer: ''Diplomatischer Widerstand gegen »Unternehmen Barbarossa«. Die Friedensbemühungen der Deutschen Botschaft Moskau 1939–1941.'' Ullstein, Berlin 1991, S. 349–351.</ref> Das Wort „[[Kriegserklärung]]“ musste auf Hitlers Befehl vermieden werden; auf Nachfrage Molotows bestätigte Schulenburg aber, dass es sich darum handelte. Deutsche Flugzeuge bombardierten bereits seit drei Stunden sowjetische Städte.<ref>[https://www.mdz-moskau.eu/index.php?date=1257183025&newsid=7966 ''Schwere Zeiten für den Frieden – Als vor 70 Jahren der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen wurde, sah ein deutscher Diplomat böses Unheil nahen.''] In: ''Moskauer Deutsche Zeitung.'' 2.&nbsp;November 2009.</ref><br />
[[Datei:Первый день войны. Объявление о начале Великой Отечественной войны. Улица 25-го Октября.jpg|mini|Moskauer Bürger hören am Mittag des 22. Juni 1941 per Lautsprecherübertragung die Rundfunkansprache Molotows zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion]]<br />
Kurz nach 4 Uhr früh übergab der deutsche Außenminister [[Joachim von Ribbentrop]] dem sowjetischen Botschafter [[Wladimir Georgijewitsch Dekanosow]] eine Note, die er gegen 6 Uhr der internationalen Presse bekanntgab. Der Text rechtfertigte den Angriff damit, dass die Sowjetunion „entgegen allen von ihr übernommenen Verpflichtungen und im krassen Gegensatz zu ihren feierlichen Erklärungen“ sich „gegen Deutschland gewandt“ habe und „mit ihren gesamten Streitkräften an der deutschen Grenze sprungbereit aufmarschiert“ sei.<ref>Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' S. 117.</ref><br />
<br />
Um 5:30 Uhr verlas Propagandaminister Goebbels über alle deutschen Sender eine „Proklamation des Führers an das deutsche Volk“. Die Kernaussage lautete: {{" |Zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten ist die deutsche Wehrmacht am 22.&nbsp;Juni 3 Uhr früh mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen.}} Wenig später leitete die [[Russland-Fanfare]] die „Radio-[[Sondermeldung]]en“ des OKW ein.<ref>Wolfram Wette: ''Die propagandistische Begleitmusik zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22.&nbsp;Juni 1941.'' In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' Fischer, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-24437-4, S. 45–65; Goebbelszitat S. 50&nbsp;f.</ref><br />
<br />
Mit diesen öffentlichen Erklärungen begann die [[NS-Propaganda]] eine lange vorbereitete Kampagne zur Rechtfertigung des Überfalls, an der das Regime bis zum Kriegsende, viele Wehrmachtsgeneräle auch darüber hinaus festhielten. Die historische Forschung hat diese [[Präventivkriegsthese]] seit 1960 als haltlos zurückgewiesen und bis 2000 vollständig widerlegt.<br />
<br />
=== Anfängliche Erfolge der Wehrmacht ===<br />
[[Datei:Eastern Front 1941-06 to 1941-12 de.png|mini|Deutscher Vormarsch bis Anfang Dezember 1941 und Frontverläufe]]<br />
<br />
In den frühen Morgenstunden des 22.&nbsp;Juni 1941 begann der Vormarsch von 121 deutschen Divisionen auf einer 2130&nbsp;km breiten Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, aufgeteilt auf drei Heeresgruppen (Süd, Mitte und Nord). Die Invasionsstreitmacht bestand aus drei Millionen deutschen Soldaten sowie weiteren 600.000 Soldaten aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei, 600.000 Kraftwagen, 625.000 Pferden, 3350 Panzern, 7300 Geschützen<ref>Andreas Zellhuber: ''„Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu…“. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945.'' Vögel, München 2006, ISBN 3-89650-213-1, S. 80 f.</ref> und 3000 Flugzeugen.<ref>[[Militärgeschichtliches Forschungsamt]] (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Band 4. Stuttgart 1983, S. 313.</ref> Die den Heeresgruppen zugeteilten Kampfflugzeuge flogen massive Luftschläge gegen sowjetische Flugplätze, die durch die Aufklärungsergebnisse des [[Kommando Rowehl|Kommandos Rowehl]] ermöglicht worden waren, und zerstörten allein am ersten Kriegstag etwa 1200 Flugzeuge am Boden.<br />
<br />
Zwei Divisionen operierten von Finnland aus an einer 1180&nbsp;km breiten Front, acht Divisionen waren in Norwegen stationiert, eine Division stand in Dänemark, 38 verblieben im Westen. Zwei Divisionen kämpften in Nordafrika ([[Afrikafeldzug]]) und sieben Divisionen standen [[Balkanfeldzug (1941)|seit April 1941]] auf dem [[Balkanhalbinsel|Balkan]]. Die für Folgeeinsätze eingeplante [[1. Fallschirmjäger-Division (Wehrmacht)|7. Flieger-Division]] als 1. Fallschirmjägerdivision stand nach den katastrophalen Verlusten auf [[Luftlandeschlacht um Kreta|Kreta]] nicht zur Verfügung und wurde nach Deutschland zurückverlegt.<br />
<br />
[[Datei:RIAN archive +662733 Recruits leave for front during mobilization.jpg|mini|Sowjetische Rekruten in Moskau auf dem Weg an die Front, 23.&nbsp;Juni 1941]]<br />
<br />
Dieser Streitmacht standen in den westlichen Militärbezirken 170 sowjetische Divisionen gegenüber, zu deren Führung drei ''Fronten'' gebildet worden waren, die „[[Nordwestfront (Rote Armee)|Nordwestfront]]“, „[[Westfront (Rote Armee)|Westfront]]“ und „[[Südwestfront (Rote Armee)|Südwestfront]]“. In den Tagen nach dem deutschen Überfall wurden aus dem Leningrader und dem Odessaer Militärbezirk zwei weitere Fronten gebildet, die [[Nordfront (Rote Armee)|Nord-]] bzw. [[Südfront (Rote Armee)|Südfront]]. Die erste operative Staffel, bestehend aus 53 Schützen- und drei Kavalleriedivisionen, war zwischen 10 und 50 Kilometer von der deutsch-sowjetischen ''Interessengrenze'' entfernt stationiert. Dahinter stand eine zweite operative Staffel mit 13 Schützen-, drei Kavallerie-, 24 Panzer- und 12 motorisierten Schützendivisionen als Reserve bereit, um Angreifer abzuwehren und Einbrüche abzuriegeln. Eine dritte Staffel mit 62 Divisionen, die als strategische Reserve vorgesehen war, formierte sich entlang der Flüsse Düna und Dnepr 100 bis 400 Kilometer von der Grenze entfernt. Da der Aufmarsch am 22.&nbsp;Juni 1941 noch nicht abgeschlossen war, verfügten die sowjetischen Divisionen durchschnittlich nur über 60 bis 80 Prozent ihrer Sollstärke. Einige der mechanisierten Verbände hatten keine oder nur veraltete Fahrzeuge; Fernmeldemittel und anderes Spezialgerät waren nicht oder nur in geringen Stückzahlen verfügbar.<br />
<br />
Für die Rote Armee bestand ab dem 22.&nbsp;Juni, 0:30 Uhr, „Alarmstufe 1“ (volle Kriegsbereitschaft), deshalb gelang den Angreifern die taktische Überraschung nicht an allen Abschnitten. Die für weitgreifende Panzerbewegungen notwendigen Flussübergänge gelangten schnell in deutsche Hand. Die Flugabwehr der Roten Armee schoss in den ersten Tagen des Kriegs über 300 Flugzeuge der [[Luftwaffe (Wehrmacht)|Luftwaffe]] ab.<br />
[[Datei:Kowno Panzerschlacht 1941 04 (RaBoe).jpg|mini|Zerstörter sowjetischer Panzer [[T-28 (Panzer)|T-28]] nach den Kämpfen bei [[Kowno]] (Juni 1941)]]<br />
Trotz teilweise erbitterter Gegenwehr der zu kurzfristig in Alarmbereitschaft versetzten Rotarmisten konnte die deutsche Wehrmacht in den ersten Wochen große Raumgewinne verzeichnen. Dabei erwies sich die Zusammenarbeit zwischen Bodentruppen und der Luftwaffe im [[Gefecht der verbundenen Waffen]] als äußerst wirkungsvoll. Die während der [[Luftschlacht um England]] wegen hoher Verluste aus dem Kampf genommenen [[Junkers Ju 87|Ju 87]] und [[Messerschmitt Bf 110|Bf 110]] konnten bei fehlender feindlicher [[Jagdflugzeug#Zweiter Weltkrieg|Jagdabwehr]] ihre Aufgaben erfüllen.<br />
<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 141-2599, Weißrussland, Minsk.jpg|mini|Minsk 1941]]<br />
<br />
Für die sowjetische Vorkriegspropaganda waren die deutschen [[Arbeiterklasse|Arbeiter]], und damit die breite Masse der Wehrmacht, Opfer der Nazis, die aus Klassensolidarität nicht gegen ihre sowjetischen Brüder kämpfen würden. Als sich das schockierende Gegenteil herausstellte, ließ die sowjetische Propaganda nach einigen Wochen jeden klassenmäßigen Bezug fallen und bezeichnete alle deutschen Soldaten als Nazis.<ref>Roger R. Reese: ''Why Stalin's Soldiers Fought''. University Press of Kansas 2011, S. 192.</ref><br />
<br />
Die zwei Panzergruppen der Heeresgruppe Mitte schlossen ihre „Zangen“ [[Kesselschlacht bei Białystok und Minsk|zuerst um Białystok und dann um Minsk]]. Nach dem deutschen Überfall am 22.&nbsp;Juni 1941 befahl der [[Volkskommissar]] für Verteidigung [[Semjon Konstantinowitsch Timoschenko|Semjon Timoschenko]] seinen Truppen noch am gleichen Tag, bis an die Grenze vorzurücken, um zunächst die in sowjetisches Territorium eingedrungenen Truppen zu vernichten und dann zum Gegenangriff überzugehen. Am 9.&nbsp;Juli 1941 meldete das OKW 328.898 Gefangene, 3102 erbeutete Geschütze und 3332 zerstörte Panzer (so viele Kampfwagen, wie das deutsche Ostheer besaß). Gründe für die hohen Zahlen waren, dass die Rote Armee im Moment ihrer Reorganisation überrascht wurde, ihre geringe Mobilität, ihre Selbstüberschätzung und das Verbot, sich ohne ausdrücklichen Befehl des Generalstabes zurückzuziehen.<ref>Anatolij G. Chor’kow: ''Die Rote Armee in der Anfangsphase des Großen Vaterländischen Krieges.'' In: Bernd Wegner (Hrsg.): ''Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum „Unternehmen Barbarossa“.'' Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Piper, München/Zürich 1991, S. 426–429, 438&nbsp;f.</ref> Nach der Räumung der Kessel stießen die Verbände der Wehrmacht weiter Richtung [[Smolensk]] vor, wo die – wiederum für sie erfolgreiche – [[Kesselschlacht bei Smolensk]] (10. Juli bis 10. September) geschlagen wurde. Völlig entgegen der bisherigen Erfahrungen im [[Überfall auf Polen|Polen-]] und [[Westfeldzug]] kämpften die sowjetischen Truppen auch im Kessel weiter. Zudem konnten die Kessel durch die Größe des Landes nie völlig geschlossen werden. Daher konnten bei allen Kesseln stets sowjetische Truppen in ganzen Kolonnen vor allem Nachts ausbrechen.<ref>[[Günther Blumentritt (General)|Günther Blumentritt]]: ''Moscow''. In: William Richardson, Seymor Freidlin: ''The Fatal Decisions''. Barnsley 2012, S. 48.</ref><br />
[[Datei:German soldiers inspecting KV-2 tank, 1941.jpg|mini|Ein zerstörter sowjetischer Kw-2 wird von deutschen Soldaten besichtigt (Juni 1941)]]<br />
Die anderen deutschen Heeresgruppen konnten zunächst keine derartigen Erfolge vermelden. Auf den Flügeln entzog das sowjetische Oberkommando seine Truppen der Einkesselung und gab dazu Litauen, die Dünalinie, Bessarabien und die Westukraine auf. Gleichzeitig begann die Heeresgruppe Nord Anfang September im Süden und Osten die [[Leningrader Blockade]]. In der [[Panzerschlacht bei Raseiniai]] löste zwar der Einsatz der schweren sowjetischen Panzer [[KW-1]] und [[KW-2]] zunächst eine Krise und Panikstimmung bei den deutschen Truppen aus, da diese nur schwer auszuschalten waren, jedoch konnten die sowjetischen Panzerkräfte eingekreist und letztendlich vernichtet werden.<br />
<br />
Die Heeresgruppe Süd kam bereits am 25. Juni in einer Lagebeurteilung zum Urteil, das der Gegner in {{" |seinem Kampfeswillen, seiner kämpferischen Härte sowie anscheinend auch hinsichtlich seiner Führungsmaßnahmen}} sich als {{" |in jeder Beziehung ernster Gegner}} erwies. Diese Erkenntnis führte zu einer Abänderung der Operationspläne in der Weisung Nr. 1 vom 26. Juni. Der Feind sollte nicht mehr westlich des Dnepr umfasst und geschlagen werden, sondern nur noch entlang des [[Bug (Fluss)|Bugs]].<ref>MGFA (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Stuttgart 1983, Band 4, S. 473.</ref> In der [[Panzerschlacht bei Dubno-Luzk-Riwne]] gelang ihr die weitgehende Vernichtung mehrerer der hier eingesetzten [[Mechanisiertes Korps (Rote Armee)|Mechanisierten Korps]] der Roten Armee, allerdings bei hohen eigenen Verlusten. Am 2.&nbsp;Juli begann der Angriff zweier rumänischer und der deutschen [[11. Armee (Wehrmacht)|11. Armee]] auf die 1940 von der Sowjetunion besetzten Gebiete. Die rumänische [[4. Armee (Rumänien)|4. Armee]] begann anschließend die [[Schlacht um Odessa|Belagerung Odessas]]. Die Heeresgruppe Süd hatte zuvor in der [[Kesselschlacht bei Uman]] mehrere sowjetische Armeen vernichtet und beherrschte dadurch den Dnepr-Bogen.<br />
<br />
Die Niederlagen der Roten Armee hatten unter anderem zur Folge, dass viele ihrer Kommandeure, aber auch einfache Soldaten, wegen „Feigheit“, „Verrat“ oder „Unfähigkeit“ verhaftet und hingerichtet wurden. Darunter war auch der Oberkommandierende der sowjetischen Westfront, [[Armeegeneral]] [[Dmitri Grigorjewitsch Pawlow|Pawlow]]. Stalin enthob ihn am 28.&nbsp;Juni 1941 seines Kommandos. Er ließ ihn und andere Offiziere am 22.&nbsp;Juli 1941 in Moskau erschießen.<br />
<br />
Um den deutschen Vormarsch zu erschweren, hinterließen [[paramilitär]]ische [[Vernichtungsbataillon]]e mit einer Stärke von über 300.000 Mann der Wehrmacht [[Verbrannte Erde]].<br />
<br />
Erst am 30. Juni, lange nach dem Fall von Minsk, wurde ein [[Staatliches Verteidigungskomitee der UdSSR|Staatliches Verteidigungskomitee]] (GKO) zur Bewältigung der komplexen Aufgabenstellung und zur Formulierung längst fälliger Befehle (die bis dahin nur Stalin selbst erteilen konnte) gebildet, dem neben Stalin [[Nikolai Bulganin]] (stellvertretender Verteidigungsminister), [[Kliment Jefremowitsch Woroschilow]] (Erster Marschall), [[Nikolai Wosnessenski]] (Vizepremier), [[Lasar Kaganowitsch]] (Chef der Eisenbahnen), [[Georgi Malenkow]] (Zentralkomiteesekretär), [[Anastas Mikojan]] (Handelsminister) und Außenminister Molotow angehörten und dessen Führung Stalin am Folgetag übernahm.<br />
<br />
Am 12. Juli 1941 schlossen Großbritannien und die Sowjetunion ein Bündnis. Für den Transport der meisten Hilfslieferungen [[Anglo-Sowjetische Invasion des Iran|besetzten sowjetische und britische Truppen am 24.&nbsp;August 1941 den Iran]] und bauten die Versorgungswege vom Persischen Golf bis zum Kaspischen Meer aus ([[Persischer Korridor]]). Weitere alliierte Lieferungen erfolgten mit größeren [[Nordmeergeleitzüge|Geleitzügen]] über das Nordmeer von Großbritannien zum [[Hafen Murmansk]] (der nördlichste eisfreie Hafen Russlands). Im Kriegsverlauf kam es zu verlustreichen Geleitzugschlachten mit der deutschen [[Kriegsmarine]] und [[Luftwaffe (Wehrmacht)|Luftwaffe]].<br />
[[Datei:RIAN archive 43141 Getting AAA guns ready.jpg|mini|Sowjetische Flugabwehrstellungen in Moskau (Juli 1941)]]<br />
Um die sowjetische Widerstandskraft zu erschüttern, begann die deutsche Luftwaffe am 21. Juli ihre [[Luftangriffe auf Moskau]]. Dort traf sie auf eine umfassend vorbereitete [[Flugabwehr]] und konnte keine größeren Schäden anrichten.<br />
<br />
Nach den Grenzschlachten verlangsamten der wachsende Widerstand der sowjetischen Streitkräfte und Gegenangriffe das deutsche Vormarschtempo von 5&nbsp;km am Tag im Juli, auf 2,2&nbsp;km im August und 1,4&nbsp;km im September.<ref>[[David M. Glantz]]: ''Operation Barbarossa''. Gloucestershire 2012, S. 109.</ref><br />
<br />
Bereits nach den ersten Kesselschlachten stellte sich heraus, dass Hitler und die Generäle das sowjetische Militärpotenzial falsch eingeschätzt hatten. Die Vorstellung von einem raschen inneren Zerfall oder Zusammenbruch erwies sich eindeutig als Fehleinschätzung. Diese Fehleinschätzung war auch ausländischen Fachleuten unterlaufen. Der amerikanische Kriegsminister [[Henry L. Stimson]] und der Generalstabschef [[George C. Marshall]] hatten geschätzt, dass die Sowjetunion nach einem Monat oder allerhöchstens drei Monaten geschlagen sein würde. Der Chef des britischen Empire-Generalstabs [[John Dill]] hatte geäußert, die Rote Armee würde {{" |wie Vieh}} zusammengetrieben werden. Nach Meinung von US-Marineminister [[Frank Knox]] würde die UdSSR in sechs bis acht Wochen zusammenbrechen. In Finnland hatte man den Zeitraum, bis die Sowjetunion zerschlagen sein würde, auf zwei bis drei Monate geschätzt. (US-Präsident Roosevelt dagegen war und blieb vom Standhalten der Sowjetunion überzeugt.)<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''Hitlers Krieg im Osten. Ein Forschungsbericht''. Darmstadt 2000, S. 90 f.</ref><br />
<br />
Obwohl die Richtlinien nach 4 bis 5 Einsatztagen eine Ruhepause zur Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft vorsahen, trieb Hitler die Panzerverbände zu pausenlosem Vorwärtsstürmen an. Dies führte verbunden mit einer Fahrstrecke von 4.000&nbsp;km bis November 1941 unter härtesten Gelände- und Klimabedingungen dazu, dass mehr Panzer durch Verschleiß als durch Feindwirkung ausfielen. Bereits am 22. August 1941 meldete die Heeresgruppe Mitte, die Panzerverbände seien in einem {{" |derartig hohem Maße abgekämpft und verbraucht}}, dass {{" |an einen operativen Einsatz ihrer Masse vor einer totalen Auffrischung nicht zu denken ist.}} Hinzu trat ein Versagen des Ersatzteilnachschubs.<ref>[[Rudolf Steiger (Militärpädagoge)|Rudolf Steiger]]: ''Panzertaktik im Spiegel deutscher Kriegstagebücher 1939–1941''. Freiburg 1973, S. 160.</ref><br />
<br />
Im Juli/August zeichnete sich das Scheitern der [[Blitzkrieg|Blitzkriegskonzeption]] gegen die Sowjetunion ab. Dabei kam es zur sogenannten „[[Augustkrise (1941)|Augustkrise]]“, bei der Hitler und das OKH über die weitere Kriegsführung stritten. Entgegen einer Denkschrift des OKH vom 18.&nbsp;August 1941, die einen direkten Angriff auf [[Moskau]] vorschlug, befahl Hitler am 21.&nbsp;August 1941 wegen der gerade gewonnenen [[Kesselschlacht bei Uman]] sowie aus politischen und wirtschaftlichen Überlegungen die vollständige Inbesitznahme der [[Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik|Ukraine]] und die Herstellung einer gemeinsamen Front mit Finnland. Dazu ließ er von der Heeresgruppe Mitte die [[Panzergruppe 3]] nach Norden abdrehen, wo sie bei der Isolierung [[Kronstadt (Russland)|Kronstadts]] und Leningrads mithelfen sollte, während die [[Panzergruppe 2]] nach Süden verschoben wurde, um den deutschen [[Schlacht um Kiew (1941)|Vormarsch in der Ukraine]] zu unterstützen.<br />
[[Datei:Leningrad belagert 1941.svg|mini|Belagerungssituation um Leningrad im Winter 1941 mit Evakuierungslinien über den Ladogasee.]]<br />
Im August 1941 besetzten finnische Einheiten im Zuge des [[Fortsetzungskrieg]]es die [[Karelische Landenge]]. Ab dem 4.&nbsp;September 1941 beschoss Artillerie der über das [[Baltikum]] vordringenden Heeresgruppe Nord Leningrad; am 6.&nbsp;September begann eine Serie deutscher Luftangriffe auf die Stadt. Am 8.&nbsp;September eroberte die Wehrmacht [[Schlüsselburg]] am Ufer des [[Ladogasee]]s und unterbrach so jede Landverbindung zu Leningrad. Damit begann die bis 18.&nbsp;Januar 1944 dauernde [[Leningrader Blockade]]. Zur Organisation der Verteidigung der Stadt löste General [[Georgi Konstantinowitsch Schukow|Schukow]] General [[Woroschilow]] ab und arbeitete eng mit dem Leningrader Parteichef [[Andrei Alexandrowitsch Schdanow|Schdanow]] zusammen. Am 25.&nbsp;September stabilisierte sich die Front. Stalin ging davon aus, dass die Stadt nicht eingenommen, sondern belagert und ausgehungert werden sollte. Er beorderte Schukow zur Verteidigung Moskaus, wohin dieser am 5.&nbsp;Oktober flog. Erst am 22.&nbsp;November 1941 konnten Lastwagen über den zugefrorenen Ladogasee, die so genannte „[[Straße des Lebens]]“, Vorräte in die Stadt bringen und Flüchtlinge evakuieren. Über eine Million Menschen starben an den Folgen des Hungers und der Kälte während der Belagerung; manche versuchten dem Hungertod durch [[Kannibalismus]] zu entgehen.<br />
<br />
Am 26. September endete die [[Schlacht um Kiew (1941)|Kesselschlacht um Kiew]] mit dem bisher größten Erfolg der Wehrmacht: etwa 665.000 Rotarmisten gerieten nach deutschen Angaben in deutsche Kriegsgefangenschaft, 2718 Geschütze wurden erbeutet. Bis dahin stellte der Feldzug für die Sowjetunion eine Niederlage von einmaligem Umfang dar: Die Truppen der sowjetischen Südwestfront mit vier Armeen sowie starke Teile von zwei weiteren Armeen waren vernichtet und die sowjetische Front war in einer Breite von über 400&nbsp;km zerrissen.<br />
<br />
Im Deutschen Reich wuchs inzwischen die Euphorie. Nachdem Hitler nun den Angriff auf Moskau befohlen hatte, kam es zur [[Doppelschlacht bei Wjasma und Brjansk]], auch dabei gingen nach deutschen Angaben über 600.000 Soldaten der Roten Armee in Gefangenschaft. Aufgrund der gewaltigen Erfolge meldete das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) schon am 10.&nbsp;Oktober anlässlich einer offiziellen Pressekonferenz, dass der Feldzug im Osten gewonnen sei. Die deutsche Bevölkerung glaubte, dass die Soldaten noch vor dem Winter zu Hause sein könnten. Während des Vormarsches der Wehrmacht flüchteten etwa 12 Millionen Zivilisten aus den umkämpften Gebieten in das sowjetische Hinterland. Als am 10.&nbsp;Oktober die Moskauer Bevölkerung zum ersten Male offiziell über die Bedrohung ihrer Stadt informiert wurde, kam es in der Hauptstadt zu einer Panik, bei der Menschenmassen versuchten, per Zug oder Auto nach Osten zu entkommen. Diese Unruhen ließ Stalin mit Hilfe von Sperrverbänden des [[Innenministerium der UdSSR|NKWD]] brutal niederschlagen, wobei viele Moskauer umkamen.<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 146-1981-149-34A, Russland, Herausziehen eines Autos.jpg|mini|Ein im Schlamm festgefahrener Wagen wird von deutschen Soldaten herausgezogen (November 1941)]]<br />
Doch noch im selben Monat setzte der starke Herbstregen der ''[[Rasputiza]]'' ein, so dass nahezu alle Straßen und Wege in der Schlammzeit aufgeweicht wurden und somit für Radfahrzeuge fast gar nicht und auch für Kettenfahrzeuge schwer passierbar waren; die deutsche Offensive blieb buchstäblich im Schlamm stecken und konnte erst nach eingetretenem Bodenfrost wieder aufgenommen werden. Allerdings blieben die Niederschlagswerte und damit der Schlamm unter den normalen Durchschnittswerten. Der Mittelwert des Niederschlags lag für Oktober bei 51&nbsp;mm gegenüber sonstigen 59&nbsp;mm und im November sogar nur bei 13&nbsp;mm gegenüber 45&nbsp;mm.<ref>[[Klaus Reinhardt (General)|Klaus Reinhardt]]: ''Die Wende vor Moskau''. Stuttgart 1972, S. 78 f. Herausgegeben vom MGFA</ref><br />
<br />
=== Schlacht vor Moskau ===<br />
{{Hauptartikel|Schlacht um Moskau}}<br />
<br />
Am 16. Oktober wurden in Moskau das [[Politbüro]], Regierungsstellen und nahezu sämtliche Diplomaten nach [[Samara|Kujbyschew]] evakuiert, eine Million Menschen verließen die bedrohte Hauptstadt. Es wurden über 100.000 neue Soldaten rekrutiert und 500.000 Frauen und Männer zur Schanzarbeit verpflichtet. Stalin selbst beschloss, in Moskau zu bleiben.<br />
<br />
Am 20. Oktober ging die Heeresgruppe Mitte unter dem Kommando von [[Fedor von Bock]] aus der Doppelschlacht von [[Wjasma]] und [[Brjansk]] wiederum siegreich hervor, so dass sie den Vormarsch in Richtung Moskau fortsetzen konnte. Allerdings geriet dieser Vormarsch erheblich ins Stocken, da die Hauptversorgungslinie der Heeresgruppe, die Autobahn Wjasma-Moskau, ständig durch sowjetische Sprengladungen mit Zeitzündern unterbrochen wurde. Diese Sprengladungen rissen Krater von 10&nbsp;m Tiefe und 30&nbsp;m Breite und waren so eingestellt, dass jeden Tag mehrere Sprengungen eintraten, wobei jede einzelne die Autobahn komplett sperrte.<ref>[[Klaus Reinhardt (General)|Klaus Reinhardt]]: ''Die Wende vor Moskau''. Stuttgart 1972, S. 80.</ref><br />
<br />
Die Luftwaffe begann nun mit der Bombardierung strategischer Ziele im Raum Moskau, insbesondere der Eisenbahnanlagen, mit dem Ziel, die Verlagerung von Truppen und Industriebetrieben nach Osten zu unterbinden. Dem zum Trotz fand am 6.&nbsp;November am Vorabend zur Feier des 24.&nbsp;Jahrestages der [[Oktoberrevolution]] in einer [[Metro Moskau|Moskauer-Metro-Station]] eine Volksversammlung statt, bei der Stalin an den [[Patriotismus]] der Moskauer Bevölkerung appellierte. Nach der Militärparade am nächsten Morgen auf dem [[Roter Platz|Roten Platz]] marschierten die beteiligten Verbände direkt zur Front.<br />
<br />
Laut [[Dimitri Wolkogonow]] erließ Stalin am 17.&nbsp;November 1941 den Befehl Nr. 0428 („[[Fackelmänner-Befehl]]“): Demnach waren „alle Siedlungspunkte, an denen sich deutsche Truppen befinden, auf 40 bis 60 Kilometer ab der Hauptkampflinie in die Tiefe zu zerstören und in Brand zu setzen&nbsp;…“ (siehe auch Kriegstaktik: [[Verbrannte Erde]]). „Zur Vernichtung der Siedlungspunkte“, „zur Inbrandsetzung und Sprengung der Siedlungspunkte“, also der Dörfer, seien Luftwaffe, Artillerie und Jagdkommandos einzusetzen. Wolkogonow beschreibt, wie auf diese Weise unzählige Dörfer durch die eigene Armee vernichtet wurden. Andere Orte wurden von den deutschen Invasoren in Brand gesetzt, um [[sowjetische Partisanen]]aktionen zu bestrafen.<ref>Dimitri Wolkogonow: ''Stalin – Triumph und Tragödie.'' Econ, Düsseldorf/Wien 1993, ISBN 3-612-26011-1, S. 617.</ref> Deren Bewohner wurden häufig zur [[NS-Zwangsarbeit]] verschleppt oder ermordet.<br />
<br />
Mitte November setzte der Frost ein, so dass die Wege einfroren und wieder befahrbar wurden. Der deutsche Vorstoß auf Moskau blieb derweil angesichts massiver sowjetischer Gegenwehr stecken. Am 5.&nbsp;Dezember setzte dann unter [[Georgi Konstantinowitsch Schukow|General Schukow]] eine sowjetische Gegenoffensive mit frischen Einheiten aus Sibirien und Mittelasien ein. Möglich war diese Verstärkung u.&nbsp;a. durch den bekannten Funkspruch von [[Richard Sorge]], einem Korrespondenten der ''[[Frankfurter Zeitung]]'', der als Agent in Japan arbeitete. Er teilte darin Mitte August 1941 mit, dass der [[Sūmitsu-in|japanische Kronrat]] beschlossen habe, keinen (weiteren) Angriff gegen sowjetisches Gebiet vom [[Marionettenstaat]] [[Mandschukuo]] – in der [[Mandschurei]] – durchzuführen. Die Rolle der sibirischen Divisionen wird jedoch oft überbewertet. Am 1. Oktober 1941 standen 123 Schützendivisionen in Reserve, davon lediglich 25 in Sibirien.<ref>Niklas Zetterling, Anders Frankson: ''The Drive to Moscow 1941''. Havertown 2012, S. 242 und 264 ff.</ref><br />
<br />
Im Dezember 1941 führten die tiefen Temperaturen von bis zu −35&nbsp;°C dazu, dass auf deutscher Seite Gewehre und Geschütze verklemmten, Motoröl und Benzin eindickten und vielen Soldaten Gliedmaßen erfroren, da eine frühzeitige und richtige Winterausstattung und deren rechtzeitiges Nachführen zugunsten von allgemeinen Versorgungsgütern für den weiteren Vormarsch unterblieb. Da die deutsche Führung nicht damit gerechnet hatte, dass der Krieg länger als einige Wochen dauern würde, waren die Truppen ungenügend auf den russischen Winter vorbereitet. Die sowohl bei der direkten Luft-Bodenunterstützung als auch im Transportwesen unverzichtbar gewordenen Einsätze der deutschen Luftwaffe kamen durch die extremen winterlichen Bedingungen annähernd zum Stillstand. Dadurch wurden die Erfolgsaussichten für weitgreifende Bodenoffensiven stark verringert.[[Datei:Pelze für die Front - Furs for the eastern front (2nd world war) 8.jpg|mini|„Wehrmachtsauftrag“: Gesammelte Pelze werden für die Ostfront zu Pelzfuttern umgearbeitet, 1942]]In der ''Moskauer Angriffsoperation'' ging die Rote Armee schließlich am 5.&nbsp;Dezember in die Gegenoffensive über. Mitte Dezember 1941 war die Gefahr der Einkesselung Moskaus durch die Wehrmacht dann endgültig gebannt. Nachdem Hitler am 11.&nbsp;Dezember 1941, vier Tage nach dem [[Angriff auf Pearl Harbor|Angriff der Japaner auf Pearl Harbor]], mitten im Verlauf der sowjetischen Gegenoffensive den USA den Krieg erklärt hatte, entwickelte sich der Krieg zu einer global geführten Auseinandersetzung. Am 16.&nbsp;Dezember besuchte der britische Außenminister [[Anthony Eden]] Stalin in Moskau, um mit ihm den Entwurf eines britisch-sowjetischen Militärabkommens vorzubereiten. Bis zum 7.&nbsp;Januar 1942 stieß die Rote Armee auf einer etwa 1000&nbsp;km breiten Front bis zu 250&nbsp;km nach Westen vor.<br />
<br />
Dem Scheitern in der Schlacht um Moskau folgte eine Entlassungswelle unter den Kommandeuren der Wehrmacht. Hitler suchte nach Schuldigen (oder Sündenböcken); er entließ [[Walther von Brauchitsch|von Brauchitsch]], nachdem dieser mehrmals seinen Rücktritt eingereicht hatte, und übernahm fortan selbst den Oberbefehl über das Heer. Die Generalfeldmarschälle [[Gerd von Rundstedt]], [[Fedor von Bock]] und [[Wilhelm Ritter von Leeb]] wurden ihres Kommandos enthoben; sie erhielten später zum Teil neue dienstliche Aufgaben. Der „Panzerwaffen-Spezialist“ Generaloberst [[Heinz Guderian]] (Panzergruppe&nbsp;2, ab November 2.&nbsp;Panzerarmee) wurde seines Frontkommandos enthoben und bis auf weiteres zur [[Führerreserve]] versetzt. Generaloberst [[Erich Hoepner]] (Panzergruppe&nbsp;4, ab Dezember 4.&nbsp;Panzerarmee) wurde degradiert und von Hitler zusätzlich „erniedrigt […], indem er ihn sogar aus der Wehrmacht ausstieß“.<ref>[[Samuel W. Mitcham]] Jr., Gene Mueller: ''Generaloberst Erich Hoepner.'' In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): ''Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe.'' 2. Auflage. Primus Verlag, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-89678-727-9, S. 364–370, hier S. 367.</ref> Außerdem wurden beinahe zeitgleich 35 Korps- und Divisionskommandeure abgelöst.<ref>Janusz Piekalkiewicz: ''Die Schlacht um Moskau.'' Augsburg 1997, ISBN 3-86047-908-3.</ref><br />
<br />
Laut dem Historiker [[David M. Glantz]] lag der größte Fehler der deutschen Aufklärung in der Unterschätzung der sowjetischen Fähigkeit, zerschlagene Einheiten wiederherzustellen und neue aus dem Nichts zu erschaffen. Dies schätzt er als einen wesentlichen Grund für das Scheitern der Operation Barbarossa ein. Bis zum 31. Dezember 1941 führte die Sowjetunion 800 Verbände in Divisionsstärke ins Feld. Bis Dezember konnte die Sowjetunion 45 neue Armeen aufstellen. Die erfahrenen [[Stab (Militär)|Stäbe]] vernichteter Einheiten bildeten dabei den Nukleus für die Schaffung der neuen Einheiten. Damit konnte der Verlust von 20 Armeen, die die Wehrmacht 1941 vernichtete mehr als ausgeglichen werden. Bereits vor dem Krieg ging die sowjetische Planung davon aus, dass alle Einheiten nach vier bis acht Monaten schwerer Kämpfe komplett ersetzt werden müssen. Unsichtbar für äußere Beobachter hatte die Rote Armee dafür 14 Millionen Reservisten ausgebildet.<ref>[[David M. Glantz]]: ''When Titans Clashed''. University Press of Kansas, Lawrence 2015, S. 79 ff.</ref><br />
<br />
=== Sowjetische Winteroffensive ===<br />
[[Datei:RIAN archive 301 An attack.jpg|mini|Sowjetische MPi-Schützen der [[Kalininer Front]] beim Angriff Februar 1942]]<br />
<br />
Die deutsche Niederlage vor Moskau markierte einen Einschnitt. Die Rote Armee hatte sich neu organisiert und konnte nun immer effizienter Widerstand leisten. Die Kriegsproduktion wurde, unerreichbar für die deutsche Luftwaffe, hinter den [[Ural]] verlegt. Neue Soldaten kamen aus den fernen Gebieten der Sowjetunion, und der neue Panzer T-34 wurde in weitaus größeren Mengen produziert als die deutschen Panzermodelle.<br />
<br />
Während der Kämpfe vor Moskau wurden dringend benötigtes Material und Panzer im Reichsgebiet zurückgehalten, denn auf Hitlers Befehl sollten acht schnelle Divisionen im Westen stattdessen „tropeneinsatzfähig“ gemacht werden: Es bestand die Absicht, über den Kaukasus den Nahen Osten anzugreifen. Im Hochgefühl der deutschen Siege war man ursprünglich sogar von einer „Expeditionsarmee“ im Umfang von etwa 30 motorisierten Divisionen und Panzerdivisionen ausgegangen. Diese Einheiten fehlten an der Ostfront.<br />
<br />
Überdies waren die deutschen Truppen, anders als die deutsche Propaganda verkündete, in völlig unzureichender Weise für den Winter ausgestattet, da Hitler und die Generäle an einen schnellen Feldzug geglaubt hatten und der Meinung waren, die Sowjetunion werde innerhalb weniger Wochen oder Monate bezwungen werden. Daher trugen die Soldaten viel zu dünne Sommeruniformen; die vorhandenen Winterausrüstungen waren nur für Mitteleuropa geeignet. Im Deutschen Reich wurde eine Pelz- und Wollsammlung zugunsten der Truppe durchgeführt. Im Laufe des Jahres 1942 wurden neue Direktiven zum Winterkrieg für den zweiten Kriegswinter des Ostfeldzuges herausgegeben.<br />
{| class="wikitable float-right"<br />
|+ Gesamtverluste des Heeres an der Ostfront bis 20. März 1942<ref>MGFA (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Stuttgart 1990, Band 6, S. 787.</ref><br />
|-<br />
! style="background:#7E8E4F"|Kategorie<br />
! style="background:#7E8E4F"|Anzahl<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Soldaten<br />
|align="right"|1.073.066<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Pferde<br />
|align="right"|259.814<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Panzer u. [[Sturmgeschütz|StuG.]]<br />
|align="right"|3.492<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|LKW<br />
|align="right"|53.149<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|PKW<br />
|align="right"|35.572<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Kräder<br />
|align="right"|50.165<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Gewehre<br />
|align="right"|76.883<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|[[Maschinengewehr|MG]]<br />
|align="right"|30.374<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Panzerbüchsen<br />
|align="right"|2.791<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|[[Panzerabwehrkanone|Pak]] (3,7–5&nbsp;cm)<br />
|align="right"|5.249<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Granatwerfer<br />
|align="right"|7.263<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|Feldhaubitzen<br />
|align="right"|2.403<br />
|- class="hintergrundfarbe2"<br />
|style="text-align:left"|sonst. Geschütze<br />
|align="right"|2.128<br />
|}<br />
Viele Divisionen der Wehrmacht waren im ständigen Kampf mit der Roten Armee stark dezimiert worden, denn die Siege der ersten Monate des Krieges waren mit sehr hohen Verlusten erkauft worden. Viele Waffen und sonstige Ausrüstung waren nach wochenlangen Märschen und Kämpfen ausgefallen. Nachschub und Ersatz für die überlangen Fronten waren unzureichend. In dieser Situation kam der Wintereinbruch; und die Sowjetunion warf ständig neue Kämpfer in die Schlacht, die ausgeruht und im Winterkrieg ausgebildet waren und zudem kurze Wege zu ihren Versorgungsbasen hatten.<br />
<br />
Lange Kämpfe fanden um [[Rostow am Don]] statt, das die Wehrmacht am 21.&nbsp;November 1941 erstmals einnahm, am 29.&nbsp;November 1941 aber wieder räumen musste, wonach sie bis zum 24.&nbsp;Juli 1942 brauchte, um die Stadt in schweren Kämpfen erneut einzunehmen. Auch im Norden der Front wurde in der [[Schlacht um Tichwin]] ein ambitionierter deutscher Vorstoß, der ursprünglich das Ziel verfolgte, die Verbindung mit den Finnen östlich des [[Ladogasee]]s herzustellen, abgewehrt. Für die siegesgewisse deutsche Führung kam die sowjetische Gegenoffensive überraschend. [[Wilhelm Keitel]] gab in seiner Vernehmung durch sowjetische Offiziere zu, dass der sowjetische Angriff {{" |für das Oberkommando völlig unerwartet kam}} und man sich {{" |bei der Abschätzung der Reserven der Roten Armee grob verrechnet hatte.}}<ref>Zit. n. [[Klaus Reinhardt (General)|Klaus Reinhardt]]: ''Die Wende vor Moskau''. Stuttgart 1972, S. 204.</ref><br />
<br />
Der sowjetische Angriff führte zu einem Zurückweichen der deutschen Truppen und zu Auflösungserscheinungen, die dem Rückzug der [[Grande Armée]] im [[Russlandfeldzug 1812]] nahekamen.<ref>[[Klaus Reinhardt (General)|Klaus Reinhardt]]: ''Die Wende vor Moskau''. Stuttgart 1972, S. 221.</ref> Guderian meinte: {{" |Wir haben eigentlich nur noch bewaffnete Trosse, die langsam zurücktrudeln.}}<ref>Zit. n. [[Klaus Reinhardt (General)|Klaus Reinhardt]]: ''Die Wende vor Moskau''. Stuttgart 1972, S. 212.</ref> Für den General [[Gotthard Heinrici]] war {{" |der Rückzug in Schnee und Eis}} {{" |absolut napoleonischer Art}}<ref>Briefe an seine Frau vom 22. Dezember 1941. [[Johannes Hürter]]: ''Notizen aus dem Vernichtungskrieg''. Darmstadt 2016, S. 121.</ref> Noch am 8. Dezember 1941 hatte Hitler in seiner „Weisung Nr. 39“ den {{" |Übergang zur Verteidigung}} befohlen, um damit u.&nbsp;a. {{" |eine möglichst große Erholung und Auffrischung}} für das Ostheer zu ermöglichen.<ref>[[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]]: ''Wehrmacht im Ostkrieg''. München 2010, S. 347.</ref> Am 16. Dezember erließ Hitler einen Haltebefehl, in dem er jegliche Rückwärtsbewegung ohne seine ausdrückliche Genehmigung verbot, da er befürchtete, dass die gesamte Front auseinanderfallen könnte. Indem Hitler der angeschlagenen Truppe „fanatischen Widerstand“ abverlangte und Transportverbände der Luftwaffe ungeachtet hoher Verluste zur Versorgung abgeschnittener Truppenteile einsetzte, konnte er die brüchig gewordene Front tatsächlich stabilisieren. Nach Ansicht vieler Militärhistoriker war dieser Befehl dennoch ein schwerer Fehler, denn zum einen bestärkte er Hitler in dem verhängnisvollen Irrglauben, durch Haltebefehle notfalls jede Front stabilisieren zu können, und zum anderen waren die deutschen Verluste auf diese Weise sehr viel höher, als sie es im Falle einer flexiblen Verteidigung mit taktischen Rückzügen auf günstige Defensivpositionen gewesen wären.<br />
<br />
Darüber hinaus war während des vorherigen Vormarschs die Vorbereitung rückwärtiger Verteidigungspositionen unterblieben. Auf ihrem Rückzug wendete erstmals die Wehrmacht die Taktik der [[Verbrannte Erde|verbrannten Erde]] im größeren Umfang an, um das Nachdrängen der Roten Armee zu verlangsamen. Darüber hinaus kam es zu Plünderung insbesondere von Winterkleidung bei der sowjetischen Zivilbevölkerung. Wehrfähige Zivilisten wurden als Gefangene verschleppt, die übrige Bevölkerung in Richtung der Roten Armee vertrieben. Mitte Januar 1942 wurde die bereits zuvor geübte Praxis der Verwüstung und der Zerstörung zurückgelassenen eigenen Geräts durch einen Befehl Hitlers offiziell angeordnet.<ref>{{Literatur |Autor=Christian Stein |Titel=Kontrollverlust und unumkehrbare Tatsachen. Die deutschen Rückzüge an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs |Sammelwerk=[[Militärgeschichtliche Zeitschrift]] |Band=81 |Nummer=1 |Datum=2022-05-06 |Seiten=96 f., 99 |DOI=10.1515/mgzs-2022-0004 |ISSN=2193-2336}}</ref><br />
<br />
[[Datei:Map Soviet 1941 Winter counteroffensive.jpg|mini|Sowjetische Gebietsgewinne während der Winter-Gegenoffensive]]<br />
<br />
Bis zum Ende des Jahres 1941 wurde die Wehrmacht insbesondere im mittleren Abschnitt der Front dennoch weit zurückgedrängt und die Front an mehreren Stellen aufgerissen. Unter anderem bildete sich hier ein großer [[Schlacht von Rschew|Frontbogen um Rschew]] und wenig später der [[Kesselschlacht von Demjansk|Kessel von Demjansk]]; zur Stabilisierung der Front mussten Truppenteile aus dem Westen hierher verlegt und Reserven mobilisiert werden. An eine Eroberung Moskaus war nun nicht mehr zu denken. Damit hatte die Wehrmacht die erste große Schlacht im Osten verloren, man spricht in der [[Geschichtswissenschaft|Geschichtsforschung]] heute von der „Kriegswende vor Moskau“. Etwa Anfang Februar 1942 stabilisierte die deutsche Seite ihre Front im Mittelabschnitt.<br />
<br />
Die Beweglichkeit der deutschen Truppen sank durch die erheblichen Ausfälle an Kraftfahrzeugen sowie an Zugmaschinen und Pferden weiter ab. Der Bedarf an Nachschubgütern aller Art überstieg die Transportmöglichkeiten deutlich. Die ungeheuren Verluste und Ausfälle, die das deutsche Ostheer in der Zeit vom 22.&nbsp;Juni 1941 bis 31.&nbsp;Dezember 1941 hinzunehmen hatte, macht eine statistische Auflistung des [[Generalquartiermeister]]s deutlich: Demnach verlor die Wehrmacht 2.752 Panzerkampfwagen und Sturmgeschütze, 24.849 Kfz, 38.544 Krafträder und 35.194 Lkw.<ref>Percy E. Schramm (Hrsg.): ''Kriegstagebuch des OKW.'' Teilband II 1940–1941, S. 1105 ff. Auflistung des GenQu/Abt.I/Az.: 1/58/42 gKdos vom 5.&nbsp;Januar 1942.</ref> Die Luftwaffe verlor an der Ostfront bis zum 27. Dezember 1941 2.505 Flugzeuge als Totalverluste sowie 1.895 durch Beschädigung.<ref>[[Militärgeschichtliches Forschungsamt]] (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Band 4. Stuttgart 1983, S. 699.</ref> Bis Ende 1941 wurden annähernd eine Million Soldaten der Wehrmacht und ihrer Verbündeten im Rahmen des Deutsch-Sowjetischen Krieges getötet oder schwer verwundet. Dem standen bis dahin auf sowjetischer Seite Verluste von fast drei Millionen Gefallenen sowie etwa drei Millionen Kriegsgefangenen gegenüber. Allerdings wogen diese angesichts der ungleich größeren Ressourcen, über die die Sowjetunion verfügen konnte, aus militärischer Sicht weitaus weniger schwer.<br />
<br />
== Verlauf 1942 ==<br />
=== Südoffensive: Kampf um die Ölquellen ===<br />
[[Datei:German Summer Offensive, 7 May-23 July 1942.PNG|mini|Lageentwicklung im südlichen Teil der Ostfront von der Schlacht bei Charkow bis zur Einnahme von Rostow am Don (23.&nbsp;Juli 1942)]]<br />
<br />
Die Rote Armee hatte inzwischen Kräfte mobilisiert, denen aber ein entscheidender Schlag gegen die Wehrmacht noch nicht gelang. Die [[Rasputiza|Schlammzeit]] im Frühjahr 1942 führte zu einer relativen Ruhe an der Front, weil sämtliche motorisierten Kräfte stillstanden. Hitler und das OKW kamen zu der Einsicht, dass der lange unterschätzte Gegner noch längst nicht besiegt war, und begannen, Pläne für das weitere Vorgehen im Osten zu entwickeln. Der Plan, eine möglichst defensive Haltung einzunehmen, um die Rote Armee zu verlustreichen Attacken zu zwingen und so auszubluten, wurde von Hitler verworfen: einzig und allein eine weitere deutsche Offensive könne die sowjetischen Kräfte entscheidend schwächen. Wegen des langen Frontverlaufes und wegen der bisherigen hohen personellen und materiellen Verluste der Wehrmacht war an eine Großoffensive, die sich über die gesamte Front erstreckte, aber nicht mehr zu denken. Während daher im Bereich Mitte und Nord zur Verteidigung übergegangen wurde, sollte mit allen gepanzerten und motorisierten Kräften die Sommeroffensive mit Stoßrichtung in den [[Kaukasus]] durchgeführt werden. Die reichen [[Erdöl|Ölquellen]] in dem Gebiet standen dabei im Mittelpunkt der deutschen Offensivbemühungen. Zugleich begann man, in den besetzten Gebieten gemäß den Beschlüssen der [[Wannseekonferenz]] in immer größerem Umfang Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung zu ermorden (siehe [[Holocaust#Sowjetunion|Holocaust]]).<br />
<br />
Nachdem bereits ab Ende 1941 die [[Krim]] bis auf die [[Halbinsel Kertsch]] und das Belagerungsgebiet um [[Sewastopol]] in deutscher Hand war, sollte 1942 auch der restliche Raum als Vorbereitung der Offensive ([[Fall Blau]]) in Richtung Kaukasus erobert werden. Vorbedingung war die Eroberung der [[Kertsch (Halbinsel)|Halbinsel Kertsch]]. Diese gelang ([[Unternehmen Trappenjagd]] vom 15. bis zum 21.&nbsp;Mai). Manstein meldete 168.198 Gefangene, 284 zerstörte Kampfwagen und 1398 [[Beutewaffe|Beutegeschütze]]. Als [[Kertsch]] fiel, hatte die [[Südwestfront (Rote Armee)|sowjetische Südwestfront]] unter [[Semjon Konstantinowitsch Timoschenko|Timoschenko]] eine [[Schlacht bei Charkow (1942)|Offensive bei Charkow]] begonnen, um dem deutschen Hauptangriff zuvorzukommen, als dessen Ziel Stalin irrtümlich [[Moskau]] vermutete. Ein großer Teil der sowjetischen Truppen wurde dabei jedoch eingekesselt und vernichtet, und [[Fedor von Bock|von Bock]] meldete 240.000 Gefangene, 1247 zerstörte Panzer sowie 2026 Beutegeschütze. Die deutschen Verbände wurden nun weiter umgruppiert und aufgefrischt, weil die große Sommeroffensive erst nach Beendigung der Kämpfe auf der Krim beginnen sollte, an denen viele der im Bereich der Heeresgruppe Süd zur Verfügung stehenden [[Luftwaffe (Wehrmacht)|Luftwaffenverbände]] teilnahmen.<br />
<br />
Die Parpatsch-Stellung war inzwischen durchbrochen worden und Reste der zerschlagenen sowjetischen Verbände retteten sich über die [[Straße von Kertsch]] auf die [[Taman-Halbinsel]]. Am 2.&nbsp;Juni 1942 begann auf der Krim die [[Schlacht um Sewastopol 1941–1942#Unternehmen Störfang (Juni bis Juli 1942)|Schlacht um Sewastopol]], dessen Verteidiger sich erbittert wehrten; sie endete am 5.&nbsp;Juli. Hierbei wurde erstmals ''[[80-cm-Kanone (E)|Dora]]'' eingesetzt, das – bis heute – größte jemals gebaute Geschütz. Es hatte ein [[Kaliber]] von 80&nbsp;cm. Die Krim hatte knapp neun Monate lang eine ganze deutsche Armee gebunden – auf einem zwar nicht nebensächlichen, doch isolierten Kriegsschauplatz. [[NS-Propaganda|Propagandistisch]] wurden mit diesem Sieg und mit der fast gleichzeitigen [[Unternehmen Theseus|Einnahme Tobruks]] im [[Afrikafeldzug]] erneut große Hoffnungen in der deutschen Bevölkerung geweckt.<br />
<br />
Am Mittelabschnitt der Ostfront tobte während des deutschen Vormarsches im Süden die [[Schlacht von Rschew]]. Dort scheiterte im August 1942 eine (heute weitgehend vergessene) deutsche Angriffsoperation, das [[Unternehmen Wirbelwind]].<br />
<br />
=== Spaltung der Heeresgruppe Süd ===<br />
Am 21. Juli 1942 überschritten deutsche Kräfte den [[Don (Asowsches Meer)|Don]], wodurch die ersten Schritte für den Vormarsch auf [[Wolgograd|Stalingrad]] eingeleitet wurden. Zwei Tage später wurde [[Rostow am Don]] besetzt. Nach der Teilung der Heeresgruppe Süd in die Heeresgruppen A (Generalfeldmarschall [[Wilhelm List|List]], ab November unter Generaloberst [[Ewald von Kleist (Generalfeldmarschall)|von Kleist]]) und B (Generaloberst [[Maximilian von Weichs|von Weichs]]) begann die [[Heeresgruppe A]] am 26.&nbsp;Juli den konzentrischen Vormarsch in Richtung [[Kaukasus]], während die Heeresgruppe B auf die Wegnahme Stalingrads angesetzt wurde. Diese Aufteilung, die eine Aufsplitterung der vorhandenen deutschen Kräfte bedeutete, ist in Anbetracht der Lage sicherlich als schwerer operativer Fehler anzusehen und resultierte aus Hitlers Planungen, sowohl die für die weitere Kriegführung wichtigen Erdölgebiete in Besitz zu nehmen als auch – gleichzeitig – die über Persien laufenden Nachschublieferungen der USA an die Sowjetunion, den sogenannten [[Persischer Korridor|Persischen Korridor]], mit der Einnahme Stalingrads über die [[Wolga]] zu unterbinden. Diese Doppelaufgabe überforderte jedoch die zahlenmäßig ohnehin weit unterlegenen deutschen Truppen. An den Kämpfen im Kaukasus beteiligten sich 20 von den später insgesamt 90 [[Ostlegionen]] (für die Deutschen kämpfende sowjetische Kräfte). Diese Aufstellungen nationaler Minderheiten unter deutschem Kommando waren Ausdruck einer ab dem Winter 1941/42 verstärkten Bemühung, die rein militärische Kriegführung im Osten mit einer Form politischer Kriegführung zu verbinden, und waren zudem aus der Notwendigkeit geboren, die hohen personellen Verluste auszugleichen.<br />
<br />
=== Kaukasus ===<br />
[[Datei:German Summer Offensive, 24 July-18 November.PNG|mini|Deutsche Vorstöße in den Kaukasus und nach Stalingrad bis zum Vorabend der [[Operation Uranus]]]]<br />
<br />
Insgesamt liefen die folgenden deutschen Operationen, was den Raumgewinn im [[Kaukasus]] betrifft, innerhalb weniger Wochen ab. Am 4.&nbsp;August wurde [[Stawropol]] eingenommen, am 9.&nbsp;August [[Krasnodar]], und außerdem der [[Kuban]] überschritten. Den rumänischen Verbündeten gelang es, die sowjetische Verteidigung an der Ostküste des [[Asowsches Meer|Asowschen Meeres]] von Norden her aufzurollen und die Taman-Halbinsel von „rückwärts“ her zu öffnen. [[Maikop]] fiel am 9.&nbsp;August in deutsche Hand und die Zugänge zur [[Ossetische Heerstraße|Ossetischen]]- und [[Georgische Heerstraße|Georgischen Heerstraße]] wurden in Besitz gebracht. Auch das [[Elbrus]]-Massiv selbst wurde genommen, am 21.&nbsp;August wehte auf dem Berg die [[Reichskriegsflagge]].<br />
<br />
Ein am 26.&nbsp;August beginnender Angriff auf [[Tuapse]] wurde nach zwei Tagen angehalten, dafür wurden am 31.&nbsp;August und am 6.&nbsp;September nach schweren Kämpfen die Hafenstädte [[Anapa]] sowie [[Noworossijsk]], wichtigster Stützpunkt der [[Schwarzmeerflotte]], genommen. Im Hochgebirge hatten deutsche Truppen die wichtigsten Passübergänge eingenommen und vorübergehend auf breiter Front nach Süden überschritten. Sie standen im [[Abchasien|abchasischen]] Gebirgsdorf [[Pßchu]], 20&nbsp;Kilometer vor der Küste des Schwarzen Meeres bei [[Gudauta]]. Östlich des Elbrus standen die deutschen und rumänischen Truppen in den Flussabschnitten des [[Baksan (Fluss)|Baksan]] und des [[Terek]] bis [[Naurskaja]]. Nördlich davon verlor sich die Front an der [[Kuma (Kaspisches Meer)|Kuma]], in der [[Nogajer Steppe]] und in der [[Kalmückensteppe]]. Einzelne Vorausabteilungen und Fernaufklärungseinheiten gelangten bis zur Bahnlinie [[Kisljar]]-[[Astrachan]], nahe der Küste des [[Kaspisches Meer|Kaspischen Meers]], die mehrere Tage lang unterbrochen werden konnte. Allerdings waren diese vorgeschobenen Operationsposten angesichts des Nachschubmangels, der durch den überdehnten Frontverlauf extremen Ausdünnung der deutschen Truppen und des heftigen Widerstands der sowjetischen Truppen nicht dauerhaft zu halten und mussten bald wieder aufgegeben werden.<br />
<br />
Am 9. September 1942 enthob Hitler Feldmarschall List wegen des hinter der ursprünglichen Operationsplanung weit zurückbleibenden Fortgangs der Offensive seines Kommandos als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe A. Bis zum 22.&nbsp;November 1942 übernahm er die Führung der Heeresgruppe persönlich und beauftragte dann Generaloberst von Kleist mit dem Oberbefehl. Zu diesem Zeitpunkt waren die Offensivbewegungen der Heeresgruppe längst zum Erliegen gekommen und das Ziel, die Ölquellen von [[Maikop]], [[Grosny]] und [[Baku]] zu erobern und auszubeuten, wurde nicht erreicht.<br />
<br />
=== Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis März 1943) ===<br />
{{Hauptartikel|Schlacht von Stalingrad}}<br />
<br />
Am 23. August 1942, sofort nach ihrem Sieg in der [[Kesselschlacht bei Kalatsch]] (der letzten von Deutschen gewonnenen Kesselschlacht), begann die Wehrmacht den [[Angriff auf Stalingrad]] mit Bombardierungen und dem Vorrücken von Panzern in die Außenbezirke. Ab dem 13. September rückten deutsche Soldaten in die Stadt vor. Darauf folgten verlustreiche Einzelkämpfe um [[Häuserkampf (Militär)|Häuser]] und Straßen. Zuletzt beherrschte die Wehrmacht etwa 90 Prozent [[Wolgograd|Stalingrads]], das bei den Kämpfen weitgehend zerstört wurde. Am 19. November begann die Rote Armee unter General [[Alexander Michailowitsch Wassilewski]] eine Gegenoffensive mit über einer Million Soldaten, 13.000 Geschützen, etwa 1200 Panzern und 1460 Flugzeugen („[[Operation Uranus]]“). Ein Teil dieser Truppen durchbrach die Front der rumänischen 4. Armee im Süden, ein anderer vom Norden kommend die Linien der rumänischen 3. Armee. Beide Keile vereinigten sich am 22. November im Raum [[Kalatsch am Don]]. Damit waren die deutsche 6. Armee unter General [[Friedrich Paulus]], ein Korps der 4. Panzerarmee unter [[Hermann Hoth]] und zwei rumänische Divisionen (insgesamt 22 Divisionen mit etwa 220.000 bis 250.000 Mann) eingekesselt.<br />
<br />
Spätestens Mitte Dezember war die Lage der 6. Armee aussichtslos. Die Luftwaffe hätte täglich 600 Tonnen an Versorgungsgütern einfliegen sollen, erreichte diese Vorgabe aber nie und warf an einzelnen Tagen maximal 110 Tonnen ab. Zudem verlor die Luftwaffe durch ungünstiges Flugwetter und eine starke sowjetische Jagdabwehr viele Transport- und Bomberflugzeuge. Die Nahrungs- und Kleidungsmängel bewirkten Unbeweglichkeit und Kampfunfähigkeit der Verbände. Die Soldaten starben an [[Hungerstoffwechsel|Hunger]], [[Influenza|Grippe]], [[Durchfall]]erkrankungen oder [[Erfrierung|erfroren]].<ref>Jürgen Förster: ''Zähe Legenden. Stalingrad, 23. August 1942 bis 2. Februar 1943.'' In: Stig Förster u.&nbsp;a. (Hrsg.): ''Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai.'' 3. Auflage. C.H. Beck, München 2003, S. 332; Bernd Ulrich: ''Stalingrad.'' C.H. Beck, München 2005, S. 90 f.</ref> Dem am 12. Dezember begonnenen Entsatzangriff der aus Teilen der 4. Panzerarmee gebildeten „Heeresgruppe Don“ unter Hermann Hoth („[[Unternehmen Wintergewitter]]“ vom 12. bis 23. Dezember 1942) fehlte es von vornherein an den notwendigen Kräften, um die Verbindung zur 6. Armee in Stalingrad herzustellen. Für einen eigenen Ausbruch fehlte es der 6. Armee an Ressourcen.<br />
<br />
Das strikte Kapitulationsverbot Hitlers und der Heeresführung führte zum Tod Hunderttausender Menschen.<ref>Holger Afflerbach: ''[[Die Kunst der Niederlage]]. Eine Geschichte der Kapitulation.'' C.H. Beck, München 2013, S. 230.</ref> Es ließ die Deutschen am 8. Januar ein entsprechendes Angebot der Roten Armee ablehnen. Militärische Erwägungen wie die Sorge um eine Einschließung der Verbände der Heeresgruppe A im Kaukasus spielten dabei nur teilweise eine Rolle. Deren Rückzug im Januar 1943 genehmigte Hitler nur schrittweise.<ref>Bernd Wegner: ''Der Mythos „Stalingrad“ (19. November 1942 bis 2. Februar 1943).'' In: Gerd Krumeich u. Susanne Brandt (Hrsg.): ''Schlachtenmythen. Ereignis – Erzählung – Erinnerung.'' Böhlau, Köln 2003, S. 184; Klaus Schönherr: ''Der Rückzug der Heeresgruppe A über die Krim bis Rumänien.'' In: ''Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg.'' Band 8, ''Die Ostfront 1943/44 – Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten.'' Im Auftrag des MGFA hrsg. von Karl-Heinz Frieser, DVA, Stuttgart 2007, S. 451.</ref> Am 25. Januar 1943 spalteten sieben sowjetische Armeen den Kessel in eine Nord- und eine Südgruppe (Operation „Ring“). Sie eroberten dabei alle deutschen Flugplätze. Danach konnte die Luftwaffe Versorgungsgüter nur noch aus der Luft abwerfen, so dass sie oft in gegnerische Hände fielen. Als die Lage immer dramatischer wurde, bat Paulus mehrmals um die Erlaubnis, kapitulieren zu dürfen, was von Hitler, aber auch von Paulus’ unmittelbarem Vorgesetzten [[Erich von Manstein]] abgelehnt wurde, obwohl der Rückzug der Heeresgruppe A inzwischen abgeschlossen war.<br />
<br />
In der Nacht zum 31. Januar beförderte Hitler Paulus mit sofortiger Wirkung zum [[Generalfeldmarschall]]. Hitler setzte darauf, dass ein Feldmarschall sich nicht gefangen nehmen lassen, sondern den „Heldentod“ in vorderster Linie suchen oder sich selbst das Leben nehmen würde. Doch am selben Tag ergab sich Paulus ohne förmliche Kapitulation mit der Südgruppe seiner Truppen. General [[Karl Strecker (General)|Karl Strecker]] im Nordkessel ließ seine Soldaten bis zum 2. Februar weiterkämpfen. Dann begaben sich die etwa 91.000 verbliebenen Soldaten der 6. Armee in sowjetische [[Kriegsgefangener|Kriegsgefangenschaft]]. Viele waren so entkräftet, dass sie die ersten Tage nicht überlebten.<ref>Holger Afflerbach: ''Die Kunst der Niederlage. Eine Geschichte der Kapitulation.'' C.H. Beck, München 2013, S. 230 f.; Bernd Ulrich: ''Stalingrad.'' C.H. Beck, München 2005, S. 107.</ref> Über den Luftweg waren etwa 40.000 Verwundete und Spezialisten aus dem Kessel ausgeflogen worden.<br />
<br />
Geschätzte 170.000 deutsche und über eine Million sowjetische Soldaten sowie eine unbekannte Zahl [[Zivilperson|Zivilisten]] starben in der Schlacht von Stalingrad.<br />
<br />
== Verlauf 1943 ==<br />
[[Datei:OperationLittleSaturn.PNG|mini|Gewinne der sowjetischen Gegenoffensiven bis zum Februar 1943]]<br />
<br />
=== Rückzüge der Wehrmacht ===<br />
Als Ende Dezember 1942 die Gefahr bestand, dass die ''Rote Armee'' die Front der [[Heeresgruppe Don]] bei [[Rostow am Don|Rostow]] durchstoßen könne, wurde die Heeresgruppe A aus dem Kaukasus abgezogen. Sie zog sich im Januar und Februar 1943 in drei Etappen aus dem Kaukasus zurück. Im Gegensatz zum Rückzug vor Moskau ein Jahr zuvor bemühte sich die deutsche Seite um ein koordinierteres Vorgehen, das insbesondere durch die [[Wirtschaftsorganisation Ost]] geplant wurde. So sollten Arbeitskräfte im großen Stil zum freiwilligen Rückzug mit den Deutschen bewegt werden. Zudem wurde die systematische Zerstörung von Industrie, Infrastruktur und landwirtschaftlichen Betrieben sowie potenziellen Unterkünften und der Raub von Industrie- und Landwirtschaftsgütern im großen Stil angeordnet. Allerdings waren die Truppen dazu nicht in dem Umfang in der Lage wie geplant.<ref>{{Literatur |Autor=Christian Stein |Titel=Kontrollverlust und unumkehrbare Tatsachen. Die deutschen Rückzüge an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs |Sammelwerk=[[Militärgeschichtliche Zeitschrift]] |Band=99 |Nummer=1 |Datum=2022-05-06 |Seiten=96 |DOI=10.1515/mgzs-2022-0004}}</ref><br />
<br />
Den [[Kuban-Brückenkopf]] behauptete die [[17. Armee (Wehrmacht)|17. Armee]] trotz ständiger Einengung bis zum 9. Oktober 1943.<br />
<br />
Während der Schlacht von Stalingrad hatte die Rote Armee die „[[Operation Mars]]“ begonnen, eine Großoffensive westlich von Moskau gegen die deutsche 9. Armee unter General [[Walter Model]]. Die 9. Armee hielt den Frontbogen von Rschew zunächst und räumte ihn im März 1943 im ''[[Unternehmen Büffelbewegung]]''.<br />
<br />
=== Charkow ===<br />
Am 29. Dezember 1942, während deutsche motorisierte Kaukasusverbände ihren Rückzug über Rostow am Don Richtung Westen begannen, erhielt der Koordinator des sowjetischen Oberkommandos, Generaloberst Alexander Wassilewski, von Stalin die Zustimmung zu einer noch weiter nach Westen ausholenden Operation in Richtung Charkow–Isjum ([[Woronesch-Charkiwer Operation]]). Ziel war die Abschnürung der gesamten südlichen Ostfront. Dabei erwiesen sich die ungarischen und rumänischen Verbündeten des Deutschen Reiches als klar unterlegen gegenüber der Roten Armee. Am 9.&nbsp;Februar musste die Gebietshauptstadt Belgorod von der Wehrmacht geräumt werden.<br />
<br />
Am Morgen des 16. Februar musste dann auch die Stadt [[Charkiw|Charkow]] aufgegeben werden, um der drohenden Einkesselung durch die Rote Armee zu entgehen – die spektakulärste Niederlage in den Wochen nach [[Schlacht von Stalingrad|Stalingrad]]. Charkow wurde durch [[Schutzstaffel|SS]]-Obergruppenführer [[Paul Hausser|Hausser]] kampflos geräumt, obwohl Hitler die Verteidigung verlangt hatte.<br />
<br />
Am 21. Februar begann die deutsche Gegenoffensive unter dem Befehl von General Manstein mit den Kräften, die vorher über Rostow aus dem Kaukasus abgezogen worden waren, sowie mit Haussers [[II. SS-Panzerkorps|SS-Panzerkorps]]. Manstein verfügte nur über etwa 360 Panzer, die Rote Armee hingegen über fast 1800. Bis zum 5.&nbsp;März wurde das Gebiet bis zum mittleren Donez in der [[Schlacht bei Charkow (1943)|Schlacht um Charkow]] dennoch von der Wehrmacht zurückerobert, da die sowjetischen Truppen von der deutschen Offensive überrascht wurden und Manstein die Überdehnung der gegnerischen Flanken geschickt ausnutzte. Es wurden erhebliche Geländegewinne erzielt und wieder eine geschlossene Front hergestellt, wodurch der Zusammenbruch der deutschen Ostfront im Frühjahr 1943 verhindert wurde. Die deutsche Front konnte anschließend wieder stabilisiert werden. Dies war der letzte bedeutende Erfolg der Wehrmacht im Osten. Charkow wurde am 14.&nbsp;März unter einigen Tausend Opfern der Zivilbevölkerung zurückerobert, und in einer letzten Anstrengung vor Beginn der Schlammperiode wurde auch Belgorod von den Deutschen wiedererobert. Die [[Leibstandarte SS Adolf Hitler|1. SS-Panzer-Division Leibstandarte SS Adolf Hitler]] tötete bei der Rückeroberung Charkows eine große Anzahl von Verwundeten und Gefangenen.<ref>Wolfram Wette, Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): ''Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert.'' Primus, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-417-X, S.&nbsp;255.</ref><br />
<br />
=== „Unternehmen Zitadelle“ ===<br />
{{Hauptartikel|Unternehmen Zitadelle}}<br />
<br />
Nach der Vernichtung der deutschen 6. Armee in Stalingrad und der Zurückdrängung der Wehrmacht von der Wolga und vom Kaukasus zeichnete sich langsam ab, dass die bisherigen Verbündeten von Deutschland abrückten. Einige nahmen schon geheime Friedensverhandlungen mit den Westmächten auf. Auch deshalb brauchte Hitler dringend einen nachhaltigen Erfolg. Außerdem sollte mit den begrenzten deutschen militärischen Möglichkeiten die Sowjetunion so weit geschwächt werden, dass sie, ihrer Angriffskraft weitgehend beraubt, in diesem Jahr keine größeren Angriffshandlungen mehr durchführen konnte. Hinzu kam, dass spätestens für 1944 eine alliierte Landung in Westeuropa erwartet wurde.<br />
[[Datei:Eastern Front - 4 July-1 Aug 1943.jpg|mini|Die Ostfront im Sommer 1943 und die Schlacht bei [[Kursk]]]]<br />
Nach den Winteroperationen hatte sich ein weit nach Westen vorreichender Frontbogen um [[Kursk]] gebildet, den [[Erich von Manstein|Manstein]] für eine deutsche Offensive vorschlug. Durch ein siegreiches Eindrücken oder Abschnüren dieses Frontbogens würde eine Frontbegradigung erreicht, durch die deutsche Verbände aus der Front gelöst werden könnten. Ferner sollten dadurch neue Kriegsgefangene und ins Reich zu verschleppende „Fremdarbeiter“ die Lücken in der deutschen Kriegswirtschaft füllen, welche durch die massenhaften Einberufungen zur Wehrmacht entstanden. Manstein stellte die klare Bedingung, dass man unmittelbar nach Ende der Schlammperiode und nach Auffrischen der Verbände losschlug. Er nannte ursprünglich Ende April als den letzten erfolgversprechenden Angriffstermin. Mit jedem Tag, den man danach wartete, würde die Rote Armee in diesem Bereich stärker und die deutschen Erfolgsaussichten geringer werden. Allerdings erwies sich diese Terminierung schon sehr bald als illusorisch, da es logistisch nicht gelang, die Verbände zeitnah in die vorgesehenen Angriffspositionen zu bringen und operationsfähig auszurüsten. Die Erfolgsaussichten des Angriffsplans waren in der Armeeführung mit jeder weiteren Verzögerung zunehmend umstritten. Doch Hitler hoffte, durch den Angriff die Initiative gegenüber der Sowjetunion zurückzuerhalten.<br />
<br />
Das Oberkommando der Roten Armee war inzwischen durch Geheimdienstinformationen und Partisanenmeldungen über das deutsche Vorhaben bestens informiert. Die Sowjetunion hatte ab April ein tiefgestaffeltes und zum Teil getarntes Stellungssystem angelegt. Dazu gehörten ausgiebige Minenfelder, Stacheldrahtverhaue, Panzergräben, Schützengräben, eingegrabene Panzer T-34, Pak und MG-Stellungen. Auch wurden die neuen [[Panzerbüchse]]n in großer Stückzahl eingesetzt. Die Tarnungsanstrengungen der Roten Armee gingen so weit, dass viele der zur Front laufenden Feldwege und Versorgungsstraßen unter bemalten Planen auf Holzgerüsten den deutschen Luftbeobachtern vorgaukelten, es sei eine ruhige Straße, während unter der Plane der Verkehr unbemerkt ablief.<ref>Janusz Piekalkiewicz, ''Unternehmen Zitadelle. Kursk und Orel: die grösste Panzerschlacht des 2. Weltkrieges'', Bergisch Gladbach: Lübbe 1983</ref> Gleichzeitig versammelte das sowjetische Oberkommando große Reserven in dem Frontbogen sowie in den östlich angrenzenden Gebieten.<br />
<br />
Der deutsche Angriffsplan sah vor, mit der 9. Armee der Heeresgruppe Mitte aus dem Raum [[Orjol|Orel]] in südliche Richtung auf Kursk vorzustoßen; mit der 4. Panzerarmee der Heeresgruppe Süd aus dem Raume [[Belgorod]] in nördliche Richtung ebenfalls auf Kursk der 9. Armee entgegen, sich dort zu vereinigen und die eingekesselten sowjetischen Armeen westlich Kursk zu vernichten. Den westlichen Frontbogen zwischen diesen Großverbänden sicherten nur schwächere deutsche Verbände. Um eine genügende Truppenzahl zu erreichen, wurden andere Frontabschnitte zu Gunsten dieser Operation geschwächt. Dennoch genügten die deutschen Kräfte für das Vorhaben letztlich nicht, da zu wenig Truppen zur Verfügung standen, um die Flanken der vorstoßenden Verbände zu decken.<br />
<br />
Der Truppenaufmarsch bei Kursk führte zur stärksten Konzentration konventioneller militärischer Kräfte, insbesondere der größten Panzerschlacht in der bekannten Geschichte. Auf sowjetischer Seite standen 1,3 Millionen Soldaten mit 3300 Panzern und 2500 Kampfflugzeugen als Verteidiger gegen 900.000 Soldaten, 2500 Panzer und 1800 Kampfflugzeuge der angreifenden deutschen Wehrmacht.<br />
<br />
Das Oberkommando der Roten Armee kannte aufgrund von Spionage mittlerweile den genauen Angriffszeitpunkt und belegte ihrerseits 30 Minuten vor dem deutschen Angriffsbeginn die feindlichen Bereitstellungsräume mit dichtem Artilleriesperrfeuer. Am 5.&nbsp;Juli 1943 begann dennoch der deutsche Angriff, die Rote Armee verteidigte sich verbissen und führte ständige Gegenangriffe. Die 9. Armee, die mit weniger Panzern ausgestattet war als die 4. Panzerarmee, lief sich unter großen Verlusten am 10.&nbsp;Juli in den befestigten Stellungen des Gegners fest. Es wurde ein Einbruch von gerade 15 bis 20&nbsp;km erzielt. Größere Erfolge konnte dagegen die 4. Panzerarmee erzielen, die einen Einbruch von etwa 30 bis 35&nbsp;km erkämpfte. Jedoch zeichnete sich ab dem 11.&nbsp;Juli eine große sowjetische Offensive der Westfront und der Brjansker Front gegen die nördlich von Orel stehende 2. Panzerarmee ab, und unter diesem Druck musste die 9. Armee ihren Angriff einstellen und Truppen dorthin zur Flankendeckung abgeben, während die 4. Panzerarmee noch weitere zwei Tage den Angriff fortsetzte. Die inzwischen erfolgte [[Operation Husky|Landung der Alliierten auf Sizilien]] am 10.&nbsp;Juli bewog Hitler dann endgültig, den Angriff auf Kursk am 13.&nbsp;Juli 1943 einzustellen und Truppen nach Italien zu verlegen. Die Kursker Schlacht war der letzte Versuch der deutschen Wehrmacht, in der Sowjetunion durch eine große Offensive erneut die militärische Initiative zu erlangen.<br />
<br />
Am Höhepunkt der Schlacht am 7.&nbsp;Juli 1943 wurden von beiden Seiten zusammen etwa 700 Panzer und über 350 Kampfflugzeuge als zerstört beansprucht. Gemeinsam mit dem 5.&nbsp;Juli 1943, an dem die deutsche Luftwaffe allein über 362 bestätigte Abschüsse im Bereich von Kursk beanspruchte,<ref>Tony Wood, Jim Perry: {{Webarchiv |url=http://www.lesbutler.ip3.co.uk/tony/tonywood.htm |text=''combat claims and casualty list.'' |wayback=20070210111250}} durch das OKL, Chef für Ausz. und Disziplin, Luftwaffenpersonalamt L.P. (A) V mittels Mikrofilm bestätigte Abschüsse (PDF)</ref> stellte die Schlacht bei Kursk damit auch die verlustreichste Luftschlacht der Geschichte dar.<br />
<br />
Als völliger Fehlschlag erwies sich die zwischen Mai und September 1943 durchgeführte [[Aktion Silberstreif]], bei der mittels Abwurf von einer Milliarde Flugblättern die Soldaten der Roten Armee zum massenhaften Überlaufen gebracht werden sollte.<br />
<br />
=== Übernahme der Initiative durch die Rote Armee ===<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 101I-708-0299-01, Russland-Süd, Panzer IV.jpg|mini|links|Deutsche Panzerkampfwagen IV in der Ukraine im Dezember 1943]]<br />
[[Datei:Map of dnieper battle grand.jpg|mini|Sowjetische Geländegewinne vom Ende des Unternehmens Zitadelle bis zum 1.&nbsp;Dezember 1943 (Ende der [[Teheran-Konferenz]])]]<br />
<br />
Die Rote Armee nutzte die Schwächung der deutschen Truppen durch die Niederlage bei Kursk und die westalliierte [[Operation Husky|Landung auf Sizilien]], um von nun an die Initiative zu ergreifen. Im Zuge der Gegenoffensiven „[[Orjoler Operation|Kutusow]]“ und „[[Belgorod-Charkower Operation|Rumjanzew]]“ wurden im August [[Orjol]], [[Belgorod]] und [[Charkow]] befreit. Erstmals feuerten Geschütze Anfang August auf dem [[Roter Platz|Roten Platz]] in Moskau [[Salutschuss|Salut]] zu Ehren der Befreier Belgorods und Orjols, eine Tradition, die bis Kriegsende beibehalten wurde.<br />
<br />
Nach mehreren weiteren sowjetischen Offensiven ([[Donezbecken-Operation]], [[Smolensker Operation]]) erreichten sowjetische Truppen den [[Dnepr]]. Der hastig eingeleitete Ausbau der deutschen „[[Panther-Stellung]]“ (auch „Ostwall“ genannt) kam zu spät; im Zuge der [[Schlacht am Dnepr]] überschritten die sowjetischen Truppen im Oktober (allerdings unter enormen Verlusten) auf breiter Front den Dnepr und [[Schlacht um Kiew (1943)|befreiten am 6.&nbsp;November Kiew]]. In Italien hatten die Alliierten inzwischen mit ihren [[Alliierte Invasion in Italien|Landungen auf dem Festland]] eine [[Zweite Front der Alliierten gegen die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg|zweite Front]] eröffnet, die bedeutende deutsche Kräfte band. Am 3.&nbsp;November erließ Hitler die ''Weisung Nr. 51'', in der er der Abwehr der für das nächste Jahr (1944) erwarteten Invasion in Frankreich Priorität einräumte. <br />
<br />
Angesichts des Vormarsches der Roten Armee blieb die „Führerweisung Nr. 51“ jedoch illusorisch. Im Gegenteil mussten Ende März 1944 eine Reihe von Verbänden, unter anderem das II. SS-Panzerkorps für die Ostfront freigegeben werden.<ref>[[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]]: ''Deutschland am Abgrund''. In: MGFA (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. München 2011, Band 8, S. 1170.</ref> Die Sowjetunion blieb auch im Frühjahr 1944 der bedeutendste europäische Kriegsschauplatz. Von insgesamt 341 verwendungsbereiten Verbänden des Heeres und der Waffen-SS standen 131 außerhalb des Ostens und des Heimatkriegsgebietes, und davon waren 41 Divisionen ihrer Natur nach für den Osteinsatz geeignet. Bei den Panzerdivisionen waren es 11 von insgesamt 34.<ref>Wegner: ''Deutschland am Abgrund''. In MGFA: ''Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg''. Band 8, S. 1165 f.</ref><br />
<br />
Neues Ziel der Wehrmacht war es nun, den vorrückenden sowjetischen Truppen derart hohe Verluste zuzufügen, dass Stalin in einen Verhandlungsfrieden einwilligen würde, um so eine totale Niederlage Deutschlands abzuwenden.<br />
<br />
Am 23. Dezember begann die bis zum 17.&nbsp;April 1944 dauernde sowjetische [[Dnepr-Karpaten-Operation]], in der die deutschen Truppen im südlichen Teil der Ostfront schwere Verluste erlitten. Im Norden der Front wurde nach der erfolgreichen deutschen Abwehr in der [[Dritte Ladoga-Schlacht|Dritten Ladoga-Schlacht]] ebenfalls eine neue sowjetische Großoffensive vorbereitet.<br />
<br />
=== Verbrannte Erde ===<br />
Die deutsche Militärführung und Wirtschaftsbehörden hatten zwar detaillierte Pläne für Rückzug, Entvölkerung, Ausplünderung und Zerstörung der besetzten Gebiete ausgearbeitet ([[ARLZ-Maßnahmen]]), doch waren die Truppen von Sommer 1943 an kaum noch in der Lage, diese vor der vorrückenden Roten Armee umzusetzen.<ref>[[Ludger Tewes]], Die Panzergrenadierdivision "Grossdeutschland" im Feldzug gegen die Sowjetunion 1942 bis 1945, Klartext Essen 2020: Kapitel Verbrannte Erde, S. 401–411, ISBN 978-3-8375-2089-7</ref> Stattdessen praktizierten sie eine wenig koordinierte Taktik der [[Verbrannte Erde|verbrannten Erde]]. So blieben die Zerstörungen von Infrastruktur, Produktionsanlagen und Wohnraum sowie die Verschleppung von Menschen oft unvollkommen. Viehbestände wurden nicht in das noch von den Deutschen kontrollierte Gebiet zurückgetrieben, sondern erschossen. Im Bereich der Heeresgruppe Süd wurde statt der geplanten Vertreibung von 11 Millionen Menschen rund 600.000 als arbeitsfähig Eingestufte in Trecks nach Westen getrieben. Westlich des Dnepr kamen rund 375.000 von ihnen an. Die restlichen waren geflohen, von der Roten Armee befreit oder ermordet worden.<ref>{{Literatur |Autor=Christian Stein |Titel=Kontrollverlust und unumkehrbare Tatsachen. Die deutschen Rückzüge an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs |Sammelwerk=[[Militärgeschichtliche Zeitschrift]] |Band=81 |Nummer=1 |Datum=2022-05-06 |Seiten=102 f.|DOI=10.1515/mgzs-2022-0004}}</ref><br />
<br />
[[Heinrich Himmler]] wies am 7. September 1943 den SS-Obergruppenführer [[Hans-Adolf Prützmann]] an:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=daß bei der Räumung von Gebietsteilen in der Ukraine kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleiben; daß kein Haus stehen bleibt, kein Bergwerk vorhanden ist, das nicht für Jahre gestört ist, kein Brunnen vorhanden ist, der nicht vergiftet ist. Der Gegner muß wirklich ein total verbranntes und zerstörtes Land vorfinden.<br />
|ref=<ref>[[Wolfgang Schumann (Historiker)|Wolfgang Schumann]]: ''Deutschland im zweiten Weltkrieg''. Bd. 4, S. 167.</ref>}}<br />
<br />
Vor allem die Ukraine wurde so gründlich verwüstet und ausgeplündert, wie das in diesen langen Kriegsjahren noch nie geschehen war. Dörfer und Städte wurden abgebrannt, Brücken gesprengt, Eisenbahnlinien aufgerissen, Brunnen vergiftet, Industrie- und Energieanlagen zerstört, alles, was sich irgendwie mitnehmen ließ, wurde abtransportiert, nicht nur die Ressourcen und Produkte aus Industrie und Landwirtschaft, sondern auch die menschlichen Arbeitskräfte.<ref>[[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]]: ''Wehrmacht im Ostkrieg''. München 2010, S. 782 und 788.</ref> Ein junger Infanterist schrieb im September 1943 an seine Frau:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=Auf dem gegenüberliegenden Ufer des Flusses brennt alles bereits seit Tagen lichterloh, denn Du mußt wissen, daß alle Städte und Dörfer in jenen Gebieten, die wir jetzt räumen, in Brand gesteckt werden, auch das kleinste Haus im Dorf muß fallen. Alle großen Gebäude werden gesprengt. Der Russe soll nichts als ein Trümmerfeld vorfinden.<br />
|ref=<ref>Wegner: ''Aporie des Krieges''. In: MGFA (Hrsg.): ''[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]]''. Stuttgart 1990, Band 8, S. 258.</ref>}}<br />
<br />
Ein anderer Zeitzeuge berichtet:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=Der Verkehr auf der Rollbahn zeigt Bilder, die man nie vergessen kann. Menschen und Tiere aus einem riesigen Gebiet, das dem Feinde überlassen wurde, strömen alle nach Westen. Der Russe wird ein leeres ödes Land vorfinden. Jedes Dorf und jede Hütte geht in Flammen auf.<br />
|ref=<ref name="ReferenceA">Wegner: ''Aporie des Krieges'', S. 258.</ref>}}<br />
<br />
Der Kommandeur der 296. Infanteriedivision befahl {{" |jedem Soldaten hinter H.K.L zur Auflage zu machen, täglich in den frühen Morgenstunden 100 Kartoffelstöcke auszureißen}} er wolle {{" |bis zum 9. August 1943 abends}} {{" |kein stehendes Getreide- und Kartoffelfeld}} mehr sehen.<ref name="ReferenceA">Wegner: ''Aporie des Krieges'', S. 258.</ref><br />
<br />
Nach Wegner gab es jedoch auch gegensätzliche Befehle, um {{" |der jedes militärische vertretbare Maß überschreitenden Zerstörungswut der Truppe Herr zu werden}}.<ref>Wegner: ''Aporie des Krieges'', S. 260.</ref> Der General [[Gotthard Heinrici]] schrieb am 27. Oktober 1943 an seine Frau:<br />
<br />
{{Zitat<br />
|Text=Unsere Leute bilden sich noch ein, verdienstlich zu handeln, wenn sie alles vernichten. Dabei bringen sie nur Schande und Rache über das deutsche Volk. Aber sie sind wie die Verrückten. Ich habe bei Smolensk versucht, dies zu steuern, und Einhalt zu gebieten. Es war menschenunmöglich. Jeder Troßknecht glaubte sich auf Führerbefehl hier zum Brandstifter berufen.<br />
|ref=<ref>[[Johannes Hürter]]: ''Notizen aus dem Vernichtungskrieg''. Darmstadt 2016, S. 223.</ref>}}<br />
<br />
Für [[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]] wollten Hitler und seine Entourage möglichst große Teile des Gegners mit in ihren Untergang reißen, als eine Art {{" |kollektives Selbstmordprogramm}}.<ref>Hartmann, ''Wehrmacht im Ostkrieg''. S. 782 und 787.</ref> Für den Historiker [[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]] gingen dagegen {{"|militärische Notwendigkeit, professionell organisierte Devastation, individueller Zerstörungsrausch und politisch-ideologischer Vernichtungswille}} eine {{" |kaum mehr auflösbare Symbiose}} ein.<ref>Wegner: ''Aporie des Krieges'', S. 256.</ref><br />
<br />
{{Siehe auch|ARLZ-Maßnahmen}}<br />
<br />
== Verlauf 1944 ==<br />
=== Rückeroberungen der Roten Armee ===<br />
[[Datei:April1944.jpg|mini|Sowjetische Geländegewinne von Dezember 1943 bis Ende April 1944]]<br />
<br />
Für das Jahr 1944 verzichtete die sowjetische Führung auf einen einzigen Entscheidungsschlag und plante stattdessen eine Serie zeitlich gestaffelter operativer Schläge, die sich kaskadenartig von Nord nach Süd fortsetzten. Damit verwirrte sie die deutsche Aufklärung, verhinderte das Verschieben von Reserven, vermied Risiken, verschob aber damit das Kriegsende.<ref>[[Rolf-Dieter Müller]]: ''Der letzte deutsche Krieg 1939–1945''. Stuttgart 2005, S. 276.</ref> Im Nachhinein wurden sie von der sowjetischen Kriegspropaganda als „[[die zehn stalinschen Schläge]]“ bezeichnet.<br />
<br />
Am 14. Januar begann der sowjetische Angriff auf den deutschen Belagerungsring um Leningrad. 900 Tage hatte die Stadt ausgeharrt und konnte nur im Winter über den zugefrorenen Ladogasee mit Nachschub versorgt werden. Die Rote Armee setzte nun nach: Ihre Frühjahrsoffensive ([[Leningrad-Nowgoroder Operation]]) brachte weitere Gebietsgewinne, und die Wehrmacht musste sich bis zum [[Peipus-See]] weiter zurückziehen. Im Süden wurden die deutschen Heeresgruppen in der Ukraine durch fortgesetzte sowjetische Offensiven während der [[Dnepr-Karpaten-Operation]] weit zurückgeworfen. Immer häufiger gelang es der Roten Armee jetzt, größere deutsche Verbände einzukesseln, wie bei [[Kessel von Tscherkassy|Tscherkassy/Korsun]] und [[Kesselschlacht von Kamenez-Podolski|Kamenez-Podolski]] (in beiden Fällen gelang es allerdings den Deutschen, nach schweren Verlusten aus dem Kessel auszubrechen). Die Einkesselungen waren nicht zuletzt den Haltebefehlen geschuldet, die Hitler ausgab. Bis Ende April wurden weite Teile der Westukraine von der Roten Armee befreit und die Ausläufer der [[Karpaten]] und die Grenzen des rumänischen Besatzungsgebiets [[Transnistrien (rumänisches Besatzungsgebiet)|Transnistrien]] erreicht. Deutschlands Verbündete Ungarn und Rumänien wurden von nun ab wieder verstärkt in die Kämpfe einbezogen. Zuvor war am 19.&nbsp;März Ungarn von deutschen Truppen in einer Operation unter dem Decknamen ''[[Unternehmen Margarethe|Margarethe]]'' besetzt und die Regierung [[Miklós Kállay|Kállay]] gestürzt worden, um den Waffenstillstand eines weiteren Landes mit den Westalliierten nach dem Vorbild Italiens zu verhindern.<br />
<br />
Vom 9. April an konzentrierten sich die sowjetischen Anstrengungen auf die Rückeroberung der Krim. Zu diesem Zeitpunkt war mit [[Odessa]] der wichtigste bis dahin noch in deutschen Händen verbliebene Versorgungshafen für die Truppen auf der Halbinsel verlorengegangen. In der [[Schlacht um die Krim]] gelang der Roten Armee bis zum 12.&nbsp;Mai die vollständige Rückeroberung der Halbinsel. Die deutsche [[17. Armee (Wehrmacht)|17. Armee]], in der auch rumänische Truppen kämpften, wurde praktisch vernichtet, mehr als 60.000 überlebende Soldaten gingen in Kriegsgefangenschaft.<br />
<br />
Nach einer kurzen Ruhephase während der schlammigen Frühjahrszeit begannen die großen sowjetischen Sommeroffensiven des Jahres 1944. Am 9.&nbsp;Juni begann der Angriff der Roten Armee gegen die finnische Front auf die karelischen Landenge ([[Wyborg-Petrosawodsker Operation]]), die jedoch am 9.&nbsp;August noch östlich der alten Grenze von 1940 zum Stehen kam. Die am 6. Juni 1944 erfolgreich durchgeführte Landung („[[Operation Overlord]]“) der [[Alliierte]]n in der [[Normandie]] führte zu einer dritten Front gegen das Deutsche Reich und erforderte aufgrund hoher deutscher Verluste massive Truppenverlegungen von der Ost- an die [[Deutsche Westfront 1944/1945|Westfront]]. Damit verlor für die deutsche Kriegsführung der östliche Kriegsschauplatz den Vorrang, und nur noch etwa die Hälfte des deutschen Heeres befand sich im Osten.<br />
<br />
=== Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte ===<br />
{{Hauptartikel|Operation Bagration}}<br />
[[Datei:BagrationMap2.jpg|mini|Gewinne im Zuge der Operation Bagration und damit verbundener Operationen bis zum 19.&nbsp;August 1944]]<br />
<br />
Die Rote Armee war aus personeller und materieller Sicht inzwischen so überlegen, dass sie zeitweise an der gesamten Front zu großen Offensiven befähigt war. Während der Angriff an der finnischen Front noch andauerte, begann die Sowjetunion daher eine größere Einkesselungsschlacht unter dem Decknamen „Operation Bagration“ im Mittelabschnitt, welche die Zerschlagung der [[Heeresgruppe Mitte]] zum Ziel hatte. Am 23.&nbsp;Juni brachen die Angreifer durch die Verteidigungsfront und kesselten große deutsche Verbände bei [[Wizebsk|Witebsk]] und [[Babrujsk|Bobruisk]] ein. Am 29.&nbsp;Juni kapitulierten diese Truppen, woraufhin die Heeresgruppe Mitte praktisch aufgelöst wurde und die [[Rote Armee]] bis kurz vor [[Warschau]] und an die Grenzen zu [[Ostpreußen]] vorstoßen konnte.<br />
<br />
Für die sowjetische Partisanenbewegung war diese Offensive Höhe- und Endpunkt zugleich. Mindestens 10.500 Sabotageaktionen in der Nacht auf den 20.&nbsp;Juni gegen Eisenbahnen, Brücken und Nachrichtenverbindungen bereiteten die sowjetische Offensive vor. Nach der Niederlage der deutschen Verbände war die deutsche Herrschaft auf sowjetischem Gebiet, abgesehen von kleineren Gebieten im Baltikum, beendet.<ref>Timm C. Richter: ''Die Wehrmacht und der Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten der Sowjetunion.'' S. 837.</ref> Diese Niederlage der Wehrmacht war verheerender und folgenreicher als die Schlacht um [[Stalingrad]] eineinhalb Jahre zuvor, denn die Wehrmacht verlor im Vergleich dazu mehr Soldaten (schätzungsweise 200.000 Tote und 300.000 Gefangene) und Gerät; die ganze Ostfront geriet ins Wanken. Aus militärischer Sicht war der Krieg damit für die Wehrmacht unwiderruflich verloren: war ein deutscher Sieg bereits spätestens ab 1943 unerreichbar, so war ab dem Sommer 1944 die totale Niederlage unvermeidlich geworden. Dies war einem Großteil der Wehrmachtsgeneräle auch durchaus bewusst, trotzdem wurde der Kampf fortgesetzt.<br />
<br />
Am 3. Juli eroberte die Rote Armee [[Minsk]] zurück und kesselte die Reste der deutschen 4. Armee ein, die bald darauf kapitulierten. Weiter südlich drangen im Rahmen der [[Lwiw-Sandomierz-Operation]] sowjetische Verbände ab dem 13.&nbsp;Juli in [[Galizien]] bis [[Lemberg]] vor und erreichten schließlich die [[Weichsel]].<br />
<br />
=== Attentat auf Hitler ===<br />
{{Hauptartikel|Attentat vom 20. Juli 1944}}<br />
<br />
Angesichts der unübersehbar aussichtslosen militärischen Gesamtlage zeigten mehrere deutsche Offiziere nun ihre Bereitschaft, unter bestimmten Umständen den Krieg gegen Hitlers Willen zu beenden, um weitere sinnlose Opfer zu vermeiden. Häufig wurde als Bedingung hierfür die Verhaftung oder der Tod Hitlers genannt, da nur unter diesen Umständen an einen Verhandlungsfrieden zu denken sei. Weiterhin gab es seitens der Generalität Überlegungen, mit den Westalliierten einen Separatfrieden zu schließen, um gemeinsam gegen das Vorrücken der Roten Armee und somit des Kommunismus nach Mitteleuropa vorzugehen.<ref>Guido Knopp: ''Sie wollten Hitler töten.'' Goldmann, 2005, ISBN 3-442-15340-9.</ref> Inwiefern sich die Westalliierten diesem Vorhaben angeschlossen hätten, ist zweifelhaft, da 1943 auf der [[Konferenz von Casablanca]] als gemeinsames alliiertes Kriegsziel die bedingungslose Kapitulation Deutschlands festgelegt worden war.<br />
<br />
Am 20. Juli 1944 versuchte Oberst [[Claus Schenk Graf von Stauffenberg]], Hitler im Hauptquartier [[Wolfsschanze]] in Ostpreußen durch einen Sprengsatz zu töten. [[Henning von Tresckow]], Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Mitte, war als ein enger Vertrauter von Stauffenberg an der Planung des Anschlages beteiligt. Von Tresckows Erlebnisse an der Ostfront trugen wesentlich zu seiner Haltung gegen die Fortführung des Krieges bei. Hitler überlebte das Attentat durch eine ungünstige Platzierung der Bombe, der anschließende Versuch eines [[Staatsstreich]]es in [[Berlin]], „[[Unternehmen Walküre]]“, scheiterte ebenfalls. Die unmittelbaren Attentäter wurden sofort hingerichtet. Bis zum Kriegsende kam es durch den [[Volksgerichtshof]] unter [[Roland Freisler]] zu über 200 Todesurteilen, die im Zusammenhang mit dem Attentat standen, darunter war unter anderem Erich Hoepner, der ehemalige Befehlshaber der Panzergruppe IV. Unter den Verhafteten befanden sich auch zahlreiche Protagonisten des Krieges im Osten. Mehreren populären deutschen Generälen wurde aufgrund ihrer angeblichen oder tatsächlichen Mitwisserschaft der Selbstmord nahegelegt, darunter dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte [[Günther von Kluge]] und wohl auch dem „Wüstenfuchs“ [[Erwin Rommel]], die beide zu diesem Zeitpunkt mit der Abwehr der Invasion in der Normandie beauftragt waren.<br />
<br />
=== Warschauer Aufstand ===<br />
[[Datei:AK-soldiers Parasol Regiment Warsaw Uprising 1944.jpg|mini|Mitglieder des [[Bataillon Zośka|Bataillons Zośka]] der Heimatarmee während des Warschauer Aufstandes, 5. August 1944]]<br />
<br />
Am 1. August begann unter der Führung General Graf [[Tadeusz Komorowski]]s, genannt „Bór“, der [[Warschauer Aufstand]]. Dieser war Teil der [[Aktion Burza|Aktion „Burza“]] (Gewitter) der aus dem Untergrund operierenden [[Polnische Heimatarmee|Polnischen Heimatarmee]]. Bis zum 2.&nbsp;Oktober wurde der Aufstand unter Leitung des SS-Obergruppenführers [[Erich von dem Bach-Zelewski]] blutig niedergeworfen. Die Zahl der getöteten Kämpfer auf beiden Seiten (etwa 15.000 bis 30.000) stand in keinem Verhältnis zu den Opfern unter der Zivilbevölkerung (über 200.000); die polnische Hauptstadt wurde während der andauernden Kämpfe und insbesondere danach auf Hitlers Befehl systematisch fast vollständig zerstört.<br />
<br />
Die „klassische“ westliche Sicht zu diesem Aufstand (die später unter anderem von [[Winston Churchill|Churchill]] selbst vertreten wurde) wirft Stalins Regierung vor, die Zerschlagung des Aufstands durch die Wehrmacht absichtlich nicht verhindert zu haben, um antikommunistische Kräfte in Polen zu schwächen. Der britische Historiker [[Richard Overy]] schrieb dagegen 1997, die Möglichkeiten der Roten Armee seien zu diesem Zeitpunkt, nach der umfangreichen und raumgreifenden Offensive gegen die [[Heeresgruppe Mitte]], begrenzt gewesen; durchaus erfolgte Entlastungsangriffe seien am deutschen Widerstand gescheitert und die polnische Heimatarmee habe es zudem abgelehnt, ihre Aktivitäten mit sowjetischen und kommunistischen polnischen Einheiten zu koordinieren.<ref>Richard Overy: ''Russlands Krieg, 1941–1945.'' Rowohlt, Reinbek 2003, ISBN 3-498-05032-X, S. 376 ff. (engl. Original: ''Russia’s War. Blood upon the Snow'', 1. Aufl. 1997, ISBN 1-57500-051-2).</ref><br />
<br />
=== Balkan, Baltikum und Ungarn ===<br />
Mit dem Beginn der [[Operation Jassy-Kischinew]] im August marschierte die Rote Armee in Rumänien ein und vernichtete die (neue) deutsche 6. Armee bei [[Chișinău]]. Mit dem [[Königlicher Staatsstreich in Rumänien 1944|Königlichen Staatsstreich am 23.&nbsp;August 1944]] wechselte [[Michael I. (Rumänien)|König Michael von Rumänien]] die Fronten, und Rumänien erklärte Deutschland den Krieg. Am 8.&nbsp;September wurde die sowjetische [[Ostkarpatische Operation]] eingeleitet. Die Erfolge der Roten Armee zwangen die Wehrmacht dadurch zum Rückzug aus [[Königreich Griechenland|Griechenland]], am 13.&nbsp;Oktober rückten britische Einheiten in [[Athen]] ein. Am 5.&nbsp;September erklärte die Sowjetunion [[Königreich Bulgarien|Bulgarien]] den Krieg und am 8.&nbsp;September rückte die Rote Armee daraufhin in Bulgarien ein; dort wurde am 9.&nbsp;September ein kommunistischer Staatsstreich inszeniert und die Rote Armee marschierte am 15.&nbsp;September in [[Sofia]] ein. Ein weiterer Verbündeter Deutschlands fiel an diesem 19.&nbsp;September weg, als Finnland einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion schloss und Deutschland gleichfalls den Krieg erklärte, welcher im [[Lapplandkrieg]] mündete. Am 7.&nbsp;Oktober begann im Norden die [[Petsamo-Kirkenes-Operation]]. Am 20.&nbsp;Oktober eroberten sowjetische Einheiten und [[Volksbefreiungsarmee (Jugoslawien)|jugoslawische Partisanen]] unter [[Josip Broz Tito|Tito]] die Hauptstadt [[Belgrad]] und zwangen die deutsche [[Heeresgruppe E]] zum Rückzug bis zur [[Drina]] (''siehe'' [[Belgrader Operation]]).<br />
<br />
Im Norden zog sich die [[Heeresgruppe Nord]] am 13.&nbsp;Oktober aus [[Riga]] nach [[Kurland]] zurück. Ab dem 20.&nbsp;Oktober, als die Rote Armee zur Mündung der [[Memel]] vorstieß, war sie vom Rest der Ostfront durch die [[Baltische Operation]] abgeschnitten, konnte aber von der Roten Armee in zahlreichen Kämpfen nicht vernichtet werden (vgl. [[Kurland-Kessel]]).<br />
<br />
In [[Ostpreußen]] kam die Offensive der Roten Armee im Oktober nach anfänglichen Erfolgen vorerst zum Erliegen. In diesen Tagen griff der Deutsch-Sowjetische Krieg zum ersten Mal auf deutsches Reichsgebiet über. Die Panzerspitzen des Generalobersten [[Iwan Danilowitsch Tschernjachowski|Iwan D. Tschernjachowski]] schoben sich Richtung Königsberg bis [[Gussew|Gumbinnen]], [[Goldap]] und [[Majakowskoje|Nemmersdorf]] vor, konnten jedoch von der 4. Armee (Hoßbach) zeitweilig zurückgedrängt werden. Bilder von durch sowjetische Truppen verübten Gräueltaten wurden aus propagandistischen Gründen von der [[Die Deutsche Wochenschau|Deutschen Wochenschau]] der Öffentlichkeit gezeigt („[[Massaker von Nemmersdorf]]“). Damit sollte der Kampfgeist und Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung gestärkt werden.<br />
<br />
In der ungarischen Hauptstadt [[Budapest]] wurden am 24.&nbsp;Dezember 1944 70.000 deutsche und ungarische Soldaten eingeschlossen. Mehrere deutsche Entsatzversuche, zum Teil mit den letzten im Reich vorhandenen Reserven, darunter einige SS-Panzerdivisionen, schlugen fehl. Am 11.&nbsp;Februar 1945 endete die 52 Tage dauernde [[Belagerung von Budapest]] mit der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee.<br />
<br />
== Verlauf 1945 ==<br />
[[Datei:Easterneurope10.jpg|mini|Gewinne der Roten Armee im Zuge der Weichsel-Oder Operation und damit verbundener Operationen bis zum 30. März 1945]]<br />
Am 12. Januar 1945 begann die Rote Armee aus dem Weichselbrückenkopf bei [[Baranów Sandomierski|Baranów]] mit der breit angelegten [[Weichsel-Oder-Operation]] und weiter südlich mit der [[Westkarpatische Operation|Westkarpatischen Operation]]. Am nächsten Tag eröffnete sie die [[Ostpreußische Operation (1945)|Ostpreußische Operation]]. Die Westalliierten hatten Stalin in Anbetracht der deutschen [[Ardennenoffensive]] um eine Vorverlegung des geplanten Angriffstermins ersucht. Die Wehrmacht war zu diesem Zeitpunkt zusätzlich geschwächt, weil bedeutende Kräfte nach Westen abgezogen waren.<br />
<br />
Die Rote Armee stieß von Warschau (Besetzung am 17.&nbsp;Januar) aus nach Norden vor. Nach der [[Eroberung Tilsits 1945]] trennte sie Ostpreußen vom Deutschen Reich. Die deutsche Bevölkerung floh; denn Plünderungen, Morde, Brandschatzungen und [[Vergewaltigung]]en durch die Rotarmisten verbreiteten Angst und Schrecken unter den Zivilisten. Da die [[Gauleiter]] [[Erich Koch]] und [[Karl Hanke]] vorbereitende Evakuierungsmaßnahmen verboten hatten, erfolgte die Flucht oft in letzter Minute. Insgesamt wurden im [[Unternehmen Hannibal]] über zwei Millionen Flüchtlinge über die Ostsee nach Westen evakuiert. Dabei wurden mehrere Flüchtlingsschiffe, darunter am 30.&nbsp;Januar der Truppentransporter ''[[Wilhelm Gustloff (Schiff)|Wilhelm Gustloff]]'', der mehrere Tausend Flüchtlinge und deutsche Soldaten aus Ostpreußen evakuieren sollte, von sowjetischen U-Booten versenkt. Der letzte Evakuierungskonvoi von der [[Halbinsel Hel]]a (die bis zum Kriegsende von deutschen Truppen gehalten wurde) nach Dänemark mit insgesamt über 40.000 Menschen dauerte vom 5. bis zum 9.&nbsp;Mai 1945.<br />
<br />
Die Ostpreußen verteidigende [[4. Armee (Wehrmacht)|4. Armee]] wurde vernichtend geschlagen. [[Königsberg (Preußen)|Königsberg]] wurde am 30.&nbsp;Januar eingekesselt und kurzzeitig von deutschen Einheiten entsetzt, fiel aber am 9.&nbsp;April endgültig an die Rote Armee. Hitler forderte, die wichtigsten deutschen Städte als „Festungen“ zu verteidigen, trotz der schlechten Erfahrungen, die man mit der ''Taktik des Haltens um jeden Preis'' gemacht hatte; aber [[Toruń|Thorn]] fiel am 1.&nbsp;Februar, Posen in der [[Schlacht um Posen]] am 23.&nbsp;Februar, [[Grudziądz|Graudenz]] am 5.&nbsp;März und [[Kołobrzeg|Kolberg]] am 18.&nbsp;März.<br />
<br />
Am 27. Januar erreichte die Rote Armee das [[KZ Auschwitz-Birkenau]], das von der SS bereits aufgegeben worden war. Die Lagerinsassen waren zuvor in weiter westlich gelegene Lager „umgesiedelt“ oder auf [[Todesmärsche von KZ-Häftlingen|Todesmärsche]] geschickt worden; die SS versuchte die Spuren der industriellen Tötung von Menschen zu verwischen. Am selben Tag erreichten erste sowjetische Einheiten [[Küstrin]] und damit die [[Oder]].<br />
<br />
Nach der sowjetischen Winteroffensive stand die Rote Armee Ende Januar 1945 entlang der Oder und [[Lausitzer Neiße]] von [[Stettin]] bis [[Görlitz]] knapp 80 Kilometer vor Berlin. Im Februar und März brachte die Rote Armee rund 2,5 Millionen Soldaten mit über 6.000 Panzern und 7.500 Flugzeugen für den Angriff auf Berlin in Stellung. Ihnen gegenüber standen rund eine Million deutsche Soldaten mit knapp 800 Panzern sowie Verbände der [[Russische Befreiungsarmee|Russischen Befreiungsarmee]] unter [[Andrei Andrejewitsch Wlassow]].<br />
<br />
In der [[Schlacht um Ostpommern]] wurden die rechte Flanke gesichert und die Voraussetzungen für den Angriff auf die Reichshauptstadt [[Berlin]] geschaffen. Die Hauptangriffsrichtung aus vorbereiteten Brückenköpfen folgte der [[Bundesstraße 1|Reichsstraße 1]] über [[Seelow]] direkt nach Berlin. Die Höhen von Seelow bildeten dabei ein steil aufsteigendes, natürliches Hindernis; um diese Höhen wurde eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges geschlagen. Die [[Schlacht um die Seelower Höhen]] begann am 16.&nbsp;April mit einem der stärksten Artilleriebombardements der Geschichte: rund 18.000 Artilleriegeschütze und Raketenwerfer konzentrierten ihr Feuer auf gerade einmal 4&nbsp;km Frontlinie. Die zahlenmäßig weit überlegene Rote Armee errang die Oberhand und entschied nach großen Verlusten die Schlacht im Laufe des 18.&nbsp;April für sich.<br />
<br />
Unterdessen wurde der sowjetische Belagerungsring um [[Breslau]] am 15.&nbsp;Februar geschlossen. Nachdem der Gauleiter Hanke sich mit einem Flugzeug aus der Stadt abgesetzt hatte, fiel die Stadt erst am 6.&nbsp;Mai in die Hände der Roten Armee ([[Schlacht um Breslau]]).<br />
<br />
Am 6. März versuchte die 6.&nbsp;Panzerarmee mit Unterstützung der 6.&nbsp;Armee (Armeegruppe „Balck“), der 2.&nbsp;Panzerarmee und der Heeresgruppe&nbsp;F eine groß angelegte Offensive ([[Plattenseeoffensive|Unternehmen Frühlingserwachen]]) direkt gegen die gut vorbereitete 3.&nbsp;Ukrainische Front in Ungarn mit dem Ziel, diese über die Donau nach Osten zu drängen.<ref>Karl-Heinz Frieser, Krisztián Ungváry u.&nbsp;a.: ''Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg.'' Band 8. München 2007, S. 926.</ref> Bis zum 15.&nbsp;März kam der Angriff zum Stehen, ohne das Angriffsziel auch nur ansatzweise erreicht zu haben. Am 16.&nbsp;März begann die sowjetische Gegenoffensive ([[Wiener Operation]]), die bis zum 4.&nbsp;April ganz Ungarn eroberte und bald westlich von Wien bei Pressbaum stand. [[Wien]] fiel am 13.&nbsp;April in die Hände der Roten Armee, die von Osten aus auch Niederösterreich, das Burgenland und die Steiermark eroberten. Am 8.&nbsp;Mai erreichte sie [[Graz]].<br />
<br />
Am 25. April schloss sich der [[Schlacht um Berlin|Belagerungsring um Berlin]], während sich bei [[Torgau]] an der Elbe erstmals sowjetische und US-amerikanische Kampfeinheiten begegneten. Auf deutscher Seite kämpften neben Truppen der Wehrmacht und der Waffen-SS auch der [[Volkssturm]] und Einheiten der [[Hitler-Jugend]]. Am Morgen des 26.&nbsp;April fand der letzte größere und erfolgreiche deutsche Panzerangriff statt, [[Bautzen]] wurde zurückerobert ([[Schlacht um Bautzen]]). Am 28.&nbsp;April scheiterte der Versuch der deutschen 12. Armee unter General [[Walther Wenck]], die Hauptstadt zu entsetzen. Am gleichen Tage wurde Mussolini beim Versuch, in die Schweiz zu flüchten, von italienischen Partisanen gestellt und erschossen.<br />
<br />
Am 30. April töteten Hitler und [[Eva Braun]] sich selbst im [[Führerbunker|Bunker unter der Reichskanzlei]]. Die Leichname wurden durch SS-Angehörige vor dem Bunker mit Benzin übergossen und verbrannt. In seinem politischen Testament bestimmte Hitler Großadmiral [[Karl Dönitz]] zum [[Reichspräsident]]en, der [[Flensburg]]-[[Mürwik]] als Sitz der geschäftsführenden Reichsregierung wählte. Am 2.&nbsp;Mai streckten unterdessen die letzten Verteidiger von Berlin die Waffen vor der Roten Armee. Das Berliner [[Reichstagsgebäude]] wurde bis zuletzt hauptsächlich durch westeuropäische Freiwillige der Waffen-SS verteidigt.<br />
<br />
Die über Jugoslawien, [[Böhmen]] und Österreich nach Westen abziehenden deutschen Truppen sowie die Freiwilligenverbände des Generals [[Andrei Andrejewitsch Wlassow]] wurden zum großen Teil durch die Amerikaner an die Sowjetunion ausgeliefert. Die auf deutscher Seite kämpfende [[Kroatische Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg|kroatische Armee]], die [[Serbische Staatswache]], sowie einige slowenische Hilfsverbände wurden von der britischen [[8. Armee (Vereinigtes Königreich)|8.&nbsp;Armee]] an die Titopartisanen übergeben, die mindestens 100.000 Mann ermordeten. Am 8.&nbsp;Mai besetzte die Rote Armee im Zuge der [[Prager Operation]] [[Dresden]], am 10.&nbsp;Mai rückten sowjetische Einheiten auch in [[Prag]] ein.<br />
[[Datei:Final Operations - 19 April-7 May 1945.jpg|mini|Militärisches Lagebild am Tag der [[Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht|bedingungslosen Kapitulation]], dem 7. Mai 1945]]<br />
Am 7. Mai wurde zwischen 2:39 und 2:41 Uhr im Hauptquartier der westlichen Streitkräfte ([[Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force|SHAEF]]) im französischen [[Reims]] im Beisein des sowjetischen Vertreters Generalmajor [[Iwan Alexejewitsch Susloparow|Susloparow]] durch General Jodl im Auftrage Dönitz’ die [[Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht|bedingungslose Kapitulation]] der deutschen Wehrmacht mit Wirkung zum 8.&nbsp;Mai 1945, 23:01 Uhr unterzeichnet. Am Tage des Inkrafttretens wandte sich Admiral Dönitz in einer Rundfunkansprache an das deutsche Volk:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Die Grundlagen, auf denen das Deutsche Reich aufbaute, sind zerborsten. Die [[Einheit von Partei und Staat|Einheit von Staat und Partei]] besteht nicht mehr. Die Partei ist vom Schauplatz ihres Wirkens abgetreten. Mit der Besetzung Deutschlands liegt die Macht bei den [[Besatzungsmächte]]n.}}<br />
<br />
Da die UdSSR mit der in Reims ausgefertigten Kapitulationsurkunde nicht zufriedengestellt war, da sie nicht dem in [[Konferenz von Jalta|Jalta]] ausgehandelten Wortlaut folgte und nur für die Wehrmacht, nicht aber wie in Jalta vereinbart, für ganz Deutschland galt, wurde dieser formale Akt nach Inkrafttreten des Waffenstillstands wiederholt. Dazu unterzeichneten in der Nacht zum 9.&nbsp;Mai Vertreter des OKW und der drei Wehrmachtteile (Feldmarschall [[Wilhelm Keitel]], Admiral [[Hans-Georg von Friedeburg]], Generaloberst [[Hans-Jürgen Stumpff]]) eine weitere Kapitulationsurkunde vor Vertretern und Zeugen der vier [[Hauptsiegermächte]] in der Heerespionierschule [[Berlin-Karlshorst]].<br />
<br />
Am 24. Juni 1945 fand auf Anordnung von Stalin die [[Moskauer Siegesparade von 1945]] auf dem [[Roter Platz|Roten Platz]] statt. Mit 40.000 teilnehmenden Soldaten der Roten Armee, 1850 Militärfahrzeugen und einer Dauer von zwei Stunden war dies die größte jemals abgehaltene [[Militärparade]] in der [[Geschichte der Sowjetunion]].<br />
<br />
== Massenverbrechen ==<br />
{{Hauptartikel|Verbrechen der Wehrmacht|Verbrechen der Roten Armee}}<br />
<br />
Ein Großteil der Verbrechen im Deutsch-Sowjetischen Krieg waren keine gewöhnlichen [[Kriegsverbrechen]], da der NS-Staat die im [[Kriegsvölkerrecht]] vorausgesetzte Rechtsgleichheit der Gegner schon vor dem Krieg außer Kraft setzte und Massentötungen bereits im Vorfeld ideologisch gewollt, geplant, befohlen, als unvermeidbare Folge einkalkuliert und legitimiert hatte. Die historische Forschung spricht daher von Massenverbrechen, die auch Kriegsverbrechen einschließen.<ref>Dieter Pohl: ''Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933 bis 1945.'' Darmstadt 2003, S. 36 f.</ref><br />
<br />
=== Massenmorde an Zivilisten ===<br />
Nach Angaben von Christian Gerlach<ref>Christian Gerlach: ''Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944.'' Hamburg 1999.</ref> ermordeten die deutsche Wehrmacht und die SS allein in [[Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik|Belarus]] bei Massakern gegen die Zivilbevölkerung 345.000 Menschen, dabei waren die Opfer meist Frauen und Kinder, denn die Männer waren bei der Roten Armee oder bei den Partisanen. In der Regel wurden dabei die Menschen in großen Gebäuden wie Scheunen zusammengetrieben und mit Maschinenpistolen oder Maschinengewehren erschossen. Danach wurden, obwohl viele noch lebten, die Gebäude abgebrannt. So starben beispielsweise in Oktjabrski bei einem solchen Massaker 190 Menschen. Anschließend wurden alle Häuser des Dorfes angezündet. In Belarus wurden auf diese Weise 628 Dörfer vollständig zerstört, in der Ukraine waren es 250. <br />
<br />
Der deutsch-amerikanische Osteuropahistoriker [[Jochen Hellbeck]] untersuchte 2025 sowohl die vorhandene wissenschaftliche Literatur zum Vernichtungskrieg 1941 bis 1945 als auch einschlägige Briefe, Tagebücher und andere Ego-Dokumente aus deutschen und russischen Archiven. Er stellt ähnliche Grausamkeiten und Massaker wie Gerlach im Falle von Belarus auch für die von deutschen Truppen und Zivilverwaltung beherrschten anderen besetzten Gebieten der Sowjetunion fest, insbesondere auch der Ukraine und Russlands. Dass die Mehrheit (etwa 15 Millionen) der 27 Millionen Kriegsopfer der UdSSR Zivilisten waren, sieht er als Ergebnis einer extremen Verdichtung von politischen Eroberungs- und Ausbeutungszielen mit einer Ideologie der Entmenschlichung der einheimischen Bevölkerung, die dem „jüdischen Bolschewismus“ zugerechnet wurden oder als angeblich degenerierte Slawen die Rote Armee mit Menschenmassen versorgten und die deutsche Ernährungsbilanz belasteten. Nur so sei das Aushungern und Erschießen von Millionen sowjetischer Zivilisten möglich gewesen.<ref>Jochen Hellbeck: ''Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision.'' Aus dem Englischen von Karin Hielscher. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025, S. 16f., S. 318–327 und passim (zieht sich durch gesamte Darstellung Hellbecks)</ref><br />
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=== Partisanenkrieg ===<br />
{{Hauptartikel|Sowjetische Partisanen}}<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 101I-031-2436-05A, Russland, Hinrichtung von Partisanen.jpg|mini|Hinrichtung gefangener sowjetischer Partisanen, Januar 1943]]<br />
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In Polen, auf dem [[Balkanhalbinsel|Balkan]] und in der Sowjetunion hatten die deutschen Besatzer von vornherein verbrecherische Ziele. Der „[[Generalplan Ost]]“ sah die Dezimierung der [[Slawen|slawischen Bevölkerung]] um etwa 30 Millionen und die Unterdrückung der verbleibenden Menschen vor. Die Maßnahmen der Deutschen waren [[Brutalität|brutal]]: Die Schulen oberhalb der vierten Klasse in den eroberten Gebieten der Sowjetunion wurden geschlossen, die [[Judentum|Juden]] erschossen, Zwangsarbeiter wurden in das Deutsche Reich gebracht und die [[Kriegsgefangenschaft|Kriegsgefangenen]] wurden menschenunwürdig behandelt.<br />
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Dies steigerte den Hass der Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer. In der [[Sowjetische Partisanen|Sowjetunion]], in [[ELAS|Griechenland]] und in [[Geschichte Jugoslawiens#Partisanenkrieg in Jugoslawien|Jugoslawien (unter Marschall Tito)]] kämpften [[Partisan]]enarmeen, teils waren sie [[Kommunismus|kommunistisch]], teils [[Nationalismus|nationalistisch]]. Die [[polnische Heimatarmee]] allerdings konnte nur auf wenig Unterstützung von außen hoffen. Aus dem ständigen Kleinkrieg gegen die deutsche Armee gingen die Partisanen häufig als Sieger hervor.<br />
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Der Hauptkampf der sowjetischen Partisanen richtete sich gegen den deutschen Nachschub sowie gegen die wirtschaftliche Ausnutzung des Landes. Nach einer Aktennotiz des [[Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebietes|Befehlshabers des Rückwärtigen Heeresgebietes]] der [[Heeresgruppe Mitte]] [[Max von Schenckendorff]] vom 6. September 1942 sank durch die Partisanen die Transportleistung der Bahn unter 50 % und die direkte Versorgung der Armee auf zwei Drittel.<ref>Bogdan Musial: ''Sowjetische Partisanen 1941–1944. Mythos und Wirklichkeit''. Paderborn 2009, S. 142.</ref><br />
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Da Partisanen nicht als Kombattanten im Sinne der [[Haager Landkriegsordnung]] galten, wurden sie nicht als Kriegsgefangene behandelt. Gefangene Partisanen oder als Partisanen Verdächtigte wurden hingerichtet. Häufig folgten Partisanenangriffen brutale Bestrafungsaktionen, sogenannte „Sühnemaßnahmen“, gegen die Zivilbevölkerung. Gegen Ende des Krieges konnten die Partisanen größere Gebiete von den deutschen Besatzern befreien. Unter dem Tarnmantel der sogenannten Partisanenbekämpfung wurden auch unter Einbeziehung von Wehrmachtangehörigen gleich weitere unliebsame Personen liquidiert. Im Rahmen dieser Partisanenbekämpfung diente das [[Unternehmen Bamberg]] als „Pilotprojekt“ für sogenannte Großunternehmen gegen Partisanen.<ref>Johannes Hürter: ''Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42''. Oldenbourg, München S. 434; Hürter bezieht sich dabei auf die in der nächsten Fußnote genannte Studie ''Kalkulierte Morde'' von Christian Gerlach.</ref> Bei dieser im März 1942 u.&nbsp;a. von der [[707. Infanterie-Division (Wehrmacht)|707. Infanterie-Division]] unter [[Gustav Freiherr von Mauchenheim genannt Bechtolsheim|Generalmajor Gustav Freiherr von Bechtolsheim]] durchgeführten Aktion, mit der die Wehrmacht erstmals in großem Maßstab gegen sowjetische Partisanen vorging und den Holocaust durchführen half, hatte die Zivilbevölkerung den größten Teil der Todesopfer zu beklagen. Ihr folgten bis 1944 ca. 50 weitere solche großen Partisanenbekämpfungsaktionen in Weißrussland, die zusammen mindestens 150.000 Menschen den Tod brachten, ganz überwiegend Zivilisten.<ref>Christian Gerlach: ''Kalkulierte Morde – Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944''. Hamburger Edition, 1999, S. 885–893, S. 899–904 (dort Listung von „Großunternehmen zur Partisanenbekämpfung in Weißrussland 1942–1944“) sowie S. 955–958 zur Gesamtzahl der Opfer.</ref><br />
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=== Holocaust ===<br />
Die im Frühjahr 1941 aufgestellten vier deutschen Einsatzgruppen A, B, C und D begannen unmittelbar nach Kriegsbeginn mit [[Massenmord]]en an Juden und Kommunisten oder an als solche betrachteten Personen hinter der Front. Sie berichteten Hitler auf seinen Befehl regelmäßig darüber und ermordeten im ersten Kriegsjahr nach eigenen Angaben fast eine Million Menschen. Die Wehrmacht verhielt sich unterschiedlich; einige Kommandeure gaben die Befehle nicht weiter, andere unterstützten die SS aktiv. Soldaten, die sich weigerten, an den Mordaktionen teilzunehmen, wurden in der Regel jedoch nicht bestraft, mussten aber teilweise Nachteile in Kauf nehmen.<br />
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Der international renommierte britische Historiker und Hitlerbiograph [[Ian Kershaw]] resümiert den Zusammenhang dieses Krieges mit dem Holocaust wie folgt:<br />
{{Zitat<br />
|Text=Es war kein Zufall, dass der Krieg im Osten zu einem Genozid führte. Das ideologische Ziel der Auslöschung des ‚jüdischen Bolschewismus‘ stand im Mittelpunkt, nicht am Rande dessen, was man bewusst als einen Vernichtungskrieg angelegt hatte. Er war mit dem militärischen Feldzug untrennbar verbunden. Mit dem Anrücken der Einsatzgruppen, das in den ersten Tagen des Angriffs einsetzte und durch die Wehrmacht unterstützt wurde, war die [[völkermord]]ende Natur dieser Auseinandersetzung bereits eingeleitet. Die deutsche Kriegführung im Russlandfeldzug sollte sich schnell zu einem umfassenden Völkermordprogramm entwickeln, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Hitler sprach während des Sommers und Herbstes 1941 zu seinem engeren Gefolge häufig in den brutalsten Ausdrücken über die ideologischen Ziele des Nationalsozialismus bei der Zerschlagung der Sowjetunion. Während derselben Monate äußerte er sich bei zahllosen Gelegenheiten in seinen Monologen immer wieder mit barbarischen Verallgemeinerungen über die Juden. Das war genau die Phase, da aus den Widersprüchen und dem Mangel an Klarheit in der antijüdischen Politik ein Programm zur Ermordung aller Juden im von den Deutschen eroberten Europa konkrete Gestalt anzunehmen begann.<br />
|ref=<ref>Ian Kershaw: ''Hitler 1936–1945.'' Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2000, S. 617.</ref>}}<br />
Dem US-amerikanischen [[Holocaustforschung|Holocaustforscher]] [[Christopher Browning]] zufolge „setzten die Vorbereitungen auf das ‚Unternehmen Barbarossa‘ eine Kette von verhängnisvollen Ereignissen in Gang, und der mörderische ‚Vernichtungskrieg‘ führte dann rasch zum systematischen Massenmord, zuerst an den sowjetischen und bald darauf auch an den anderen europäischen Juden“.<ref>Christopher Browning: ''Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942.'' Mit einem Beitrag von Jürgen Matthäus. List Taschenbuch, Berlin 2006, ISBN 3-548-60637-7, S. 318 (Propyläen, Berlin/München 2003, ISBN 3-549-07187-6).</ref> Dabei zeigen Forschungsergebnisse einer [[Unabhängige Historikerkommission – Auswärtiges Amt|internationalen Historikerkommission]] 2010, dass „nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 das [[Auswärtiges Amt|Auswärtige Amt]] die Initiative zur Lösung der ‚Judenfrage‘ auf europäischer Ebene“ ergriffen hatte.<ref>Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: ''Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik.'' München 2010, S. 185.</ref><br />
Der [[Militärgeschichtliches Forschungsamt|MGFA]]-Historiker [[Rolf-Dieter Müller]] schrieb in doppelter Hinsicht von dem „anderen Holocaust“. Zum einen sei das „Unternehmen Barbarossa“ von vornherein als Eroberungs- und Vernichtungskrieg geplant und geführt worden und den Bürgern der Sowjetunion als „slawische Untermenschen“ ein ähnliches Schicksal wie den Juden zugedacht worden. Zum anderen habe bald nach Beginn des Russlandfeldzugs die planmäßige Ermordung der Juden selbst im Fokus der Verbrechen gestanden.<ref>Rolf-Dieter Müller: [http://www.zeit.de/1988/27/der-andere-holocaust/komplettansicht ''Der andere Holocaust.''] In: ''Die Zeit.'' vom 1.&nbsp;Juli 1988.</ref> Während der deutschen Besatzungszeit wurden in den von Deutschland okkupierten Territorien der damaligen UdSSR ca. drei Millionen Juden umgebracht.<ref>[[Ilja Altman]]: ''Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941–1945.'' Mit einem Vorwort von [[Hans-Heinrich Nolte]]. Muster-Schmidt-Verlag, Gleichen/Zürich 2008, S. 7, 47.</ref> 350.000 bis 500.000 Juden kämpften im Laufe der Jahre 1941–1945 in verschiedenen Positionen in der roten Armee im Deutsch-Sowjetischen Krieg, darunter auch viele Frauen.<ref>wörtlich übersetzt von Yad Vashem, „Jews in the Red Army, 1941–1945“, https://www.yadvashem.org/research/research-projects/soldiers.html</ref><ref>http://www.jwmww2.org/The_Partisans_Underground_Fighters_and_Ghetto_Rebels_Monument</ref> Ihre Zeitschrift, herausgegeben vom „jüdischen antifaschistischen Komitee“, schrieb auf jiddisch, der Krieg sei „Far zayn foterland un zayn yidishn folk“.<ref>Dovid Bergelson, In: Yad Vashem, „Jews in the Red Army, 1941–1945“, https://www.yadvashem.org/research/research-projects/soldiers.html</ref><br />
<!-- === Verbrechen der Roten Armee ===<br />
<br />
Sowohl gegenüber Angehörigen der Wehrmacht als auch gegen die Zivilbevölkerung der baltischen Staaten, der Ukraine, Polens, Rumäniens, Ungarns und Deutschlands kam es seitens der Roten Armee zu Verbrechen im Sinne der [[Haager Landkriegsordnung]].<br />
<br />
Allein in Schlesien löste die Besatzung eine Flüchtlingswelle von mehr als 3 Millionen Zivilisten aus, von denen über 500.000 Menschen auf der Flucht direkt oder indirekt durch Einwirken der Roten Armee starben.<ref>[http://kriegsende.ard.de/pages_std_lib/0,3275,OID1130876,00.html Webpage der ARD zum Thema „60 Jahre Kriegsende“]</ref> Von Millionen deutscher Flüchtlinge, die sich vor der Roten Armee in Sicherheit zu bringen hofften, kamen Tausende zu Tode.<br />
[[Minderheit]]en wie die [[Russlanddeutsche]]n, [[Krimtataren]] oder [[Tschetschenen]], [[Kalmücken]] und weitere Völker wurden als angebliche [[Kollaboration|Kollaborateure]] zwischen 1941 und 1944 nach Zentralasien und Sibirien deportiert. Zahllose von ihnen kamen dabei ums Leben.<br />
Die Anzahl der durch [[Verbrechen der Roten Armee]] umgekommenen Personen beruht auf Schätzungen und schwankt je nach Quelle. --><br />
<br />
=== Vergewaltigungen ===<br />
{{Hauptartikel|Sexuelle Gewalt im Zweiten Weltkrieg}}<br />
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==== Wehrmacht ====<br />
[[Vergewaltigung]]en durch Soldaten der Wehrmacht blieben bis Anfang der 2000er-Jahre weitgehend unerforscht.<ref>So wurde noch 1999 auf die damals in Arbeit stehende Dissertation Birgit Becks zu sexueller Gewalt von Wehrmachtsoldaten verwiesen. Siehe [[Birthe Kundrus]]: ''Nur die halbe Geschichte. Frauen im Umfeld der Wehrmacht.'' In: R.-D. Müller, H. E. Volkmann (Hrsg. im Auftrag des MGFA): ''Die Wehrmacht: Mythos und Realität.'' Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56383-1, S. 719–735, hier S. 733.</ref> Der Historiker und Holocaustforscher [[Omer Bartov]] erinnert an eine Kampagne in der Wehrmacht, beispielsweise seitens der [[Division Großdeutschland]]<ref>Ludger Tewes, Die Panzergrenadierdivision "Grossdeutschland" im Feldzug gegen die Sowjetunion 1942 bis 1945, Klartext Essen 2020, S. 1038–1044, ISBN 978-3-8375-2089-7</ref>, der [[18. Panzer-Division (Wehrmacht)|18. Panzer-Division]] oder der [[12. Infanterie-Division (Wehrmacht)|12. Infanterie-Division]], die Soldaten von einer „Fraternisierung“ mit sowjetischen Frauen abzuhalten.<ref name="online auf: books.google.de">{{Literatur |Autor=Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann |Titel=Die Wehrmacht – Mythos und Realität |Verlag=Oldenbourg |Ort=München |Datum=1999 |ISBN=3-486-56383-1 |Seiten=733 |Online={{Google Buch |BuchID=tOBQq0HA7dYC |Seite=733}}}}</ref> Beziehungen zu sowjetischen Frauen waren untersagt, weil diese „[[Untermensch|rassisch minderwertig]]“ seien.<ref name="online auf: books.google.de" /> Die Truppen wurden angewiesen, stärkste Zurückhaltung zu üben.<ref name="online auf: books.google.de" /> Die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten sollte damit verhindert werden. Auch verdächtigte man Frauen der Agentinnen- oder Partisanentätigkeit.<ref name="online auf: books.google.de" /> Deutsche Soldaten, die einer Vergewaltigung überführt waren, wurden mit vier<ref>Birgit Beck: ''Vergewaltigungen. Sexualdelikte von Soldaten vor Militärgerichten der deutschen Wehrmacht, 1939–1944.'' In: Karen Hagemann, [[Stefanie Schüler-Springorum]] (Hrsg.): ''Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege.'' Frankfurt 2002, S. 263, 259.</ref> bis zu acht Jahren Haft<ref>Anm.: BA, ZNS, RH 23-G: Gericht [[296. Infanterie-Division (Wehrmacht)|296. Inf. Div]], Nr. 111/40: Strafsache gegen den Franz H., Urteil vom 10.&nbsp;Juli 1940 (Einsatzgebiet Westfront)</ref> bestraft (Urteil gegen Sanitäts-Soldat an der Westfront).<ref>{{Literatur |Autor=Christian Hartmann |Titel=Wehrmacht im Ostkrieg |TitelErg=Front und militärisches Hinterland 1941/42 |Verlag=Oldenbourg |Ort=München |Datum=2010 |ISBN=978-3-486-70225-5 |Seiten=211 |Online={{Google Buch |BuchID=QDu8q-hDCkwC |Seite=111}}}}</ref> Das deutsche Strafrecht galt für Soldaten im Krieg.<ref>Birgit Beck: ''Vergewaltigungen. Sexualdelikte von Soldaten vor Militärgerichten der deutschen Wehrmacht, 1939–1944.'' In: Karen Hagemann, Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): ''Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege.'' Frankfurt 2002, S. 263, 259.</ref><br />
<br />
Birgit Beck sieht im Problem der „dürren“ Quellenlage,<ref>{{Literatur |Autor=Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann |Titel=Die Wehrmacht – Mythos und Realität |Verlag=Oldenbourg |Ort=München |Datum=1999 |ISBN=3-486-56383-1 |Seiten=733 f. |Online={{Google Buch |BuchID=tOBQq0HA7dYC |Seite=734}}}}</ref> dass die zuständigen Disziplinarvorgesetzten bei der Wehrmacht offenbar nicht immer interessiert waren, „sexuelle Gewalt gegen Zivilisten unnachgiebig zu verfolgen und zu ahnden, da im Rahmen des rassenideologisch motivierten Eroberungs- und Vernichtungskrieges die Demütigung der Bevölkerung einen festen Bestandteil der Kriegsführung darstellt.“<ref>[[Birthe Kundrus]]: ''Nur die halbe Geschichte. Frauen im Umfeld der Wehrmacht.'' In: R.-D. Müller, H. E. Volkmann (Hrsg.): ''Die Wehrmacht: Mythos und Realität.'' Oldenbourg, München 1999, S. 734.</ref> In ihrer 2004 publizierten Dissertation zu sexueller Gewalt von Wehrmachtsoldaten weist Beck darauf hin, dass vor allem der [[Kriegsgerichtsbarkeitserlass]] vom 13.&nbsp;Mai 1941, der Straftaten deutscher Soldaten gegen sowjetische Zivilisten dem militärgerichtlichen „Verfolgungszwang“ entzog, damit die Grundlage für die Strafverfolgung sexueller Delikte zerstörte und ihre Erfassung weitgehend verhinderte.<ref>Birgit Beck: ''Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939–1945.'' [[Paderborn]] 2004, ISBN 3-506-71726-X, S. 327.</ref> Vergewaltigungen sowjetischer Frauen durch deutsche Soldaten seien am häufigsten „im Rahmen der Einquartierungen in zivile Häuser, bei angeordneten Requirierungen oder im Zusammenhang mit Plünderungen“ erfolgt.<ref>Birgit Beck: ''Wehrmacht und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939–1945.'' S. 328.</ref> [[Regina Mühlhäuser]] bestätigt in ihrer einschlägigen, speziell auf den Deutsch-Sowjetischen Krieg bezogenen Dissertation 2010 diese Befunde und stellt fest, dass die wenigsten von Wehrmachtsoldaten begangenen sexuellen Gewalttaten disziplinarische Konsequenzen nach sich zogen oder gerichtlich geahndet wurden.<ref>Regina Mühlhäuser: ''Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945.'' Hamburger Edition, Hamburg 2010, S. 145.</ref> Dies beruhe auch darauf, dass dominantes männliches Sexualverhalten „als Ausdruck von soldatischer Stärke betrachtet wurde“ und deshalb „die Truppenführer sowie die Führungen von Wehrmacht und SS sexuelle Gewalttaten in weiten Teilen in Kauf genommen“ hätten.<ref>Regina Mühlhäuser: ''Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945.'' Hamburger Edition, Hamburg 2010, S. 154.</ref> Die Sowjetunion legte in und nach dem Krieg dokumentierte Fälle von Notzuchtverbrechen vor. Diese ließen jedoch offen, ob Wehrmacht-, SS- oder Polizei-Verbände diese Verbrechen begangen hatten.<ref name="books.google.de">{{Literatur |Autor=Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann |Titel=Die Wehrmacht – Mythos und Realität |Verlag=Oldenbourg |Ort=München |Datum=1999 |ISBN=3-486-56383-1 |Seiten=734 |Online={{Google Buch |BuchID=tOBQq0HA7dYC |Seite=734}}}}</ref> Zudem wurden ausschließlich Augenzeugenberichte übergeben.<ref name="books.google.de" /><br />
<br />
==== Rote Armee ====<br />
[[Catherine Merridale]] und [[Norman M. Naimark]] schätzten die Zahl der von sowjetischen Soldaten vergewaltigten deutschen Frauen auf mehrere Hunderttausend,<ref>Catherine Merridale: ''Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945''. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, S. 348; Norman M. Naimark: ''Die Russen in Deutschland. Die Sowjetische Besatzungszone 1945 bis 1949''. Ullstein, Berlin 1997, ISBN 3-548-26549-9, S. 160.</ref> [[Heinz Nawratil]] und [[Barbara Johr]] auf zwei Millionen.<ref>Barbara Johr: ''Die Ereignisse in Zahlen.'' In: [[Helke Sander]]/Barbara Johr (Hrsg.): ''BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung Kinder''. Verlag Antje Kunstmann, München 1992, ISBN 3-88897-060-1, S. 46–73, hier S. 49; Heinz Nawratil: ''Massenvergewaltigungen bei der Besetzung Ostdeutschlands durch die Rote Armee.'' In: [[Franz W. Seidler]], [[Alfred de Zayas]]: ''Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert.'' Mittler, Hamburg 2002, ISBN 3-8132-0702-1, S. 122.</ref> Zahlreiche Familien entzogen sich der Gewalt durch Suizid. In Budapest wird die Zahl der vergewaltigten Frauen auf 50.000 geschätzt, viele davon wurden ermordet.<ref>James Mark: ''Remembering Rape: Divided Social Memory and the Red Army in Hungary 1944–1945.'' In: ''Past & Present.'' Number 188, August 2005, S. 133; Krisztian Ungvary: ''The Siege of Budapest.'' 2005, S. 350.</ref> Die nationalsozialistische Propaganda unter Joseph Goebbels charakterisiert die sowjetischen Soldaten als Vergewaltiger, die deutsche Mädchen und Frauen in unvorstellbarer Zahl schändeten, um „das Bild der Roten Armee als einer asiatischen Horde zu verstärken“.<ref>Catherine Merridale: ''Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945.'' S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-048450-9, S. 348 f.</ref><br />
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=== Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen ===<br />
[[Datei:Bundesarchiv B 145 Bild-F016237-0022A, Krim, russische Soldaten bei Gefangennahme.jpg|mini|Fünf Rotarmisten bei ihrer Gefangennahme, Krim, Mai 1942]]<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 192-208, KZ Mauthausen, Sowjetische Kriegsgefangene.jpg|mini|Ausgehungerte sowjetische Kriegsgefangene im KZ Mauthausen]]<br />
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Obwohl das Genfer [[Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen]] vom 27.&nbsp;Juli 1929 für die Unterzeichner auch gegenüber Staaten bindend war, die ihm nicht beigetreten waren, wurde es gegenüber sowjetischen Soldaten nicht angewendet. Auch laut [[Haager Landkriegsordnung]] (HLKO) von 1907, die als [[Völkergewohnheitsrecht]] angesehen wurde, hätten die kriegsgefangenen Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte entsprechend der HLKO behandelt werden müssen, zumal die Sowjetunion am 17.&nbsp;Juli 1941 erklärte, „sie wolle auf der Basis der Gegenseitigkeit die HLKO einhalten, der sie bis dahin nicht beigetreten war“ – doch in einer „von Hitler selbst formulierten Antwortnote“ lehnte die deutsche Seite am 21.&nbsp;August 1941 brüsk ab, denn „es lag nicht in Hitlers Interesse, auf diesem Kriegsschauplatz kriegsvölkerrechtliche Regeln gelten zu lassen.“<ref>[[Rüdiger Overmans]]: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' In: ''Die Deutsche Kriegsgesellschaft 1939–1945.'' Band 9. Zweiter Halbband: ''Ausbeutung, Deutungen, Ausgrenzung.'' Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von [[Jörg Echternkamp]]. DVA, München 2005 (=&nbsp;[[Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg]] Band 9/1–2), S. 729–875, hier S.&nbsp;799&nbsp;f.</ref> Entsprechend verfügten bereits die „Bestimmungen über das Kriegsgefangenenwesen“ vom 16.&nbsp;Juni 1941: „Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen Deutschland. Daher rücksichtsloses und energisches Durchgreifen bei den geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit, insbesondere gegenüber bolschewistischen Hetzern. Restlose Beseitigung jedes aktiven und passiven Widerstandes.“<ref>Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' Frankfurt am Main 1991, S. 261 (Dok. 9)</ref> In einer vom OKW am 8.&nbsp;September 1941 verschärften „Anordnung für die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener“ wurde verfügt: „Der bolschewistische Soldat hat jeden Anspruch auf Behandlung als ehrenvoller Soldat nach dem Genfer Abkommen verloren […] Waffengebrauch gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen gilt in der Regel als rechtmäßig.“<ref>Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' S. 297 ff. (Dok. 26)</ref> Der so genannte [[Kommissarbefehl]] führte dazu, dass SS-Einsatzkommandos die Gefangenenlager nach [[Politkommissar]]en und anderen „politisch untragbaren“ Personen durchkämmten. Diese Gefangenen wurden einer „Sonderbehandlung“ zugeführt, das heißt, sie wurden in [[Konzentrationslager]] überführt und dort meist sofort erschossen.<ref>Christian Streit: ''Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945.'' Neuausgabe. Dietz, Bonn 1991, S.&nbsp;83&nbsp;ff.</ref><br />
<br />
Nach den großen Kesselschlachten der ersten Monate befanden sich sowjetische Kriegsgefangene zu Hunderttausenden, meist unter freiem Himmel, in sogenannten [[Stammlager]]n (Stalags) und [[Dulag (Kriegsgefangenenlager)|Durchgangslagern]] (Dulags, in denen sie oft „nicht nur zur vorübergehenden Durchschleusung, sondern langfristig untergebracht waren.“)<ref>Rüdiger Overmans: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' S. 804.</ref> Bis Mitte Dezember 1941 waren 3,35 Millionen Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft geraten.<ref>Rüdiger Overmans: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' S. 805.</ref> Aufgrund ideologischer Vorgaben und kriegswirtschaftlichem Kalkül „rangierten sowjetische Kriegsgefangene“ neben den Juden und anderen „rassisch missliebigen Menschen […] auf einer rassenideologisch geprägten Ernährungspyramide (am) unteren Ende der zur Vernichtung vorgesehenen Bevölkerungsgruppen.“<ref>Rolf-Dieter Müller: ''Der Zweite Weltkrieg 1939 1945.'' Klett-Cotta, Stuttgart 2004, S. 175 f. (=&nbsp;Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, hrsg. v. [[Wolfgang Benz]], Band 21)</ref> Als der Generalquartiermeister des Heeres [[Eduard Wagner (General)|Eduard Wagner]] von Generalmajor [[Hans von Greiffenberg]] auf die Notwendigkeit einer einigermaßen zureichenden Ernährung der sowjetischen Kriegsgefangenen angesprochen wurde, antwortete er am 13.&nbsp;November 1941, dies sei aufgrund der allgemeinen Ernährungslage nicht möglich und stellte lapidar fest: „Nicht arbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern.“<ref>Rüdiger Overmans: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' S. 809.</ref> Nach der einschlägigen Dissertation Christian Streits sind bis Februar 1942 zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene umgekommen, die meisten starben den Hungertod.<ref>Christian Streit: ''Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941–1945.'' S. 128.</ref> Ostminister [[Alfred Rosenberg]] beklagte in einem Brief vom 28.&nbsp;Februar 1942 an den Chef des OKW Generalfeldmarschall [[Wilhelm Keitel|Keitel]], dass die umgekommenen Rotarmisten nun der deutschen Kriegswirtschaft fehlten:<br />
:: „Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen […] ist eine Tragödie größten Ausmaßes. Von den 3,6 Millionen Kriegsgefangenen sind heute nur noch einige Hunderttausend voll arbeitsfähig. Ein großer Teil von ihnen ist verhungert […] So muss auch die deutsche Wirtschafts- und Rüstungsindustrie für die Fehler in der Kriegsgefangenenbehandlung büßen.“<ref>Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion – „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' S. 345&nbsp;f. (Dok. 43); siehe auch Rüdiger Overmans: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' S. 816.</ref><br />
<br />
Erst durch den nun verstärkten Arbeitseinsatz für die deutsche Kriegswirtschaft sank die Sterblichkeitsrate der Gefangenen. Nach seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen kamen bis Kriegsende zwischen 2,5 und 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene in Wehrmachtsgewahrsam zu Tode.<ref>Christian Streit: ''Keine Kameraden.'' S. 10 u. passim, berechnet, in erster Linie auf Basis der „Nachweisung des Verbleibs der sowjetischen Kriegsgefangenen nach dem Stand vom 1.&nbsp;Mai 1944“, 3,3 Millionen tote sowjetische Kriegsgefangene; [[Alfred Streim]]: ''Sowjetische Gefangene in Hitlers Vernichtungskrieg. Berichte und Dokumente 1941–1945.'' Müller Juristischer Verlag, Heidelberg 1982, S. 244 ff., gibt auf der Grundlage von Prozessakten der Nachkriegszeit '''mindestens''' (Hervorhebung bei Streim) 2.530.000 Opfer an; Rüdiger Overmans: ''Die Kriegsgefangenenpolitik des Deutschen Reiches 1939 bis 1945.'' S. 820, kommt in seiner jüngsten Untersuchung durch Abgleich verschiedener Dokumente und statistischer Verfahren auf eine Zahl zwischen zweieinhalb und drei Millionen in deutschem Gewahrsam umgekommenen Rotarmisten, da „zwischen 2,3 und 2,8 Millionen Personen – also etwa die Hälfte der mehr als 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen – überlebt“ hätten.</ref> Dem Yale-Historiker [[Timothy Snyder]] zufolge wurde der Großteil dieser Menschen „gezielt umgebracht, oder es lag die bewusste Absicht vor, sie den Hungertod sterben zu lassen. Wäre der Holocaust nicht gewesen, man würde dies als das schlimmste Kriegsverbrechen der Neuzeit erinnern.“<ref>Timothy Snyder: ''{{Webarchiv |url=http://www.eurozine.com/articles/2010-02-18-snyder-de.html |text=Der Holocaust. Die ausgeblendete Realität |wayback=20111018210220}}.'' In: ''[[Eurozine]].'' 18.&nbsp;Februar 2010, In: ''[[Transit (Europäische Revue)|Transit]].'' Heft 38, 2009, S. 6–19, Zitat S. 9.</ref> [[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]], Historiker am [[Institut für Zeitgeschichte]], definiert den Tatbestand, dass in der Obhut der Wehrmacht {{" |etwa 3 Millionen sowjetische Gefangene verhungert, erfroren, an Seuchen krepiert [sind] oder erschossen [wurden]}}, als {{" |das größte Verbrechen der Wehrmacht}}.<ref>Christian Hartmann: ''Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945.'' München 2011, S. 65.</ref><br />
<br />
=== Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen ===<br />
[[Datei:RIAN archive 129359 German prisoners-of-war in Moscow.jpg|mini|Gefangene deutsche Soldaten in Moskau, 1944]]<br />
<br />
Auch die Lage der [[Liste sowjetischer Kriegsgefangenenlager des Zweiten Weltkriegs|Deutschen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft]] war katastrophal. Die in den ersten Monaten des Deutsch-Sowjetischen Krieges gefangen genommenen deutschen Soldaten wurden oftmals auf Anordnung von Politkommissaren oder auf Befehl von fanatischen Offizieren sofort erschossen. Diese Praxis wurde im weiteren Verlauf des Kriegs seltener und war wahrscheinlich als Reaktion auf den deutschen Kommissarbefehl sowie auf aufpeitschende Sowjetpropaganda (z.&nbsp;B. [[Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg|Ehrenburg]]) zurückzuführen.<br />
<br />
Die harten klimatischen Bedingungen, die Zerstörungen des Landes und die schlechten Lebensbedingungen, unter denen auch die Zivilbevölkerung zu leiden hatte, verursachten eine außerordentlich hohe Sterblichkeitsrate unter den deutschen Kriegsgefangenen. Viele Tausende starben an Unterernährung oder Entkräftung auf den Transporten in die Lager im Hinterland. Unterkünfte, ärztliche Behandlung und Verpflegung waren schlecht, die Arbeitsbedingungen dafür unverhältnismäßig hart. Von etwa 3.060.000 deutschen Kriegsgefangenen kamen schätzungsweise 1.100.000 ums Leben.<ref>[[Albrecht Lehmann]]: ''Gefangenschaft und Heimkehr. Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion''. C.H. Beck, München 1986, ISBN 3-406-31518-6, S. 29.</ref> Von den 1941/42 in Gefangenschaft geratenen Soldaten starben etwa 90–95 %; von denen im Jahre 1943 starben etwa 60–70 %, im Jahre 1944 etwa 30–40 % und von den im Jahre 1945 gefangenen etwa 20–25 %.<ref>Christian Zentner: ''Der Zweite Weltkrieg – Ein Lexikon.'' Heyne, München 1998.</ref> Ab dem Jahre 1949 verbesserte sich die allgemeine Lage in der Sowjetunion, was auch positive Effekte auf die Lebenssituation in den Kriegsgefangenenlagern mit sich brachte und die Sterblichkeitsrate auf ein normales Maß reduzierte.<br />
<br />
Beim Einmarsch der Roten Armee in die östlichen Reichsgebiete wurden oftmals auch [[Hitlerjugend|HJ]]- oder [[Bund Deutscher Mädel|BDM]]-Angehörige oder sogar unbeteiligte Zivilisten auf offener Straße aufgegriffen und in den Osten zur Zwangsarbeit deportiert. Die Kriegsgefangenen in der UdSSR waren billige Arbeitskräfte und halfen beim Wiederaufbau des verwüsteten Landes mit. Bis 1950 war das Gros der Kriegsgefangenen entlassen, zurück blieben nur „kriminelle Elemente“, die wegen „tatsächlichen oder vermeintlichen Verbrechen im Zusammenhang mit Kriegshandlungen“ verurteilt worden waren.<ref>Albrecht Lehmann: ''Gefangenschaft und Heimkehr. Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion''. C.H. Beck, München 1986, S. 28–37, Zitat S. 29.</ref> Die letzten von ihnen, rund 10.000 Mann, wurden auf Verhandlungen [[Bundeskanzler (Deutschland)|Bundeskanzler]] [[Konrad Adenauer|Adenauers]] zur [[Heimkehr der Zehntausend|Jahreswende 1955/56]] entlassen.<br />
<br />
== Ergebnisse ==<br />
=== Juristische Aufarbeitung ===<br />
[[Datei:Bundesarchiv Bild 183-H27798, Nürnberger Prozess, Verhandlungssaal.jpg|mini|Nürnberger Prozess, 30.&nbsp;September 1946]]<br />
<br />
Der Krieg gegen die Sowjetunion wurde im [[Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher]] als deutscher [[Angriffskrieg]] gewertet und hochrangige Vertreter der deutschen Regierung, des Militärs und der NSDAP angeklagt und wegen ihrer Beteiligung an der Planung, Vorbereitung, Entfesselung und Durchführung zum Tode verurteilt.<ref>[http://www.zeno.org/Geschichte/M/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F/Materialien+und+Dokumente/Urteil/Der+gemeinsame+Plan+zur+Verschw%C3%B6rung+und+der+Angriffskrieg/Der+Angriffskrieg+gegen+die+Union+der+Sozialistischen+Sowjet-Republiken ''Urteil – Der Angriffskrieg gegen die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken.''], Nürnberger Prozess, zeno.org, abgerufen am 15. November 2015.</ref><ref>Gerhard Werle, Florian Jesberger: ''Völkerstrafrecht.'' Mohr Siebeck 2007, ISBN 978-3-16-149372-0, S. 533.</ref><br />
<br />
Außerdem kam es zu Kriegsverbrecherprozessen vor sowjetischen Militärgerichten, beispielsweise in [[Kriegsverbrecherprozess von Krasnodar|Krasnodar]], [[Minsker Prozess|Minsk]] und [[Kriegsverbrecherprozess von Riga|Riga]].<ref>Andreas Hilger: [https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_3_5_hilger.pdf ''Sowjetische Justiz und Kriegsverbrechen: Dokumente zu den Verurteilungen deutscher Kriegsgefangener, 1941–1949.''] [[Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte]] 2006, S. 461–515.</ref><br />
<br />
=== Tote und Verletzte ===<br />
Die Sowjetunion hat die meisten [[Kriegstote des Zweiten Weltkrieges|Toten des Zweiten Weltkrieges]] zu beklagen. Die staatlich festgelegte Opferzahl von 20 Millionen wurde ab 1985 zur historischen Überprüfung freigegeben. Seither schwanken seriöse Schätzungen zwischen 25<ref>[[Richard Overy]]: ''Russlands Krieg. 1941–1945.'' 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2003, ISBN 3-498-05032-X, S. 435&nbsp;ff.; {{Der Spiegel |ID=66567974 |Autor=[[Klaus Wiegrefe]] |Titel=Sprung ins Dunkle |Jahr=2009 |Nr=35 |Seiten=69}}</ref> und 40 Millionen sowjetischen Todesopfern.<ref>[[Boris Wadimowitsch Sokolow]], nach Milton Leitenberg: {{Webarchiv |url=http://www.cissm.umd.edu/papers/files/deathswarsconflictsjune52006.pdf |text=''Death in Wars and Conflicts in the 20th Century.'' |wayback=20150106211808}} (PDF)</ref> Eine staatliche mehrjährige Überprüfung ergab bis 2009 37 Millionen sowjetische Kriegsopfer.<ref>[https://web.archive.org/web/20090511150903/http://de.rian.ru/russia/20090507/121492894.html Rianovosti, 7.&nbsp;Mai 2009: ''UdSSR hat im Zweiten Weltkrieg rund 37 Millionen Menschen verloren'']</ref><br />
<br />
Christian Hartmann gab 2011 eine Gesamtopferzahl dieses Krieges in der Sowjetunion von 26,6 Millionen Menschen an: darunter 11,4 Millionen sowjetische Soldaten, von denen 8,4 Millionen durch Kampfhandlungen und drei Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft starben. Neben den 1,1 Millionen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen deutschen Soldaten, fielen an der Ostfront 2,7 Millionen Wehrmachtsoldaten, also knapp über die Hälfte der insgesamt 5,3 Millionen im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen deutschen Soldaten. Die Mehrheit der Opfer – 15,2 Millionen Menschen – waren demnach sowjetische Zivilisten.<ref>Christian Hartmann: ''Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945.'' C.H. Beck, München 2011, S.&nbsp;115&nbsp;f.; speziell zu den angegebenen Opferzahlen der Wehrmacht siehe auch Rüdiger Overmans: ''Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg.'' 3. Auflage. Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-20028-3, S. 255 (5,3 Mio. Gesamtverluste), S. 277 (2,7 Mio. Verluste an der Ostfront), S. 288 (1,1 Mio. in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorbene deutsche Soldaten) (Zugl.: Diss., Univ. Freiburg/Br. 1996).</ref><br />
<br />
=== Kriegsgräber ===<br />
{| class="wikitable" style="float:right"<br />
|+ Deutsche Kriegsgräberstätten im Gebiet der ehem. UdSSR<ref>[https://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaetten.html Übersicht der Kriegsgräberstätten des VdK]</ref><br />
|- class="hintergrundfarbe6"<br />
! Land!! | Zahl<br />
|-<br />
| [[Armenien]] || 14<br />
|-<br />
| [[Aserbaidschan]] || 9<br />
|-<br />
| [[Belarus]]|| 43<br />
|-<br />
| [[Estland]] || 15<br />
|-<br />
| [[Georgien]] || 2<br />
|-<br />
| [[Kasachstan]] || 3<br />
|-<br />
| [[Kirgistan]] || 2<br />
|-<br />
| [[Lettland]] || 60<br />
|-<br />
| [[Litauen]] || 41<br />
|-<br />
| [[Moldawien]] || 1<br />
|-<br />
| [[Russland]] || 87<br />
|-<br />
| [[Ukraine]] || 17<br />
|-<br />
| [[Usbekistan]] || 5<br />
|}<br />
[[Datei:Soldatenfriedhof VdK.jpg|mini|Deutsche Soldaten beim Anlegen eines Friedhofs]]<br />
<br />
Während des Zweiten Weltkrieges legte die Wehrmacht in der Sowjetunion zahlreiche Soldatenfriedhöfe für ihre [[Gefallener|Gefallenen]] an. Zuständig für diese sogenannten Heldenfriedhöfe waren Wehrmachtgräberoffiziere. Ihre Lage und Belegung ist in der Regel gut dokumentiert. Dagegen wurden die vielen wegen des Kampfverlaufes an Ort und Stelle zurückgelassenen Toten von sowjetischen Soldaten oder der Bevölkerung begraben. Über ihre Schicksale gibt es kaum Aufzeichnungen; sie gelten heute vielfach als vermisst. In einzelnen Gebieten kann man sogar bis heute unbestattete, deutsche wie sowjetische Tote finden. Für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind 118.000 Grablagen – vom Einzelgrab bis zu großen Friedhofsanlagen mit mehreren Tausend Toten – bekannt. Häufig können diese Toten noch heute hauptsächlich anhand ihrer [[Erkennungsmarke]]n identifiziert und Angehörige informiert werden.<ref>[https://web.archive.org/web/20120112234714/https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/glauben/-/id=6946304/property=download/nid=659102/1t6xmod/swr2-glauben-20101101.pdf ''Reiseausrüstung für das Jenseits.''] (PDF; 180&nbsp;kB) auf: ''SWR 2.''</ref> Im [[Lazarett]] ihren Verwundungen erlegenen Soldaten wurde oft eine Grabflasche am Fußende beigegeben. Diese enthält Informationen zum Verstorbenen.<br />
<br />
Für die deutsche Seite waren die Grablagen während des Kalten Krieges weitestgehend unzugänglich. Sowjetische Behörden teilten sogar mit, dass es keine Gräber aus den Kämpfen mehr gebe. Anders als in den westlichen Ländern konnte der [[Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge]] e.&nbsp;V. hier nicht arbeiten. Erst nach dem [[Zerfall der Sowjetunion]] konnten mit den Nachfolgestaaten Kriegsgräberabkommen geschlossen werden.<ref>[https://www.spiegel.de/geschichte/90-jahre-volksbund-a-948677.html ''Eine Bürgerinitiative für die Toten.''] auf: ''Spiegel online – einestages.''</ref> Der Volksbund ist nach diesen Abkommen mit der Wahrnehmung der praktischen Aufgaben beauftragt. Aus organisatorischen Gründen bettet die Organisation die Toten auf neue große Kriegsgräberstätten in den ehemaligen Kampfgebieten um. Es bleiben jedoch auch einige Friedhofsanlagen erhalten, vor allem Friedhöfe für verstorbene Kriegsgefangene. Über 40.000 gefallene deutsche Soldaten werden noch immer jedes Jahr vom Umbettungsdienst des Volksbundes aus den ursprünglichen Grablagen geborgen, identifiziert und endgültig bestattet. Für die Lokalisierung der Gräber wurden Unterlagen der ''Wehrmachtauskunftstelle'' (heute der [[Deutsche Dienststelle (WASt)|Deutschen Dienststelle]], Berlin) und Aussagen von Einheimischen verwendet. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gibt es heute nahezu 300 Kriegsgräberstätten mit teilweise mehreren Zehntausend Gräbern.<br />
<br />
Der Volksbund hat eine frei zugängliche Onlinedatenbank mit 5.416.105 Datensätzen (Stand 27. Januar 2024) angelegt (die sich auf alle deutschstämmigen Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges bezieht).<ref>[https://www.volksbund.de/erinnern-gedenken/graebersuche-online Volksbund Gräbersuche online]</ref><ref>{{Webarchiv |url=http://www.dradio.de/kulturnachrichten/201012201600/2 |text=Deutschlandradio |wayback=20120112201157}}</ref><br />
[[Datei:Rossoschka 05.JPG|mini|Friedhof Rossoschka]]<br />
<br />
=== Politische Folgen für Europa ===<br />
Mit der [[Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht|Bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht]] endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Als Hauptergebnis besetzten die vier Siegermächte Deutschland und Österreich militärisch, trennten beide voneinander und teilten sie jeweils in vier [[Besatzungszone]]n auf. Sie übernahmen die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Berlin blieb unter eigenem [[Viermächte-Status]] als Sitz des [[Alliierter Kontrollrat|Alliierten Kontrollrats]] deutsche Hauptstadt. Es wurde ebenso wie Österreichs Hauptstadt [[Wien]] in [[Viersektorenstadt|vier Sektoren]] aufgeteilt. Im Februar 1947 löste ein Gesetz des Alliierten Kontrollrats den Staat [[Preußen]] auf.<br />
<br />
Auf der [[Potsdamer Konferenz]] vom Juli bis August 1945 wurden der Sowjetunion umfangreiche [[Reparationen]] auch aus den deutschen [[Westzone]]n vertraglich zugesichert. Polen wurde [[Westverschiebung Polens|„nach Westen verschoben“]]. Die sowjetische Westgrenze stimmte damit beinahe mit der von 1941 überein. Im Gegenzug kamen bis zu einer friedensvertraglichen Regelung die [[Ostgebiete des Deutschen Reiches]] ohne das nun sowjetische [[Oblast Kaliningrad|nördliche Ostpreußen]] unter polnische [[Verwaltungshoheit]]. Außerdem wurde von den Siegermächten die bereits stattfindende [[Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950|Flucht und Vertreibung der Deutschen]] aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn „anerkannt“.<br />
<br />
Finnland bewahrte im [[Waffenstillstand von Moskau]] seine Unabhängigkeit, musste aber das [[Petsamo]]-Gebiet an die Sowjetunion abtreten. Die bereits 1940 annektierten baltischen Staaten [[Estland]], [[Lettland]] und [[Litauen]] blieben Teil der UdSSR. Im von der Sowjetunion besetzten Osteuropa stellte die [[Pariser Friedenskonferenz 1946]] die Staaten in ihren Vorkriegsgrenzen, abgesehen von Korrekturen zulasten der Kriegsverlierer, wieder her. Mit Ausnahme [[Jugoslawien]]s entwickelten sich Rumänien, Bulgarien, die Tschechoslowakei, Polen und Ungarn sowie die SBZ/DDR zu [[Satellitenstaat]]en der Sowjetunion und bildeten mit ihr als Mitglieder des 1955 gegründeten [[Warschauer Pakt]]es den [[Ostblock]].<br />
<br />
In Deutschland und Österreich wurde ab 1945 die in Potsdam beschlossene [[Entnazifizierung]] einiger Gesellschaftsbereiche begonnen. In den [[Nürnberger Prozesse]]n mussten sich Spitzenpolitiker, Militärs und andere Vertreter des NS-Regimes für das Planen und Führen eines Angriffskrieges und für [[Verbrechen gegen die Menschlichkeit]] verantworten. Einige von ihnen wurden zum Tod verurteilt. Diese Prozesse gelten als Grundlage für das moderne [[Völkerstrafrecht]]. Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion mussten beim Aufbau des verwüsteten Landes mithelfen. Die letzten von ihnen wurden 1955 entlassen.<br />
<br />
Die Spaltung Europas und Deutschlands in Einflussbereiche der beiden feindlichen [[Supermacht|Supermächte]] USA und Sowjetunion im [[Kalter Krieg|Kalten Krieg]] verzögerte eine politische Annäherung der ehemaligen Kriegsgegner. Diese begann mit der deutschen [[Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland bis 1990|Ostpolitik ab 1970]]; alliierte Vorbehaltsrechte in Deutschland erloschen erst 1990 mit der [[Deutsche Wiedervereinigung|deutschen Wiedervereinigung]].<ref>Gabriele Brenke, Karl Kaiser, Hanns W. Maull (Hrsg.): ''Deutschlands neue Außenpolitik.'' Band 1. ''Grundlagen.'' 3. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1997, ISBN 3-486-56321-1, S. 129.</ref><br />
<br />
== Gedenktag 22. Juni in Russland, Belarus und der Ukraine ==<br />
In [[Russland]], [[Belarus]] und der [[Ukraine]] wird alljährlich am 22. Juni mit dem [[Tag der Erinnerung und der Trauer]] (Russland) bzw. dem „Tag des allgemeinen Gedenkens an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges“ (Belarus) bzw. dem „Tag der Trauer und des Gedenkens an die Kriegstoten“ (Ukraine) der nach heute vorherrschender Schätzung ca. 27 Millionen sowjetischen Opfer des Krieges gedacht.<ref>Dr. Jekaterina Machotina [https://www.dekoder.org/de/gnose/erinnerungskultur-grosser-vaterlaendischer-krieg-sowjetunion ''Der Große Vaterländische Krieg in der Erinnerungskultur'']. In: ''Dekoder'', 22. Juni 2017. Abgerufen am 27. Juni 2017.</ref><br />
<br />
Kein Land hat während des Zweiten Weltkriegs mehr Soldaten und Zivilisten verloren als die Sowjetunion.<ref>{{Webarchiv |url=http://www.museum-karlshorst.de/de/sonderausstellungen/wanderausstellungen.html |text=''Juni 1941 – Der tiefe Schnitt'' |wayback=20170914125814}}. In: ''Deutsch-Russisches Museum berlin-Karlshorst''. Abgerufen am 28. Juni 2017.</ref> Der Tag erinnert an den 22. Juni 1941, den ersten Tag des Überfalls der Wehrmacht und ihrer verbündeten Truppen. Jeweils am 22. Juni werden an den Kriegerdenkmälern und auf den Ehrenfriedhöfen Gedenkzeremonien abgehalten, die Nationalflagge wird gesenkt und der Staatliche Rundfunk überträgt keine Unterhaltungssendungen.<br />
<br />
Das immer lebendige Erinnern und Gedenken in Russland veränderte sich seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Sowjetunion. In der Aufarbeitung der Vergangenheit blieb zwar der Stolz auf den „Sieg im gerechten Volkskrieg zur Verteidigung des ‚sozialistischen‘ Vaterlands“ erhalten, doch es entwickelten sich Kontroversen um den Hitler-Stalin-Pakt und die Ursachen der großen Misserfolge im ersten Kriegsjahr. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückten bisher tabuisierte Themen wie das [[Massaker von Katyn]], die Kollaboration, das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland und im eigenen Land sowie der deutschen Kriegsgefangenen und die Gewalttätigkeiten gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Hohe Verehrung wird Kriegshelden und Feldherren wie Schukow zuteil, wobei auch Stalins führende Rolle trotz seiner Verbrechen vielfach anerkannt wird.<ref>Siehe hierzu [[Horst Schützler]]: ''Der Große Vaterländische Krieg. Neue Sichten und Einsichten in Russland und seiner Geschichtsschreibung''. Pankower Vorträge, Heft 143, 2010 [https://www.helle-panke.de/de/topic/194.buecher-zum-marx-jahr.html?productId=62746 Zusammenfassung].</ref><br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Chronologie des Zweiten Weltkrieges]]<br />
* [[Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges]]<br />
* [[Liste von Kriegsfilmen#Zweiter Weltkrieg (1939–1945)|Liste der Filme zum Zweiten Weltkrieg]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
=== Dokumente ===<br />
* [[Walther Hubatsch]] (Hrsg.): ''Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939–1945. Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht.'' 2. Auflage. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-7637-5247-1.<br />
* Alexander Hill: ''The Great Patriotic War of the Soviet Union, 1941–1945. A documentary reader.'' Routledge, London/New York 2008, ISBN 978-0-7146-5712-7.<br />
<br />
=== Gesamtdarstellungen ===<br />
* [[Philipp W. Fabry]]: ''Die Sowjetunion und das Dritte Reich – Eine dokumentierte Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis 1941''. Seewald, Stuttgart 1971.<br />
* [[Wigbert Benz]]: ''Der Rußlandfeldzug des Dritten Reiches. Ursachen, Ziele, Wirkungen. Zur Bewältigung eines Völkermords unter Berücksichtigung des Geschichtsunterrichts.'' 2. Auflage. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-89228-199-8.<br />
* {{BibISBN|3-421-06098-3}}<br />
* [[Wolfgang Fleischer (Historiker)|Wolfgang Fleischer]]: ''Unternehmen Barbarossa 1941.'' Podzun-Pallas, Wölfersheim-Berstadt 1998, ISBN 3-7909-0654-9.<br />
* [[Jörg Friedrich]]: ''Das Gesetz des Krieges. Das deutsche Heer in Rußland 1941–1945. Der Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht.'' Piper, München 1995, ISBN 3-492-22116-5.<br />
* [[Karl-Heinz Frieser]] (Hrsg.): ''Die Ostfront 1943/1944. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten.'' Deutsche Verlagsanstalt, München 2007, ISBN 978-3-421-06235-2. (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg Band 8). ([http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=10090 Rezension von Christoph Dieckmann 2010])<br />
* [[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]]: ''Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42.'' 2. Auflage. Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-70225-5. ([http://www.sehepunkte.de/2010/07/17107.html Rezension in sehepunkte.de])<br />
* Christian Hartmann: ''Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941–1945.'' C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61226-8.<br />
* [[Jochen Hellbeck]]: ''Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision.'' Aus dem Englischen von Karin Hielscher. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025, ISBN 978-3-10-397050-0 (Die englischsprachige Ausgabe erschien im Frühjahr 2025 unter dem Titel ''World Enemy # 1: Nazi Germany, Soviet Russia, and the Fate of the Jews'' bei Penguin Press, einem Imprint von Penguin Random House LtD., New York City, USA.)<br />
* [[Dirk W. Oetting]]: ''Kein Krieg wie im Westen. Wehrmacht und Sowjetarmee im Russlandkrieg 1941–1945.'' Osning Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-9806268-8-0.<br />
* [[Richard Overy]]: ''Russia’s War. Blood upon the Snow.'' 1997, ISBN 1-57500-051-2 (engl. Original); deutsch: ''Russlands Krieg. 1941–1945.'' Übersetzung: Hainer Kober. Rowohlt, Reinbek, 2003 – 2. Auflage, ISBN 3-498-05032-X. (Rezensionen: W. Wette: [http://www.zeit.de/2003/42/P-Overy?page=all ''Eine welthistorische Tat.''] In: ''Die Zeit.'' 9. Oktober 2003; [[Hermann Graml]]: [http://www.sehepunkte.de/2004/03/5490.html Rezension] in: ''[[sehepunkte]]'' 4 (2004), Nr. 3)<br />
* Gerd R. Ueberschär, [[Wolfram Wette]] (Hrsg.): ''Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941.'' Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-24437-4.<br />
* Johannes Spohr: Die Ukraine 1943/44. Loyalitäten und Gewalt im Kontext der Kriegswende. Metropol, Berlin 2021, ISBN 978-3-86331-600-6.<br />
<br />
=== Deutsche Planung und Kriegführung ===<br />
* [[Christian Hartmann (Historiker)|Christian Hartmann]], [[Johannes Hürter]], [[Peter Lieb]], [[Dieter Pohl (Historiker)|Dieter Pohl]]: ''Der deutsche Krieg im Osten 1941–1944. Facetten einer Grenzüberschreitung'' (=&nbsp;''Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte'', Band 76). R. Oldenbourg Verlag, München 2009, ISBN 978-3-486-59138-5.<br />
* [[Gerhart Hass]]: ''Der deutsch-sowjetische Krieg 1941–1945. Zu einigen Legenden über seine Vorgeschichte und den Verlauf der ersten Kriegswochen.'' In: ''Zeitschrift für Geschichtswissenschaft'' 39 (1991) 7, S. 647–662.<br />
* [[Andreas Hillgruber]]: ''Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940–1941.'' 3. Auflage. Bernard & Graefe, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-7637-5923-9.<br />
* [[Alex J. Kay]]: ''Exploitation, Resettlement, Mass Murder. Political and Economic Planning for German Occupation Policy in the Soviet Union, 1940–1941.'' Berghahn Books, New York/Oxford 2006, ISBN 1-84545-186-4 (=&nbsp;Studies on War and Genocide 10).<br />
* Alex J. Kay, Jeff Rutherford, David Stahel (Hrsg.): ''Nazi Policy on the Eastern Front, 1941: Total War, Genocide, and Radicalization''. Mit einem Vorwort von Christian Streit. University of Rochester Press, Rochester, NY 2012, ISBN 978-1-58046-407-9 (=&nbsp;Rochester Studies in East and Central Europe).<br />
* Rolf Keller: ''Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich 1941/42. Behandlung und Arbeitseinsatz zwischen Vernichtungspolitik und kriegswirtschaftlichen Erfordernissen.'' Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0989-0. (Rezensionen: [http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-089 H-Soz-u-Kult], 9.&nbsp;Februar 2012; [http://www.kulturthemen.de/archives/1796 www.kulturthemen.de], 9.&nbsp;Februar 2012).<br />
* [[Regina Mühlhäuser]]: ''Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945.'' [[Hamburger Edition]], Hamburg 2010, ISBN 978-3-86854-220-2.<br />
* Timm C. Richter: ''Die Wehrmacht und der Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten der Sowjetunion.'' In: R.-D. Müller, H. E. Volkmann (Hrsg. im Auftrag des MGFA): ''Die Wehrmacht: Mythos und Realität.'' Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56383-1, S. 836–857.<br />
* Christian Stein: ''Armee des Rückzugs. Die Wehrmacht an der Ostfront 1941–1945''. Wallstein, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8353-5921-5.<br />
* [[Bernd Wegner (Historiker)|Bernd Wegner]] (Hrsg.): ''Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum „Unternehmen Barbarossa“.'' Piper, München/Zürich 1991 (im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes).<br />
* Gerald Wolf: ''[https://www.tagblatt-wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/geschichte/825658_Nur-ein-Sandkastenspiel.html „Nur ein Sandkastenspiel“].'' In: Wiener Zeitung vom 18./19. Juni 2016, S. 35.<br />
<br />
=== Sowjetische Kriegführung ===<br />
* [[David M. Glantz]]: ''Colossus Reborn: The Red Army at War, 1941–1943.'' University Press of Kansas, Kansas 2005, ISBN 0-7006-1353-6.<br />
* Kozhevnikov,M.N.: Komandovanie i shtab VVS Sovetskoĭ Armii v Velikoĭ Otechestvennoĭ voĭne 1941–1945 gg. ; The command and staff of the Soviet Army Air Force in the Great Patriotic War 1941–1945: a Soviet view, Washington 1977. (sowjet. Standardwerk über den Luftkrieg).<br />
* [[Walter Schwabedissen]]: ''The Russian Air Force in the eyes of German commanders''. New York 1968.<br />
* [[Richard Overy]]: ''Russlands Krieg: 1941–1945.'' Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 3-498-05032-X.<br />
<br />
== Bibliografien/Forschungsüberblick ==<br />
* [http://www.ib.hu-berlin.de/~pbruhn/russgus.htm Datenbank RussGUS] (Suchen bei Formularsuche / Sachnotationen: 12.3.4.5.3*).<br />
* [[Rolf-Dieter Müller]], [[Gerd R. Ueberschär]]: ''Hitlers Krieg im Osten 1941–1945: Ein Forschungsbericht.'' Erweiterte und vollständig überarbeitete Neuausgabe. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-14768-5. ([http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=3738 H-Soz-u-Kult-Rezension von Wigbert Benz])<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Eastern Front (World War II)|Ostfront im Zweiten Weltkrieg|audio=1|video=1}}<br />
* [http://www.net-film.ru/en/topic-world-war-ii-page-1/ Dokumentarfilme]<br />
* [https://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/sowjetunion/ Überfall auf die Sowjetunion (DHM)]<br />
* [https://wwii.germandocsinrussia.org/de/indexes/types/11 Russisch-deutsches Projekt zur Digitalisierung deutscher Dokumente in den Archiven der Russischen Föderation]<br />
* [http://www.historisches-centrum.de/barbarossa/ Wigbert Benz: ''Unternehmen Barbarossa'' (2005)]<br />
* {{Webarchiv |url=http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/zweiter-weltkrieg/ueberfall-auf-die-sowjetunion/173.html |text=Unternehmen Barbarossa |archive-is=20130211184748}}<br />
* [https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0093_kgs&l=de Erlaß über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet „Barbarossa“ und über besondere Maßnahmen der Truppe (Kriegsgerichtsbarkeitserlaß), 13.&nbsp;Mai 1941], in: [[1000dokumente.de]]. Mit einer Einführung von [[Felix Römer (Historiker)|Felix Römer]]<br />
* [http://mr-home.staff.shef.ac.uk/rzhev/rzhev2.html David M. Glantz: ''The Failures of Historiography: Forgotten Battles of the German-Soviet War (1941–1945).''] <!-- Ursprünglich unter http://fmso.leavenworth.army.mil/documents/failures.htm veröffentlicht, das Dokument ist über den Link aber nicht mehr öffentlich zugänglich. (Stand: 9. Oktober 2009) --><br />
* [http://www.russki-mat.net/tdf/tdf.htm Taschendolmetscher für Frontsoldaten], Deutsch-Russisch, 1943<br />
* [https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Eine-Deutsche-Prawda-Die-Wahrheit-Aus-Der-Hand-Der-Wehrmacht/eine-deutsche-prawda-die-wahrheit-aus-der-hand-der-wehrmacht.html Bundesarchiv: ''Eine deutsche „Prawda“ – die „Wahrheit“ aus der Hand der Wehrmacht'']<br />
* [https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0009_bar&l=de Weisung Nr. 21 „Fall Barbarossa“, 18.&nbsp;Dezember 1940], in: [[1000dokumente.de]]. Mit einer Einführung von [[Johannes Hürter]]<br />
* [https://www.theatlantic.com/infocus/2011/07/world-war-ii-operation-barbarossa/100112/ Unternehmen Barbarossa (theatlantic.com)]<br />
* Jürgen Danyel, Lars Karl und Jan-Holger Kirsch: [https://www.zeitgeschichte-online.de/thema/die-russische-erinnerung-den-grossen-vaterlaendischen-krieg ''Die russische Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“. Beiträge, Dokumente und Materialien''] (Zeitgeschichte-online vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Stand Mai 2005<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references responsive /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4076906-9}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Deutschsowjetischer Krieg}}<br />
[[Kategorie:Deutsch-Sowjetischer Krieg| ]]<br />
[[Kategorie:Deutsche Militärgeschichte (Zweiter Weltkrieg)]]<br />
[[Kategorie:Sowjetische Militärgeschichte]]<br />
[[Kategorie:Krieg (20. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:Krieg (Europa)]]<br />
[[Kategorie:Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich (1933–1945) und der Sowjetunion]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1941]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1942]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1943]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1944]]<br />
[[Kategorie:Konflikt 1945]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ridda-Kriege&diff=264555093Ridda-Kriege2026-02-22T12:46:47Z<p>Procopius: /* Verlauf der Kriege */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Mohammad adil-Riddah wars.PNG|mini|Schauplätze der ''Ridda''kriege]]<br />
Als '''Ridda-Kriege''' ({{arS|حروب الردة|d=ḥurūb ar-ridda}}) werden die Feldzüge bezeichnet, die [[Abū Bakr]], der erste [[Kalif]], zur Unterwerfung der [[Araber|arabischen]] Stämme führte, die sich nach dem Tod [[Mohammed]]s im Jahre 632 vom [[Islam]] abgewandt hatten. ''Ridda'' („[[Apostasie im Islam|Apostasie]]“, „Abfall“) ist hierbei die Bezeichnung für die breite Absetzbewegung, die nach Mohammeds Tod unter den arabischen Stämmen eingesetzt hatte. Erst der Sieg der Muslime in den Ridda-Kriegen und die endgültige Unterwerfung der an der Ridda-Bewegung beteiligten Stämme schuf die Voraussetzung für die [[Islamische Expansion|Expansion des islamischen Staates]] über die [[Arabische Halbinsel]] hinaus.<br />
<br />
== Die Ridda-Bewegung ==<br />
In vielen Fällen äußerte sich die Ridda darin, dass Stämme die Zahlung der Almosensteuer [[Zakāt]] verweigerten. Sie beriefen sich darauf, dass ihre Treuepflicht alleine Mohammed, nicht aber seinem Nachfolger Abū Bakr gelte, was nach den Stammesgesetzen üblich war. In anderen Fällen hatte die Ridda mit lokalen Machtkämpfen zu tun: Gruppen, die mit dem Staat von [[Medina]] zusammengearbeitet hatten, wurden nach dem Tode Mohammeds und dem kurzzeitigen Machtverlust der [[Quraisch]] von anderen Gruppen, die schon immer der Einmischung von außen kritisch gegenüber gestanden hatten, verdrängt.<ref>Vgl. Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' 1973, S. 95.</ref> Im [[Jemen]] hatte diese Absetzbewegung schon vor dem Tode Mohammeds eingesetzt. Hier hatten im März 632 Männer aus dem Stamm Madhhidsch unter der Führung eines gewissen ʿAbhala, der auch ''al-Aswad'' („der Schwarze“) genannt wurde, die von Mohammed entsandten Vertreter, darunter auch [[Chālid ibn Saʿīd]], vertrieben, den mit Medina kooperierenden persischen Herrscher Schahr ermordet, und weite Gebiete des Landes unter ihre Herrschaft gebracht.<ref>Vgl. W. Montgomery Watt: „Al-Aswad“ in [[The Encyclopaedia of Islam. New Edition]] Bd. I, S. 728a.</ref><br />
<br />
Teilweise hatte die Ridda-Bewegung auch eine religiöse Dimension, denn viele der Anführer der Bewegung traten als Propheten oder Priester auf. Al-Aswad al-ʿAnsī, der Stammesführer, der sich im Jemen etablierte, aber noch vor Mohammeds Tod beseitigt wurde, predigte wie dieser im Namen [[Allāh]]s und praktizierte Formen von Zauberei. Bei dem Stamm der Banū Hanīfa, der in der ostarabischen Yamāma lebte, tat sich der Prophet [[Musailima]] hervor, der ebenfalls in seinen Lehren monotheistische Anklänge zeigte, indem er im Namen [[Rahmanismus|Rahmāns]] predigte. Im zentralarabischen [[Nadschd]]-Gebiet traten sogar zwei Propheten auf, im Norden bei den Asad-Beduinen [[Tulayha|Tulaiha]] und im Süden bei den Tamīm die Prophetin Sadschāh.<ref>Vgl. Lecker: „al-Ridda“. S. 692a.</ref><br />
<br />
== Verlauf der Kriege ==<br />
Als nach dem Herrschaftsantritt Abū Bakrs Delegationen verschiedener arabischer Stämme in Medina eintrafen, die die Zakāt verweigerten, da sie diese nur dem Propheten schuldig gewesen seien, erklärte Abū Bakr, dass die Zahlung der Steuer ein fundamentales religiöses Gebot sei, die Weigerung also ein [[Apostasie im Islam|Abfall vom Glauben]]. Im September 632 zog er mit einer kleinen Armee aus [[Muhādschirūn]] und [[Ansār]] zu dem Ort Dhū l-Qassa und sandte Boten zu einigen loyalen Stämmen, um sie um Unterstützung zu bitten. [[Al-Wāqidī]] berichtet, dass Abū Bakr, während er mit seinen Leuten in Dhū l-Qassa lagerte, von Chāridscha ibn Hisn al-Fazārī überfallen wurde. Die Muslime, die der Überfall völlig überraschend traf, zerstreuten sich und brauchten lange, bis sie sich wieder sammeln konnten. Nachdem sie Chāridscha in die Flucht geschlagen hatten, trafen Abteilungen von den Stämmen Aslam, Ghifār, [[Muzaina]], [[Aschdschaʿ]], [[Qudāʿa#Die Dschuhaina|Dschuhaina]] und Kaʿb in Dhū l-Qassa ein.<ref>Vgl. Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' 1973, S. 112–115</ref><br />
<br />
Nach dem Bericht von [[Saif ibn ʿUmar]] sandte Abū Bakr in Dhū l-Qassa elf Armeen, die die abtrünnigen arabischen Stämme unterwerfen sollten. Die wichtigste dieser Armeen war diejenige von [[Chālid ibn al-Walīd]], der mit seinen Truppen zunächst gegen Tulaiha und dann gegen den abtrünnigen Stammesfürsten und Dichter Mālik ibn Nuwaira kämpfen sollte. Er siegte etwa einen Monat später gegen die Truppen von Tulaiha, richtete im Spätherbst 632 Mālik ibn Nuwaira hin und fügte im Frühjahr 633 in der Ebene ʿAqrabāʾ in der Yamāma den Truppen der Banū Hanīfa unter der Führung von [[Musailima]] eine vernichtende Niederlage bei.<ref>Vgl. Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' 1973, S. 117–131.</ref><br />
<br />
Eine andere Kampffront befand sich in dem [[Bahrain]] genannten Teil Ostarabiens. Hier kämpfte der von den Muslimen eingesetzte Gouverneur al-ʿAlāʾ ibn al-Hadramī zusammen mit Angehörigen der Tamīm gegen eine Koalition verschiedener Stämme, die unter der Führung eines gewissen Hutam standen und die Orte Qatīf und Hadschar unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Die Aufständischen wurden auf dem Festland besiegt und flohen auf die Insel Dārīn im Persischen Golf, die aber wenig später ebenfalls von den Muslimen eingenommen wurde.<ref>Vgl. Lecker 694a.</ref><br />
<br />
Bei den [[Azd (Stamm)|Azd]] in [[Oman]] waren nach dem Tode Mohammeds die zwei Brüder aus der Dschulandā-Familie, Dschaifar und ʿAbd, die ein Bündnis mit Medina geschlossen hatten, durch ihren früheren Rivalen Laqīt ibn Mālik al-ʿĀtiqī verdrängt worden. Es waren hier die beiden mekkanischen Feldherren Hudhaifa ibn Mihsan und [[ʿIkrima ibn Abī Dschahl|ʿIkrima]], der Sohn von [[Abū Dschahl]], die der medinafreundlichen Partei zu Hilfe kamen und die beiden Brüder aus der Dschulandā-Familie erneut in ihre Rechte einsetzten. Während Hudhaifa als Vertreter Medinas in Oman verblieb, zog ʿIkrima nach [[Mahra]] und Jemen weiter, um dort gegen Aufständische zu kämpfen.<ref>Vgl. Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' 1973, S. 134–136.</ref><br />
<br />
In den Jemen entsandte Abū Bakr den Mekkaner [[al-Muhādschir ibn Abī Umaiya]], um die dortige Absetzbewegung zu zerschlagen, die schon zu Lebzeiten des Propheten begonnen hatte. Er zog über Mekka und [[Taif]] durch das Territorium der Badschīla nach [[Nadschran]] und rekrutierte in den Gebieten, die er durchquerte, weitere Kämpfer.<ref>Vgl. Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' 1973, S. 138.</ref> Zusammen mit ihnen und den von [[Gouvernement al-Mahra|Mahra]] herübergekommen Truppen ʿIkrimas gelang es ihm, Qais ibn al-Makschuh, der sich nach dem Tod von al-Aswad in [[Sanaa]] eingerichtet hatte, zu besiegen.<ref>Vgl. Lecker 693b.</ref> Außerdem ging al-Muhādschir gegen den aufständischen Stamm der [[Kinda (Arabien)|Kinda]] vor. Von Sanaa aus zog er im Jahre 633 ostwärts in Richtung [[Hadramaut]] und half dem dortigen muslimischen Gouverneur Ziyād ibn Labīb bei der Niederschlagung eines kinditischen Aufstands, der von [[al-Aschʿath ibn Qais]] angeführt wurde. Mit der Einnahme seiner Festung an-Nudschair endete die arabische Absetzbewegung im Jemen.<ref>Vgl. G. R. Smith: Art. „an-Nu<u>dj</u>air“ in [[The Encyclopaedia of Islam. New Edition]] Bd. VIII, S. 97.</ref><br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Schlacht von Dhu Qissa]], Juli 632<br />
<br />
== Literatur ==<br />
;Arabische Quellen:<br />
* [[al-Wāqidī]]: ''Kitāb ar-Ridda, Riwāyat Aḥmad ibn Muḥammad Ibn Aʿṯam al-Kūfī''. Ed. Yaḥyā al-Ǧubūrī. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut, 1990. [https://archive.org/details/Ketab_Reddah Digitalisat]<br />
<br />
;Sekundärliteratur<br />
* Fred McGraw Donner: ''The Early Islamic Conquests.'' Princeton University Press, 1981. S. 82–91. ([https://books.google.de/books?id=l5__AwAAQBAJ&pg=PA82printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false Voransicht auf Google Books])<br />
* [[Wilhelm Hoenerbach]]: ''Waṯīma’s Kitāb ar-Ridda aus Ibn Ḥaǧar’s Iṣāba. Ein Beitrag zur Geschichte des Abfalls der Araberstämme nach Muhammads Tod.'' Mainz 1951.<br />
* Michael Lecker: „al-Ridda“ in [[The Encyclopaedia of Islam. New Edition]] Bd. XII, S. 692b-695a.<br />
* Elias Shoufany: ''Al-Riddah and the Muslim Conquest of Arabia.'' Toronto: University of Toronto Press 1973.<br />
<br />
== Belege ==<br />
<references/><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4773371-8|REMARK=Ansetzungsform GND: „Ridda“.}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Riddakriege}}<br />
[[Kategorie:Islamische Expansion]]<br />
[[Kategorie:Arabische Geschichte]]<br />
[[Kategorie:Krieg (Mittelalter)]]<br />
[[Kategorie:Konflikt (7. Jahrhundert)]]<br />
[[Kategorie:630er]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=%CA%BFUmar_ibn_al-Chatt%C4%81b&diff=264554968ʿUmar ibn al-Chattāb2026-02-22T12:41:27Z<p>Procopius: /* Rolle vor und nach dem Tode des Propheten */</p>
<hr />
<div>[[Datei:Hagia Sopia 6163502494 (cropped).jpg|mini|Das [[Medaillon (Ornament)|Medaillon]] mit dem Namen ʿUmar al-Fārūq in [[Arabische Kalligraphie|kalligraphischer]] Gestaltung in der [[Hagia Sophia]]]]<br />
'''Abū Hafs ʿUmar ibn al-Chattāb''' ({{arS|أبو حفص عمر بن الخطاب&lrm;|DMG=Abū Hafṣ ʿUmar bin al-Ḫaṭṭāb}};<ref>Zur [[Kunya]] Abū Hafs siehe as-Suyūṭī: ''Taʾrīḫ al-ḫulafāʾ''. 2013, S. 208. – Engl. Übersetzung 1882, S. 112.</ref> geboren [[592]] in [[Mekka]]; gestorben am [[3. November]] [[644]] in [[Medina]]), oft kurz '''Omar''' und mit dem Beinamen ''al-Fārūq'' („der die Wahrheit von der Lüge unterscheidet“), war der zweite [[islam]]ische [[Kalif]] (634–644). Während seines Kalifats fand die arabisch-islamische Eroberung weiter Gebiete des Vorderen Orients (Syrien, Palästina, Irak, Ägypten, Westiran) statt. Außerdem leistete er wichtige Beiträge zur Festigung der Strukturen des von [[Mohammed]] begründeten Staatswesens und führte verschiedene Regeln im religiösen und rechtlichen Bereich ein, die später Bestandteil des sunnitischen Normensystems wurden. Er war auch für seinen einfachen, rauen Lebensstil bekannt.<ref name="LeviBonner820b">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 820b.</ref> [[Sunniten]] betrachten ʿUmar als einen der vier „[[Rechtleitung|rechtgeleiteten]]“ Kalifen. Die [[Imamiten|imamitischen]] [[Schia|Schiiten]] erkennen ihn dagegen nicht als Kalifen an.<br />
<br />
== Abstammung ==<br />
ʿUmar gehörte dem [[quraisch]]itischen Clan der ʿAdī ibn Kaʿb an, der zu den weniger einflussreichen Clanen der Quraisch gehörte, die außerhalb von Mekka wohnten und deshalb die „Quraisch der Außenbereiche“ (''Quraiš aẓ-ẓawāhir'') genannt wurden.<ref name="Levi1061b">Levi Della Vida: ''ʿOmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 1936, S. 1061b.</ref> Sein Vater war al-Chattāb ibn Nufail.<ref>[[Werner Caskel]], Gert Strenziok: ''Ǧamharat an-nasab. Das genealogische Werk des Hišām Ibn Muḥammad al-Kalbī.'' Band I. Brill, Leiden 1966. Tafel 26.</ref> Seine Mutter Hantama bint Hāschim gehörte zu dem quraischitischen Clan der [[Machzūm]].<ref>Werner Caskel, Gert Strenziok: ''Ǧamharat an-nasab. Das genealogische Werk des Hišām Ibn Muḥammad al-Kalbī.'' Band II. Brill, Leiden 1966. S. 571a.</ref><br />
<br />
== Übertritt zum Islam ==<br />
Nach der Überlieferung von [[Ibn Ishāq]] fand die Konversion ʿUmars zum Islam statt, nachdem bereits ein Teil von Mohammeds Anhängerschaft nach Äthiopien in das [[Aksumitisches Reich|Reich von Aksum]] ausgewandert war. Kurz vorher hatte auch Mohammeds Onkel [[Hamza ibn ʿAbd al-Muttalib]] den Islam angenommen. Bei ʿUmars Konversion sollten seine Schwester Fātima bint al-Chattāb und ihr Mann [[Saʿīd ibn Zaid]], der gleichzeitig ein Vetter ʿUmars war, die Vermittlerrolle gespielt haben. Sie waren bereits vorher zum Islam übergetreten und wurden regelmäßig von [[Chabbāb ibn al-Aratt]] besucht, der ihnen dabei den [[Koran]] vortrug. ʿUmar selbst soll dagegen zunächst ein strammer Gegner des Islams gewesen sein und die Absicht gehabt haben, [[Mohammed]] zu töten. Als er hörte, dass seine Schwester und sein Cousin zum Islam übergetreten war, ging er empört zu ihrem Haus und schlug sie. Die beiden und Chabbāb konnten ihn aber nach der Überlieferung bei dieser Gelegenheit von der Wahrheit der Botschaft Mohammeds überzeugen, so dass er ihn aufsuchte und sich bei ihm zum Islam bekehrte.<ref>Ibn Ishāq: ''Das Leben des Propheten.'' Übers. von [[Gernot Rotter]]. Goldmann, Stuttgart 1982. S. 69–71.</ref> Sein Übertritt zum Islam wird auf das Jahr 618 datiert.<ref name="Levi1061b"/><br />
<br />
== Als Berater des Propheten ==<br />
Nach der Übersiedlung nach [[Medina]] erhielt ʿUmar von dem dortigen jüdischen Clan der Banū Hāritha das Landgut Thamgh, das er zur [[Sadaqa]] oder zum [[Waqf]] erklärte.<ref>Michael Lecker: ''The 'Constitution of Medina'. Muḥammad's First Legal Document.'' Princeton, New Jersey 2004, S. 71 f.</ref> In Medina wurde er zum eigentlichen Organisator des neuen Staates, ohne aber irgendein offizielles Amt zu bekleiden. Seine Rolle war vor allem die eines Ratgebers. Als Krieger tat er sich weniger hervor: Obgleich er an den Kämpfen bei [[Schlacht von Badr]], [[Schlacht von Uhud]] usw. teilnahm, liest man in den Quellen man fast nichts von seinen kriegerischen Leistungen, wohingegen die Berichte über [[ʿAlī ibn Abī Tālib]] und andere [[Sahāba|Prophetengefährten]] in dieser Hinsicht sehr zahlreich sind.<ref name="Levi1061b"/><br />
<br />
Nach dem Sieg bei [[Schlacht von Badr|Badr]] fiel er durch seine Härte gegenüber den mekkanischen Kriegsgefangenen auf. Während sich [[Abū Bakr]] in dieser Situation für die Freilassung der Gefangenen gegen eine Lösegeldzahlung einsetzte, forderte ʿUmar ihre Hinrichtung.<ref>Vgl. al-Wāqidī 69.</ref> Wörtlich soll er zu Mohammed gesagt haben: „Sie haben Dich zum Lügner erklärt und vertrieben. Lass sie antreten und schlage ihnen die Köpfe ab!“<ref>''Kaḏḏabū-ka wa-aḫraǧū-ka qaddim-hum wa-aḍrib aʿnāqa-hum'', so in einer Überlieferung nach ʿUmars Sohn ʿAbdallāh, die [[at-Tabarī]] in seinem Korankommentar ''Ǧāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-qurʾān'' zu Koranvers 8:67 zitiert.</ref><br />
<br />
Nach der islamischen Überlieferung gehen drei koranische Offenbarungen auf ʿUmars Veranlassung zurück: Sure 2:125 über den [[Maqām Ibrāhīm]], Sure 33:53 über [[Hidschāb]] und Sure 66:6. Levi della Vida vermutete, dass es noch viele weitere Fälle gab, in dem ʿUmars Einfluss die Inspiration des Propheten auslöste. Die Beziehung mit dem Propheten wurde noch dadurch gestärkt, dass er seine Tochter [[Hafsa bint ʿUmar|Hafsa]] mit ihm verheiratete.<ref name="Levi1061b"/> <br />
<br />
== Rolle vor und nach dem Tode des Propheten ==<br />
Gemäß einem Bericht, der auf [[ʿAbdallāh ibn ʿAbbās]] zurückgeführt wird, brachte Mohammed, als er im Sterben lag, seinen Wunsch zum Ausdruck, ein Schriftstück aufzusetzen, damit seine Anhänger nicht in die Irre gingen. ʿUmar soll ihn jedoch daran gehindert haben, indem er sagte: „Der Gottesgesandte wird von Schmerz überwältigt. Ihr habt den [[Koran]]. Das Buch Gottes reicht uns.“ Nach dem Bericht gerieten die Anwesenden daraufhin in Streit, wobei die einen verlangten, dass man dem Gottesgesandten die Möglichkeit geben sollte, sein Testament aufzusetzen, während andere die Meinung ʿUmars vertraten. Da der Streit immer lauter wurde, habe Mohammed die Anwesenden schließlich aufgefordert, sich zu entfernen, so dass es nicht mehr zu einer Aufzeichnung seines Testaments kam.<ref>ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī: ''al-Muṣannaf''. Ed. Ḥabīb ar-Raḥmān al-Aʿẓamī. Beirut 1970–72. Bd. V, S. 438f. [https://archive.org/details/MusanafAbdelrazaq/miar05/page/438/mode/2up Digitalisat]</ref><ref> Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 23f.</ref><br />
<br />
[[Datei:Abu bakr2.jpg|mini|Die Prophetengefährten schwören Abū Bakr den Treueid, während rechts neben ihm ʿUmar sitzt, Miniatur in einem osmanischen [[Siyer-i Nebi|Siyer-i-Nebi]]-Werk, 1596]]<br />
Als der Prophet am 8. Juni 632 starb, wollte ʿUmar zunächst nicht an seinen Tod glauben und verkündete, dass er nur in einem Trancezustand sei.<ref>Vgl. Muir: ''The Caliphate, its rise, decline and fall''. 1924, S. 2.</ref> Danach spielte er eine zentrale Rolle in den Ereignissen, die zur Ausrufung von Abū Bakr zum Kalifen führten.<ref name="LeviBonner819a"/> In dieser Situation traten schwere Meinungsverschiedenheiten zwischen den mekkanischen [[Muhādschirūn]] und den medinischen [[Ansār]] hervor, weil letztere bei [[Saʿd ibn ʿUbāda]] eine Versammlung abhielten und die Forderung erhoben, dass sich Ansār und Quraisch trennen sollten und eine jede Gruppe für sich einen Befehlshaber wählen sollte.<ref>Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 30.</ref> Damit drohte die islamische Gemeinschaft auseinanderzubrechen. ʿUmar trat in dieser Situation strikt gegen jede Teilung der Gemeinschaft ein. Zusammen mit Abū Bakr und [[Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh]] suchte er die Versammlung der Ansār auf und überraschte die Anwesenden damit, dass er plötzlich Abū Bakr die Baiʿa leistete.<ref> Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 31f.</ref> Entscheidend für den weiteren Verlauf der Versammlung war die Ankunft der Banū Aslam, eines Clans aus der Umgebung von Medina, der für seine besondere Loyalität gegenüber dem Propheten bekannt war. Sie stießen in großen Zahlen zu der Versammlung und huldigten Abū Bakr.<ref> Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 34.</ref> Zwar weigerten sich viele Ansār sich zunächst, Abū Bakr zu huldigen,<ref> Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 35.</ref> doch sorgte ʿUmar in der Folgezeit zusammen mit den Banū Aslam dafür, dass fast alle Bewohner Medinas Abū Bakr den Treueid leisteten. Teilweise wandte er dabei auch Gewalt an.<ref>Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 43.</ref> <br />
<br />
[[Henri Lammens]] vertrat die These, dass ʿUmar, Abū Bakr und Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh schon zu Lebzeiten ein [[Triumvirat]] gebildet und die Autorität des Propheten beherrscht und gewissermaßen monopolisiert hätten, indem sie ihn entweder durch ihr persönliches Handeln oder durch Vermittlung seiner Frauen [[Aischa bint Abī Bakr|ʿĀ'ischa bint Abī Bakr]] und Hafsa lenkten, allerdings wird diese These nicht allgemein akzeptiert.<ref name="LeviBonner819a">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 819a.</ref><br />
<br />
== Rolle während des Kalifats von Abū Bakr ==<br />
Während Abū Bakrs Kalifat blieb ʿUmar eng mit dem Machtzentrum verbunden und vertrat harte Positionen, die der Kalif nicht immer einnahm.<ref name="LeviBonner819a"/> Härte zeigte er vor allem gegenüber Herführern der alten quraischitischen Stammesaristokratie. So drängte er beispielsweise Abū Bakr, den erfolgreichen Heerführer [[Chālid ibn al-Walīd]] wegen der Ermordung eines Muslims und aufgrund eines von ihm begangenen [[Zinā]]-Vergehens hinzurichten oder zumindest abzusetzen,<ref>Klier: ''Ḫālid und ʿUmar: Quellenkritische Untersuchung''. 1998, S. 105–107.</ref> und sorgte dafür, dass [[Chālid ibn Saʿīd]] abgesetzt wurde.<ref name="LeviBonner819a"/><br />
<br />
Vor seinem Tod bat Abū Bakr [[ʿUthmān ibn ʿAffān]], sein Testament zu verfassen, in dem er ʿUmar zu seinem Nachfolger erklärte.<ref>K. Y. Blankinship: ''The History of al-Tabari.'' Vol. XI, S. 145–153.</ref><br />
<br />
== Kalifat ==<br />
=== Eroberung des Vorderen Orients ===<br />
[[Datei:Map of expansion of Caliphate.svg|mini|400px|Zeit der Kalifen: {{Farblegende|#a1584e|Ausbreitung unter dem Propheten Mohammed, 622–632}}{{Farblegende|#ef9070|Ausbreitung unter den vier „rechtgeleiteten Kalifen“, 632–661}} (darunter als zweiter [[Kalif]] des [[Islam]], ʿUmar ibn al-Chattāb (634–644)){{Farblegende|#fad07d|Ausbreitung unter den Umayyaden, 661–750}}]]<br />
Als ʿUmar 634 zum Kalifen wurde, war die [[Islamische Expansion|arabisch-islamische Eroberungsbewegung]] bereits in vollem Gange. So wurden [[Palästina (Region)|Palästina]] (634) und [[Byzantinische Zeit (Ägypten)|Ägypten]] (639–642) durch [[Amr ibn al-As|ʿAmr ibn al-ʿĀs]], [[Syrien]] durch [[Chālid ibn al-Walīd]] und der [[Irak]] durch [[Saʿd ibn Abī Waqqās]] (636) erobert. 636 gelangen den Muslimen am [[Schlacht am Jarmuk|Yarmuk]] in Syrien und bei [[Schlacht von Kadesia|Qadisiyya]] im Irak entscheidende Siege über die [[Byzantinisches Reich|Byzantiner]] und [[Sassanidenreich|Perser]]. Nach 640 wurde mit [[Istachr]] die Residenz der Sassaniden von den Muslimen attackiert und im Jahr 649 schließlich erobert und zerstört. Mit dem Sieg über die Perser bei [[Nehawend]] in [[Medien (Land)|Medien]] 642 brach das neupersische [[Sassanidenreich]] endgültig zusammen. [[Byzantinisches Reich|Byzanz]] konnte sich aber nach dem Verlust von Syrien und Ägypten in [[Anatolien]] gegen die weiteren Angriffe der Muslime behaupten.<br />
<br />
Wie weit die islamischen Eroberungen das persönliche Verdienst ʿUmars waren, ist nicht ganz klar. Führungsstärke bewies er vor allem durch die Ernennung von fähigen Feldherren wie Abū ʿUbaid ibn Masʿūd ath-Thaqafī und Saʿd ibn Abī Waqqās. Sie hatten nur relativ schwache Stammes- und lokale Bindungen, was es ihnen unmöglich machten, sich in den neu eroberten Gebieten als unabhängige Herrscher zu etablieren. Seine härtere Seite zeigte er bei der Degradierung von [[Chālid ibn al-Walīd]]. In anderen Fällen erlaubte er allerdings Mitgliedern der mekkanischen Aristokratie, wichtige Positionen zu bekleiden, so etwa Yazīd, dem Sohn von [[Abū Sufyān ibn Harb]], den er als Gouverneur von Syrien einsetzte, und später dessen Bruder [[Muʿāwiya I.|Muʿāwiya ibn Abī Sufyān]], der ihm in diesem Amt folgte.<ref name="LeviBonner819a"/> Von ʿAmr ibn al-ʿĀs ist bekannt, dass er die Eroberung Ägyptens auf eigene Initiative durchführte. ʿUmar überließ ihm dabei die Führung.<ref name="Levi1062">Levi Della Vida: ''ʿOmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 1936, S. 1062.</ref><br />
<br />
ʿUmar verbot auch den arabischen Kämpfern, sich als landbesitzende Aristokratie in den neu eroberten Gebieten niederzulassen, weil er wollte, dass sie für weitere Feldzüge zur Verfügung standen und ihre Identität als muslimische Krieger bewahrten. Deshalb schloss er sie in den neu eroberten Gebieten in Militärlagern zusammen, die [[Misr#Als Bezeichnung für eine arabische Militärsiedlung|Amsār]] genannt wurden. Aus ihnen gingen die künftigen Metropolen des Islams hervor: [[Basra]], [[Kufa]] [[Mossul]] und [[al-Fustāt]].<ref name="LeviBonner819b">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 819b.</ref><br />
<br />
Während die Eroberungen andauerten, hielt sich ʿUmar selbst die meiste Zeit in Medina auf. Eine Ausnahme bildete eine Reise nach Syrien und Palästina, die auf den Zeitraum zwischen 636 und 638 datiert wird. Die Quellen zu dieser Reise – möglicherweise waren es auch mehrere Reisen – divergieren sehr stark. ʿUmar machte auf dieser Reise offenbar in [[al-Dschābiya]] halt, der alten Residenz der [[Ghassaniden]], wo er sich mit seinen Befehlshaber beriet.<ref>Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 819.</ref> Nach einigen Berichten reiste er von al-Dschābiya weiter nach Jerusalem und nahm dort die Kapitulation der Stadt entgegen. [[Heribert Busse]] hat jedoch gezeigt, dass Jerusalem wahrscheinlich bereits mindestens ein Jahr zuvor kapituliert hatte und somit die Kapitulation zumindest nicht bei seinem Besuch der Stadt stattgefunden haben kann.<ref name="LeviBonner819b"/><br />
<br />
Ein Text, der in mehreren Versionen existiert und beschreibt, wie ʿUmar die Kapitulation der Einwohner Jerusalems entgegennimmt und die Rechte und Pflichten beider Parteien formell festlegt, wurde als „Pakt oder Bund von ʿUmar“ (''ʿahd ʿUmar'') bekannt und bildete eine wichtige Grundlage für das Konzept der [[Dhimma]], allerdings hat sich gezeigt, dass ein Großteil des Vertragstextes erst späteren Ursprungs ist.<ref name="LeviBonner819b"/> ʿUmar ordnete auch die Vertreibung der christlichen bzw. jüdischen Gemeinden von [[Nadschran|Nadschrān]] und [[Chaibar]] an und verbot Nicht-Muslimen, sich länger als drei Tage im [[Hedschas]] aufzuhalten.<ref name="LeviBonner820a">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 820a.</ref><br />
<br />
=== Staatliche Organisation ===<br />
In al-Dschābiya legte ʿUmar mit den Heerführern die Organisation des Reiches und die Verteilung der Kriegsbeute fest. Zur Sicherung der Einkommen der Kämpfer und Gefährten Mohammeds führte er den [[Diwan (Verwaltung)|Dīwān]] ein, ein Zentralregister der Militär-Pensionsberechtigten.<ref>Vgl. dazu [[Gerd-Rüdiger Puin]]: ''Der Dīwān von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb. Ein Beitrag zur frühislamischen Verwaltungsgeschichte.'' [[Dissertation]]. [[Universität Bonn]], 1970, {{DNB|482444347}}.</ref> Zur Verwaltung der Ausgaben und Einnahmen wurde eine Staatskasse ''(bait al-māl)'' eingerichtet. Die Heerführer, die in den verschiedenen Ländern stationiert waren, wie etwa [[ʿAmr ibn al-ʿĀs]] im neueroberten Ägypten, wurden dazu aufgefordert, die Hälfte ihrer Einkünfte in diese Staatskasse einzuzahlen.<br />
<br />
Den sogenannten ''Sawād'', das fruchtbare Schwemmland des südlichen Irak, soll ʿUmar zu unveräußerlichem Staatsgut erklärt haben; ob und inwieweit das allerdings wirklich der Fall war, war noch über Jahrhunderte umstritten, und die arabischen Quellen machen darüber widersprüchliche Angaben. Die auf diesem Gebiet ansässigen Notabeln ''(dahāqīn)'', die in [[Sassaniden|sassanidischer]] Zeit die [[Gerichtsbarkeit]] in den Dörfern innegehabt hatten und für die Einsammlung der Steuern verantwortlich gewesen waren, beließ ʿUmar in ihren Ämtern, sofern sie diese Steuern an ihn abführten. Um die Größe und Anzahl der Ländereien im Sawād zu erfassen und herauszufinden, wie hoch die von den Dahāqīn entrichteten Steuern vorher gewesen waren, sandte er zwei Kommissionen aus, die unter der Leitung ʿUthmān ibn Hunaif bzw. Hudhaifa ibn al-Yamān standen und vor Ort Ermittlungen anstellten. Das Land derjenigen, die im Krieg getötet worden oder geflohen waren, sowie das Land, das dem sassanidischen Herrscher und seiner Familie gehört hatte, konfiszierte ʿUmar und unterstellte es seiner direkten Kontrolle.<ref>Vgl. Daniel C. Dennett, Jr.: ''Conversion and the Poll Tax in Early Islam.'' Harvard Univ. Pr. u. a., Cambridge, Mass. u. a. 1950. (Reprint Idarah-i Adabyat-i Delli, Delhi 2000, S. 21–27)</ref><br />
<br />
<div style="border:solid #ccc; background: #fff; border-width: 1px 3px 3px 1px; text-align: center; padding-top:3px; float:{{{float|right}}}; font-size: smaller; line-height: 1.3; margin-left:1em; margin-right: 4px; width: 15em"><br />
'''Heutiges Datum nach <br /> der von ʿUmar eingeführten <br /> Hidschrī-Jahreszählung''':<br />
----<br />
{{#timel:xmj.}} [[{{#switch:{{{1|{{#timel:xmn}}}}}|1=Muharram|2=Safar|3=Rabīʿ al-awwal|4=Rabīʿ ath-thānī|5=Dschumādā l-ūlā|6=Dschumādā th-thāniya|7=Radschab|8=Schaʿbān|9=Ramadan|10=Schauwāl|11=Dhū l-Qaʿda|12=Dhū l-Hiddscha}}]]<br />
{{#timel:xmY}}<br /><small>(= {{#timel:j. F}} {{#timel:Y}})<br />
<br /><nowiki>[</nowiki><span class="plainlinks">[{{fullurl:{{FULLPAGENAME}}|action=purge}} aktualisieren]</span><nowiki>]</nowiki></small><br />
</div><br />
Von großer Bedeutung war, dass ʿUmar im Jahre 638 eine neue Jahreszählung einführte. Anlass dafür waren Streitigkeiten in Armeeteilen über Datierungsfragen. Als erstes Jahr der neuen Ära wurde das Jahr der [[Hidschra|Auswanderung des Propheten]] von Mekka nach Medina festgelegt, das am 16. Juli 622 begann. Damit wurde eine wichtige staatliche Maßnahme zur Vereinheitlichung getroffen. Diese [[Hidschrī-Jahreszählung]] hat sich im Laufe der Zeit durchgesetzt und gilt bis heute als Grundlage der islamischen Zeitrechnung (gekennzeichnet durch d.H. = der Hidschra).<br />
<br />
Nach der islamischen Überlieferung wird ʿUmar auch die Schaffung des [[Qādī]]-Amtes zugeschrieben.<ref name="LeviBonner819b">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 819b.</ref> Weiterhin ist bekannt, dass sich ʿUmar bei der Regierung sehr stark auf das koranische Prinzip der [[Schura (Islam)|Konsultation]] ''(šūrā)'' stützte. Zwar hörte er gelegentlich auch den Rat anderer Kreise, doch beschränkte er sich bei der Konsultation üblicherweise auf die verdienten mekkanischen Prophetengefährten. Zahlreiche Berichte beschreiben, wie er deren Meinung über wichtige politische und rechtliche Fragen einholte.<ref>Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 58f.</ref><br />
<br />
Anders als Abū Bakr, der sich ''ḫalīfat rasūl Allāh'' („Stellvertreter/Nachfolger des Gottesgesandten“) nennen ließ, nahm ʿUmar – wahrscheinlich im Jahre 19 d.&nbsp;H. (= 640 n.&nbsp;Chr.) – den Titel ''amīr al-muʾminīn'' („Befehlshaber der Gläubigen“) an, wodurch der herrscherliche Charakter des Amtes und gleichzeitig auch sein religiöser Aspekt stärker betont wurde.<ref>Levi Della Vida: ''ʿOmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 1936, S. 1062b–1063a.</ref> Er liebte einen einfachen, rauen Lebensstil und rief auch andere dazu auf. Als er bereits Kalif war, soll er seinen Lebensunterhalt noch mit Handel verdient haben.<ref>Muḥammad ibn Saʿd: ''Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr''. 1904, S. 199, Zeile 19–21.</ref> In al-Dschābiya soll er seine Befehlshaber mit Steinen beworfen haben, als sie in Seide und Brokat gekleidet vor ihm erschienen.<ref name="LeviBonner820a"/><br />
<br />
=== Maßnahmen im religiösen Bereich ===<br />
Auf religiöser Ebene war von wegweisender Bedeutung, dass ʿUmar während seiner Herrschaft die [[Kiswa]] („Verhüllung“) der [[Kaaba]] in Mekka auf Kosten des Staatshaushalts erneuern ließ. Damit wurde dieses ursprünglich heidnische Ritual zu einem wichtigen Herrschaftssymbol im islamischen Staat.<ref>Abdelaziz Gouda: ''Die Kiswa der Kaʿba in Makka''. [[Inaugural-Dissertation]]. FU Berlin 1989, S. 31.</ref> Der Verehrung des [[Schwarzer Stein (Mekka)|Schwarzen Steins]] stand ʿUmar dagegen sehr kritisch gegenüber, weil er sie als Relikt paganen Steinkultes betrachtete. Berichtet wird auch, dass ʿUmar im Jahre 638 dafür sorgte, dass der [[Maqām Ibrāhīm]], der sonst an einem festen Platz neben der Kaaba stand, wieder an seinen Platz kam. Er war im gleichen Jahr bei einer gewaltigen Überschwemmung in Mekka fortgerissen und aus der Stadt geschwemmt worden.<ref>Vgl. [[Ferdinand Wüstenfeld]]: ''Geschichte der Stadt Mekka, nach den arabischen Chroniken bearbeitet.'' Leipzig 1861. §&nbsp;119. [http://archive.org/stream/diechronikender04wsgoog#page/n141/mode/2up Digitalisat]</ref> Außerdem führte ʿUmar als neue gottesdienstliche Übung im [[Ramadan]] die nächtlichen [[Tarāwīh]]-Gebete ein.<ref name="LeviBonner819b" /><br />
<br />
Ob die erste Sammlung des [[Koran]]s (''ǧamʿ al-qurʾān'') bereits unter dem Kalifen [[Abu Bakr]] (573–634) veranlasst worden war oder ob sie erst unter ʿUmar zustande kam, lässt sich nicht eindeutig beantworten.<ref>{{Literatur |Autor=John Burton |Hrsg= |Titel=The collection of the Qurʾān |Auflage= |Verlag=UP |Ort=Cambridge |Datum=1977 |ISBN=}}</ref> Die islamische Überlieferung macht verschiedene Angaben. Üblicherweise wird berichtet, dass die Sammlung des Textes erst unter dem dritten Kalifen [[ʿUthmān ibn ʿAffān|ʿUthmān]] endgültig abgeschlossen wurde.<br />
<br />
=== Maßnahmen im rechtlichen Bereich ===<br />
==== Strafrecht ====<br />
ʿUmar nahm während seines Kalifats auch einige rechtliche Veränderungen vor.<ref name="LeviBonner819b" /> So setzte er die nicht im Koran, sondern nur durch Präzedenzfälle des Propheten begründete [[Steinigung]]<ref>Vgl. Harald Motzki: ''Die Anfänge der islamischen Jurisprudenz. Ihre Entwicklung in Mekka bis zur Mitte des 2./8. Jahrhunderts.'' Franz Steiner, Stuttgart 1991, S. 154.</ref> als Strafe für Ehebruch durch. ʿUmar berief sich bei dieser Maßnahme auf den sogenannten [[Steinigungsvers]], von dem er behauptete, dass er ursprünglich im Koran gestanden habe, dann aber daraus gestrichen worden sei. Nach einer bekannten Überlieferung sagte er: „Ich habe gesehen, wie der Gesandte Gottes steinigen ließ, und wir haben nach ihm gesteinigt. Wenn die Leute mich nicht der Neuerungssucht beschuldigen würden, so hätte ich den Steinigungsvers in das Qorānexemplar eingetragen. Wir haben ihn aber wirklich recitiert.“<ref>Zit. bei [[Theodor Nöldeke]]: ''Geschichte des Qorans. Mit einem literarhistorischen Anhang über die muhammedanischen Quellen und die neuere christliche Forschung''. Neuausg. Dietrich, Leipzig 1909/38. Band I, S. 250 f.</ref> [[Theodor Nöldeke]] leitete daraus ab, dass die Steinigungsstrafe überhaupt erst durch ʿUmar eingeführt wurde, heute wird dies jedoch differenzierter gesehen.<ref>Vgl. Pavel Pavlovitch: ''The Stoning of a Pregnant Adulteress from Juhayna: the Early Evolution of a Muslim Tradition.'' In: ''Islamic Law and Society.'' Band 17, 2010, S. 1–62, hier besonders S. 7.</ref><br />
<br />
Hinsichtlich der Verleumdung wegen Unzucht ''(qaḏf)'', auf die nach dem Text des Korans (Sure 24:4) 80 Peitschenhiebe stehen, wandte ʿUmar strengere Regeln an. Nach dem Koran sind vier Zeugen notwendig, um eine Person wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs ([[Zinā]]) zu verurteilen. Als im Jahre 638 vier Männer Mughīra ibn Schuʿba, den Statthalter von [[Basra]], des außerehelichen Geschlechtsverkehrs mit einer Frau der Banū Hilāl anklagten, forderte er jeden einzelnen von ihnen auf, zu bezeugen, dass er gesehen habe, dass sein Geschlechtsteil in ihres eindrang, „so wie der Stift in den Schminkbehälter“ ''(ka-l-mīl fī l-mukḥula)''. Als einer der drei Männer, nämlich [[Ziyād ibn Abī Sufyān|Ziyād ibn Abīhi]], aussagte, dass er dies nicht genau gesehen habe, wurden die drei anderen Männer ausgepeitscht, die Anklage gegen Mughīra und die Frau wurde fallengelassen.<ref>Vgl. [[Leone Caetani]]: ''Annali dell'Islam''. Band III, Mailand 1910, S. 869–871. [http://archive.org/stream/annalidellislam03caetuoft#page/868/mode/2up Digitalisat]</ref> ʿUmar wird auch die Erfindung der Dirra zugeschrieben.<ref>[[Al-Qalqaschandī|al-Qalqašandī]]: ''Ṣubḥ al-aʿšā fī ṣināʿat al-inšāʾ.'' 12 Bände. Al-Maṭbaʿa al-amīrīya, Kairo 1913–1915. Bd. V, S. 452.</ref> Hierbei handelte es sich um eine mit Dattelkernen gefüllte Kuh- oder Kamelhaut, die als Strafwerkzeug diente. Sie kam später vor allem in der [[Hisba]] zum Einsatz.<ref>ʿAbd ar-Raḥmān ibn Naṣr aš-Šaiẓarī: ''Nihāyat ar-rutba fī ṭalab al-ḥisba.'' Hrsg. von Muḥammad Ḥasan Muḥammad Ḥasan Ismāʿīl und Aḥmad Farīd al-Mazīdī. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut 2003. S. 269. – Englische Übers. R. P. Buckley unter dem Titel ''The Book of the Islamic Market Inspector''. Oxford University Press, Oxford, 1999. S. 124.</ref><br />
<br />
==== Ehe- und Sklavenrecht ====<br />
Außerdem verbot ʿUmar das überkommene Rechtsinstitut der zeitlich begrenzten, sogenannten „Genuss-Ehe“ ''(mutʿa)'', welche zu dieser Zeit noch viele Muslime praktizierten, wenn sie kurze sexuelle Beziehungen eingehen wollten. Anlass sollen verschiedene Fälle von Frauen gewesen sein, die infolge solcher ''mutʿa''-Verbindungen schwanger geworden waren.<ref>Arthur Gribetz: ''Strange Bedfellows: Mutʿat an-nisāʾ and Mutʿat al-ḥajj. A Study based on Sunni and Shīʿī Sources of Tafsīr, Ḥadīth and Fiqh''. Klaus Schwarz, Berlin 1994, S. 56–59.</ref> ʿUmar verbot darauf die Mutʿa-Ehe, weil er fürchtete, dass sie zu einem Sittenverfall ''(daġal)'' führen werde. Die Einführung dieses Verbots stieß bei einigen [[Sahāba|Prophetengefährten]] aber auch auf Ablehnungː So wird von [[ʿAbdallāh ibn ʿAbbās]] überliefert, dass er, als die Rede auf ʿUmars Verbot kam, folgende Worte sagte: „Gott möge mit ʿUmar Erbarmen haben! Die Mutʿa war doch eine Erlaubnis Gottesǃ Mit ihr hat Er sich der Gemeinschaft ([[Umma]]) Muḥammads erbarmt. Wenn sein [ʿUmars] Verbot [der Mutʿa] nicht wäre, bedürfte nur ein Lump ''(illā šaqīy)'' der Unzucht!“<ref>Zit. nach Harald Motzki: ''Die Anfänge der islamischen Jurisprudenz. Ihre Entwicklung in Mekka bis zur Mitte des 2./8. Jahrhunderts.'' Franz Steiner, Stuttgart 1991, S. 130. Die Ergänzungen in eckigen Klammern stammen von H. Motzki.</ref><br />
<br />
Nach verschiedenen Hadithen, die im [[Sahīh Muslim]] überliefert sind,<ref>''Ṣaḥīḥ Muslim, Kitāb aṭ-Ṭalāq, Bāb Ṭalāq aṯ-ṯalāṯ'' Nr. [https://sunnah.com/muslim:1472a 1472a], [https://sunnah.com/muslim:1472b 1472b], [https://sunnah.com/muslim:1472c 1472c]. [https://ar.wikisource.org/wiki/%D8%B5%D8%AD%D9%8A%D8%AD_%D9%85%D8%B3%D9%84%D9%85/%D9%83%D8%AA%D8%A7%D8%A8_%D8%A7%D9%84%D8%B7%D9%84%D8%A7%D9%82 Version Wikisource]</ref> nahm ʿUmar auch eine Änderung an den Regeln für den [[Talāq]] vor. Während nämlich in der Zeit des Propheten und Abū Bakrs und in den ersten Jahren seines eigenen Kalifats die drei Mal nacheinander ausgesprochene Talāq-Formel als einfacher Talāq galt und somit die Frau danach noch nicht endgültig geschieden war, führte ʿUmar die Regel ein, dass ein solcher dreifacher Talāq wie drei in drei unterschiedlichen Monatsperioden ausgesprochene Talāq-Formeln gelten sollten und die Ehe somit unmittelbar endgültig aufgelöst war. ʿUmar soll mit dieser neuen Regel versucht haben, die Männer von der Unsitte des dreifachen sofortigen Talāq abzubringen.<ref>[[Joseph Schacht]]: „Ṭalāḳ“ in [[Enzyklopaedie des Islam]]. Brill, Leiden 1934. Bd. IV, S. 688b–693a. Hier S. 590a. [https://archive.org/details/enzyklopaediedes04hout/page/690/mode/1up Digitalisat]</ref> Im Sklavenrecht führte er die Regel ein, dass die Umm Walad, also die Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hatte, nicht mehr verkauft, verschenkt oder vererbt werden konnte und nach dem Tod ihres Herrn die Freiheit erlangte.<ref>Younes Y. Mirza: “Remembering the Umm al-Walad: Ibn Kathir’s Treatise on the Sale of the Concubine” in Matthew S. Gordon und Kathryn A. Hain (Hrsg.): ''Concubines and Courtesans: Women and Slavery in Islamic History''. Oxford University Press, New York 2017. S. 297–323. Hier S. 308.</ref><br />
<br />
== Tod ==<br />
[[Datei:Tombstone of Umar (r.a) by mohammad adil rais.JPG|mini|Grab von ʿUmar, in der [[Prophetenmoschee]] in Medina.]]<br />
ʿUmar wurde am 26. [[Dhū l-Hiddscha]] 23 (= 3. November 644) von [[Piruz Nahavandi|Abū Lu'lu'a]], einem Sklaven des Gouverneurs von Basra al-Mughīra ibn Schuʿba erdolcht. Nach der arabischen Überlieferung war das Motiv dafür die übermässige Steuer, über die sich der Sklave vergeblich bei dem Kalifen beklagt haben soll. ʿUmars Sohn ʿUbaidallāh hegte den Verdacht, dass der Mörder nur das willenlose Werkzeug einer Verschwörung von Prophetengefährten sei.<ref name="Levi1063a"/><br />
<br />
Nach ʿUmars Tod trat das von ihm eingesetzte [[Schūrā|Schūrā-Gremium]] zusammen und wählte als Nachfolger [[ʿUthmān ibn ʿAffān]].<ref>Madelung: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' 1996, S. 68f.</ref><br />
<br />
== Nachkommen ==<br />
ʿUmar hatte einen Sohn namens [[ʿAbdallāh ibn ʿUmar|ʿAbdallāh]], der als sehr fromm galt und nach der [[Schlacht von Siffin]] als möglicher Kompromisskandidat zwischen den Lagern von [[ʿAlī ibn Abī Tālib]] und [[Muʿāwiya I.]] als Kandidat für das Kalifat ins Spiel gebracht wurde.<ref>Vgl. [[Laura Veccia Vaglieri]]: ''ʿAbd Allāh b. ʿUmar b. al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' In: ''The Encyclopaedia of Islam. New Edition.'' Band I, S. 53b–54b.</ref> Er ist auch einer der wichtigsten [[Hadith]]-Überlieferer. Sein zweiter Sohn ʿUbaidallāh fiel in der Schlacht von Siffin.<ref name="Levi1063a"/><br />
<br />
== Religiöse Stellung im Islam ==<br />
[[Datei:BethlehemOmarMosque.jpg|mini|Viele Moscheen wurden nach ʿUmar benannt, so auch die [[Omar-Moschee (Bethlehem)]].]]<br />
ʿUmar gilt bei den Sunniten nicht nur als einer der vier rechtgeleiteten Kalifen, sondern auch als einer der [[ʿAschara Mubaschschara]], der zehn Prophetengefährten, denen Mohammed das Paradies verheißen hat. Eine Tradition, die auf den Propheten zurückgeführt wird, lässt diesen sagen: „Wenn Gott gewollt hätte, dass nach mir noch ein anderer Prophet aufträte, so wäre es ʿUmar gewesen.“<ref name="Levi1063a">Levi Della Vida: ''ʿOmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 1936, S. 1063a.</ref><br />
<br />
Die [[Schia]] hat dagegen ʿUmar verabscheut, weil sie ihn als einen der Männer betrachtete, der die eigentlich [[ʿAlī ibn Abī Tālib]] zustehende Herrschaft usurpiert hatten.<ref>Levi Della Vida: ''ʿOmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 1936, S. 1063لا.</ref> Im [[Kitāb Sulaim ibn Qais]], das als das früheste Buch der Schia gilt, wird die Ausrufung Abū Bakrs zum neuen Herrscher als Ergebnis eines Komplotts beschrieben, das schon vor dem Tod Mohammeds von ʿUmar, Abū Bakr und Abū ʿUbaida geschmiedet wurde. Dieses habe darauf abgezielt, Mohammed und seine Familie zu beseitigen, um selbst die Macht ergreifen und den Charakter der neuen Religion entstellen zu können.<ref>[[Mohammad Ali Amir-Moezzi]]: ''Exégèse et théologie de l’Islam shi’ite. Trois ouvrages méconnus du shi’isme ancien''. In: ''Annuaire de l’École pratique des hautes études (EPHE), Section des sciences religieuses'', 116, 2009, S. 127–131; [http://asr.revues.org/662 asr.revues.org] Hier S. 127, 130.</ref> Der schiitische Sektengründer [[al-Mughīra ibn Saʿīd]] (gest. 737) behauptete, dass mit dem in Sure 33:72 genannten „frevlerischen und ignoranten“ Menschen ʿUmar gemeint sei.<ref>[[ʿAbd al-Qāhir al-Baġdādī]]: ''al-Farq baina l-Firaq''. Ed. Muḥammad ʿUṯmān al-Ḫišn. Maktabat Ibn Sīnā, Kairo, o.&nbsp;D. S. 210–213. [https://archive.org/stream/alfbf#page/n211/mode/2up Digitalisat]</ref><br />
<br />
== Sein Beiname al-Fārūq ==<br />
ʿUmars Beiname al-Fārūq wird im Allgemeinen als „derjenige, der Wahrheit von Lüge unterscheidet“ verstanden und soll ihm vom Propheten verliehen worden sein. Allerdings hat schon [[Eduard Sachau]] eine Verbindung zwischen dem arabischen Wort ''fārūq'' und dem [[Syrische Sprache|syrisch-aramäischen]] Wort ''pārōqā'', „Retter, Erlöser“ festgestellt, das ein [[Messianismus|messianisches]] Element enthält.<ref>Sachau: „Über den zweiten Chalifen Omar: Ein Charakterbild aus der ältesten Geschichte des Islams“. 1902, S. 308</ref> Spätere Forschungen haben gezeigt, dass mehrere Überlieferungen über ʿUmar als ''al-Fārūq'' in Verbindung zu den [[Ahl al-kitāb]], insbesondere den Juden. Sie knüpfen sich an ʿUmars Einzug in Jerusalem und haben einen messianischen Beigeschmack.<ref name="LeviBonner820a"/><br />
<br />
== Beurteilung in der westlichen Literatur ==<br />
Dem plötzlichen Umschwung in seiner Haltung gegenüber dem Islam und seine spätere Stellung in der Geschichte des Islam haben dazu geführt, dass er im Westen auch „[[Paulus von Tarsus|Heiliger Paulus]] des Islam“ bezeichnet wurde, allerdings haben die beiden nur wenig gemeinsam hatten außer ihrem hartnäckigen Einsatz für eine Sache, gegen die sie ursprünglich gekämpft hatten.<ref name="LeviBonner818b">Levi Della Vida/Bonner: ''ʿUmar ibn al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' 2000, S. 818b.</ref><br />
<br />
== Siehe auch ==<br />
* [[Islamische Eroberung der Levante]]<br />
<br />
== Literatur ==<br />
; Arabische Quellen<br />
* [[Muhammad ibn Saʿd|Muḥammad ibn Saʿd]] (gest. 845): ''Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr''. Ed. [[Eduard Sachau]]. Brill, Leiden 1904. Bd. III/1, S. 190–274. [https://archive.org/details/biographien03pt1a2ibnsuoft/page/n239/mode/2up Digitalisat]<br />
* [[as-Suyūtī|Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī]] (gest. 1505): ''Taʾrīḫ al-ḫulafāʾ.'' Hrsg. von Muḥammad Ġassān Nasūḥ al-Ḥusainī. Wizārat al-Auqāf wa-š-šuʾūn ad-dīnīya, Katar 2013, S. 208–258. [https://archive.org/details/FP145257/page/n208 Digitalisat] – Englische Übersetzung von Major H. S. Jarrett unter dem Titel ''History of the Caliphs''. J. W. Thomas, Kalkutta 1880–1881, S. 112–152. [https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.501677/page/n137 Digitalisat]<br />
<br />
; Sekundärliteratur<br />
* Suliman Bashear: “The title Fārūq and its association with ʿUmar I” in ''Studia Islamica'' 72 (1990), 47–70.<br />
* [[Heribert Busse]]: “ʿOmar b. al-Khaṭṭāb in Jerusalem” in ''Jerusalem Studies in Arabic and Islam'' 5 (1984) 73-119.<br />
* Heribert Busse: ''ʿOmar’s image as the conqueror of Jerusalem.'' In: ''Jerusalem Studies in Arabic and Islam.'' Band 8, 1986, S. 149–168.<br />
* [[Leone Caetani]]: ''Annali dell' Islam''. III. Band. Mailand 1910. [https://archive.org/details/2annalidellisla03caetuoft/page/n5/mode/2up Digitalisat]; IV. Band. Mailand 1911. [https://archive.org/details/annalidellislam04caetuoft/page/n5/mode/2up Digitalisat] (Zusammenstellung des geschichtlichen Materials), V. Band. Mailand 1912 [https://archive.org/details/annalidellislam05caetuoft/page/n5/mode/2up Digitalisat] (Historische Synthese von ʿUmars Kalifat).<br />
* Mark R. Cohen: ''What was the pact of 'Umar? A literary-historical study.'' In: ''Jerusalem Studies in Arabic and Islam.'' Band 23, 1999, S. 100–157.<br />
* Giorgio Levi Della Vida: ''ʿOmar b. al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' in [[Enzyklopädie des Islam]] Brill, Leiden 1936. Bd. III, S. 1061a–1063b [https://archive.org/details/enzyklopaediedes03hout/page/1061/mode/1up Digitalisat]. – Von Michael Bonner überarbeitete Version des Artikels: ''ʿUmar (I) b. al-<u>Kh</u>aṭṭāb.'' In: [[The Encyclopaedia of Islam. New Edition]]. Brill, Leiden 2000. Bd. X, S. 818–821.<br />
* Daniel C. Dennett: ''Conversion and the Poll Tax in Early Islam''. Cambridge, Mass. 1950.<br />
* Avraham Hakim: ''Conflicting Images of Lawgivers: The Caliph and the Prophet. Sunnat ʿUmar and Sunnat Muḥammad.'' In: H. Berg (Hrsg.): ''Method and Theory in the Study of Islamic Origins''. Brill, Leiden – Boston 2003, S. 159–177.<br />
* Klaus Klier: ''Ḫālid und ʿUmar: Quellenkritische Untersuchung zur Historiographie der frühislamischen Zeit''. ([[Islamkundliche Untersuchungen]] 217) Berlin 1998.<br />
* [[Henri Lammens]]: “Le ‘triumvirat’ Aboû Bakr, ʿOmar et Aboû ʿObaida”, in ''Mélanges de la Faculté Orientale de l’Université Saint-Joseph de Beirut'' 4 (1910), 113-44.<br />
* H. Lazarus-Yafeh: “ʿUmar b. al-Ḵh̲aṭṭāb–Paul of Islam?” in Dieselbe: ''Some religious aspects of Islam''. Brill, Leiden 1981. S. 1–16.<br />
* Michael Lecker: “The Medinan Wives of ʿUmar b. al-Khaṭṭāb and His Brother, Zayd.” in ''Oriens'' 36 (2001) 242–47.<br />
* [[Wilferd Madelung]]: ''The succession to Muḥammad. A study of the early caliphate.'' Cambridge University Press, Cambridge 1996, S. 57–77.<br />
* [[William Muir]]: ''The Caliphate, its rise, decline and fall; from orig. sources.'' New and rev. edition. John Grant, Edinburgh 1924. [https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.173997/mode/2up Digitalisat]<br />
* [[Albrecht Noth]]: ''Abgrenzungsprobleme zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen''. Die 'Bedingungen 'Umars (al-šurūṭ al-ʿumariyya)' unter einem anderen Aspekt gelesen. In: ''Jerusalem Studies in Arabic and Islam.'' Band 9, 1987, S. 290–315.<br />
* [[Gerd-Rüdiger Puin]]: ''Der Dīwān von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb. Ein Beitrag zur frühislamischen Verwaltungsgeschichte''. Inaugural-Dissertation Bonn 1970.<br />
* [[Eduard Sachau]]: „Über den zweiten Chalifen Omar: Ein Charakterbild aus der ältesten Geschichte des Islams“ in: ''Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin'' Jahrgang 1902: Erster Halbband (Januar bis Juni) S. 292–323. [https://archive.org/details/sitzungsberichte1902deutsch/page/292/mode/2up Digitalisat]<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
{{Commonscat|Umar|ʿUmar ibn al-Chattāb|audio=0|video=0}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references responsive /><br />
<br />
{{Folgenleiste|AMT=[[Liste der Kalifen|Rechtgeleiteter Kalif]]|ZEIT=634–644|VORGÄNGER=[[Abū Bakr]]|NACHFOLGER=[[ʿUthmān ibn ʿAffān]]}}<br />
<br />
{{Navigationsleiste Kalifen (Raschidun)}}<br />
<br />
{{Normdaten|TYP=p|GND=118822810|LCCN=n81042737|VIAF=27868234}}<br />
<br />
{{SORTIERUNG:Umar ibn alChattab}}<br />
[[Kategorie:Kalif]]<br />
[[Kategorie:Sahāba]]<br />
[[Kategorie:Person (Mekka)]]<br />
[[Kategorie:Geboren 592]]<br />
[[Kategorie:Gestorben 644]]<br />
[[Kategorie:Mann]]<br />
<br />
{{Personendaten<br />
|NAME=ʿUmar ibn al-Chattāb<br />
|ALTERNATIVNAMEN=Omar ibn al-Khattab; عمر بن الخطاب (arabisch)<br />
|KURZBESCHREIBUNG=zweiter Kalif des Islam<br />
|GEBURTSDATUM=592<br />
|GEBURTSORT=[[Mekka]]<br />
|STERBEDATUM=3. November 644<br />
|STERBEORT=[[Medina]]<br />
}}</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Indiktion&diff=264554244Indiktion2026-02-22T12:32:27Z<p>Procopius: /* Entstehung */</p>
<hr />
<div>Die '''Indiktion''' ({{laS|''indictiō''}} ‚Ansage, Ankündigung‘) ist ein 15-jähriger [[Periodizität|Zyklus]] zur Jahreszählung, der seit der [[Spätantike]] bis zum Ende des [[Mittelalter]]s häufig verwendet wurde. Andere Bezeichnungen sind „Kaiserliche Zahl“, „Römerzinszahl“, „Gedingzeichen“ oder „Zeichen“.<ref name="Grotefend">[[Hermann Grotefend]]: ''Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit''. 14. Aufl., Hahn, Hannover 2007, S. 8 f. und S. 140</ref> In der [[Neuzeit]] ging ihr Gebrauch zurück, aber [[Kalender]] pflegten sie weiterhin anzugeben und das [[Reichskammergericht]] verwendete die Indiktion bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806.<br />
<br />
== Entstehung ==<br />
Das Wort ''indictiō'' bezeichnete im [[Römisches Reich|Römischen Reich]] ein kaiserliches Edikt zur Steuerfestsetzung der Naturalabgaben der Landgüter. Die seit Kaiser [[Diokletian]] (284 bis 305) jährlich erhobene Abgabe (''[[Capitatio-Iugatio]]'') wurde zunächst alle 5 Jahre neu festgesetzt.<ref name="Berger">[[Adolf Berger (Rechtswissenschaftler)|Adolf Berger]]: ''Encyclopedic Dictionary of Roman Law'', Transactions of the American Philosophical Society, Band 43, Teil 2, 1953, S. 499. [http://books.google.de/books?id=oR0LAAAAIAAJ&lpg=PA329&hl=de&pg=PA499#v=onepage&q&f=false Reprint 1991 Online]</ref> Unter [[Konstantin der Große|Konstantin I.]] ging man 312 zum 15-Jahre-Rhythmus über (nach jedem dritten [[Zensus (Rom)|Zensus]]). Diese regelmäßige Steuerfestsetzung hatte für die Menschen eine sehr große Bedeutung. Kaiser [[Justinian I.|Justinian]] schrieb schließlich in der ''Novella 47'' den Gebrauch der Indiktion (zusammen mit dem aktuellen Regierungsjahr des jeweiligen Herrschers sowie dem [[Consulat|Konsul]]) für alle offiziellen Datierungen gesetzlich vor.<br />
<br />
Die Indiktion war in [[Spätantike]] und [[Mittelalter]] im gesamten Abendland für Kalenderberechnungen üblich und blieb selbst im muslimisch gewordenen Nordafrika und Syrien sowie auf der Iberischen Halbinsel neben der [[Hidschra]]-Datierung und der [[Era|sapharischen Aera]] lange in Gebrauch.<ref>[[Adolf Grohmann (Arabist)|Adolf Grohmann]] et al.: ''Arabische Chronologie, Arabische Papyruskunde'' (= Handbuch der Orientalistik, 1. Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten; Erg.-Bd. 2, Halbd. 1,1,2), Leiden und Köln 1966, S. 33. [https://books.google.de/books?id=ms03AAAAIAAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PA33#v=onepage&q&f=false Google Books]</ref><br />
<br />
Die Jahre innerhalb eines Indiktionszyklus werden durchnummeriert als ''erste Indiktion'', ''zweite Indiktion'' usw., bzw. es wird für jedes Jahr die entsprechende ''Römerzinszahl'' festgelegt. Diese wächst immer von 1 bis 15, um dann wieder bei 1 anzufangen. Auf die Indiktion 15 folgt also die Indiktion 1. Es war nicht üblich, die Zyklen der Indiktion zu nummerieren. Um ein nur durch die Indiktion datiertes spätantikes oder mittelalterliches Dokument zeitlich einzuordnen, braucht man daher weitere Anhaltspunkte, wie insbesondere die Angabe der Herrschaftsjahre.<br />
<br />
== Indiktionsstile ==<br />
Es gibt verschiedene Indiktionsstile, die sich durch den Beginn des Epochenjahres unterscheiden.<ref name="Grotefend" /><br />
<br />
* Die ''indictio Graeca (Constantinopolitana)'' ({{grcS|Ἰνδικτιών}}, [[Genitiv|Gen.]] -ῶνος<ref>http://anemi.lib.uoc.gr/php/pdf_pager.php?rec=/metadata/c/3/f/metadata-39-0000567.tkl&do=153042.pdf&pageno=47&width=348&height=626&maxpage=386&lang=en</ref>) beginnt am 1. September und war vor allem im Byzantinischen Reich, Sizilien und der päpstlichen Kanzlei bis zum Jahr 1087 sowie unter [[Friedrich II. (HRR)|Friedrich II.]] und [[Heinrich (VII.) (HRR)|Heinrich (VII.)]] gebräuchlich. (Daher beginnt das [[Kirchenjahr]] der [[Orthodoxe Kirchen|orthodoxen Kirchen]] bis heute ebenfalls am 1. September.)<br />
* Die ''indictio Bedana (caesarea)'' nach [[Beda Venerabilis|Beda]] beginnt am 24. September. Ihr Gebrauch ging im [[Spätmittelalter]] zurück zu Gunsten der ''indictio Romana''.<br />
* Die ''indictio Romana (pontificia)'' beginnt ihr Jahr am 25. Dezember bzw. 1. Januar (Neujahrsindiktion) und war im Spätmittelalter am verbreitetsten.<br />
* Die ''indictio Senensis'' beginnt mit dem 8. September und war nur in [[Siena]] in Gebrauch.<br />
<br />
Eine Schwierigkeit der Zeitbestimmung mittelalterlicher Datierungen liegt in der Möglichkeit, dass der Jahresbeginn für die Zählung der Indiktion und der Jahresbeginn für die Zählung des Inkarnationsjahres verschieden sein können.<br />
<br />
== Umrechnung ==<br />
Der Indiktionszyklus ist älter als die [[christliche Zeitrechnung]], die erstmals [[Dionysius Exiguus]] im frühen 6. Jahrhundert beschrieb. Um zu einer gegebenen Indiktion das Jahr der christlichen Zeitrechnung bzw. zu einem gegebenen Jahr der christlichen Zeitrechnung die Indiktion zu bestimmen, gab Dionysius Exiguus zwei Umrechnungsformeln als Beispiele auf das Jahr 525 an. Er verwendete wie in der römischen Mathematik üblich [[natürliche Zahl]]en und die [[Division mit Rest]]. In heutiger mathematischer Schreibweise lauten die Umrechnungsformeln:<ref name="Springsfeld">Kerstin Springsfeld: ''Alkuins Einfluss auf die Komputistik zur Zeit Karls des Grossen''. Dissertation, Technische Hochschule Aachen 2000, Franz Steiner Verlag 2002, ISBN 3-515-08052-X, S. 172. [http://books.google.de/books?id=O_3klkX4sCwC&lpg=PA1&hl=de&pg=PA172#v=onepage&q&f=false Online]</ref><br />
<br />
'''Argumentum I'''<br />
<br />
J = 15 * Z + 12 + I<br />
<br />
'''Argumentum II'''<br />
<br />
I = (J + 2) mod 15 + 1<!--Informationsquelle? --><br />
<br />
Dabei ist jeweils I die Indiktion, die mit ihrem größten Teil in das gegebene Jahr fällt, J das Jahr der christlichen Zählung und Z die Zahl der vollendeten Indiktionszyklen. Das Jahr 525 der christlichen Zählung hat bei Dionysius Exiguus die Indiktion 3. Die Zahl der von Christi Geburt bis in das Jahr 525 vergangenen Indiktionszyklen gab Dionysius Exiguus mit 34 an und fixierte damit ein bestimmtes Jahr als Jahr von Christi Geburt.<br />
<br />
Die Angabe der Indiktion für Daten vor dem 4. Jahrhundert oder nach dem 18. Jahrhundert ist unüblich. Die Formeln des Dionysius lassen sich aber unbegrenzt anwenden. So ergibt sich zu einer [[Jahreszahl]] nach unserem heutigen Kalender die Indiktion, indem man zur Jahreszahl 2 addiert, anschließend durch 15 dividiert, und den Rest dieser Division um 1 vermehrt. Für das Jahr 2017 ergibt sich zum Beispiel (2017 + 2) : 15 = 2019 : 15 = 134 [[Division mit Rest|Rest]] 9. So liegt das Jahr 2017 größtenteils in der Indiktion 9 + 1 = 10. Das aktuelle Jahr {{CURRENTYEAR}} liegt größtenteils in der {{#expr:({{CURRENTYEAR}}+2) mod 15 + 1}}. Indiktion.<br />
<br />
Für die Jahre von 300 n. Chr. bis 2099 lässt sich die Indiktion aus folgender Tabelle ablesen:<ref name="Grotefend" /><br />
<br />
{| class="wikitable" style="clear:both; text-align:right"<br />
!rowspan="6" colspan="7" |Ermittlung der Indiktion<br />
!300 ||400 ||500<br />
|-<br />
!600 ||700 ||800<br />
|-<br />
!900 ||1000 ||1100<br />
|-<br />
!1200 ||style="background:#8f8;border:2px solid #080"|1300 ||1400<br />
|-<br />
!1500 ||style="background:#afa"|1600 ||1700<br />
|-<br />
!1800 ||style="background:#afa"|1900 ||2000<br />
|-<br />
! 00 || 15 || 30 || 45 || 60 || 75 || 90<br />
| 3 ||style="background:#cfc"| 13 || 8<br />
|-<br />
! 01 || 16 || 31 || 46 || 61 || 76 || 91<br />
| 4 ||style="background:#cfc"| 14 || 9<br />
|-<br />
! 02 || 17 || 32 || 47 || 62 || 77 ||style="background:#8f8;border:2px solid #080"|92<br />
|style="background:#cfc"| 5 ||style="background:#4f4;border:2px solid #080"| 15 || 10<br />
|-<br />
! 03 || 18 || 33 || 48 || 63 || 78 || 93<br />
| 6 || 1 || 11<br />
|-<br />
! 04 || 19 || 34 || 49 || 64 || 79 || 94<br />
| 7 || 2 || 12<br />
|-<br />
! 05 || 20 || 35 || 50 || 65 || 80 || 95<br />
| 8 || 3 || 13<br />
|-<br />
! 06 || 21 || 36 || 51 || 66 || 81 || 96<br />
| 9 || 4 || 14<br />
|-<br />
! 07 || 22 || 37 || 52 || 67 || 82 || 97<br />
| 10 || 5 || 15<br />
|-<br />
! 08 || 23 || 38 || 53 || 68 || 83 || 98<br />
| 11 || 6 || 1<br />
|-<br />
! 09 || 24 || 39 || 54 || 69 || 84 || 99<br />
| 12 || 7 || 2<br />
|-<br />
! 10 || 25 || 40 || 55 || 70 || 85 || —<br />
| 13 || 8 || 3<br />
|-<br />
! 11 || 26 || 41 || 56 || 71 || 86 || —<br />
| 14 || 9 || 4<br />
|-<br />
! 12 || 27 || 42 || 57 || 72 || 87 || —<br />
| 15 || 10 || 5<br />
|-<br />
! 13 || 28 || 43 || 58 || 73 || 88 || —<br />
| 1 || 11 || 6<br />
|-<br />
! 14 || 29 || 44 || 59 || 74 || 89 || —<br />
| 2 || 12 || 7<br />
|}<br />
<br />
Farbig hervorgehoben in der Tabelle ist das Jahr 1392, zu dem die Tabelle, der farbigen Markierung folgend, die Indiktion 15 angibt.<br />
<br />
== Astronomie ==<br />
Der Indiktionszyklus hat keine Beziehung zur Astronomie. Dies macht ihn allerdings gerade brauchbar für eine von der Astronomie unabhängige Zeitrechnung. [[Joseph Justus Scaliger]] schlug 1583 die Zählung der Tage nach dem [[Julianisches Datum|Julianischen Datum]] mit der [[Epoche (Chronologie)|Epoche]] 1. Januar 4713 v. Chr. vor, in dessen Zykellänge von 7980 Jahren auch die Zykellänge der Indiktion von 15 Jahren als Faktor eingeht.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* [[Friedrich Karl Ginzel]]: ''Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie.'' 3. Band. Hinrichs, Leipzig 1914, S. 148–155.<br />
* [[Hermann Grotefend]]: ''Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit.'' 14. Auflage. Hahn, Hannover 2007, S. 8 f. und S. 140.<br />
* {{RE|IX,2|1327|1332|Indictio|[[Otto Seeck]]|RE:Indictio}}<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* [http://www.lieberknecht.de/~prg/calendar.htm Calendar Tools]: Formular zur Berechnung der Indiktion für ein gegebenes mittelalterliches Datum.<br />
* [https://www.skypoint.com/members/waltzmn/MSDating.html#Indiction Indiktionen der Jahre 313 bis 1602]<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
[[Kategorie:Jahresbegriff]]<br />
[[Kategorie:Gregorianischer und julianischer Kalender]]<br />
[[Kategorie:Steuerrechtsgeschichte]]<br />
[[Kategorie:Chronologie]]<br />
[[Kategorie:Justinian I.]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schlacht_von_Kerbela&diff=264550798Schlacht von Kerbela2026-02-22T11:16:11Z<p>Procopius: /* Literatur */</p>
<hr />
<div><br />
{{Infobox Militärischer Konflikt<br />
|KONFLIKT = Schlacht von Kerbela<br />
|TEILVON = Islamische Bürgerkriege ([[Fitna (Islam)|Fitna]])<br />
|BILD = Scène de la bataille de Karbalâ, par Mohammad Modabber, deuxième fondateur de l’école picturale ghahveh-khâneh.jpg<br />
|BILDBREITE = <br />
|BESCHREIBUNG = <br />
|DATUM = [[10. Oktober]] [[680]]<br />
|DATUMBIS = <br />
|ORT = [[Kerbela]]<br />
|CASUS = <br />
|GEBIETE = <br />
|AUSGANG = Entscheidender Sieg der Umayyaden<br />
|FOLGEN = <br />
|FRIEDENSSCHLUSS = <br />
|KONTRAHENT1 = [[Umayyaden]] ([[Yazid I.]])<br />
|KONTRAHENT2 = [[Aliden]] ([[al-Husain ibn ʿAlī]])<br />
|BEFEHLSHABER1 = Umar ibn Sa'ad<br />Ubayd-Allah ibn Ziyad<br />Schimr Ibn Thil-Dschawschan<br />[[Hurr ibn Yazid]] (kämpfte anschließend für Hussein ibn Ali)<br />
|BEFEHLSHABER2 = al-Husain ibn ʿAlī <br />[[al-Abbas ibn Ali]] <br />[[Habib ibn Muzahir]] <br />
[[Zuhayr ibn Qayn]]<ref>Vgl. [https://books.google.de/books?id=kQGlyZAy134C&pg=PA50&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false]</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE1 = deutliche Übermacht, vielleicht 4000<ref>Vgl. [https://www.britannica.com/event/Battle-of-Karbala Battle of Karbala] bei Encyclopædia Britannica</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE2 = angeblich 72<br />
|VERLUSTE1 = unbekannt<br />
|VERLUSTE2 = vernichtend geschlagen<br />
|NOTIZEN = <br />
}}<br />
In der '''Schlacht von Kerbela''', die am 10. Oktober 680 beim zentralirakischen [[Kerbela]] stattfand, wurde der Prophetenenkel [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain (Hussein)]] getötet.<br />
Mit dieser Schlacht war die [[Schia|schiitische]] Hoffnung, ihren dritten [[Imam]] anstelle von [[Yazid I.]] als [[Kalif]]en, als Oberhaupt der [[Umma|islamischen Gemeinde]], einzusetzen, gescheitert. In der islamischen Geschichte nach der Schia steht die Schlacht von Kerbela symbolisch für den Kampf zwischen „Gut und Böse“ – „Unterdrückte gegen Unterdrücker“ – und gilt als einer der tragischsten Vorfälle für die Schiiten.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref> Da viele Anhänger Husains zum Zeitpunkt der Schlacht von ihm abfielen – aus Angst vor der Übermacht der Truppen Yazids –, wurden Husain und sein Heer vernichtend geschlagen. Von schiitischer Seite wird berichtet, dass das Truppenverhältnis in dieser Schlacht 10.000 zu 72 zu Ungunsten Husains gewesen sei.<br />
<br />
Schiiten und [[Aleviten]] gedenken dieser Schlacht während des alljährlichen [[Aschura]]-Tages (am 10.&nbsp;Tag des Monats [[Muharram]]), bei dem sie durch [[Schiitische Passionsspiele|viele Rituale]] symbolischer Trauer den Abfall der Anhänger Husains von dessen Seite beklagen und beweinen.<br />
<br />
== Vorgeschichte ==<br />
Nach der Tötung des dritten [[Kalifat|Kalifen]] [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman ibn Affan]] wurde [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali ibn Abi Taleb]], der Schwiegersohn des Propheten, 656 der vierte Kalif. Da er einige Privilegien für einige [[Sahāba|Gefährten von Mohammed]], welche die früheren Kalifen eingeführt hatten, wieder abschaffte und unter anderem [[Muʿāwiya I.|Muawiya]] als Gouverneur von [[Damaskus]] abgesetzt hatte, wurden innerislamische Kriege geführt ([[Erste Fitna]]). Die Prophetenwitwe [[Aischa bint Abi Bakr]] und ihre beiden Verwandten [[az-Zubair ibn al-ʿAuwām]] und Talha ibn ʿUbaid Allāh bestritten Alis Anspruch auf das Kalifat; Muawiya warf Ali vor, für die Ermordung Uthmans, mit dem Muawiya verwandt gewesen war, verantwortlich zu sein, und es kam zu militärischen Auseinandersetzungen. Nach einem Attentat auf Ali und dessen ein bis zwei Tage darauf eingetretenem Tod im Jahre 661 beanspruchte Muawiya das Kalifat und wollte es auf keinen Fall an Alis Sohn [[Al-Hasan ibn ʿAlī|Hasan ibn Ali]] abtreten. Muawiya brach mit seinen Truppen nach Mesopotamien auf, um Hasan anzugreifen. Hasan gab seinen Heerführern die Anweisung zum Aufmarsch, aber ihm schlossen sich nur wenige an, und die, die sich ihm anschlossen, hatten unterschiedliche Interessen. Gleichzeitig mobilisierte der [[Byzantinisches Reich|byzantinische]] Kaiser [[Konstans II.]] seine Truppen, weil er eine gute Gelegenheit sah, dem expandierenden Islam Einhalt zu gebieten. Hasan schloss daraufhin einen Friedensvertrag mit Muawiya, der seinerseits einen Tributfrieden mit dem Kaiser aushandelte. Muawiya bestach aber laut schiitischer Tradition etwas später Hasans Ehefrau, sodass sie ihren Ehemann vergiftet haben soll und Hasan im Jahre 670 starb. Hasans Bruder [[Al-Husain ibn ʿAlī|Husain ibn Ali]] wurde sein Nachfolger als dritter Imam der Schiiten. <br />
<br />
Im Jahr 680 starb Muawiya. Entgegen der Vereinbarung mit Hasan führte er eine Erbmonarchie ein, setzte vor seinem Tod seinen Sohn [[Yazid I.]] als Nachfolger ein und begründete damit die Dynastie der [[Umayyaden]].<ref>{{Literatur |Autor=Scheich al-Mufid |Titel=Kitab al-Irschad - Das Buch der Rechtleitung |Hrsg= |Sammelwerk= |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=M-haditec |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416029 |Seiten=248-256 |Originaltitel=كتاب الارشاد |Übersetzer=Özoguz, Fatima}}</ref><br />
<br />
Sobald Yazid Kalif geworden war, sandte er einen Brief an den damaligen Gouverneur von Medina, in dem er ihn aufforderte, einen Treueid von Husain einzufordern. Er soll dies gemacht haben, damit ihn niemand beschuldigen konnte, das Kalifat unrechtmäßig übernommen zu haben. Statt den Eid zu leisten, verließ Husain mit seinen Gefährten, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen, die Stadt in Richtung Mekka zur Pilgerfahrt, angeblich um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Er soll Yazid die Treue verweigert haben, weil dies die Billigung seiner Taten und seines Lebensstils bedeutet hätte und weil damit der Islam vernichtet worden wäre; stattdessen entschied sich Husain nach kurzem Zögern zur Revolte, um seinen eigenen Machtanspruch durchzusetzen. <br />
<br />
Die Menschen von [[Kufa]] hatten von den Geschehnissen gehört und sandten Briefe an Husain, die ihn nach Kufa einluden und ihm Treue versprachen. Husain brach mit seiner Karawane nach Kufa auf, schrieb einen Brief an die Bürger Kufas und sandte diesen seinen Vetter Muslim ibn Aqil als seinen Botschafter vorab. Muslim ibn Aqil reiste mit seinen beiden Söhnen, um seine friedliche Absichten zu unterstreichen, und wurde in Kufa mit großer Gastfreundschaft empfangen. Mehr als 18.000 Kufiten sollen vor Muslim ibn Aqil den Treueid auf Husain geschworen haben und Muslim ibn Aqil benachrichtigte Husain, dass die Mehrheit hinter ihm stehe und er nach Kufa kommen solle.<ref>{{Literatur |Autor=Rahim, Bashir. |Titel=Reise der Tränen |Hrsg=M-haditec |Auflage= |Verlag=Verlag |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416036 |Seiten=24-34}}</ref><br />
<br />
== Ablauf der Schlacht ==<br />
[[Datei:Iran Battle of Karbala 19th century.jpg|400px|miniatur|[[Tropenmuseum]] [[Amsterdam]], „Battle of Karbala“, Iranisches Gemälde, Öl auf Leinwand, 19.&nbsp;Jh.]]<br />
Im September 680 marschierte Husain (Hussein) selbst mit einem kleinen Heer von [[Mekka]] aus in Richtung Kufa, woraufhin auch Yazid in Damaskus mit einem Heer aufbrach. Husain wähnte sich dabei der Unterstützung der mesopotamischen Bevölkerung sicher; in Mekka hatten ihn Briefe und Boten aus Kufa erreicht, die ihm berichtet hatten, die Situation sei günstig und Tausende von Anhängern in Mesopotamien seien bereit, sich unter seiner Führung gegen die Umayyaden zu erheben. Daher verließ Husain Mekka, nur von seiner Familie und einer recht kleinen Schar Anhänger begleitet, und machte sich auf den Weg nach Mesopotamien. Als er dort eintraf, hatte sich die Situation allerdings gewandelt: Der umayyadische Statthalter [[Ubaid Allah Ibn Ziyad]] war in Kufa eingerückt und ließ die Anführer der Revolte, darunter Muslim ibn Aqeel, hinrichten. Der erhoffte Zustrom von Mitstreitern für das Heer Husains blieben daraufhin weitgehend aus.<br />
<br />
Zudem gelang es den umayyadischen Truppen, Husains Zug den Weg nach Kufa abzuschneiden, so dass Husaiin bei Kerbela festsaß. Verhandlungen über eine Kapitulation scheiterten, Husain und seine Leute waren durch die umayyadischen Truppen vom [[Euphrat]] abgeschnitten und litten tagelang schweren Durst. Einen Tag vor der Schlacht sagte Husain ibn Ali angeblich zu seinen übriggebliebenen Soldaten, es wäre besser, wenn sie um Mitternacht gehen würden; sie seien von ihrer Treue ihm gegenüber entbunden. Alle würden am nächsten Tag sterben, doch wenn sie heute gingen, dann würden sie noch weiter leben. Doch den Soldaten, so wird in der schiitischen Tradition berichtet, ging es nicht ums Überleben, sondern um die Treue und um den Glauben. Sie blieben daher angeblich schließlich alle bei ihm. (Dies widerspricht einer anderen Tradition, wonach Husain von den meisten seiner Soldaten verraten worden sei und mit nur 72 Getreuen kämpfen musste.) Vor Beginn der Schlacht – so die Berichte –, kam Hurr ibn Yazid, ein Anführer der umayyadischen Truppen, zu Husain und bat ihn um Verzeihung, dass er ihm den Weg abgeschnitten habe; Hussein verzieh ihm demnach.<br />
<br />
Am 10. [[Muharram]] 61 nach [[Islamischer Kalender|islamischem Kalender]] (10. Oktober 680 des [[Julianischer Kalender|Julianischen Kalenders]]) kam es zur Schlacht. In der Schlacht wurden alle Anhänger Husains getötet; die Frauen und Kinder wurden gefangen genommen und nach Damaskus gebracht. Die Toten wurden an Ort und Stelle begraben, wo heute die Schreine von Kerbela stehen. Husain stürzte sich laut schiitischer Lehre mit dem Koran in der einen und dem Schwert in der anderen Hand in eine aussichtslose Schlacht, in der er sowie alle seine Mitstreiter blutig niedergemetzelt wurden. Husains Kopf wurde, so wird berichtet, erst nach Kufa zum Kalifen gebracht, anschließend in der [[Umayyaden-Moschee]] in Damaskus bestattet. Einer anderen Überlieferung zufolge brachte man ihn später aus [[Askalon]] nach [[Kairo]] in Sicherheit.<br />
<br />
[[Abū Michnaf]] († 774), der aus Kufa stammte, war der erste, der die schiitischen mündlichen Überlieferungen über das Geschehen sammelte und aufzeichnete.<br />
<br />
== Bedeutung der Schlacht für Schiiten ==<br />
Den Hintergrund der Schlacht bildeten machtpolitische Konflikte um das Kalifat, die letztlich eine bis heute anhaltende Spaltung der [[Umma]] zur Folge hatten; aber aufgrund der nachfolgenden Verklärung der Geschehnisse hatten sie auch theologische Konsequenzen. Bis heute gilt die Schlacht den Schiiten als eines der zentralen Ereignisse in der frühen Geschichte des Islam. Die heroischen Taten und jeweils folgenden Märtyrertode jedes einzelnen Mitgliedes der kleinen Gruppe um Husain sind ebenso Gegenstand der Erzählungen über die Schlacht wie die dämonisierende Darstellung der Übermacht und Grausamkeit der Gegner und die Leiden der zu unschuldigen Opfern stilisierten Kinder und Frauen der Gruppe um Husain. Die in diesem Narrativ erinnerte Schlacht wird so nicht nur zum politisch-formativen Moment der schiitischen Glaubenslehre im Islam, sondern definiert einerseits den theologischen Ursprung des schiitischen Märtyrerethos und bietet den Gläubigen andererseits einen bis heute wirksamen Normenkatalog des Heroischen an: Der Märtyrergedanke war dem Islam zuvor fremd gewesen. Es kann daher in heutigen schiitischen Gemeinschaften vom „Kerbalaparadigma“ gesprochen werden, dem auch in der Gegenwart ein hohes politisches Potenzial zugestanden werden muss.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref><br />
[[Datei:Kerbela Hussein Moschee.jpg|miniatur|Der [[Imam-Husain-Schrein]] in [[Kerbela]], [[Irak]]]]<br />
<br />
Der aussichtslose Kampf Husains gegen einen übermächtigen Gegner hat weithin Einfluss auf die später entwickelte schiitische Ideologie genommen; Schiiten haben das Konzept des religiösen Märtyrers deutlich mehr als die Sunniten weiterentwickelt und verklärt. Aus dem Kampf Husains leiten sich heute außerdem zahlreiche [[Dschihad]]-Verständnisse schiitischer Milizen und radikaler Gruppen ab – das Martyrium, der billigen in Kauf genommene Tod im Namen der Religion im Kampf gegen einen übermächtigen Feind, wird vielerorts auch mit dem Kampf der Palästinenser/Libanesen gegen Israel oder des Iran gegen die USA gleichgesetzt. [[Ajatollah]] [[Ruhollah Chomeini|Chomeinis]] Anhänger jagten den iranischen Schah 1979 mit lautem „Yazid!“-Geschrei aus dem Land. Gleichzeitig entwickelte sich das Konzept des äußeren Dschihad zu einem politischen Begriff, der den Kampf auch gegen einen muslimischen, jedoch ungerechten Herrscher fordert. Die Internationalisierung dieser Definition, ihre Anwendung auf nicht-muslimische Feinde, wurde erst unter Denkern wie [[Abdallah Yusuf Azzam|Abdallah Azzam]] Ende des 20. Jahrhunderts vorangetrieben.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Reza Aslan: ''Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Mohammed bis zur Gegenwart.'' Übersetzt von Rita Seuß. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54487-8.<br />
* [[Lutz Berger]]: ''Die Entstehung des Islam.'' C. H. Beck, München 2016, S. 239ff.<br />
* William L. Cleveland: ''A History of the Modern Middle East''. Westview Press, Boulder 1999, ISBN 0-8133-3489-6.<br />
* Muhammad ibn Garîr Abû Gafar al-Tabarî: ''Les Omayyades.'' In: ''La chronique. Volume 2. Histoire des prophètes et des rois''. Übersetzt von Hermann Zotenberg. Arles 2001, ISBN 2-7427-3318-3.<br />
<br />
== Weblinks ==<br />
* {{Webarchiv | url=http://al-shia.com/html/ger/books/04.htm | wayback=20031105091150 | text=Imam Hussain ibn Ali und die Schlacht von Kerbala}}<br />
<br />
== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4206820-4}}<br />
<br />
[[Kategorie:Schlacht von Kerbela| ]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (Mittelalter)|Kerbela]]<br />
[[Kategorie:680]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (7. Jahrhundert)|Kerbela]]</div>Procopiushttps://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schlacht_von_Kerbela&diff=264550712Schlacht von Kerbela2026-02-22T11:13:24Z<p>Procopius: /* Bedeutung der Schlacht für Schiiten */</p>
<hr />
<div><br />
{{Infobox Militärischer Konflikt<br />
|KONFLIKT = Schlacht von Kerbela<br />
|TEILVON = Islamische Bürgerkriege ([[Fitna (Islam)|Fitna]])<br />
|BILD = Scène de la bataille de Karbalâ, par Mohammad Modabber, deuxième fondateur de l’école picturale ghahveh-khâneh.jpg<br />
|BILDBREITE = <br />
|BESCHREIBUNG = <br />
|DATUM = [[10. Oktober]] [[680]]<br />
|DATUMBIS = <br />
|ORT = [[Kerbela]]<br />
|CASUS = <br />
|GEBIETE = <br />
|AUSGANG = Entscheidender Sieg der Umayyaden<br />
|FOLGEN = <br />
|FRIEDENSSCHLUSS = <br />
|KONTRAHENT1 = [[Umayyaden]] ([[Yazid I.]])<br />
|KONTRAHENT2 = [[Aliden]] ([[al-Husain ibn ʿAlī]])<br />
|BEFEHLSHABER1 = Umar ibn Sa'ad<br />Ubayd-Allah ibn Ziyad<br />Schimr Ibn Thil-Dschawschan<br />[[Hurr ibn Yazid]] (kämpfte anschließend für Hussein ibn Ali)<br />
|BEFEHLSHABER2 = al-Husain ibn ʿAlī <br />[[al-Abbas ibn Ali]] <br />[[Habib ibn Muzahir]] <br />
[[Zuhayr ibn Qayn]]<ref>Vgl. [https://books.google.de/books?id=kQGlyZAy134C&pg=PA50&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false]</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE1 = deutliche Übermacht, vielleicht 4000<ref>Vgl. [https://www.britannica.com/event/Battle-of-Karbala Battle of Karbala] bei Encyclopædia Britannica</ref><br />
|TRUPPENSTÄRKE2 = angeblich 72<br />
|VERLUSTE1 = unbekannt<br />
|VERLUSTE2 = vernichtend geschlagen<br />
|NOTIZEN = <br />
}}<br />
In der '''Schlacht von Kerbela''', die am 10. Oktober 680 beim zentralirakischen [[Kerbela]] stattfand, wurde der Prophetenenkel [[al-Husain ibn ʿAlī|Husain (Hussein)]] getötet.<br />
Mit dieser Schlacht war die [[Schia|schiitische]] Hoffnung, ihren dritten [[Imam]] anstelle von [[Yazid I.]] als [[Kalif]]en, als Oberhaupt der [[Umma|islamischen Gemeinde]], einzusetzen, gescheitert. In der islamischen Geschichte nach der Schia steht die Schlacht von Kerbela symbolisch für den Kampf zwischen „Gut und Böse“ – „Unterdrückte gegen Unterdrücker“ – und gilt als einer der tragischsten Vorfälle für die Schiiten.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref> Da viele Anhänger Husains zum Zeitpunkt der Schlacht von ihm abfielen – aus Angst vor der Übermacht der Truppen Yazids –, wurden Husain und sein Heer vernichtend geschlagen. Von schiitischer Seite wird berichtet, dass das Truppenverhältnis in dieser Schlacht 10.000 zu 72 zu Ungunsten Husains gewesen sei.<br />
<br />
Schiiten und [[Aleviten]] gedenken dieser Schlacht während des alljährlichen [[Aschura]]-Tages (am 10.&nbsp;Tag des Monats [[Muharram]]), bei dem sie durch [[Schiitische Passionsspiele|viele Rituale]] symbolischer Trauer den Abfall der Anhänger Husains von dessen Seite beklagen und beweinen.<br />
<br />
== Vorgeschichte ==<br />
Nach der Tötung des dritten [[Kalifat|Kalifen]] [[ʿUthmān ibn ʿAffān|Uthman ibn Affan]] wurde [[ʿAlī ibn Abī Tālib|Ali ibn Abi Taleb]], der Schwiegersohn des Propheten, 656 der vierte Kalif. Da er einige Privilegien für einige [[Sahāba|Gefährten von Mohammed]], welche die früheren Kalifen eingeführt hatten, wieder abschaffte und unter anderem [[Muʿāwiya I.|Muawiya]] als Gouverneur von [[Damaskus]] abgesetzt hatte, wurden innerislamische Kriege geführt ([[Erste Fitna]]). Die Prophetenwitwe [[Aischa bint Abi Bakr]] und ihre beiden Verwandten [[az-Zubair ibn al-ʿAuwām]] und Talha ibn ʿUbaid Allāh bestritten Alis Anspruch auf das Kalifat; Muawiya warf Ali vor, für die Ermordung Uthmans, mit dem Muawiya verwandt gewesen war, verantwortlich zu sein, und es kam zu militärischen Auseinandersetzungen. Nach einem Attentat auf Ali und dessen ein bis zwei Tage darauf eingetretenem Tod im Jahre 661 beanspruchte Muawiya das Kalifat und wollte es auf keinen Fall an Alis Sohn [[Al-Hasan ibn ʿAlī|Hasan ibn Ali]] abtreten. Muawiya brach mit seinen Truppen nach Mesopotamien auf, um Hasan anzugreifen. Hasan gab seinen Heerführern die Anweisung zum Aufmarsch, aber ihm schlossen sich nur wenige an, und die, die sich ihm anschlossen, hatten unterschiedliche Interessen. Gleichzeitig mobilisierte der [[Byzantinisches Reich|byzantinische]] Kaiser [[Konstans II.]] seine Truppen, weil er eine gute Gelegenheit sah, dem expandierenden Islam Einhalt zu gebieten. Hasan schloss daraufhin einen Friedensvertrag mit Muawiya, der seinerseits einen Tributfrieden mit dem Kaiser aushandelte. Muawiya bestach aber laut schiitischer Tradition etwas später Hasans Ehefrau, sodass sie ihren Ehemann vergiftet haben soll und Hasan im Jahre 670 starb. Hasans Bruder [[Al-Husain ibn ʿAlī|Husain ibn Ali]] wurde sein Nachfolger als dritter Imam der Schiiten. <br />
<br />
Im Jahr 680 starb Muawiya. Entgegen der Vereinbarung mit Hasan führte er eine Erbmonarchie ein, setzte vor seinem Tod seinen Sohn [[Yazid I.]] als Nachfolger ein und begründete damit die Dynastie der [[Umayyaden]].<ref>{{Literatur |Autor=Scheich al-Mufid |Titel=Kitab al-Irschad - Das Buch der Rechtleitung |Hrsg= |Sammelwerk= |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=M-haditec |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416029 |Seiten=248-256 |Originaltitel=كتاب الارشاد |Übersetzer=Özoguz, Fatima}}</ref><br />
<br />
Sobald Yazid Kalif geworden war, sandte er einen Brief an den damaligen Gouverneur von Medina, in dem er ihn aufforderte, einen Treueid von Husain einzufordern. Er soll dies gemacht haben, damit ihn niemand beschuldigen konnte, das Kalifat unrechtmäßig übernommen zu haben. Statt den Eid zu leisten, verließ Husain mit seinen Gefährten, darunter Frauen, Kinder und ältere Menschen, die Stadt in Richtung Mekka zur Pilgerfahrt, angeblich um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Er soll Yazid die Treue verweigert haben, weil dies die Billigung seiner Taten und seines Lebensstils bedeutet hätte und weil damit der Islam vernichtet worden wäre; stattdessen entschied sich Husain nach kurzem Zögern zur Revolte, um seinen eigenen Machtanspruch durchzusetzen. <br />
<br />
Die Menschen von [[Kufa]] hatten von den Geschehnissen gehört und sandten Briefe an Husain, die ihn nach Kufa einluden und ihm Treue versprachen. Husain brach mit seiner Karawane nach Kufa auf, schrieb einen Brief an die Bürger Kufas und sandte diesen seinen Vetter Muslim ibn Aqil als seinen Botschafter vorab. Muslim ibn Aqil reiste mit seinen beiden Söhnen, um seine friedliche Absichten zu unterstreichen, und wurde in Kufa mit großer Gastfreundschaft empfangen. Mehr als 18.000 Kufiten sollen vor Muslim ibn Aqil den Treueid auf Husain geschworen haben und Muslim ibn Aqil benachrichtigte Husain, dass die Mehrheit hinter ihm stehe und er nach Kufa kommen solle.<ref>{{Literatur |Autor=Rahim, Bashir. |Titel=Reise der Tränen |Hrsg=M-haditec |Auflage= |Verlag=Verlag |Ort=Bremen |Datum=2006 |ISBN=9783939416036 |Seiten=24-34}}</ref><br />
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== Ablauf der Schlacht ==<br />
[[Datei:Iran Battle of Karbala 19th century.jpg|400px|miniatur|[[Tropenmuseum]] [[Amsterdam]], „Battle of Karbala“, Iranisches Gemälde, Öl auf Leinwand, 19.&nbsp;Jh.]]<br />
Im September 680 marschierte Husain (Hussein) selbst mit einem kleinen Heer von [[Mekka]] aus in Richtung Kufa, woraufhin auch Yazid in Damaskus mit einem Heer aufbrach. Husain wähnte sich dabei der Unterstützung der mesopotamischen Bevölkerung sicher; in Mekka hatten ihn Briefe und Boten aus Kufa erreicht, die ihm berichtet hatten, die Situation sei günstig und Tausende von Anhängern in Mesopotamien seien bereit, sich unter seiner Führung gegen die Umayyaden zu erheben. Daher verließ Husain Mekka, nur von seiner Familie und einer recht kleinen Schar Anhänger begleitet, und machte sich auf den Weg nach Mesopotamien. Als er dort eintraf, hatte sich die Situation allerdings gewandelt: Der umayyadische Statthalter [[Ubaid Allah Ibn Ziyad]] war in Kufa eingerückt und ließ die Anführer der Revolte, darunter Muslim ibn Aqeel, hinrichten. Der erhoffte Zustrom von Mitstreitern für das Heer Husains blieben daraufhin weitgehend aus.<br />
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Zudem gelang es den umayyadischen Truppen, Husains Zug den Weg nach Kufa abzuschneiden, so dass Husaiin bei Kerbela festsaß. Verhandlungen über eine Kapitulation scheiterten, Husain und seine Leute waren durch die umayyadischen Truppen vom [[Euphrat]] abgeschnitten und litten tagelang schweren Durst. Einen Tag vor der Schlacht sagte Husain ibn Ali angeblich zu seinen übriggebliebenen Soldaten, es wäre besser, wenn sie um Mitternacht gehen würden; sie seien von ihrer Treue ihm gegenüber entbunden. Alle würden am nächsten Tag sterben, doch wenn sie heute gingen, dann würden sie noch weiter leben. Doch den Soldaten, so wird in der schiitischen Tradition berichtet, ging es nicht ums Überleben, sondern um die Treue und um den Glauben. Sie blieben daher angeblich schließlich alle bei ihm. (Dies widerspricht einer anderen Tradition, wonach Husain von den meisten seiner Soldaten verraten worden sei und mit nur 72 Getreuen kämpfen musste.) Vor Beginn der Schlacht – so die Berichte –, kam Hurr ibn Yazid, ein Anführer der umayyadischen Truppen, zu Husain und bat ihn um Verzeihung, dass er ihm den Weg abgeschnitten habe; Hussein verzieh ihm demnach.<br />
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Am 10. [[Muharram]] 61 nach [[Islamischer Kalender|islamischem Kalender]] (10. Oktober 680 des [[Julianischer Kalender|Julianischen Kalenders]]) kam es zur Schlacht. In der Schlacht wurden alle Anhänger Husains getötet; die Frauen und Kinder wurden gefangen genommen und nach Damaskus gebracht. Die Toten wurden an Ort und Stelle begraben, wo heute die Schreine von Kerbela stehen. Husain stürzte sich laut schiitischer Lehre mit dem Koran in der einen und dem Schwert in der anderen Hand in eine aussichtslose Schlacht, in der er sowie alle seine Mitstreiter blutig niedergemetzelt wurden. Husains Kopf wurde, so wird berichtet, erst nach Kufa zum Kalifen gebracht, anschließend in der [[Umayyaden-Moschee]] in Damaskus bestattet. Einer anderen Überlieferung zufolge brachte man ihn später aus [[Askalon]] nach [[Kairo]] in Sicherheit.<br />
<br />
[[Abū Michnaf]] († 774), der aus Kufa stammte, war der erste, der die schiitischen mündlichen Überlieferungen über das Geschehen sammelte und aufzeichnete.<br />
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== Bedeutung der Schlacht für Schiiten ==<br />
Den Hintergrund der Schlacht bildeten machtpolitische Konflikte um das Kalifat, die letztlich eine bis heute anhaltende Spaltung der [[Umma]] zur Folge hatten; aber aufgrund der nachfolgenden Verklärung der Geschehnisse hatten sie auch theologische Konsequenzen. Bis heute gilt die Schlacht den Schiiten als eines der zentralen Ereignisse in der frühen Geschichte des Islam. Die heroischen Taten und jeweils folgenden Märtyrertode jedes einzelnen Mitgliedes der kleinen Gruppe um Husain sind ebenso Gegenstand der Erzählungen über die Schlacht wie die dämonisierende Darstellung der Übermacht und Grausamkeit der Gegner und die Leiden der zu unschuldigen Opfern stilisierten Kinder und Frauen der Gruppe um Husain. Die in diesem Narrativ erinnerte Schlacht wird so nicht nur zum politisch-formativen Moment der schiitischen Glaubenslehre im Islam, sondern definiert einerseits den theologischen Ursprung des schiitischen Märtyrerethos und bietet den Gläubigen andererseits einen bis heute wirksamen Normenkatalog des Heroischen an: Der Märtyrergedanke war dem Islam zuvor fremd gewesen. Es kann daher in heutigen schiitischen Gemeinschaften vom „Kerbalaparadigma“ gesprochen werden, dem auch in der Gegenwart ein hohes politisches Potenzial zugestanden werden muss.<ref>{{Literatur |Autor=Olmo Gölz |Titel=Kerbalaparadigma |Hrsg=Ronald Asch et al. |Sammelwerk=Compendium heroicum |Band= |Nummer= |Auflage= |Verlag=Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg |Ort=Freiburg |Datum=2018-04-26|ISBN= |DOI=10.6094/heroicum/kerbalaparadigma |Seiten= |Online=https://www.compendium-heroicum.de/lemma/kerbalaparadigma/}}</ref><br />
[[Datei:Kerbela Hussein Moschee.jpg|miniatur|Der [[Imam-Husain-Schrein]] in [[Kerbela]], [[Irak]]]]<br />
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Der aussichtslose Kampf Husains gegen einen übermächtigen Gegner hat weithin Einfluss auf die später entwickelte schiitische Ideologie genommen; Schiiten haben das Konzept des religiösen Märtyrers deutlich mehr als die Sunniten weiterentwickelt und verklärt. Aus dem Kampf Husains leiten sich heute außerdem zahlreiche [[Dschihad]]-Verständnisse schiitischer Milizen und radikaler Gruppen ab – das Martyrium, der billigen in Kauf genommene Tod im Namen der Religion im Kampf gegen einen übermächtigen Feind, wird vielerorts auch mit dem Kampf der Palästinenser/Libanesen gegen Israel oder des Iran gegen die USA gleichgesetzt. [[Ajatollah]] [[Ruhollah Chomeini|Chomeinis]] Anhänger jagten den iranischen Schah 1979 mit lautem „Yazid!“-Geschrei aus dem Land. Gleichzeitig entwickelte sich das Konzept des äußeren Dschihad zu einem politischen Begriff, der den Kampf auch gegen einen muslimischen, jedoch ungerechten Herrscher fordert. Die Internationalisierung dieser Definition, ihre Anwendung auf nicht-muslimische Feinde, wurde erst unter Denkern wie [[Abdallah Yusuf Azzam|Abdallah Azzam]] Ende des 20. Jahrhunderts vorangetrieben.<br />
<br />
== Literatur ==<br />
* Reza Aslan: ''Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Mohammed bis zur Gegenwart.'' Übersetzt von Rita Seuß. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54487-8.<br />
* William L. Cleveland: ''A History of the Modern Middle East''. Westview Press, Boulder 1999, ISBN 0-8133-3489-6.<br />
* Muhammad ibn Garîr Abû Gafar al-Tabarî: ''Les Omayyades.'' In: ''La chronique. Volume 2. Histoire des prophètes et des rois''. Übersetzt von Hermann Zotenberg. Arles 2001, ISBN 2-7427-3318-3.<br />
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== Weblinks ==<br />
* {{Webarchiv | url=http://al-shia.com/html/ger/books/04.htm | wayback=20031105091150 | text=Imam Hussain ibn Ali und die Schlacht von Kerbala}}<br />
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== Einzelnachweise ==<br />
<references /><br />
<br />
{{Normdaten|TYP=s|GND=4206820-4}}<br />
<br />
[[Kategorie:Schlacht von Kerbela| ]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (Mittelalter)|Kerbela]]<br />
[[Kategorie:680]]<br />
[[Kategorie:Schlacht (7. Jahrhundert)|Kerbela]]</div>Procopius